Netzfunde

Netzfunde vom Samstag, den 27. April 2013

Bald ist Kirchentag, und die Leute, die da die Organisation machen sind inzwischen so modern, auch ne Wall gestartet zu haben. Die läuft schon.

Was auch schon läuft sind Fernseh- und Radiobeiträge zum Kirchentag. Ich hab da mal versucht, eine nach Zeit sortierte Liste zu erstellen.

Knuuut hat verschiedene Online Ressourcen zum Kirchentag aufgelistet.

Auf dem Pfälzer Landeskirchenblog geht es diese Woche ums Steuernzahlen.

Peter meint, daß Sünde überbewertet ist. Und hat IMHO Recht damit.

Der Bikerpfarrer weist auf ne Rezeptsammlung für den kleinen Geldbeutel hin. Find ich super, so ne Sache. Schade, daß es bei google plus ist. Da kann ich nicht mitmachen…

Theodred hat einen langen, aber lesenswerten Artikel über das Mittelalter, Spanien und die angebliche Toleranz zu dessen muslimischer Zeit zur angeblichen Intoleranz nach der Reconquista geschrieben.

Lynn schreibt davon, daß gute Absichten nicht Falsches richtig machen. Es geht um das purity movement.

Matthias Jung schreibt über Kirche und Politik.

Wir Protestanten nehmen ja selten ein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die Kirche von Rom für suboptimale Theologie (um es mal so zu umschreiben) zu kritisieren. Dann müssen wir auch mit der Retourkutsche klarkommen: Einer DEK Version des Apostolikums (auf der verlinkten Seite fälschlich als „Gebet des Herrn“ tituliert).

Bei Haltungsturnen geht es um, Verzeihung, „Arschlöcher“. Und zwar solche, die nach Gutsherrenart ihr Geld verteilen wollen, statt solidarisch mit anderen eine Last zu tragen, ohne selbst in jedem Fall entscheiden zu können, wem das jetzt zu Gute kommt. Die Verbindung zu „selbst Gott sein wollen“ halte ich für durchaus treffend.

Sheldon C. Good schreibt über die Bomben in Boston, Terrorismus und Folter. Absolut lesenswerter Artikel, wenn auch nicht an uns gerichtet, sondern an amerikanische Leser. Ansatzweise gilt das Ganze auch für Deutschland.

Bei Michael Blume gibt es nen Artikel zu Martin Luther Kings Letter from Birmingham Jail und die Frage, wann ein Gesetz gerecht und zu befolgen ist, und wann ein Gesetz ungerecht ist und Widerstand verlangt.

Bei GetReligion gibt es einen Artikel über Pädophilie, Daniel Cohn-Bendit und die 68er Bewegung. Und wieder kommt mir der Satz in den Sinn, nach dem gute Absichten (Befreiung) nicht Falsches richtig machen – in dem Fall Pädophilie.

Diskussion mit Theodred

Und die nächste Runde

Das Folgende bezieht sich hierauf:

Erst mal zum Interview mit Necla Kelek:

Wenn die von der türkischen Regierung abhängige Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) so baut, ist das nicht nur eine ästhetische Frage, sondern es soll ein Zeichen gesetzt werden: Seht her, wir sind jetzt hier, und uns hat keiner reinzureden. Architektur ist Zeichensprache wie das Kopftuch oder der Tschador.

Angenommen Frau Kelek hat Recht, daß hier Zeichen gesetzt werden sollen. Na und? Wenn die NPD ihre Demos macht, will sie auch Zeichen setzen, und meist kann sie das auch tun. So lange sie keine verfassungsfeindlichen Symbole mitführen, oder verhetzende Parolen grölen, wird die Polizei nicht eingreifen. Wenn nun auf der anderen Seite Ditib meint, irgendwelche Zeichen setzen und Renomierpimmel bauen zu müssen, bitte. Sie können gerne meinen, daß ich ihnen nicht reinzureden hätte. Nur sehe ich mich an diese ihre Meinung so wenig gebunden, wie an die Meinung der Rechten, ich hätte was gegen Juden und Ausländer zu haben. Wenn sie mein Reinreden zu unterbinden suchen, dann kann ich mich im Rechtsstaat dagegen wehren. Eine Moschee ist keine Bedrohung. Aber es gibt Menschen, die drohen. Denen muß dann das Handwerk gelegt werden, unabhängig davon, was ihre Architektur ausdrücken will. Dabei können die Gebäude gerne stehen bleiben. Gebäude tun mir nix.

Nein, die Nonne oder der fromme Jude demonstrieren ihre persönliche Beziehung zu Gott. Sie bleiben dabei gleichberechtigte Bürger. Tschador und im abgeschwächten Maße auch Kopftuch sind ein Bekenntnis zu ganz bestimmten Machtverhältnissen im Diesseits. Die islamische Frau verhüllt sich für den Mann, der ihr Herrscher und Beschützer ist – und nicht für Gott. Sie zeigt damit, dass sie die Ehre ihres Mannes ist.

Angenommen Frau Kelek hat auch hier recht: Angenommen, die Frauen unter dem Tschador drücken damit ein Bekenntnis zur Unterwürfigkeit aus. Ist es nicht ihr Recht, dies zu tun? Als freie Glieder unserer freien Gesellschaft? Wo eine Frau den Tschador von ihrem Mann vorgeschrieben kriegt, bin ich sofort dabei, das zu unterbinden. Wo es aber ihre eigene, freie Entscheidung ist, werd ich den Teufel tun. Das Problem kennt man doch auch in anderen Kontexten. Da wird katholischen Frauen gesagt, wie sie sich in ihrer „frauenfeindlichen“ Kirche fühlen sollen und daß sie sich wehren sollten etc. Auch dort kommen die Vorwürfe von außenstehenden. Und treffen wahrscheinlich prozentual auch seltener zu, meinetwegen. Aber den Tschador zu verdammen, weil es da vielleicht Frauen gibt, die anders denken als Frau Kelek, das geht mir zu weit. Ich find sogar die Burkaverbote falsch.

Gelebter Glaube kann sich nicht in öffentlichen Demonstrationen erschöpfen, sondern muss als gelebte Kultur die Menschen bereichern und sollte nicht Mittel der Abgrenzung sein. Um das Opferfest zu begehen, ist es zum Beispiel überflüssig, ein blutiges Schlachtfest zu veranstalten.

