Theologie

Predigtkommentar

Predigen ist eine gefährliche Sache. Viele Menschen hören einem zu und glauben das, was man sagt. Als Prediger hat man eine gewisse Autorität, manches wird ungeprüft geglaubt, weil es „der Herr Pfarrer“ sagt.

Es ist nicht verkehrt, sich das als Prediger bewußt zu machen und ich bin mir bewußt, daß auch ich in meinen Predigten immer wieder in diese Gefahr komme und in die Falle tappe. Ich bin, wie alle anderen Menschen auch, ein Sünder.

Christina machte mich in einem Kommentar auf diese Hörpredigt aufmerksam (leider habe ich keinen Link zum geschriebenen Text). Mein Eindruck ist, daß der Prediger gut auch gute Absichten haben kann, ich denke aber ebenso daß er seine Gemeinde verführt (und zwar schon durch die abwertenden Sprache, die er zum Teil benutzt, um die Flüchtlinge zu bezeichnen; es kommt mehrmals der Begriff „Horden“ etc).

Ich möchte diesen Blogartikel benutzen, um in brüderlicher Verbundenheit auf ein paar Probleme hizuweisen, die mir beim einmaligen Hören der Predigt (den Text vorliegen zu haben würde es mir hier freilich einfacher machen) aufgefallen sind. Am Ende muß sich freilich jeder selbst ein Bild machen, den vor Gott werden wir dereinst alleine stehen, ohne uns auf einen Papst oder Lieblingsprediger berufen zu können.

Ich habe mir beim Hören Notizen gemacht und werde darauf antworten. Das wird leider sehr bruchstückhaft sein. Ich möchte entscheidende Aussagen der Predigt überprüfen und mein jeweiliges Ergebnis vorstellen.

Der Prediger stimmt der Aussage zu, daß Christen alle Menschen lieben, fragt aber, ob dies bedeutet, daß wir alle Menschen in Deutschland aufnehmen müssen, die kommen. Darauf antwortet er mehrfach, zuerst mit einem Beispiel:

Ein Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche soll 200 Flüchtlinge aufnehmen, weil der Hausbesitzer sie alle liebt. Er stellt fest, daß die 200 Menschen zwar in das Haus hinein passen würden, daß es aber schnell zu Chaos führen würde, weil es doch zu wenig Platz zum Leben ist, und spätestens wenn weitere 500 Flüchtlinge ins Haus wollen, geht gar nichts mehr.

Das Beispiel ist sehr anschaulich, es ist nachvollziehbar, und es ist Quatsch. Nachvollziehbar ist es, weil es tatsächlich irgendwann dazu kommt, daß eine bestimmte Fläche zu viele Menschen beherbergen muß. Quatsch ist es, weil die Menge der Flüchtlinge pro m² in Deutschland nicht annähernd den Wert auch nur erreichen kann, der im Beispiel angenommen wird.

Wenn ein Haus 100m2 hat und darin 4 Personen (Papa, Mama, Sohn, Tochter) leben, dann hat jeder 25m². Wenn 200 Personen in dem Haus leben, sind das pro Person nur noch 1/2 m².

2013 standen in Deutschland pro Person im Durchschnitt 45m² zur Verfügung. Bei 80 Mio. Menschen. Um auf 1/2 m² wie im Beispiel mit dem Haus zu kommen, müßten 90 Mal (45:90=1/2) so viele Menschen hier wohnen, also 89 x 80 Mio. = 7,12 Mrd. Flüchtlinge hierher kommen. Das wäre fast die ganze Weltbevölkerung! So viele Menschen kommen sicherlich nicht, auch nicht in den nächsten 100 Jahren! Und es geht auch nur um den momentan (bzw. 2013) bestehenden Wohnraum. Wenn mehr Wohnungen gebaut werden bzw. leerstehende Wohnungen wieder genutzt werden, dann müßten noch mehr Menschen hierher kommen, um auf den 1/2 m² zu kommen, den der Prediger in seinem Beispiel bringt.

Ergebnis: Er übertreibt maßlos und provoziert damit Ängste. Zuletzt war die Rede von 1 Mio. Flüchtlingen pro Jahr. Sind wir einmal großzügig und gehen wir von 5 Mio Flüchtlingen pro Jahr in den nächsten 10 Jahren aus, dann wären das 50 Mio Flüchtlinge zusätzlich zu den 80 Mio. Einwohnern. Und gehen wir der Einfachkeit davon aus, daß niemand in der Zeit stirbt und keine neuen Wohnungen gebaut werden (was Unsinn ist, weil immer neue Wohnungen gebaut werden).

Dann hätten wir 130 Mio Menschen auf den 3,6 Mrd m² Wohnfläche (80 Mio. Einwohner x 45m² pro Einwohner 2013), das ergäbe dann 27,69m² pro Person. Imer noch mehr als in der „guten alten Zeit“ 1965, als jedem im Schnitt 22,3m² zur Verfügung standen.

Und es ist immer noch mehr als zur Verfügung steht, wenn in dem genannten Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche zwei Erwachsene mit zwei Kindern wohnen.

Das sollte deutlich zeigen, in welche unverantwortlicher Weise hier Ängste geschürt werden. Ja, die Flüchtlinge leben derzeit in den Heimen auf engem Raum und das führt zu Unruhe, mitunter auch zu Gewalt. Es wäre aber ein leichtes, hier einfach neue Ressourcen zu schaffen. Im Moment mag es überall knirschen, aber wenn es drauf ankommt können auch schnell neue Gebäude gebaut werden, man muß es nur wollen.

Der Prediger sagt, jeder denkende Christ müßte auch ohne Bibel sehen, daß der Zuzug Chaos bedeute und der Teufel sich ob des Chaos die Hände reibe. Nun, ich erinnere mich ohne Bibel daran, daß man das Böse mit Gutem überwinden soll und daß der Teufel und das Chaos nicht vor der Liebe bestehen werden. Zumal wir im Zweifel unser Kreuz auf uns nehmen und keine Angst haben sollen, auch wenn uns Leiden vorausgesagt sind.

Nun sagt der Prediger, daß die Nächsten- und Feindesliebe ja ganz toll sei, daß aber diese in den persönlichen Bereich gehöre, aber nicht in die Politik, sie gelte also nicht für den Staat resp. das ganze Volk.

Mich erinnert diese Unterscheidung ein wenig an die Eigengesetzlichkeit, die lutherische Theologen aufgrund der Zwei-Reiche-Lehre machen zu können meinten. Die ist liberale Theologie at its  best (und das in der Predigt eines freikirchlichen Predigers!) und hat uns im letzten Jahrhundert die theologische Rechtfertigung des NS Staates eingebracht – heute sollte klar erkennbar sein, daß es sich hier um eine Häresie handelt!

Mit dieser Differenzierung zwischen Politik und privatem Bereich, in dem alleine Feindes- und Nächstenliebe gelten soll kommt der Prediger dazu zu sagen, daß all die Forderungen von Liebe gegenüber Nächsten und Fremden nicht bedeuten, daß ein Volk Fremde aufnehmen solle.

Im NT habe die Gemeinde keine politische Macht gehabt, deshalb sei es auch immer um den persönlichen Breich gegangen und nicht um die Politik. Um die ginge es dagegen im AT.

Dem würde ich sogar zustimmen, das AT hat in viel größerem Maße auch die Staats- oder Gesellschaftsebene im Blick als das NT. Allerdings – und da begeht der Prediger den Kategorienfehler, den er anderen vorwirft – wird im AT eine Theokratie beschrieben, und kein moderner Rechtsstaat. Wie dieser funktioniert finden wir nicht direkt in der Bibel. Auch wie eine Demokratie funktioniert steht dort nicht geschrieben. Trotzdem macht er Rechtsstaat und Demokratie stark, als positive Gegenbeispiele zur Theokratie, die der Islam angeblich fordere. Nun, wenn man in die Bibel, speziell ins AT sieht, dann ist es dort eben auch die Theokratie und nicht die Demokratie, die gefordert wird.

Er gesteht zwar ein, daß man das AT nicht 1:1 übertragen könne, daß es aber doch Vorbildfunktion hätte. Allerdings würde ich anfügen, daß man dabei aufpassen muß, was man überträgt: Die Theokratie, die er offenbar auch nicht will (sonst würde er den Islam dafür kaum kritisieren können), oder die Forderungen Gottes, die auch für ein demokratisiertes Volk im Rechtsstaat gelten?

Mit Verweis auf Röm 13 (komischer Weise NT) und andere Bibelstellen hält er fest, daß der Staat dem Bösen nicht freien Raum lassen dürfe. Allerdings fordert das auch niemand. Keiner fordert, das staatliche Gewaltmonopol (das Schwer in Röm 13) abzuschaffen. Ein Flüchtling unterliegt den gleichen Gesetzen wie wir und für deren Einhaltung ist ebenso die Polizei zuständig. Falls dies nicht geschieht, ist das ein Grund, unsere Polizei besser auszustatten oder sie dazu anzuhalten, ihre Arbeit zu erledigen, es spricht aber nicht dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Der Prediger sagt, daß der Staat die Pflicht habe, sein Volk vor dem Bösen mit Gewalt zu schützen. Dem würde ich gr nicht einmal widersprechen. Allerdings frage ich mich da: Was ist das Böse? Sind das Menschen? Gab es da nicht einmal die Unterscheidung zwischen Person und Tat im Christentum: Liebe den Sünder, hasse die Sünde?

Die Flüchtlinge sind ja nicht per se böse. Womöglich gibt es Flüchtlinge, die Böses tun. Dafür ist die Polizei da, dafür trägt die Obrigkeit das Schwert, wie Paulus feststellt. Damit ist dann aber auch alles gesagt in der Sache.

Den Kern seiner Predigt machen die Passagen zur Unterscheidung von Fremdling und Fremder aus. Der Fremdling, nach dem Prediger ein Proselyt, hebr. als Ger bezeichnet, sei ein Mensch, der den jüdischen Glauben angenommen habe und folglich als Einheimischer, als „Jude mit Migrationshintergrund“ zu behandeln sei: Ohne Unterschied zu anderen Juden.

Der Fremde hingegen, der die Gebräuche des Landes nicht annehme, sei eher als Feind zu behandeln. Für ihn gelten auch diverse soziale Leistungen nicht. Zu diesem hielte Israel deutliche Distanz.

Zu den Begrifflichkeiten verweise ich einfach auf zwei Artikel im Wibilex:

Proselyten (AT)

Fremder (AT)

Das Problem hier ist, daß Israel im AT nicht nur eine religiöse Gemeinschaft wie die Kirche bezeichnet, sondern eben auch einen Staat, der theokratisch-monarchisch regiert wird.

