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Fliegendes Suizidkommando

Fliegendes  Suizidkommando? Nein, der Erlöser beim Erlösungswerk!
Uoaei1 [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Das fliegende Suizidkommando und Karfreitag

Wer kennt ihn nicht: Monty Pythons „Das Leben des Brian“? Der Film enthält jede Menge Anspielungen auf alles Mögliche. Zum Beispiel spielt die Konkurrenz zwischen der Volksfront von Judäa und der Judäischen Volksfront (und diverser anderer im Film genannter Gruppen) auf die Kämpfe verschiedener Befreiungsbewegungen untereinander – anstatt gegen den erklärten Feind – an. Und dann gibt es bei der Judäischen Volksfront noch ein „Fliegendes Suizidkommando“. Heute im Gottesdienst kam ich darauf, daß es sich da um eine Anspielung auf Jesu Kreuzestod handelt:

Es wird gestorben, vorgeblich zur Befreiung Anderer, aber irgendwie stellt sich die Befreiung nicht spürbar ein.

Oder anders gesagt: Jesu Tod hat nichts gebracht.

Jesus und das fliegende Suizidkommando

Dem stimme ich so natürlich nicht zu: Jesu Kreuzestod hat durchaus Befreiung gebracht. Beim fliegenden Suizidkommando ist das freilich anders: Brian bleibt am Kreuz und es bleibt ihm nichts als eine Hymne auf das Leben im Hier und Jetzt zu singen. Auch recht traurig, wenn an bedenkt, daß in Brians Hier und Jetzt das Leben zum Ende kommt.

Aber wo ist der Unterschied zwischen Christi Handeln und dem „Anschlag“ des fliegenden Suizidkommandos?

Judäische Volksfront

Soweit es aus dem Film erkennbar ist, liegt das Ziel der Judäischen Volksfront darin, Judäa von der römischen Besatzung zu befreien. So weit, so normal. Die Unfreiheit besteht hier in der Fremdbestimmung durch eine ausländische oder als ausländisch empfundene Macht. Also kein großer Unterschied etwa zur katalanischen oder schottischen Unabhängigkeitsbewegung. Unterstellt man, daß die Judäische Volksfront wohl auch vor Waffengewalt nicht zurückschreckt, dann sind die Vergleichspunkte wohl eher ETA, PKK, PLO oder Irgun.

Jesus Christus

Jesus geht es in Seinem Befreiungswerk jedoch nicht um solche äußere, nationale Freiheit. Als Er zum König gemacht werden soll, entzieht Er sich, im Verhör mit Pilatus sagt Er, Sein Reich sei nicht von dieser Welt. Es geht Ihm nicht um weltliche Befreiung.

Befreit wird der Mensch durch Jesus nicht von einer fremden Macht. Diese Perspektive scheint Jesus gar nicht zu interessieren. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“. Und auch seine ersten Nachfolger waren da durchaus zurückhaltend. Grad von Paulus kennen wir die Forderung, der Obrigkeit untertan zu sein, auch spricht er sich nicht gegen die Sklaverei aus oder die Unterordnung der Frau unter den Mann – jedenfalls nicht direkt.

Denn der Befreiungsakt geschieht an einer ganz anderen Front. Sie löst ein ganz anderes Problem als daß der weltlichen Unterdrückung. Das Problem ist das Problem der Sünde. Christus befreit uns nicht von einem weltlichen Tyrannen, sondern von der Sünde.

Sünde? Echt jetzt?

Aber mal ehrlich, abseits vom innersten Kreis der Kerngemeinde und vielleicht noch studierten Theologen, wer versteht sich heute als Sünder? Wer versteht überhaupt, was Sünde ist? Eine böse Tat? Eine Tafel Schokolade in der Fastenzeit? Tanzen am Karfreitag?

Ich hatte hier schon einmal meinen Religionslehrer im Gymnasium erwähnt. Er erklärte uns das mit der Sünde immer mal wieder mit folgendem Bild: Freiheit und Verantwortung müssen sich die Waage halten. Nehmen wir uns irgendwann mehr Freiheit, als wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, entspricht die Diskrepanz zwischen beiden der Sünde.

Freiheit!

Wenn wir jetzt mal die Religion bei Seite lassen, so sollte doch leicht ein Konsens herzustellen sein, daß es von Übel ist, wenn sich jemand alle möglichen Freiheiten rausnimmt, ohne die entsprechende Verantwortung zu übernehmen: Alkohol trinken und trotzdem Auto fahren, Sex ohne Gummi und die Frau schwanger sitzen lassen, Daten sammeln und nicht sicher speichern… Es gibt viele Beispiele, die man aufzählen könnte.

Wo ich Freiheit auslebe, kann das immer auch Auswirkungen auf andere haben. Und für diese Auswirkungen habe ich die Verantwortung. Übernehme ich die nicht, sorge ich mich nicht um die Konsequenzen meines Handelns, dann entsteht Leid. Aus der Sünde, also dem Verweigern von Verantwortung, entsteht Leid. Und zwar in ganz verschiedener Weise. Das Leid, das durch das verantwortungslose, alkoholisierte Führen eines Kraftfahrzeugs entsteht ist anders als das Leid, das entsteht, wenn sich jemand schmieren läßt oder jemand Drogen mißbraucht.

Verantwortung!

Jahrelang fragte ich mich, wie es nun ist, wenn ich mehr Verantwortung als Freiheit übernehme – oder sollte ich sagen: übernehmen will?

Letzte Woche sprach ich mit einem Kollegen über das Altern. Irgendwann ging es darum, ob es besser sei, früher zu sterben, bevor man unter Demenz leidet oder allgemein zum Pflegefall wird. Wir kamen darauf, inwieweit man sich in einer solchen Situation vielleicht als „useless“ (wir sprechen meist Englisch im Büro), also unnütz, verstehen würde.

Ich stellte es in Frage, Menschen nach ihrer Nützlichkeit zu kategorisieren. Darauf meinte mein Kollege, das sei trauriger Weise das Paradigma, unter dem wir alle leben.

Und da fiel der Groschen bei mir: Auch das ist Sünde. Die Verantwortung für etwas übernehmen zu wollen, was nicht in unserer Freiheit steht, ist Sünde, also führt zu Leid!

Nützlichkeit

Ob etwas „nützlich“ ist beurteilt man daran, wie gut man es benutzen kann, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Und hier sieht man auch schon das Problem, wenn man dies auf Menschen anwendet: Man macht Menschen zu einem Objekt, zu Dingen, die gebraucht werden für bestimmte Zwecke. Man verweigert die Achtung ihres eigentlichen Wesens, daß sie als Menschen nicht zu irgend einem Zweck da sind, sondern einen Selbstzweck haben. Keiner darf Menschen besitzen oder sonst über sie verfügen. Das ist Konsens einer freien und demokratischen Gesellschaft,und der Gedanke liegt auch hier im christlichen Denken zu Grunde.

