Gesellschaft, Glaube

Liebe überwindet alles

Schriftzug auf Bild: "Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Liebe zu begegnen" - Margot Käßmann - Frühere Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland, liebt die Menschen, die uns töten wollen.
AfD Hamburg Nord twittert über Käßmann

Es ist natürlich eine himmelschreiende Provokation für besorgte Bürger, daß Siegmar Gabriel Margot Käßmann als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt eingebracht hat. Also muß man reagieren, dachte sich wohl der Bezirksverband Hamburg-Nord,und postete obenstehenden Tweet (ich hab nen Screenshot gemacht, da die AfD ja gerne Tweets löscht).

Die selbsternannten Verteidiger der deutschen „Leitkultur“ machen sich lustig über einen zentralen christlichen Wert: Die Liebe zum Nächsten und sogar zum Feind.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich, insofern die AfD im Kern eben nicht christlich ist und auch keine christlich-abendländischen Werte vertritt. Ihr Rezept für den Umgang mit dem Islamismus lautet Haß, Ausgrenzung, Repression – das Gegenteil von Liebe.

Überhaupt stellt man Käßmann ja gerne einmal als weltfremd hin, man denke an die Rede davon, mit den Taliban bei Kerzenlicht zu beten (eine Idee des damaligen Wehrbeauftragten Robbe, nicht Käßmanns) oder als wüßte sie nicht, wovon sie redet – bei ihrem vielkritisierten Satz „nichts ist gut in Afghanistan“ (ein Nebensatz in ihrer Neujahrspredigt vom 1.1.2010) wissen wir inzwischen, daß sie Recht hatte. Zumindest sieht das Präses i. R. Manfred Kock so, dem man in der Regel mit mehr Respekt begegnete – Frauen in kirchlichen Führungspositionen sind halt für die ach so frauenbewegten Abendlandsretter (man verlangt von Muslimen, sich ein Frauenbild zuzulegen, daß man selbst wohl mit „Genderwahnsinn“ beschreiben würde) ein rotes Tuch, die sieht man lieber am Herd, so lange sie nicht den Schießbefehl an der Grenze fordern oder die positive Besetzung des Adjektivs „völkisch“…

Nun also wieder, dabei stellt sich doch die Frage, ob Lösungsversuche, die auf militärische Macht und Gewalt setzen, so viel besser sind. Gewalt erzeugt Gegengewalt, wußten schon die Ärzte. Und im Lied Civil War besangen Guns ’n Roses, daß mti Gewalt kein Staat zu machen ist:

So I never fell for Vietnam
we got the wall in DC to remind us all
that you can’t trust freedom when it’s not in your hands
when everybody’s fighting for their promised land.

Also fiel ich nicht für Vietnem
wir haben die Wand in DC, um uns alle zu erinnern
daß man der Freiheit nicht trauen kann, wenn es nicht in Deiner Hand ist,
wenn jeder für sein gelobtes Land kämpft.

Der Viet Cong kämpfte nach eigenem Verständnis für die Freiheit, auch die Freiheit vom Kapitalismus. Die Islamisten kämpfen für die „Freiheit“, nach den Regeln ihres Islamverständnisses zu leben. Wer so kämpft, wer so überzeugt ist, den kann man mit Gewalt nicht umstimmen. Man kann ihm mit Gewalt aber neue Mitkämpfer in die Arme treiben und das Elend verlängern und vergrößern.

Besser wird mit Gewalt also nichts, man kann sich aber kurzfristig das Elend der Menschen aus den Augen schaffen. Etwa indem man sie abschiebt. Aber wie christlich ist es, wegzusehen und vom Leid anderer nichts hören zu wollen?

Will man etwas ändern, geht das nur über Liebe und Vergebung (auch gegenüber Pegida und AfD), aber das ist kein Eiapoppeia. Natürlich kann man die Ansichten der Leute ablehnen, die man liebt. Deshalb stimmt auch der Teil mit I ♥ IS nicht. Den Terroristen soll mit Liebe begegnet werden, nicht der Terrororganisation. Denn Terroristen sind Menschen und als solche für Liebe ansprechbar. Und Liebe verändert die Menschen. Oder schon normale Menschenfreundlichkeit. Wie etwa bei den syrischen Flüchtlingen, die ihren terroristischen Landsmann fesselten und der Polizei übergaben.