Wenn wir die Theokratie nicht wollen, dann müssen wir alles aussondern, was theokratische Forderung ist. Und theokratisch sind vor allem die Forderungen nach Reinheit des Volkes vor anderen Religionen.

Die freiheitliche Demokratie, in der wir leben, kann keine Religionen ausschließen wie es die altisraelitische Theokratie konnte. Heute könnte niemand mehr auf staatlicher Ebene etwas dagegen sagen, daß Salomo seinen Frauen einen Götzentempel baut. Das sind heute Fragen der privaten Frömmigkeit, also des Bereichs, in dem laut dem Prediger auch Nächsten- und Feindesliebe gelten.

Die abweisende Haltung den Fremden gegenüber haben wir dabei durchaus auch: Wer keinen deutschen oder europäischen Paß hat, gilt hier als Ausländer und hat, wenn er nicht ein Aufenthaltsrecht hat, sehr wenige Rechte. Er kann hier Urlaub verbringen oder zu einem Geschäftstermin kommen, aber viel mehr geht nicht. Er darf hier nicht ohne weiteres wohnen und er darf nciht ohne weiteres eine Arbeit annehmen.

Von den Fremdlingen wurde im AT verlangt, daß sie die Bräuche der Israeliten annehmen – dafür wurde ihnen laut dem Prediger (im Wibilex liest sich das ein wenig anders) die volle Gleichstellung zugebilligt. Damals umfassten diese Bräuche auch die Religion.

Im freiheitlichen Rechtsstaat (und um den geht es ja bei uns, wir nehmen ja keine Flüchtlinge in die Gemeinschaft der Christen auf, wenn sie nicht getauft sind) gelten auch bestimmte Regeln, die eingefordert und per Poizei durchgesetzt werden. Nur werden keine religiösen Forderungen mehr gestellt, weil der freiheitliche Rechtsstaat weltanschaulich neutral ist, er kann also gar keine religiösen Forderungen stellen, sonst wäre er kein freiheitlicher Rechtsstaat mehr.

So gesehen entsprächen also die Flüchtlionge genau den Fremdlingen, denen nach dem prediger sämtliche Sozialleistungen zustehen würden. Trotzdem sin die Sozialleistungen, die Flüchtlingen zugestanden werden, deutlich geringer als das, was uns zur Verfügung steht. Sie stehen noch einmal deutlich untr Hartz IV Niveau, haben keine Krankenversicherung und dürfen oftmals nicht einmal den Landkreis verlassen…

Es spielt im freiheitlichen Rechtsstaat übrigens auch keine Rolle, ob seine Bürger diesen mögen, oder ihn umbauen wollen. Vielen wollen den Umbau, nicht nur „echte Muslime“, wie der Prediger meint. Der freiheitliche Rechtsstaat kann aber nicht Muslimen per se weniger Rechte geben, auch wenn diese ihn tatsächlich abschaffen wollten, denn das entspräche einer Diskriminierung aufgrund der Religion, was nach den Regeln des freiheitlichen Rechtsstaates nicht geht. Er wäre nur noch auf dem Papier ein freiheitlicher Rechtsstaat: Wie jemand, der sich zwar Christ nennt, aber lieber draufhaut, als die andere Wange hinzuhalten.

Der Prediger betont, daß Scharia und Grundgesetz nicht zusammenpassen würden und daß „echte Muslime“ nicht integriert werden könnten. Doch sind auch „echte Muslime“ nicht zwangsläufig immer Muslime, deshalb sollte man zwischen den Menschen und ihrer Religion zu unterscheiden wissen. Fällt die Religion weg, oder wird sie „unecht“ im Sinne des Predigers, geht das mit der Integration vielleicht doch…

Am Ende bringt der Prediger noch die Idee vor, daß das Gericht Gottes bedeuten würde, daß ein Volk preisgegeben würde. Er meint, die Flüchtlinge würden sich von unserem Vermögen ernähren wie es im AT für die Zeit nach dem Fall von Samaria und Jerusalem berichtet wird. Das Überhandnehmen des Fremden sei eine Strafe Gottes.

Das kann durchaus so sein, und wenn es so ist, dann haben wir diese Strafe verdient. Und zwar, weil wir es seit Jahrzehnten verpassen, die Fremdlinge, die als Gastarbeiter kamen, tatsächlich zu integrieren. Sie mögen damals für uns gearbeitet haben und zu unserem Reichtum beigetragen haben, aber es war eben nicht alles gut damals. Wir haben das integrieren verpasst, haben sie wie Fremde anstatt wie Fremdlinge behandelt, und sie ud ihre Kinder sind Fremde geblieben, denen wir nun preisgegeben werden, wenn wir das Ruder nicht noch herum reißen.

Wir sollten aber auch bedenken: Die Bibel spricht in den Versen, die der prediger anführt von der verbrannten Erde, vom Zustand nach dem Krieg, als Assyrer und Babylonier fertig waren mit Israel und Juda. So weit sind wir noch lange nicht. Uns geht es gut, wir schwelgen im Luxus wie Samaria zur Zeit des Amos, auch wenn unsere fetten Kühe nicht auf dem Baschan grasen. Die Aramäer waren ein recht kleines Problem für Israel damals, ebenso wie die Flüchtlinge für uns heute. Wenn wir anständig damit umgehen, wenn wir die Flüchtlinge aufnehmen als Fremdlinge, die sich an unsere Gesetze halten und dafür als Gleichberechtigte behandelt werden, dann haben wir eine Chance. Wenn nicht, wird Assur kommen und uns zu Fall bringen.

Das Wort zum Tag

Tageslosung vom Samstag, den 23. März 2013

Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil.
2.Mose 15,2

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.
Lukas 19,37

TL233

Wie Benny ja gestern schon schrieb, soll der Vers aus dem Neuen Testament den Vers aus dem Alten Testament erklären. An dieser Stelle jedoch wirkt der erklärende NT-Vers bei genauerem Hinsehen etwas unglücklich gewählt. Vergleicht man die Kontexte, so fällt auf, dass im 2. Mose, 15,2 über die Rettung durch den Tod der Feinde gejubelt wird. Im Lukasevangelium dagegen wird über die Taten gejubelt, die die Jünger gesehen haben. Diese Taten hatten aber doch nicht mit dem Tod der Feinde zu tun.

Mit dem Tod der Feinde nicht. Aber mit dem Tod des einen Feindes. Die Taten, von denen im Lukasevangelium und den anderen Evangelien berichtet wird, deuten schon darauf hin, worauf das Leben und Sterben Jesu hinauslaufen wird: Auf den Sieg über den einen Feind, die Sünde.

Oder auch den Teufel. Luther spricht ja oft von „Sünde, Tod und Teufel“ in einem Atemzug, benutzt sie quasi synonym. Vielleicht sowas wie ne Trinität des Bösen?

Und darum geht es in beiden Texten. Liest man das 2. Mosebuch allein, so sieht man vor allem den Konflikt zwischen den Kindern Israel und Pharao. Auf den ersten Blick ein Konflikt wie viele andere, in dem eine Seite am Ende als Sieger hervorgeht, es viel Leid gibt und auch einige das Leben lassen. Klar, es spielt auch Gott mit (genauer genommen mehrere Götter, denn die Pharaonen wurden von den Ägyptern auch als Götter verehrt) und kommen Wunder vor, aber wenn man sich die Homers Ilias ansieht spielen dort die Götter beim Kampf um Troja auch mit. Soweit, so normal.

Versteht man die Geschichte aber im Kontext des Lukasverses, in dem die Freude über den Sieg über die bösen Mächte zum Ausdruck kommt, kriegt die Niederlage Pharaos eine neue Perspektive: Pharao und sein Heer war hier auch eine lebensfeindliche Macht, die die Israeliten bedrückte (und neben diesen wohl noch andere, Ägypten war immerhin Großmacht). Gott hat dieser Bedrückung ein Ende gesetzt, ebenso wie Jesus durch Heilungen und Exorzismen Bedrückungen beendet hat. Es geht in beiden Fällen um das befreiende Handeln Gottes. Bei Moses geht es nicht darum, dass die Ägypter in den Fluten des Meeres ertranken, sondern um die Freude, ihnen entkommen zu sein – durch Gottes Hilfe. Die Freude darüber, dass Gott die lebensfeindlichen Umstände, in welchen wir leben, bekämpft, gegen sie angeht, und das mit Erfolg. Stetig und immer wieder. Auch heute.

Auch heute? In den Kommentaren ist Platz für Berichte darüber, wie Gott auch heute noch das Lebensfeindliche bekämpft, und somit Lob und Jubel provoziert. Das ist Euer Part.

TL233A

Theologie

Pro Christ

Bei Charly habe ich einen Artikel über das diesjährige ProChrist gelesen. Und er kritisiert die Veranstaltung aus konservativer Perspektive. Sonst kenne ich vor allem die Kritik von der anderen (progressiven?) Seite, mir stößt vor allem der Eventcharakter auf: Riesige Show, viel Tamtam, gut Jesus kommt auch vor, und Ziel des Spiels ist, daß irgendwelche Menschen durch Türrahmen gehen.

Ich bin da eher Befürworter einer ruhigeren, langsameren Evangelisation, in der die Massenpsychologie als Beweggrund für das Bekenntnis zu Jesus weitgehend ausgeschlossen werden kann. Das Evangelium ist mir zu wichtig, als daß man es derart zur Show machen sollte, wobei ich nicht in Abrede stellen will, daß einige wirklich über diesen Weg zu Gott finden. Das ist dann auch gut so, aber diese Ausrichtung auf ein bestimmtes Verhalten der Zielgruppe halte ich für fragwürdig. Ausrichtung an Nöten, Problemen und Fragen der Einzenen fänd ich besser, aber das geht in Großveranstaltungen nicht so gut. Dort, so scheint mir, funktionieren vor allem klare schwarz-weiß Aussagen, was Gott will oder nicht, und was wir deshalb zu tun haben oder nicht. Und ein solcher Fundamentalismus ist an sich erst mal schwierig.

Nun aber zu Charlys Kritik, die in eine etwas andere Richtung geht. Zentral an seiner Kritik scheint mir folgender Satz zu sein:

Warum verkaufen manche das Heil so billig, wenn uns die Bibel von einem anderen, einem teuren Preis berichtet? Weil dann evtl. nicht so viele bereitwillig “nach Vorne kommen” um sich zu bekehren? Weil es Menschen geben mag, die sich empören könnten?

