Gesellschaft

Offener Brief an Viktor Schwabenland

Lieber Viktor,

vor einigen Tagen las ich Deinen Artikel „Elektroschocktherapie gegen heterosexuelles Verhalten? Geht’s noch?“ und dachte darüber nach, diesen zu kommentieren. Leider müßte ich mich dazu auf Deinem Blog anmelden (ich will das gar nicht kritisieren, ich kenne den Streß mit den Spammern selbst ein wenig), allerdings lese ich zugegebener Maßen dort nicht so häufig, daß sich die Anmeldung lohnen würde. Wahrscheinlich würde ich immer wieder meine Logindaten vergessen. Also habe ich nicht kommentiert.

Nun ging mir die Sache aber eine Weile durch den Kopf und ich kam zu dem Schluß, daß ich auch nicht einfach schweigen kann. Aus diesem Grund greife ich auf meinen eigenen Blog zurück, um Dich zu erreichen. Wir sind beide Mitglieder in der Christlichen Blogger Community und ich hoffe, daß Dich diese Zeilen über diesen Weg irgendwie erreichen.

Ein Grund, wieso ich die CBC mag ist, daß dort viele Christen mit ganz verschiedenen Hintergründen versammelt sind und so die gegenseitige Abschottung, die es sonst gibt, ein wenig durchbrochen werden kann. Dabei setze ich voraus, daß wir alle an den Herrn Jesus glauben und danach streben, nach Seinem Willen unser Leben zu gestalten.

Ich hoffe, daß Du die folgenden Zeilen als Hinweis eines Bruders in Christo sehen kannst, und nicht als abwertende Kritik Deiner Person oder Deiner Frömmigkeitsausprägung.

Du schreibst:

Geht es der Europaregierung wirklich um mein und meiner Familie Wohl?
Wohl kaum würde ich meinen, wenn ich solche Nachrichten lese, dass z.B. ein Familienvater ins Gefängnis geworfen wird, weil er sein Kind nicht zum Sexualunterricht bringen wollte.

Daß es sowas wie eine „Europaregierung“ nicht gibt, will ich gar nicht kritisieren, Dir geht es ja nicht um den korrekten Begriff, sondern um das, was von Regierungsseite aus getan wird. Und das ist, daß ein Mann offenbar eingesperrt wurde, weil er seine Kinder nicht zur Schule geschickt hat. Der Grund dafür liegt, soweit entnehme ich es Deinen Äußerungen, daß der Vater nicht einverstanden war mit den Inhalten, die die Kinder vermittelt bekommen. Im vorliegenden Fall geht es um die Sexualkunde.

Zuerst möchte ich anmerken (nenn mich ruhig Haarspalter, aber als vor Gott für mein Tun – auch in politischen Dingen – verantwortlicher Christ ist es mir richtig, hier die Dinge korrekt trennen zu können, um bei der richtigen Wahl das Kreuz an der richtigen Stelle machen zu können), daß diese Thematik (Schule und Schulverweigerung) nicht in die Zuständigkeit von Europa fällt. Das ist noch nicht einmal Bundessache, sondern Sache jedes einzelnen Bundeslandes (man korrigiere mich, wenn ich hier einen Fehler mache, wie gesagt, das ist mir wichtig).

Du verlinkst zum Beleg zu einem Artikel der „Stimme Rußlands“. Nun ist in dem Artikel tatsächlich die Rede von einem Vater, der in Erzwingungshaft kam, weil er seinen neunjährigen Sohn nicht zum Sexualkundeunterricht schickte, allerdings nennt auch der Artikel der Stimme Rußlands weder Namen noch sonstige Quellen.

Ich möchte weder Dir noch der „Stimme Rußlands“ unterstellen, daß die Geschichte erfunden ist. Ich kann mir gut vorstellen, daß das vorkommt. Aber muß man es nacherzählen, wenn man nicht nachprüfen kann, ob es wirklich stimmt? Es gibt doch diese Maxime im Internet: „proof or didn’t happen“, also zu deutsch „Beweis, oder nicht passiert“, was darauf hinweist, daß es im Netz viele erfundene Geschichten gibt. Von daher ist es, um sich nicht manipulieren zu lassen, sinnvoll, nur das zu glauben, was eindeutig bewiesen ist.

Und schreibt nicht auch der Apostel Paulus: Prüfet alles, und das Gute behaltet?

Wie gesagt, ich unterstelle Dir nicht, daß es eine erfundene Geschichte ist, aber ich kann es nicht beweisen. Wenn ich also wirklich Deinen Artikel weiterleiten sollte, wie Du am Ende schreibst, würde ich mich selbst dem Vorwurf aussetzen, Unwahrheiten zu verbreiten. So geht es im Prinzip nicht nur mir, sondern allen, die Deinen Artikel weiterverbreiten. Ich möchte Dich also bitten, bei der nächsten Gelegenheit eie Quelle zu suchen, die mehr Auskunft gibt über den Vorgang, so daß man sich unabhängig im Internet zu dem Fall informieren kann. Wenn ein Name genannt wird, so kann man den in der Regel bei Suchmaschinen eingeben und findet mehrere Berichte zu der Sache, die auch immer wieder neue Aspekte ans Licht bringen. Überlege einmal, wie überzeugend Dein Artikel wäre, wenn selbst die größten Kritiker nichts finden könnten, was Deiner Darstellung widerspricht, und sie Dir wohl oder Übel Recht geben müßten!

Du schreibst weiter:

Ich will meine Kinder später auch zu keinem Sexualunterricht bringen, also muß ich mich wohl auch auf ein Gefängnis vorbereiten, oder? Und sowas wird Demokratie genannt? Pfuj! Alles Blabla! Es gibt in Deutschland keine Demokratie.

Im Zweifel ist das wohl so, ja. Du wirst, wenn auch Du Deine Kinder nicht zur Schule schickst und die Strafe nicht bezahlst, ins Gefängnis kommen. So sind unsere Gesetze hier. Und ja, das nennt sich Demokratie. Demokratie bedeutet, daß das Volk die Gesetzgebung maßgebend bestimmt. In Deutschland per Wahl alle 4 bis 5 Jahre, in anderen Ländern wie der Schweiz gibt es auch Volksabstimmungen. Solange Du keine Mehrheit findest, die die Schulpflicht abschaffen will, wirst Du in letzter Konsequenz mit Gefängnis rechnen müssen, wenn Du Deine Kinder nicht zur Schule schickst. Und dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Sexualkundeunterricht, den Sportunterricht, Mathematik, Musik oder Bildende Kunst handelt.

Und doch, in Deutschland gibt es eine Demokratie. Die Parlamente in Bund, Ländern und Kommunen werden demokratisch gewählt, und diese beschließen dann die Gesetze. Nächsten Sonntag hast Du die Chance, auch auf Europäischer Ebene Einfluß zu nehmen. Wenn es irgendwo keine oder keine vollständige Demokratie gibt, dann dort. Trotzdem sollten wir die Möglichkeiten nutzen, die wir haben. Aber ich schweife ab.