Die Menschen sind untereinander Brüder und Schwestern und ihr Umgang miteinander soll sich an der Liebe orientieren. Wenn jemand einen Menschen beurteilen kann, dann höchstens Gott, denn Er hat den Menschen gemacht und kennt sich aus.

So lange es um die Beurteilung anderer geht, sind wir noch beim ersten Beispiel: Wenn sich jemand mehr Freiheit raus nimmt als er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel Menschen aburteilen und dann sich selbst überlassen, ohne ihnen eine Perspektive zu geben.

Wenn ich aber das Ganze auf mich selbst anwende, wenn ich also nach meiner eigenen Nützlichkeit frage, kommen wir in den anderen Bereich. Ich versuche, mehr Verantwortung zu übernehmen als ich Freiheit habe. Immer noch unternehme ich den Versuch, Gottes Platz einzunehmen. Ich versuche, etwas zu tun, was Ihm obliegt und auch Er nur wirklich kann. Was weiß ich denn im Vergleich? Wie fundiert kann mein Urteil denn sein?

Leid

Und auch hier entsteht Leid. Ich weiß, wovon ich rede, ich kämpfe manchmal auch mit Depression. Ich weiß nicht, was ich anderen bedeute, und maße mir ein Urteil über meine Nützlichkeit an. Ich weiß nicht, welche Auswirkung mein Dasein hat und maße mir an, ein Urteil darüber fällen zu können.

Ich bin alt, bettlägrig und empfinde mich nur noch als Last für meine Kinder und Angeörigen.Oder ich habe Angst vor so einer Situation. Also beschließe ich, lieber jung zu sterben. Oder jünger, wenn ich es noch selbst in der Hand habe. Auch das verursacht Leid. Am offensichtlichsten bei den Hinterbliebenen. Aber auch sonst. Wie viele Begegnungen haben wir in unserem Leben, wie beeinflussen wir einander, ohne es zu wissen?

Oder bei mir: Vielleicht will ich gar nicht sterben, aber meine, meinen Nächsten nicht zur Last fallen zu sollen.

Eine Sache beim Leid ist richtig fies: Es pflanzt sich fort. Leide ich, so bin ich dadurch so mit mir beschäftigt, daß ich weniger auf andere achten kann, und füge ihnen auch Leid zu. Man wird dünnhäutiger, explodiert leichter. Oder man sinnt schlicht nach Rache, will es anderen doppelt heimzahlen. Und andere Menschen wissen natürlich darum, gehen mir aus dem Weg, wenn wir gereizt bin. So läßt man sich durch die Situation, durch die Spannung, die Leid erzeugt, gefangen nehmen. Man paßt sein Tun an, verliert Freiheit.

Leid pflanzt sich fort und multipliziert sich. Das ist die Konsequenz der Sünde, so funktioniert sie.

Befreiung, oder christliche gesprochen: Erlösung

Wie paßt jetzt Jesus da rein? Im Gegensatz zum fliegenden Suizidkommando? Nun, zuerst einmal starb Jesus wegen unserer Sünde. Menschen nahmen sich mehr Freiheit, als sie verantworten wollten. Unterjochten ien Land, arrangierten sich mit den Machthabern etc etc. Am Ende war es so weit, daß man in Jesus einen Aufrührer sah, nur weil Er offen sagte, was Sache war und weil Ihm viele Menschen zuliefen.

Jesus, der den Eliten Angst machte

Solche Menschenansammlungen mußten die Römer ja skeptisch ansehen. Sie wußten ja um das Leid, daß sie der Bevölkerung zugefügt hatten und hatten auch schon einige Erfahrung mit Aufrührern. Sie hatten Angst, waren durch ihre eigene Sünde gefangen genommen worden. Das ließe sich jetzt für alle möglichen Gruppen durchführen, von der gesellschaftlichen Elite bis hin zu den echten Aufrührern, denen es freilich suspekt vorkommen mußte, daß Jesus nicht zu den Waffen rief. Und dann gibt es ja auch das Problem der Rivalität zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa…

Was tat Jesus also? Er ließ sich ans Kreuz schlagen. Obwohl Er Alternativen gehabt hätte. Oder lassen wir die Engelslegionen bei Seite und betrachten es weltlich: Da wäre es immer noch vernünftiger gewesen, die Anhänger zu den Waffen zu rufen. Es gibt ja die Deutung, daß es Judas Ischariot genau darum ging. Außerdem wurde Jesus ja mehrfach verhört: Vorm Sanhedrin, vor Pilatus und auch vor Herodes Antipas. Mit ein bißchen Verhandlungsgeschick wäre Er da vielleicht auch rausgekommen aus der Sache.

Aber Er hätte sich auch der Logik der Sünde unterworfen. Er hätte die Verantwortung für Sein Tun nicht übernommen. Wäre es Ihm um Sein Leben gegangen, wäre Er womöglich nie in die Situation gekommen. Aber es ging Ihm um mehr. Also tat Er, was Er für nötig hielt, und nicht was opportun war. Er ging zu den Menschen, den Zöllnern, Sündern, und behandelte sie wie Menschen, heilte hier und da und stiftete Gemeinschaft.

Er unterwarf sich aber der Logik der Sünde nicht. Er kuschte nicht, Er unterließ nicht, was Er für richtig hielt. Und Er nahm die Konsequenz auf sich, ohne Widerstand. Er verteidigte sich nicht in den Verhören, und ging ans Kreuz. Litt unsre Not, starb unsern Tod.

Unser Tod

Unser Tod, weil wir Menschen es sind, deren Sünde dazu führte, daß Er am Kreuz enden mußte. Weil die Menschen in ihrer Sündhaftigkeit Angst bekamen. Also schlugen sie drauf, bevor sie vielleicht selbst Opfer werden konnten.

Aber was geschah dann? Jesus wehrte sich nicht. Hatte man sich geirrt? Wieso wehrte Er sich nicht? Selbst wenn Er zu Unrecht verurteilt wurde, hätte Er sich doch gegen die Todesstrafe wehren müssen?

Und dann stand Er wieder auf. Tod wo ist Dein Stachel, Hölle, wo Dein Sieg? Er durchbracht die Logik der Sünde. Er ließ sich nicht gefangen nehmen. Er scherte sich nicht um Opportunitäten, und Er schreckte nicht davor zurück, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was Er tat. Daher mußte Er sich auch nicht entschuldigen.