Was ich zuerst heraushöre, ist eine Kritik an der Zielvorgabe, daß möglichst viele nach vorne kommen und durch den Türrahmen gehen sollen, als Zeichen für ihre Bekehrung. Die weitere Kritik richtete sich wohl gegen die Angst vor Kritik von außerhalb. Im Kern geht es ihm aber darum, daß das Heil billig verkauft werde. Er schreibt weiter:

Tatsächlich gibt es innerhalb der Kirchen und christl. Gemeinschaftsverbänden diese Diskussion, ob man Heute noch in den Predigten die Sünde, die Sündhaftigkeit der Menschen, die Notwendigkeit der Vergebung und die Notwendigkeit einer Buße – einer Lebensumkehr, erwähnen darf. Damit beraubt man zwar dem christlichen Glauben den gesamten Kern, der ihn eigentlich erst ausmacht – aber das scheint so manchen Kirchen- und Gemeinschaftsvertretern nichts auszumachen.

Da bin ich einer Meinung mit ihm. Es kann nicht angehen, daß Prediger davor zurückschrecken, von Sünde, Buße und Vergebung zu predigen. Das sind zentrale Begriffe des christlichen Glaubens, und die dürfen der Gemeinde nicht vorenthalten werden. Fallen diese weg, kommt man schnell zu ner Wellness-Sache die vielleicht noch was mit diversen esoterischen Angeboten zu tun haben mag, aber nicht mehr viel mit Christus. Die Sünde ist eine ernste Sache, sie zu negieren oder zu relativieren letztlich Betrug. So ähnlich auch Charly:

Sagt er jetzt die wichtigen Worte, die aus einer religiösen Betrachtung eine Verkündigung des Evangeliums macht: Sagt er, dass Jesus zu dir kommt und dir deine Sünden vergibt? Das du leben darfst, obwohl du wegen deiner Sünden hättest sterben müssen? ……. – ……. – …….  Nein!

Wobei ich hier andere Akzente setzen würde. Mich spricht in letzter Zeit eher der Befreiungsbegriff an als der Vergebungsbegriff: Befreiung von der Sünde und nicht Vergebung der Sünde. Und das aus folgendem Grund:

Mit der Vergebung der Sünde ist das so ein Problem, denn die ganze Sache kommt moralisch und Oberlehrerhaft daher. Erst muß der Mensch einsehen, daß er Sünder ist, daß er Fehler macht, und daß er dafür verantwortlich ist. Das ist nicht so schnell einsehbar, wie auch Charly anmerkt:

Ich erinnere mich an mehrere Gelegenheiten, die ich erlebt habe, wo Jemand auf solch unerwartet eingeworfene Passagen in einem Gebet, zu welchem er eingeladen war es mitzubeten, reagierte und ausrief: “Ne, also, nö, für mich braucht Niemand zu sterben. Und welche Sünden denn? Ich bin doch kein Sünder!”

Und dann wäre dann ja noch die Frage, wieso Gott den Menschen schafft, seinen Fall zuläßt, nur um ihm dann deshalb böse zu sein, Seinen Sohn zu schicken und ans Kreuz nageln zu lassen, damit Er nicht mehr böse sein muß auf diejenigen, die das glauben…

Zumal das mit dem Fall dann nochmal schwierig wird, wenn man vom unfreien Willen ausgeht, so wie ich.

Deshalb sehe ich die ganze Geschichte lieber weniger als eine von rechtem und unrechtem Verhalten, sondern als eine Geschichte von Gefangenschaft und Befreiung. Die Menschen sind unter der Sünde gefangen. Das heißt, sie tun das, was nicht recht ist, weil sie ihre Hoffnung auf Dinge setzen, die Unrechtes verlangen, um das Heil zu erwerben. Ein Beispiel: Wenn jemand seine Hoffnung auf sein Vermögen setzt, oder Geld im Allgemeinen, dann muß er zusehen, daß er immer über Geld verfügt, denn seine Hoffnung liegt auf seinem Geld. Im Zweifel muß er eben auch Unrechtes tun, um an Geld zu kommen, denn am Geld hängt seine Hoffnung für sein Leben.

Und dieses Unrecht muß er tun, auch wenn er es als Unrecht erkennt und eigentlich nicht tun will. Er ist unter der Sünde, in ihrer Gefangenschaft, und sie gibt ihm vor, was zu tun ist. Die Sünde ihrerseits wird oft als Rebellion gegen Gott aufgefasst, und da ist in dem Beispiel ja gegeben: Nicht auf Gott setzt der fragliche Mensch seine Hoffnung, sondern auf das Geld. Um aus dieser Gefangenschaft herauszukommen, muß er erst einmal Gott vertrauen lernen. Vertrauen und Glauben sind im Griechischen übrigens das gleiche Wort: Pistis. Daß man Gott vertrauen kann, sieht man nirgends deutlicher als am Kreuz von Golgatha: Gott selbst läßt sich von den Menschen ans Kreuz schlagen, läßt sich ermorden, obwohl es Ihm ein Leichtes wäre, sich zu befreien. In der Antike war genau das eine absolute Unglaublichkeit. Die Mehrheit er Menschen konnte nicht glauben, daß ein Gott diese Schmach, diese Schmerzen, dieses Elend auf sich nimmt, denn einem Gott stehen Herrlichkeit und Glanz zu, und ein Gott kann sich diese auch verschaffen.

Der wahre Gott ließ aber von alledem ab und ließ sich ermorden. Seine Macht demonstrierte Er später, indem Er sich das Leben wiedernahm.

Damit sind zwei Dinge klar:

  1. Gott liebt die Menschen so sehr, daß Er lieber selbst Schaden nimmt, als etwas auf sie kommen zu lassen. Man kann Ihm vertrauen.
  2. Gott ist in der Lage, selbst aus dem Tod heraus das Leben wieder zu ergreifen. Er ist enorm mächtig. Man kann auf Ihn hoffen.

Dagegen stinkt da Geld als Hoffnungsträger ab, aber sowas von! Und alle anderen Alternativgötter ebenso, deren sich die Sünde bedient, um über uns zu herrschen. Luther nannte Sünde, Tod und Teufel oft in einem Zug, man kann sie also auch synonym verstehen. Dann wäre die Sünde das selbe wie der Teufel. Wir wären also unter der Herrschaft des Teufels, bevor Christus uns befreit hat. Diese Befreiung ist die Bekehrung, und der Glaube ist da von Anfang an mit dabei, denn in dem Moment, in dem ich Gott vertrauen (also glauben) kann, bin ich bekehrt, und dann gibt es auch keinen Grund mehr, das Unrechte zu tun, das ich nicht tun will, denn Gott verlangt von mir kein Unrecht, Er verlangt überhaupt kein Tun, um das Heil zu erwerben oder zu erhalten. Er schenkt mir das Heil aus Seiner freien Gnade, und ich kann nichts dagegen tun, aber auch nicht dafür.

Ich meine nun, ein an Gott Interessierter würde weniger auf Distanz gehen, wenn ich ihm sage, daß er unter dem Joch der Sünde steht, als wenn ich ihm sage, daß er ein Sünder ist. Beides ist eigentlich das gleiche, aber im ersten Fall liegt der Hauptauenmerk darauf, daß er Opfer der ganzen Sache ist, während im zweiten Fall der Täteraspekt betont wird. Beides trifft zu, aber wenn ich den Menschen in seiner Not an- und ernstnehmen will, muß ich auch hinsehen, was seine Not ist, und nicht, wo er überall falsch gehandelt hat. Das ist ihm meist selbst klar.

Ist jemand zum Glauben gekommen und frei, dann ist er auch empfänglich für Hinweise zu falschem Tun, denn er wird ja danach streben, Gott, der ihm so viel Gutes getan und ihn befreit hat, zu gefallen. Dann braucht man auch nicht mit der Hölle zu drohen oder sonstwie Angst machen.

glaube, kirche

Was bringt mir das?

Ostern! In diesen Tagen werden auch die Kritiker von Kirche und Glauben aktiv, und schreiben etwa auf, wie sie das alles so sehen. Und ich will das gar nicht groß kritisieren (obwohl ich schon mehrfach schrieb, daß man das alles auch anders verstehen kann). Solche Kritik ist wichtig, um uns Kirchengliedern und Gläubigen zu zeigen, wie gut wir unseren Glauben nach außen darstellen.

Und wenn ich mir das so durchlese: Nicht gut.

Klar kann man jetzt meckern über polemische Vereinfachung und Konzentration auf gewisse amerikanische Strömungen bei der Kritik, auf einseitige Wahrnehmung etc etc etc. Geschenkt.

Statt dessen, finde ich, sollte man dem das Eigene entgegenstellen.

Der verlinkte Artikel geht ja sehr von der Frage „Was bringt mir das?“ aus. Wieso sollte ich an Gott glauben, wenn…?

Der Glaube an Gott wird so zum Wellness-Tool. Wenn es mir mit besser geht, wieso dann nicht? Wenn es mir ohne genausogut geht, wieso damit befassen?

Wieso damit befassen?

Darin könnte ein Knackpunkt liegen. Das setzt voraus, daß man zum Glauben als Glaubender ein distanziertes Verhältnis hat, sich damit befaßt, ohne daß es einen erfaßt. Aber wie soll das gehen?

Sicher kann ein Erfaßter sich auch mit dem Glauben, der ihn erfaßt hat, befassen. Ebenso kann man auch als nicht Erfaßter sich mit dem Glauben befassen, aber es ist ebe nicht das Gleiche!

So wie jemand, der nur distanziert-sachlich über seinen Fußballverein spricht und denkt, schwerlich als „Fan“ durchgeht. Gleichwohl müssen Fragen beantwortbar sein. Der Glaube kann kein widersinniges System stützen, wie in der oben verlinkten Kritik. Das mit ihm verbundene System muß mindestens so viel Sinn ergeben, wie alle konkurrierenden Systeme. Jemand der sieht, daß in einem bestimmten Verein objektiv sehr guter Fußball gespielt wird, kann dies anerkennen, auch ohne selbst zum Fan zu werden. Etwa, weil er sich mehr für Synchronschwimmen interessiert, was auch nicht verwerflich ist.

Aber der ergleich hinkt, denn beim Glauben geht es nicht nur um einen persönlichen Geschmack. Glaube an Gott, zumindest der christliche Glaube, erhebt den Anspruch – meiner Meinung nach zu Recht – die Wahrheit zum Inhalt zu haben.

Glaube hat etwas mit Wahrheit zu tun, etwas mit der Überzeugung von einer Wahrheit. Man ist davon überzeugt, daß das, was man da glaubt, an den man da glaubt, wahr ist.

Insofern ist die Frage nach dem Nutzen vielleicht etwas zu kurz gegriffen. Die eigentliche Frage ist: Stimmt es, oder stimmt es nicht?