Du schreibst:

Ich bin wütend auf das, was ausgerechnet in Baden-Württemberg passiert, wo hingezogen bin, weil ich das Land schön finde. Ausgerechnet hier sollten heterosexuelle Kinder mit Elektroschocks gegen ihr heterosexuelles Verhalten therapiert werden!

Lieber Viktor, das stimmt doch nicht! Es ist nirgends die Rede davon, daß heterosexuelle Kinder tatsächlich „therapiert“ werden sollen mit Elektroschocks. Bitte ließ doch den Artikel, den Du verlinkt hast, bevor Dir das jemand abnimmt und dieses Mißverständnis weiter verbreitet.

Es geht doch dabei um etwas ganz anderes! Es geht darum, daß Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht mehr diskriminiert werden. Zur Zeit ist es doch so, daß viele Menschen in unserer Kultur die Heterosexualität für normal halten und die Homosexualität für unnormal. Das hat leider zur Folge, daß einige Menschen meinen, sie könnten Homosexuelle angreifen, sie für weniger Wert erachten und dergleichen mehr.

Wir beide wissen doch, daß Gott alle Menschen liebt, egal, was sie tun. Wir alle sind Sünder, wir alle sind auf Seine Gnade angewiesen. Und keiner kann „den ersten Stein werfen“, weil eben keiner ohne Sünde ist.

Diejenigen aber, die in unserer Kultur wohnen und keinen Glauben an Christus haben, scheren sich nicht um dieses Herrenwort. Sie werfen fröhlich mit Steinen (im wörtlichen und übertragenen Sinn), und verletzen damit die Homosexuellen, die doch auch Gottes Geschöpfe sind.

Der Plan der Lehrer in BaWü ist nun der, hier für ein Umdenken zu sorgen. Sie können das nicht über die Schrift tun, weil der Staat weltanschaulich neutral sein muß, also keine Religion bevorzugen kann. Also setzen sie an einem anderen Punkt an. Dem der Normalität.

Der Gedanke ist der: Wenn sich die Ansicht verbreitet, daß Homosexualität nicht unnormal ist, dann gibt es keinen Grund mehr, Homosexuelle zu diskriminieren. Ebenso wie heute kaum mehr jemand diskriminiert wird, weil er eine Brille trägt (in meiner Kindheit war „Brillenschlange“ noch eine gängige Beleidigung – da sind wir heute weiter). Es geht also nicht darum, die Homosexualität zur Normalität zu machen und die Heterosexualität für Anormal zu erklären, sondern darum, daß Homosexualität genauso normal ist wie Heterosexualität. Ole von Beust ist nun einmal homosexuell. Das ist normal. Westerwelle ebenso. Auch normal. Und so gibt es viele andere Menschen, die auch ganz normal homosexuell sind. Ebenso wie wir normal heterosexuell sind.

Aber nun zum Fragebogen mit den Elektroschocks. Ich vermute, Du hast es überlesen, aber die dort aufgeführten Fragen sind doch alles Fragen, die man für gewöhnlich Homosexuellen an den Kopf geworfen hat. Du hast Recht Dich über die Idee alleine aufzuregen, daß man Heterosexualität durch Elektroschocks therapieren könne. Die Elektroschocks haben lediglich ein Ergebnis. Sie tun weh. So können wir mit keinem Menschen umgehen, vor allem wir Christen, da wir doch angehalten sind, alle Menschen zu lieben. Aber ist es nicht ebenso, wenn Elektroschläge benutzt werden sollen, um Homosexuelle zu „therapieren“? Das geht doch genau so wenig. Das tut denen doch genau so weh! Darum geht es, denke ich, in den Fragebögen. Die Kinder sollen selbst merken, welche üblen Angriffe Homosexuelle in der Vergangenheit (und zum Teil noch heute) über sich ergehen lassen mußten, nur weil sie eben homosexuell waren oder sind.

Vielleicht fällt es Dir auf, wenn Du den Artikel noch einmal liest. Vielleicht änderst Du dann auch Deinen Artikel, damit nicht andere Menschen auf die Idee kommen, in BaWü würden tatsächlich Kinder mit Elektroschocks behandelt, um sie zu Homosexuellen zu machen. Denn das wäre, auch wenn Du das sicher nicht wolltest, eine Lüge. Und wir wissen beide, wer sich der Lüge bedient und wem damit gedient ist.

Weiter schreibst Du:

Als meine 3-jährige Tochter eine Frau mit Bart im Fernseher sah, war sie schockiert. Obwohl sie noch nicht viel versteht, etwas in ihr drin sagt, dass es nicht normal ist. Sie sieht, dass ihr Vater einen Bart hat und ihre Mutter nicht und für ist es normal so und nicht umgekehrt.

Hmm, als ich ein Kind war hatte auch mein Vater keinen Bart. Es gibt Kinder, die vor Menschen mti Bart Angst haben, weil sie es nicht kennen. Viele Menschen, nicht nur Kinder, haben Angst vor Dingen, die sie nicht kennen. Das ist auch ganz normal. Aber man muß es bei der Angst ja nicht belassen. Oftmals ist sie auch unbegründet. Zum Beispiel als ich vor Jahren einen Bart hatte, traf ich auf Bekannte mit ihrem Kind. Das Kind kannte keine Bärte und hatte Angst vor mir. Dabei hätte ich ihm nichts angetan. Manchmal halten uns Ängste auch ab, positive Erfahrungen zu machen.

Ich will Dir nicht erzählen, wie Du Diene Tochter erziehen sollst. Das geht mich letztendlich nichts an und Du wirst Dir diesbezüglich von mir auch nichts anhören (mit Recht!). Ich möchte Dich aber fragen, woher Du so genau weißt, daß es normal ist, daß die Männer Bärte tragen udn die Frauen nicht. Es gibt Frauen, die haben einen Damenbart. Es gibt Männer, die kaum Bartwuchs haben. Bei manchen Völkern ist der Bartwuchs auch bei den Männern sehr spärlich, wenn überhaupt vorhanden. Die Frage ist doch: Weißt Du aus der Bibel oder von Gott direkt, was normal ist und was nicht, oder weißt Du es aufgrund der Kultur, in der Du lebst? Ich vermute, es bezieht sich auf die Kultur, und die wird zu einem Großteil vom Zeitgeist geprägt.

Daher meine Bitte: Überprüfe, was Du als Gegeben voraussetzt, ob es wirklich von Gott gegeben ist, oder ob es einen anderen Ursprung hat. Und vergib mir bitte, Dich auf die Möglichkeit eines Splitters in Deinem Auge hinzuweisen. Ich bin mir dessen bewußt, daß es bei mir Balken zur Genüge gibt, aber auch ich bin darauf angewiesen, daß man mich drauf hinweist, bevor ich sie rausziehen kann.

