Gesellschaft, Religion

Der Moslem hat keine Gemeinschaft mit Gott, wenn er Ungläubige zu Freunden hat

So der zweite Satz auf dem Hetzbild, angeblich Sure 3:28. Nach der Übersetzung von Rudi Paret lautet die Aya so:

Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden nehmen. Wer das tut, hat keine Gemeinschaft (mehr) mit Allah. Anders ist es, wenn ihr euch vor ihnen wirklich fürchtet. (In diesem Fall seid ihr entschuldigt.) Allah warnt euch vor sich selber. Bei ihm wird es (schließlich alles) enden.

Einmal abgesehen davon, daß die Bibel ebenfalls einige Verse kennt, die dazu ermahnen, keine Gemeinschaft mit der Welt zu haben (2. Kor 6, 14, Eph 5, 6-8 etc), ist die Aussage doch auch schlicht logisch:

Wer Ungläubige zu Freunden hat statt Gläubige, der ist in der Gesellschaft der Ungläubigen und nicht in der Gesellschaft, in der der Gott der Gläubigen verehrt hat. Wenn ich Dortmund-Fan bin und nur mit Bayern Fans rumhänge, inwiefern bin ich dann wirklich Dortmund Fan? Wo kann ich die Fangesänge singen? Wo mich über ihre Tore freuen? Dann gehöre ich nicht mehr dazu.

Das ist nichts Positives oder Negatives. Menschen mit gemiensamen Interessen und Ansichten haben Gemeinschaft – das ist ganz normal. Das gleiche gilt auch für Muslime, wieso auch nicht?

Das ist kein Aufruf zum Krieg, kein Aufruf zur Gewalt, nicht dergleichen. Es ist eine ganz normale, alltägliche Erkenntnis: Wer sich mit Leuten umgibt, die andere Interessen haben, lkann seinen eigenen Interessen nicht oder nur eingeschränkt folgen, deshalb hält sich ja jeder auch an Menschen, mit ähnlichen Interessen.

Das führt nicht zu Krieg, nicht zu Gewalt, nicht zu Mißachtung – oder blicken Dartspieler generell auf Hobbyköche herunter?

Daß diese Aya in der Auflistung des Hetzbildes überhaupt vorkommt, ist lächerlich. Aber so ist diese Hetze ja allgemein meist…

Gesellschaft, Glaube

Erschlage die Ungläubigen, wo immer Du sie findest

So lautet eine gängige Übersetzung von Sure 2, Aya 191.

Dies ist ein Teil der Reihe zum Hetzbild „Koran ruft in mind. 109 Versen Moslems zum Krieg gegen Ungläubige auf“.

Das hört sich nicht nett an und scheint Vorurteile zu bestätigen, nach denen Muslime immer und generell gewalttätige Terroristen sind und nur darauf aus sind, alle Nichtmuslime zu töten.

Dem entgegen steht zuerst und vor allem die Realität: Viele Muslime halten sich offenbar nicht an diese angebliche Forderung. Ansonsten gäbe es seit 1400 Jahren offenen, totalen Krieg. Statt dessen leben aber seit den Anfängen des Islam trotz aller Glaubenskriege immer noch christliche Minderheiten in den islamischen Ländern. Teils sind diese, wie in Ägypten zum Beispiel, von beachtlicher Größe.

Selbst im Reich des Daesh, also den denkbar schlimmsten Terroristen, gibt es Berichte, daß Christen am Leben gelassen werden, wenn sie eine spezielle Steuer bezahlen. Also auch hier, trotz aller furchbaren Unterdrückung, Vertreibung, Folter und Völkermord:

Die „Ungläubigen“ werden nicht (generell) erschlagen, wo man auf sie trifft. Gott sei Dank möchte man meinen.

Und wenn man in den Koran sieht, und den Kontext liest, wird auch klar, um was es genau geht und wieso selbst die schlimmsten Fundamentalisten nicht jeden Nichtmuslim gleich erschlagen:

In Aya 190 liest man davon, daß Krieg geführt wird gegen diejenigen, die die Muslime angreifen. In der Situation also, in der Muslime angegriffen werden, spricht der Koran ihnen das Recht, sich zu wehren zu. In dieser Situation gilt offenbar: Wo ihr sie findet, erschlagt sie (bevor sie euch erschlagen).

In Ayat 192 und 193 wird dann auch gleich wieder eingeschränkt: Sobald die Angreifer ablassen, muß der Krieg dann auch vorbei sein, Nachtreten ist nicht. Wenn die Feinde aufhören, müssen die Muslime auch aufhören.

Das ist sicherlich nicht christlich, aber der Koran ist auch kein christliches Buch. Es ist menschlich, sich wehren zu wollen, wenn man angegriffen wird. Das tun viele Christen auch, obwohl sie es besser wissen sollten. So startete Bush einen Krieg gegen den Terror, in dessen Verlauf Menschen von Drohnen bombardiert werden, sobald man sie sieht auf den Überwachunsbildschirmen.

Was ist das anderes als den Feind zu bekämpfen, wo man ihn sieht? Daß das zu nichts führt, dürfte uns langsam aufgehen. Als Christen haben wir ja auch einen anderen Auftrag, nämlich die Feinde zu lieben und die andere Wange hinzuhalten – und keiner hat behauptet daß das leicht wäre. Christlicher Glaube ist nichts für Weicheier. Aber Gott gibt uns Kraft.