Aber wie findet man so etwas raus? Und um was geht es eigentlich genau? Was ist der Inhalt, der wahr oder unwahr ist? Schöpfungsgeschite im Sinne der Kreation? Anzahl und Namen der Söhne Israels? Korrektes Feiern der Liturgie nach Agende? Genaue Kenntnis aller Dogmen und Konzilsbeschlüsse sowie unkritisches Für-wahr-halten derselben? Ich meine – ich hoffe – er Glaube läßt sich konkretisieren auf wenige Punkte, aus welchen sich dann alles andere ableitet. Oder auch nicht, dann sollte man drüber reden.

Einen ersten Schritt bei der Fassung dieser Konkretion des Inhalts des Glaubens will ich hier versuchen. Es soll um Freiheit und Unterordnung gehen.

Freiheit wird von vielen wenn nicht allen Menschen angestrebt. Dem entspricht auf den ersten Blick, daß die Unterordnung unter einen Gott für viele Glaubenskritiker einer der Hauptgründe gegen den Glauben ist. Gibt man damit nicht seine Freiheit auf? Wird man nicht zum unkritisch-dummen Nachbeter der ewig selben Pseudowahrheiten, die nebenher als Vorwand benutzt wurden, um viele weitere Menschen in Unfreiheit zu halten?

Der Vorwurf ist historisch sicherlich nicht unberechtigt. Es gab und gibt Menschen, die sich auf Dogmen zurückziehen, die diese als wahr betrachten ohne sie begründen zu können, abgesehen etwa von Autoritätsargumenten.

Aber der Vorwurf ist gleichzeitig auch unwahr, da es zu allen Zeiten Menschen gab, die gleichzeitig äußerst fromm waren und trotzdem den eigenen Gauben kritisch hinterfragten, ehrlich nach Begründungen suchten und gerade nicht auf die Nutzbarmachung von Dogmen zur Unterdrückung anderer schielten.

Trotzdem ordneten sie sich unter. Unter Gott, wie sie Ihn verstanden, und wie sie es für vernünftig hielten.

Andere Menschen halten anderes für vernünftig, und hier wird die Sache schwierig. Denn nach welchen Kriterien sollte man ermessen, wer sich jetzt der Wahrheit unterordnet?

Aber zuerst eine andere Sache: Der Wahrheit unterordnen! Wäre eine Unterordnung in diesem Fall auch eine Aufgabe der Selbständigkeit? EIn Freiheitsverlust? Da größte zu vermeidende Übel?

Ich meine, eine Unterordnung unter die Regeln der Wahrheit bedeutet nicht Knechtschaft, vielmehr wird von allen Menschen angestrebt, den Regeln der Wahrheit zu folgen. Damit könnte man auf die Idee kommen, daß die Unterordnung unter die Wahrheit Freiheit bedeutet. Unterordnung wäre also nicht in jedem Fall schecht.

Ich gehe sogar soweit, daß es hier die größte Freiheit gibt und daß jede Freiheit (auch die eingeschränkten Varianten) immer auch einer gewissen Ordnung (und damit Unterordnung, und sei es unter den eigenen egoistischen Willen) bedarf. Die Ordnung gibt den Rahmen vor, in dem man frei handeln kann. Ohne solche Ordnung, kann einem jede mögliche Freiheit bestritten werden. Manche Ordnungen geben einem mehr Freiheit, andere Ordnungen weniger.

Wir haben nun also verschiedene Systeme im Vergleich: Die einen ordnen sich Gott unter, andere anderen Idealen, vom säkularen Humanismus über all die verschiedenen Religionen bis hin zu menschenverachtenden Systemen und persönlichem Egoismus, die Freiheit nur für einige wenige bereit halten (und diese dann wiederum unfrei machen, weil sie an ihrer Macht hängen und dadurch unfrei werden in ihrem Handeln: Was die Macht mindert liegt außerhalb der Möglichkeiten).

Die Frage, was wahr ist, entspricht also wohl der Frage, unter wen oder was man sich unterordnen muß, um die größtmögliche Freiheit zu erfahren.

Dies halte ich für eine Kernfrage, die, falls überzeugend beantwortet, dem entsprechenden System viel Zustimmung bringen würde.

Ich meine weiter, daß es im Christentum um nichts anderes geht als um eben diese größte Freiheit:

Zentral im Christentum sind Karfreitag und Ostern, also Tod und Auferstehung Jesu. Versteht an diese nicht so, wie in der oben verlinkten Kritik, sondern eher im Rahmen der ebenfalls verlinkten alternativen Betrachtungsweise, dann hat das Ganze viel mit Freiheit zu tun. In Kürze kann man es so fassen:

Der Teufel hält die Welt gefangen und versucht über alles die Kontrolle zu bekommen, sich alles unterzuordnen. Den Teufel kann man hier als Chiffre für all das bezeichnen, was man als böse ansieht (man kann es sicher auch objektiver fassen aber für den Anfang reicht diese subjektive Sichtweise). Gegenspieler ist Gott, der die Welt befreien möchte.

Der Teufel geht auf folgende Weise vor: Er bringt den Menschen (jeden einzeln) dazu, etwas zu tun, das Unrecht ist. Dann benutzt er dies gegen den Menschen, um ihn immer tiefer in unrechten Taten zu verwickeln, indem er die erste Tat zu decken versucht. Ziel ist es, den Menschen zu isolieren, ihm keine Entwicklungsmöglichkeit zum Guten hin zu geben und ihn im Netz aus Unrecht und Lüge, das er um sich gesponnen hat zu ersticken. Dabei setze dann die einen Menschen auch die anderen unter Druck, in einer gewissen unrechten Weise zu handeln. Ziel des Teufels bleibt die Kontrolle. Wer stirbt, kommt ebenfalls in seinen Machtbereich, den Tod, die Hölle.

Gott kann nicht viel machen. Schließlich wird er Mensch, und gleich fängt der Teufel an und verucht, Ihn zum Bösen zu verleiten. Gott-als-Mensch (Jesus) läßt sich jedoch nicht darauf ein, also setzt der Teufen Ihn durch andere unter Druck, bis hin zu Seiner Ermordung. Denn so käme Gott-als-Mensch ebenfalls in den Tod ud wäre unter des Teufels Gewalt. Sowohl die Toten als auch die lebend-isolierten sind im Grunde ohne Beziehung und damit tot.

Doch der Einsatz Gottes für die Menschen befreit diese aus Tod und Hölle. Gott ist größer als der Teufel, das Gute größer als das Böse, und so werden Beziehungen wieder möglich. Gott besiegt Tod und Teufel und überwindet damit die Hölle.

Damit eröffnet Gott neue Möglichkeiten für diejenigen, die schon ziemlich verstrickt sind in ihr eigenes Unrechttun. Sie kriegen wieder Hoffnung, weil Gott in Seinem Tun quasi sagt: Das Unrecht das Ihr tut, rechne ich Euch nicht an (wiewol es trotzdem Unrecht bleibt!), gehet hin und sündigt fortan nicht mehr.

Er befreit die Menschen aus den Verstrickungen der Hölle, indem Er sie annimmt, sie liebt, trotz aller Taten, mit denen der Teufel sie zu kontrollieren sucht. Damit ist die Macht des Teufels gebrochen, oder etwas weniger mystisch ausgedrückt: Die Macht, die unsere unrechten Taten über uns haben.

Und das halte ich für eine unglaublich befreiende Wahrheit. Denn es erlaubt einem, alles zu tun, was einen Gut dünkt (≠wozu man gerade Lust hat) und hält einen nicht in äußeren Zwängen gefangen, wie das Tun unrechter Taten. Während man untergeordnet unter Gott sowohl Gutes als auch Böses tun kann, ist man bei anderen Unterordnungen in Sachzwängen gefangen und damit in seinem Handeln auf die Sachzwänge eingeschränkt.

Wenn jetzt jemand meint, daß auch er nicht von Sachzwängen eingeschränkt sei und eben so eine Freiheit habe, wie der sich Gott unterordnende Christ, dann habe ich zweierlei dazu zu sagen:

  1. Ich freue mich aufrichtig für Dich, und daß Du diese Freiheit erlebst.
  2. Womöglich sind wir beide näher beieinander als es den Anschein hat.

Übrigens würde ich für mich nicht in Anspruch nehmen, mich gar nicht mehr durch Sachzwänge beeinflussen zu lassen. Daher bedarf ich immer wieder der Vergebung Gottes. Dieser kann ich jedoch gewiß sein, und so kann ich es immer wieder aufs Neue versuchen, ohne Sachzwänge zu leben und nur noch Gutes zu tun. Dies zu erreichen ist mein sehnliches Ziel.

Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Anthropologie, Gesellschaft

Godwin’s Law

Vor Urzeiten, kurz nachdem die Menschen aufgehört haben in Höhlen zu leben, als sie noch über das Usenet kommunizierten, stellte ein gewisser Mike Godwin eine Regel auf:

Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.

Mit anderen Worten: Irgendwann bringt irgendwer einen Nazivergleich. Irgendwann kommt einer mit der Nazikeule. Die gegnerische Ansicht wird mit Hitler und den Nazis verglichen, also mit dem ultimativ Bösen, damit ist die Diskussion zu Ende. Das Finale „Argument“ ist: Was Du denkst/sagst/vertrittst ist BÖSE!!!“

Das ist natürlich kein Argument. Man ist also quasi am Ende der Argumentationskette angelangt, meist erklären sich die mit den Nazis Verglichenen mit einem gewissen Recht als Gewinner der Diskussion.

Doch oftmals habe ich mich über diese Regel ach schon geärgert. Sie funktioniert ja nur unter einer bestimmten Prämisse, nämlich daß Hitler und die Nazis wirklich das ultimativ Böse sind bzw. waren. Nur wenn man dies annimmt, sind Vergleiche mit ihnen prinzipiell nicht möglich. Aber ist es denn so?

Manchmal scheint es mir, der Begriff „Hitler“ habe in unserer modernen Welt den „Teufel“ vollkommen abgelöst. An den Teufel glaubt keiner mehr, es hat auch niemand mehr Angst vor ihm (außer vielleicht die Zeugen Jehovas). Bei Hitler ist das anders, und ach vor den Nazis haben nicht nur die hier lebenden Ausländer Angst, sondern auch andere. Die Nazis sind (nicht zu Unrecht) Feindbild (fast) der ganzen Gesellschaft. Hört man manchem zu, dann handelt es sich bei ihnen gar nicht mehr um richtige Menschen.

Da krieg ich dann aber so nen Reflex, der mich an die antisemitische Propaganda des Dritten Reichs erinnert.