Das ewige Leben

Bis hierher war es vielleicht für atheistische Leser noch in Teilen nachvollziehbar. Sobald wir aber zur Auferstehung kommen,geht es nicht mehr ohne Glauben. Das aufrechte Leben Jesu, der Tod und die Wiederauferstehung, nehmen dem, der daranglaubt, die Angst – zumindest ein Stück weit – kein menschlicher Glaube ist perfekt,deshalb bleiben wir auch alle Sünder.

Die Sünde besteht weiter, Menschen nehmen sich mehr Freiheit, als sie Verantwortung übernehmen – oder sie versuchen mehr Verantwortung zu übernehmen, als sie Freiheit haben. Und sie erzeugen damit Leid. Wer aber an die Auferstehung glaubt, weiß auch, daß das Leid zeitlich begrenzt ist. Er schränkt sich vielelicht ein, wo er Leid erfährt, besteht nicht auf allen Freiheiten, um in der aktuellen  Schwäche weniger Verantwortung tragen zu müssen. Er wird frei von der Sünde in dem Sinne, daß sie ihn nicht mehr beherrscht, wenn er sie auch nie ganz los wird.

Diese Freiheit ist viel tiefgreifender als die Freiheit, für die all die Freiheitsbewegungen kämpfen.Sie ist grundlegend und verändert die Welt. Es mag sein, daß der Gedanke einer Gleichberechtigung der Frau nicht explizit in der Bibel steht, aber er entstand in einer biblisch geprägen Kultur, und die ersten Schritte gingen früh los. Die Bibel lehnt auch die Sklaverei an sich nicht ab, trotzdem waren es Christen, die sich nachhaltig und mit Erfolg für die Abschaffung der Sklaverei einsetzen, und zwar aus religiösen Motiven. Wenn man sucht kann man viele weitere Aspekte finden. So entspricht die Gleichheit aller vor Gott der Gleichheit aller vor dem Gesetz – das haben wir auch noch nicht so lange.

Jesu Tod führt letztlich zur Freiheit – im Gegensatz zum Tod des fliegenden Suizidkommandos. Und der Weg geht weiter.

Theologie

Predigtkommentar

Predigen ist eine gefährliche Sache. Viele Menschen hören einem zu und glauben das, was man sagt. Als Prediger hat man eine gewisse Autorität, manches wird ungeprüft geglaubt, weil es „der Herr Pfarrer“ sagt.

Es ist nicht verkehrt, sich das als Prediger bewußt zu machen und ich bin mir bewußt, daß auch ich in meinen Predigten immer wieder in diese Gefahr komme und in die Falle tappe. Ich bin, wie alle anderen Menschen auch, ein Sünder.

Christina machte mich in einem Kommentar auf diese Hörpredigt aufmerksam (leider habe ich keinen Link zum geschriebenen Text). Mein Eindruck ist, daß der Prediger gut auch gute Absichten haben kann, ich denke aber ebenso daß er seine Gemeinde verführt (und zwar schon durch die abwertenden Sprache, die er zum Teil benutzt, um die Flüchtlinge zu bezeichnen; es kommt mehrmals der Begriff „Horden“ etc).

Ich möchte diesen Blogartikel benutzen, um in brüderlicher Verbundenheit auf ein paar Probleme hizuweisen, die mir beim einmaligen Hören der Predigt (den Text vorliegen zu haben würde es mir hier freilich einfacher machen) aufgefallen sind. Am Ende muß sich freilich jeder selbst ein Bild machen, den vor Gott werden wir dereinst alleine stehen, ohne uns auf einen Papst oder Lieblingsprediger berufen zu können.

Ich habe mir beim Hören Notizen gemacht und werde darauf antworten. Das wird leider sehr bruchstückhaft sein. Ich möchte entscheidende Aussagen der Predigt überprüfen und mein jeweiliges Ergebnis vorstellen.

Der Prediger stimmt der Aussage zu, daß Christen alle Menschen lieben, fragt aber, ob dies bedeutet, daß wir alle Menschen in Deutschland aufnehmen müssen, die kommen. Darauf antwortet er mehrfach, zuerst mit einem Beispiel:

Ein Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche soll 200 Flüchtlinge aufnehmen, weil der Hausbesitzer sie alle liebt. Er stellt fest, daß die 200 Menschen zwar in das Haus hinein passen würden, daß es aber schnell zu Chaos führen würde, weil es doch zu wenig Platz zum Leben ist, und spätestens wenn weitere 500 Flüchtlinge ins Haus wollen, geht gar nichts mehr.

Das Beispiel ist sehr anschaulich, es ist nachvollziehbar, und es ist Quatsch. Nachvollziehbar ist es, weil es tatsächlich irgendwann dazu kommt, daß eine bestimmte Fläche zu viele Menschen beherbergen muß. Quatsch ist es, weil die Menge der Flüchtlinge pro m² in Deutschland nicht annähernd den Wert auch nur erreichen kann, der im Beispiel angenommen wird.

Wenn ein Haus 100m2 hat und darin 4 Personen (Papa, Mama, Sohn, Tochter) leben, dann hat jeder 25m². Wenn 200 Personen in dem Haus leben, sind das pro Person nur noch 1/2 m².

2013 standen in Deutschland pro Person im Durchschnitt 45m² zur Verfügung. Bei 80 Mio. Menschen. Um auf 1/2 m² wie im Beispiel mit dem Haus zu kommen, müßten 90 Mal (45:90=1/2) so viele Menschen hier wohnen, also 89 x 80 Mio. = 7,12 Mrd. Flüchtlinge hierher kommen. Das wäre fast die ganze Weltbevölkerung! So viele Menschen kommen sicherlich nicht, auch nicht in den nächsten 100 Jahren! Und es geht auch nur um den momentan (bzw. 2013) bestehenden Wohnraum. Wenn mehr Wohnungen gebaut werden bzw. leerstehende Wohnungen wieder genutzt werden, dann müßten noch mehr Menschen hierher kommen, um auf den 1/2 m² zu kommen, den der Prediger in seinem Beispiel bringt.

Ergebnis: Er übertreibt maßlos und provoziert damit Ängste. Zuletzt war die Rede von 1 Mio. Flüchtlingen pro Jahr. Sind wir einmal großzügig und gehen wir von 5 Mio Flüchtlingen pro Jahr in den nächsten 10 Jahren aus, dann wären das 50 Mio Flüchtlinge zusätzlich zu den 80 Mio. Einwohnern. Und gehen wir der Einfachkeit davon aus, daß niemand in der Zeit stirbt und keine neuen Wohnungen gebaut werden (was Unsinn ist, weil immer neue Wohnungen gebaut werden).

Dann hätten wir 130 Mio Menschen auf den 3,6 Mrd m² Wohnfläche (80 Mio. Einwohner x 45m² pro Einwohner 2013), das ergäbe dann 27,69m² pro Person. Imer noch mehr als in der „guten alten Zeit“ 1965, als jedem im Schnitt 22,3m² zur Verfügung standen.