Bei aller persönlicher Ablehnung gegen diese bewaffnete Selbstverteidigung sehe ich jedoch nicht, daß diejenigen, die diese Verse immer vorbringen, um Muslime in Miskredit zu bringen, sich besser verhalten würden.

Die Muslime sind per Koran verpflichtet, die Gewalt zu beenden, sobald die Angriffe aufhören. Wer aber ohne selbst angegriffen worden zu sein Öl ins Feuer gießt mit der Verbreitung von aus dem Kontext gerissenen Ayat, der ist deutlich schlimmer, der bricht einen Konflikt vom Zaun, wokeiner sein müßte, setzt so eine Spirale aus Haß und Gewalt überhaupt erst in Bewegung und kann am Ende auch nicht die Schuld von sich weisen für das, was geschieht.

Zum Glück verhalten sich viele Muslime so christlich (sic!), die andere Wange hinzuhalten und sich von solchen Provokationen nicht herausfordern zu lassen. Während dessen können wir Christen uns nur schämen, daß solche Heuchler, die Haß und Gewalt provozieren, sich auf das christliche Abendland zu berufen können meinen.

Gesellschaft, Religion

Koran ruft in mind. 109 Versen Moslems zum Krieg gegen Ungläubige auf

Die Überschrift ist dem Bild oben entnommen. Dieses Bild begegnete mir mehrmals auf Twitter beim Austausch mit „besorgten Bürgern“, welche mir offenbar „beweisen“ wollten, wie grausam doch der Islam ist.

Versuche meinerseits zu erklären, daß es DEN Islam nicht gibt, genausowenig wie DAS Christentum, fruchten nicht – wie üblich. Ebenso, daß Scharia verschieden ausgelegt wird.

„Besorgte Bürger“ lesen den Koran so wie Neuatheisten die Bibel: Sie richten sich nach den jeweiligen Fundamentalisten – und teilweise auch schlechten Übersetzungen.

Für diejenigen, die bereit sind, ihr Hirn einzuschalten, und sich andere Ansichten anzusehen, möchte ich hier versuchen, auf die obgen Behauptungen Schritt für Schritt einzugehen.

Ich bin kein islamischer, sondern evangelischer Theologe. Daher sind meine Kenntnisse vergleichsweise begrenzt. Mir ist allerdings (im Gegensatz zu Fundamentalisten und „besorgten Bürgern“) bewußt, was ein Text ist, und wie verschieden Texte ausgelegt werden können. Mir ist ebenso bewußt, daß es neben den Fundamentalisten auch andere Vertreter der Religion gibt, die ebenso (bzw wahrscheinlich viel mehr) echte Gläubige sind und deren Schriftauslegung mindestens so korrekt ist wie die der „besorgten Bürger“ oder Islamisten, die beide von den Traditionen des Islam relativ wenig wissen.

Von den Traditionen weiß ich selbst fast nichts, aber wie gesagt: Ich habe gelernt, mit Texten umzugehen, auch mit religiösen Texten. Ich habe gelernt, daß die Sklaverei in der Bibel zwar vorkommt und nicht kritisiert wird, daß aber trotzdem christliche Aktivisten sich auf ihren Glauben beriefen, als sie die Abschaffung der Sklaverei betrieben.

Für den Anfang möchte ich es bei ein paar Feststellungen belassen:

  1. Die ersten beiden Homepages, die unten angegeben sind und wohl die Quellen angeben sollen, sind dezidiert islamfeindlich eingestellt, wie man spätestens auf den zweiten Blick erkennen wird. Die dritte Homepage enthält eine Koranübersetzung in mir unbekannter Qualität.
  2. Auf dem Bild sind 13 Koranverse aufgelistet, die, wenn man sie mit der genannten Koranübersetzung vergleicht, nicht so lauten wie oben abgedruckt. Es handelt sich also um Auslagungen auf dem Bild.
    Man darf also getrost bezweifeln, daß es 109 Verse im Koran gibt, die zum Krieg gegen die Ungläubigen aufrufen.
  3. Dazu, daß angeblich Lügen gegenüber Ungläubigen im Islam erlaubt wären, habe ich nichts gefunden. Allerdings gibt es in verschiedenen schiitischen Gruppen (also nicht DEM Islam, sondern einzelnen kleinen Gruppierungen) das Konzept der Taqiya. Diese bezieht sich darauf, den Glauben verleugnen und religiöse Pflichten unterlassen zu dürfen, wenn dies eine Gefahr für Leib und Besitz bedeutet. „Gelogen“ werden darf also nur in Bezug auf das eigene Bekenntnis (das sowieso niemanden etwas angeht) und nur bei Gefahr. Ich möhte den „besorgten Bürger“ sehen, der in so einer Situation nicht zumindest daran denkt, den Glauben zu verleugnen. Es braucht sich jetzt auch keiner selbst zu rühmen, ihm würde dies nie passieren: Man denke nur an Petrus, der das ebenso behauptete und dann den Herrn dreimal in einer Nacht verriet!

Ab dem nächsten Artikel geht es dann um die einzelnen Verse.