Im weiteren schreibst Du noch einmal, daß Du nicht willst, daß Deine Kinder zu Schwulen udn Lesben erzogen werden. Wie ich schon sagte, ich sehe nicht, daß das irgendwer wollen würde. Ich halte es wie gesagt für ein Mißverständnis. Nebenbei: Niemand kann Deine Kinder zu Schwulen oder Lesben erziehen. Sie sind, was sie sind. Wenn sie schwul sind, sind sie schwul, wenn lesbisch, dann lesbisch, wenn hetero, dann hetero. Weder Du und noch viel weniger irgendwelche Lobbies können das ändern. Das hat Gott von vorn herein festgelegt, wie Er alles schon von Anfang der Zeit her bestimmt hat.

Ich wünsche Dir Seinen reichen Segen und danke Dir, daß Du Dir die Mühe gemacht hast, meinen Brief ganz zu lesen.

De Benny

Glaube

Entkehrung

Da lese ich mich so durch die Blogs, die ich abonniert habe, und bleibe beim „Der Sieger Blog“ hängen. Da geht es um „Entkehrung“. „Entkehrung“ meint hier das Gegenteil von Bekehrung, also sozusagen der Abfall vom Glauben. Dazu hat er auch ein Interview verlinkt, das wie ich meine unbedingt lesenswert ist.

Darin berichtet Tobias Faix von seinen Untersuchungen auf dem Gebiet der Entkehrungen, zu dem er auch ein Buch geschrieben hat (näheres dazu im Interview). Faix benennt bestimmte Gemeindestrukturen als möglichen Grund für Entkehrungen:

Wir haben festgestellt, dass es in Gemeinden Strukturen gibt, die Dekonversionen fördern.

Weiter führt er aus:

Man muss gemeinsam überlegen und darüber reden: Wie verstehen wir einzelne Aussagen der Bibel? Warum verstehe ich sie so? Was ist unverständlich? Es ist wichtig, dass es dafür Kommunikationsräume gibt. Wir sollten die Angst davor ablegen, dass der ganze Glaube einer Person zusammenfällt, wenn sie einen bestimmten Aspekt nicht glaubt. So etwas macht es schwierig, auch Zweifel zuzulassen und auszusprechen.

Beim „Sieger Blog“ schwebt dem Autor Viktor eine bestimmte Lösungsrichtung vor: Die Alten in den Gemeinden sollen sich nicht über die Formen beschweren, die den Jungen eher zusagen:

ich habe auch beobachtet wie die jungen Leute, wenn sie heranwachsen, die Gemeinde verlassen und vollkommen andere Wege einschlagen. Die ältere Geschwister sagen dann: “Wir beten dafür, dass Gott sie zurück holt.” Aber sie tun meistens nichts dafür. Im Gegenteil, sie meckern wenn die Musik im Gottesdienst zu laut ist oder das Programm nicht stimmt… Die Liste könnte man fortsetzen.

Außerdem spricht er davon, daß Mentoren benötigt werden

die sie ermutigen, mutig ihren Glauben im Alltag auszuleben und sich mehr mit dem Wort Gottes zu beschäftigen […] und ihnen nicht ihre Ideologie, Theologie oder ähnliche …logien aufzwingen.

Ich denke nicht, daß ein Programm in einer Gemeinde dazu führen, kann, den Glauben ganz aufzugeben. Man ärgert sich vielleicht über den Gottesdienst, über die Form, die einem nicht entspricht, aber das ist ein Konflikt mit Menschen, nicht mit Gott. Daher kann er meiner Meinung nach vielleicht zur Trennung von Menschen führen, man geht vielleicht in eine andere Gemeinde, die einem mehr entspricht, aber deshalb trennt man sich nicht von Gott. Und ein Gemeindewechsel ist keine Entkehrung, es sei denn, man hängt dem Glauben an, daß nur die eigene Gemeinde die Wahrheit erkannt hat.

Das ist übrigens auch ein interessanter Punkt bei dem Interview: Es wird nie gesagt, was genau mit Entkehrung gemeint ist. Was ist mit den Entkehrten? Sind sie jetzt Atheisten? Sind sie Agnostiker? Suchen sie eine neue Gemeinde?

Irgendwie bekomme ich vom Interview und noch mehr bei Viktor den Eindruck, daß es hier nicht um Menschen gibt, die zu einem eigenen festen Glauben an Gott gekommen sind, sondern um Menschen, die vielleicht Gott suchten, in eine Gemeinde kamen, die vielleicht ein oder zwei interessante Dinge über diesen Gott zu sagen hatte, aber deren Gott dann am Ende doch enttäuscht hat. Es ist immer gefährlich, solche Behauptungen aufzustellen, letztlich weiß ich es nicht und kein Mensch kann in eines anderen Menschen Herz sehen. Trotzdem möchte ich auf diese Möglichkeit hinweisen, denn es scheint mir viel dafür zu sprechen.

Wie gesagt wundert es mich, dass vor allem äußerliche Gründe genannt werden: Bei Viktor die Formen des Gottesdienstes und bei Faix, schon etwas tiefer gehend, die Akzeptanz eigener, abweichender Glaubensüberzeugungen. Aber auch bei Faix frage ich mich: Was, wenn eine Gemeinde mit den abweichenden Meinungen ein Problem hat und Druck ausübt. Gibt man deshalb den Glauben auf, oder ist es nicht auch eine Möglichkeit, eine Gemeinde zu suchen, die dem eigenen Glauben eher entspricht? Ist es nicht so, daß nur wenn man die Frömmigkeit der Gemeinde für die einzig gültige hält ein Bruch mit der Gemeinde auch ein Bruch mit Gott bedeutet? Ansonsten verläßt man die Gemeinde und bleibt Gott treu.

Und das wäre, falls ich richtig liege, auch ein Kritikpunkt in solchen Gemeinden: Da wird vielleicht nicht nur Gott verkündet, sondern die eigene Kultur, der eigene Zeitgeist. Und da hat Viktor dann auch Recht, wenn er nach Mentoren verlangt, die nicht die eigenen Ideologien verbreiten.

In den letzten Tagen kam ich über einen Artikel bei Lana Hope zu nem Artikel bei Laura Parker, in dem es um Mission und Kinder geht. Beide schreiben auf Englisch, also sind die Artikel womöglich nicht für alle lesbar. Es geht grob darum, wie Missionare in Südostasien (wo beide als Missionarinnen arbeiteten bzw. arbeiten) Essen und Schulunterricht als Gegenleistung für Predigthören etc anbieten. Vor allem die Kommentare bei Laura, wo ich ein wenig mitdiskutiert habe, brachten mir ein wenig mehr Einsicht.

