Gesellschaft

Wer leichter glaubt wird schwerer klug

Ein alter Freund hat mir vor kurzem einen Videolink geschickt mit den Worten: „Unrecht hat er nicht…“

In diesem Artikel will ich mich mit dem Video befassen, nach einer kurzen Einordnung.

Der Herr der da spricht heißt Philipp Möller und ist einer der Funktionäre der Giordano Bruno Stiftung (gbs), gegründet von Herbert Steffen, einem enttäuschten Fundamentalisten (ich beziehe mich hier auf den taz Text, nach dem er die Bibel wortwörtlich verstand wie protestantische Fundamentalisten, für römische Katholiken eigentlich ungewöhnlich), der früher viel Geld in die römisch katholische Kirche steckte und seit seiner Konversion „Kirchenkritiker“ wie Deschner unterstützt, neben der gbs mit ihren ganzen Aktionen.

Die gbs sieht sich als Interessenvertretung der religionsfreien Menschen in Deutschland, was bezweifelt werden kann, da die große Mehrheit der Religionslosen eben nicht Mitglied der gbs ist. Trotzdem erfahren sie durch geschickte Medienarbeit und ihre finanziellen Möglichkeiten große Aufmerksamkeit.

Zur Rede von Herrn Möller:

Er beginnt seine Rede schon mit einem Angriff auf die Person Mattussek:

Wer leichter glaubt wird schwerer klug.

Nun muß man Herrn Mattussek nicht mögen, aber dieser Satz zeigt deutlich den Modus an, in dem Herr Möller spricht: Von oben herunter, belehrend (als Pädagoge sollte er das anders können und nicht auf dem Stand von 1900 verharren) und auf Effekt getrimmt. Inhalt kann vernachlässigt werden, denn was ist der Inhalt: Gläubige Menschen sind dumm? Dafür bringt er keinen Beleg. Muß er auch nicht, er setzt auf die Emotion, den rhetorischen Effekt, der klar machen soll: Der Katholik Mattussek ist schon wegen seines Glaubens blöd, der Atheist Möller ist jeodh klug, denn er hat den Glauben hinter sich gelassen.

Dann zählt er auf, warum es leicht ist, Religionskritiker zu sein:

  1. Weil es „absurd“ sei, an einen Gott zu glauben, weil man sein Gegenteil nicht beweisen kann.
  2. Weil man weltweit beobachten kann, wie die Religion Menschen spaltet mit dem Denken „Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen“. So entstünden nach Möller Kriege oder würden begünstigt.
  3. Weil sie (also die „Kirchenkritiker“) so viele Vordenker hätten. Er nennt Darwin, Nietzsche, Marx, Feuerbach und Kant.
  4. In letzter Zeit hätte sich der Job des Kirchenkritikers von alleine gemacht, angesichts der „massiven Vertuschung“ bei den Mißbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen.

Dem gegenüber stünden Gründe, wieso es schwer sei, „Kirchenkritik“ zu betreiben:

  1. Weil Kirchenleute mit staatlichen Mitteln rhetorisch ausgebildet werden. Er meint das Theologiestudium.
  2. Weil Menschen, die „erfolgreich indoktriniert wurden“ sich selbst immunisieren würden und auf „Kritik“ beleidigt reagierten.
  3. Weil Politiker uns weismachen würden, wir genießen hier die Werte des christlichen Abendlandes, obwohl Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegen Religionen erkämpft werden mußten.
  4. Wegen der Caritas Legende: Kirchen würden so viel Gutes tun. Caritas und Diakonie würden allerdings nur zu 1,8% von den Kirchen finanziert, der Rest kommt aus der öffentlichen Hand.

Allerdings sei der Job (des „Kirchenkritikers“) „bitter nötig“, solange

  1. religiöse Gruppierungen meinen, im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein
  2. Bistümer von Steuergeldern finanziert, aber nicht demokratisch, sondern vom Vatikan gesteuert werden
  3. wir „Berufschristen“ dafür bezahlen, Homosexualität als Sünde bezeichnen, die wider die Natur ist.
  4. wir die nötige Kritik am Islam als islamophob oder rassistisch abtun

solange kann und muß, nach Möller, Religion kritisiert werden.

Seine Alternative lautet Aufklärug und Humanismus. Diese hätten drei Stützpfeiler:

  1. Wissenschaft, um Erkenntnis über die Welt zu erlangen
  2. Philosophie, um diese Erkenntnisse zu deuten
  3. Kunst, um dem Wunsch des Menschen nach Kreativität und Lebensfreude gerecht zu werden.

Er fordert, daß Religion Privatsache sein soll, was für ihn bedeutet: politische, jurristische und finanzielle Trennung vom Staat.

Er fordert eine Ethik, die sich an den Interessen des Menschen und aller anderen Tiere orientiert statt einer gottgefälligen Moral.

Dann bringt er noch ein paar Schlagwörter: Diesseits statt Jenseits, Heidenspaß statt Höllenqual und beschließt das ganze wieder mit einer Abwertung der Religion als „Mythologie, die von einer primitiven Hirtenkultur entwickelt wurde“.

Hat er Recht?

Der Einfachkeit halber, gehe ich an der Rede entlang. Dadurch können sich Dinge wiederholen, allerdings ist es für mich so einfacher und schneller zu schreiben. Es wird nicht jeder von Herbert Steffen fianziert und hat sonst nix zu tun, als solche Reden zu halten.

Zu den Punkten, warum es angeblich einfach ist, Religionskritiker zu sein:

Als ersten Punkt nennt er den, daß es absurd ist, an etwas zu glauben, weil das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Ich frage mich, ob ich in meinem Leben je einen Christen oder sonst einen Gläubigen getroffen habe, des deshalb an Gott glaubt, weil das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Der Glaube an Gott ist kein Für-Wahr-halten. Glauben im christlichen Sinn ist ein Vertrauen, kein Für-Wahr-halten. Man vertraut auf etwas, ob man es nun beweisen kann oder nicht. Beweise, Belege, Begründungen sind in den Naturwissenschaften wichtig. Und darauf baut Möller, das ist in unserer aktuellen Kultur Common Sense, daß alles irgendwie bewiesen sein muß.

Dem ist nicht so. Vieles verstehen wir nicht, vieles können wir nicht erklären, und gehen trotzdem damit um. Um Auto zu fahren muß ich nicht verstehen, wie ein Motor funktioniert. Ich vertraue darauf, daß das schon geht. Wenn nicht, geh ich zum Mechaniker wiel ich darauf vertraue, daß der es reparieren kann.

Ob er das kann, weiß ich nicht. Letztendlich ist es für den, der das Auto nutzen will auch egal, ob der Mechaniker das Auto nun mit Ersatzteilen oder dem Elderstab und seinen Kenntnissen aus den Hogwarts Filmen repariert. Hauptsache, es läuft am Ende.

Dabei sind Autos noch relativ nachvollziehbar. Wie sieht es aber mit Computersoftware au? Millionen nutzen auf ihren Rechnern und Mobilgeräten Software, deren Funktionsweise sie nicht kennen und nicht nachprüfen können. Sie vertrauen darauf, daß die Programme das tun, was der Hersteller vorgibt und sind sauer, wenn das nicht so gut läuft. Ob und was die Programme sonst noch tun, weiß der Anwender nicht. Aber er vertraut darauf, daß schon alles seine Richtigkeit hat.

Christen glauben an Gott, weil sie ihn erlebt haben. Sie deuten die Wirklichkeit anders als Atheisten. Sie haben eine andere Philosophie, die nicht auf materialistischen Fragen von Existenz und Nichtexistenz aufbaut, sondern auf Beziehung, Vertrauen und anderen existenziellen Werten.

Für Möller ist das offenbar nicht nachvollziehbar, und das ist okay. Aber dann soll er doch bitte keine Strohmänner aufbauen.

Der nächste Punkt, den er bringt ist, daß angeblich Religionen Menschen salten würden in die und wir, und daß damit Kriege begründet oder mindestens begünstigt werden.

Mein Eindruck ist, wenn man in die Geschichte schaut, daß Religion oft als Grund für Kriegsführungen mißbraucht wurde. Dazu bedient sich derjenige, der einen Krieg will, durchaus der wir gegen die Rhetorik, die er bei Religionen ausnutzen kann. Nur sind solche Strukturen nicht auf Religionen beschränkt, sie sind allgemein menschlich. Möller baut ja selbst so eine wir-die Struktur auf, indem er zwischen Gläubigen und Atheisten unterscheidet und die Gläubigen so hinstellt, als würden sie auf viele Weisen bevorzugt, während die Atheisten marginalisiert würden. Auch damit ließen sich Kriege begründen. Unreligiöse Ideologien haben regelmäßig zu Kriegen geführt, die mit einer wir gegen die Struktur begründet wurden. Wahrscheinlich liegt das allen Kriegen zu Grunde: Wir gegen die. Religionen begünstigen hier nichts. Wenn es nicht die Religion ist, ist es die „Rasse“, die „Freiheit“ oder „das Volk“, für das man in den Krieg zieht. Die Mächtigen haben eine große Auswahl. Sie werden immer das nutzen, womit sie die meisten Menschen mobilisieren können.

Religionen haben übrigens auch Anteile, die genau dieses Denken bremsen, wenn sie es auch nicht ganz verhindern können. Dem wir gegen die des Rassismus in den USA trat Martin Luther King mit dem christlichen Glauben entgegen. Dem wir gegen die der Bush-Kriege trat der Papst und Bushs eigene Kirche entgegen. Dem wir gegen die der Nazis trat die Bekennende Kirche entgegen. So einfach, wie Möller die Welt gerne hätte, ist sie nicht. Freilich, er behauptet Dinge, die oberflächlich so gesehen werden können, aber eben nur oberflächlich. So macht man Stimmung, so lenkt man Emotionen.

