Gesellschaft

Max Begley

Beim Herrn Alipius hab ich’s zuerst gelesen. Dann hab ich im Netz geguckt und gesehen, es hat schon ziemlich die Runde gemacht im Netz. Aber eins nach dem anderen, erst einmal die Quellen:

Der Brief:

Die Abschrift (Abschreibfehler bitte melden ;)):

To the Lady living at this address:

I also live in this neighborhood and have a problem!!!! You have a kid that is
mentally handicapped and you consciously decided that it would be a good idea to
live in a close proximity neighborhood like this???? You selfishly put your kid
outside everyday and let him be a nothing but a nuisance and a problem to
everyone else with that noise polluting whaling he constantly makes!!! That noise
he makes when he is outside is DREADFUL!!!!!!!!!!! It scares the hell out of my
normal children!!!!!!! When you feel your idiot kid needs fresh air, take him to our
park you dope!!! We have a natural trail!! Let him run around those places and
make noise!!!!!! Crying babies, music and even barking dogs are normal sounds in
a residential neighborhood!!!!! He is NOT!!!!!!!!!!!

He is a hindrance to everyone and will always be that way!!!!! Who the hell is
going to care for him?????? No employer will hire him, no normal girl is going to
marry/love him and you are not going to live forever!! Personally, they should take
whatever non retarded body parts he possesses and donate it to science. What the
hell else good is he to anyone!!! You had a retarded kid, deal with
it…properly!!!!! What right do you have to do this to hard working people!!!!!!! I
HATE people like you who believe, just because you have a special needs kid, you
are entitled to special treatment!!! GOD!!!!!!

Do everyone in your community huge a favor and MOVE!!!! VAMOSE!!!
SCRAM!!!! Move away and get out of this neighborhood setting!!! Go live
in a trailer in the woods or something with your wild animal kid!!! Nobody wants
you living here and they don’t have the guts to tell you!!!!!

Do the right thing and move or euthanize him!!! Either way, we are ALL better
off!!!

Sincerely,
One pissed off mother!!!!!

Meine Übersetzung (ich bin kein Übersetzer, falls Ihr Fehler findet, sagt bitte Bescheid):

An die Dame, die hier wohnt:

Ich wohne ebenfalls in dieser Nachbarschaft und habe ein Problem!!!! Sie haben ein geistig behindertes Kind und sie haben haben wissentlich beschlossen in einer Nachbarschaft mit einer großen Nähe wie dieser zu wohnen? Sie bringen Ihr Kind in selbstsüchtiger Weise jeden Tag nach draußen und machen ihn zum Ärgernis udn Problem für alle anderen mit dieser Lärmverschmutzung von Walgeräuschen, die er ständig macht!!! Dieser Lärm den er macht, wenn er draußen ist, ist SCHAUDERHAFT!!!!!!!!! Es erschreckt meine normalen Kinder zu Tode!!!!!! Wenn Sie meinen Ihr Idiotenkind braucht frische Luft, bringen Sie ihn in den Park, Sie Trottel!!!Wir haben einen Naturwanderweg!! Lassen Sie ihn an diesen Orten rumrennen und Lärm machen!!!!!!! Schreiende Babies, Musik und sogar bellende Hunde sind normale Geräusche in einer Wohngegend. Er ist es NICHT!!!!!!!!!

Er ist ein Nachteil für alle und er wird es immer sein!!!!! Wer zur Hölle wird für ihn sorgen?????? Kein Arbeitgeber wird ihn je einstellen, kein normales Mädchen wird ihn jemals heiraten/lieben und Sie werden nicht ewig leben!! Meiner Meinung nach sollte man die nicht zurückgebliebenen Körperteile die er hat nehmen und sie der Wissenschaft spenden. Zu was zur Hölle sonst ist er gut für irgendwen!!! Sie bekamn ein zurückgebliebenes Kind, gehen Sie damit um… angemessen!!!!! Welches Recht haben Sie, dies hart arbeitenden Menschen anzutun? I HASSE Leute wie sie die denken, nur weil sie ein Kind mit besonderen Bedürfnissen haben, hätten sie ein Recht auf eine spezielle Behandlung!!! GOTT!!!!!