Ich bin der Meinung, daß jeder Gläubige selbst entscheiden muß, wie sein gelebter Glaube aussieht. Ich würde mir da nicht reinreden lassen, von niemandem. Und Du sicher auch nicht. Frau Kelek macht ja hier nen ganz netten Trick: Erst deklariert sie alles, was mit dem Islam z utun hat zu öffentlichen Demonstrationen, und dann sagt sie, daß Glaube nicht nur daraus bestehen könne. Ich meine: Wenn wirklich nur das dahinter steckt, dann wird das Ganze relativ schnell in sich zusammenbrechen. Wenn die Menschen nicht den Eindruck haben, bereichert zu sein durch den Glauben, dann werden sie über kurz oder lang sich von diesem Glauben abwenden. Ich denke aber, daß er momentan vielen eben sowas wie Identität gibt. Sie werden als Deutsche nicht anerkannt, sie werden in der Türkei nicht als Türken anerkannt, sie stehen zwischen allen Stühlen. Die Zugehörigkeit zur Umma steht aber nirgends in Frage, also definieren sie sich darüber. Jedenfalls hab ich den Eindruck, daß das ne Rolle spielt. Glaube gibt Heimat. Deutschland scheinbar nicht.

Es gab keine kritische Selbstreflexion der muslimischen Gemeinschaften, sie haben sich keinen Schritt bewegt. Ich lerne in der Moschee nicht Nächstenliebe und ein guter Mensch zu sein, sondern mich zu unterwerfen. Auch dies wäre zu akzeptieren, wenn es eine Beziehung zwischen dem Gläubigen und seinem Gott ausdrücken würde. Aber es ist in der Regel die Unterwerfung unter ein Kollektiv mit aggressiven Machtansprüchen im Diesseits.

Ist mir wieder alles etwas zu absolut formuliert, aber okay. Nochmal: Wenn sich jemand unterwerfen will, ob mit oder ohne Beziehung zu seinem Gott, ob mit oder ohne Nächstenliebe, dann geht mich das nix an. Für mich wird es da relevant, wo nicht jemand sich unterwirft, sondern durch Druck unterworfen wird. Als 1/80.Mio stel Souverän dieses Landes bin ich gefordert, meiner Verantwortung als Souverän gerecht zu werden, und das zu unterbinden. Dazu haben wir unser Rechtssystem. Wenn wir den Eindruck haben, daß dies keinen Schutz bietet, müssen wir darüber reden, wie wir den Schutz gewährleisten können, möglichst ohne die freie Selbstunterwerfung anderer zu stören.

Schauen Sie sich mal Koranschulen an. Das ist ein dumpfes Pauken ohne jegliches Verständnis, geschweige denn Kritik. Die kleinen Jungen lernen dort nur, sich dem Imam zu unterwerfen. Es gibt ja keine Institution, die das überprüft. Was der Imam sagt, ist Gesetz. Da werden keine Bürger erzogen, sondern Untertanen. Warum kümmern sich die Imame nicht um zwangsverheiratete Mädchen, um geschlagene oder vergewaltigte Kinder?

Das hört sich sehr ähnlich an wie einige Vorwürfe neoatheistischer Seite gegen die Kirchen. Dort will man dann den Religionsunterricht unterbinden, damit die Kinder nicht indoktriniert werden oder Religionszugehörigkeit überhaupt erst ab 18 gesetzlich zulassen (China läßt grüßen). Ob ich glaube, daß es diese Hinterhofimame gibt? Sicher. Ob ich da eingreifen will, indem ich das unterbinde? Da wird’s haarig, weil ich recht viel vom Recht der Eltern halte, ihre Kinder selbst zu erziehen. Mag sein, daß es da Möglichkeiten gibt, die Dinge zu bessern, das wär aber nochmal ne ganz eigene Diskussion. Ich meine jedenfalls, daß ein islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache an deutschen Schulen eine mögliche Alternative wäre. Die wird dann vielleicht nicht von allen angenommen (Kinder der Zeugen Jehovas gehen auch in den Ethikunterricht), aber ich rechne mit einer qualitativen Verbesserung gegenüber dem Hinterhofimam. Das gibt dann vielleicht nochmal nen eigenen Kulturkampf, auf wen man jetzt hört, den Imam im Hinterhof oder den Religionslehrer in der Schule, aber ich finde, man sollte keine Angst vor dem Kampf haben.

Die Ditib, der Bauherr der Moschee, ist ein Ableger der mächtigen und finanzstarken türkischen Religionsbehörde und die hat im Moment 800 Beamte hierher entsandt. Der Etat dieser Behörde ist nach dem des Militärs der höchste Posten im türkischen Haushalt. Für mich ist der Bau der Kölner Moschee keine Frage von Religionsfreiheit und auch kein Zeichen der Integration.

Frau Kelek darf natürlich denken was sie will. Und es muß auch nicht jede Moschee ne Baugenehmigung kriegen. Wo allerdings das Problem ist, wenn jemand Geld in Deutschland investiert, erschließt sich mir nicht ganz. Gut, die Türkei verfolgt meinetwegen eigene Interessen. Wer nicht? Dann muß man halt über ein Gesetz nachdenken, daß es fremden Regierungen verbietet, in Deutschland zu investieren. Oder ist es nur bei der Türkei schlimm, weil es die Türkei ist?

Wer ständig von „Überlegenheit“ , spricht, von der eigenen Stärke im Kontrast zur Schwäche und den Irrtümern der anderen geht sehr wohl in jene Richtung, wer dazu seine wichtigsten bzw. zentralen Gebäude als offensichtliche Ehrung nach jemandem benennt, der den Krieg gegen die „Unterlegenen“ mit äußerster Härte führte – was ist das anderes als Demagogie?