Als Drittes nennt er verschiedene „Vordenker“ und läßt etwa unter den Tisch fallen, daß Darwin Theologie studiert hatte und zwischen seinen Forschunsgergebnissen und der Religion keinen Widerspruch sah. Und Kant hat vielleicht die bekannten Gottesbeweise widerlegt und sich für die Unmöglichkeit eines Gottesbeweises ausgesprochen, war aber sicher kein Atheist. Die anderen Personen haben durchaus Kirchenkritik (ohne Gänsefüßchen) betrieben, aber deren Argumente sind heutigen Theologen bekannt und sie teilen sie großteils. Wenn Marx sich dagegen ausspricht, die Menschen mit Hilfe der Religion zu unterdrücken, steh ich voll auf seiner Seite. Daß Marx wahrscheinlich an keinen Gott glaubte, stört mich dabei weniger. Nur wie sehr verfängt denn die Marx’sche Kritik heute? In unserer heutigen aufgeklärten Welt, wer wird denn noch von der Kirche dumm und in Abhängigkeit gehalten? Die Kritik war gut und wichtig, als sie angebracht wurde. Und es ist gut und wichtig, sich daran zu erinnern. Es ist aber keine Kritik, die man heute einfach so wiederholen kann als sei die heutige Kirche die des 19. Jahrhunderts. Würde Möller konkret Unterdrückte benennen, könnte man sich zusammen setzen und drüber reden, wie wir das ändern. Aber darum geht es ja nicht. Zu den anderen Personen könne man ähnliches sagen.

Als letzten Punkt für die Einfachkeit der „Kirchenkritik“ nennt Möller die Vertuschung im Umgang mit dem Mißbrauch, und da muß man ihm Recht geben. Das ist ein konkreter Mißstand, an dem etwas geändert werden muß. Ich erlebe in meiner Kirche, daß es da eine Sensibilität gibt. Inwieweit die besser ist als früher kann ich nicht sagen, da ich da noch nicht in der Kirche gearbeitet habe.

Würde Möller sich auf diesen Punkt konzentrieren und sich an einer Debatte zur Verbesserung der Situation beteiligen, das wär ne Sache. Aber sein Ziel ist hier nicht ein Ende des Mißbrauchs in der Kirche, sondern ein Ende des Mißbrauchs durch ein Ende der Kirche.

Kommen wir zu den schweren Punkten und da nennt er, ich mußte fast lachen, das Theologiestudium als staatlich finanzierte Ausbildung in Rhetorik. Nun, er als Nichttheologe beweist ein durchaus erhebliches rhetorisches Geschick. Wie gesagt, er schneidet viele emotionale Punkte an, ohne viel Inhalt zu bringen und punktet damit. Ich weiß nicht wie es im Pädagogikstudium ist, aber im Theologiestudium kommt Rhetorik kaum vor. Eine Schulung habe ich darin nicht erfahren, das muß man sich als Theologe andernorts holen, wenn man das will. Ebenso wie auch Herr Möller. Daß das Studium der Theologie vom Staat finanziert wird, stimmt. Aber das gilt ebenso für das Studium der Pädagogik, das er genossen hat, und das er nun einsetzt in seiner Rhetorik für die gbs und gegen die Kirchen. Gleiches gilt für Ingenieure, Betriebswirte und hunderte andere Studiengänge. Allerdings werden die theologischen Fakultäten auch von den Kirchen mitfinanziert. Der Staat steht hier nicht alleine im Obligo. Im Vergleich zu anderen Fakultäten, macht er hier ein Plus.

Der zweite Punkt ist der mit der Indoktrination. Auch dieser Punkt kann in beide Richtungen ausgelegt werden. Im Grunde unterstellt er aber nebenbei Andersdenkenden, indoktriniert worden, also nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein, weshalb ich das jetzt nicht weiter ausführen will, weil ich diese Prämisse nicht annehmen möchte.

Im dritten Punkt geht es um die Erkämpfung verschiedener Rechte gegen die Religionen. Hier sollte Herr Möller noch einmal in ein Geschichtsbuch sehen. Diese Rechte wurden in der Neuzeit erkämpft. In einer Zeit, als die Macht der Kirche weitgehend gebrochen war und die absolutistisch regierten Nationalstaaten die Macht in den Händen der weltlichen Fürsten bündelte. Die Französische Revolution richtete sich in erster Linie gegen die Monarchie, nicht gegen die Kirche. Einen Anfang nahmen die Freiheitsrechte übrigens bei einem bekannten Mönch, der an seinem Glauben auch gegen Papst und Kaiser festhielt und einem 30 Jahre währenden Krieg, den die gbs nicht zögern würde als einen der durch die Religion begründeten Kriege zu bezeichnen. Am Ende dieses Krieges standen weitreichende Freiheitsrechte, was den Glauben angeht, mithin Grundstein für weitere Freiheitsrechte und erfochten nicht gegen Religion, sondern unter den damaligen Religionen. Nebenbei ging es natürlich um Macht.

Anders gesagt: Ohne die Religionen und ihren Konflikt untereinander wäre es zur Religionsfreiheit nicht gekommen und damit wohl auch nicht zu all den anderen Freiheiten, die folgten, wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Menschenrechte. Was die Glechstellung von Mann und Frau angeht sehen wir ja gerade, wohin der Laizismus führt, wenn in Frankreich Männer tragen können, was sie wollen, wenn sie am Strand sind, während Frauen mitunter genötigt werden, sich zu entblößen. Schöne Gleichberechtigung.

Der letzte Punkt, die „Caritas-Legende“. Ich frage mich, wo Möller seine Zahlen her hat. So weist das Kindertagesstättengesetz von Rheinland-Pfalz einen Personalkostenanteil des Trägers zwischen 5% und 15% aus, je nach Gruppenanzahl, -größe und Ausrichtung. Außerdem sind die Sachkosten vom Träger zu zahlen – wobei man sehen muß, daß es hier oft Verträge mit der Kommune gibt, die sich je nach dem beteiligen – allerdings ist deren Geld auch knapp.

Sicher ist es möglich, daß durch Krankenhäuser und andere Einrichtungen der Schnitt noch sinkt, allerdings scheint mir 1,8% doch relativ klein. Leider nennt Möller keine Quelle. Umgekehrt müßte man aber einmal fragen, wer für diese 1,8%, wenn es wirklich so wenig ist, aufkommt? Und ob dies nicht doch die Allgemeinheit entlastet. Die gleichen Bedingungen haben übrigens auch alle anderen freien Träger. Möller könnte sich also ebenso hinstellen und behaupten, das Rote Kreuz oder die AWO würden nichts Gutes tun. Das behauptet er nicht. Wär auch nicht populär. Der Kirche kann man es, um des Effektes Willen, unterstellen.

Nötig sei die Religionskritik, solange Gruppen meinen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, meint Möller. Ich möchte ihm da widersprechen. Kritik ist immer nötig und gut, denn ohne Kritik kann man nichts verbessern. Dann aber bitte auch Kritik, und keine Stimmungmache mit platten, populären Behauptungen, die sich auf den ersten Blick vielleicht richtig anhören und Emotionen ansprechen, aber in der geäußerten Form kaum haltbar sind. Mir steht kein Fall vor Augen, in dem die gbs Kritik in konstruktiver Form geäußert hätte. Es geht immer um das Destruktive, wie es die Ideologie der gbs vorgibt.

Als nächstes spricht er die Staatsleistungen an und meint, Bistümer würden vom Staat finanziert. So ist es nun nicht. Nicht die ganzen Bistümer, sondern der Bischof und evtl. weitere Körperschaften am Bistumssitz werden finanziert, und zwar aufgrund alter Verträge. Diese Verträge sollen seit der Einführung der Weimarer Verfassung abgelöst werden. Nur bremst hier der Staat. Nicht, weil er so kirchenfreundlich wäre, die Kirchen hätten mit der Ablösung kein Problem, wie sie bereits äußerten. Sondern weil es teuer würde.

Im Grunde geht es darum, daß der weltliche Staat vor langer Zeit große Gebiete und Rechtsansprüche von kirchlichen Körperschaften übernahm und sich dafür verpflichtete, die Fianzierung kirchlicher Belange selbst zu übernehmen, weil die Kirchen dies nun nicht mehr konnten. Das ist im Groben auch heute noch der Stand. Eine Ablösung wäre eine Entschädigungszahlung von den Ländern an die Kirchen. Das wollen die Länder nicht, wiel es teuer würde, viel teurer als die Finanzierung von einer Hand voll Bischöfen.

Jetzt kommen einige gbs Fanboys und sagen, man habe ja bereits lange genug gezahlt an die Kirchen, jetzt sei gut und man könne die Zahlung ja einfach absetzen. Aber was hätte China gesagt, wenn die Briten einfach Hong Kong behalten hätten – ohne Pacht gezahlt zu haben? Eben. Gültige Verträge sind einzuhalten, das ist ein grundlegendes rechtliches Prinzip. Wäre dem nicht so, bräuchte man keine Verträge zu schließen. Wenn hier also Kritik geübt wird, dann doch bitte an die richtige Stelle wenden, an den Staat. Denn die Kirchen können hier nichts ändern. Sie sind der staatlichen Gesetzgebung genau so unterworfen, wie jeder von uns.

Der nächste Punkt waren die „Berufschristen“, die „wir“ dafür bezahlen, Homosexualität als Sünde wieder die Natur zu bezeichnen.

Nun, man kann diese Einstellung freilich kritisieren, das passiert mitunter auch innrhalb der Kirche – und viel deutlicher als von der gbs. Aber ob jemand ein „Berufschrist“ ist, sollte keinen Einfluß haben. Und wer ist dieses „wir“, der den bezahlt? Sicher nicht die gbs. Auch nicht der Steuerzahler. Die Pfarrbesoldung wird aus den Einnahmen bestritten, also vor allem Kirchensteuermitteln. Und Möller gehört sicher nicht zum „wir“ der Kirchensteuerzahler.

Nebenher gesagt: Es wird auch kein „Berufschrist“ dafür bezahlt, genau das zu sagen. Manche haben den Auftrag zur Verkündigung. Die besteht aber nicht im Kern aus Homophobie – weder bei Katholiken noch bei Protestanten!