Und es ist immer noch mehr als zur Verfügung steht, wenn in dem genannten Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche zwei Erwachsene mit zwei Kindern wohnen.

Das sollte deutlich zeigen, in welche unverantwortlicher Weise hier Ängste geschürt werden. Ja, die Flüchtlinge leben derzeit in den Heimen auf engem Raum und das führt zu Unruhe, mitunter auch zu Gewalt. Es wäre aber ein leichtes, hier einfach neue Ressourcen zu schaffen. Im Moment mag es überall knirschen, aber wenn es drauf ankommt können auch schnell neue Gebäude gebaut werden, man muß es nur wollen.

Der Prediger sagt, jeder denkende Christ müßte auch ohne Bibel sehen, daß der Zuzug Chaos bedeute und der Teufel sich ob des Chaos die Hände reibe. Nun, ich erinnere mich ohne Bibel daran, daß man das Böse mit Gutem überwinden soll und daß der Teufel und das Chaos nicht vor der Liebe bestehen werden. Zumal wir im Zweifel unser Kreuz auf uns nehmen und keine Angst haben sollen, auch wenn uns Leiden vorausgesagt sind.

Nun sagt der Prediger, daß die Nächsten- und Feindesliebe ja ganz toll sei, daß aber diese in den persönlichen Bereich gehöre, aber nicht in die Politik, sie gelte also nicht für den Staat resp. das ganze Volk.

Mich erinnert diese Unterscheidung ein wenig an die Eigengesetzlichkeit, die lutherische Theologen aufgrund der Zwei-Reiche-Lehre machen zu können meinten. Die ist liberale Theologie at its  best (und das in der Predigt eines freikirchlichen Predigers!) und hat uns im letzten Jahrhundert die theologische Rechtfertigung des NS Staates eingebracht – heute sollte klar erkennbar sein, daß es sich hier um eine Häresie handelt!

Mit dieser Differenzierung zwischen Politik und privatem Bereich, in dem alleine Feindes- und Nächstenliebe gelten soll kommt der Prediger dazu zu sagen, daß all die Forderungen von Liebe gegenüber Nächsten und Fremden nicht bedeuten, daß ein Volk Fremde aufnehmen solle.

Im NT habe die Gemeinde keine politische Macht gehabt, deshalb sei es auch immer um den persönlichen Breich gegangen und nicht um die Politik. Um die ginge es dagegen im AT.

Dem würde ich sogar zustimmen, das AT hat in viel größerem Maße auch die Staats- oder Gesellschaftsebene im Blick als das NT. Allerdings – und da begeht der Prediger den Kategorienfehler, den er anderen vorwirft – wird im AT eine Theokratie beschrieben, und kein moderner Rechtsstaat. Wie dieser funktioniert finden wir nicht direkt in der Bibel. Auch wie eine Demokratie funktioniert steht dort nicht geschrieben. Trotzdem macht er Rechtsstaat und Demokratie stark, als positive Gegenbeispiele zur Theokratie, die der Islam angeblich fordere. Nun, wenn man in die Bibel, speziell ins AT sieht, dann ist es dort eben auch die Theokratie und nicht die Demokratie, die gefordert wird.

Er gesteht zwar ein, daß man das AT nicht 1:1 übertragen könne, daß es aber doch Vorbildfunktion hätte. Allerdings würde ich anfügen, daß man dabei aufpassen muß, was man überträgt: Die Theokratie, die er offenbar auch nicht will (sonst würde er den Islam dafür kaum kritisieren können), oder die Forderungen Gottes, die auch für ein demokratisiertes Volk im Rechtsstaat gelten?

Mit Verweis auf Röm 13 (komischer Weise NT) und andere Bibelstellen hält er fest, daß der Staat dem Bösen nicht freien Raum lassen dürfe. Allerdings fordert das auch niemand. Keiner fordert, das staatliche Gewaltmonopol (das Schwer in Röm 13) abzuschaffen. Ein Flüchtling unterliegt den gleichen Gesetzen wie wir und für deren Einhaltung ist ebenso die Polizei zuständig. Falls dies nicht geschieht, ist das ein Grund, unsere Polizei besser auszustatten oder sie dazu anzuhalten, ihre Arbeit zu erledigen, es spricht aber nicht dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Der Prediger sagt, daß der Staat die Pflicht habe, sein Volk vor dem Bösen mit Gewalt zu schützen. Dem würde ich gr nicht einmal widersprechen. Allerdings frage ich mich da: Was ist das Böse? Sind das Menschen? Gab es da nicht einmal die Unterscheidung zwischen Person und Tat im Christentum: Liebe den Sünder, hasse die Sünde?

Die Flüchtlinge sind ja nicht per se böse. Womöglich gibt es Flüchtlinge, die Böses tun. Dafür ist die Polizei da, dafür trägt die Obrigkeit das Schwert, wie Paulus feststellt. Damit ist dann aber auch alles gesagt in der Sache.

Den Kern seiner Predigt machen die Passagen zur Unterscheidung von Fremdling und Fremder aus. Der Fremdling, nach dem Prediger ein Proselyt, hebr. als Ger bezeichnet, sei ein Mensch, der den jüdischen Glauben angenommen habe und folglich als Einheimischer, als „Jude mit Migrationshintergrund“ zu behandeln sei: Ohne Unterschied zu anderen Juden.

Der Fremde hingegen, der die Gebräuche des Landes nicht annehme, sei eher als Feind zu behandeln. Für ihn gelten auch diverse soziale Leistungen nicht. Zu diesem hielte Israel deutliche Distanz.

Zu den Begrifflichkeiten verweise ich einfach auf zwei Artikel im Wibilex:

Proselyten (AT)

Fremder (AT)

Das Problem hier ist, daß Israel im AT nicht nur eine religiöse Gemeinschaft wie die Kirche bezeichnet, sondern eben auch einen Staat, der theokratisch-monarchisch regiert wird.

Wenn wir die Theokratie nicht wollen, dann müssen wir alles aussondern, was theokratische Forderung ist. Und theokratisch sind vor allem die Forderungen nach Reinheit des Volkes vor anderen Religionen.

Die freiheitliche Demokratie, in der wir leben, kann keine Religionen ausschließen wie es die altisraelitische Theokratie konnte. Heute könnte niemand mehr auf staatlicher Ebene etwas dagegen sagen, daß Salomo seinen Frauen einen Götzentempel baut. Das sind heute Fragen der privaten Frömmigkeit, also des Bereichs, in dem laut dem Prediger auch Nächsten- und Feindesliebe gelten.

