Theologie

Gleichheit und Unterdrückung

lenin-unterdrückungWeder kann existieren, noch existiert, noch wird jemals existieren eine „Gleichheit“ zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten.

Dieses Bild und dieser Satz, alles schön in rot gehalten. Ein Kampfspruch der politischen Linken, die mit solchen Aussagen ihren Kampf für eine bessere Welt legitimiert. Eine Welt, in der diese Gleichheit Wirklichkeit wird, in der es eben keine Unterdrückung und keine Ausbeutung mehr geben soll.

Wenn man das Bild von Lenin sieht und weiß, was aus der Sowjetunion geworden ist, wie eben auch dort keine Gleichheit erreicht wurde, wie eben auch dort Unterdrückung und Ausbeutung vorkam, vielleicht sogar mehr als im Westen, dann widerlegt das nicht den Satz, der da im Bild steht, nein, es bstätigt ihn nur für den Bereich des Sozialismus/Kommunismus.

Ich denke, der Satz ist korrekt, wie er so da steht. Und ich würde noch einen drauf setzen:

Ausbeutung und Unterdrückung werden wir nicht abschaffen können.

Befreien kann uns kein Lenin, kein Kaiser noch Tribun, oder wie die Bibel es ausdrückt: „alle haben gesündigt“ (Röm 3,23), „denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mose 8, 21).

Die Situation ist verfahren, darauf kann man sich vielleicht auch einigen, wenn man nicht an die Ursünde („Erbsünde“ ist ne schlechte Übersetzung für Augustins „peccatum originale originans„) glaubt, die auf diesen und anderen Bibelstellen beruht.

Alle Versuche, an der Unterdrückung und der Ausbeutung etwas zu ändern müssen scheitern, weil der Mensch einfach so ist, daß er auf seinen Vorteil bedacht ist. Das gilt für mich, Dich und alle anderen.

Man will das nicht so gerne wahr haben, denn eigentlich erlebt man sich ja nicht als so schlecht. Meistens sind es ja die anderen: Die Banker, die Kapitalisten, die Nazis, die Radikalen, die Gutmenschen, die Mörder, die Reichen, die Ossis, die Wessis, die Türken…

Kurz: Die sind schuld, nicht ich, nicht wir (diese Sicht der Dinge begegnet einem außer im Bereich der großen Gesellschaftlichen Probleme auch im Kindergarten, nur geht es da um anderes).

Ja gut, mag manch einer sagen, mal nen Vorteil mitgenommen, wo es keine Opfer gibt, das ist ja nicht so schlimm. Die Kirche mit ihrem Moralismus übertreibt es da ja auch immer! Diese Denke spielgelt sich auch in den „Zehn Angeboten“ der Neoatheisten wieder, deren Nr. 4 lautet:

Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!

Durchsetzung der Ideale der Humanität durch Lüge, Betrug, Stehlen und Mord! Und in Nr. 5 ist dann die Rede davon, daß man nicht moralisieren soll und der homo sapiens gut wäre und keine „Bestie“.

Ich halte die christliche Anschauung vom Menschen als Sünder da für realistischer. So läßt sich erklären, woher Unterdrückung und Ausbeutung kommt. Mit dem anderen Denken, das wohl sowohl von Lenin als auch von den Neoatheisten geteilt wird, ist der Mensch aber an sich gut und leidet unter wenigen Individuen, die aus welchem Grund auch immer böse sind und zumindest bei Lenin mit Gewalt entmachtet werden müssen, damit alles besser wird (wobei die Neoatheisten ja im Zweifel auch mit Mord die „Ideale des Humanismus“ durchsetzen wollen).

Daß die Gewalt an sich und die Bereitschaft, zur Durchsetzung der eigenen Überzeugung (etwa der Durchsetzung der Ziele des Humanismus) mit Gewalt auch schon ein Problem ist, auch schon mit Unterdrückung zu tun hat, das wird dabei übersehen.

So wie immer übersehen wird, daß die eigenen Mittel im Zweifel genau so schlimm sind wie die der Unterdrücker, die man beseitigen möchte. So löst eine Gewalt die andere ab. Mal wird sie mit Gewehren ausgeübt, mal mit Kapital und Wirtschaft, mal sind die Gewinner des Systems eine bestimmte „Ethnie“, manchmal ist es eine bestimmte „Klasse“. Was aber immer bleibt ist:

Wir gegen die, die sind Unterdrücker, wir sind Befreier.

Die gegnersiche Seite versteht sich selbst dann als Verteidigerin der Freiheit, während sie die selbst ernannten Befreier als Terroristen tituliert. Wie gesagt, es ist wie im Kindergarten: Ich hab recht und die anderen haben Unrecht und deshalb hau ich die jetzt.

So ist dem Grundübel, der Unterdrückung und der Ausbeutung nicht beizukommen! Wie ich eingangs schrieb: Unterdrückung und Ausbeutung sind nicht zu ändern. Das gibt es, weil der Mensch so ist. Nicht nur besondere, böse Menschen, sondern wir alle, Dich und mich eingenommen.

Die meisten Lösungsansätze bestehen darin, ungeachtet der Propaganda, daß die eigene Gruppierung sich eben gegen die anderen, notfalls mit Gewalt, durchsetzen muß, damit alles besser wird. Wird es auch: Für diejenigen, die hier ihre eigenen Herrschaft durchsetzen.