Und wie viele Michaels- und Georgskirchen gibt es? Beim Motiv des Drachentöters geht es doch auch um die Überwindung des Heidentums, oder hab ich da was falsch verstanden? Ich verstehe ja Deinen Einwand. Ja, wir benennen keine Straßen mehr nach Göring. Aber wie sieht es mit all den Monarchen aus, die Deutschland oder Teile davon regierten? Die ahben auch Kriege geführt? Wie ist es mit Barbarossa, dem alten Kreuzzügler? Ja, dieses ständige Reden von der eigenen Überlegenheit ist schon nervig, und unhöflich allemal. Aber mein Gott, laß sie doch spielen. Abkaufen tu ich es ihnen nicht. Und wenn sie versuchen, dieses Gerede durch Gewalt in die Tat umzusetzen, dann gibt es dafür die Polizei. Verhetzung würde ich sehen, wenn dezidiert dazu aufgerufen wird, „Ungläubige“ anzugreifen oder zu töten. Das sehe ich allgemein noch nicht gegeben, weder durch die Existenz von Minaretten, noch durch diese Renomierpimmelbauten oder die Benennung derselben nach irgendwelchen unmenschlichen Säbelschwingern. Papst Urban, der zum Kreuzzug aufrief, wurde selig gesprochen und hat seinen eigenen Feiertag (wie nennt man das nochmal genau?). Und ja, man muß da sicher nochmal differenzieren, aber wir sind wir uns nicht einig, daß jeder seine eigenen „Helden“ hat, die er verehrt und die andere vielleicht gar nicht so toll finden? Das kennt man ja schon zwischen Protestanten und Katholiken und der Beurteilung Luthers oder der entsprechenden Päpste. Ich hab jedenfalls den Eindruck, daß man an den Aufsätzen zum Thema oftmals sehr leicht die Konfession des Verfassers ablesen kann, ich hab aber auch nur ne Proseminararbeit zur Reformationszeit geschrieben…

Das setzt sich, von Dir und einem großen Teil der Bevölkerung mglw. unbemerkt ,dann auch an anderer Stelle fort. Wer die türkische Verfilmung der Eroberung von Konstantinopel „Fetih 1453“ oder die türkische Serie „Tal der Wölfe“ gesehen hat wird eine Heldenverklärung, Geschichtsklitterung und Dämonisierung sehen, die man zuletzt in Machwerken sah, welche heute klar mit dem Stempel Propaganda versehen sind und durchaus zum „auf Linie bringen“ beitrugen.

Nach allem was ich sonst so über diese Filme gehört hab, dürftest Du Recht haben. Das ist aber auch schon wieder ne andere Sache, ob die ne Freigabe bekommen oder nicht. Allerdings denke ich dabei dann auch an die Filme meiner Kindheit und Jugend, wo ganz klar war, daß die Amis die strahlenden Helden sind und Russen einfach nur böse… Ich kann das alles reflektieren und trotzdem noch gerne Rambo gucken, oder Rocky IV (war IMHO der krasseste was das anging). Will sagen: Die Tendenzen der Glorifizierung der eigenen „Helden“ und die Dämonifizierung der anderen, das gibt es überall. Möglich, daß die von Dir genannten türkischen Filme noch krasser sind, dazu kann ich nichts sagen, weil ich sie nicht sah. Dann müssen sie eben indiziert werden. Worum es mir geht: Tendenziell ist das überall gegeben.

Und egal was mich dazu getrieben hat, das zu verursachen, spätestens beim Eintreten sollte dann der Mensch, egal ob religiös oder nicht merken: was tue ich da?

Da stimme ich Dir zu. Wobei wir auch alle unsere eigenen Begründungen haben, wann man weiter gehen kann udn wann nicht. Spontan fällt mir als negatives westliches Beispiel das Waterboarding ein. Auch die ganzen Überlegungen von wegen Kollateralschäden. Ich habe die Hoffnung, daß ein Mensch merkt, was er da tut. Ich nehme aber wahr, daß überall (nicht bei allen und jederzeit aber immer mal wieder) zumindest keine Konsequenzen aus diesem Merken gezogen werden. Die einen rechtfertigen sich mit dem Krieg gegen den Terror und dem größeren Gut der Sicherheit. Andere rechtfertigen sich mit ihren eigenen Begründungen. Ich lehne sowohl islamische Begründungen als auch das, was in Amerika (und wohl zum Teil auch bei uns) so lief ab. Ich würde aber nciht die Hand ins Feuer halten, daß ich selbst nicht auch meine fragwürdigen Rechtfertigungen zusammenbau und es vielleicht gar nicht merke. Klar, ich habe eine Überzeugung, was das höchste Gut wäre. Aber ich nehme wahr, daß viele Menschen in der Gesellschaft dem nicht zustimmen. Ich kann meine Vorstellungen nicht absolut setzen, sondern muß tolerant sein. Die gleiche Toleranz verlange ich dann auch von anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Friedliches Zusammenleben ist nur mit Toleranz möglich. Wo einer meint, diese verweigern zu können, und seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen sucht, hat die Gesellschaft einen Staatsapparat, ich denke dabei vor allem an die Polizei und das Rechtssystem, und die sorgen dann für den Interessenausgleich, indem sie ihr Gewaltmonopol anwendet, um andere Gewalt zu unterbinden. Aber nochmal: Minarette sind keine Gewalt. Ebensowenig wie Mohammedkarikaturen. Deshalb ist eine Gewaltreaktion darauf, wie bei einigen Muslimen gesehen, IMHO auch nicht zu tolerieren. Trotzdem würde ich Minarette genau so wenig verbieten wollen wie Mohammedkarikaturen, oder meinetwegen Jesuswitze. In einer freien Gesellschaft müssen die betreffenden Gruppen das ertragen können, sonst ist Ende mit der freien Gesellschaft.

Hierzulande in einer anderen „Welt“ aufzuwachsen ist nicht schwer. Aber überhaupt nichts von der Welt der anderen mitzubekommen ist nahezu unmöglich. Gerade die Parallelwelt die wir ansprechen ist dank Handy, PC, TV, Schulpflicht, Werbeflächen und weißnochwo stets präsent.

Wie hoch ist die Chance, das falsch einzuschätzen? Du verlangst hier ein verdammt hohes Niveau an Eigenverantwortung und Reflektionsfähigkeit. Gleichzeitig verlinkst Du mir einen Artikel, der den Eindruck erweckt, die muslimischen Frauen mit Kopftuch müßten alle davon befreit werden. In der Hinsicht also dann keine Eigenverantwortung?