Noch ein Nazi-Vergleich! Ist meine Aussage deshalb falsch? Ich meine nein. Und ich meine auch, daß das Problem bei der Prämisse liegt: Nazis, und ach Hitler selbst, waren nicht irendwelche Ausgeburten der Hölle, die mit „normalen“ Menschen nichts zu tun gehabt hätten, sondern Menschen wir wir. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) waren sie zu den unglaublichsten Verbrechen fähig.

Und gerade weil sie daz fähig waren, und gerade weil sie Menschen wie wir waren, sollten wir uns hüten, ihnen das Menschsein abzusprechen und so zu tun, als ob wir zu Völkermorden gar nicht in der Lage wären. Wir sind es. Der Christ spricht hier von Sündhaftigkeit, und die Passionszeit, in der wir uns gerade befinden ist der passende Zeitpunkt, uns das ins Gedächtnis zu rufen.

Tun wir dies, dann merken wir vielleicht, daß Godwins Gesetz zu kurz greift. Ich meine, es ist falsch, Diskussionen an diesem Punkt abzubrechen. Denn wenn heute Dinge passieren, wo auch immer auf der Welt, die ähnliche Muster erkennen lassen zu dem, was ab 1933 geschah, dann wäre es gut, wenn eine Benennung des Sachverhaltes nicht wegen einer Usenet-Regel vom Tisch gewischt, sondern reflektiert würde.

Godwin hat später einmal einen Artikel geschrieben, in dem er die Entstehung seines Gesetzes beschreibt:

In discussions about guns and the Second Amendment, for example, gun-control advocates are periodically reminded that Hitler banned personal weapons. And birth-control debates are frequently marked by pro-lifers‘ insistence that abortionists are engaging in mass murder, worse than that of Nazi death camps. And in any newsgroup in which censorship is discussed, someone inevitably raises the specter of Nazi book-burning.

But the Nazi-comparison meme popped up elsewhere as well – in general discussions of law in misc.legal, for example, or in the EFF conference on the Well. Stone libertarians were ready to label any government regulation as incipient Nazism. And, invariably, the comparisons trivialized the horror of the Holocaust and the social pathology of the Nazis. It was a trivialization I found both illogical (Michael Dukakis as a Nazi? Please!) and offensive (the millions of concentration-camp victims did not die to give some net.blowhard a handy trope).

So, I set out to conduct an experiment – to build a counter-meme designed to make discussion participants see how they are acting as vectors to a particularly silly and offensive meme…and perhaps to curtail the glib Nazi comparisons.

I developed Godwin’s Law of Nazi Analogies: As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one.

Es ging ihm also darum, die Trivialisierung des Dritten Reiches anzgreifen. Das ist die andere Gefahr, neben der Entmenschlichung Hitlers und seiner Schergen. Indem man überall gleich „Nazi“ schreit, inflationär mit dem Begriff umgeht, sorgt man, wie bei einer richtigen Inflation auch, für eine Entwertung. Und Aushölung. Wenn beides zusammenkommt, also Entwertung und gleichzeitige Entmenschlichung, und das tut es, dann hat man am Ende weder einen Begriff davon, was Hitler und die Nazis getan haben, noch zieht man irgendwie in Erwägung, daß die Gefahr besteht, daß so etwas wieder passieren könnte.

Doch kann es immer wieder passieren. Kriege gab es immer, Tyranneien gab es immer, Völkermorde gab es immer. Und ach wenn es immer wieder passiert, es ist nicht trivial, es ist in jedem Fall ein unsägliches Leid, das da über die Menschen gebracht wird.

In der Folge bedeutet das für mich: Wir müssen Nazivergleiche anstellen, wo dies angebracht ist, und wir müssen sie kritisieren, wo eine Trivialisierung stattfindet.

Am Ende seines Artikels überlegt Godwin, ob man eine moralische Pflicht habe, ein Gegenmem zu entwerfen, sobald man ein schädliches Mem bemerkt. Am Ende schreibt er davon, gute Meme zu schaffen, um schlechte Meme (wie die Nazikeule) auszutreiben (etwa mit Godwin’s Law).

Ich meine, das bringt nichts, da ein Mem nicht per se gut oder schlecht ist. So hat Godwins Gesetz, selbst aus guten Gründen geschaffen, das oben genannte Problem: es sind keine Nazivergleiche mehr möglich, auch nicht, wenn diese angebracht sein sollten.

So aufwendig (und letztlich wohl auch unerfolgreich) es auch ist, es wird wohl kein Weg drumrum führen, sich in jedem Fall mit dem Gesprächspartner auseinanderzusetzen und ihm zu erleutern, warum der Nazivergleich nicht passt, vom Thema wegführt oder sonst verkehrt ist.

Wirklich Überzeugen gibt’s nicht für lau.

glaube

Wer starb am Kreuz?

Die Frage mag komisch klingen. Jesus natürlich, zumindest wenn man nicht dem Doketismus anhängt. Aber von vorn:

sicDaniel, ein Kommentator beim Blasphemieblog, stellte in den Kommentaren zu einem Artikel die Frage danach, wie das denn sein könnte, daß einerseits Jesus Gott ist und andererseits Jesus am Kreuz gestorben ist. Dann wäre ja Gott gestorben, und Gott könne nicht sterben, das widerspräche Gott.

Es wurden ein paar Sätze gewechselt, bis jemand darauf hinwies, daß dies doch eine seltsame Debatte für ein atheistisches Blog sei. Stimmt auch irgendwie, deshalb möchte ich hier jetzt eine Antwort versuchen, und die Debatte kann dann ja auch hier weitergehen, um nicht weiter die Atheisten zu belästigen.

Vorab möchte ich noch sagen, daß ich weder Sprachrohr irgend einer christlichen Gruppierung bin noch dies eine wissenschaftliche Abhandlung darstellt. Hinweise darüber, wo ich mit irgendwelchen Theologen, Bekenntnisschriften oder sonstigem nicht konform gehe sind willkommen, aber gehen insofern am Ziel vorbei, als daß ich hier keine offizielle Meinung repräsentiere, sondern von meinem Glauben Zeugnis ablege. Ich bin sowieso skeptisch, was darüber hinausgehende kirchliche Äußerungen auf protestantischer Seite angeht.

Tod

Am Anfang muß die Frage nach dem Tod stehen. Was ist Tod? Was macht ihn aus? Was ist er nicht?

Unter Tod verstehe ich das Ende des biologischen Lebens: Das Herz hört auf zu schlagen, die Atmung hört auf, die Hirnfunktionen und nach einer Weile auch die biochemischen Prozesse in den einzelnen Körperzellen. Der Zerfall, die Verwesung des Körpers setzt ein.

Tod ist jedoch nicht ein Ende des Seins, in dem Sinn, daß nichts mehr da wäre. Ich denke dabei nicht etwa an eine Seele. Die unsterbliche Seele wie man sie sich heute vorstellt ist eine platonische Vorstellung, die erst sekundär vom Christentum rezipiert wurde, und die ich für nicht hilfreich erachte.

Mir geht es um das, was sonst übrig bleibt von einem Menschen. Da wären erst einmal die Auswirkungen seiner Taten zu Lebzeiten, oder die Dinge, die er gemacht hat, ob Häuser oder Gedichtbände, und die Erinnerung an ihn. Mit dem Tod eines Menschen geht nicht alles Wissen über ihn verloren. Durch Zugriff auf private Schriften lernt man ihn vielleicht sogar besser kennen als vorher. Dies ist nichts Materielles, das übrig bleibt, und der Mensch hat da nichts mehr von. Es erscheint mir jedoch wichtig, darauf hinzuweisen.

Trinität

Der christliche Gott wird als Dreifaltigkeit gedacht: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Alle sind verschieden, alle sind Gott, und Gott ist nur einer. Ein scheinbarer Widerspruch, doch denke ich, daß man das nicht so als Mysterion stehen lassen muß. Auch wenn vielleicht nicht alle Aspekte geklärt werden können, gibt es doch Möglichkeiten, sich die Denkbarkeit der Trinität zu erleichtern.

Mein Religionslehrer, von dem ich viel gelernt habe, hat es einmal mit den Rollen verglichen, die ein Mensch inne haben kann: So kann ich zum Beispiel gleichzeitig Freund meiner Freundin, Student meines Studienfachs und Einwohner meiner Stadt sein. In allen drei Rollen verhalte ich mich anders, und manchmal ist es schwierig, sie voneinander zu trennen. Doch kann man vielleicht grob sagen, daß wenn ich den Stadtrat mitwähle, dies weniger als Freund meiner Freundin tue denn als Bürger der Stadt. Und wenn ich sie küsse tue ich das nicht als Student. Genausowenig bin ich in erster Linie Bürger, wenn ich für’s Examen lerne. Und trotzdem bin ich der selbe.

Der Sohn

Jesus ist der Sohn Gottes und trotzdem selbst auch Gott. Und zwar nicht in abgestufter Weise, sondern eben vollkommen Gott. Aber Er ist nicht der einzige Aspekt von Gott. Er ist aber nicht nur vollkommen Gott, sondern eben auch vollkommen Mensch. Und als Mensch Sohn Gottes. In der Antike stellte man es sich ja so vor, daß der Samen des Mannes in die Frau gepflanzt wird, und das Kind heranwächst ohne daß die Fra da noch ein paar Chromosomen beisteuert. So denke ich, ist auch die Gottessohnschaft Jesu zu verstehen. Er ist Sohn des Vaters, eben weil der Same als vom Vater kommend gedacht war. Das macht Ihn dann aber nicht zu weniger Gott, oder zu einem Juniorgott. Es ist der selbe.

Tod revisted

Unser Verständnis von Tod ist sicherlich nicht das, was man sich früher darunter vorgestellt hat. Luther benutzte oft Sünde, Tod und Teufel als Synonyme, die das gleiche bezeichneten: Die Trennung von Gott. Man stellte sich ein Totenreich vor, wo die Verstorbene hinkommen und gefangen sind, in absoluter Gottesferne. Wo Tod heute als biologisches Ende verstanden wird, wurde es damals vor allem als Ende aller Beziehungen verstanden. Nicht einmal mehr die Beziehung zu Gott konnte über den Tod hinaus aufrecht erhalten werden.

Kreuzigung

Nun kam es also zur Kreuzigung. Jesus wurde ans Kreuz genagelt, und starb. Und da Gott Jesus war und Jesus Gott war, starb Gott und kam ins Totenreich, in die absolute Trennung von Gott. Jesus wurde beziehungslos und ging an den Ort, wo Beziehung nicht mehr möglich war.

Doch ist dadurch, daß Gott an den Ort kommt, wo es keinen Gott gibt, der Ort der Getrenntheit von Gott zum Ort der Nähe Gottes geworden. Wenn Gott in die Gottesferne kommt, ist Gott nicht mehr fern, und besiegt die Gottesferne, also die Hölle oder den Tod. Darin liegt auch der vielleicht etwas hämisch klingende Osterjubel begründet:

Tod wo ist Dein Stachel, Hölle wo Dein Sieg?