Wieso schreibe cih dann aber so lange davon? Auf was will ich hinaus?

Nun, es gibt einen Weg des Umgangs, der jedoch von den meisten Menschen nicht als solcher angesehen wird, ja vielleicht sogar belacht wird. Und das ist der Weg des (christlichen) Glaubens. Jesus spricht zu denjengen, die Ihm nachfolgen wollen:

Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.(Mt 16, 24; Mk 8, 34; Lk 9,23)

Ich meine tatsächlich, die Lösung liegt in der Selbstverleugnung. Wenn ich mich als unterdrückt erkenne, dann kann ich mich bedauern, oder ich kann mich selbst verleugnen und meinen Drang, immer nur mein Bestes zu suchen, und kann die Situation annehmen.

Die erste Option führt dazu, daß ich im Zweifel enorme Energie aufbringe, den Zustand der Unterdrückung zu bekämpfen. Dieser Kampf kann mich gefangen nehmen, indem ich meine Freiheit über alles setze, ordne ich dem Kampf alles unter, ud es kommt in immer mehr Feldern zur Alternativlosigkeit: Wenn ich in dem Kampf vorwärts kommen will, muß ich dies oder jenes tun und kann auf anderes keine (oder kaum) Rücksicht nehmen. Ich bin Gefangener meines Freiheitskampfes und all mein Tun ist festgelegt. Ich bin vielleicht nicht mehr von äußeren Umständen unterdrückt, dafür nehmen mich innere Umstände, nämlich der Kampf um die Freiehti, gefangen. Ich unterdrücke mich quasi selbst, habe nichts von meiner Freiheit.

Im zweiten Fall würde ich den Freiheitskampf nicht antreten, was schmerzhaft ist. Ich würde vielleicht sogar zusehen, daß ich mich möglichst gut ausbeuten lasse, daß ich ein guter Sklave des Systems bin. Das bedeutet extreme Selbstverleugnung und nach dem eigenen Vorteil braucht man dabei nicht lange suchen. Der ist hin.Wenn man es aber schafft, die Kraft dazu aufzubringen, daß man sich selbst derart zurücknimmt, gewinnt man damit auch eine gewisse innere Freiheit, die für den Freiheitskämpfer unerreichbar ist. Man hat nichts zu verlieren, man gibt, was man hat demjenigen, der einen unterdrückt. Aber alles, was der Unterdrücker von einem nicht will, hat man für sich und kann damit tun, was man will, ohne sich überlegen zu müssen, inwieweit man damit den eigenen Freiheitskampf gefährdet. Das ist eine sicherlich kleine Freiheit, aber eine größere, als sie der in der Alternativlosigkeit gefangene Freiheitskämpfer hat.

Ich glaube, der Weg ist nur im Glauben wirklich zu gehen, weil einem sonst die Kraft dazu fehlt. Aber ich glaube auch, daß dieser Weg tatsächlich etwas verändern kann, im Gegensatz zu all den Revolutionen, die sonst als Rettung angesehen werden, die aber meist nur viele Tote und Zerstörung und eine neue (und nicht zwingend bessere) Regierung bringen.

Dieser Weg ist im besten Sinne unmenschlich, insofern der menschliche Weg der der Gewalt ist. Dieser Weg kann auch ansteckend sein, indem er die Unterdrücker, die ja selbst in den Alternativlosigkeiten dieser Welt gefangen sind, zum Umdenken bringt. Indem sie Menschen erleben, die sich offen ihnen gegenüber verhalten und nicht nur ihre Position gefährden, können auch sie offener werden und gewinnen Alternativen im handeln dazu. Sie werden so auch ein wenig freier.

Meiner Meinung nach sollten Revolutionen nur so, und nicht mit Gewehren verlaufen. Dieses Ideal steht auch hinter dem Kampf der Bürgerrechtsbewegung in den USA um die Aufhebung der Rassentrennung. Man hat sich lieber von der Polizei mißhandeln lassen, als selbst zur Gewalt zu greifen. Leute wie Malcolm X haben das wie ich oben schrieb belächelt und verurteilt. Nach menschlichem Denken verständlich: Wie sollte man im Freiheitskampf gewinnen, wenn man sich in die Unfreiheit begibt, nicht zurückschlägt, wie früher die Sklaven?

Trotzdem war die Bürgerrechtsbewegung erfolgreich, auch wenn icht alles durchgesetzt wurde. Die USA haben einen schwarzen Präsidenten, schon in der zweiten Amtsperiode, während die Bewaffnung und die Gewalt, die vonLeuten wie Malcolm X propagiert wurde, wohl mit ein Grund dafür ist, daß weiße Cops meinen, sie könnten einfach so schwrze Jugendliche niederschießen, weil die hätten ja schließlich alle Waffen und seien gefährlich…

Eine Sache noch:

Ich bitte zu beachten, daß ich hier nur von der eigenen Person aus argumntiert habe, nur die eigene Unterdrückung betrachtet habe, nicht die Unterdrückung anderer. Ich finde dies wichtig, weil ich eben für mich am ehesten sprechen kann, weniger für eine Gruppe, ein Millieu, dem ich vielleicht nicht einmal angehöre. Lenin wollte die Arbeiter befreien und war selbst keiner, die RAF wollte die deutschen Arbeiter befreien, die großteils BILD lasen und nicht viel von der RAF hielten. Und hätte Guevara in Bolivien mehr Unterstützung von den dortigen Bauern, die er befreien wollte, gehabt, wäre er vielleicht nicht gefangen und erschossen worden.