Es war da zum Beispiel die Rede von Jugendprogrammen (diesmal in Amerika), die kurzfristige Erfolge brachten, aber auf lange Sicht kaum jemanden zum Glauben bringen konnten. Vor längerem, ich glaube auch bei Lana, laß ich von Gemeinden, wieder in Südostasien, die sprühten vor Aktivität, jede Menge neuer Gläubiger und alles, bis die Missionare gingen. Dann waren die Kirchen verlassen und die Gemeinden hörten auf, zu existieren.

Während der Diskussion bei Laura ging es mir erst darum zu sagen, daß man das Evangelium nicht verkaufen kann, also Brot für Evangelium hören wird kaum Gläubige machen. Dann kam auf einmal die Frage auf, ab wann man den Kindern denn von Jesus erzählen kann, die nach Brot fragen. Und in mir wuchs die Sicherheit, daß das der falsche Ansatz ist. Die Kinder werden von Jesus erfahren. Man kann ihnen auf Fragen antworten, aber eben keine vorgefertigten Vorlesungen zu Kreuz und Auferstehung, sondern eine einfache Antwort auf eine einfache Frage. Und in der Zwischenzeit, bis alle Fragen gestellt sind, hält man sich an das Liebesgebot: Die Hungrigen ernähren, die Nackten kleiden, solche Dinge.

Ansonsten wird man wahrscheinlich eher Konformität erzeugen, als echten, tiefgehenden Glauben. Die Menschen, egal ob Kinder in Südostasien oder Erwachsene hier, werden vielleicht so lange nach den Regeln der Gruppe handeln, wie sie davon Vorteile für sich erhoffen. Aber eben nicht, weil sie es als Wahrheit erkannt haben. Und sobald die Vorteile weg sind, werden sie auch aufhören mit der Konformität.

Konformität ist aber kein Glaube, sie ist oberflächlich, sieht wie Glaube aus. Vielleicht spricht man dann von „Entkehrung“, wenn ein Mensch der Gemeinde den Rücken kehrt. Weil er in dem Fall tatsächlich auch Gott den Rücken kehrt, jedenfalls dem Gott, der in der Gemeinde vermittelt wurde: Der, der Konformität.

Das bedeutet auch nicht, daß die in der Gemeinde tätigen Geschwister keinen echten Glauben hätten oder nicht ganz bei der Sache wären. Sie sind vielleicht zu sehr bei der Sache und vergessen, daß sie keinen Glauben erzeugen können, denn Glaube ist eine Gnade Gottes, die nur Gott gibt.

Was sie aber tun können, was wir alle tun können in den Gemeinden, ist Liebe üben. Nicht, um damit irgendwelche Taufzahlen zu erreichen, sondern weil die Liebe der Wahrheit entspricht, die Gott uns offenbart hat. Das geht dann in Richtung der Mentoren, die Viktor fordert, und es geht in Richtung des mündigen Glaubens, den Faix anmahnt. Und es macht ernst mit der Erkenntnis, daß alles in Gottes Hand liegt und wir keinen Menschen zum Glauben bringen können, sondern nur das, was unser Herr uns aufgetragen hat: Zu lieben. Die Geschwister, den Nächsten und auch den Feind.

Schwule Pfarrer???

Schwule Pfarrer zum Letzten

Dies ist der letzte Teil der Reihe „Schwule Pfarrer“ (1. Teil, 2. Teil, 3. Teil, 4. Teil).

Alles wesentliche ist bereits gesagt, hier soll es sich um eine Zusammenfassung der Ergebnisse handeln. Dazu noch ein kleiner Ausblick, was all das nun eigentlich bedeutet.

Der Artikel, der zu dieser Reihe geführt hat, „argumentierte“ grob so, daß Pfarrer besondere Verantwortung haben, daß Gott sexuelle Sünden besonders hasse, daß (praktizierte) Homosexualität eine solche Sünde ist und daß deshalb (praktizierende) Homosexuelle niemals Pfarrer werden dürften, weil sie der Verantwortung nicht gerecht werden würden und so das Evangelium verfälschten.

Die Verantwortung der Pfarrer

Im zweiten Artikel der Reihe sahen wir, daß Pfarrr tatsächlich eine besondere Verantwortung haben in der Ausübung ihres Amtes. Ihre Verantwortung liegt darin, daß sie Gottes Willen nicht verfälschen dürfen. Also keine billige Gnade, um mit Bonhoeffers Worten zu sprechen. Damit ist gemeint, daß sie nicht sagen dürfen, daß es kein Problem sei, wenn jemand etwas Schlechtes tut. Etwas Schechtes muß etwas Schechtes bleiben. Der Täter ist von Gott angenommen, nicht die Tat, und dadurch hat der Täter auch die moralische Verpflichtung sich anzustrengen, die Tat nicht zu wiederholen. Er muß ein Einsehen in die Schlechtheit der Tat haben.

Würde ein Pfarrer Schlechtes tun, also etwas, das Gottes Willen widerspricht, und würde er daran festhalten, daß dies nicht schlecht wäre, dann wäre er ein schlechtes Vorbild und würde seiner Verantwortung nicht gerecht.

Das bedeutet aber nicht, daß man von einem Pfarrer erwarten soll, daß dieser nie etwas Falsches täte. Dann müßten die Kanzeln leer bleiben. Jeder Mensch macht Fehler, auch ein Pfarrer ist davor nicht gefeit. Wichtig ist hier, wie er mit seinen Fehlern umgeht, ob er sie so wie Wulff dann einräumt, wenn nix anderes mehr geht, oder ob er sie wie Käßmann eingesteht, Buße tut und die Konsequenzen zieht.

Nicht die Konsequenzen zu ziehen, bzw. den Fehler kleinzureden oder zu relativieren, das schadet dem Amt, und der Verkündigung des Evangeliums. Denn es begründet eine Doppelmoral, in der der Pfarrer für sich Dinge rausnimmt, die für andere nicht gelten.

Sexuelle Sünden

Im dritten Teil sahen ir, daß es so etwas wie sexuelle Sünden eigentlich gar nicht gibt. Jedenfalls spielen sie keine große Rolle. Was eine Rolle spielt, eine große Rolle sogar, ist der Götzendienst, also die Verehrung eines anderen Gottes, eines anderen Ideals, als Gott selbst. Solche Götzendienste werden dann häufig mit sexuellen Vokabeln umschrieben.

Das schlimme am Götzendienst ist immer, daß man damit nicht Gott folgt, sondern menschengemachten Größen, seien es Holzbilder, die mit Gold überzogen sind, oder Ideologien wie der Kommunismus. Der Mensch hängt sich dabei immer an seine eigene Macht, vertraut auf das Selbstgemachte, und nicht auf Gott.