Tun Sie allen in Ihrer Gemeinschaft einen großen Gefallen und ZIEHEN SIE UM!!!! Vamos (falsch geschrieben)!!!! HAUEN SIE AB!!!! Ziehen Sie weg und verlassen Sie diese Nachbarschaft!!! Gehen Sie und leben Sie in einem Wohnwagen in den Wäldern oder so mit ihrem wildes-Tier-Kind!!! Niemand will Sie hier wohnen haben und sie haben nicht den Mumm es Ihnen zu sagen!!!!!

Tun Sie das richtige und ziehen Sie um oder schläfern Sie ihn ein!!! So oder so sind wir alle besser dran!!!

Mit freundlichen Grüßen,
Eine stinksauere Mutter

Bei der Recherche kam ich irgendwann auf eine Seite mit dem Titel „Hoax Slayer“ und hatte schon die Hoffnung, es handle sich dabei lediglich um einen Hoax, also einen der geschmacklosen Witze, die sonst auch im Netz kursieren. Dem ist offenkundig nicht so:

Sadly, the letter is all too real. It was delivered anonymously to the grandmother of a young teenager with severe autism. The family lives in Ontario, Canada. Police are investigating.

Traurigerweise ist der Brief echt. Er wurde anonym an die Großmutter eines jungen Teenagers mit schwerem Autismus zugestellt. Die Familie lebt in Ontario, Canada. Die Polizei ermittelt.

Im gleichen Artiekl erfährt man auch den Namen der Stadt: Newcastle. Außerdem gibt es zwei Links zu zwei Artikeln, einer bei der Daily Mail und der andere bei Citynews.

Bei City News erfahren wir den Namen der Mutter: Karla Begley, und daß der fragliche Junge 13 Jahre alt ist und Max heißt. Im Sommer war der Junge morgens bei seiner Goßmutter, die den Brief erhielt. Außerdem ist in den Artikel ein Video eingebettet, das sich hier aber nciht abspielen läßt.

Bei der Daily Mail erfährt man darüber hinaus noch, daß die Großmutter Brenda Millson heißt und der Vater Jim. Außerdem gibt es ein paar Bilder von dem Jungen und auch den Nachbarn, die kamen um ihn und seine Familie zu unterstützen.

Der Herr Alipius fragt am Ende seines Artikels:

Was ist eigentlich mit uns los? Wo kommen solche Briefe nur her?

Ich hätte eine Antwort: Gar nix, wahrscheinlich ist das Verhalten dieser „Mutter“ (wer sagt, daß der Verfasser nicht ein kinderloser Mann ist?) sogar normal in dem Sinne, daß es dem Menschen im Grundzustand irgendwo entspricht. Ja, ich teile das positive Menschenbild der Gegenwart nicht, für mich ist der Mensch ein Sünder, und wir erschrecken hier nur, weil es uns einmal ungeschminkt entgegentritt.

Vom Reflexionsgrad des Briefes her vermute ich mal, daß der Verfasser nicht sonderlich intellektuell ist. Oder wieso sonst wird die „Mutter“ (eigentlich ist es ja die Großmutter) von Max „selbstsüchtig“ genannt, während der Grund für den Brief doch nicht anders als selbstsüchtig beschrieben werden kann: Dein Kind nervt, stell das ab, bring es um oder bring es weg, mir egal, aber mach, daß es mich nicht mehr stört.

Wenn also hier relativ wenig reflektiert wird (wobei ich von der Rechtschreibung begeistert bin, ich hab aus Amerika deutlich schlimmeres gesehen, aber das waren dann die USA – spräche dann für das kanadische Bildungssystem – der Brief ist zwar furchtbar, enthält aber wenigstens keine Rechtschreibfehler), dann vermute ich, daß die hier dargebrachten Ansichten recht nahe am Normlazustand liegen: Wenn er aus der Anonymität heraus frei sprechen kann, nimmt der Mensch sich wenig zurück und zeigt, zu welchem Egoismus und zu welcher Gefühlskälte er fähig ist.