Man könnte nun meinen, ich spreche mich hier dafür aus, daß die Unterdrückten eben unterdrückt sein und dabei glücklich sein sollen, da ich als Angehöriger einer priviligierten Schicht mich dafür ausgesprochen habe, das Kreuz auf sich zu nehmen und zu dienen um so eine innere Freiheit zu erlangen, die schließlich auch andere befreit.

Dem ist nicht so! Was ich ausdrücken wollte ist, daß keine gewaltsame Befreiung weder der eigenen Person noch anderer etwas am grundsätzlichen Problem ändern wird, man tausht höchstens die Rollen. Das bedeutet jedoch nicht, daß man angesichts der Unterdrückung anderer nichts machen solle. Wo man kann sollte man auf eine Veränderung hinwirken, indem man die Dinge beim Namen nennt und zusieht, daß man sich selbst nicht – vielelicht aus Alternativlosigkeit – in solche Unterdrückungsmechanismen verstrickt (und wir sind alle darin verstrickt!). Kurz: Wenn Du jemanden siehst, der Hilfe braucht, dann hilf ihm, hilf ihm nachhaltig, aber versuche nicht, ihm zu helfen, indem Du mit Gewalt etwas am System ändern willst. Denn das System änderst Du nicht mit Gewalt, da es selbst auf Gewalt baut. Mit Gewalt stützt Du das System nur, Du tauschst höchstens ein paar Rollen aus un der Hilfsbedürftige von heute wird zum Unterdrücker von morgen.

Fazit

Gleichheit läßt sich nur über den Weg des freiwilligen Dienstes erreichen. Denn wenn ich freiwillig das tue, was mein Unterdrücker verlangt, dann begebe ich mit damit mit ihm auf Augenhöhe. Damit unterlaufe ich die Unterdrückung, denn wo ich freiwillig arbeite, werde ich weder unterdrückt noch ausgebeutet. So komme ch auf Augenhöhe mit denen, die mich unterdrücken.

Darüber hinus kann ich alle mir zur Verfügung stehenden Kräfte nutzen, um anderen Unterdrückten das Leben so leicht wie möglich zu machen, wobei Gewalt keine Optionist, weil sie das System stärkt und nicht schwächt.

Allgemein

Das System

Der Pranger ist ja wieder in Mode gekommen. Heute ist mir sowas auf Diaspora begegnet (auch hier). Im vorliegenden Fall wurde ein Rechtsanwalt namentlich benannt, der einen Arbeitgeber vor Gericht vertrat und durchsetzte, daß für Toilettendamen der Mindestlohn von Reinigungskräften nicht anzuwenden sei, weil sie eben keine Reinigungskraft sei. Deshalb kann der Arbeitgeber weiterhin nur 3,40 € pro Stunde zahlen.

Was mich und andere ärgerte, war, daß der Anwalt mit Namen bezeichnet und quasi an den Pranger gestellt wurde. Ich meine, er tat nur seinen Job. Und da ich immr noch davon überzeugt bin, daß wir in einem Rechtsstaat leben, sehe ich das Problem eher darin, daß es Gesetze gibt, die der Anwat nutzen konnte, als daß der Anwalt seine Kunst für ein derartiges moralisches Unrecht einsetzte.

Es kam zur Diskussion über das System. Und da gingen die Meinungen dann wirklich auseinander. Denn ich denke nicht, daß wir im Klassenkampf eine Lösung haben. Oder im solidarischen Druck ausüben auf „die da oben“ oder das „1%“.

Das hat mich auch schon bei der occupy Bewegung gestört: Ich sah keinen wirklichen Lösungsansätze, nur die Feststellung, daß das System schlecht ist. Für die Ursache hielt man die Gier (greed) der Führungsschichten.

Ich dachte damals und denke immer noch: Das ist zu kurz gegriffen. Denn was ist, wenn wir die Führungsschichten austauschen? Andere Menschen an den Positionen, meinetwegen auch andere Klassen, werden die gleiche Gier entwickeln. Es ist etwas zutiefst menschliches, vorsorgen zu wollen. Und das kann dann groteske Züge annehmen.

Setzt man bei der Gier an, oder irgend einem anderen Handeln oder einer Eigenschaft, läuft das Ganze fast zwangsläufig auf eine Hexenjagd raus. Die Ernte ist verfroren? Das muß ne Hexe gewesen sein. Die Volkswirtschaft geht in die Binsen. Dann waren es die jüdischen Bankiers. Und weil das heute nicht mehr Mehrheitsfähig ist, sucht man sich eien anderen Sündenbock.

Allen Ansätzen gleich ist es, daß ein Täter gesucht wird, der über Eigenschaften oder Handlungen bestimmt und dann verfolgt wird, auf daß die gerade drückende Not ein Ende finde. Ein Unterdrückungssystem soll dadurch abgeschafft werden, daß eine bestimmte Gruppe marginalisiert und Verfolgt wird, um Marginalisierung und Verfolgung abzuschaffen. Man denkt in Tätern und Opfern, will die Täter zu Opfern machen, wird darüber selbst zum Täter und ändert das System nicht wirklich, auch wenn man das Führungspersonal oder auch die Theorie ändert, mit der man Opfer- und Tätergruppen festlegt. So kommt man nie über das System hinweg, auch wenn man persönlich so vielleicht auf die Gewinnerstraße kommen kann.