Beispielsweise, wenn er, also der Mensch, dem Zeitgeist anhängt. Dann ist alles gut, was zu dieser Zeit bzw. in dieser Kultur als gut gilt. Die Kultur ist geprägt vom Menschen, der sich seine Gedanken dazu machte. So ist in den USA etwa die Todesstrafe gut, in Europa wird sie als schlecht angesehen. Gleiches könnte man mit zig Beispielen durchspielen. Was in einer Kultur gut ist, muß in einer anderen Kultur nicht auch gut sein. Der Zeitgeist, die Kultur, funktioniert nur schlecht als dauerhafter Maßstab. Und daß es schlecht ist, anderen nach unserer Kultur beibiegen zu wollen, was gut ist und was nicht, wissen wir spätestens, seit wir den Kolonialismus kritisch reflektiert haben.

Das darf man nun nicht falsch verstehen. Es ist nicht schlecht, eine Kultur zu haben. Jeder Mensch hat eine Kultur und lebt in mindestens einer Kultur. Aber es ist kritisch zu sehen, wenn man unreflektiert an einer Kultur festhält und sie quasi als das Evangelium ausgibt. Das Evangelium ist keine Kultur, auch wenn es Kulturen seit 2 Jahrtausenden positiv beeinflußt. Und keine Kultur setzt das Evangelium perfekt um, denn jede Kultur ist menschengemacht und somit zeitlich, also fehleranfällig. An der Kultur, dem Zeitgeist festzuhalten ist somit nichts anderes, als an Menschlichem festzuhalten, als Götzendienst zu treiben.

Und ein solcher Zeitgeist ist die Sache mit der Beziehung der Sünde auf die Sexualität: die Leibfeindlichkeit. Die Bibe ist nicht so leibfeindlich, wie es viele Christen heute sind. Die Bibel macht sich keine Gedanken darüber, ob auch jeder brav nur Sex zur Fortpflanzung hat, ob auch jeder die Lust zu meinden sucht. Die Bibel vergötzt die Lust auch nicht, aber sie sieht sie als zum normalen Leben gehörig an. Sie ist nicht per se schlecht. Sex ist nicht per se schlecht. Zärtlichkeit ist nicht per se schlecht. Wie diese Gedanken ins Christentum gekommen sind – ich würde mal vorschtig vermuten, die Gnosis hat damit etas zu tun – kann ich nicht sagen. Ich bin mir aber recht sicher, daß es mit dem Evangelium von Jesus Christus nichts zu tun hat, wer mit wem ins Bett geht. Denn das Evangelium sagt, daß Gott den Sünder annimmt. Durchaus nicht die Sünde, aber den Sünder. Und es verlangt vom Sünder die Nächsten-, Feindes- und Gottesliebe. Jesus sagt, die Nächsten- und die Gottesliebe sei das ganze Gesetz und die Propheten. Demnach müßte sich alles daraus ableiten. Ich kann verstehen, wie sich das Götzendienstverbot darauf ableitet. Ich kann verstehen, wie sich der Ehebruch daraus ableitet, wie Diebstahl- und Mordverbot. Wie aber das Vorbot einer bestimmten Art der Sexualität, dei auf Augenhöhe geschieht, daraus abgeleitet werden sollte, erschließt sich mir nicht. Und keiner der Anti-Schwulen-Christen, die ich bisher traf, konnte diesen Zusammenhang herstellen.

Diese ganze Ablehnung bestimmter Arten gleichberechtigter Beziehungen sehe ich daher ganz in der Nähe des Götzendienstes. Hier wird versucht, eine Ordnung aufrecht zu erhalten, die doch selbst vom Menschen gemacht ist, die Kultur ist, und eben nicht identisch it dem Evangelium, und die deshal vor dem Evangelium zurückweicen müßte, wenn sie eine christliche Kultur wäre.

Homosexuelle Praktiken

Wir sahen im vierten Teil, daß es nur zwei Bibelstellen gibt, die für die Beurteilug der Homosexualität in Frage kommen, und daß es sich im einen Fall um eine rhetorische Figur handelt (in der es im Hintergrund wohl auch nicht um gleichberechtigte homosexuelle Beziehungen handelt) und im anderen Fall um eine ganz dunkle Formulierung, die so heute icht mehr entschlüsselt werden kann, und die nicht zwingend gegen homosexuelle Praktiken gerichtet sein muß. Sie gilt außerdem für Israel, das ins Land Kanaan einzieht, und nach dem Apostelkonzil dezidiert nicht für Heidenchristen wie uns.

Ob praktizierte Homosexualität ein Problem für Gott ist, muß also stark angezweifelt werden. Jedenfalls stärker, als das Verbot, Schweinefleisch zu essen oder milchige und fleischige Speisen zu mischen.

Vielmehr sieht alles danach aus, daß eine in Liebe geführte homosexuelle Beziehung, die von gegenseitiger Liebe und Verantwortung getragen ist, genauso wenig ein Problem ist, wie eine gleiche heterosexuelle Beziehung.

Schluß

Es gibt also keinen Grund, schwul Pfarrer für ungeeignet zu halten. Ungeeignet sind selbstherrliche Pfarrer, ohne Liebe, ohne Demut, ohne Reue. Pfarrer die alles schon wissen und daher auf Gott verzichten können, weil Er ihnen eh nix Neues mehr sagen kann. Ungeeignet sind Götzendiener-Pfarrer, die sich auf menschlichen Zeitgeist stützen und an ihm stärker festhalten als am Evangelium, denen das es-war-schon-immer-so wichtiger ist als der Mensch, dem sie eigentlich Nächsteniebe erweisen sollten.

Wenn es einen schwulen Pfarrer gibt, auf den all das zutrifft, dann stimme ich dem zu, daß er nicht geeignet ist für das Pfarramt. Aber das liegt dann nicht an seiner sexuellen Orientierung.

Sollte es aber wirklich so sein, daß ich die Bibel falsch interpretiere, und daß schwule Pfarrer wirklich ein Problem sind, dann ist das Problem eigentlich viel größer. Denn dann stelen die Kirchen aktuell Pfarrer ein, die ungeeignet sind. Dann ist die Auswahl der Bewerber vielleicht prinzipiell ungeeignet. Dann gibt es womöglich auch zig andere Pfarrer, die als Heterosexuelle ungeeignet sind. Die Kritiker sollten sich also nicht so ehr auf die Schwulen unter den Ungeeigneten einschießen, sondern analysieren und herausarbeiten, wie man geeignete Pfarrer ermitteln kann. Und dabei sollte nicht auf die Sexualität geachtet werden, denn der richtige Galube ist von der Sexualität unabhängig. Jedenfalls wird das ständig behauptet, wenn gesagt wird, daß ein nicht praktizierender Homosexueller kein Problem wäre.

glaube, kirche, Schwule Pfarrer???

Manchmal platzt mir der Arsch!

