Theologie

Toleranz

Das Thema des diesjährigen Themenjahres – Toleranz – kann ja mit allem und nichts gefüllt werden. Vielleicht habe ich deshalb noch nichts dazu geschrieben, denn der Begriff geht mir schon ne Weile auf die Nerven. Nicht, weil ich gegen Toleranz wäre. Aber unter diesem Begriff wird derart viel subsummiert, auch Gegensätzliches, daß ich ihn so empfinde, als ob er eigentlich für gar nichts mehr steht.

Als ich noch die Schulbank drückte kam der Film Schindlers Liste in die Kinos. Und bei einem Wandertag ging so ziemlich die gesamte Schule in ein ortsnahes Kino, um den Film zu sehen. Es war die Zeit, als man überall lesen und hören konnte, daß man doch tolerant sein solle und nicht wie die Nazis – Solingen, Mölln, Hoyerswerda und Lichtenhagen waren noch nicht lange her – sich von Intoleranz treiben lassen. So weit so gut. Ein Mitschüler hatte nach dem Film eine Frage, und zwar eine grundsätzliche:

Wenn wir tolerant sein sollen, müßten wir dann nicht auch gegen Nazis tolerant sein und sie tun lassen?

An den genauen Wortlaut erinnere ich ich nicht mehr, aber so in der Richutng war das schon: Wenn tolerant, wieso „nur“ gegen Ausländer und nicht gegen Nazis? Leider hat der Lehrer es versäumt, eine anständige Antwort zu geben, er sagte lediglich, daß es nicht so wäre. Toleranz bedeute, gegen Nazis nicht tolerant zu sein. Wieso bei den Nazis gerade nicht, sagte er nicht.

Und das finde ich auch heute noch schade. Uns war zwar allen klar, daß das so schon richtig war, aber warum das so war, wußten wir nicht. Es war halt richtig, weil wir in der entsprechenden Zeit und dem entsprechenden Umfeld aufgewachen waren. In den 1930er Jahren hätten wir so keine Argumente gegen die Braunhemden gehabt. Andere Zeit, anderes Umfeld, und wir hätten nach dem Verständnis mitlaufen müssen…

Das Problem ist die Unterscheidung zwischen Toleranz und Relativismus. Ja, genau, Relativismus, dieses Schreckgespenst, das Papst em. Ratzinger immer heraufbeschwor – mit einem gewissen Recht, wie ich meine.

Auf dem Blog von Sofia Esteves hab ich jetzt nen Artikel zur Toleranz gesehen, dessen Titel mir nen neuen Gedaken gab. Toleranz ist nicht das Ziel, schreibt sie. Sie meint, Toleranz sei nur ein Zwischenziel zum wirklich Guten.

Ich würde es nochmal anders formulieren: Toleranz ist eine Methode, mit der wir zu unserem Ziel – mal dahingestellt, wie das genau aussieht – kommen. Und vielleicht, nein, wahrscheinlich, ist es nicht die einzige und nicht die letzte Methode.

Wenn ich sehe, wie andere gequält werden, verbrennen, dann kann ich nicht tolerant danebenstehen. Dann muß ich handeln. In erster Linie, indem ich den Angegriffenen helfe, in zweiter Linie, indem ich den Angriff unterbinde, indem ich den Angreifer sebst angreife.

Eine universelle Toleranz, eine absolute Toleranz, das wäre der Horror. Wenn man etwa Nazis tolerieren müßte, wenn sie Asylantenheime anzünden. Das müssen wir nicht und das dürfen wir rein rechtlich auch nicht (wenn jemand von Euch Jurist ist, berichtige er mich).

Freilich ist es eine Sache der Abwägung, wie weit man mit seiner Toleranz gehen kann, und wann man einschreitet. Manche Menschen haben keine Toleranz für Naziaufmärsche. Prinzipiell. Andere sagen, diese seien so lange durch die bürgerlichen Freiheiten gedeckt, wie die Nazis keine verfassungswidrigen Symbole zeigen oder volksverhetzenden Sprüche und Reden bringen. Also: So lange sie sich an gültiges Recht halten. Man mag das nicht schön finden (ästhetisch ist es jedenfalls nicht), aber man müsse es ertragen. Tolerieren. Ich würde dem zustimmen.

Allgemein denke ich, daß die Toleranz ihre Grenzen bei der Verantwortung findet. Das jeweilige Handeln, um das es geht, hat gewisse Folgen, ob es nun ein Aufmarsch oder ein Brandanschlag ist. Und insofern ich durch intolerantes Handeln etwas an den Folgen ändern kann, sollte ich es tun, wenn ich die Folgen nicht mehr verantworten kann. Grob gesagt.

Das hat dann auch je nach Umstand verschiedene Grenzen. Wenn die Folgen nur mich betreffen, kann ich womöglich viel mehr Schaden verantworten, ich bin ja ein selbstbestimmter Mensch, als wenn der Schaden anderen droht. So konnte Jesus, wir haben ja grad Ostern, an Karfreitag sogar Folter und Tod in Kauf nehmen, weil es In betraf, während Er vorher, wo es um andere ging, noch zur Geisel griff und die Händler aus dem Vorhof der Heiden jagte – die sogenannte Tempelreinigung.

Nun mag mancher sagen, er könne es nicht verantworten, daß Nazis marschieren. Allerdings muß derjenige dann auch die Meinung vertreten, daß er bei allen anderen Demonstrationen die Verantwortung für deren Folgen trägt und sie mitunter hätte verhindern müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich besonders viele Menschen diesen Schuh anziehen würden.