Man fragt jedoch nie (oder zu selten) nach den Ursachen ungerechter Handlungen oder Eigenschaften wie Gier und dergeichen. Man überlegt nicht, ob man über diese Schiene vielleicht zu einer nachhaltigeren Lösung kommen kann.

Ich meine, daß hinter alledem die Angst der Menschen steht. Der Mensch will vorsorgen, und je ungewisser seine Zukunft ist, desto bedachter ist er darauf, sein zukünftiges Auskommen abzusichern. Und zwar je auf dem Lebensstandard, den er gewohnt ist. Und da mag dann auch eine oder mehrere Existenen auf dem Spiel stehen. Sobald der fragliche Akteur der Meinung ist, daß seine eigene Existenz zur Disposition steht (und je unsicherer die Zeiten sind, desto eher gilt es auch für ihn, selbst in höchsten Positionen), wird er sich in den eisten Fällen für die eigene Existenz entscheiden, und nicht für die er anderen.

Ich meine, man kann ihm daraus keinen Strick drehen. So würden alle, oder zumindest fast alle handeln. Man kann höchstens einen Vorwurf machen, daß derjenige das Maß aus den Augen verloren hat, daß er sich nicht zugetraut hat, auf einem niedrigeren Lohnniveau noch ein Auskommen finden zu können. Aber daß jemand sich selbst der Nächste ist, kann diesem nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Damit haben wir dann aber den Schuldigen verloren, denn jeder von uns ist in irgendwelchen Zwängen gefangen. Auch der Chef eines Unternehmens ist seinen Aktionären verpflichtet. Und die wollen Rendite sehen. Keiner von uns würde Aktien von eiem Unternehmen kaufen, das nicht erfolgreich ist, nur um den Druck aus dem System zu nehmen.

Und so bin ich überzeugt, daß die Angst, sein Auskommen zu verlieren der Punkt ist, an dem wir ansetzen müssen, wenn wir das System ändern wollen. Nicht mehr nach Schuldigen suchen, die wir dann publikumswirksam entmachten (oder gar ermorden, man denke an Hexen und Juden) können, sondern das Problem in den Umständen verorten.

Man kennt ja aus christlichen Kreisen den Spruch: Liebe den Sünder, hasse die Sünde. Das geht in die gleiche Richtung: Keine Sündenböcke suchen, sondern alle als Opfer des Systems verstehen. Und das System ist dann wohl die menschliche Natur, die einen dazu bringt, vorzusorgen, und damit die Angst einbringt, daß es nicht reichen könnte. Noch eine kleine Anmerkung aus christicher Richtung: Dieses Angstsystem ist es meiner Meinung nach, was als Sünde bezeichnet wird. Aber damit genug mit den christlichen Begriffen.

Der Ausweg würde da liegen, wo die Angst genommen wird. Wenn die Menschen die Überzeugung gewinnen, daß für ihr Auskommen gesorgt ist, werden sie auch eher Abstand davon nehmen, andere in Not zu bringen. Was hätten sie davon? Außer einem schlechten Gewissen?

Bricht man die Angst, bricht man das System. Das wird nicht zu 100% gelingen, denn Angst kann je nach individuellen Lebensumständen immer wieder auftreten (Jesus sollte mit Seiner Auferstehung ja auch alle Angst beseitigt haben, so aß für Christen das System schon gebrochen ist, aber wir wissen alle, daß es nicht so ist). Aber man dürfte eine deutliche Verbesserung erzielen können. Leider gibt es dabei kein wirkliches Feindbild, was die Popularisierung dieses Konzepts erschweren dürfte.

Wie man die Angst abschwächt? Ich habe zwei Denkansätze, wobei ich leider nicht das Fachwissen habe, das Ganze komplett zu durchdenken. Der erste wäre das bedingungslose Grundeinkommen. Damit sollten jedem die grundsätzlichen Existenzängste genommen werden. Also Überleben sollte drin sein. Daneben bin ich aber auch für ein maximales Höchsteinkommen (Siehe hier. In dem Artikel hab ich auch andere Artikel verlinkt, die ich zum Thema geschrieben habe). Das aus dem Grund, um die Fallhöhe zum Minimaleinkommen zu begrenzen, damit der fünffache Yachtbesitzer nicht den Eindruck kriegt, er falle ins Nichts, wenn er ins BGE fällt. Auch das kann IMHO Ängste nehmen.

Ob dies nun die Antwort ist, kann ich nicht sagen. Es ist ein Denkangebot. Was aber die Ursachenanalyse angeht bin ich mir etwas sicherer. Jedenfalls sehe ich keine Lösung darin, weiterhin nach Sündenböcken zu suchen, denn ich denke, daß wir alle Dreck am Stecken haben und die Protagonisten des Systems frei austauschbar sind, ohne daß sich Grudsätzliches ändert.

Zum Schluß: Bei Diaspora ergab sich übrigens eine fruchtbare Diskussion zum Thema, der Autor des Prangerbeitrags hat geschrieben, er wird das Ganze nochmal durchdenken. Schön, wenn sich bei Internetdiskussionen die Fronten nicht verhärten.