Entschuldigung für die Ausdrucksweise, aber es beschreibt den Vorgang nun mal ziemlich gut in seiner Stärke. Schon seit längerem kommentiere ich ja auf einem Blog für Atheistische Selbstvergewisserung mit und störe die Vergewisserung ein wenig, wo sie unbegründet ist. Jedenfalls hoffe ich das. Dabei geht es nicht ohne Aufreger ab. Beiderseits. Und immer wieder der Vorwurf, was „die Kirche“ nicht so alles täte.

Gerne immer wieder genommenes Beispiel (neben anderen): Die Stellung zur Homosexualität bzw. der Umgang mit Homosexuellen. Nun müßte ich schon ziemlich weltfremd sein, wenn ich behaupten würde, daß „die Kirche“ hier gar kein Problem hätte. Selbst wenn man die römische Kirche bei Seite läßt – ich bin kein Römer, deshalb misch ich mich da ungern ein – auch bei uns Protestanten gibt es da antischwule Tendenzen, und zwar nicht nur in den Freikirchen!

Ich hatte dazu ja schonmal was geschrieben. Macht nix, ist ja alles auch schon ne Weile her. Heute nun stieß ich auf einen Blog, der dem Thema „schwule Pfarrer“ ne eigene Seite gewidmet hat, die über das Menu zu erreichen ist.

Beim überfliegen des restlichen Blogs hatte ich den Eindruck, der Blogbetreiber mag in mancherlei Hinsicht eine andere Ansicht als ich haben, sein Glaube scheint ihm aber so ernst zu sein wie mir, und so kann sich vielleicht ein Austausch unter Geschwistern entwickeln, der nicht zu dem Arschplatzen führt wie im Gespräch mit einigen Atheisten.

Der Artikel ist sehr lang, und deshalb werde ich versuchen, Stück für Stück die Argumente entlang zu gehen und meine Meinung dazu schreiben, ohne groß auf die Bewertungen einzugehen, die da sonst noch stehen. Das wird mehrere Beiträge in Anspruch nehmen, da der Text sonst viel zu lange wird. Hier nun das erste Argument und die Auseinandersetzung mit den Grundlagen:

Für die christliche Kirche kann niemals entscheidend sein, was Staat oder Gesellschaft zu einem Thema sagen, sondern nur was die Hl. Schrift dazu sagt.

Dieser Punkt ist richtig. Oder nicht richtig, je nachdem, wie man ihn versteht. Was der Staat zu einem Thema sagt kann für die Kirche kein Kriterium sein. Wäre dies der Fall, so könnte der Staat die Kirche ersetzen. Der Staat wäre Verkündiger der Wahrheit, so wie man das etwa in den Ostblockstaaten erlebt hat.

Gleiches gilt für die Gesellschaft. Die Gesellschaft hat sowieso nie mit einer Stimme gesprochen, und am lautesten sind häufig die falschesten Stimmen, die leider auch am einfachsten formulierte Lösungen bieten, was viele Menschen dann unreflektiert wiederholen. Auch die Gesellschaft kann nicht Kriterium für die Kirche sein, sie ist fehlbar wie der Staat.

Wie ist es nun mit der Bibel? Kann sie ein Kriterium sein? „Ja“, höre ich es schon allenthalben rufen und möchte fast einstimmen: „Ja, denn die Bibel enthält Gottes Wort, an dem wir uns als Christen und als Kirche ausrichten sollen.“ Doch der Ruf bleibt mir im Halse stecken. Mit der Bibel wurden Kriege, Sklaverei, Kolonialismus, kurz, Unterdrückung in allerlei Gestalt gerechtfertigt.

Bevor ich also lauthals in den Ruf einstimme, muß ich mir überlegen: Wieso hat das geklappt? Wieso konnte die Bibel für Derartiges mißbraucht werden? Und ich muß mir in Erinnerung rufen: Auch ich bin ein Sünder und grundsätzlich ohne weiteres in der Lage, auch ohne es zu wollen, die Bibel falsch zu interpretieren und somit zu mißbrauchen, was dann unweigerlich Folgen haben wird, so wie auch die früheren Mißbräuche Folgen hatten.

Ich muß also fragen:

  1. Was war die Ursache für die Mißbräuche damals?
  2. Wie hätte damals ein Mißbrauch des Textes verhindert werden können?
  3. Wie wende ich diese Erkenntnis auf die heutige Situation an, um nicht den Fehler von damals zu wiederholen?

Fragt man nach den Ursachen für den damaligen Mißbrauch, so sind wohl zwei Dinge zu nennen:

  1. Ein von Bibel und Glauben unabhängiges Interesse am Mißbrauch.
  2. Das Herausreißen von Bibelversen aus dem Kontext, ohne das Ganze der Bibel zu betrachten.

Für die Verhinderung folgt dann, daß man sich zuerst seines Interesses gewahr geworden wäre. Wenn ich an der Sklaverei Geld verdiene, wenn ich auf Sklaven angewiesen bin, oder wenn ich auch nur aus welchen Gründen auch immer, Menschen anderer Hautfarbe als minderwertig ansehe, dann beeinflußt dies mein Bibellesen.

Wir können uns nun heute hinstellen und sagen: Jaha, wir sind ja aber modern, wir hängen ja nicht mehr solchen altmodischen Ansichten an. Und schon beruft man sich auf die Gesellschaft, die ja anfangs als Kriterium ausgeschlossen wurde.

Ich meine dagegen vielmehr: Solche Interessen, wie oben genannt, kommen von der Sünde, von der Trennung von Gott. Da wir alle ohne Unterschied Sünder sind, wäre es Hybris zu behaupten, wir könnten heute nichts mehr falsch machen. Die Gefahr, daß der Zeitgeist sich in unsere Bibelauslegung einschleicht, besteht also weiterhin. Zumindest für den Fall, daß wir keine unfehlbaren Nichtsünder sind. Wären wir perfekt, könnten wir solche unbewußten Eigeninteressen beim Auslegen der Bibel ausschließen.

Was kann uns dabei helfen? Nun, es würde schon helfen, wenn wir nicht einzelne Bibelverse betrachteten, sondern auch anderslautende Verse zu Rate zögen, und die bereits vorliegenden Verse im Kontext betrachteten. So hätten wir ein stärkeres Korrektiv aus der Bibel selbst.

Dabei müssen wir beachten, daß die Bibel geschrieben wurde zu einer Zeit, die der unsrigen nicht sehr ähnlich ist. Ach damals gab es einen Zeitgeist, und auch damals mußten die Leute damit umgehen. Es gibt nun die verschiedensten Vorstellungen, wer denn Autor der Bibel wäre: Gott höchstselbst, Autoren, die alles von Gott in die Hand diktiert bekamen, Autoren, die durch Gott wie auch immer inspiriert waren oder ganz einfache Menschen, deren Texte warum auch immer überliefert wurden.