Und dann komm noch der Satz mit der Islamophobie. Dazu nur kurz ein paar Worte: Kritik ist immer gut und nötig, wie schon geschrieben. Allerdings hat die gbs mit ihren Veröffentlichungen und in ihnen nahe stehenden Internetauftritten „Islamkritik“ in einer Weise betrieben, die einer Abwertung gleich kommt und ein Stück weit auch den Boden bereitet hat für Pegida und AfD. Mir ist hier noch keine Distanzierung bekannt in dieser Hinsicht. Und da muß es dann auch einmal gestattet sein, die Frage zu stellen, ob die gbs gbs-Kritik betreibt, so wie Kirchenvertreter Kirchenkritik betreiben und gut heißen? Gerade in Hinblick auf den Bezug auf die Aufklärug täte es der gbs IMHO gut, hier aktiv zu werden.

Ja, Religion muß kritisiert werden. Aber nicht, weil Religionsanhänger anders denken als Möller – um seine Punkte mal in einen zusammen zu fassen, sondern weil Kritik (ohne Gänsefüßchen) grundsätzlich eine gute Grundhaltung ist – gegenüber allen Institutionen.

Was er als Alternative anbietet, Aufklärung und Humanismus, ist keine, denn das gibt es ebenso in den Religionen. Auch die „Stützpfeiler“ kommen dort vor. Das angebliche Rhetoriktraining ist ein wissenschaftliches Studium, das die gleichen Methoden anwendet, die andere Wissenschaften anwenden, das diese Methoden teilweise sogar entwickelt hat, die dann später von anderen Wissenschaften – der Geschichte, den Sprachen, der Literatur, übernommen wurde. Auch Philosophie spielt eine Rolle im Theologiestudium und gerade Kunst hat in der Kirche einen hohen Stellenwert. Wer je eine Kirche betreten hat oder eine Bachmesse hörte, hat es selbst erfahren. Dagegen sehe ich wenig künstlerische Aktivität im Umfeld der gbs. Vielleicht liegt es aber auch an mir.

Kommen wir zu den abschließenden Phrasen, denn etwas anderes ist es nicht:

Trennung der Religion in juristischer, fianzieller und politischer Hinsicht vom Staat. Mir ist nicht klar, was er damit meint. Daß Religionsangehörige nicht mehr staatlich belangt werden können? Das wohl kaum. Daß Religionsangehörige vor den Gesetzen gleich sind? Das ist der Fall. Wie gesagt, eine Phrase, ebenso wie die von Höllenqualen und Heidenspaß. Wollte man seine holzschnittartige Darstellung des Religiösen teilen, dann sind das ja eben gerade keine Alternativen. Nach diesem fundamentalistischen Verständnis (das er offenbar für DIE Religion hält, womit dann klar ist, warum alle Religiösen zu Fundamentalisten werden) folgen auf den Heidenspaß ja die Höllenqualen, aber es hört sich halt gut an.

Zum Abschluß muß ich dem Herrn noch einmal einen Blick in die Geschichtsbücher empfehlen. Das römische Reich, auch der hellenistisch geprägte Osten desselben, war keine primitive Hirtenkultur. Das war Hochkultur. Die selbe Hochkultur, die die griechischen Philosophen hervorbrachte – und die attische Demokratie, die man doch sonst in neoatheistischen Kreisen so hoch hängt. Hier geht es wiederum nur um Abwertung, um die Emotion, darum, sich besser und intelligenter zu fühlen als „primitive Hirten“. Wie arm. Und was für ein Zeugnis für den Geist der Aufklärung und des Humanismus, den Herr Möller vertritt.

Tja Herr Möller, si tacuisses, philosophus manisses. Oder auch nicht.

Theologie

Predigtkommentar

Predigen ist eine gefährliche Sache. Viele Menschen hören einem zu und glauben das, was man sagt. Als Prediger hat man eine gewisse Autorität, manches wird ungeprüft geglaubt, weil es „der Herr Pfarrer“ sagt.

Es ist nicht verkehrt, sich das als Prediger bewußt zu machen und ich bin mir bewußt, daß auch ich in meinen Predigten immer wieder in diese Gefahr komme und in die Falle tappe. Ich bin, wie alle anderen Menschen auch, ein Sünder.

Christina machte mich in einem Kommentar auf diese Hörpredigt aufmerksam (leider habe ich keinen Link zum geschriebenen Text). Mein Eindruck ist, daß der Prediger gut auch gute Absichten haben kann, ich denke aber ebenso daß er seine Gemeinde verführt (und zwar schon durch die abwertenden Sprache, die er zum Teil benutzt, um die Flüchtlinge zu bezeichnen; es kommt mehrmals der Begriff „Horden“ etc).

Ich möchte diesen Blogartikel benutzen, um in brüderlicher Verbundenheit auf ein paar Probleme hizuweisen, die mir beim einmaligen Hören der Predigt (den Text vorliegen zu haben würde es mir hier freilich einfacher machen) aufgefallen sind. Am Ende muß sich freilich jeder selbst ein Bild machen, den vor Gott werden wir dereinst alleine stehen, ohne uns auf einen Papst oder Lieblingsprediger berufen zu können.

Ich habe mir beim Hören Notizen gemacht und werde darauf antworten. Das wird leider sehr bruchstückhaft sein. Ich möchte entscheidende Aussagen der Predigt überprüfen und mein jeweiliges Ergebnis vorstellen.

Der Prediger stimmt der Aussage zu, daß Christen alle Menschen lieben, fragt aber, ob dies bedeutet, daß wir alle Menschen in Deutschland aufnehmen müssen, die kommen. Darauf antwortet er mehrfach, zuerst mit einem Beispiel:

Ein Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche soll 200 Flüchtlinge aufnehmen, weil der Hausbesitzer sie alle liebt. Er stellt fest, daß die 200 Menschen zwar in das Haus hinein passen würden, daß es aber schnell zu Chaos führen würde, weil es doch zu wenig Platz zum Leben ist, und spätestens wenn weitere 500 Flüchtlinge ins Haus wollen, geht gar nichts mehr.

Das Beispiel ist sehr anschaulich, es ist nachvollziehbar, und es ist Quatsch. Nachvollziehbar ist es, weil es tatsächlich irgendwann dazu kommt, daß eine bestimmte Fläche zu viele Menschen beherbergen muß. Quatsch ist es, weil die Menge der Flüchtlinge pro m² in Deutschland nicht annähernd den Wert auch nur erreichen kann, der im Beispiel angenommen wird.

Wenn ein Haus 100m2 hat und darin 4 Personen (Papa, Mama, Sohn, Tochter) leben, dann hat jeder 25m². Wenn 200 Personen in dem Haus leben, sind das pro Person nur noch 1/2 m².

2013 standen in Deutschland pro Person im Durchschnitt 45m² zur Verfügung. Bei 80 Mio. Menschen. Um auf 1/2 m² wie im Beispiel mit dem Haus zu kommen, müßten 90 Mal (45:90=1/2) so viele Menschen hier wohnen, also 89 x 80 Mio. = 7,12 Mrd. Flüchtlinge hierher kommen. Das wäre fast die ganze Weltbevölkerung! So viele Menschen kommen sicherlich nicht, auch nicht in den nächsten 100 Jahren! Und es geht auch nur um den momentan (bzw. 2013) bestehenden Wohnraum. Wenn mehr Wohnungen gebaut werden bzw. leerstehende Wohnungen wieder genutzt werden, dann müßten noch mehr Menschen hierher kommen, um auf den 1/2 m² zu kommen, den der Prediger in seinem Beispiel bringt.

Ergebnis: Er übertreibt maßlos und provoziert damit Ängste. Zuletzt war die Rede von 1 Mio. Flüchtlingen pro Jahr. Sind wir einmal großzügig und gehen wir von 5 Mio Flüchtlingen pro Jahr in den nächsten 10 Jahren aus, dann wären das 50 Mio Flüchtlinge zusätzlich zu den 80 Mio. Einwohnern. Und gehen wir der Einfachkeit davon aus, daß niemand in der Zeit stirbt und keine neuen Wohnungen gebaut werden (was Unsinn ist, weil immer neue Wohnungen gebaut werden).

Dann hätten wir 130 Mio Menschen auf den 3,6 Mrd m² Wohnfläche (80 Mio. Einwohner x 45m² pro Einwohner 2013), das ergäbe dann 27,69m² pro Person. Imer noch mehr als in der „guten alten Zeit“ 1965, als jedem im Schnitt 22,3m² zur Verfügung standen.

Und es ist immer noch mehr als zur Verfügung steht, wenn in dem genannten Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche zwei Erwachsene mit zwei Kindern wohnen.

Das sollte deutlich zeigen, in welche unverantwortlicher Weise hier Ängste geschürt werden. Ja, die Flüchtlinge leben derzeit in den Heimen auf engem Raum und das führt zu Unruhe, mitunter auch zu Gewalt. Es wäre aber ein leichtes, hier einfach neue Ressourcen zu schaffen. Im Moment mag es überall knirschen, aber wenn es drauf ankommt können auch schnell neue Gebäude gebaut werden, man muß es nur wollen.

Der Prediger sagt, jeder denkende Christ müßte auch ohne Bibel sehen, daß der Zuzug Chaos bedeute und der Teufel sich ob des Chaos die Hände reibe. Nun, ich erinnere mich ohne Bibel daran, daß man das Böse mit Gutem überwinden soll und daß der Teufel und das Chaos nicht vor der Liebe bestehen werden. Zumal wir im Zweifel unser Kreuz auf uns nehmen und keine Angst haben sollen, auch wenn uns Leiden vorausgesagt sind.

Nun sagt der Prediger, daß die Nächsten- und Feindesliebe ja ganz toll sei, daß aber diese in den persönlichen Bereich gehöre, aber nicht in die Politik, sie gelte also nicht für den Staat resp. das ganze Volk.

Mich erinnert diese Unterscheidung ein wenig an die Eigengesetzlichkeit, die lutherische Theologen aufgrund der Zwei-Reiche-Lehre machen zu können meinten. Die ist liberale Theologie at its  best (und das in der Predigt eines freikirchlichen Predigers!) und hat uns im letzten Jahrhundert die theologische Rechtfertigung des NS Staates eingebracht – heute sollte klar erkennbar sein, daß es sich hier um eine Häresie handelt!