Gesellschaft

Der fundamentale Attributionsfehler

Grad hab ich dazu nen Artikel bei Experimental Theology gelesen. Es geht um den fundamentalen Attributionsfehler. In dem Artikel wird er in etwa so beschrieben: Ich seh mir Deinen Arbeitsethos an und ziehe den Schluß, daß Du faul bist. Die Faulheit ist dabei Teil Deiner Person, Du kannst eigentlich nichts dazu, Du bist einfach ein fauler Hund.

Der Artikel spricht dann darüber, wie der Mensch eher dazu neigt, Fehler welcher Art auch immer in Individuen zu suchen, als das System dafür verantwortlich zu machen. Und das au einem einfachen Grund: Es ist schneller und einfacher, Außenseiter, Nonkonformisten oder einfach auch Schwache und Sündenböcke zu benennen und auszugrenzen. Jedenfalls einfacher als ein ganzes System zu analysieren und zu verändern. Am Ende muß ich mich vielleicht gar selbst ändern. Dann doch lieber den Sündenbock beschuldigen.

Im genannten Artikel wird schon auf die Armen in kapitalistischen Systemen Bezug genommen und darauf, wie sie oftmals so dargestellt werden, als seien sie an ihrer Situation selbst schuld. Angesichts Hartz IV leuchtet mir das sofort ein: Sozialleistungsempfänger sollen nicht rauchen, nicht in die Oper oder zum Friseur gehen, Kleidung vielleicht grad mal beim Discounter beziehen und am Besten auch sonst von Brot und Wasser leben, sie sind ja selbst schuld. Ihre Kinder brauchen kein Abitur oder gar Studium, die sollen mal arbeiten gehen usw usw. Es gibt ja tausend Beispiele zu den alltäglichen Gängelungen und Einschränkungen.

Was aber, wenn nicht die Leute Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit sind, wenn sie nicht einfach nur fauler, unflexibler oder was weiß ich sind, sondern das Problem am System liegt. Meinetwegen schlechte Schulbildung, was auch immer. Dann würden sie zu Unrecht beschuldigt werden.

Jedenfalls kann man davon ausgehen, daß sie unter ihrer Situation leiden. Sie leiden unter einem ungerechten System, das ihnen einen Platz zugewiesen hat, der nicht angenehm ist. Ich frage mich: Könnte man dieses System mit der Sünde vergleichen? Erst mal ganz platt: Beides ist schlecht.

Dann aber auch: Beides unterdrückt die Leute. Auch diejenigen, die noch Arbeit haben, fürchten den Abstieg, wollen sich als umso tatkräftiger erweisen, und das wird von anderen wieder ausgenutzt, die als tatkräftige Vorgesetzte dastehen wollen. Die Abstiegsangst gibt es ja nicht nur unten. Von oben fällt man tiefer. Und beide Systeme können, das ist jetzt vielleicht etwas ungenauer, durch persönliche Verbindungen geknackt werden. Sünden können vergeben werden, danach ist Freundschaft möglich. Und Arbeitslosigkeit oder das Stigma der Faulheit kann überwunden werden, wenn man diejenigen kennt, wenn man weiß, daß es keine Schmarotzer sind, sondern Leute wie Du und ich, die mit ihren Problemen kämpfen und noch schlechter dastehen.

Christus befreite uns von der Sünde. Sein Mittel dazu war die Liebe nicht nur zum Nächsten, sondern auch zum Feind:

Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. (Lk 23, 33.34)

Und:

Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus und zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? (Mt 26, 51-53)

Er suchte keinen Sündenbock, sondern nahm alle in Liebe an, die in der Gesellschaft verstoßen waren. Er veränderte das System nicht, Er etablierte ein neues System, ein besseres System und lebte es ohne wenn und aber vor. Er wich von den Prinzipien Seines Alternativsystems nicht einmal ab, als es Ihm ans Leben ging.

Die Bedrückung durch Ausgrenzung der Menschen (etwa durch Hartz IV) ist real. Fast jeder kann das irgendwo nachvollziehen, wenn nicht am Beispiel von Hartz IV, dann an anderen Beispielen, die in seinem Lebensumfeld eher vorkommen. Fast immer, so meine ich, liegt das Problem weniger etwa in Hartz IV oder anderen Vorkommnissen, die uns das Leben schwer machen, sondern in der Ausgrenzung durch unsere Mitmenschen, die durch Attributionsfeher entsteht. Man meint, der Mensch sei in irgend einer Weise schlecht, obwohl er vielleicht ganz liebenswert ist.

Im Evangelium geht es nach meiner Überzeugung genau um die Durchbrechung dieses Problems. Wenn die Kirche dazu übergeht, das Evangelium von dieser Seite her zu lehren, und auf die alten Sündenbegriffe verzichtet, kann sie vielleicht von den Menschen wieder verstanden werden. Dann wird die Relevanz des Evangeliums für den heutigen Menschen und die Erlösungsnotwendigkeit wieder klar. Denn in unserer heutigen Welt, wo Sünder sein bedeutet, daß man moralisch fragwürdig ist, sieht sich niemand gerne als Sünder. Wenn aber klar wird, daß damit gemeint ist, unter einem System zu leiden, das einen ausgrenzt, ist man vielleicht eher geneigt zuzuhören. Und am Ende vielleicht auch zum Alternativsystem zu wechseln, das Jesus damals etabliert hat.