Ich habe dabei noch ganz andere Gedanken. Der Autor des Briefes spricht von Euthanasie. In den bioethischen Debatten der letzten Jahre kam es immer wieder dazu, daß Befürworter von Abtreibung, PID, Sterbehilfe etc davon sprachen, Dammbrüche seien nicht zu befürchten, niemand sei der Meinung, daß „behinderte“ Menschen etwa weniger Recht auf Leben haben. Dieser Brief zeigt, daß es mindestens eine Person gibt, die tatsächlich so denkt. Und ich befürchte, es sind weit mehr. Wer „behindert“ ist, der stört. Der kostet Geld, der ist für alle ein Nachteil, ohne Chance auf einen Job, eine Beziehung, und immer abhängig von hart arbeitenden Menschen. Da schläfert man ihn doch besser ein, wenn er nicht irgendwo in die Wälder verschwindet.

Wir sind in den letzten Jahren weit gekommen, was die Anerkennung der „behinderten“ Menschen als Menschen angeht. Ob und inwieweit das mit der christlichen Religion zu tun hat,will ich hier nicht erörtern (was nicht heißt, daß ich hier keinen christlichen Einfluß vermute). Aber ich habe den Eindruck, daß es in letzter Zeit auch immer mehr Stimmen gibt, die Menschenleben relativieren wollen, indem sie seine Grenzen enger fassen oder das Menschsein von Bewußtsein, Intellekt oder sonstigem abhängig machen, oder vom Leid der Betroffenen sprechen. Dabei wird ein Normalzustand definiert, der idealerweise nicht verfehlt werden soll. Der Mensch wird normiert, und das Menschsein des „Ausschusses“ relativiert.

Und dann denke ich wieder an den Artikel vom Feindbild, und wie die Gemeinschaft uns hilft, die Dinge anders zu sehen und uns zu korrigieren. Und dann denke ich an Inklusion. Wenn die (angeblichen) Kinder des Autors oder der Autor selbst mehr mit „behinderten“ Menschen in Kontakt käme, würden die Laute, die Max von sich gibt, ihnen vielleicht auch nicht mehr so schauderhaft und störend vorkommen. Auf den Bildern macht er einen recht freundlichen Eindruck. Sicher ist der Umgang schwer, und auch das Umlernen. Aber wer sagt denn, daß das Leben leicht sei?

Ich habe mehrfach davon gehört, wie die „normalen“ Kinder davon profitieren, daß sie mit „behinderten“ Menschen zusammen unterrichtet werden. Und umgekehrt ist die Chance auf eine „normale“ Schulbildung für „behinderte“ Kinder mitsamt der Chance, nen „richtigen“ Beruf zu lernen und dann selbst hart zu arbeiten, weil sie eben doch einen Job fanden, sicher auch nicht zu verkennen.

Ich würde mir wünschen, daß wir mehr gegen unseren Normalzustand ankämpften, das Sündersein, und uns mehr an der Nächstenliebe orientierten und miteinander lebten, statt gegeneinander.

Und dann frag ich mich, was den Autor im Inneren bewogen hat, den Brief zu schreiben. Ich weiß es nicht. Ich wie ich so darüber nachdenke, erscheint es mir fraglich, ob mein Urteil über ihn, das ich beim ersten Lesen fällte, so berechtigt ist. Nur das Urteil über den Brief, das bleibt bestehen. Aber ein Brief ist kein Mensch.

Gesellschaft

Beschneidung

Ich habe ja schon ne Weile nichts mehr geschrieben. Das liegt zum einen daran, daß ich umgezogen bin und in dem Zusammenhang einiges zu tun hatte, das liegt zum anderen auch daran, daß ich die Zeit zum Examen im nächsten Jahrdurch nen Vollzeit-Job überbrücke und einfach die Zeit fürs Bloggen nicht aufbringe. Außerdem ist Arbeit am Band ganz schön gewöhnungsbedürftig wenn man sonst körperliche Arbeit nicht gewöhnt ist – ich verstehe inwischen die Popularität der BILD. Oft bin ich so fertig, daß ich viel höherwertiges auch nicht mehr lesen will…

Jetzt hab ich das Wochenende genutzt, um mal meine Blogabos durchzusehen, und ein Thema, das immer wieder kam, war das Beschneidungsurteil von Köln.