Ich bin Deutschland so dankbar, dass es uns aufgenommen hat. Wir konnten nicht zulassen, dass er Deutschen etwas antut! – Quelle: http://www.express.de/24878794 ©2016

So die Aussage von Mohammed A. Liebe, Zuwendung, Hilfe in der Not – das wirkt also tatsächlich, wenn auch nicht immer. Doch wenn man die Herzen der Verbohrten gewinnt, wenn ihr „gelobtes Land“ keins mehr ist, weil man eine Beziehung zu ihnen aufgebaut hat, die in diesem „gelobten Land“ nicht bestehen kann, dann bessert sich etwas.  Gandhi und King waren ja auch nicht ganz unerfolgreich und gerade King forderte ja immer wieder, die Weißen nicht zu verteufeln, wie etwa die Black Panther Bewegung. Er wollte die Beziehung, wollte das „gelobte Land“ der weißen Rassisten als das demaskieren, was es ist: Eine Hölle aus Haß und Menschenfeindlichkeit.

Oder wer hätte gedacht, daß man mit Kerzen und Gebeten ein Regime stürtzen kann? Trotzdem kam es irgendwie dazu, im Spätjahr 1989. Bei anderen Revolutionen wurden die Mächtigen geköpft, Honecker und seine Genossen kamen dagegen recht glimpflich davon. So wirkt Liebe, auch und gerade die Liebe zum Feind.

Gewalt hingegen wirkt nie, kann nur unterdrücken, was später dann noch viel schlimmer ausbricht.

Aber der Haß steht den Menschen nun einmal näher (christlich gesehen: Menschen sind nun einmal Sünder), deshalb funktioniert Populismus auch immer über Haß und über Spott gegen angeblich verweichlichte „Gutmenschen“.

Doch die Verweichlichung ist gar keine, sie ist eine Stärke. Wer die Deckung immer oben läßt aus Angst, sich eine einzufangen, wird mit seiner Haltung letztendlich einknicken müssen, wenn er merkt, daß die Deckung nicht mehr schützt.

Wer aber von Anfang an offen und ohne Deckung auf den anderen zugeht, läßt sich auch sonst nicht so leicht einschüchtern. Er steht fester zu seinen Überzeugungen.

Käßmann mag nicht die endgültige Lösung der Probleme mit dem Islamismus in der Tasche haben, aber sie hat zumindest einen Ansatz. Und was hat die AfD Hamburg-Nord? Nichts als Scheinlösungen, die sich schon mehrfach als unwirksam erwiesen haben.

Aber so ist er, der Populismus. Hauptsache, man wird gewählt und kann Diäten kassieren…

Gesellschaft, Politik, Religion, Theologie

Christenterroristen

Wenn man in letzter Zeit versuchte, islamophob veranlagten Mitbürgern zu vermitteln, daß nicht alle Muslime Terroristen seien und daß auch das Christentum durchaus auch gewalttätig sein kann, hörte man immer wieder:

Aber es gibt keine christlichen Terroristen.

Nun, abgesehen von solchen Nebensächlichkeiten wie Mordanschlägen auf Abtreibungsärzte oder die Lord’s Liberation Army (um mal zwei zu nennen), mag es ja Leute geben, die dem Glauben schenkten.

Nun aber tauchte im Internet ein Papier auf, in dem selbsternannte Christen rechtsradikal motivierte Morde androhen – falls ihre Forderungen nicht umgesetzt werden. Aber lest selbst:

Drohbrief an den Bürgermeister von Neu-Isenburg
Drohbrief an den Bürgermeister von Neu-Isenburg

Der Text im Wortlaut (Fehler beibehalten):