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Piraten und der „Laizismus“

Zur Zeit findet gerade der erste Programmparteitag der Piratenpartei in Chemnitz statt, und man hat sich entschlossen, das Programm zu erweitern. Zwei Anträge sind mir dabei besonders ins Auge gefallen (auch wenn sie sicherlich ein Nebenschauplatz sind): Die Forderung nach einem einheitlichen Lebenskundeunterricht und die … ja, mir ist es nicht ganz klar, was da genau gefordert werden soll, weil einiges und nichts genannt wird, jedenfalls wird der Begriff Laizismus verwendet, Staat und Kirche sollen getrennt werden (was sie ja eigentlich schon sind).

Die Forderung nach dem Einheitsnterricht in Lebenskunde halte ich für rundum überflüssig:

  1. „[S]ollen Schüler darauf vorbereitet werden, ihr Leben selbstbestimmt und verantwortlich individuell gestalten zu können.“ Ich verstand dies immer als Auftrag des Schulunterrichts allgemein. Wieso soll ein Fach eingeführt werden, das die anderen Fächer quasi doppelt? Ich bin hier für das KISS Prinzip und gegen unnötige Redundanzen.
  2. „Dazu soll der Unterricht unter anderem Wissen über Geschichte, Soziologie, Philosophie, Ethik und Psychologie anhand von aktuellen Themen der Gesellschaft und individuellen „Geschichten“ vermitteln.“ Mir war so als würde das Geforderte weitestgehend von den bestehenden Gemeinschaftskundefächern abgedeckt. Jedenfalls scheint es mir in meiner Schlzeit so gewesen zu sein, und damals hatten wir keine Lebenskunde.
  3. Folgendes finde ich besonders problematisch: Nach dem Antrag „ist eine bewusste Wertevermittlung mit dem Ziel eigenverantwortlichen, selbstständigen Handelns von Kindern und Jugendlichen nötig.“ Der Staat soll also selbst bewußt Werte vermitteln? Natürlich mit gutem Ziel, was auch sonst. Die CxU will uns ja auch nur vor Terroristen und Raubmordkopierern schützen. Die Idee eines staatlich vorgegebenen Wertekanons, der den Schülern „vermittelt“ werden soll, lässt bei mir (nur bei mir?) alle Alarmglocken schrillen. Wie kann eine Partei, die so großen Wert auf Freiheit legt, in die Richtung eines durch den Staat für alle Bürger vorgegebenen Wertekanon denken? So weit traut sich nicht mal die CxU vor in Richtung Obrigkeitsstaatlichkeit (Leitkultur war da das höchste der Gefühle).

Kurz gesagt, aufgrund der einerseits weitgehend vorhandenen Abdeckung des Stoffes durch die existierenden Fächer, sowie die Gefahr für Staat und Gesellschaft, bei einem staatlich vorgegebenen Wertekanon, sehe ich keinen Vorteil bei diesem Vorschlag. Dies bedeutet nicht, daß nicht unter Umständen verschiedene Fächer den aktuellen Bedürfnissen besser angepaßt werden sollen, es liegt da sicherlich auch einiges im Argen. Nur welche Inhalte bisher nicht vermittelt werden, muß erst ermittelt werden (klar ermittelt, nicht mit Worthülsen benannt wie im Antrag). Dann kann man sich Gedanken machen, in welchen Lehrplan welches Faches man diese Inhalte sinnvoll einbauen kann, oder ob es tatsächlich ein neues Fach dafür braucht. Eine Wertevermittlung durch den Staat allerdings darf so nicht etabliert werden, denn ermöglicht der Regierung einen weiteren Kanal zu nutzen, um ihre Politik als Positiv zu verkaufen.

Beim Antrag zur Trennung von Kirche und Staat bin ich auch eher ablehnend eingestellt, aber nicht nur. Was fordert der Antrag? Der Antrag „setzt sich für die vollständige Trennung von Kirche und Staat, also einen laizistischen Staat, ein.“ Das ist erst einmal eine weitere Worthülse. Wichtig ist, wie diese nun mit Inhalt gefüllt wird, was also die Antragsbefürworter nter „Laizismus“ verstehen:

„Hierzu sollen die kirchlichen Finanzen komplett vom Staat gelöst und ein religiöse Neutralität in öffentlichen Einrichtungen gewährleistet werden, außerdem soll bevorzugter kirchlicher Einfluss aus Bildung, Medien und Gesetzgebung verschwinden.“

Außerdem soll noch der Religionsbezug aus allen Landesverfassungen verschwinden. Fangen wir damit an:

Kein Religionsbezug in Landesverfassungen

„Ein weltlicher und demokratischer Staat steht für die Achtung von Menschen unabhängig von ihren religiösen Ansichten.“

Dem stimme ich zu. Keiner soll aufgrund seines Glabens oder Nichtglaubens benachteiligt werden.

„Wir fordern ein Bekenntnis zu allgemeingültigen Werten, auf denen die Gesellschaft aufbaut, statt des spezifischen Religionsbezugs.“

Ich bin skeptisch, ob es die „allgemeingültigen Werte“ wirklich gibt. Welcher Wert ist schon allgemein gültig? Es wird immer darauf hinauslaufen, daß möglichst große Mehrheiten gefunden werden. Aber prinzipiell habe ich kein Problem damit, wenn Gott aus den Verfassungstexten fliegt. Ich weiß als gläubiger Mensch trotzdem, daß ich alles Ihm verdanke, auch die hießige freiheitliche Demokratie, denn alles liegt in Seiner Hand. Das muß aber nicht allgemeinverbindlich in Verfassungstexten stehen, die von allen Menschen anerkannt werden sollen.