Ich kann nicht sagen wie es ist, in einer Parallelgesellschaft aufzuwachen, und wie man dann denkt. Ich lese einige Blogs von amerikanischen Ex-Fundis, und wenn die von ihrem früheren Leben erzählen, hab ich oft den Eindruck, daß es gar nicht so leicht ist, daß, was außerhalb des eigenen Kosmos geschieht, richtig wahrzunehmen. Ich kann mir denken, daß es Muslimen hierzulande ähnlich geht. Wie gesagt, ich kenn es nicht aus erster Hand, alles nur Spekulation. Jedenfalls würd ich deshalb nicht so sicher sagen können, daß man sich da entscheidet. Ja, ich war auch immer Außenseiter, zumindest in Kindheit und Jugend, aber ich meine, das ist nochmal was anderes. Aber selbst bei mir, einem Kind, das nicht in einer Parallelgesellschaft aufgewachsen war, haben sich Gedanken gebildet wie „die anderen sind alle doof“. Man sucht ja irgendwie, mit seiner Außenseiterposition klarzukommen…

Was Regierungschefs angeht, so muss ich zugeben, dass meine gedanklichen Lösungen oft in eine Richtung gehen, die einer Art Kolonialismus gleichen, und das kann ich nicht akzeptieren, schon gar nicht vor dem Hintergrund der Gräuel die darin begangen wurden, vor allem aber vor der erlebbaren Fehl- und Verführbarkeit bei unseren Vertretern wie uns selbst.

Das beschreibt genau meinen Konflikt. Einerseits weiß ich um die geschehenen Gräuel, und will das nicht wiederholen, also schrecke ich davor zurück, Eingreifen zu propagieren. Andererseits seh ich das Elend und denke: Da muß man doch was tun. Mein derzeitiger Standpunkt ist, daß ich hier, wo ich Wahlrecht und damit Verantwortung habe, versuche, der Verantwortung dadurch gerecht zu werden, daß ich anderen anderes Denken und Bauen zugestehe, mit allen damit verbundenen Provokationen, und andererseits danach strebe, Opfern solchen Denkens jede mögliche Hilfe anzubieten. Jeder kann gerne entscheiden, unter wen er sich unterwirft. Aber nicht für andere. Was das Ausland angeht, wo ich kein Wahlrecht habe, und meine Verantwortung deshalb geringer (aber nicht inexistent, ich kann mein Geld einsetzen oder selbst hingehen oder die Regierung wählen, die in der ein oder anderen Richtung aktiv wird) ist, sidn meine Einflußmöglichkeiten geringer. Wie gesagt, ich schrecke davor zurück, Militäraktionen gutzuheißen, bin aber auch kein prinzipieller Gegner von humanitären Einsätzen. Ich denke lediglich, wir machen das zur Zeit mehr schlecht als Recht. Ist aber nochmal ein ganz anderes Thema.

Aber unterschiedliche Maßstäbe wenn es um Menschen und ihre Gebilde geht sind nicht in Ordnung. Das führt letztlich zu unbeachteten Opfern, Eskalation und Bigotterie.

Unterschiedliche Maßstäbe ist vielleicht das falsche Wort gewesen. Unterschiedliche Erwartungen vielleicht eher. Ich erwarte von einer Diktatur nicht, daß sie die Menschenrechte respektiert. Eigentlich gehört die Diktatur weg, aber um nicht wieder in die Kolonialismusfalle zu tappen, müßte man auf liberale Revolutionäre in den jeweiligen Ländern hoffen. In Ägypten waren sie nicht stark genug, um sich dann noch gegen die Islamisten durchzusetzen. Aber was nicht ist…

In der Zwischenzeit müßte man wohl dafür sorgen, die Ofer so gering wie möglich zu halten. Dann nimmt man die Opfer eben als Flüchtlinge auf, wobei man da dann auch schnell bei unseren Asylgesetzen wäre udn inwieweit die Menschen da nochmal zum Opfer werden – wieder ne andere Diskussion.

Das die Gesellschaft aber einfach nur zusieht, wie Mädchen aus Frauenhäusern wieder zu Familien zurückkehren, die sie misshandeln, bedrohen und schließlich auch mißbrauchen ohne ein wachsames Auge und bspw. aufgezwungene Unterstützung zu leisten geht auf Kosten der Mädchen.

Loose – loose Situation. Wobei auch hier die Frage gestellt werden muß, wer den Mädchen vorschreiben will, wie sie sich zu verhalten haben. Wie Du sagst, ist ne schwierige Sache, vor allem wenn man nicht weiß und nicht wissen kann, inwieweit die Entscheidung, zurückzukehren, nicht frei getroffen wurde. Vielleicht muß man manchmal auch einfach nur aushalten, und trotzdem jederzeit Gewehr bei Fuß stehen, wenn Hilfe gebraucht wird. Den Mädchen die Rückkehr zu verweigern wäre ja auch wieder Freiheitsentzug…

Ihr Einspruch lautet unter anderem, dass solch progressives Denken ihre Ausbildung bei den Muslimen diskreditieren würde und sie keine Akzeptanz fänden.

Weicheier. Andererseits dürfte die Angst durchaus begründet gewesen sein. Es war ja schon falsch angefangen, daß man islamische Theologie ohne eine Religionsgemeinschaft als Ansprechpartner betreiben wollte. Das war sicher gut gemeint, aber das reicht halt nicht.

und ich muss zugeben, der Name Lüdemann sagt mir gar nichts.

Guckstu hier. Lüdemann hat den Fehler gemacht, zu laut zu sein, wenn ich das richtig einschätze, denn was er sagte, ist nicht unbedingt neu und er ist auch nicht der Einzige. Aber was die evangelischen Kirchen in Niedersachsen angeht, da hab ich auch ne ganz eigene Meinung…

Brüskiert man die Türkei brüskiert man einen großen Teil der türkischstämmigen Muslime.

Das muß man dann halt hinnehmen.

Die Alternative wäre hier, alle Imame und Islamlehrer zwangsweise aus „westlicher Bildung“ herzuholen.