Mit dieser Differenzierung zwischen Politik und privatem Bereich, in dem alleine Feindes- und Nächstenliebe gelten soll kommt der Prediger dazu zu sagen, daß all die Forderungen von Liebe gegenüber Nächsten und Fremden nicht bedeuten, daß ein Volk Fremde aufnehmen solle.

Im NT habe die Gemeinde keine politische Macht gehabt, deshalb sei es auch immer um den persönlichen Breich gegangen und nicht um die Politik. Um die ginge es dagegen im AT.

Dem würde ich sogar zustimmen, das AT hat in viel größerem Maße auch die Staats- oder Gesellschaftsebene im Blick als das NT. Allerdings – und da begeht der Prediger den Kategorienfehler, den er anderen vorwirft – wird im AT eine Theokratie beschrieben, und kein moderner Rechtsstaat. Wie dieser funktioniert finden wir nicht direkt in der Bibel. Auch wie eine Demokratie funktioniert steht dort nicht geschrieben. Trotzdem macht er Rechtsstaat und Demokratie stark, als positive Gegenbeispiele zur Theokratie, die der Islam angeblich fordere. Nun, wenn man in die Bibel, speziell ins AT sieht, dann ist es dort eben auch die Theokratie und nicht die Demokratie, die gefordert wird.

Er gesteht zwar ein, daß man das AT nicht 1:1 übertragen könne, daß es aber doch Vorbildfunktion hätte. Allerdings würde ich anfügen, daß man dabei aufpassen muß, was man überträgt: Die Theokratie, die er offenbar auch nicht will (sonst würde er den Islam dafür kaum kritisieren können), oder die Forderungen Gottes, die auch für ein demokratisiertes Volk im Rechtsstaat gelten?

Mit Verweis auf Röm 13 (komischer Weise NT) und andere Bibelstellen hält er fest, daß der Staat dem Bösen nicht freien Raum lassen dürfe. Allerdings fordert das auch niemand. Keiner fordert, das staatliche Gewaltmonopol (das Schwer in Röm 13) abzuschaffen. Ein Flüchtling unterliegt den gleichen Gesetzen wie wir und für deren Einhaltung ist ebenso die Polizei zuständig. Falls dies nicht geschieht, ist das ein Grund, unsere Polizei besser auszustatten oder sie dazu anzuhalten, ihre Arbeit zu erledigen, es spricht aber nicht dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Der Prediger sagt, daß der Staat die Pflicht habe, sein Volk vor dem Bösen mit Gewalt zu schützen. Dem würde ich gr nicht einmal widersprechen. Allerdings frage ich mich da: Was ist das Böse? Sind das Menschen? Gab es da nicht einmal die Unterscheidung zwischen Person und Tat im Christentum: Liebe den Sünder, hasse die Sünde?

Die Flüchtlinge sind ja nicht per se böse. Womöglich gibt es Flüchtlinge, die Böses tun. Dafür ist die Polizei da, dafür trägt die Obrigkeit das Schwert, wie Paulus feststellt. Damit ist dann aber auch alles gesagt in der Sache.

Den Kern seiner Predigt machen die Passagen zur Unterscheidung von Fremdling und Fremder aus. Der Fremdling, nach dem Prediger ein Proselyt, hebr. als Ger bezeichnet, sei ein Mensch, der den jüdischen Glauben angenommen habe und folglich als Einheimischer, als „Jude mit Migrationshintergrund“ zu behandeln sei: Ohne Unterschied zu anderen Juden.

Der Fremde hingegen, der die Gebräuche des Landes nicht annehme, sei eher als Feind zu behandeln. Für ihn gelten auch diverse soziale Leistungen nicht. Zu diesem hielte Israel deutliche Distanz.

Zu den Begrifflichkeiten verweise ich einfach auf zwei Artikel im Wibilex:

Proselyten (AT)

Fremder (AT)

Das Problem hier ist, daß Israel im AT nicht nur eine religiöse Gemeinschaft wie die Kirche bezeichnet, sondern eben auch einen Staat, der theokratisch-monarchisch regiert wird.

Wenn wir die Theokratie nicht wollen, dann müssen wir alles aussondern, was theokratische Forderung ist. Und theokratisch sind vor allem die Forderungen nach Reinheit des Volkes vor anderen Religionen.

Die freiheitliche Demokratie, in der wir leben, kann keine Religionen ausschließen wie es die altisraelitische Theokratie konnte. Heute könnte niemand mehr auf staatlicher Ebene etwas dagegen sagen, daß Salomo seinen Frauen einen Götzentempel baut. Das sind heute Fragen der privaten Frömmigkeit, also des Bereichs, in dem laut dem Prediger auch Nächsten- und Feindesliebe gelten.

Die abweisende Haltung den Fremden gegenüber haben wir dabei durchaus auch: Wer keinen deutschen oder europäischen Paß hat, gilt hier als Ausländer und hat, wenn er nicht ein Aufenthaltsrecht hat, sehr wenige Rechte. Er kann hier Urlaub verbringen oder zu einem Geschäftstermin kommen, aber viel mehr geht nicht. Er darf hier nicht ohne weiteres wohnen und er darf nciht ohne weiteres eine Arbeit annehmen.

Von den Fremdlingen wurde im AT verlangt, daß sie die Bräuche der Israeliten annehmen – dafür wurde ihnen laut dem Prediger (im Wibilex liest sich das ein wenig anders) die volle Gleichstellung zugebilligt. Damals umfassten diese Bräuche auch die Religion.

Im freiheitlichen Rechtsstaat (und um den geht es ja bei uns, wir nehmen ja keine Flüchtlinge in die Gemeinschaft der Christen auf, wenn sie nicht getauft sind) gelten auch bestimmte Regeln, die eingefordert und per Poizei durchgesetzt werden. Nur werden keine religiösen Forderungen mehr gestellt, weil der freiheitliche Rechtsstaat weltanschaulich neutral ist, er kann also gar keine religiösen Forderungen stellen, sonst wäre er kein freiheitlicher Rechtsstaat mehr.

So gesehen entsprächen also die Flüchtlionge genau den Fremdlingen, denen nach dem prediger sämtliche Sozialleistungen zustehen würden. Trotzdem sin die Sozialleistungen, die Flüchtlingen zugestanden werden, deutlich geringer als das, was uns zur Verfügung steht. Sie stehen noch einmal deutlich untr Hartz IV Niveau, haben keine Krankenversicherung und dürfen oftmals nicht einmal den Landkreis verlassen…

Es spielt im freiheitlichen Rechtsstaat übrigens auch keine Rolle, ob seine Bürger diesen mögen, oder ihn umbauen wollen. Vielen wollen den Umbau, nicht nur „echte Muslime“, wie der Prediger meint. Der freiheitliche Rechtsstaat kann aber nicht Muslimen per se weniger Rechte geben, auch wenn diese ihn tatsächlich abschaffen wollten, denn das entspräche einer Diskriminierung aufgrund der Religion, was nach den Regeln des freiheitlichen Rechtsstaates nicht geht. Er wäre nur noch auf dem Papier ein freiheitlicher Rechtsstaat: Wie jemand, der sich zwar Christ nennt, aber lieber draufhaut, als die andere Wange hinzuhalten.

Der Prediger betont, daß Scharia und Grundgesetz nicht zusammenpassen würden und daß „echte Muslime“ nicht integriert werden könnten. Doch sind auch „echte Muslime“ nicht zwangsläufig immer Muslime, deshalb sollte man zwischen den Menschen und ihrer Religion zu unterscheiden wissen. Fällt die Religion weg, oder wird sie „unecht“ im Sinne des Predigers, geht das mit der Integration vielleicht doch…

Am Ende bringt der Prediger noch die Idee vor, daß das Gericht Gottes bedeuten würde, daß ein Volk preisgegeben würde. Er meint, die Flüchtlinge würden sich von unserem Vermögen ernähren wie es im AT für die Zeit nach dem Fall von Samaria und Jerusalem berichtet wird. Das Überhandnehmen des Fremden sei eine Strafe Gottes.

Das kann durchaus so sein, und wenn es so ist, dann haben wir diese Strafe verdient. Und zwar, weil wir es seit Jahrzehnten verpassen, die Fremdlinge, die als Gastarbeiter kamen, tatsächlich zu integrieren. Sie mögen damals für uns gearbeitet haben und zu unserem Reichtum beigetragen haben, aber es war eben nicht alles gut damals. Wir haben das integrieren verpasst, haben sie wie Fremde anstatt wie Fremdlinge behandelt, und sie ud ihre Kinder sind Fremde geblieben, denen wir nun preisgegeben werden, wenn wir das Ruder nicht noch herum reißen.

Wir sollten aber auch bedenken: Die Bibel spricht in den Versen, die der prediger anführt von der verbrannten Erde, vom Zustand nach dem Krieg, als Assyrer und Babylonier fertig waren mit Israel und Juda. So weit sind wir noch lange nicht. Uns geht es gut, wir schwelgen im Luxus wie Samaria zur Zeit des Amos, auch wenn unsere fetten Kühe nicht auf dem Baschan grasen. Die Aramäer waren ein recht kleines Problem für Israel damals, ebenso wie die Flüchtlinge für uns heute. Wenn wir anständig damit umgehen, wenn wir die Flüchtlinge aufnehmen als Fremdlinge, die sich an unsere Gesetze halten und dafür als Gleichberechtigte behandelt werden, dann haben wir eine Chance. Wenn nicht, wird Assur kommen und uns zu Fall bringen.

Glaube

Entkehrung

Da lese ich mich so durch die Blogs, die ich abonniert habe, und bleibe beim „Der Sieger Blog“ hängen. Da geht es um „Entkehrung“. „Entkehrung“ meint hier das Gegenteil von Bekehrung, also sozusagen der Abfall vom Glauben. Dazu hat er auch ein Interview verlinkt, das wie ich meine unbedingt lesenswert ist.

Darin berichtet Tobias Faix von seinen Untersuchungen auf dem Gebiet der Entkehrungen, zu dem er auch ein Buch geschrieben hat (näheres dazu im Interview). Faix benennt bestimmte Gemeindestrukturen als möglichen Grund für Entkehrungen:

Wir haben festgestellt, dass es in Gemeinden Strukturen gibt, die Dekonversionen fördern.