Ein Aufhören der biologischen Prozesse ist also nicht im Fokus, wenn es um den Tod und die Auferstehung Christi geht. Ich habe Schwierigkeiten, mir Gott mit biochemischen Zellprozessen vorzustellen, die aufhörten in dem Moment, wo Gott am Kreuz starb.

Alles alter Käse?

Wenn sich nun die Vorstellung in Bezug auf den Tod gewandelt haben, hat die ganze Kreuzigungsgeschichte uns heute nichts mehr zu sagen? Ist es ein veralteter Mythos, der in alten Büchern steht und keine Relevanz mehr für das heutige Leben hat? Was passierte wirklich damals?

Ich denke, die historischen Details des damaligen Geschehens können wir heute nicht mehr greifen, und nachweisen schon gar nicht. Die Bibel ist ja schon recht wortkarg, was die Auferstehung angeht. Viel mehr als das „daß“ der Auferstehung wird nicht berichtet. Aber es ist ja doch möglich, anzunehmen, daß ein gekreuzigter Mensch durchaus in Folge von Folter und Kreuzigung starb, und zwar in dem Sinne, wie wir heute Tod verstehen.

Die Hölle, gedacht als absolute Beziehungslosigkeit, als Ort, von dem man nicht Gott und auch sonst niemanden mehr erreichen kann, ist durchaus auch denkbar. Mangelndes Vertrauen erschwert auch heute Beziehungen, macht sie teilweise unmöglich. Und das mangelnde Vertrauen kommt aus Verletzungen, die man erlebt hat.

Durchbrechen kann man das nur durch Zuwendung, durch Liebe, indem man auch mal Angriffe aushält. So wird die Beziehungslosigkeit durchbrochen und besiegt, der Hölle die Macht genommen.

Was spricht dagegen, daß Jesus genau das gemacht hat? Indem er trotz Schuldlosigkeit in den Tod ging? Und was spricht dagegen, daß er danach wieder aufstand? Wenn es Gott gibt, und ich sehe keinen Grund daran zu zweifeln, kann man Ihm durchaus auch die Macht zutrauen, sich das Leben wieder zu nehmen, wenn Er es gelassen hat. Damit hätten die Menschen damals dann auch gesehen, daß es tatsächlich Gott war, der da alles erduldete und sich trotz Möglichkeiten nicht wehrte. Gott, der sich den Menschen zuwendet und auch ärgste Angriffe wegsteckt, und dadurch eben auch Beziehung wieder ermöglicht. Und wo die Beziehung ist, ist nicht Hölle, nicht Tod, nicht Teufel.

Allgemein

Geh doch rüber

Ich kann mich ja aktiv nicht mehr daran erinnern, dazu bin ich zu jung, aber es kursiert das Gerücht, daß früher, als die Mauer noch stand und im Osten Europas der real existierende Sozialismus weder von Ochs noch Esel aufgehalten wurde, im Westen diejenigen Menschen, die auch positive Seiten am Sozialismus zu erkennen glaubten, eben jenen Spruch an die Stirn geknallt kriegten:

Dann geh doch rüber!

Natürlich wurde das auch mal gesagt, wenn es gar nicht um Sozialismus ging, aber es wurde zum Totschlagargument: Was Du sagst ist Sozialismus, Sozialismus kannste drüben haben, drüben geht’s den Leuten schlecht, also kann die ganze Idee nix sein.

Eine durchaus einfache Weise, jemanden abzukanzeln, um sich nicht mit seiner Position auseinandersetzen zu müssen. Auch heute kommt es immer wieder zu Revivals des Spruchs und der Methode etwas z brandmarken, das man eigentlich gar nicht kennt. Zum Beispiel im Artikel von Philipp Möller vom 25.4. bei The European.

Der Artikel mit dem Titel „Dummdreistes theologisches Drohszenario“ endet nämlich genauso, wie dargestellt:

Wer sich aber mehr „Gott“ in der Regierung wünscht, dem sei ein Umzug empfohlen – zum Beispiel in den Iran.

Es geht um das ewige Thema der sog. Neuen Atheisten: Kirche und Glaube böse, alle anderen gut, und wer nicht überzeugt ist muß sich nur im Iran umsehen oder sich daran erinnern, was im 11. September 2001 so in New York los war. Achja, Kreuzzüge, Hexenverbrennung und dergleichen mehr, alles nr wegen der Religion.

Diesmaliger Aufhänger für den provokativ gestalteten Text ist das angebliche Drohszenario, das die Kirchen aufbauen würden, daß nämlich ohne Gott alles erlaubt sei. Dabei unterstellt er, wie es fast schon Tradition ist, daß kirchliche Menschen meinten, nur mit Angst vor der Hölle moralisch handeln zu können (wobei er ihnen ja genau das weiter oben abspricht, weil das afrikanische Christentum Kinder als Hexen verfolgen würde und allgemein die Religion ja Frauen unterdrückt etc, die üblichen undifferenzierten und unbelegten Vorwürfe).

Aber zurück zum Thema: Man sieht daß sie Herr Möller wenn, dann nur sehr oberflächlich mit dem Glauben, zumindest dem christlichen, befasst hat. Sonst würde er wissen, daß der Grund für die guten Werke nicht die Angst ist vor der Hölle, sondern eben genau der Umstand, daß man vor der Hölle eben keine Angst mehr haben muß, weil man durch Christus vor Gott gerechtfertigt ist. Die gte Tat des Christenmenschen ist also Reaktion auf die gute Tat Gottes an ihm selbst. Herr Möller muß natürlich nicht glauben, daß es diesen Gott wirklich gibt, aber er sollte doch als Einwohner des Landes der Lutherischen Reformation die Grundbegriffe derselben kennen, wenn er sich schon zu der betreffenden Religion äußern will. Inzwischen gibt es da auch einen (weitgehenden?) Konsens mit der römischen Kirche, und der wurde vor ein paar Jahren, also zu Lebzeiten von Herrn Möller geschlossen.

In einer Sache hat Möller Recht: Man kann auch ohne zu glauben Gutes tun, trotzdem scheint es mir sehr optimistisch, wenn er schreibt:

Er (sc. der von Religion freie Mensch) achtet die Selbstbestimmungsrechte seiner Mitmenschen und erkennt den Sinn des Lebens in dem einzigen Leben, das er hat. Er hinterfragt seine Urteile und lässt sich von keiner religiösen oder politischen Ideologie zum blutigen Kampf für „das Gute“ gegen „das Böse“ verleiten.

Sicherlich gibt es Menschen ohne Religion, die all das tun. Aber trifft das auf alle religionslosen Menschen zu? Es gibt sicherlich unreligiöse Menschen, die politischen Ideologien nachlafen und nachliefen, und nter diesen wird man ach welche finden, die ihre Urteile gerade nicht hinterfragen. Religionslosigkeit macht per se nicht zum kritisch denkenden Menschen. Und nicht zum Toleranten. Deshalb bin ich auch bei der Achtung der Selbstbestimmngsrechte skeptisch. Es ist vielleicht nur eine Korrelation, daß es im Osten, wo die Religion schwach ist, Parteien wie NPD und DVU ihre größten Erfolge feiern. Sicherlich, es hat viele Gründe, warum Menschen rechten Ideologien nachlaufen, und Religion hilft da vielleicht gar nicht mal so sehr dagegen, aber ich habe so meine Zweifel, daß alle Nazis religiöse Menschen waren und sind. Wenn aber ach Relgiionslose darunter sind, so stimmt die Rede von der Achtng der Selbstbestimmngsrechte nicht.

Da wir gerade beim Recht sind, sich selbst zu bestimmen: Möller achtet zwar die persönliche Glaubensfreiheit:

Die persönliche Glaubensfreiheit ist „Mensch sei Dank“ durch das Grundgesetz gesichert.

allerdings scheint es auch hier Grenzen zu geben. Denn wenn diese Glaubensfreiheit beinhalten sollte, daß man auch tun können soll, was man für richtig hält, dann hört die Freiheit auf, und mir geht es hier nicht um Gesetzesbrüche aufgrund religiöser Überzeugungen, sondern um Wahlen und Bndestagsabstimmngen:

Der moralische Kompass der Religion, der nur zwischen dem „lieben Gott“ und dem „bösen Teufel“ unterscheiden kann, gehört ins Museum. Nicht in Kitas, Schulen, Universitäten oder Gerichtsgebäude – und schon gar nicht in den Bundestag.

Glaubensfreiheit bedeutet also nicht, daß man seine Kinder nach den eigenen Überzeugungen erziehen darf, etwa indem man sie in eine kirchliche Kita schickt, oder in der Schule für den Religionsunterricht anmeldet (was er mit der Universität meint, versteh ach ich nicht). Und Glaubensfreiheit bedeutet vor allem nicht, das hebt Möller deutlich hervor, daß ein religiöser Bundestagsabgeordneter entsprechend seiner Überzeugung abstimmen darf. Das gesteht Möller wohl nur nichtreligiösen Abgeordneten zu. Die religiösen Abgeordneten würden sich dann wohl der Stimme zu enthalten haben oder gegen ihr Gewissen abstimmen müssen! Das wird weiter unten im Text noch einmal deutlich gemacht, dort fordert er ein System

in dem demokratisch gewählte Volksvertreter im Sinne des Volkes entscheiden – nicht im Sinne ihrer Religion

Interessant fände ich, wie er den Sinn des Volkes ermitteln will, gibt es da irgend ein Zentralkommitee, vielleicht in Form einer Vorhut der KLasse der Religionslosen? Und vor allem, inwieweit der Sinn eines Volkes, das zu 2/3 Mitglied einer der beiden großen Kirchen ist, vom Sinn der Religion des Abgeordneten abweicht, die höchst wahrscheinlich ebenfalls das Christentum ist. Aber freilich, der Text soll provokativ sein, und da kann man auch einmal Forderungen aufstellen, die keinen Sinn ergeben. Neben der Forderung, daß Abgeordnete nach dem (von der gbs festgelegten?) Sinn des Volkes abstimmen sollen statt nach ihrem Gewissen, fordert er noch

Firewall gegen Dogmen, Doppelmoral und Diktaturen

Er benutzt Analogien aus der IT, also nicht wundern, es geht um ein gesellschaftliches System für das 21. Jahrhundert.