Die abweisende Haltung den Fremden gegenüber haben wir dabei durchaus auch: Wer keinen deutschen oder europäischen Paß hat, gilt hier als Ausländer und hat, wenn er nicht ein Aufenthaltsrecht hat, sehr wenige Rechte. Er kann hier Urlaub verbringen oder zu einem Geschäftstermin kommen, aber viel mehr geht nicht. Er darf hier nicht ohne weiteres wohnen und er darf nciht ohne weiteres eine Arbeit annehmen.

Von den Fremdlingen wurde im AT verlangt, daß sie die Bräuche der Israeliten annehmen – dafür wurde ihnen laut dem Prediger (im Wibilex liest sich das ein wenig anders) die volle Gleichstellung zugebilligt. Damals umfassten diese Bräuche auch die Religion.

Im freiheitlichen Rechtsstaat (und um den geht es ja bei uns, wir nehmen ja keine Flüchtlinge in die Gemeinschaft der Christen auf, wenn sie nicht getauft sind) gelten auch bestimmte Regeln, die eingefordert und per Poizei durchgesetzt werden. Nur werden keine religiösen Forderungen mehr gestellt, weil der freiheitliche Rechtsstaat weltanschaulich neutral ist, er kann also gar keine religiösen Forderungen stellen, sonst wäre er kein freiheitlicher Rechtsstaat mehr.

So gesehen entsprächen also die Flüchtlionge genau den Fremdlingen, denen nach dem prediger sämtliche Sozialleistungen zustehen würden. Trotzdem sin die Sozialleistungen, die Flüchtlingen zugestanden werden, deutlich geringer als das, was uns zur Verfügung steht. Sie stehen noch einmal deutlich untr Hartz IV Niveau, haben keine Krankenversicherung und dürfen oftmals nicht einmal den Landkreis verlassen…

Es spielt im freiheitlichen Rechtsstaat übrigens auch keine Rolle, ob seine Bürger diesen mögen, oder ihn umbauen wollen. Vielen wollen den Umbau, nicht nur „echte Muslime“, wie der Prediger meint. Der freiheitliche Rechtsstaat kann aber nicht Muslimen per se weniger Rechte geben, auch wenn diese ihn tatsächlich abschaffen wollten, denn das entspräche einer Diskriminierung aufgrund der Religion, was nach den Regeln des freiheitlichen Rechtsstaates nicht geht. Er wäre nur noch auf dem Papier ein freiheitlicher Rechtsstaat: Wie jemand, der sich zwar Christ nennt, aber lieber draufhaut, als die andere Wange hinzuhalten.

Der Prediger betont, daß Scharia und Grundgesetz nicht zusammenpassen würden und daß „echte Muslime“ nicht integriert werden könnten. Doch sind auch „echte Muslime“ nicht zwangsläufig immer Muslime, deshalb sollte man zwischen den Menschen und ihrer Religion zu unterscheiden wissen. Fällt die Religion weg, oder wird sie „unecht“ im Sinne des Predigers, geht das mit der Integration vielleicht doch…

Am Ende bringt der Prediger noch die Idee vor, daß das Gericht Gottes bedeuten würde, daß ein Volk preisgegeben würde. Er meint, die Flüchtlinge würden sich von unserem Vermögen ernähren wie es im AT für die Zeit nach dem Fall von Samaria und Jerusalem berichtet wird. Das Überhandnehmen des Fremden sei eine Strafe Gottes.

Das kann durchaus so sein, und wenn es so ist, dann haben wir diese Strafe verdient. Und zwar, weil wir es seit Jahrzehnten verpassen, die Fremdlinge, die als Gastarbeiter kamen, tatsächlich zu integrieren. Sie mögen damals für uns gearbeitet haben und zu unserem Reichtum beigetragen haben, aber es war eben nicht alles gut damals. Wir haben das integrieren verpasst, haben sie wie Fremde anstatt wie Fremdlinge behandelt, und sie ud ihre Kinder sind Fremde geblieben, denen wir nun preisgegeben werden, wenn wir das Ruder nicht noch herum reißen.

Wir sollten aber auch bedenken: Die Bibel spricht in den Versen, die der prediger anführt von der verbrannten Erde, vom Zustand nach dem Krieg, als Assyrer und Babylonier fertig waren mit Israel und Juda. So weit sind wir noch lange nicht. Uns geht es gut, wir schwelgen im Luxus wie Samaria zur Zeit des Amos, auch wenn unsere fetten Kühe nicht auf dem Baschan grasen. Die Aramäer waren ein recht kleines Problem für Israel damals, ebenso wie die Flüchtlinge für uns heute. Wenn wir anständig damit umgehen, wenn wir die Flüchtlinge aufnehmen als Fremdlinge, die sich an unsere Gesetze halten und dafür als Gleichberechtigte behandelt werden, dann haben wir eine Chance. Wenn nicht, wird Assur kommen und uns zu Fall bringen.

Theologie

Schnelle Kohle

Wer irgendwo Geld investiert, will dafür einen Gewinn haben. Wozu Aufwand treiben und Risiken eingehen, wenn man am Ende nichts davn hat, oder sogar leer ausgeht. Dabei gilt, daß die Wahrscheinlichkeit zu investieren fällt, wenn die Risiken steigen oder der zu erwartende Gewinn abnimmt.

Nehmen wir eine alltägliche Situation: Du bist in einer dunklen Nebenstraße und ein Mensch mit einem großen Messer greift Dich an und macht den kaum zu widerlegenden Eindruck, der will Dich jetzt umbringen (okay, nicht ganz so alltäglich, ich hab eindeutig zu viele schlechte Actionfilme gesehen). Du bist bei weitem nicht so stark wie er, kriegst aber sein Messer zu fassen, was tust Du?

Selbst wenn Du Gewalt ablehnst dürfte die Chance steigen, daß Du das Messer einsetzt, um Dich selbst in Sicherheit zu bringen. Die Cance, daß der Angreifer sich plötzlich brav wie ein Chorknabe verhält tendiert gegen Null, das Risikoe, daß er Dich, wenn Du das Messer nicht einsetzt, schwer verletzen wird, ist eindeutig gegeben und als hoch einzuschätzen. Da sind die Investitionen in Deeskalation gering.

Ein anderes, weniger krasses Beispiel: Bei der Arbeit setzt Dir ein Kollege ständig zu, mah Dich vorm Chef schlecht und dergleichen. Und dann, ienes Tages, ist er auf Deine Hilfe angewiesen. Du hilfst ihm und merkst, daß er sich nen Lauen gemacht hat auf Deine Kosten. Je öfter sich das wiederholt, desto geringer wird Deine Lust sein, imein weiteres Mal zu helfen.