Weiter führt er aus:

Man muss gemeinsam überlegen und darüber reden: Wie verstehen wir einzelne Aussagen der Bibel? Warum verstehe ich sie so? Was ist unverständlich? Es ist wichtig, dass es dafür Kommunikationsräume gibt. Wir sollten die Angst davor ablegen, dass der ganze Glaube einer Person zusammenfällt, wenn sie einen bestimmten Aspekt nicht glaubt. So etwas macht es schwierig, auch Zweifel zuzulassen und auszusprechen.

Beim „Sieger Blog“ schwebt dem Autor Viktor eine bestimmte Lösungsrichtung vor: Die Alten in den Gemeinden sollen sich nicht über die Formen beschweren, die den Jungen eher zusagen:

ich habe auch beobachtet wie die jungen Leute, wenn sie heranwachsen, die Gemeinde verlassen und vollkommen andere Wege einschlagen. Die ältere Geschwister sagen dann: “Wir beten dafür, dass Gott sie zurück holt.” Aber sie tun meistens nichts dafür. Im Gegenteil, sie meckern wenn die Musik im Gottesdienst zu laut ist oder das Programm nicht stimmt… Die Liste könnte man fortsetzen.

Außerdem spricht er davon, daß Mentoren benötigt werden

die sie ermutigen, mutig ihren Glauben im Alltag auszuleben und sich mehr mit dem Wort Gottes zu beschäftigen […] und ihnen nicht ihre Ideologie, Theologie oder ähnliche …logien aufzwingen.

Ich denke nicht, daß ein Programm in einer Gemeinde dazu führen, kann, den Glauben ganz aufzugeben. Man ärgert sich vielleicht über den Gottesdienst, über die Form, die einem nicht entspricht, aber das ist ein Konflikt mit Menschen, nicht mit Gott. Daher kann er meiner Meinung nach vielleicht zur Trennung von Menschen führen, man geht vielleicht in eine andere Gemeinde, die einem mehr entspricht, aber deshalb trennt man sich nicht von Gott. Und ein Gemeindewechsel ist keine Entkehrung, es sei denn, man hängt dem Glauben an, daß nur die eigene Gemeinde die Wahrheit erkannt hat.

Das ist übrigens auch ein interessanter Punkt bei dem Interview: Es wird nie gesagt, was genau mit Entkehrung gemeint ist. Was ist mit den Entkehrten? Sind sie jetzt Atheisten? Sind sie Agnostiker? Suchen sie eine neue Gemeinde?

Irgendwie bekomme ich vom Interview und noch mehr bei Viktor den Eindruck, daß es hier nicht um Menschen gibt, die zu einem eigenen festen Glauben an Gott gekommen sind, sondern um Menschen, die vielleicht Gott suchten, in eine Gemeinde kamen, die vielleicht ein oder zwei interessante Dinge über diesen Gott zu sagen hatte, aber deren Gott dann am Ende doch enttäuscht hat. Es ist immer gefährlich, solche Behauptungen aufzustellen, letztlich weiß ich es nicht und kein Mensch kann in eines anderen Menschen Herz sehen. Trotzdem möchte ich auf diese Möglichkeit hinweisen, denn es scheint mir viel dafür zu sprechen.

Wie gesagt wundert es mich, dass vor allem äußerliche Gründe genannt werden: Bei Viktor die Formen des Gottesdienstes und bei Faix, schon etwas tiefer gehend, die Akzeptanz eigener, abweichender Glaubensüberzeugungen. Aber auch bei Faix frage ich mich: Was, wenn eine Gemeinde mit den abweichenden Meinungen ein Problem hat und Druck ausübt. Gibt man deshalb den Glauben auf, oder ist es nicht auch eine Möglichkeit, eine Gemeinde zu suchen, die dem eigenen Glauben eher entspricht? Ist es nicht so, daß nur wenn man die Frömmigkeit der Gemeinde für die einzig gültige hält ein Bruch mit der Gemeinde auch ein Bruch mit Gott bedeutet? Ansonsten verläßt man die Gemeinde und bleibt Gott treu.

Und das wäre, falls ich richtig liege, auch ein Kritikpunkt in solchen Gemeinden: Da wird vielleicht nicht nur Gott verkündet, sondern die eigene Kultur, der eigene Zeitgeist. Und da hat Viktor dann auch Recht, wenn er nach Mentoren verlangt, die nicht die eigenen Ideologien verbreiten.

In den letzten Tagen kam ich über einen Artikel bei Lana Hope zu nem Artikel bei Laura Parker, in dem es um Mission und Kinder geht. Beide schreiben auf Englisch, also sind die Artikel womöglich nicht für alle lesbar. Es geht grob darum, wie Missionare in Südostasien (wo beide als Missionarinnen arbeiteten bzw. arbeiten) Essen und Schulunterricht als Gegenleistung für Predigthören etc anbieten. Vor allem die Kommentare bei Laura, wo ich ein wenig mitdiskutiert habe, brachten mir ein wenig mehr Einsicht.

Es war da zum Beispiel die Rede von Jugendprogrammen (diesmal in Amerika), die kurzfristige Erfolge brachten, aber auf lange Sicht kaum jemanden zum Glauben bringen konnten. Vor längerem, ich glaube auch bei Lana, laß ich von Gemeinden, wieder in Südostasien, die sprühten vor Aktivität, jede Menge neuer Gläubiger und alles, bis die Missionare gingen. Dann waren die Kirchen verlassen und die Gemeinden hörten auf, zu existieren.

Während der Diskussion bei Laura ging es mir erst darum zu sagen, daß man das Evangelium nicht verkaufen kann, also Brot für Evangelium hören wird kaum Gläubige machen. Dann kam auf einmal die Frage auf, ab wann man den Kindern denn von Jesus erzählen kann, die nach Brot fragen. Und in mir wuchs die Sicherheit, daß das der falsche Ansatz ist. Die Kinder werden von Jesus erfahren. Man kann ihnen auf Fragen antworten, aber eben keine vorgefertigten Vorlesungen zu Kreuz und Auferstehung, sondern eine einfache Antwort auf eine einfache Frage. Und in der Zwischenzeit, bis alle Fragen gestellt sind, hält man sich an das Liebesgebot: Die Hungrigen ernähren, die Nackten kleiden, solche Dinge.

Ansonsten wird man wahrscheinlich eher Konformität erzeugen, als echten, tiefgehenden Glauben. Die Menschen, egal ob Kinder in Südostasien oder Erwachsene hier, werden vielleicht so lange nach den Regeln der Gruppe handeln, wie sie davon Vorteile für sich erhoffen. Aber eben nicht, weil sie es als Wahrheit erkannt haben. Und sobald die Vorteile weg sind, werden sie auch aufhören mit der Konformität.

Konformität ist aber kein Glaube, sie ist oberflächlich, sieht wie Glaube aus. Vielleicht spricht man dann von „Entkehrung“, wenn ein Mensch der Gemeinde den Rücken kehrt. Weil er in dem Fall tatsächlich auch Gott den Rücken kehrt, jedenfalls dem Gott, der in der Gemeinde vermittelt wurde: Der, der Konformität.

Das bedeutet auch nicht, daß die in der Gemeinde tätigen Geschwister keinen echten Glauben hätten oder nicht ganz bei der Sache wären. Sie sind vielleicht zu sehr bei der Sache und vergessen, daß sie keinen Glauben erzeugen können, denn Glaube ist eine Gnade Gottes, die nur Gott gibt.

Was sie aber tun können, was wir alle tun können in den Gemeinden, ist Liebe üben. Nicht, um damit irgendwelche Taufzahlen zu erreichen, sondern weil die Liebe der Wahrheit entspricht, die Gott uns offenbart hat. Das geht dann in Richtung der Mentoren, die Viktor fordert, und es geht in Richtung des mündigen Glaubens, den Faix anmahnt. Und es macht ernst mit der Erkenntnis, daß alles in Gottes Hand liegt und wir keinen Menschen zum Glauben bringen können, sondern nur das, was unser Herr uns aufgetragen hat: Zu lieben. Die Geschwister, den Nächsten und auch den Feind.

Netzfunde

Netzfunde für Mittwoch, den 21. August 2013

Das Examen kommt näher, und auch die kirchliche Trauung. Daß wir dabei keine Fotografen haben wollen, da sind meine Frau und ich uns einig. Also, was den Gottesdienst betrifft. Danach, sicher. Ganz ohne Bilder ist ja doof. Aber es ist heutzutage halt wirklich ein Problem, daß bald jeder ein Smartphone hat und damit alles mögliche knipst, teilweise ohne Rücksicht auf andere. Und das tun halt manchmal auch Leute, die man sonst recht gern hat. Wie ich nun bei Heiko Kuschel gelernt habe, nennt man solche Leute „Uncle Bob“. Und sie stören nicht nur und verpassen die Chance, selbst den Gottesdienst zu genießen. Nein, sie machen im Zweifel auch dem Profifotograf das Arbeiten unmöglich. Aber den wird es bei uns ja auch nicht geben. Nur nen ganz normalen Traugottesdienst, wie früher, als noch nicht jeder nen Fotoapparat hatte.

Ralpe ist im Moment in den USA und schreibt auch einiges darüber. So hat er zum Beispiel einen Artikel gerebloggt (nennt man das so?) in dem es darum geht, daß viele evangelikale Jugendliche in den USA sich Katholizismus, Luthertum oder Anglikanischen Hochkirche zuwenden. War mir nicht bewußt. Man kann lesen, daß es daran hängt, daß sich die Jugendlichen in der Kirche ihrer Eltern nicht wohlfühlen, mit all den Bands und so weiter. So wie die Eltern sich eben in den traditionellen Kirchen nicht wohlfühlten.

Interessant finde ich nun eine weitere Beobachtung: Dort, wo evangelikale Gemeinden Wert legen auf eine intellektuell vertretbare Theologie und nicht nur auf Gefühle setzen, bleiben die Jugendlichen.

Mailin schreibt selten, aber wenn sie schreibt, ist es in der Regel gut. Jetzt hat sie sogar zwei Artikel kurz hintereinander veröffentlicht, beide sehr lesenswert.