Lösung der kirchlichen Finanzen vom Staat

Die Antragsteller behaupten „ein staatlicher Einzug von Kirchenbeiträgen kann nicht gerechtfertigt werden“. Ein Argument konnte ich nicht finden. Tatsächlich ist es ja so, daß die Kirchen den Staat für diese Dienstleistungen bezahlen, und auch alle anderen Religionsgemeinschaften der Weg offen steht, auch die „Mitgliedsbeiträge“ über den Staat erheben zu lassen. Was ich als Argument gelten lassen würde wäre, wenn gezeigt wird, daß der Staat bei dieser Dienstleistung draufzahlt. Dann wäre eine Neuberechnung der durch die Kirchen an den Staat zu entrichtenden Gebühren notwendig und müßte mgehend durchgesetzt werden. Falls dies der Knackpunkt ist, kann man das konkreter formulieren, dann weiß auch jeder, um was es geht.

Des weiteren ist die Rede von „finanzieller Alimentierung“. Ich weiß nicht genau, was damit gemeint ist, ich mutmaße inemal, es geht um die Staatsleistungen (hätte man in dem Fall genauer benennen können). Diese sollen ja schon laut der Weimarer Reichsverfassung abgelöst werden. Eine Initiative der Piraten in diese Richtung wäre durchaus zu begrüßen, damit staatlicherseits endlich auf die Kirchen zugegangen und über die Ablösng der Zahlungen, etwa drch eine Einmalzahlung, verhandelt wird. Sollte aber eine Einstellung der Zahlungen von jetzt auf gleich angestrebt werden, halte ich das für gefährlich, denn es muß eine Rechtssicherheit geben. Die Verträge zwischen Staat und Kirche bestehen und snd rechtskräftig (falls man dies anzweifelt, habe ich kein Problem damit, wenn die Piratenpartei sich einen Anwalt nimmt und eine Klage anstrengt, damit käme sie auch wieder stärker in die Medien). Als rechtkräftige Verträge müssen sie auch erfüllt werden, oder eben in beiderseitigem Einverständnis abgelöst. Die Rechtssicherheit im freiheitlichen Staat ist übrigens eine der Stützen der Freiheit.

Religiöse Neutralität in öffentlichen Einrichtungen

Ach hier wird nicht gleich erkenntlich, um was es genau geht. Es ist die Rede vom Betrieb sozialer und anderer Einrichtungen drch die Kirche. Es geht hier um das Subsidiaritätsprinzip:

„Aufgrund der vereinbarten Subsidiarität tritt der Staat als Anbieter gesellschaftlicher Dienstleistungen (von der Kinderbetreuung über die Krankenversorgung bis zur Sterbebegleitung) hinter die Angebote religiös bzw. weltanschaulich fundierter Träger (nur teilweise auch laizistischer Träger – Rotes Kreuz) zurück.
In diesem Spannungsfeld entstehen Formen religiöser Bevormundung, wenn etwa aufgrund regionaler politischer Priorisierung religions- und konfessionsfreie Angebote gar nicht unterbreitet werden. Das kann auch Ausdruck gezielter politischer Diskriminierung sein – zum Beispiel im Bereich der Schwangerschaftskonfliktberatung.“

Das Problem, im ländlichen Raum als Atheist nur kirchliche Anbieter zu finden, ist durchaus als nicht hinnehmbar zu bezeichnen, und der Staat hat hier nach meiner Meinung durchaus die Pflicht, für Abhilfe zu sorgen. Die Antragsteller wollen hier nun den Weg beschreiten, das Subsidiaritätsprinzip komplett abzuschaffen (oder nur für kirchliche Träger und damit nichtklirchliche Träger einseitig bevorzgen?). Bei einer kompletten Abschaffung des Sbsidiaritätsprinzips müßte der Staat auf einen Schlag plötzlich alle diese Einrichtungen übernehmen, die nebenbei auch ihre geringen, aber in der Masse doch erheblichen, Finanzspritzen von den Kirchen einbüßen würden. Der Staat würde wieder ein Stück mächtiger, weil nun sämtliche Einrichtungen aus einer Hand kämen, und nicht mehr aus vielen verschiedenen Händen, die auch unterienander in Konkurrenz stehen, was sich durchaus auch positiv auf das ganze System auswirkt. Im Sinne einer Beschneidung der Staatsmacht und damit im Sinne der Freiheit wäre die Abschaffung des Subsidiaritätsprinzip also nicht.

Ich denke, man kann auch in die andere Richtung gehen: Wieso nicht einen Antrag formulieren, der den Staat dazu verpflichtet, überall wo dies gewünscht wird, entsprechende konfessionsfreie Einrichtungen bereitzustellen? In diesem Fall könnte die Vielfalt gewahrt bleiben, die katholische ungewollt Schwangere könnte ohne Mehrkosten z einer katholischen Beratungsstelle gehen, und trotzdem könnten Atheistenkinder in religionsnetralen staatlichen Kindergärten die Vorschulzeit verbringen.

Gleiches gilt auch für Schulen und andere derartige Einrichtungen.