A C H T U N G

Dies ist eine Warnung an die CDU, SPD, die Grünen und die Linken im Stadtparlament.
Hört auf damit Euch so stark für Mulsime in Neu-Isenburg einzusetzen. Der Löwenanteil dieser Menschen ist Aggressiv und Böse und sie möchten hier nur ihre scheiß Religion durchsetzen. Wir sind eine Gruppe Christen beider Deutschen Konfessionen und wir haben die Schnauze voll uns anfeinden, defarmieren und beleidigen zu lassen. Wir haben es auch satt das wir ständig gesagt bekommen das der Islam die einzig wahre Religion wäre, obwol wir alle wissen, das diese Religion der letzte Dreck ist. Die deutschen Kinder gehen in den Schulen durch die Hölle und unsere Politiker tun nichts dagegen. Damit ist jetzt Schluss. Wir sind bewaffnet und bereit. Hört auf damit Euch so stark für Muslime zu engagieren, andernfalls beginnen wir mit Erschießungen bei Angehörigen dieser Volksgruppe. Wir machen keinen Spaß uns mittlerweile die Lust am Leben in diesem Land vergangen. Finden unsere Forderungen trotzdem kein Gehör so werden wir mit Erschießungen von Kommunalpolitikern weitermachen. Wir lassen uns nicht Islamisieren. Wir sind Christen und verteidigen unser Land.

Achtung dies ist eine Warnung

Was die Fehler in Rechtschreibung und Sprache angehen, mag sich ein Germanist damit auseinandersetzen. Es läßt tief in die Leistungsfähigkeit unseres dreigliedrigen Schulsystems blicken, wenn man dann später in der Lage ist, solche Texte zu verfassen.

Was mich als Theologen viel mehr schckiert, ist daß hier jemand behauptet Christ zu sein, der grundsätzlich nicht verstanden hat, was das bedeutet. Sicherlich gibt es da von Konfession zu Konfession Unterschiede. Aber soweit ich informiert bin stehen alle Konfessionen hinter der Aufforderung der Selbstverleugnung und dem Einsatz für andere, selbst wenn man selbst Nachteile davonträgt. Die frühen Christen ließen sich in der Arena den Löwen vorwerfen und beteten für ihre Verfolger.

Wir Christ ist weiß, daß seine Aufgabe ist, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Und wenn das Kreuz darin besteht, Tür an Tür mit Menschen anderen Glaubens lebn zu müssen, das ist das um einiges erträglicher als das, was andere Christen täglich ertragen müssen, ohne Gewalt anzudrohen.

Wenn jemand die „Schnauze voll“ hat, sich beleidigen zu lassen etc, dann kann er zu Gott beten. Jesus hatte sicher auch keinen Spaß dran, für uns ans Kreuz zu gehen. Trotzdem hat Er die Arschbacken zusammengekniffen und es durchgezogen. Für uns. Und wir, die wir uns für Seine Nachfolger ausgeben, können es nicht einmal ertragen, in der Fußgängerzone Frauen mit Kopftuch zu sehen. Was sind wir nur für Jammerlappen!

Wer sich bewaffnet, um seine „Forderungen“ mit Gewalt gegen die Mehrheit durchzusetzen, kann sich nicht auf Christus berufen. Mir ist auch klar, wieso die Verfasser Angst haben, islamisiert zu werden. Wer selbst einen festen Glauben hat, wird den nicht ändern weil es mehr Muslime in seiner Nachbarschaft gibt. Wer aber keinen festen Glauben hat, ist offenbar wie ein loses Blatt, das sich den Bewegungen des Windes hingeben muß.

Also, liebe Neu-Isanburger „Christen“: Wie wäre es, wenn Ihr mal wieder sonntags in die Kirche geht und Euch erklären laßt, was es mit diesem Christus auf sch hat und wieso Ihr keine Angst vor „dem Islam“ haben müßt, wenn Ihr Euren eigenen Glauben habt. Tätet Ihr das, müßtet Ihr keine solchen Texte verfassen. Beide Volkskirchen haben übrigens keinen Zweifel daran gelassen, wo sie in der Flüchtlingsfrage stehen.

Hier gibt es übrigens weitere Infos zu dem Brief.

Gesellschaft

Der gemeine Deutsche

Denk ich an Deutschland in der Nacht…

In der Nacht bin ich aufgewacht, naja, es war halt noch dunkel draußen, aber um 7 kann man schon aufstehen, und da der Wecker ein Radiowecker ist, kamen auch gleich die Nachrichten. Die tägliche Demotivation vorm Aufstehen oder so…

Jedenfalls wurde ich darüber informiert, daß der Deutschen wichtigestes Problem zur Zeit die Zuwanderung ist (nachzulesen ist dat Janze auch hier nochmal, das ZDF verlink ich jetzt nicht, weil die müssen ja irgendwann depublizieren).