Ich hab beschlossen, jetzt keine der vielen Artikel, die ich dazu gelesen habe, zu verlinken, sondern mir einfach mal eigene Gedanken zu machen.

Es ist ja nun einmal so, daß die Beschneidung der Vorhaut faktisch ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit darstellt. Dies dürfte wohl keiner bestreiten, also ist die Frage wohl weniger, ob ein solcher Eingriff vorliegt, sondern vielmehr, ob ein solcher Eingriff gerechtfertigt ist.

Wenn ich das Urteil richtig verstehe (gelesen habe ich nur die Presseerklärung des Gerichts) wurde eine durch eine Arzt vorgenommene Beschneidung als Straftat eingestuft, da es dafür keine medizinische Indikation, also keine Notwendigkeit gab.

Womöglich – ich bin kein Jurist – liegt das Problem also darin, daß ein Arzt zu Beschneidung aufgesucht wurde, und kein religiöser Amtsträger aktiv wurde.

Das Problem liegt weiterhin darin, daß die Eltern zwar das Recht auf Religionsausübung und Erziehung hätten, diese Rechte jedoch dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit unterzuordnen sind.

Im Mittelpunkt steht – und das ist gut so – das Kindeswohl, wobei unterstellt wird, daß eine Beschneidung eben diesem Wohl widerspricht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieser Einschätzung ohne Vorbehalte zustimmen kann.

Aber voher fällt mir etwas anderes auf: Es i st die Rede vomRecht auf Erziehung und Religion der Eltern, aber es ist nicht die Rede von dem Recht des Kindes – im vorliegenden Fall immerhin schon 4 Jahre alt – auf eine eigene Religion die Rede. Freilich ist das Kind noch nicht religionsmündig, sondern wird in dieser Angelegenhet durch die Erziehungsberechtigten vertreten. Trotzdem meine ich – wie gesagt, ich bin kein Jurist – , es handelt sich hier nicht nur um Rechte der Eltern, die gegen das Recht des Kindes auf Unversehrtheit stehen, sondern eben auch um ein ureigenes Recht des Kindes.

Gerade die Frage der Mündigkeit wirft weitere Fragen auf: Ab welchem Alter wäre eine Beschneidung denn möglich? Ab 14, weil man dann religionsmündig ist? Oder wäre – wie bei Tätowierungen etwa (oder liege ich da falsch?) die 18 die Grenze? Wie sieht das eigentlich bei Ohrlöchern aus? Ich kenne Mädchen, die schon im Kindergartenalter Ohrringe haben – und es durchaus toll finden.

Zurück zum Kindeswohl: Wer legt eigentlich fest, was dem Wohl des Kindes dient? Es wure schon darauf hingewiesen, daß Kinder auch – trotz gesundheitlicher Gefahren – geimpft werden. Das Argument dafür läuft dann so, daß Impfungen „vernünftig“ seien, weil sie eben das Ziel haben, Schaden abzuwenden, während eine Bescheidung eine sinnlose Verstümmelung sei. Gleiches dürfte jedoch auch für das Abschneiden der Haare (die Länge der Haare der eigenen Kinder können durchaus zu Kontroversen in den Familien führen) oder der Nägel gelten. Freilich, in den genannten Fällen wächst alles nach und vor allem: Es tut auch nicht weh (im Gegensatz zu Ohrlochstechen und Tätowierungen).

Was ist es also, das die Beschneidung zumindest für einige Menschen zum Undig macht, während sie gleichzeitig ganz selbstverständlich mit ihren Kindern zum Friseur gehen und ihnen die Finger- und Zehnägel schneiden?

Nachwachsen und Schmerzen? Gegen die Schmerzen hat die moderne Medizin Mittel gefunden (wobei ich nicht weiß inwieweit diese in den fraglichen rituellen Kontxten zulässig sind).

