Anthropologie, Religion, Theologie

Die Sünde

Bei ner Diskussion auf nem atheistischen Blog kamen wir zum Begriff der Sünde. Ich wurde gebeten, dazu mal ausführlicher zu schreiben, was ich hier nun versuchen will.

Sünde – was ist das eigentlich?

In der Werbung hören wir immer mal wieder von Sünden wenn es um kalorienreichere Nahrung (=Süßigkeiten) geht und dergleichen, ansonsten kennt man die Sünden noch als moralische Verfehlungen, Dinge, die man nicht tut, für die man gesellschaftlich gemieden, marginalisiert wird. In dem Fall gehören Sünden in die Kategorie: „Sowas tut man nicht“…

Was sagte die Bibel?

Wieso eigentlich, bzw, ist das tatsächlich so? Biblisch gesehen, und der Begriff der Sünde kommt ja aus der biblischen Tradition, kann man so eher weniger argumentieren. Die Bibel lässt keinen Zweifel daran, daß alle Menschen Sünder sind (Röm 3, 9-18):

Was sagen wir denn nun? Haben wir Juden einen Vorzug? Gar keinen. Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind, wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3). Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie (Psalm 5,10), Otterngift ist unter ihren Lippen (Psalm 140,4); ihr Mund ist voll Fluch und Bitterkeit (Psalm 10,7). Ihre Füße eilen, Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer, und den Weg des Friedens kennen sie nicht (Jesaja 59,7-8). Es ist keine Gottesfurcht bei ihnen (Psalm 36,2).«

Man tut es also doch! Gibt es vielleicht nur nicht gerne zu. Dazu später mehr.

Kein Grund zu moralisieren

Nur ist eins nun nicht mehr möglich: Das Moralisieren. Wenn wir alle „unter der Sünde“ sind, sitzen wir alle im Glashaus. Keiner sollte  anfangen, mit Steinen um sich zu werfen. Es sei denn, er will sich selbst schaden. Daher findet sich in der Geschichte mit Jesus und der Ehebrecherin (Joh 8, 3-11) auch niemand, der den ersten Stein wirft. Einer nach dem anderen geht davon. Jeder weiß genau – denn es handelte sich um Älteste, Pharisäer und Schriftgelehrte, die das Gesetz gut kennen – daß er selbst nicht sündlos ist. Er könnte also genauso da stehen, wo die Ehebrecherin steht.

So wie die Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer durch Jesus in ihrem Moralisieren entwaffnet werden, so entwaffnet das Bewußtsein, selbst ein Sünder zu sein, auch jeden sonst, der zum Moralisieren anhebt um sich selbst über den anderen zu stellen.

Am Ende steht man alleine vor Gott und muß sich für sein Tun verantworten, denn Gott allein ist ohne Schuld, nicht der Pfarrer auch nicht der Bischof und der Papst, nicht der Presbyter, der Kirchenälteste, der Diakon oder der Prälat und wie sie alle heißen. Alle sitzen mit uns „normalen Menschen“ im selben Boot, haben uns nichts voraus, sind Sünder wie wir.

Es gibt also keinen Grund, aufzubrausen, wenn mich jemand als Sünder bezeichnet. Er bezeichnet mich damit nicht als schlechten Menschen, wohl aber als Menschen, und jeder Mensch hat auch eine schlechte Seite, eine dunkle Seite, die wir anderen nicht gerne zeigen.

Die Sünde – wie kommt es dazu?

Was steht inder Bibel?

Die Bibel nennt als Ursache für die Sünden die Erbsünde. Ich finde den Begriff Ursünde passender, also die erste Verfehlung von Adam und Eva gegenüber Gott. Adam und Eva essen von der verbotenen Frucht und laden damit die Strafe Gottes auf sich: Sie werden des Todes sterben.

Sünde, Tod und Teufel werden auch oft zusammen oder synonym benutzt bei einigen Theologen. Es ist schlicht und ergreifend: Das Böse.

Nicht das Böse im moralisierenden Sinn à la „Du böser Mensch stell Dich ins Eck und schäm Dich“, eher das Böse, das uns selbst kaputt macht:

Wie ist das heute, konkret im Leben?

Was wir an sozialem Verhalten so drin haben, haben wir irgendwo erlernt (wobei vielleicht auch ein genetischer Anteil ins Spiel kommt). Wenn also unsere Eltern uns vorleben, auch mal fünfe gerade sein zu lassen und nen Vorteil mitznehmen statt fair zu bleiben, dann werden wir das vielleicht kritisieren, aber dann doch irgendwo, irgendwie übernehmen. Verfolgt man das zurück, kommt man zu Adam und Eva.

So ist die Ursünde, die unsere Vorfahren irgendwann begangen haben (auch wenn sie nicht Adam und Eva hießen und sich das Ganze etwas anders abgespielt hat) und die über die Generationen zu uns weitergegeben wurde.