Militär- und Polizeiseelsorge

Der Antrag nennt nr die Militärseelsorge, doch dürfte die Polizeiseelsorge implizit mitgemeint sein. Gerade beim Militär ist es jedoch der Fall, daß die Soldaten große Freiheiten aufgeben, um ihres Berufes Willen. Bis vor kurzen wurde sogar die Wehrpflicht noch durchgesetzt, so daß junge Männer gezwungen sich in den Kasernen afhalten mußten. In dieser Zwangssituation ist es von enormer Wichtigkeit, daß alle Freiheiten, die irgendwie ermöglicht werden können, weiterhin ermöglicht werden. Dazu gehört etwa die positive Religionsfreiheit. Wer gläubig ist und längere Zeit sich in der Kaserne oder gar im Aslandseinsatz befindet, muß Zugang zu einem Geistlichen seiner Religion haben, um seine positive Religionsfreiheit garantieren zu können. Der Staat kommt dem nach, indem er Militärgeistliche in Kasernen im Ausland bereithält.

Bei der Polizei ist es nicht ganz so extrem, jedoch ist es möglich, daß im Schichtdienst mehrmals sonntags der Gottesdienst nicht besucht werden kann und auch sonst der Besuch regelmäßiger Angebote in der Gemeinde. Auch hier gibt es deshalb Seelsorger für die Polizisten, so daß die Polizisten vor Ort bei der Arbeit einen Ansprechpartner haben. Hierbei geht es nicht nur um Dinge, die mit Polizeipsychologen geklärt werden können, sondern um das religiöse Leben, durchaus auch zugeschnitten auf den jeweiligen Beruf.

Bei Gefängnisinsassen ist es am ehesten evident, daß sie an keinem geregelten religiösen Leben teilnehmen könnten, ohne Gefängnisseelsorger. Daher hat der Staat, der den Gefangenen die Bewegungsfreiheit eingeschränkt hat, nun die Aufgabe, wenigsten die anderen Recht, inklusive positive Religionsfreiheit zu gewährleisten. Dies geschieht durch die Gefängnisseelsorger. Und auch hier zeigt sich, daß es im Interesse der Freiheit ist, diese Einrichtungen so zu belassen, wie sie sind. Jedenfalls würde ich mir von einer Initiative, die die Abschaffung fordert, einen Vorschlag wünschen, wie die positive Religionsfreiheit der Betroffenen gewährleistet werden kann.

Kirchlicher Einfluß auf Gesetzgebung

Hier verstehe ich nicht, was gemeint ist. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Piraten fordern, daß nter all den gesellschaftlichen Gruppen, die es in der BRD gibt, ausgerechnet die Religionsgemeinscheften (oder nur die Kirchen?) einen Maulkorb verpaßt bekommen sollen und sich zur Politik nicht mehr äußern dürfen sollen. Als Teil der Gesellschaft beeinflußt die Kirche auch die Gesellschaft, auch indem sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten die eigene Meinung zu bestimmten Themen frei vertritt. Ein Verbot dessen käme einem Verbot de Meinungsäußerung gleich, das kann nicht gemeint sein. Ich sehe allerdings ach nicht, was die Antragsteller sonst meinen könnten.

Kirchlicher Einfluß auf Medien

Hier gilt das gleiche, wie bei der Gesetzgebung. Die Kirchen haben das Recht wie alle anderen, ihre Meinung zu äußern, und die Medien haben das Recht, dies zu rezipieren und zu berichten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Piraten hier ein Problem haben könnten. Oder ist hier Rundfunkrat und Fernsehrat der öffentlich rechtlichen Sender gemeint? Ja, hier haben die Kirchen Plätze. Dies ist jedoch daraf zurückzuführen, daß diese Räte einen Durchschnitt durch die Bevölkerung darstellen sollen, deshalb sind gesellschaftlich relevante Gruppen vertreten. Eine Diskussion darüber, wie dieser Querschnitt durch die Bevölkerung ermittelt werden kann, ist sicherlich nie verkehrt, und falls es einen besseren Querschnitt gibt, bei dem die Kirchen nicht mehr vorkommen, solles mir Recht sein. Aber das Rausschmeißen der Kirchen, ohne das Prinzip zu ändern halte ich für falsch. Denn das System baut darauf auf, daß es sich um einen Querschnitt durch die Bevölkerung handelt, wird hier einfach eine Gruppe rausgeworfen, ohne das System zu ändern, beschädigt dies das System als Ganzes und niemand hat etwas davon.

 

Ich habe sicherlich auch Punkte vergessen, viele konnte ich vielleicht nicht ansprechen, aufgrund der manchmal vagen Ausdrucksweise des Antrags. Konkretere Formulierungen würden dies erleichtern. Positiv fiel mir auf, daß der antireligiöse Ton sehr gemäßigt ist, jedenfalls kann ich hier eher den Wunsch nach einer Lösung bestehender Probleme erkennen, als etwa bei den Grundsätzen der Laizisten in der SPD. Meine Hoffnng ist, daß der Antrag auf dem Parteitag nicht angenommen wird, und man sich statt dessen genaere Gedanken dazu macht, was die eigentlichen Mißstände sind, die man meint, und wie man diese direkt ändern könnte, ohne gleich das ganze System (und damit auch viele positive Errungenschaften) umzuschmeißen. Hat auch was von Windows vs Linux: Bei Windows schmeißt man das alte System runter, wenn etwas schief läuft, und setzt ein nees System auf. Wenn bei Linux etwas nicht läuft, installiert man nicht neu, sondern sucht den Fehler und behebt ihn. Ich hoffe, die Piraten wählen als „Nerd-Partei“ den Linux-Weg.