Es bliebe also letztendlich nur das Kriterium, ob ein abgeschnittener Köperteil nachwächst – oder eben nicht.
Wobei es einem bei Haaren und Nägeln ja meist ganz recht wäre, wenn dies nicht er Fall wäre, dann müßte man sie nicht immer schneiden.

Demnach stünde es dem Wohle des Kindes nicht entgegen, wenn es eine „unvernünftige“ (wie kann eine Frisur überhaupt in die Kategorie der Vernunft eingeordnet werden?) Kurzhaarfrisur verpasst bekommt, während eine „unvernünftige“ Beschneidung („Vernunft“ ist hier wohl synonym zu „medizinisch erforderlich“ gebraucht) dem Wohle des Kindes entgegenstünde, weil die Vorhaut nicht nachwächst.

Auch hier scheint es inzwischen in der Medzin Mittel und Wege zu geben, dies rückgängig zu machen, was mich nun völlig ahnungslos zurücklässt.

Das ist zugegebener Maßen iene sehr schwache Position verglichen mit all denjenigen, die genau wissen, was zum Wohle des Kindes ist, das sie gar nicht kennen, die sich aber gegen das geplante Gesetz zur Zulassung ritueller Jungenbeschneidung aussprechen. Und das, obwohl das Grundgesetz, auf das sie sich sonst beziehen, gesetzliche Einschränkungen dezidiert zuläßt.

Ich finde, es ist immer schwierig zu entscheiden, was dem Wohle eines (fremden) Kindes entspricht. Manche Eltern mienen, ausgedehnte Klavier- oder Ballettstunden stünden dem entgegen, andere Eltern begreifen dies als Förderung. Ebenso begreifen Eltern, die ihr Kind aus religiösen Gründen beschneiden lassen die Beschneidung als dem Kind zuträglich, auch wenn nichtreligiöse Menschen das oft nicht nachvollziehen können.

Ich tendiere dazu, die Jungenbeschneidung als weniger schlimm einzuschätzen (ohne mich genau festlegen zu wollen) bin mir abr sicher, daß ein staatliches Verbot nur zu Zwistigkeiten führt, denn religiös überzeugte Menschen werden im Zweifel eher ihrem Gewissen folgen als staatlichen Vorschriften. Und das würden wir doch – Hand aufs Herz – alle tun, auch wenn unsere je eigenen Gewissen und je anderes sagen.

glaube

Christopher Hitchens und seine 10 Gebote

Im Freitag vom 5.4. gab es nen Artikel zu den 10 Geboten, also eigentlich geht es da um ne Neufassung von verschiedenen Leuten. Am Ende gibt es dann noch einmal 10 ganz neue Gebote von Christopher Hitchens, die mich dann doch zur Kommentierung herausfordern.

Die Hitchens’schen Geboten lauten wie folgt:

1. Veurteile Menschen nie aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe

2. Betrachte Menschen nie als dein Eigentum

3. Verachte jene, die in sexuellen Beziehungen Gewalt anwenden oder mit Gewalt drohen

4. Bedecke dein Gesicht und weine, wenn du es wagst, einem Kind Leid zuzufügen

5. Verurteile Menschen nicht aufgrund ihrer angeborenen Natur – warum sollte Gott so viele Homo­sexuelle erschaffen, bloß um sie anschließend leiden zu lassen?

6. Wisse, dass auch du ein Tier bist und damit abhängig von der Natur – denke und verhalte dich entsprechend

7. Glaube nicht, du könntest einem Urteil entgehen, bloß weil du Leute mit falschen Versprechen statt mit einem Messer bedrohst

8. Schalte das verdammte Mobiltelefon aus — du ahnst nicht, wie unwichtig dein Anruf für uns ist

9. Verurteile alle Fundamentalisten und Kreuzritter, denn sie sind kriminelle Psychopathen mit hässlichen Wahnvorstellungen

10. Sei bereit, jeden Gott und jede Religion zu verleugnen, dessen Gebote den obigen widersprechen

Zuerst einmal zum Positiven: Hitchens hat einige Gebote, denen ich durchaus zustimmen kann. Es sind dies die Gebote 1, 2, 4, und 5.