Leider bleibt er dann den Entwurf auch schuldig. An sich logisch, denn wie könnte ein System ohne Dogmen auskommen, also ohne feststehende Vorentscheidungen, die nicht relativiert werden? Die Menschenrechte könnten so etwas darstellen, wollte man ein sälulares System formulieren. Das will er aber offenkundig nicht. Alles was er tun will, ist zu polemisieren: Hier die Religionen, die für alles Leid auf der Welt verantwortlich sind (ohne Belege zu nennen, er suggeriert nur) und af der anderen Seite die Möglichkeit, ohne Religion viel besser und in größerer Eintracht zu leben.

Man beachte, daß er auch hier nur suggeriert, daß das möglich wäre, ohne eine tatsächliche Alternative anzubieten. Die müßte sich dann der Kritik stellen und wer weiß, vielleicht ist er sich dessen bewußt, daß er auch kein konkretes System anzubieten hätte, das den einzelnen Religionen überlegen wäre.

Anthropologie, Religion, Theologie

Die Sünde

Bei ner Diskussion auf nem atheistischen Blog kamen wir zum Begriff der Sünde. Ich wurde gebeten, dazu mal ausführlicher zu schreiben, was ich hier nun versuchen will.

Sünde – was ist das eigentlich?

In der Werbung hören wir immer mal wieder von Sünden wenn es um kalorienreichere Nahrung (=Süßigkeiten) geht und dergleichen, ansonsten kennt man die Sünden noch als moralische Verfehlungen, Dinge, die man nicht tut, für die man gesellschaftlich gemieden, marginalisiert wird. In dem Fall gehören Sünden in die Kategorie: „Sowas tut man nicht“…

Was sagte die Bibel?

Wieso eigentlich, bzw, ist das tatsächlich so? Biblisch gesehen, und der Begriff der Sünde kommt ja aus der biblischen Tradition, kann man so eher weniger argumentieren. Die Bibel lässt keinen Zweifel daran, daß alle Menschen Sünder sind (Röm 3, 9-18):

Was sagen wir denn nun? Haben wir Juden einen Vorzug? Gar keinen. Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind, wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3). Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie (Psalm 5,10), Otterngift ist unter ihren Lippen (Psalm 140,4); ihr Mund ist voll Fluch und Bitterkeit (Psalm 10,7). Ihre Füße eilen, Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer, und den Weg des Friedens kennen sie nicht (Jesaja 59,7-8). Es ist keine Gottesfurcht bei ihnen (Psalm 36,2).«

Man tut es also doch! Gibt es vielleicht nur nicht gerne zu. Dazu später mehr.

Kein Grund zu moralisieren

Nur ist eins nun nicht mehr möglich: Das Moralisieren. Wenn wir alle „unter der Sünde“ sind, sitzen wir alle im Glashaus. Keiner sollte  anfangen, mit Steinen um sich zu werfen. Es sei denn, er will sich selbst schaden. Daher findet sich in der Geschichte mit Jesus und der Ehebrecherin (Joh 8, 3-11) auch niemand, der den ersten Stein wirft. Einer nach dem anderen geht davon. Jeder weiß genau – denn es handelte sich um Älteste, Pharisäer und Schriftgelehrte, die das Gesetz gut kennen – daß er selbst nicht sündlos ist. Er könnte also genauso da stehen, wo die Ehebrecherin steht.

So wie die Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer durch Jesus in ihrem Moralisieren entwaffnet werden, so entwaffnet das Bewußtsein, selbst ein Sünder zu sein, auch jeden sonst, der zum Moralisieren anhebt um sich selbst über den anderen zu stellen.

Am Ende steht man alleine vor Gott und muß sich für sein Tun verantworten, denn Gott allein ist ohne Schuld, nicht der Pfarrer auch nicht der Bischof und der Papst, nicht der Presbyter, der Kirchenälteste, der Diakon oder der Prälat und wie sie alle heißen. Alle sitzen mit uns „normalen Menschen“ im selben Boot, haben uns nichts voraus, sind Sünder wie wir.

Es gibt also keinen Grund, aufzubrausen, wenn mich jemand als Sünder bezeichnet. Er bezeichnet mich damit nicht als schlechten Menschen, wohl aber als Menschen, und jeder Mensch hat auch eine schlechte Seite, eine dunkle Seite, die wir anderen nicht gerne zeigen.

Die Sünde – wie kommt es dazu?

Was steht inder Bibel?

Die Bibel nennt als Ursache für die Sünden die Erbsünde. Ich finde den Begriff Ursünde passender, also die erste Verfehlung von Adam und Eva gegenüber Gott. Adam und Eva essen von der verbotenen Frucht und laden damit die Strafe Gottes auf sich: Sie werden des Todes sterben.

Sünde, Tod und Teufel werden auch oft zusammen oder synonym benutzt bei einigen Theologen. Es ist schlicht und ergreifend: Das Böse.

Nicht das Böse im moralisierenden Sinn à la „Du böser Mensch stell Dich ins Eck und schäm Dich“, eher das Böse, das uns selbst kaputt macht:

Wie ist das heute, konkret im Leben?

Was wir an sozialem Verhalten so drin haben, haben wir irgendwo erlernt (wobei vielleicht auch ein genetischer Anteil ins Spiel kommt). Wenn also unsere Eltern uns vorleben, auch mal fünfe gerade sein zu lassen und nen Vorteil mitznehmen statt fair zu bleiben, dann werden wir das vielleicht kritisieren, aber dann doch irgendwo, irgendwie übernehmen. Verfolgt man das zurück, kommt man zu Adam und Eva.

So ist die Ursünde, die unsere Vorfahren irgendwann begangen haben (auch wenn sie nicht Adam und Eva hießen und sich das Ganze etwas anders abgespielt hat) und die über die Generationen zu uns weitergegeben wurde.

Aus der Sünde, der Ursünde, entstehen also die vielen Sünden: Von der Notlüge bis zum Raubmord. In jedem Fall bedeutet Sünde, getrennt zu sein von Gott, dem absolut Guten. Man denkt zuerst an sich, will den Apfel vom verbotenen Baum. Oder man will einer unangenehmen Situation durch ne Notlüge entgehen. Oder man ist Räuber und wird beim Raub derart gestört, daß man den Beraubten zur Sicherheit erschlägt.

In allen Fällen steht der kurzsichtige Eigennutz vor dem Gebot Gottes: Nicht von der Frucht zu essen, nicht zu lügen, nicht zu morden oder kurz: Den Nächsten zu lieben wie sich selbst und Gott über alles.

Die Sünde – eine Sklavenhalterin, und wie man befreit wird

Paradoxerweise begibt man sich damit in eine Abhängigkeit. Man ist abhängig von der Situation, in die man sich gebracht hat.

Gefangenschaft

Wie die Geschichte mit der Frucht im Paradies ausging, ist bekannt. Aber auch bei einer Notlüge müssen wir immer daran denken, was wir als wahr vorgegeben haben, um nicht aufzufallen. Oder der Raubmörder: Er wird nach dem Raub womöglich noch Gewalt gegen die Polizei anwenden, nur um nicht ins Gefängnis zu kommen. Er macht sich in seinem Handeln der Polizei gegenüber abhängig von der Situation, in der er sich gebracht hat. Trotzdem wähnt man sich frei, hat man doch alles selbst so gewählt.

Fluchtplan

Durchbrechen kann man diesen Kreislauf nur, wenn man Vertrauen hat. Vertrauen zum belogenen Menschen, daß er es einem nachsieht, Vertrauen zur Polizei oder den beim Mord anwesenden, daß man irgendwie selbst mit dem Leben davonkommt oder eben, wenn alles andere nicht mehr greift: Vertrauen zu Gott (es kann auch schon bei der Notlüge so sein, daß der Mensch es einem so übel nimmt, daß nichts mehr greift, man muß nicht unbedingt erst beim Mord davon ausgehen).

Um Fehler einzugestehen, brauche ich eine Sicherheit, daß diese Schwäche, die ich mir leiste, sich nicht gegen mich richten wird. Habe ich diese Sicherheit nicht, dann geb ich auch nichts zu, behaupte, ohne Fehler zu sein, wie oben gesagt: Man tut das nicht und ich schon gar nicht, jedenfalls geb ich’s nicht zu.

Wenn man genug eigene Kraft und Vertrauen aufbringen kann, kommt man unter Umständen aus so verfahrenen Situationen wieder heraus. Man kann offen gestehen: Ich hab da scheiße gebaut. Egal, was kommt.

Fluchthelfer

Nicht immer hat man die Kraft, und dann kann sie der Glaube geben.

Wenn ich glauben kann (Und Glaube ist auch wenn einige Evangelikale es sagen keine Entscheidung des Menschen, sondern eine Gabe von Gott. Wir können ihn uns nicht selbst besorgen),

  • daß Gott auf diese Welt kam, Sich klein machte und eine der erbärmlichsten Existenzen auf Sich nahm inklusive Foltertod am Kreuz, obwohl Er das nicht gemußt hätte,
  • wenn ich sehe wie groß die Liebe dieses Gottes zu mir sein muß, daß Er all das auf sich nimmt um mir zu zeigen, daß Ihm egal ist, was ich verbrochen habe, daß Er da ist für mich und alle und es folglich auch eine Zukunft für mich geben kann, egal was war,

dann kann mir dieser Glaube enorme Kräfte geben. Dann bin ich nicht mehr abhängig von den Situationen, in die ich mich manövriere. Ich kann immer wieder zurückkommen.

Die Sünde – sie lauert, aber hat verloren

Natürlich bleibe ich Sünder, das heißt, ich bring mich immer wieder in solche schlechten Situationen. Ich brech immer wieder den Kontakt zu Gott ab, entferne mich von Ihm. Ich begebe mich in die Sünde, in den Tod wenn man so will, zum Teufel. Denn ich bin immer noch Mensch, immer noch Sünder, immer noch nicht besser als die anderen.

Werd ich auch nicht, denn sie sind Menschen wie ich. Aber ich weiß, daß ich immer wieder rauskomme, egal wie vertrackt die Situation ist, in die ich mich bugsiert habe.

Das hat nichts mit Moral zu tun und mit einem Leben genau nach irgendwelchen Gesetzen. Sicher, die Regeln sind wichtig, spielen eine Rolle. Aber es gibt niemanden, außer Gott, der mir die Regeln vorhalten könnte und Vorwürfe machen. Und so wie ich Gott kenn, macht Er das äußerst selten.

Eingehen auf Suchbegriffe

Versuch einer Interpretation

Ich hab jetzt einmal eine neue Kategorie angelegt: „Eingehen auf Suchbegriffe“. WordPress zeigt mir an, über welche Suchbegriffe Leute auf diese Seite gekommen sind und ich hab mir gedacht: Wenn die das hier suchen, wieso nicht versuchen, ob ich dazu was sagen kann.