Die ganze Problemlage um Datenschutz und Sammellust der Geheimdienste ist weniger ein Problem (und das, obwohl doch das Handy der lieben Angie abgehört wurde! Ist das der Anfang vom Ende der Beliebtheit? Es wird wohl ein langes Ende sein – beliebteste Politikerin ist sie immer noch, die Zustimmung ist sogar gestiegen).

Ganz ehrlich: Ich verstehe meine Landsleute nicht. Ich mein das mit der Zustimmung zu Angie schon gar nicht. Hat die in den letzten 9 Jahren was produktiv gemacht? Also außer hohle Phrasen gedroschen? Bei Schröder war wenigstns alles Chefsache und man wußte: Hartz IV, da ist der Gerd schuld dran. Auch wenn es nicht gut war, er hat wenigstens was getan! Bei Angie könnte ich da nichts benennen, was ihr (und nicht irgend einem Fachminister) zugesprochen werden könnte. Außer vielleicht die klare Zustimmung zu Stuttgart 21, aber das ist ja auch schon wieder vergessen, und das mit der Gewalt gegen die Demonstranten, das waren wieder andere…

Darum geht es mir gar nicht.

Mir geht es um die Zuwanderung. Ich meine: Echt jetzt? Wir sind das so ziemlich reichste Land der EU, das dank Niedriglohnsektor und Zurückhaltung der Gewerkschaften etc im europäischen Vergleich recht gut dasteht, und da wundert man sich, daß da Leute kommen? Und dann soll das auch noch ein Problem sein? Ich mein, gut, wenn die Städter zu uns aufs Dorf ziehen und erst mal Gerichtsverfahren anstrengen um Nachbars Hahn vorzuschreiben, ab wann in Deutschland gekräht werden darf, dann würd ich die Grenzen auch gerne dicht machen, aber es geht denen ja nicht um Zuwanderung aus der Nachbarstadt…

Mal im Ernst: Gab es nicht ne wahnsinnige Panikmache damals, Anno 2004 bei der großen Osterweiterung der EU? Hieß es nicht, wenn die Freizüggigkeit kommt, werden uns Polen, Tschechen und wie sie alle heißen überfluten, uns die Jobs nehmen und was uns sonst noch bleibt, klauen? Ist das eingetreten? Ich aknn jedenfalls nichts davon erkennen, aber es ist ja auch schon 10 Jahre her und an die Panikmache erinnert sich auch keiner mehr. Aber jetzt ist alles noch viel schlimmer, weil Bulgaren und Rumänen, das ist ja noch viel schlimmer als Polen und Tschechen! Warum? Das weiß ich auch nicht, ist aber sicher so, weil es ist ja ein großes Problem, wenn die hierher ziehen.

Komisch finde ich ja, daß diejenigen, die diese Ängste haben, meist überhaupt nicht die Ängste eben jener Polen oder sonstigen östlichen Mitbürger verstehen können, was den Grundstückserwerb von Deutschen in ihren Ländern angeht… jaaa, vor uns Deutschen muß man ja keine Angst haben! Wann haben wir schon mal Probleme gemacht in der Welt…? Ach so… da war doch was…

Derweil die Geheimdienste, was ist dabei schon das Problem? Wer nix zu verbergen hat, muß doch keine Angst haben, nicht wahr? Außerdem sind die ja nur hinter den Terroristen her. Und Terroristen, das sind ja die Bösen. Oder nicht?

Nun ja, mag man einwenden, wer Böse ist, liegt im Auge des Betrachters. Nur weil wir in Deutschland die Angie mögen (also nicht alle, ich nicht, aber mehrheitlich halt) mögen die Griechen (also auch mehrheitlich, glaub ich, zumindest das, was man in den Medien so mitkriegt, aber wer weiß schon wie repräsentativ das ist?) sie noch lange nicht. Ist sie nun eine Terroristin? Das würde vielleicht erklären, wieso ihr Handy abgehört…? Arbeiten bei der NSA eigentlich auch griechischstämmige Amerikaner?