Im ersten Artikel geht es um das bedingungslose Grundeinkommen, das Lukasevangelium (speziell Lk 22,17) und die Almosen. Arme, so schreibt sie in Rückgriff auf das Johannesevangelium, haben wir immer unter uns. Also wird es immer nötig sein, Almosen zu geben, und das tun wir auch. Aber das BGE wird von vielen abgelehnt. Aber man hat ja was Analoges in den USA: Man spendet viel Geld für alles mögliche, aber ein Sozialsystem? Um Gottes Willen, das wäre ja das Ende!

Im zweiten Artikel geht es darum, was gefährlicher ist, das Innere oder das Äußere. Sie behandelt die Thematik anhand des Verbots von Hakenkreuzen und Hitlergruß. Schlimm ist ja nicht das Hakenkreuz, schlimm ist all das, was in dem System passierte, das sich das Hakenkreuz zum Symbol ausgewählt hatte. Indem wir uns nun auf Äußerlichkeiten konzentrieren, wie Hakenkreuz und Hitlergruß, und das verbieten, besteht die Gefahr, daß wir übersehen, was die Menschen dazu bringt, bei solchen Systemen mitzumachen. Mailin hat Recht wenn sie schreibt, daß wir nicht wissen, was unsere Enkel einmal über uns sagen werden.

Allgemein

Alte Messungen

Thomas Jakob schrieb auf seinem Blog „Schwergläubig“ (lesenswert!) letzten Samstag einen Artikel mit dem Titel „Offenbarung zweiter Klasse“. Darin vergleicht er das Vorgehen der Theologie mit anderen Wissenschaften wie etwa Mathematik und Physik.

Ein etwas längeres Zitat:

Die Naturwissenschaften beschreiben die Natur vielleicht niemals exakt und völlig zutreffend, aber sie nähern sich nach und nach an und haben schon einige sehr gute Ergebnisse erreicht.

Ein Vorgehen analog dem der Theologie würde für mich bedeuten, dass man den Wissensstand von vor 2000 Jahren in einer bestimmten Region der Erde kanonisiert und eingefroren hätte und sich seitdem alles um die Verständnis der in diesem Kanon enthaltenen Schriften drehte. Das Kriterium zur Überprüfung neuer Theorien wäre die Übereinstimmung mit den alten Schriften und nicht die Wirklichkeit selbst im direkten Experiment.

Die Problemstellung ist klar: Hier Kanonisierung in der Theologie, die neue Gedanken nicht zuläßt oder zuindest erschwert, man muß halt immer noch den alten Ballast mitschleppen, dort die Naturwissenschaft, die empirisch forscht und quasi an der Natur selbst belegt, daß sie so falsch nicht liegt.

Ich finde, da liegt ein kleiner Denkfehler vor. Nämlich der, daß man einerseits das Grundlagenmaterial als Kanonisiertes darstellt, das diesen Status vielleicht auch ganz willkürlich zugesprochen bekam, und andererseits nicht in Betracht zieht, ob es sowas auch bei der Naturwissenschat gibt. Lassen wir die Mathematik einmal außen vor, denn die ist keine Naturwissenschaft und bezieht ihre Ergebnisse nicht aus der Natur, sondern wird benutzt um die Natur zu beschreiben, und gehen zur Physik, die tatsächlich empirisch arbeitet. Oder gehen wir noch einen Schritt zurück, wieder zur Theologie und sehen uns den Kanon an.

Dabei handet es sich um Schriften, die immer wieder zu Rate gezgen werden. Manche zählen die Bibel dazu (selbst da gibt es verschiedene Kanones), andere noch die Kirchenväter und wieder andere auch Leute wie Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer.

Manche dieser texte berichten Erlebnsse mit Gott. Man kann sie wörtlich oder im übertragenen Sinn verstehen, aber man läßt sie in der Theologie selten außen vor. Der Grund dafür mag darin liegen, daß heutige Christen (und bei anderen Religionen, Thomas nennt auch Judentum und Islam, analog) es so verstehen, daß sie den gleichen Glauben haben wie die Autoren jener Schriften. Die Gaubenserlebnisse, die in den Schriften erzält werden, gehören also in genau die selbe Glaubenswelt, die der Gläubige hat. Sie müssen auf irgend eine Weise Sinn ergeben können, sonst ist der Glaube ein anderer. Man verließe quasi die Theologie und würde nur noch verschiedene Glaubensauffassungen – aktuell und historisch – nebeneinanderstellen. Das macht meine ich die Religionswissenschaft.

Jetzt aber zur Physik. Auch dort wird ja nicht alles aus dem hohlen Bauch herexperimentiert. Verschiedene Experimente, also Erfahrungen, werden miteinander in Beziehung gesetzt, es wird versucht ein Modell zu finden, bei dem alles zusammen irgendwie Sin ergibt. Insofern nichts viel anderes als das, was die Theologie macht, nur daß deren „Meßergebnisse“ mehrere tausend Jahre alt sind, in einem Buch stehen un erst einmal aus einer nicht mehr ganz so gut verständlichen Sprache übersetzt werden müssen. Die Physik nimmt ihre Erkenntnis aus Erfahrungen aus der Natur, die sie zueinander in Beziehung setzt, so wie die Theologie ihre Erkenntnisse aus Erfahrungen mit Gott nimmt. Davon sind einige „in der Natur“ machbar, also im Hier und Jetzt, andere finden wir aufgeschrieben in alten Büchern. Dabei hat die Theologie sicherlich das Problem, daß sie mit subjektiven „Messungen“ umgehen muß, wo die Physik objektiver die Natur vermessen kann. Jedoch geht es bei der Theologie auch nicht um etwas Natürliches, sondern um etwas Übernatürliches, dem man mit Objktivität schwer beikommen kann. Da kann man nur sammeln, was als Offenbarung angesehen wurde und für sich selbst entscheiden. Entscheidet man, Bibel, Talmud oder Koran zu verwerfen, dann stellt man sich eben außerhalb dieser Religionen, ebenso wie man sich außerhalb der Physik stellt, wenn man bisherige Meßergebnisse nicht anerkennt. Man kann sicher auch alles selbst machen, seine eigene Physik betreiben, und ist am Ende irgendwo Anschlußfähig an den Mainstream, weil die Natur ja – wenn es stimmt – sich in ihrer Physik wenig ändert. Äpfel fallen nach unten.

Ebenso müßte der Theologe, der die heilige Schrift verwirft, nachdem er seine eigenen Erfahrungen mit Gott gemacht hat, bei der „wahren Religion“ (welche auch immer das sei, aber ich denke der Protestantismus hat gute Chancen, sonst wär ich nicht Protestant ;)) rauskommen, bzw zu deren Lehren anschlußfähig sein. Hier liegt das Problem in der Subjektivität und der fehlenden Möglichkeit, die Ergebnisse objektiv zu verifizieren. Gott hat sich bisher nicht vermessen lassen. Trotzdem können wir mit Seiner Offenbarung wissenschaftlich umgehen, so lange wir uns bewußt sind, was wir tun. Wir beschreiben nicht die Natur, sondern Gott, bzw nicht mal Den, sondern Seine Offenbarungen, bzw das, was wir in der jeweiligen Religionsgemeinschaft dafür halten. Mehr können wir nicht leisten, aber mehr müssen wir auch nicht leisten.

Kirche & Web 2.0, Religion

Bibelkreis im Netz?

Man kennt das ja aus den Gemeinden. Bzw ich kenn das eigentlich fast gar nicht, aber das mal bei Seite: Bibelkreise: Man trifft sich, trinkt Tee, ißt Gebäck, liest Bibel und spricht darüber. Dieses Erbe des Pietismus (ist es doch, oder?) erfreut sich vor allem in frommeren Gemeinden großer Beliebtheit.

Da weder meine Frömmigkeit noch die meiner Heimatgemeinde in diese Richtung ausgeprägt ist, kenne ich das jetzt weniger. Ich habe da vielleicht auch Berührungsängste, weil es ja durchaus zu größeren Reibereien zwischen pietistischer Frömmigkeit und eher… nun, wie will ich es nennen wenn ich nicht „liberal“ sagen will? Egal, also ich denke, ich würde auch oftmals anecken, und dazu ist das Ambiente bei Tee und Keksen einfach falsch. Liberale Bibelkreise sind in liberalen Gebieten aber komischerweise noch seltener als in erwecklichen Gegenden, also fiel Bibellese in Gesellschaft für mich bisher flach.

Jetzt kam mir die Idee, daß man sowas ja auch netzbasiert machen könnte. Gut, dabei würden wohl Tee und Kekse wegfallen (kann ja jeder für sich machen, da gibt es dann auch kein Problem wie beim Online-Abendmahl ;)), aber dann ist vielleicht auch ein eckigeres Besprechen der Meinungen möglich.

Stellt sich die Frage: Wie macht man das? Eine Möglichkeit wäre sicher, dazu ein Forum (zum Beispiel dieses hier) zu nehmen, oder gibt es andere Vorschläge? In einem Chat wäre vielleicht die nötige Ruhe nicht gegeben, sich mit dem Text auseinanderzusetzen, das scheit mir zu flüchtig zu sein. Eine andere Möglichkeit wäre auch das Blog. Man würde den Bibeltext als Artikel bringen (am Besten von der Offenen Bibel, damit man nicht noch wegen Copyrightgeschichten im Knast landet). Allerdings hat Bonifatz ja seine Andachten in letzter Zeit im Fragemodus gebracht und auf einen Austausch gehofft. Viel kam da ja auch nicht.

Also was meint Ihr? Gute Idee, oder doch eher nicht? Und wenn doch, wie sollte man das umsetzen? Bzw würdet Ihr mitmachen?

Stöckchen

Das Besondere an der Bibel

Ich sortier das mal unter „Stöckchen“ ein, weil es af ne Frage auf nem anderen Blog zurückgeht, die ich hier beantworten will. Die Fragen, es sind eigentlich mehrere, lauten:

  1. Wieso hält ein Christ die Bibel für heilig?
  2. Wieso glaubt ein Christ, daß die Bibel irgend etwas über den wahren Gott aussagt?
  3. Warum gerade die Bibel und nicht ein anderes Buch?