Zu den anderen Geboten will ich kurz notieren, wieso ich nicht zustimmen kann:

Gebot 3:

Ich halte nichts davon, Menschen zu verachten. Ich verachte Taten. Aufgrund meiner Religion bin ich jedoch angehalten, alle Menschen, inklusive meiner Feinde, zu lieben. Dies bedeutet nicht, daß ich ihre Taten relativieren muß, gewiß nicht. Aber ich trenne Person von Handlung, und bin damit frei, die Person, die sich von ihrem Handeln distanziert, anzunehmen. Vorher schon bin ich frei, solchen Menschen trotz allem auch Gutes zu tun. Nicht als Belohnung für Verbrechen, sondern als Motivation, sich selbst zu reflektieren und eigenes Handeln zu kritisieren. Ich meine das geht leichter, wenn man trotz allem Annahme erfährt. Verachtung führt nur zu Verhärtung und Verstockung. Man kann sich zwar toll fühlen, weil man ja klar zeigt, was man von „solchen Menschen“ hält, aber zur Lösung des Problems trägt man damit nicht bei. Verachtung ist eine Form von Haß, und Haß ist eine Sackgasse.

Gebot 6:

Freilich bin ich ein Tier, biologisch betrachtet, ach wenn es eine lange Tradition gibt, Unterschiede zwischen dem Menschen und anderen Tieren herauszustellen. Auch bin ich in gewisser Form von der Natur abhängig. Ich kann nicht fliegen, die Schwerkraft gilt auch für mich, und dergleichen mehr. Aber ich bin vor allem anhängig von Gott, der mich schuf und beschützt und lenkt (auch wenn ich oft genug ausreiße). Abhängig von der Natur bin ich nur insofern diese von Gott als Rahmen gesetzt ist. Hier geht mir Hitchens nicht weit genug. Genauso könnte er ein anderes Mittelding betonen. Ich bin auch abhängig von Lebensmitteln, von Atemluft oder von gewissen Geldmitteln, die mir den Zugang dazu ermöglichen…

Gebot 7:

Hier hat Hitchens ungewollt recht, denn Gott wird uns alle richten. Aber das meint er wohl nicht. Was diese Welt angeht: Da werden manche nicht mal gerichtet, obwohl sie Menschen mit Messern bedrohen. Insofern ist es eine falsche Versprechung, die Hitchens hier macht. Ob man verurteilt wird, hängt oft von den Machtverhältnissen ab. Und die führen manchmal dazu, daß man sogar ohne Messer und ohne falsche Versprechungen verurteilt wird.

Gebot 8:

Kann ich nicht ernst nehmen.

Gebot 9:

Hier gilt analog, was ich bei Gebot 3 geschrieben habe. Außerdem finde ich es anmaßend, wenn Hitchens sich hier über andere Menschen stellt und sie pauschal als „Psychopathen“ tituliert.

Gebot 10:

Ich bin ja selbst nicht mit allen Geboten einverstanden. Also verleugne ich auf dieser Basis auch niemanden.

Darüber hinaus erscheint mir diese Ansammlung als eine ad hoc Liste mit 10 Punkten, die Hitchens gerade einmal eingefallen sind. Ich lese nichts vom Verbot zu lügen, ich lese nichts von einem Tötungsverbot, aber statt dessen zweimal den Aufruf zum Haß gegen bestimmte „böse“ Menschen und die Forderung bedingunsloser Nachfolge, die sonst in atheistischen Kreisen dem Gott der Bibel ja gerade angelasett werden.

Hitchens‘ 10 Gebote sind nicht einmal eine geistreiche Entgegnung, haben nicht einmal eine durchdachte Struktur, die den 10 Geboten der Bibel nahe kommen könnten, und vermissen jede innere Stringenz und Gesamtkonzept. Man kann sie durch beliebige andere willkürliche Forderungen ersetzen, ohne daß der Gesamttext groß Schaden nimmt.

Vor diesem Hintergrund wundere ich mich, wieso dieser Hitchens so ne große Nummer war. Seine 10 Gebote müssen da ein gewaltiger Ausreißer nach unten gewesen sein.