Da wir die Frage stellen, an wen sich die Kirche halten muß, können wir für die Bibel zumindest ausgehen, daß sie irgend etwas mit dem Gott der Kirche zu tun hat, daß sie eine Autorität ist, wieso auch immer.

Was wir weiterhin annehmen müssen, ist, daß sie auch zu alten Zeiten verstanden wurde. Die Bibel wäre überflüssig gewesen, wenn ihr Text zwar vor 2000 Jahren und früher entstanden wäre, sie aber den Menschen damals nichts zu sagen gehabt hätte, sondern nur uns modernen Menschen heute.

Die Aussagen müssen also in der damaligen Kultur schon verständlich gewesen sein. Wollen wir also eine gewisse Sicherheit gewinnen beim Auslegen der Bibel, so kann es nicht verkehrt sein, zu sehen, wie der Text wohl in seiner Entstehungszeit gewirkt hat. Demjenigen, der Gott für den Autor hält, kann dies nicht zuwider sein, denn er geht von einem ewig gültigen Wort aus, das auch damals galt. Dem liberaleren Christen kann es Recht sein, weil dies die Methode der historischen Kritik ist, die er auch an der theologischen Fakultät lernt.

Wir haben uns also unterhalten über die eigenen Interessen, die einem nicht zwingend bewußt sein müssen, wir sprachen über die Beachtung der Verse im Kontext sowie die Berücksichtigung der ganzen Bibel, und wir sprachen darüber, die Texte möglichst im Verständnis der Entstehungszeit zu begreifen.

Hierbei kann es zu Auseinandersetzungen kommen, wann genau ein Text geschrieben wurde, also was genau der Kontext ist. Auf diese Fragen ist dann im Einzelnen einzugehen.

Wenn wir nun all dies bedacht haben, haben wir dann den Willen Gottes erfahren? Oder bedarf es noch eines Schrittes? Wenn wir nun herausgearbeitet haben, daß ein bestimmter Vers in einer bestimmten Situation so und so verstanden wurde, wissen wir dann, was wir heute zu tun haben? Oder wenn wir mehrere Verse haben, die in unterschiedliche Richtungen weisen?

Wir können es nicht sicher wissen, deshalb bedürfen wir weiterhin des Gebets, der Gemeinschaft der Kirche und des Austauschs untereinander, und des Hörens auf unser Gewissen.

Der Geist mag wehen, wo ER will, das ändert nichts daran, daß Er uns verheißen ist. Darauf will ich vertrauen. Und wer jetzt fragt: Wieso all das vorherige Bedenken, überprüfen und Bibel exegetisieren?  – dem sei mit Paulus (1. Thess 5, 21) gesagt:

 Prüft aber alles und das Gute behaltet.

Freilich kann man auch so beten und von Gott den Weg gewiesen kriegen. Dann brächte man aber nicht einmal die Bibel. Diese ganzen Überprüfungen dienen vor allem dem: Nicht die eigenen unbewußten Interessen (und damit den Zeitgeist) in die Auslegung der Bibel hineinbringen.

EKD, glaube, kirche, Religion

Antwort an die Altbischöfe

Gestern haben die Altbischöfe Eduard Berger, Heinrich Hermanns, Jürgen Johannesdotter, Dr. Werner Leich, Dr. Gerhard Maier, Dr. Gerhard Müller, Dr. Theo Sorg und Dr. Ulrich Wilckens einen Offenen Brief an die Mitglieder der EKD Synode geschrieben mit der Bitte, die Begründung von §39 Pfarrdienstgesetz nicht mit dem Gesetzestext zu beschließen. Leider habe ich nirgends im Internet den Wortlaut der umstrittenen Begründung gefunden (danke evangelisch.de :(), jedoch ist es für mich auch nicht weiter wichtig.

Es geht im Großen und Ganzen, soviel geht as den zitierten Fragmenten und Erläuterungen hervor, um die Haltung der Kirche zu homosexuellen Partnerschaften bei Pfarrern. Mich interessiert hier mehr die theologisch-biblische Argumentation als die verwaltungstechnisch-juristische Umsetzung, denn ich studiere nicht Jura, sondern Theologie, deshalb möchte ich vor allem auf die theologische Argumentation der Bischöfe eingehen.

Ich habe mich in einem anderen Kontext (auch ein offener Brief, damals von Pfarrern an den Präses von Westfalen) schon einmal mit der Thematik befaßt, einige Argumente dürften relemäßigen Lesern (hab ich die überhaupt?) nicht fremd sein.

Die Altbischöfe steigen mit großen Worten in die Begründung ein:

Denn es geht dabei im Grunde um nichts Geringeres als um die Frage, ob evangelische Kirchen darauf bestehen, dass die Heilige Schrift die alleinige Grundlage für den Glauben und das Leben ihrer Mitglieder und für den Dienst und die Lebensführung ihrer ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer bleibt, oder ob eine Landeskirche nach der anderen eine Angleichung an die in der Gesellschaft üblich gewordenen Lebensformen für so wichtig halten, dass sie dafür die Orientierung an der Heiligen Schrift aufgeben bzw. aufweichen.

Dabei wird unterstellt, die Heilige Schrift würde eine Lebensführng in homosexeller Partnerschaft ablehnen oder verbieten und die Zulassung von homosexuellen Partnerschaften im Pfarrhaus sei somit allein aufgrund einer bibelwidrigen Anpassung an den Zeitgeist erstrebt. Wichtig ist es mir an diesem Punkt festzuhalten, daß die evangelische Kirche kein bischöfliches Lehramt kennt, was also bedeutet, daß man der Vorannahme der Altbischöfe nicht blind folgen darf, sondern sie überprüfen muß, denn das Lehramt tragen wir alle.

Die Unterzeichner des Briefs führen drei Bibelstellen als zentral an:

Röm 1, 26f:

Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.

1. Kor 6, 9f:

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

1. Tim 1, 10:

den Unzüchtigen, den Knabenschändern, den Menschenhändlern, den Lügnern, den Meineidigen und wenn noch etwas anderes der heilsamen Lehre zuwider ist,

Auf all diese Stellen bin ich im damaligen Artikel schon eingegangen. Interessant hier, daß keine Rede von den zwei Levitikusstellen die Rede ist, vielleicht sind die Bischöfe selbst zu sehr zeitgeistgesteuert, um sich hinter die dort geforderte Todesstrafe zu stellen? Denn bei ihren Verständnis der entsprechenden Stellen würde es dabei sicherlich auch um Homosexualität drehen, und dann wären sie durch die Bibel gebunden.