Ich bin irritiert. Wo sollen die herkommen? Die islamische Theologie im Westen steckt in den Kinderschuhen, ich bin skeptisch ob es da außerhalb Deutschlands überhaupt was gibt. So viele Imame wie benötigt werden kann man zur Zeit gar nicht produzieren…

Die wurde nicht eingehalten, Integrationskurse gestrichen, Gelder veruntreut, die Türen für kritische Frager geschlossen gehalten.

Hmm, ich halt von solchen Großaktionen auch nicht viel. Aber gut, wenn sie meinen, ihr Geld so anlegen zu müssen. Wenn ich sehe, wie uns die Kirchengebäude heute belasten, dann frag ich mich, ob sich die Muslime mit diesen Riesenbauten einen Gefallen tun. Ich find die Millionen in den Kirchentagen besser angelegt. Aber das soll jeder tun, wie er will. Wo Geld veruntreut wird, muß ermittelt werden, und im Zweifel geht halt jemand ins Gefängnis. Das hat dann nix mit der Religion zu tun, sondern mit der Straftat.

Ja, in den ersten Jahrhunderten gab es einige Bewegung in christlicher Geographie. Rom gilt mittlerweile zumindest den Katholiken seit Jahrhunderten als Zentrum.

Die Katholiken stellen aber auch nur die Hälfte der Christen. Aber ich meinte auch nicht administrative Zentren. So kann man wohl bestimmte Gegenden in Südamerika oder Afrika Zentren nennen, weil da einfach viel geht. Wenn man dann auf die Kirchen der Reformation sieht, dann ist da durchaus mehr an Fluktuation gegeben: Zürich, Genf, Wittenberg, Heidelberg, England, Amerika… Herrnhut. Die charismatische Bewegung kommt, soweit ich mich entsinne aus Kalifornien. Lateinamerika, Südafrika und Südkorea haben ihre jeweils eigenen Formen der Befreiungstheologie geprägt. An sowas hatte ich gedacht.

Die theologischen Zentren schwanken zwar ein wenig in ihrem Standort, in ihren Überzeugungen und Lehren weit weniger.

Dazu würde ich mir nie ein Urteil erlauben, weil ich mich da viel zu wenig auskenn. Du weißt offenbar mehr, also muß ich Dir da wohl glauben…

Ich kaufe Erdogan nicht ab, dass er von diesem damals zitierten Gedicht abgerückt sei.

Mag sein. Ich kenn ihn zu wenig um mir darüber den Kopf zu zerbrechen.

Den Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie ein Symbol zu verstehen haben klappt nur bei „good will“, und den haben Integrationsunwillige und Islamisten garantiert nicht.

Stimmt, und sobald dieser fehlende gute Wille sie in Konflikte mit dem Gesetz bringt, gibt es eine Strafverfolgung. Bis dahin laß sie doch Türmchen bauen.

Gesellschaft

Getrennter Sportunterricht

Ich würde da Rücksicht nehmen auf religiöse Überzeugungen. Aber da denkt vielleicht jeder anders.

So zitiert der Tagesspiegel den SPD Kanzlerkandidat Steinbrück. Es geht um die Frage der Toleranz, nämlich der Toleranz gegenüber religiösen Forderungen muslimischerseits, Sportunterricht getrennt anzubieten.

Daraufhin ist offenbar ein Sturm der Entrüstung losgebrochen, zu dem an sich schon einiges zu sagen wäre:

Wenn Menschen voneinander getrennt werden, ist das das Gegenteil von Integration.

Meinte etwa der Regierungssprecher. Ob diese Aussage auch auf das dreigliedrige Schulsystem anwendbar ist? Soweit würde ein CDU Mann wohl kaum gehen. Und der bayrische Bildungsminister hat wohl folgendes verlautbaren lassen:

Bei aller Toleranz gegenüber dem Islam dürfen wir nicht die Gleichberechtigung von Mann und Frau infrage stellen.

Daß in Bayern – laut Tagesspiegel – getrennter Sportunterricht sogar vorgeschrieben ist, läßt der Fachminister unter den Tisch fallen.

Nun ist zu bedenken, daß alle diese Zitate nur aus dem verlinkten Tagesspiegel Artikel (also einer einzigen Quelle) kommen. Daher mögen sie zum Zwecke eines bestimmten Bildes so zusammengestellt sein, daß dieses Bild herauskommt. Mir geht es auch gar nicht darum, die Heuchelei der Unionspolitiker aufzuzeigen, sondern um die Frage an sich.

Tatsächlich ist es so, daß ich in meiner Schulzeit ab der 7. Klasse einen nach Geschlechtern getrennten Sportunterricht hatte. Mit Lehrern für die Jungs und Lehrerinnen für die Mädchen. Und ich bin Jahrgang 1980, das Ganze ist also keine Geschichte aus dem 50ern, sondern den 90ern. Nebenbei bemerkt gab es bei uns aufm Land aum Muslime, in meiner Stufe erst ab der 11. Klasse einen. Also daran lag die Geschlechtertrennung auch nicht.

Ich frage mich also, woran das Problem liegt, wenn getrennter Sportunterricht stattfindet. Und ich habe die Befürchtung, daß es sich um eine latente Islamfeindlichkeit in der Bevölkerung handelt. Und ich vermute weiterhin, daß das Ganze, so freiheitlich es sich gibt, auf recht paternalistischen Strukturen beruht.

Hintergrund ist der alte Grundsatz „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Wenn die Zuwanderer richtig dazugehören wollen, dann sollen sie sich bitte nicht nur blaue Augen und blonde Haare wachsen lassen, sondern auch ansonsten praktisch unsichtbar in der Gesellschaft werden. Wenn ihre Kinder dann einen getrennten Sportunterricht haben, dann ist das eben so, weil deutsche (oder französische oder amerikanische) Wissenschaftler herausgefunden haben, daß das aus irgendwelchen Gründen auch gut ist (wir sind nämlich Zukunftsoffen und weltgewandt in Deutschland, da werden auch ausländische Wissenschaftler gehört – jahaa) und dient dann eben dem Wohl des Kindes, denn um nichts anderes geht es uns ja. Wenn der Grund für die Trennung aber mit religiösen Traditionen begründet wird, dann ist das sofort Unterdrückung und rückständig und Mittelalter, und die Frauen sind ja ganz arme Opfer, und wenn die Mädchen selbst das auch wollen, sind sie eben indoktriniert und wissen nicht, was gut für sie ist. Wir wissen es besser.