Die einfache Antwort wäre nun etwa so:

  1. Weil sie Gottes Wort ist.
  2. Weil es in der Bibel steht.
  3. Weil kein anderes Buch heilig ist, kein anderes Buch von Gott ist.

Die Antworten sind vielleicht nicht mal falsch – leider Gottes. Es gibt Richtungen im Christentum, wo die Bibel als von Gott diktiert, unfehlbar und über jeden Zweifel erhaben gilt. Wenn man nachhakt, kommt nicht mehr als „ist halt so“. Jedenfalls hab ich noch keine darüber hinausgehende Antwort gehört. Aus gewissen Kreisen.

Und solche Antworten sind natürlich nicht überzeugend, weil es keine wirklichen Antworten sind. Ich denke, daß hier auch ein Grund dafür liegt, wenn sehr konservative Christen direkt Atheisten werden, eher noch, als daß sie ihr Bibelverständnis hinterfragen. Mir ist es oft passiert, daß ich im Gespräch mit Atheisten dort auf Bibelverständnisse gestoßen bin, die dem Bibelverständnis eben jener konservativen Kreise entsprechen. Entweder, Gott hat die Erde in 7 Tagen erschaffen, oder das sind alles Lügen und sie sind unglaubhaft. Entweder, Mose und David haben wirklich existiert nd die Geschichten über sie sind wahr, oder es ist alles erstnken und erlogen, und die Bibel muß als Lügenwerk entsorgt werden. Entweder die Bibel ist unfehlbar, oder ien einziger Fehler. Entweder sie ist wie Gott, oder vom Teufel.

Bei diesem Bibelverständnis ist es kein Wunder, wenn einige Atheisten jeden historischen Fehler, jede Ungenauigkeit, jeder innerbiblische Widerspruch frenetisch gefeiert wird.

Ich möchte einen anderen Vorschlag machen. Das hat zwei Konsequenzen: Erstens kann man damit immer noch gut und gerne Christ sein, ohne daß die Bibel historisch korrekt sein muß. Außerdem nimmt es besagten Atheisten ein wenig die Freude, weil die Widersprüche eben nciht mehr gefeiert werden können. Aus Erfahrung kann ich aber sagen: Sie tun es trotzdem, während sie gleichzeitig behapten, man wäre kein richtiger Christ. So wie es auch die konservativen Christen gerne mal tun, wenn man nicht ihr Bibelverständnis teilt.

Also, die anderen Antworten, die ich anbieten möchte, sind:

  1. Heiligkeit der Bibel
    Die Bibel ist heilig, weil „heilig“ ihrem Gebrauch entspricht. Die Bibel ist kein profanes Buch, das aus profanen Gründen gelesen wird, etwa zur Unterhaltung. Sie wird auch meist nicht als Fachbuch gelesen, um irgendwelche neuartigen Fachkenntnisse zu erwerben. Die Bibel ist abgesondert vom profanen, also gewöhnlichen Gebrauch. nd „heilig sein“ bedeutet nichts anderes als eben das: Abgesondert sein. Man liest die Bibel zur Erbauung, wenn man sich selbst in den abgesonderten Bereich des Göttlichen begibt. Auch wenn man dei Bibel studiert und in diesem Zusammenhang liest, geschieht es doch meist, wenn im profanen Bereich als profane Handlung, aber doch meist mit einem Ziel im abgesonderten, heiligen Bereich. Etwa, daß man mehr über Gott erfahren will. Die Bibel ist also heilig, weil sie so behandelt wird. Würde sie wie ein normales Bch behandelt, wäre sie nicht heilig.
  2. Sagt die Bibel etwas über den wahren Gott aus?
    Ganz klare Antwort: Kann man nicht sagen. Sie sagt etwas über einen Gott aus. Sie entwirft ein Gottesbild. Dieses Gottesbild hat zwar immer wieder Brüche und ist nicht frei von Widersprüchen, aber es scheint immer der gleiche Gott gemeint zu sein, denn die verschiedenen widersprüchlichen Texte sind aufeinander bezogen. Man kann also sagen, daß die Bibel etwas über Gott aussagt, über einen bestimmten Gott. Ob dies nun der wahre Gott ist, kann man nicht objektiv belegen. Falls das jemand der Leser doch kann, wär ich ziemlich interessiert (in dem Fall werf ich das Stöckchen einfach mal weiter). Bis der Gegenbeweis da ist, behaupte ich aber das Gegenteil.
  3. Warum gerade die Bibel?
    Ebenfalls klare Antwort: Tradition. Oder auch gute Erfahrung? Ich glaube es war Karl Barth, der einmal sagte, Gott könne sich so wie durch die Bibel auch durch einen toten Hund offenbaren. Aber es gibt definitiv mehr Berichte davon, daß es durch die Bibel geschah, während mir kein Bericht bekannt ist, in dem es um einen toten Hund ginge. Daher ist es nicht verwunderlich, daß Christen die Bibel tradiert haben, und nicht Hunde mumifiziert.
    Es ist also durchaus möglich, daß es Besseres als die Bibel gibt. Den Beweis der größeren Güte, der nur durch die Geschichte erbracht werden kann, weil wir nur dadurch die Bibel gekriegt haben, muß allerdings erst noch angetreten werden.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, daß es keinen objektiven Grund gibt, der belegen könnte, daß der Gott der Bibel der wahre Gott ist, noch kann gesagt werden, daß die Bibel die geeignetste Form ist, diesen Gott kennen zu lernen. Ich denke sogar, sie ist ungeeignet dazu, dem Menschen einen Zugang zu Gott aus eigener Kraft bereit zu stellen. Sie ist eine Möglichkeit, durch die Gott wirkt, eine Möglichkeit unter vielen, und sie stiftet Einheit, weil alle sie benutzen. Also alle Christen.

Gott allerdings ist von der Bibel unabhängig. Deshalb glabe ich nicht, daß man mit der Bibel alleine auch schon Gott „hat“. Ich glaube vielmehr, die Bibel ist ein Korrektiv. Wiederum eins unter vielen, etwa neben der Gemeinde, aber immerhin eins.

Wir kriegen eine Verbindung zu Gott nur, wenn Er sich uns offenbart. Die Bibeltexte können helfen, hier zwischen Einbildung und Realität zu unterscheiden. Und hier merkt man schon: Da die Offenbarungen ne recht persönliche Sache sind, gitl das für die Korrektivkraft der Bibel in gleicher Weise. Das Korrektiv fnktioniert so, daß die Bibel niedergeschriebene Gotteserfahrungen enthält, die einige tausend Jahre alt sind und auch über mehrere Jahrhunderte aufgeschrieben wurden. Insofern ist die Bibel normierende Norm (norma normans) für unsere privaten Gottesoffenbarungen, und unterscheidet die Einbildngen von den Tatsachen (ich sprech hier von Subjektivem, Hinweise auf die Nichtbelegbarkeit meiner Aussagen gehen am Ziel vorbei). Da die Bibel aber auch aus Niederschriften von Gottesoffenbarungen besteht, ist sie gleichzeitig normierte Norm (also norma normata). Hier komm ich wohl in Widerspruch zu Luther, aber ich bin auch kein Lutheraner.

Schlußendlich bleibt die ganze Sache subjektiv, ich kann also nur darlegen, wie ich die Dinge sehe, ich kann keine harten, objektiven Fakten liefern. Da aber all unsere Wahrnehmung subjektiv ist und alle Erklärungsmodelle der Welt (auch) auf Erfahrung beruhen, hab ich damit kein großes Problem.

Eine Frage fällt mir noch ein, die ich selbst beantworten möchte, bevor sie jemand nicht stellt: Angenommen, man würde die Bibel durch den Koran oder Grimms Märchen ersetzen, würde das nciht auch so funktionieren?

Antwort: Sehr gut möglich, daß es funktionieren würde. Theoretisch. Wir haben ja letztendlich einen Zirkel aufgemacht, und wieso sollten andere Zirkel weniger gut sein? Allerdings, und hier liegt der Unterschied, kriege ich die Privatoffenbarungen besser mit der Bibel zusammen, als mit Grimms Märchen, dem Koran oder den gesammelten Bänden von Karl May. Es ist und bleibt also alles subjektiv.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Dienstag, 10. April 2012

Ostern ist vorbei, ich bin noch etwas müde, morgen geht es zurück an den Studienort, bleibt noch etwas Zeit, die liegengebliebenen Netzfunde der letzten Tage zu bringen.

Eric Djebe hat zum leeren Grab geschrieben, und sein Punkt mit den Frauen hat durchaus etwas für sich.

Der Geier schreibt zum palästinensichen Volk und meint, dies existiere nicht. Dazu will ich selbst nicht viel sagen, sondern Uri Avnerys Entgegnung zur Thematik verlinken.

Mandy hat über die Auferstehung, die Scheidung und die Frage, was nach dem Tod passiert, geschrieben.

Auf dem Hellbound Blog gibt’s nen Artikel über die Sünde. Es geht darum, daß die Sünde unser Problem ist, und nicht Gottes Problem. Wert zu lesen. Im nächsten Artikel soll es darum gehen, was uns zum Sündigen antreibt. Man darf gespannt sein.

Der Herr Alipius schreibt von seinem ersten Ostern als Priester.

Michael Blume schreibt über Judas Iskariot und die Wissenschaftlichkeit von Jura. Er bringt einen interessanten Punkt (auch für die Theologie), indem er von Orietierungswissenschaften spricht.

Nick Baines schreibt davon, wie Jesus die Sache mit der Macht anscheinend ganz falsch verstand. Die Betonung liegt auf „anscheinend“. Und er hat seine Osternachtspredigt veröffentlicht.

Bei peregrinatio gibt’s ein „Politbarometer“ zur Popularität Jesu zwischen Palmsonntag und Karfreitag. Viel interessanter ist noch der dortige Artikel über den Fundamentalismus und seine Beheimatung in der Moderne.