Logischerweise beziehen sich die meisten Suchbegriffe auf Luthers Lied „Ein feste Burg“. Deshalb hab ich auch den Link zum entsprechenden Wikipedia Artikel angelegt, fall jemand nur den Text sucht.

Was aber meist mit dem Liedtitel kombiniert wird sind Begriffe wie „Interpretation“ oder „Zusammenfassung“. Nun, zusammenfassen werde ich es nicht, das Lied ist nicht sehr lang, aber ich hab gedacht: Warum nicht einmal an einer Interpretation versuchen? Dazu muß ich sagen: Ich war in Deutsch in der Schule nie wirklich gut, wer also hier seine Hausaufgaben abschreiben will könnte ne schlechte Note riskieren. Andererseits: Welches Schulfach behandelt eine Interpretation dieses Liedes, wenn nicht der Religionsunterricht, und Hausaufgaben im Religionsunterricht sind doch recht selten…

Fangen wir mit der ersten Strophe an:

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint;
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,

auf Erd ist nicht seinsgleichen.

In dieser Strophe werden zwei Mächte beschrieben: Einerseits Gott, andererseits der altböse Feind, der Teufel. Gott ist dem Sänger des Liedes eine Burg, die ihn schützt, aber nicht nur das: Er ist auch die Waffe, oder gleich mehrere Waffen, mit denen sich der Sänger zur Wehr setzen kann.

Der Teufel wird auch mit militärischen Begriffen in Zusammenhang gebracht. Jedoch ist er nicht, wie Gott, eine Burg oder eine (oder mehrere) Waffe(n), sondern er hat, verfügt über eine Rüstung, was nicht nur wie bei einer Ritterrüstung defensiv, also verteidigend, zu verstehen ist, sondern auch Angriffswaffen einschließt.

In der ersten Strophe steht also die Rüstung des Teufels gegen die Burg, Wehr und Waffen des Liedsängers, der Teufel selbst gegen den Sänger, dessen Verteidigung Gott ist.

Diese Not, der Angriff des Teufels, ist es, aus der Gott frei hilft, indem er dem Sänger Burg, Wehr und Waffen ist. Bei Wikipedia werden zwei konkrete Ereignisse genannt, die Luther speziell gemeint haben könnte mit der Not: Einerseits die Pest, andererseits das türkische Heer, das zu der Zeit das deutsche Reich bedrohte und um die Verfassungszeit des Liedes erstmals Wien belagerte. Unabhängig davon, ob Luther eine konkrete Gefahr und Not vor Augen hatte bei Abfassung des Liedes, kann man es doch auf alle möglichen Gefahren und Nöte beziehen. Immer ist es der Teufel, der den Menschen angreift oder anficht, wie man lutherdeutsch sagen würde, und Gott ist derjenige, der aus der Not hilft, indem Er dem Bedrängten Burg und Waffen ist, und das tut Gott frei, ohne eine Gegenleistung vorauszusetzen wie etwa Opfer, Gebete oder dergleichen, ganz im Gegensatz zur damals (und heute?) verbreiteten Vorstellung, daß Gott erst gnädig gestimmt werden müßte, bevor Er etwas für die Menschen tut. Das wird in schöner Regelmäßigkeit ja heute noch den Gläubigen vorgeworfen, daß sie Angst vor Gott hätten und deshalb in die Kirche rennen würden. Hier sieht man, daß auch schon in alten Kirchenliedern anders gesprochen wird, hierher würde auch der schon abgedroschene Spruch „Gott liebt Dich“ passen, denn Liebe stellt keine Vorbedingungen.

Über die Rüstung des Teufels wird noch gesagt, sie bestünde aus Macht und ist. Die Vorstellung ist, daß seit dem Sündenfall der Teufel die Welt regiert und über äußere Macht verfügen kann. Wo die Menschen dem Teufel widerstehen wendet er List an, um seinen Willen zu bekommen und seine Macht zu bewahren.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muß er behalten.

Dem kann alle menschliche Macht nichts entgegenstellen, wie der erste Vers der weiten Strophe feststellt. Der Teufel ist mächtiger als der Mensch, seiner List ist der Mensch nicht gewachsen.

Der Krieg zwischen dem Menschen und dem Teufel, der in der ersten Strophe begann, wird nun fortgesetzt. Allerdings kämpft nicht der Mensch selbst. Der sitzt sicher in der Burg, die ihm Gott ist. Statt dessen kämpft „der rechte Mann“, Jesus Christus. Jetzt wird es etwas komplex: Gott ist dem Menschen die Burg, die ihn schützt (Strophe 1) und hat denjenigen erkoren (ausgewählt), der für uns Menschen gegen den Teufel streitet. Dieser Streiter ist Jesus Christus, über den wiederum gesagt wird, er sei der Herr Zebaoth (in moderneren Bibeln auch Herr der Heerscharen genannt) und kein anderer Gott. Es sind also alle eins:

Gott, der Herr der Heerscharen (eine von vielen Beschreibungen für Gott in der Bibel, die durch Gebrauch des militärischen Begriffs Seine Macht betont), die Burg, Jesus Christus.

Luther benutzt hier verschiedene Begriffe, um verschiedene Seiten Gottes zu beschreiben. Und natürlich gehört auch Christus dazu, denn für Luther gilt die Trinitätslehre, nach der Gott ein Gott ist, aber drei personae (lat. für Masken, Theaterrollen) hat.

Im Krieg Teufel gegen Mensch bietet Gott also dem Menschen ohne Gegenleistung Schutz, kämpft gleichzeitig selbst als Jesus Christus gegen den Teufel, und behält das Feld, gewinnt also den Kampf.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Nachdem das festgestellt ist, wird der Liedsänger übermütig. Erst noch von nur einem Teufel bedrängt, fürchtet er sich nun vor einer ganzen Horde Teufel nicht mehr. Der Fürst der Welt, der Teufel, kann sich nur noch sauer stellen, aber nichts mehr tun, weil er gerichtet ist von Gott, er hat den Kampf verloren, weil er gegen Gott nicht gewinnen kann.

Auf welches „Wörtlein“ Luther anspielt, ist mir nicht ganz klar. Es könnte eine Anspielung sein auf Mt 8,7f:

Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.

Die Krankheit des Knechtes des Hauptmanns wäre dann der Angriff des Teufels. Es kann aber auch sein, daß Luther das Wörtlein „Christus“ meinte, weil Christus derjenige ist, der am Kreuz den Sieg über den Teufel errungen hat. Denn indem sich Jesus ans Kreuz schlagen lies und sich vom Teufel, in dessen Machtbereich, der Welt, Er sich aufhielt, Ihn ermorden lies, verwirkte der Teufel seine Macht, denn die Macht des Teufels war gegründet auf die menschliche Gerechtigkeit, nach der jeder das bekommt, das er nach seinen Taten verdient. Da jeder Mensch nach dem Sündenfall Sünder war, hat jeder Mensch den Tod verdient. Dem Teufel reichte es aber nicht, die Menschen zu verderben und die Macht auf der Erde zu haben. Er wollte auch die Macht über Gott erlangen und selbst Gott werden. Deshalb nutzte er seine Macht auf der Welt, um Jesus, der ja nach der Trinitätslehre Gott war, unter seine Kontrolle zu bringen. Nachdem er das nicht durch einen Handel erreichen konnte, nutzte er seine Macht, um Jesus, und damit Gott zu töten und in der Unterwelt unter seiner Kontrolle zu haben. Da Jesus aber ohne Sünde war, hatte der Teufel sich selbst nicht mehr an die menschliche Gerechtigkeit gehalten, und somit seine Macht verwirkt, er war damit gefällt.

Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.

In der letzten Strophe geht Luther auf die Bibel ein, die er hier das Wort nennt. Eine Kritik der Reformatoren gegen die damalige Kirchenleitung (so richtig in protestantisch und katholisch getrennt waren sie da ja noch nicht) war, daß von den Päpsten und Bischöfen nicht mehr gelehrt würde, was in der Bibel steht, und statt dessen irgendwelche Traditionen gepflegt würden, die so nicht mit der Bibel in Einklang zu bringen seien. Das Feld geht vom Klosterleben über die Heiligenverehrung bis zum Ablaßhandel. Dem stellte Luther und die Reformation die Bibel entgegen, es sollte nur noch gelten, was in der Bibel steht. Inzwischen wurde dieser Ansatz weiterentwickelt (oder pervertiert, je nachdem) durch die Lehre von der Verbalinspiration, die die Bibel zu einem papiernen Papst macht und somit dem Menschen wieder suggeriert, er könne über Gott bestimmen und ihn gar an einer Hundeleine herumführen oder in die Tasche stecken.

Der Dank, den „sie“ nicht zum Wort haben sollen bezieht sich meiner Meinung nach auf die Heiligenverehrung, in der allerlei Heiligen gedankt wird für ihr Eingreifen und ihre Hilfe, wobei doch nach protestantischem Verständnis immer Gott eingreift und hilft und kein Toter helfen kann.

Der Liedsänger drückt noch einmal seine Gewißheit aus, daß Gott bei den Menschen immer mit Geist und Gaben auf dem Plan ist, uns also nichts fehlen wird.

Dann geht er darauf ein, daß uns eben doch manchmal Menschen und Dinge, gar das Leben genommen werden. „Sie“ nehmen „Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib“ und es stimmt ja, daß wir auch nach Christi Auferstehung, die ja schon ne Weile her ist, immer noch Leid erfahren. Der Sänger läßt sich hiervon nicht beeindrucken und meint nur: Wer auch immer Dir Ehre, Leben, Vermögen oder die Familie nimmt (und wenn das jemand tut, so steckt wie hinter jedem Übel immer der Teufel), dann kann man dies getrost hingeben, weil derjenige, der einem dieses nimmt, keinen Gewinn davon haben wird (darauf, wie das Kind es wohl sieht wenn der Vater es getrost zuläßt, das ein Dahergelaufener es einfach entführt, geht der Sänger nicht ein). Das wichtige nämlich, das Reich, gemeint ist das Reich Gottes, bleibt dem Menschen doch, selbst wenn er sein Leben verliert, weil Gott eben den Teufel und damit den Tod überwunden hat. Der Tod hat nicht das letzte Wort, am Ende kommt die Auferstehung. Gott wird uns aus Liebe in Sein Reich aufnehmen, nichts von Wichtigkeit wäre endgültig verloren, alles wiedergewonnen.

Update: Ich hab’s scheinbar bei google recht hoch gebracht mit den Suchworten „ein feste burg interpretation“. Daher möchte ich auf den Artikel zum Lied von Michael Fischer im Liederlexikon hinweisen, ich fand den ganz interessant, dort gibt es auch eine Literaturliste:

http://www.liederlexikon.de/lieder/ein_feste_burg_ist_unser_gott/