Die Altbischöfe nennen im Zusammenhang ihrer Begründung auch 1. Mose 1, 27f:

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Daraus leiten sie, wie ich sie verstehe ab, daß die natürliche Lebensweise die Lebensweise des Verkehrs von Mann und Frau ist. Provokativ könnte man fragen: Sind alleinstehende Menschen dann unnatürlich? Wie paßt das mit den Äußerungen des Paulus zusammen, daß es am besten wäre, alle wären wie er, nämlich ledig (1. Kor 7, 7)? Darin spricht Paulus davon, daß zwar nicht alle die Gabe haben, ledig zu bleiben, aber es doch gut wäre. Ist die von den Altbischöfen genannte natürliche Lebensweise vielleicht doch nicht so natürlich? Oder ist die Natürlichkeit vielleicht gar kein Kriterium? In Epheser 2,3 (kein authentischer Paulusbrief, aber immer noch Heilige Schift) ist die Rede davon, daß Menschen von Natur aus Kinder des Zorns waren. Und diese Menschen wurden gerettet, wohl gegen die Natur. Wieso also sollte die Natur ein Argument sein bei der Homosexualität?

Die Altbischöfe behaupten nun, daß zweierlei nicht möglich ist:

  1. Die Behauptung, es gehe nicht m verantwortungsvolle Homosexalität sondern Verkehr mit Lustknaben im Tempel.
  2. Die Behauptung, es handle sich um zeitgebundene Verbote wie das Predigtverbot für Frauen (1. Kor 14, 34f).

Die zweite Behauptung sei ausgeschlossen dadurch, daß nach 1. Tim 10 und 1. Kor 6 die Homosexellen vom Himmelreich ausgeschlossen wären, was anhand der Überprüfung des ersten Punktes noch gegenzuchecken ist. Doch bevor ich dazu komme muß ich noch einmal meiner Verwunderng Asdruck verleihen.

Hatten die Altbischöfe nicht weiter oben im Brief ihre Sorge ausgedrückt, die biblischen Normen werden verlassen zu Gunsten einer unbiblischen Anpassng an die moderne Gesellschaft? Wie können sie dann das Verbot der Frauenpredigt, wenn sie es denn so auffassen (ich kann nur ein Gebot darin erkennen, bei der Predigt nicht dazwischenzuquatschen) als zeitlich gebunden verstehen, das aufgrund der Nichtnennung bei 1. Kor 6 und 1. Tim 10 nicht gar so verbindlich ist? Sind die Altbischöfe gegen predigende Frauen? Dann sollen sie bekennen, was sie als Wahrheit erachten. Sind sie der Meinung, es handle sich um eine zeitgebundene Regulierung, dann bitte ich darum mir zu erklären, wie sie mit ihrem Bibelverständnis und der Hermenetik, die sie bei der Frage der Homosexualität an den Tag legen dazu kommen!

Nun zum ersten Punkt, der, wenn er fällt Punkt 2 gleich mitnimmt: Laut den Bischöfen schließt der Text in Röm 1 aus, daß bei 1. Kor 6 und 1. Tim 10 Tempelprostitution gemeint sei. Wenn ich mir die Texte ansehe, dann ist bei Röm 1 von Männern und Frauen die Rede, bei den anderen Stellen aber nur von Männern, nämlich Knabenschändern und Lustknaben. Es ist sehr fraglich, ob hier das gleiche gemeint sein kann wenn anderes geschrieben wird.

Alleine die Wortwahl läßt darauf schließen, daß es sich bei 1. Kor und 1. Tim um Abhängigkeitsbeziehungen handelt, in denen der Sex eine Rolle spielt. Knabenschänder sperren wir hete noch mit gutem Grund ein. Und auch bei Kindern und Jugendlichen, die sich prostituieren, verstehen wir dies nicht als Ausdruck ihrer sexuellen Selbstbestimmung, sondern als durch irgendwelche finanziellen oder sonstigen Zwänge begründet, die es abzstellen gilt, damit die Kinder Kinder sein können. Partnerschaftliche Homosexualität auf Augenhöhe unterscheidet sich davon in der Art, wie sich bezahlter Sex mit kleinen Mädchen von einer heterosexellen Partnerschaft auf Augenhöhe unterscheidet. Es fällt mir schwer nachzvollziehen, warum die Bischöfe das nicht sehen.

Zu Röm 1 sei noch einmal auf meinen anderen Artikel verwiesen. Damals schien es mir so, als seien dort eigentlich heterosexuelle Menschen gemeint. Eine andere Erklärung könnte sein, was man aus Therapien öfter hört: Ein Umfeld macht krank und führt dazu, daß einzelne Menschen krank werden, die für das Umfeld nicht verantwortlich sind. Ein Chemieunternehmen verpestet die Luft und die Anwohner, die nix dazu können, bekommen Asthma. Die Menschen verheren die Geschöpfe statt des Schöpfers und darafhin werden einige homosexuell, nicht aus Schuld, sondern als Symptom für die Sünde in der Welt. Die Auslebung der Homosexualität ist – so verstanden – auch keine Sünde.

Festzuhalten bleibt, daß Paulus an keiner Stelle dezidiert sagt: Homosexuelle Handlngen bringen einen in die Hölle. nd auch sonst in der Bibel steht das nicht.

In diesem Sinne kann ich die luthersche Warnung nur an die Altbischöfe zurückgeben: Das Wort sie sollen lassen stahn!

Zu guter Letzt möchte ich auch hervorheben, wo ich mit den Bischöfen übereinstimme: Die freie Gesellschaft muß nicht nur die Ansicht der Befürworter zulassen, sondern auch die der Gegner, beides möglichst ohne viel Polemik (ich hab versucht mich zurückzuhalten in meinem Artikel). Ich stimme den Altbischöfen zu, daß ein Ausschluß von der Ordination nicht bedeutet, man spreche die Menschenwürde ab. Viele Nichtchristen oder auch Angehörige anderer christlicher Konfessionen können nicht ordiniert werden in der evangelischen Kirche, ohne daß dies ihre Menschenwürde antastete.

Und dann hat der Brief noch eien Nachsatz, der so völlig aus allem rausfällt:

Im übrigen sollten Sie auch ernst nehmen, dass mit der Annahme dieses Pfarrdienstgesetzes im Sinne der „Begründung“ jeder Fortschritt zu ökumenischer Gemeinschaft mit der katholischen und den orthodoxen Kirchen sowie auch mit einigen lutherischen Kirchen in der Welt blockiert sein würde.

Ich unterstütze die Ökumene aus vollem Herzen, doch kann ein schwererer Stand in den Gesprächen kein Grund sein die eigene Ordnng zu ändern. Grund kann nur der Wille Gottes sein, den Er in der Heiligen Schrift und durch den Heiligen Geist offenbart.

Daher wundere ich mich über die Maßen, daß Bischöfe der lutherischen Kirche(n) überhaupt den Gedanken fassen können, der Konsens mit Rom und den orthodoxen Kirchen seien ein Argument für oder gegen eine Entscheidung, zmal sie sich in dem Brief schon so sehr auf die Bibel berufen haben. Man bedenke, wenn Luther den Konsens mit Rom über die Bibel gestellt hätte!