Was tun wir eigentlich, wenn wir morgen die Terroristen sind? Jetzt im Ernst? Ich mein, ich hab ja nicht vor, irgendwelche Bomben zu legen, wieso auch? Mir geht es vergleichsweise gut, also etwa verglichen mit einem Angehörigen der Roma-Minderheit (vulgo „Zigeuner“) in Rumänien. Der will aber auch keine Bomben legen, sondern vielleicht nur in Deutschland nach ner Arbeit suchen, Steuern zahlen, sich integrieren… das was Zuwanderer halt so machen.

Aber was weiß ich, vielleicht findet irgend ein Geheimdienst ja mal „Hinweise“ darauf, daß ich Bomben bauen gewollt hätte – oder so. Und dann geht das ganz schnell, mit der nationalen Sicherheit, ich mein, sicher ist sicher, und die haben ja die Beweise, nur müssen sie sie nicht unbedingt rausrücken, weil nationale Sicherheit (oder hab ich zu viele amerikanische Filme gesehen? Nein, nur zu viel Westenhagen gehört, aber der ist ja auch Zuwanderer. Nach England. Ist der jetzt auch ein Terrorist?)…

Was also lernen wir aus dem Ganzen? Der gemeine Deutsche hat mehr Angst vor Zigeunern als davor, daß seine Bürgerrechte untergraben werden.

Sollte eigentlich nicht überraschen, Geschichte wiederholt sich ja angeblich. Allerdings stellt sich mir ne andere Frage:

 

Angenommen, ich hätte damals gelebt, was hätte ich gemacht?

Und was mach ich heute?

Religion

Islam gegen Terrorismus

Gerade hat mich über den Mailverteiler der hiesigen ESG ein Offener Brief des Zentrums für Islam in Europa München e.V. erreicht. Da ich an anderer Stelle schrieb, daß mich leider selten Nachrichten erreichen, wo Muslime zu Christen stehen, will ich hier mit gutem Beispiel vorangehen und den Brief zum Download anbieten.

Hier ein paar Höhepunkte (aus meiner Sicht):

Wir rufen denjenigen zu, die in Hass und Gewalt involviert sind, oder die
dazu neigen, solche Verbrechen zu verharmlosen anstatt sie in aller
Schonungslosigkeit beim Namen zu nennen:
Hört auf mit Eurem Tun und hört auf, Euch dabei auf Gott und auf unsere
Religion zu berufen! Terror ist niemals eine Lösung, aber immer eine
Sünde. Jeder Angriff auf eine Kirche – oder eine Synagoge – ist wie ein
Angriff auf eine Moschee: eine Sünde und ein Verbrechen.

Wer sich bei solchem Tun auf Gott und auf unsere Religion beruft, stellt sich
in Wahrheit gegen Gott und gegen den Islam. Deshalb rufen wir auch alle
Glaubensbrüder und -schwestern auf, keinesfalls aus falsch verstandener
Solidarität potentielle Täter zu schützen oder ihr Tun zu verharmlosen!

Hier gibt es den Brief als pdf zum Download.

Disclaimer: In der heutigen Welt ist man nie sicher davor, nicht irgendwo gegen irgendwelche Urheberrechte zu verstoßen. Ich verbreite den Brief hier mit der Absicht, den friedlichen Stimmen im Islam Gehör zu verschaffen (mit meinen geringen Möglichkeiten). Falls dies von den Urhebern des Briefes nicht gewünscht wird, bitte ich um Mitteilung statt Abmahnung.

Uncategorized

Von Grenzen und Freiheit

Heute hatte ich ne Vorlesung über Tierethik, und der Inhalt war interessant, nicht nur für Tierfreunde. Die neue Idee darin war, obwohl sie so neu gar nicht ist, aber mir wurde es nochmal richtig bewußt, daß Konzept der Selbstbegrenzung. Aber von vorne:

Es ging um die Kritik am Umgang mit Tieren. In der Geschichte, so die These vieler Tierschützer vor allem zur Anfangszeit der Bewegung, waren alle Konzepte zu Tieren und deren Rechten anthropozentrisch ausgelegt. Das Tier hatte dem Menschen zu nützen. Indem es den Acker pflügte, Milch und Eier gab, oder sein Leben, für ein Schnitzel.