Jetzt kommt Jesus ins Spiel. Der verlangte mal Feindesliebe von uns. Das rt sih so schön kuschelig an, wenn alle einander lieb haben. Die beiden Beispiele oben zeigen vielleicht, daß das so kuschelig gar nicht ist.

Trotzdem steht die Forderung im Raum. Feindesliebe: Investierin den Kerl, der Dich ohne Grund mit einem Messer angegriffn hat, in den Kollegen, der Dir das Leben schwer macht, und Dich ausnutzt.

Kaum zu schaffen, ich weiß… und so unrentabel, diese Investition. So gesehen, denkt Gott wohl nicht kapitalistisch…

Gott gibt, ohne entsprechend zu empfangen. Er segnet uns, mit allem, was wir haben, und wir können Ihm nichts zurückgeben, außer Lob und Dank. Und wir können uns dranmachen, Seine Forderungen umzusetzen. Also auch Feindesliebe, investieren ohne angemessenen Gewinn.

Das mit dem Segen Gottes ist ein Kreislauf. Gott segnet uns, mit Leben, Essen und Trinken, manchmal sogar ein wenig Wohlstand. Weil Er es kann, weil Er uns Leben geben will. Und wir können mit Ihm in Beziehung treten, indem wir Ihn segnen (ja, wirklich!). Das hebräische Wort ברך bedeutet sowohl „segnen“ als auch „preisen“, beschreibt also das, was Gott den Menschen gibt und das, was die Menschen Gott geben.

Das Preisen schließt korrektes ethisches Verhalten wie Feindesliebe, Hilfe für Unterdrückte etc. ein, man muß sich nur mal Texte wie den hier lesen, dann wird das klar.

Damit tritt man mit Gott in Beziehung: Gott segnet uns mit allem, was wir zum Leben brauchen, und wir segnen Gott mit allem, was Er fordert. Zumindest soweit wir dazu in der Lage sind.

Damit bauen wir an Seinem Reich mit, in dem der umfassende Frieden gegenwärtig ist. Frieden vor allen irdischen Bedrückungen und Gefahren, vor Messerangreifern und üblen Kollegen.

Und dieses Reich ist es, das laut Jesus schon jetzt angebrochen ist. Eben weil wir schon daran arbeiten, weil hier und da sich dieser Friede Bahn bricht und kurz aufleuchtet. Das sind die unrentablen Investitionen!

Got segnet uns und wir sollen ein Segen sein. Davon haben wir nichts, denn unsere Feinde werden nicht plötzlich unsere Freunde, doch steter Tropfen höhlt den Stein. Viellicht werden wir diese Feinde auch niemals auf unsere Seite ziehen, aber andere inspirieren mitzumachen. Und schon wirft die Investition eine kleine Rendite ab. Aber eben icht zwangsläufig füruns, vielleicht für nochmal ganz andere Personen. Aber alle diese Personen werden in den Kreislauf des Segens mt Gott hineingezogen, Er gibt ihnen, was sie brauchen zum Leben – und zwar immer nach Seinem Maß und so lange Er ihr Leben bemißt, da kriegt keiner Ein Fleißbildchen oder sonstige Vorteile – und sie geben Ihm zurück soweit sie können, indem sie für andere zum Segen werden.

Und alle, die mitmachen, geben wieder zurück, indem sie anderen zum Segen werden, Gott hat da persönlich erst einmal nichts davon, während wir Menschen immer das haben, was wir zum Leben brauchen. So groß ist unser Verlust also gar nicht, bei Licht betrachtet.

Aber Gott macht eine gigantische Investition, und schiebt immer mehr nach, ohne daß etwas zu Ihm zurückkäme. Er braucht auch ichts, aber Er will etwas: Nämlich daß alle Menschen einst in diesen Kreislauf eingebunden werden. Dann hat ist Seine Friedensordnung etabliert.

Das wird hienieden whl nie der Fall sein, denn zu jeder Zeit könnenwir Sünder ja gar nicht teilnehmen, wenn wir ehrlich sind klinken wir uns immer wieder aus, wie heilig wir auch sein mögen, und geben den Segen nicht weiter, drehen den Hahn zu.

Aber es gibt ja nch ein Eschaton, wo das, was wir hier als Vorgeschmack erleben vollständig erreicht sein wird. Ich freu mich drauf.

Gesellschaft

Max Begley

Beim Herrn Alipius hab ich’s zuerst gelesen. Dann hab ich im Netz geguckt und gesehen, es hat schon ziemlich die Runde gemacht im Netz. Aber eins nach dem anderen, erst einmal die Quellen:

Der Brief:

Die Abschrift (Abschreibfehler bitte melden ;)):

To the Lady living at this address:

I also live in this neighborhood and have a problem!!!! You have a kid that is
mentally handicapped and you consciously decided that it would be a good idea to
live in a close proximity neighborhood like this???? You selfishly put your kid
outside everyday and let him be a nothing but a nuisance and a problem to
everyone else with that noise polluting whaling he constantly makes!!! That noise
he makes when he is outside is DREADFUL!!!!!!!!!!! It scares the hell out of my
normal children!!!!!!! When you feel your idiot kid needs fresh air, take him to our
park you dope!!! We have a natural trail!! Let him run around those places and
make noise!!!!!! Crying babies, music and even barking dogs are normal sounds in
a residential neighborhood!!!!! He is NOT!!!!!!!!!!!

He is a hindrance to everyone and will always be that way!!!!! Who the hell is
going to care for him?????? No employer will hire him, no normal girl is going to
marry/love him and you are not going to live forever!! Personally, they should take
whatever non retarded body parts he possesses and donate it to science. What the
hell else good is he to anyone!!! You had a retarded kid, deal with
it…properly!!!!! What right do you have to do this to hard working people!!!!!!! I
HATE people like you who believe, just because you have a special needs kid, you
are entitled to special treatment!!! GOD!!!!!!

Do everyone in your community huge a favor and MOVE!!!! VAMOSE!!!
SCRAM!!!! Move away and get out of this neighborhood setting!!! Go live
in a trailer in the woods or something with your wild animal kid!!! Nobody wants
you living here and they don’t have the guts to tell you!!!!!

Do the right thing and move or euthanize him!!! Either way, we are ALL better
off!!!

Sincerely,
One pissed off mother!!!!!