Es ist nur leider so, daß wir nicht in einem Fachwerkhaus, Sauerbraten und Jägerzaundeutschland leben. Die Gesellschaft ist mit all den Zuwanderern viel bunter geworden. Ein Zurück kann es nicht geben, ohne daß weite Teile der Bevölkerung ihre Identität aufgeben müßten. Und wozu? Außerdem: Dieses Jägerzaun und Schützenvereindeutscland gab es so nie. Das (Klein)Bürgertum war immer nur eine Subkultur in Deutschland, und wenn es mal die kulturelle Landschaft stärker als andere prägen konnte, dann kann man noch überlegen, ob das gut oder schlecht war und warum, um Lehren für später zu ziehen, aber es gibt dahin kein Zurück mehr, weil wir nicht mehr dieselben sind. Und die Welt nicht mehr die selbe ist. Es wurde damals schon nicht alles gut, wenn ale zu Kleinbürgern würden, und auch heute nicht.

Wir leben in dieser Gesellschaft zusammen, ob es uns nun paßt oder nicht. Wir können uns nicht aussuchen, wen wir als Nachbarn haben, und wir können uns auch nicht anmaßen, ihn erziehen zu wollen, wo er doch selbst ein mündiger Bürger ist.

Angst vor dem Fremden kann kein Grund sein, dem Fremden das zu verbieten, was wir hier selbst praktizieren. Oder überhaupt etwas zu verbieten. Dazu müßten wir erst einmal nachweisen, daß es Schaden anrichtet. Außerdem müßten wir zusätzlich fragen, wie der Geschädigte selbst das sieht. Wenn Frauen ein Kopftuch tragen möchten, dann ist es vielleicht auch freier Ausdruck ihres persönlichen Willens. Nur weil Anhängerinnen der Frauenbewegung in den 60ern und 70ernihre BHs verbrennt haben, müssen die Frauen der Zuwanderer sich nicht mit ähnlichen Aktionen befreien. Mehr vom Körper zeigen heißt nicht mehr Freiheit.

Was spricht also gegen getrennten Sportunterricht? Eigentlich nur, daß die Muslime das wollen. Und was die wollen, muß ja irgendwie gegen die Freiheit der Frauen gerichtet oder sonstwie unmenschlich sein. Solche Ansichten kotzen mich an. Eine freie Gesellschaft kann nicht nach den Regeln der Borg funktionieren: „Prepare for assimilation.“ Wenn alle sich nach einem Muster (welchem auch immer) zu richten haben, dann ist das nicht mehr eine freie Gesellschaft, sondern eine totalitäre.

Wobei: Wenn die Borg ein Volk assimilieren, dann verändern sich ja auch die Borg dabei, insofern tut dieser Vergleich den Borg Unrecht.

Lernt endlich, daß es in der Gesellschaft nicht darum geht, wer möglichst viele seiner Ideale anderen aufdrängt, sondern wie man möglicht gedeihlich zusammenleben kann. Steinbrück scheint davon mehr begriffen zu haben als Merkel. Ein Grund, wieso ich ihn für kompetenter halte.

Gesellschaft

Verantwortung

Ask not, what your country can do for you,ask what you can do for your country.

John Fitzgerald Kennedy
35. US-Präsident

Ich habe diesen Artikel ja schonmal angekündigt. Jetzt ist er dran. Damals schrieb ich, daß die Verantwortung die Grenze für die Toleranz bildet. Jeder Mensch toleriert nur das, was er verantworten kann. In einem älteren Artikel zitierte ich einen alten Lehrer von mir, der – IMHO zu Recht – die Verantwortung als Maßstab für die Freiheit nannte. Freiheit ist nur insofern gut, als daß eine ebenso große Verantwortung damit einhergeht.

Hier soll es nun um die Verantwortung gehen, und wie sie mit Freiheit und Toleranz interagiert.

Beim Nachdenken über diesen Artikel fiel mir auf, daß überall, wo von Freiheit die Rede ist, auch von Verantwortung gesprochen werden kann: Luther übernahm die Verantwortung für seine Ansichten und sein Handeln vor Gott und sprach damit der damaligen Kirchenhierarchie ab, bestimmte Dinge für ihn zu entscheiden. Die Eigenverantwortung vor Gott brachte ihn quasi dazu, Papst und Kaiser zu widersprechen, und das durchzuhalten.

Spätere Freiheitsbestrebungen kann man durchaus so verstehen, daß die Völker, die gegen ihre Monarchen aufbegehrten, die Verantwortung für ihre Staatsordnung selbst übernehmen wollten. Man versuchte so gesehen also, den Monarchen von seiner Verantwortung für das Land zu entbinden. In den meisten Fällen wohl aus dem Grund, weil die Monarchen ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, sondern in die eigene Tasche wirtschafteten.

Kant weist mit seiner Definition der Aufklärung in eine ähnliche Richtung:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Er beschreibt die Unmündigkeit als Unvermögen, sich ohne Leitung durch andere des Verstandes zu bedienen. Man könnte wohl auch sagen: Man ist unmündig, wenn man nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich, sein Denken und seine Taten zu übernehmen. Wenn Aufklärung die Freiheit des Menschen zum Ziel hat, dann gehört dazu auch, selbst Verantwortung zu übernehmen. Man könnte provokant formulieren:

Du willst Freiheit? Dann übernimm Verantwortung!

Doch bei Kant kann man auch eine andere Alternative raushören. Es ist nämlich durchaus die Möglichkeit gegeben, daß der Mensch keine Verantwortung übernimmt. Kant spricht einerseits von den Mutlosen, als auch vom Mangel an Verstand. Wer keinen Verstand hat, kann sich dessen nicht bedienen. Und wer, wieso auch immer, den Mut dazu nicht hat, ebenso.

Ich stelle mir die Frage, was mit solchen Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft passiert? Einer Gesellschaft, die die Freiheit voraussetzt, und damit auch die Verantwortung? Muß es nicht zu Problemen kommen, wenn Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, diese trotz allem aufgehalst bekommen? Muß es die Option geben, Freiheit (und damit auch Verantwortung) abzulehnen?