Trotzdem: Alle Probleme sind damit nicht gelöst. Womöglich schreibe ich irgendwann mal einen Artikel zum Thema Verantwortung. In der Lutherdekade gibt es da leider kein Themenjahr zu. Jedenfalls ist mir der Artikel auf dem alten Blog nicht grundsätzlich genug, er reißt das Thema leider nur an.

Gesellschaft, kirche

Von Werken und Gemeindewachstum

Peter hat eine Erfahrung im Zusammenhang mit der Betriebswirtschaft in einem Artikel gebracht:

Ein Dozent berichtete vor kurzem, er habe in einem Seminar mit BWL-Studenten gefragt, was der Zweck eines Unternehmens sei. 90% antworteten “Geld verdienen”. Er sei versucht gewesen, “setzen, Sechs.” zu antworten, habe dann aber etwas behutsamer erklärt, dass Gewinne zwar zum Überleben des Unternehmens wichtig seien, aber eben kein Selbstzweck.

Das erinnert mich ein wenig an meine erste BWL Vorlesung, damals 2001, bei einem gewissen Herrn Pampel, der durchaus verschiedene Ziele eines Unternehmens aufzählte, dann aber alles unter „Gewinn machen“ subsumierte, da man alle weiteren Ziele über Geld erreichen könnte.

Dies war der einzige Satz, der von dem Pflicht-BWL, das ich als Student der Softwaresystemtechnik belegen mußte, hängen blieb (ich wrde mit dem Fach nicht besonders warm und meine Noten waren unterirdisch. Später belegte ich in Mainz als Theologiestudent noch einmal „VWL für Nichtökonomen“, das vom Dozenten nach meiner subjektiven Meinungbesser aufgebaut war nd mir mit einer 2 auch ne erheblich bessere Note bescherte, Wirtschaft an sich find ich schon spannend, aber naja…).

Jedenfalls hab ich mich oft über diese Engführung der Unternehmensziele geärgert, weil eben Gewinnmaximierung einigen Zielen zuwiderlaufen kann, auch wenn man sie dann nachträglich per Geldinvestition verfolgt. Wenn man so am Ende zu einem gewissen Ausgleich zwischen Gewinn und eigentlichem Ziel kommt, kann man froh sein, in den seltensten Fällen kommt man dem eigentlichen Ziel so viel näher, nach meiner Überzegung.

Genug WiWi-Gebashe! Peter bezieht das Ganze dann auf die Kirche, und zwar nicht auf die Kosten- nd Spardebatten, die in den Landeskirchen allenthalben toben (das wäre nochmal ein eigenes Thema!), sondern auf die Wachstumszentrierung, die es so häufig gibt.

Er setzt dem Streben nach vielen Mitgliedern (oder geretteten Seelen) das „suchet der Stadt bestes“ entgegen. Ebenso wenig wie Gewinnmaximierung alleiniger Zweck des Unternehmens ist, ist Mitgliederwachstum alleiniger Zweck der Kirche:

In dem Moment, wo sich irgendeine Organisation als Selbstzweck definiert, verhält sie sich ihrer Umgebung gegenüber parasitär. Denn selbst der gesündeste Organismus wächst nicht grenzenlos vor sich hin. Und wenn Zellen im Körper nichts anderes mehr im Sinn haben, als möglichst schnell zu wachsen, dann ist das ein Tumor.

Ich meine, Zweck der Kirche ist es, zu Verkünden, sicher, und für diejenigen, die angesprochen werden, auch Gemeinschaft zu sein. Aber eine Gemeinschaft um der Gemeinschaft willen ist doch etwas kurz. Was soll man in der Gemeinschaft tun, außer mal so richtig gemeinschaftlich zu sein und noch mehr Gemeinschafter zu werben?

Ich meine, da kommt dann ganz schnell das Nächstenliebegebot zum Tragen. Wir sollen ja auch Salz der Erde sein. Das schlägt sich dann wohl in entsprechenden Taten (Werken) nieder. Diese sind vielleicht nicht nötig, um sich das Heil zu erwerben (als ob man als Mensch das selbst tn könnte!) und sich selbst zu retten, wohl aber werden gute Werke als Beleg des rechten Glaubens genannt (Glaube ohne Werke ist tot). Und ich meine, es ist durchaus zu kurz gegriffen, wenn man unter den Werken dann nur Evangelisierung versteht. Das hat dann auch ne recht schwache Außenwirkung. Wenn wir unseren Glauben bewerben, dann ist das nachvollziehbar, aber nur normal. Jeder wirbt für die eigene Gruppe, das eigene Produkt. Wenn sonst nichts (oder nicht viel) kommt, ist der Vorwurf bestimmter Atheisten schnell gemacht, daß es uns nur ums Geld ginge, das wir von Neumitgliedern abgreifen könnten.

Andersrum ist aber Handeln in Nächstenliebe ebenfalls gute Werbung und Provokation zum Nachfragen: Wieso tun die das? Damit hat man dann auch einen Anknüpfungspnkt zur Verkündigung. Vielleicht wächst man nicht so schnell, aber man hat einen Zweck, der außerhalb der Kirche selbst liegt. Das Salz ist nicht dazu da, salzig zu sein, sondern um andere Speisen zu würzen. Es hat keinen Selbstzweck.

Das Wachstum allerdings liegt nicht in unseren Händen. Die Bibel gibt uns auch nirgends den Auftrag, ne gewisse Wachstumsrate zu erfüllen, oder eine bestimmte Taufrate. Der Glaube, und damit der Wunsch zur Taufe und die Mitgliedschaft, kommen von Gott. Es liegt in Seiner Hand. In unserer Hand liegt es, zu sähen, also zu verkündigen und Liebe zu üben untereinander und zu allen. Vielleicht sollten wir, bevor wir uns um Gottes Job kümmern, unseren eigenen machen.