In der Folge wurde diese Haltung kritisiert und versucht, nicht nur die Interessen der Menschen zu beachten, sondern eben auch die Interessen der Tiere, zuerst einmal derjenigen, die Empfinden haben. So kam man zum Pathozentrismus, der seinerseits wieder kritisiert wurde und durch einen Biozentrismus, der also alles was lebt umfasst, der seinerseits dann durch einen Physiozentrismus kritisiert wurde, der sich auch zu den Rechten der Steine Gedanken machte.

Es mag lächerlich wirken, wenn man bei den Steinen angekommen ist und ihnen Rechte zusprechen will, aber die Entwicklung ist nur folgerichtig, denn alle Grenzen, die man ziehen könnte, wären willkürlich gewählt und sind somit leicht kritisierbar. umgekehrt wäre es wohl auch denkbar, von den Steinen über die Amöben und sog. „niedrigeren Lebensformen“ zu Primaten, dann Menschen oder vielleicht gar nur Menschen mit bestimmter Gesundheit oder Leistungsfähigkeit übrig zu lassen. Auch in diese Richtung sind alle Grenzen erst einmal willkürlich. Natürlich werden mit weiteren Ausschließen von bestimmten Gruppen als Rechteinhaber immer zynischer und unmenschlicher.

In der Vorlesung hat der Dozent jedenfalls darauf hingewiesen, daß das Verlassen einer anthropozentrischen Position ein Selbstbetrug ist, denn wir sind Menschen, wir sind diejenigen, die festlegen, was mit Tieren gemacht werden darf und was nicht. Die Tiere können sich keine Rechte erkämpfen, sie sind uns ausgeliefert, sie können nicht für sich sprechen, und jedes Recht das sie haben, können sie nur durch die Gnade der Menschen erlangen.

Der Mensch kann sich aber nicht in das Tier hinein versetzen, weil er kein Tier ist. Er kann nur anthropozentrisch denken. Doch muß dies nicht bedeuten, egoistisch zu sein. Die Tiere erhalten ihre Rechte dadurch, daß die Menschen sich selbst begrenzen. Zum Beispiel in der Medizin. Wenn der Mensch sich begrenzt, nicht für jedes Forschungsziel Tierversuche zuzulassen, hat er einen Nachteil: Er kann nicht so frei forschen, wie ohne diese Begrenzung, und er kommt vielleicht nicht so schnell zu neuen Medikamenten. Das kann unter Umständen Menschenleben kosten. Hier beschränkt sich der Mensch, bzw die Menschen, denn die potentiellen Toten sind Teil der menschlichen Gemeinschaft.

Das Recht der Tiere resultiert also in Nachteilen, also Grenzen für den Menschen. So ist die Selbstbegrenzung die Voraussetzung für Rechte und damit für Freiheit, denn die Freiheit wird durch Rechte garantiert.

Unsere Freiheiten als Bürger begrenzen zum Beispiel die Regierung. Bestimmte Dinge, die das Leben den Regierenden einfacher machen würden, sind verboten. So kommt mit abnehmender Begrenzung der Regierung eine abnehmende Freiheit der Bürger einher. In China zum Beispiel hat die Regierung viele Möglichkeiten, ihre Macht zu sichern. Dazu gehört es auch, daß Dissidenten in Gefängnissen verschwinden, ohne rechtsstaatliche Prozesse. Die Freiheit der Bürger, etwa zu sagen was sie denken, wird dadurch empfindlich eingeschränkt.

Im Moment erleben wir in Deutschland, wie es in Richtung einer Entgrenzung des Staates kommt. Im Namen der Sicherheit der Bürger, werden Grenzen für den Staat aufgehoben, die bis vor kurzem noch galten. Weiteres wird angedacht, so will Innenminister Schäuble das Grundgesetz ändern, um zum Beispiel entführte Flugzeuge durch die Luftwaffe abschießen zu lassen. Die Freiheit der Passagiere zu leben wird also begrenzt durch die Entgrenzung des Sicherheitsverlangens derer, die vielleicht außerhalb des Flugzeuges Opfer der Entführer werden könnten, wie dies 2001 in Nordamerika geschah. Daß eine Flugzeugentführung nicht mit weiteren Opfern außerhalb einhergehen muß konnte man damals schon an der in Pennsylvania abgestürzten Maschine erkennen, die eigentlich das Capitol treffen sollte.