Ich meine, man kann niemandem Freiheit verordnen, denn dazu müßte derjenige auch die entsprechende Verantwortung übernehmen (können). Darin sehe ich auch einen Hauptgrund, wieso das mit dem Nationbuilding nach westlichem Muster sowohl im Irak als auch in Afghanistan schief gelaufen ist. Und auch in Ägypten spielt es wohl eine Rolle. Daneben gibt es noch die militärische Komponente, die in diesem Artikel zu kurz kommt. Denn Verantwortung zu übernehmen ist die eine Sache, sie zugesprochen zu bekommen eine andere.

Ich meine, man kann nur einzelnen Menschen anbieten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und sind es genug, die dies für sich entschieden haben, werden sie auch auf dem einen oder anderen Weg danach streben, die damit verbundenen Freiheiten in der Gesellschaft zu etablieren.

Je mehr ich drüber nachdenke ärgern mich diese absoluten Positionen: Entweder freie Gesellschaft oder Abhängigkeit vom Regime. Zumal es ja Menschen gibt, die durchaus in Abhängigkeit leben (müssen), weil sie keine Verantwortung übernehmen (können). Ich denke hier vor allem an Kinder (in verschiedenen Abstufungen nach Alter und Entwicklung), geistige Behinderungen und Komapatienten.

Als ich meine Examensarbeit schrieb, fiel mir auf, daß staatliches Bevormundungsdenken früher zu Kaisers Zeiten wohl auch im Sinne einer Fürsorge verstanden wurde. Man war der Ansicht, die Obrigkeit müsse die Verantwortung für das Volk (oder bestimmte Teile desselben) übernehmen. Ich konnte dem, bei aller Ablehnung, auch einen positiven Aspekt abgewinnen. Nämlich, daß niemand sich selbst überlassen werden sollte. Welch Unterschied zu heutigen Konservativen (ist die SPD auch konservativ?), die eigentlich liberal denkend den Menschen eine Eigenverantwortlichkeit verordnen wollen, weil der Staat seiner Verantwortung, die Renten zu zahlen, nicht nachkommen kann oder will.

Um nochmal zu den Freiheitsbestrebungen der Aufklärungszeit zurückzukommen: Die ergeben ja nur da Sinn, wo der Monarch die ihm verliehene Verantwortung mißbraucht. Der gute König sorgt für seine Untertanen. Tut er das nicht, hat er kein Recht mehr auf sein Amt, das in der Verantwortung begründet sein soll, nicht in der Selbstbereicherung. Da der Mensch die Selbstbereicherung mehr liebt als die Verantwortung, ist die Monarchie wie alle anderen absoluten Regierungsformen abzulehnen.

Übrigens: Meine Examensarbeit schrieb ich über Adolf Stoecker, der wohl auf ähnlichen Gedanken fußend sogar die Sozialdemokraten (wohlgemerkt die des 19. Jhd.) als Liberale bezeichnete.

Den Gegenpol zu diesen „Liberalen“ bildete dann etwa kirchliche Fürsorgearbeit, die sich der Menschen annahm, die Angenommenen dann aber auch bevormundete. Zum Glück sind wir heute davon weg. Naja, im Idealfall wenigstens.

Wo auf der einen Seite die Bevormundung das Problem ist, steht auf der anderen Seite die Überforderung.

Denn ohne selbst Verantwortung zu übernehmen ist man auch nicht frei. Man wird dann, je nach Kontext zum Stimmvieh oder zur Konsummasse. Umgekehrt gipfelt Verantwortung zu übernehmen, ohne die dazu nötige Freiheit zu haben, in Bevormundung und Unterdrückung.

Und während das erstere durchaus ein Problem unserer Gesellschaft ist (Stimmvieh läßt sich wunderbar von Meinungsführern dirigieren), ist das letzte eher ein Problem repressiver Staaten. Dieses Problem wurde historisch oft durch Freiheitskriege oder Revolutionen gelöst.

Ich frage mich, ob es eine Möglichkeit geben kann, daß Bürger Verantwortung (und damit bestimmte Freiheiten) abgeben können, indem sie sagen: „Ich kann das nicht, soll sich wer drum kümmern, der sich auskennt.“ Dann müßten sie mit den Konsequenzen leben. Es stellt sich wieder das Problem der Bevormundung. Mir scheint, daß sowohl die repräsentative Demokratie (nur wer sich aufstellen läßt kann gestalten, wenn er gewählt wird, reine Wähler nicht) als auch die Liquid Democracy Versuche sind, das Problem zu lösen. Ne direkte Demokratie scheint mir dagegen wieder in Richtung Aufdrängung einer womöglich nicht gewollten Freiheit zu gehen, aber das ist nur ein erster Eindruck.

Nachdem nun das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung weitgehend dargestellt ist, wie war das nochmal mit der Toleranz?

Dazu nochmal zu den Fürsten. Die tolerierten ja in ihrer Mehrheit nicht die Freiheitsbestrebungen ihrer Untertanen, unabhängig davon, ob diese nun Verantwortung übernahmen oder nicht.

Und das mußten die Fürsten selbst verantworten. Manche wanderten dafür auch auf die Guillotine. Heißt das nun, daß man Nazis marschieren lassen soll, weil sie sonst gewalttätig wären?

Nun ja, die Frage muß sich jeder selbst beantworten. Eine eindeutige ethische Antwort wird es wohl nicht geben. Wenn zwei Parteien für sich sowohl Verantwortung übernehmen als auch die damit verbundene Freiheit ausleben, kann dies zu ziemlichen Konflikten führen. Denn während die meisten Leute wohl davor zurückschrecken würden, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß bürgerliche Freiheiten wie das Versammlungsverbot ausgehölt werden, interessieren sich andere gar nicht für solche Freiheiten, ja heißen deren Aushöhlung vielleicht gut.

Es ist auch nur ne Scheinlösung, daß man die Freiheit der anderen respektieren soll und die eigene Freiheit an der Freiheit der anderen aufhört. Wenn ein Kind mit dem Feuer spielt, greife ich ein. Wenn derjenige, der (auch im übertragenen Sinn) mit dem Feuer spielt, dann denke ich, sollte ich auch eingreifen, seine Freiheit einschränken und die Verantwortung dafür übernehmen. Bonhoeffer beteiligte sich an der Planung eines Hitlerattentats. Er war sich dessen bewußt, daß das, was er tat, eigentlich falsch war, und tat es trotzdem, weil das andere falscher gewesen wäre. Er trug die Konsequenzen. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg aufgehängt. Angeblich war der Lärm der Front schon zu hören.