Meine Übersetzung (ich bin kein Übersetzer, falls Ihr Fehler findet, sagt bitte Bescheid):

An die Dame, die hier wohnt:

Ich wohne ebenfalls in dieser Nachbarschaft und habe ein Problem!!!! Sie haben ein geistig behindertes Kind und sie haben haben wissentlich beschlossen in einer Nachbarschaft mit einer großen Nähe wie dieser zu wohnen? Sie bringen Ihr Kind in selbstsüchtiger Weise jeden Tag nach draußen und machen ihn zum Ärgernis udn Problem für alle anderen mit dieser Lärmverschmutzung von Walgeräuschen, die er ständig macht!!! Dieser Lärm den er macht, wenn er draußen ist, ist SCHAUDERHAFT!!!!!!!!! Es erschreckt meine normalen Kinder zu Tode!!!!!! Wenn Sie meinen Ihr Idiotenkind braucht frische Luft, bringen Sie ihn in den Park, Sie Trottel!!!Wir haben einen Naturwanderweg!! Lassen Sie ihn an diesen Orten rumrennen und Lärm machen!!!!!!! Schreiende Babies, Musik und sogar bellende Hunde sind normale Geräusche in einer Wohngegend. Er ist es NICHT!!!!!!!!!

Er ist ein Nachteil für alle und er wird es immer sein!!!!! Wer zur Hölle wird für ihn sorgen?????? Kein Arbeitgeber wird ihn je einstellen, kein normales Mädchen wird ihn jemals heiraten/lieben und Sie werden nicht ewig leben!! Meiner Meinung nach sollte man die nicht zurückgebliebenen Körperteile die er hat nehmen und sie der Wissenschaft spenden. Zu was zur Hölle sonst ist er gut für irgendwen!!! Sie bekamn ein zurückgebliebenes Kind, gehen Sie damit um… angemessen!!!!! Welches Recht haben Sie, dies hart arbeitenden Menschen anzutun? I HASSE Leute wie sie die denken, nur weil sie ein Kind mit besonderen Bedürfnissen haben, hätten sie ein Recht auf eine spezielle Behandlung!!! GOTT!!!!!

Tun Sie allen in Ihrer Gemeinschaft einen großen Gefallen und ZIEHEN SIE UM!!!! Vamos (falsch geschrieben)!!!! HAUEN SIE AB!!!! Ziehen Sie weg und verlassen Sie diese Nachbarschaft!!! Gehen Sie und leben Sie in einem Wohnwagen in den Wäldern oder so mit ihrem wildes-Tier-Kind!!! Niemand will Sie hier wohnen haben und sie haben nicht den Mumm es Ihnen zu sagen!!!!!

Tun Sie das richtige und ziehen Sie um oder schläfern Sie ihn ein!!! So oder so sind wir alle besser dran!!!

Mit freundlichen Grüßen,
Eine stinksauere Mutter

Bei der Recherche kam ich irgendwann auf eine Seite mit dem Titel „Hoax Slayer“ und hatte schon die Hoffnung, es handle sich dabei lediglich um einen Hoax, also einen der geschmacklosen Witze, die sonst auch im Netz kursieren. Dem ist offenkundig nicht so:

Sadly, the letter is all too real. It was delivered anonymously to the grandmother of a young teenager with severe autism. The family lives in Ontario, Canada. Police are investigating.

Traurigerweise ist der Brief echt. Er wurde anonym an die Großmutter eines jungen Teenagers mit schwerem Autismus zugestellt. Die Familie lebt in Ontario, Canada. Die Polizei ermittelt.

Im gleichen Artiekl erfährt man auch den Namen der Stadt: Newcastle. Außerdem gibt es zwei Links zu zwei Artikeln, einer bei der Daily Mail und der andere bei Citynews.

Bei City News erfahren wir den Namen der Mutter: Karla Begley, und daß der fragliche Junge 13 Jahre alt ist und Max heißt. Im Sommer war der Junge morgens bei seiner Goßmutter, die den Brief erhielt. Außerdem ist in den Artikel ein Video eingebettet, das sich hier aber nciht abspielen läßt.

Bei der Daily Mail erfährt man darüber hinaus noch, daß die Großmutter Brenda Millson heißt und der Vater Jim. Außerdem gibt es ein paar Bilder von dem Jungen und auch den Nachbarn, die kamen um ihn und seine Familie zu unterstützen.

Der Herr Alipius fragt am Ende seines Artikels:

Was ist eigentlich mit uns los? Wo kommen solche Briefe nur her?

Ich hätte eine Antwort: Gar nix, wahrscheinlich ist das Verhalten dieser „Mutter“ (wer sagt, daß der Verfasser nicht ein kinderloser Mann ist?) sogar normal in dem Sinne, daß es dem Menschen im Grundzustand irgendwo entspricht. Ja, ich teile das positive Menschenbild der Gegenwart nicht, für mich ist der Mensch ein Sünder, und wir erschrecken hier nur, weil es uns einmal ungeschminkt entgegentritt.

Vom Reflexionsgrad des Briefes her vermute ich mal, daß der Verfasser nicht sonderlich intellektuell ist. Oder wieso sonst wird die „Mutter“ (eigentlich ist es ja die Großmutter) von Max „selbstsüchtig“ genannt, während der Grund für den Brief doch nicht anders als selbstsüchtig beschrieben werden kann: Dein Kind nervt, stell das ab, bring es um oder bring es weg, mir egal, aber mach, daß es mich nicht mehr stört.

Wenn also hier relativ wenig reflektiert wird (wobei ich von der Rechtschreibung begeistert bin, ich hab aus Amerika deutlich schlimmeres gesehen, aber das waren dann die USA – spräche dann für das kanadische Bildungssystem – der Brief ist zwar furchtbar, enthält aber wenigstens keine Rechtschreibfehler), dann vermute ich, daß die hier dargebrachten Ansichten recht nahe am Normlazustand liegen: Wenn er aus der Anonymität heraus frei sprechen kann, nimmt der Mensch sich wenig zurück und zeigt, zu welchem Egoismus und zu welcher Gefühlskälte er fähig ist.

Ich habe dabei noch ganz andere Gedanken. Der Autor des Briefes spricht von Euthanasie. In den bioethischen Debatten der letzten Jahre kam es immer wieder dazu, daß Befürworter von Abtreibung, PID, Sterbehilfe etc davon sprachen, Dammbrüche seien nicht zu befürchten, niemand sei der Meinung, daß „behinderte“ Menschen etwa weniger Recht auf Leben haben. Dieser Brief zeigt, daß es mindestens eine Person gibt, die tatsächlich so denkt. Und ich befürchte, es sind weit mehr. Wer „behindert“ ist, der stört. Der kostet Geld, der ist für alle ein Nachteil, ohne Chance auf einen Job, eine Beziehung, und immer abhängig von hart arbeitenden Menschen. Da schläfert man ihn doch besser ein, wenn er nicht irgendwo in die Wälder verschwindet.