Aus der Sünde, der Ursünde, entstehen also die vielen Sünden: Von der Notlüge bis zum Raubmord. In jedem Fall bedeutet Sünde, getrennt zu sein von Gott, dem absolut Guten. Man denkt zuerst an sich, will den Apfel vom verbotenen Baum. Oder man will einer unangenehmen Situation durch ne Notlüge entgehen. Oder man ist Räuber und wird beim Raub derart gestört, daß man den Beraubten zur Sicherheit erschlägt.

In allen Fällen steht der kurzsichtige Eigennutz vor dem Gebot Gottes: Nicht von der Frucht zu essen, nicht zu lügen, nicht zu morden oder kurz: Den Nächsten zu lieben wie sich selbst und Gott über alles.

Die Sünde – eine Sklavenhalterin, und wie man befreit wird

Paradoxerweise begibt man sich damit in eine Abhängigkeit. Man ist abhängig von der Situation, in die man sich gebracht hat.

Gefangenschaft

Wie die Geschichte mit der Frucht im Paradies ausging, ist bekannt. Aber auch bei einer Notlüge müssen wir immer daran denken, was wir als wahr vorgegeben haben, um nicht aufzufallen. Oder der Raubmörder: Er wird nach dem Raub womöglich noch Gewalt gegen die Polizei anwenden, nur um nicht ins Gefängnis zu kommen. Er macht sich in seinem Handeln der Polizei gegenüber abhängig von der Situation, in der er sich gebracht hat. Trotzdem wähnt man sich frei, hat man doch alles selbst so gewählt.

Fluchtplan

Durchbrechen kann man diesen Kreislauf nur, wenn man Vertrauen hat. Vertrauen zum belogenen Menschen, daß er es einem nachsieht, Vertrauen zur Polizei oder den beim Mord anwesenden, daß man irgendwie selbst mit dem Leben davonkommt oder eben, wenn alles andere nicht mehr greift: Vertrauen zu Gott (es kann auch schon bei der Notlüge so sein, daß der Mensch es einem so übel nimmt, daß nichts mehr greift, man muß nicht unbedingt erst beim Mord davon ausgehen).

Um Fehler einzugestehen, brauche ich eine Sicherheit, daß diese Schwäche, die ich mir leiste, sich nicht gegen mich richten wird. Habe ich diese Sicherheit nicht, dann geb ich auch nichts zu, behaupte, ohne Fehler zu sein, wie oben gesagt: Man tut das nicht und ich schon gar nicht, jedenfalls geb ich’s nicht zu.

Wenn man genug eigene Kraft und Vertrauen aufbringen kann, kommt man unter Umständen aus so verfahrenen Situationen wieder heraus. Man kann offen gestehen: Ich hab da scheiße gebaut. Egal, was kommt.

Fluchthelfer

Nicht immer hat man die Kraft, und dann kann sie der Glaube geben.

Wenn ich glauben kann (Und Glaube ist auch wenn einige Evangelikale es sagen keine Entscheidung des Menschen, sondern eine Gabe von Gott. Wir können ihn uns nicht selbst besorgen),

  • daß Gott auf diese Welt kam, Sich klein machte und eine der erbärmlichsten Existenzen auf Sich nahm inklusive Foltertod am Kreuz, obwohl Er das nicht gemußt hätte,
  • wenn ich sehe wie groß die Liebe dieses Gottes zu mir sein muß, daß Er all das auf sich nimmt um mir zu zeigen, daß Ihm egal ist, was ich verbrochen habe, daß Er da ist für mich und alle und es folglich auch eine Zukunft für mich geben kann, egal was war,

dann kann mir dieser Glaube enorme Kräfte geben. Dann bin ich nicht mehr abhängig von den Situationen, in die ich mich manövriere. Ich kann immer wieder zurückkommen.

Die Sünde – sie lauert, aber hat verloren

Natürlich bleibe ich Sünder, das heißt, ich bring mich immer wieder in solche schlechten Situationen. Ich brech immer wieder den Kontakt zu Gott ab, entferne mich von Ihm. Ich begebe mich in die Sünde, in den Tod wenn man so will, zum Teufel. Denn ich bin immer noch Mensch, immer noch Sünder, immer noch nicht besser als die anderen.

Werd ich auch nicht, denn sie sind Menschen wie ich. Aber ich weiß, daß ich immer wieder rauskomme, egal wie vertrackt die Situation ist, in die ich mich bugsiert habe.

Das hat nichts mit Moral zu tun und mit einem Leben genau nach irgendwelchen Gesetzen. Sicher, die Regeln sind wichtig, spielen eine Rolle. Aber es gibt niemanden, außer Gott, der mir die Regeln vorhalten könnte und Vorwürfe machen. Und so wie ich Gott kenn, macht Er das äußerst selten.