Theologie

Toleranz

Das Thema des diesjährigen Themenjahres – Toleranz – kann ja mit allem und nichts gefüllt werden. Vielleicht habe ich deshalb noch nichts dazu geschrieben, denn der Begriff geht mir schon ne Weile auf die Nerven. Nicht, weil ich gegen Toleranz wäre. Aber unter diesem Begriff wird derart viel subsummiert, auch Gegensätzliches, daß ich ihn so empfinde, als ob er eigentlich für gar nichts mehr steht.

Als ich noch die Schulbank drückte kam der Film Schindlers Liste in die Kinos. Und bei einem Wandertag ging so ziemlich die gesamte Schule in ein ortsnahes Kino, um den Film zu sehen. Es war die Zeit, als man überall lesen und hören konnte, daß man doch tolerant sein solle und nicht wie die Nazis – Solingen, Mölln, Hoyerswerda und Lichtenhagen waren noch nicht lange her – sich von Intoleranz treiben lassen. So weit so gut. Ein Mitschüler hatte nach dem Film eine Frage, und zwar eine grundsätzliche:

Wenn wir tolerant sein sollen, müßten wir dann nicht auch gegen Nazis tolerant sein und sie tun lassen?

An den genauen Wortlaut erinnere ich ich nicht mehr, aber so in der Richutng war das schon: Wenn tolerant, wieso „nur“ gegen Ausländer und nicht gegen Nazis? Leider hat der Lehrer es versäumt, eine anständige Antwort zu geben, er sagte lediglich, daß es nicht so wäre. Toleranz bedeute, gegen Nazis nicht tolerant zu sein. Wieso bei den Nazis gerade nicht, sagte er nicht.

Und das finde ich auch heute noch schade. Uns war zwar allen klar, daß das so schon richtig war, aber warum das so war, wußten wir nicht. Es war halt richtig, weil wir in der entsprechenden Zeit und dem entsprechenden Umfeld aufgewachen waren. In den 1930er Jahren hätten wir so keine Argumente gegen die Braunhemden gehabt. Andere Zeit, anderes Umfeld, und wir hätten nach dem Verständnis mitlaufen müssen…

Das Problem ist die Unterscheidung zwischen Toleranz und Relativismus. Ja, genau, Relativismus, dieses Schreckgespenst, das Papst em. Ratzinger immer heraufbeschwor – mit einem gewissen Recht, wie ich meine.

Auf dem Blog von Sofia Esteves hab ich jetzt nen Artikel zur Toleranz gesehen, dessen Titel mir nen neuen Gedaken gab. Toleranz ist nicht das Ziel, schreibt sie. Sie meint, Toleranz sei nur ein Zwischenziel zum wirklich Guten.

Ich würde es nochmal anders formulieren: Toleranz ist eine Methode, mit der wir zu unserem Ziel – mal dahingestellt, wie das genau aussieht – kommen. Und vielleicht, nein, wahrscheinlich, ist es nicht die einzige und nicht die letzte Methode.

Wenn ich sehe, wie andere gequält werden, verbrennen, dann kann ich nicht tolerant danebenstehen. Dann muß ich handeln. In erster Linie, indem ich den Angegriffenen helfe, in zweiter Linie, indem ich den Angriff unterbinde, indem ich den Angreifer sebst angreife.

Eine universelle Toleranz, eine absolute Toleranz, das wäre der Horror. Wenn man etwa Nazis tolerieren müßte, wenn sie Asylantenheime anzünden. Das müssen wir nicht und das dürfen wir rein rechtlich auch nicht (wenn jemand von Euch Jurist ist, berichtige er mich).

Freilich ist es eine Sache der Abwägung, wie weit man mit seiner Toleranz gehen kann, und wann man einschreitet. Manche Menschen haben keine Toleranz für Naziaufmärsche. Prinzipiell. Andere sagen, diese seien so lange durch die bürgerlichen Freiheiten gedeckt, wie die Nazis keine verfassungswidrigen Symbole zeigen oder volksverhetzenden Sprüche und Reden bringen. Also: So lange sie sich an gültiges Recht halten. Man mag das nicht schön finden (ästhetisch ist es jedenfalls nicht), aber man müsse es ertragen. Tolerieren. Ich würde dem zustimmen.

Allgemein denke ich, daß die Toleranz ihre Grenzen bei der Verantwortung findet. Das jeweilige Handeln, um das es geht, hat gewisse Folgen, ob es nun ein Aufmarsch oder ein Brandanschlag ist. Und insofern ich durch intolerantes Handeln etwas an den Folgen ändern kann, sollte ich es tun, wenn ich die Folgen nicht mehr verantworten kann. Grob gesagt.

Das hat dann auch je nach Umstand verschiedene Grenzen. Wenn die Folgen nur mich betreffen, kann ich womöglich viel mehr Schaden verantworten, ich bin ja ein selbstbestimmter Mensch, als wenn der Schaden anderen droht. So konnte Jesus, wir haben ja grad Ostern, an Karfreitag sogar Folter und Tod in Kauf nehmen, weil es In betraf, während Er vorher, wo es um andere ging, noch zur Geisel griff und die Händler aus dem Vorhof der Heiden jagte – die sogenannte Tempelreinigung.

Nun mag mancher sagen, er könne es nicht verantworten, daß Nazis marschieren. Allerdings muß derjenige dann auch die Meinung vertreten, daß er bei allen anderen Demonstrationen die Verantwortung für deren Folgen trägt und sie mitunter hätte verhindern müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich besonders viele Menschen diesen Schuh anziehen würden.

Trotzdem: Alle Probleme sind damit nicht gelöst. Womöglich schreibe ich irgendwann mal einen Artikel zum Thema Verantwortung. In der Lutherdekade gibt es da leider kein Themenjahr zu. Jedenfalls ist mir der Artikel auf dem alten Blog nicht grundsätzlich genug, er reißt das Thema leider nur an.