Ich denke, es ist niemals verkehrt, sich Gedanken zu machen, welche Grenzen wir uns setzen wollen, um anderen Freiheit zu erlauben. Ich schreibe „wir“, weil auch die Regierung unsere Regierung ist, wir sie wählen und sie unsere Interessen wahrnehmen soll. Also sind wir auch diejenigen, die die Grenzen der Regierung festlegen. Wir begrenzen uns damit selbst, weil unsere Stellvertreter mit entsprechend weniger Befugnissen ausgestattet sind. Wir sind jedoch auch selbst mit diejenigen, die davon profitieren, denn die Regierung vertritt uns nicht nur nach außen, sondern regelt unser Zusammenleben auch im Inneren. Somit korrespondiert jede Selbstbeschränkung der Regierung mit mehr Freiheit für uns als Individuen.

Man kann aber auch hier umgekehrt sagen: Jede Entgrenzung unserer Freiheit begrenzt die Freiheit und damit die Möglichkeiten der Regierung, in unserem Sinne zu handeln. Wenn unsere Freiheit total gesetzt wird, hat die Regierung keine Freiheit mehr, das Zusammenleben zu regeln, und das wirkt sich dann auf die Freiheit der Schwachen in der Gesellschaft aus, die ihre Freiheiten gegen die entgrenzten Freiheiten der Stärkeren nicht mehr durchsetzen können. Ich könnte jetzt auf die Bankenkrise eingehen, aber die Marschrichtung sollte hier klar sein und deshalb lasse ich dies jetzt.

Ein anderer Punkt ist mir jedoch wichtig: Es geht um die Piratenpartei. In den letzten Wochen und Monaten hat man ja viel gehört von ihnen, und ja, auch ich gehöre zu den Unterstützern dieser Partei und habe schon gewählt, per Brief. Gehört bzw gelesen habe ich gerade in den letzten Tagen immer wieder, daß es sich um eine Bewegung handelt, die die Freiheit will und dabei nicht ideologisch ist.

Nun ist mein Kritikpunkt, oder besser meine Anfrage folgende: Wo wird die Begrenzung gesetzt? Absolute Freiheit kann es nach dem oben gesagten nicht geben, da jede Freiheit immer wieder andere Freiheiten einschränkt. Nach den Wahlen am Sonntag wird es Zeit geben, diese Frage zu stellen und sie zu bearbeiten:

Welche Freiheit wollen wir? Wo ist die Grenze für den Staat? Wo ist die Grenze für den Bürger? Mit einer Beantwortung dieser Frage hätte man auch eine „Ideologie“ geschaffen, von der ausgehend man andere Politikfelder bearbeiten kann, ohne sich in größere Widersprüchlichkeiten zu verrennen. Ob man diese „Ideologie“ nun links, rechts, oben, unten, hinten oder vorn nennt ist dabei nachrangig (außer vielleicht für Jungle World und ähnliche Presseerzeugnisse, wo jeder der nicht links ist damit rechnen muß, in die Nähe der Nazis gestellt zu werden; im extrem rechten Spektrum mag es ähnliche Tendenzen mit umgekehrten Vorzeichen geben).

Eine „beste Lösung“ gibt es nur unter bestimmten Prämissen darüber, was man als erstrebenswert hält. Wer einen Gottesstaat für erstrebenswert hält, braucht nicht unbedingt Gewaltenteilung, eine weltliche Diktatur tut gut daran, sich von Religionsinstitutionen zu lösen um damit nicht eine Gegenstruktur zu ermöglichen. Genauso gibt es in der Demokratie mehrere denkbare Wege.

Also liebe Piraten. Viel Erfolg am Sonntag und alles Gute beim Kurssetzen. Und immer ne Hand breit Wasser unter’m Kiel 😉