Christian Spließ schreibt über die Aktionen gegen das Tanzverbot am Karfreitag, wobei ich rauszulesen meine, daß er weniger ein Problem mit der (offenen) Diskussion über die Abschaffung des Tanzverbots hat, als mit der Art, in der die Sache beworben wird…

Wolfgang Vögele macht auf eien NZZ Artikel aufmerksam und die Tatsache, daß Vorentscheidungen Einfluß auf Konsequenzen haben. Auch beim Thema Gott und Glauben. Außerdem schreibt er über Gerechtigkeit und Nächstenliebe.

Zoe hat beim Gehn-Test über den Unterschied zwischen dem Oberflächlichen und dem Inneren geschrieben, und daß die meisten Menschen leider nur letzteres sehen.

Walter Jungbauer schreibt über das römisch-katholische Nein zur Priesterinnenweihe und das grundsätzliche Problem der päpstlichen Unfehlbarkeit.

Melissa hat eine neue Serie gestartet, und im ersten inhaltlichen Teil geht es um Transsexualität, die Unkenntnis darüber in fundamentalistischen Kreisen und die daraus entspringenden Fürchte. Ich bin gespannt auf die weiteren Teile, und ich habe größte Hochachtung vor Melissas Offenheit.

Muriel setzt sich mit der Frage einer nach römisch-katholischem Verständnis moralisch vertretbaren Fruchtbarkeitsuntersuchung auseinander.

Und zum Schluß hab ich noch nen Artikel von Stefan Schleim über Kreditkrise, Wirtschaftsboom, Unsicherheit und Flexibilität.

Gesellschaft

Zukunftsdialog

Der Zukunftsdialog der Kanzlerin läuft noch 2 Wochen. Und viel aktiv war ich dort bisher nicht. Eben gerade bin ich über eine wahnwitzige Forderung eines dortigen Teilnehmers af eine andere Forderung gestoßen, die ich im Gegensatz zu dem Irrsinn, Theologie sei keine Wissenschaft und habe deshalb von der Universität zu verschwinden, vollkommen unterstützen kann:

Die Forderung, Wirtschaftsflüchtlinge bedingungslos aufzunehmen.

Ja, es ist ne krasse Forderung. Vor allem, weil es ja „nur“ um Wirtschaftsflüchtlinge geht, und nicht um politische Flüchtlinge, die von irgendwelchen wildgewordenen Regimes verfolgt werden.

Ich meine, der Hunger ist Regime genug, und seine Konseqenz ist der Tod, wie bei den politischen Flüchtlingen auch. Die Forderung argumentiert mit unserem Wohlstand. Ehrlich gesagt, ist mir das völlig Wurscht. Auch wenn wir nicht wohl stehen würden, wären wir IMHO verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen. Woher nehmen wir das Recht zu sagen, dieses Land sei unser?

Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, daß man den Flüchtlingen eine langfristige Perspektive geben muß. Klar gibt es Menschen, die Angst vor Überfremdung haben. nd trotzdem gehen sie gern italienisch essen. Manch einer wird vielleicht mit erhöhter Kriminalität kommen. Aber woher kommt die denn? Doch wohl am Ehesten davon, daß man die Integration erschwert, daß man schlechte Sozialpolitik betreibt nd schlechte Schulpolitik.

Bei Licht betrachtet könnte die Aufnahme größerer Mengen von Flüchtlingen plus langfristige Perspektive hier enorme Potentiale erschließen. Sprachbegabung, Kenntnisse anderer Kulturen, all das läßt sich, richtig angepackt, in Euros verwandeln, und damit wieder in Steergelder, die uns allen zu Gute kommen.

Früher wurden die USA oft „Weltmacht Nr. 1“ genannt. Was sind denn die USA gewesen? Ein Einwanderungsland! Früher konnte da noch so gut wie jeder einwandern, gab es für jeden eine Perspektive, wenn auch sicherlich nicht in gleicher Weise und über die reinwohner will ich gar nicht reden.

Trotzdem brachte die Einwanderung auch den US Ureinwohnern Vorteile, zumindest den heutigen. Sie hatten Teil an der Entwicklung, sind hete auf einem ganz anderen technologischen Stand als vor 200 Jahren. Und es sagt ja niemand, daß wir es den Amis nachmachen müssen, und zm Krieg kommen lassen zwischen Alt- und Neubürgern.

Das führt mich zu meinem letzten Punkt: Der Druck an den Grenzen Europas ist da. Die Zuwanderung geschieht. Wir haben die Chance, sie jetzt zu gestalten, oder irgendwann, wenn wir die Kraft nicht mehr haben, sie zu stoppen, uns überrollen lassen. Und dann geht es uns vielleicht wirklich wie den Indianern.

UPDATE: Der Link funktioniert jetzt.

glaube

Römer 7 und die Sünden

Rainer Braendlein hat in einem Kommentar zum zweiten Artikel der Schwule Pfarrer Reihe bzw in einem eigenen Blogpost (beide Texte sind identisch, soweit ich das sehe) sich mit der Frage befasst, ob Paulus denn „in Sünde gelebt“ habe.

Ausgangspunkt war eine Formulierung im genannten zweiten Schwule Pfarrer Artikel:

Muß man mit der Übernahme eines Amtes quasi zum Übermensch werden, der nie mehr sündigt? Dazu Paulus:

Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Paulus ging nicht davon aus, daß er, als Apostel, nur Gutes tun könnte. Und trotzdem predigte er, und ich will meinen nicht mit wenig Erfolg. Wir dürfen also von unseren Pfarrern auch nicht erwarten, daß sie immer alles richtig tun.

Meine These war nun, daß es sich hier um eine Aussage Pauli handelt, die sich auf sein Leben zur Zeit der Verfassung des Briefes bezieht, Rainer Braendlein will es als Rückblende auf das frühere Leben verstehen.

Nun sind nach meiner Lektüre der Erwiderung Rainer Braendleins in seinem Artikel sowie dem wiederholten Lesen der gesamten Auseinandersetzung meiner Meinung nach 3 Dinge festzhalten:

  1. Es handelt sich wohl um ein Mißverständnis. Denn Rainer Braendlein zielt in seinem Artikel vor allem darauf ab, daß Paulus nicht „in Sünde gelebt“ habe. Man müßte vielleicht nochmal genau klären, was damit gemeint sein soll. Meine Absicht war es jedoch nie zu sagen, Paulus sei als Apostel verloren gewesen. Ich spreche mich auch nicht für eine billige Gnade aus. Was ich in meinem Artikel sage ist, daß man von einem Pfarrer nicht verlangen darf, perfekt zu sein. Man darf aber schon von ihm erwarten, daß er die Sünde zu vermeiden sucht. Ich denke hier hat mich Rainer Braendlein nicht ganz verstanden und ich ihn auch nicht, aber eigentlich haben wir die gleiche Ansicht.
  2. Meine ich nicht, daß der fragliche Abschnitt ein verlorenes, unerlöstes Leben (so verstehe ich das „Leben in Sünde“, bin mir aber nicht sicher) bedeten muß. Denn was sagt Paulus? Er sagt, daß in seinem Fleisch das Böse wohnt, und er es auch tut, obwohl er nicht will. Nach meinem Verständnis ist das aber nichts anderes als das, was Rainer Braendlein schreibt:

    Röm 7, 25 ist nicht etwa so gemeint, daß Paulus in Sünde gelebt hätte, sondern er meint, daß er bedauerlichesweise einen Leib mit sich herumschleppen muß, der völlig der Sünde unterworfen ist.

    Paulus hatte bedauerlicherweise, wie wir alle, den Leib aus Fleisch, weil der Geistleib eben erst kommt. Und wie wir auch mußte er kämpfen. Aber ebenso wie auch wir, hat er Anteil an der Gnade Gottes. Daß heißt, auch wenn das Fleisch einmal gewinnt (und wenn wir ehrlich sind, tut es das oft genug, wie fromm wir auch sind und wie ernsthaft wir unseren Weg mit dem Herrn auch gehen), dürfen wir trotzdem Buße tun und auf Gnade hoffen (hier würde nun Luthers „sündige tapfer“ passen). Das gilt für Paulus wie für uns.

  3. Ich denke, genau davon spricht Paulus hier. Er schreibt in Kapitel 6 erst von der Taufe, dann in Kapitel 7 erst von der Freiheit vom Gesetz und kommt dann daz den Menschen unter dem Gesetz zu beschreiben. Und da unterscheidet sich erst einmal nicht viel zwischen Christen und Nichtchristen. Paulus stellt die Situation dar, wie sie ist: Das Fleisch ist schwach, und das Gesetz zeigt an, was eigentlich gut ist, treibt dabei aber umso mehr zum Sündigen an. Paulus betont, daß er (und damit ach jeder andere Mensch) das Gute tun will aber trotzdem das Böse tut und kommt schließlich zu der Formulierung (V24):

    Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

    Das ist erst einmal die Situation des Nichtchristen. Aber eben auch die Situation des getauften Christen, wie wir dann im Folgenden sehen (V25):

    Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

    Denn der Nichtchrist dient nicht mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, das tut der Christ. Denn Er lobt erst Gott und sagt danach, daß er nun, also nach der Bekehrung, dem Gemüt (im Griechischen steht νοῦς, also ist das Denken gemeint, keine Emotion) nach dem Gesetz Gottes dient und dem Fleisch, also dem Körper nach dem Gesetz der Sünde. In Kapitel 8 schreibt Paulus dann, daß durch den Geist die Taten des Fleisches kontrolliert werden können also der νοῦς, der Verstand, der Gott folgt, herrscht über den Körper, der der Sünde folgt. Da sind wir wieder einer Meinung.

Doch halte ich weiterhin daran fest, daß Menschen bei allem Wollen nicht immer auch ein Können haben. Es geht hier nicht um „ein Fehler und Du bist raus“. Wenn ein Mensch von seinem Körper überwunden wird, kann er über den Weg der Buße bzw. Reue (μετανοῖα; vgl. 2. Kor 7,9f; 12, 21; 2. Ti 2, 25f) wieder dahin kommen, daß der Gott folgende Verstand wieder das Ruder übernimmt. Und das sollte man jedem Menschen zugestehen, denn kein Mensch wird von der Bekehrung bis zum Tod alles richtig machen und ganz ohne Buße auskommen.