Wir sind in den letzten Jahren weit gekommen, was die Anerkennung der „behinderten“ Menschen als Menschen angeht. Ob und inwieweit das mit der christlichen Religion zu tun hat,will ich hier nicht erörtern (was nicht heißt, daß ich hier keinen christlichen Einfluß vermute). Aber ich habe den Eindruck, daß es in letzter Zeit auch immer mehr Stimmen gibt, die Menschenleben relativieren wollen, indem sie seine Grenzen enger fassen oder das Menschsein von Bewußtsein, Intellekt oder sonstigem abhängig machen, oder vom Leid der Betroffenen sprechen. Dabei wird ein Normalzustand definiert, der idealerweise nicht verfehlt werden soll. Der Mensch wird normiert, und das Menschsein des „Ausschusses“ relativiert.

Und dann denke ich wieder an den Artikel vom Feindbild, und wie die Gemeinschaft uns hilft, die Dinge anders zu sehen und uns zu korrigieren. Und dann denke ich an Inklusion. Wenn die (angeblichen) Kinder des Autors oder der Autor selbst mehr mit „behinderten“ Menschen in Kontakt käme, würden die Laute, die Max von sich gibt, ihnen vielleicht auch nicht mehr so schauderhaft und störend vorkommen. Auf den Bildern macht er einen recht freundlichen Eindruck. Sicher ist der Umgang schwer, und auch das Umlernen. Aber wer sagt denn, daß das Leben leicht sei?

Ich habe mehrfach davon gehört, wie die „normalen“ Kinder davon profitieren, daß sie mit „behinderten“ Menschen zusammen unterrichtet werden. Und umgekehrt ist die Chance auf eine „normale“ Schulbildung für „behinderte“ Kinder mitsamt der Chance, nen „richtigen“ Beruf zu lernen und dann selbst hart zu arbeiten, weil sie eben doch einen Job fanden, sicher auch nicht zu verkennen.

Ich würde mir wünschen, daß wir mehr gegen unseren Normalzustand ankämpften, das Sündersein, und uns mehr an der Nächstenliebe orientierten und miteinander lebten, statt gegeneinander.

Und dann frag ich mich, was den Autor im Inneren bewogen hat, den Brief zu schreiben. Ich weiß es nicht. Ich wie ich so darüber nachdenke, erscheint es mir fraglich, ob mein Urteil über ihn, das ich beim ersten Lesen fällte, so berechtigt ist. Nur das Urteil über den Brief, das bleibt bestehen. Aber ein Brief ist kein Mensch.

Glaube, Religion, Theologie

Die Nacht ist vorgedrungen

Stolperstein von Jochen KLepper, dem Autor von "Die Nacht ist vorgedrungen" - Beschriftung: "Hier wohnte Jochen Klepper Jg 1903 gedemütigt / entrechtet Flucht in den Tod 11.12.1942"
Stolperstein von Jochen Klepper
Lizenz: OTFW, Berlin [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
Röm 13, 11-12

Diese Verse stellt Jochen Klepper 1938 seinem Weihnachtslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ voran.

Die Zeitumstände

Wenn man an Jochen Kleppers Leben denkt, so kommt einem vielleicht der Gedanke, daß die Nacht die Naziherrschaft bezeichnen könnte, und der Anbruch des Tages vielleicht auf den 8. Mai 1945 zu legen wäre. Den Tag, als die Wehrmacht kapitulierte und Hitlerdeutschland endgültig zusammengebrochen war.

Jochen Klepper war es nicht vergönnt, diesen Tagesanbruch zu erleben. Er starb inmitten der Nacht, am 11. Dezember 1942, zusammen mit seiner Frau und seiner jüngeren Stieftochter – die ältere Stieftochter konnte noch rechtzeitig vor dem Krieg nach England auswandern – das Leben. So entgingen die Frauen der Deportation in die Vernichtungslager und Klepper der Zwangsscheidung seiner Ehe.

Nicht nur wegen seiner jüdischstämmigen Frau (ihre Taufe 1938 spielte für die Nazis keine Rolle) geriet Klepper in Konflikt mit dem Nazistaat. Auch seine frühere Mitgliedschaft in der SPD war ein Problem. 1937 wurde er aus er Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen und stand praktisch ohne Beruf da. 1938 konnte er noch einmal einen Gedichtband herausbringen, mit einer Sondergenehmigung. Der Name des Bandes war „Kyrie“, und er enthält auch „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Das Lied

Der dem Lied vorangestellte Bibelvers drückt Optimismus aus: Nicht mehr lange, dann wird es besser, nicht mehr lange, dann wird es Tag. Dann kommt das Heil. Und deshalb laßt uns so leben, als sei es schon soweit, laßt uns die Waffen des Lichts schon am Ende der Nacht aufnehmen.

Optimismus

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Die erste Strophe atmet den selben Optimismus: Die Nacht ist so gut wie vorbei, der Morgenstern, der Angst und Pein bescheint, ist schon da und kann, soll, ja muß gelobt werden. Wer der Morgenstern ist, bleibt noch unklar. Man kann Gott dahinter vermuten, da zum Lob aufgerufen wird, aber ist Gottes Handeln mit der bloßen Bescheinung von Angst und Pein gut umschrieben?

Weihnachtszeit

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll’ nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Die zweite Strophe wechselt vom Bild des bald anbrechenden Tages zur Weihnachtsgeschichte: Gott wird Kind und Knecht und leistet Sühne. Als Folge daraus müssen die Schuldigen sich nicht mehr verhüllen, können offen und aufrecht dastehen. Sie können auf Rettung hoffen.

Heil im Stall

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Die Rettung, so erfahren wir in Strophe drei, ist im Stall zu finden, dem Geburtsort Gottes als Jesuskind. Dieses Heil, so lernen wir, wurde schon immer verkündet, nun aber geschieht es, daß derjenige, den Gott ausersah, gemeint ist Jesus, und damit Gott selbst, sich mit uns, den Schuldigen, verbündet.

Kein Dunkel mehr

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

In Strophe vier geht es nun nicht mehr um die Weihnachtsgeschichte, und die Nacht ist auch nicht mehr dieses große Übel, das durch die Geburt Jesu gebrochen wird, es ist plötzlich die Rede von vielen Nächten. Die Nacht ist hier nicht mehr die Gottesferne der Menschen, in der sie mit ihrer Schuld ohne Hoffnung alleine gelassen sind, sondern es sind einzelne schlimme Zeiten, wozu Klepper sicher auch die Nazizeit zählte.

Der Unterschied zum Zustand vor Weihnachten, bevor Jesus Christus in die Welt kam, um als unser Verbündeter für unsere Rettung zu sorgen, liegt darin, daß Jesus Christus sein Werk vollendet hat. Nun wandert der Stern der Gotteshuld mit uns. Wir sind in der Huld Gottes, also im Einflußbereich Seiner Gnade, stehen in Seiner Gunst. Unsere Angst un Pein sind beschienen durch den Stern, wie Strophe eins aussagt. Und dieser Schein sorgt dafür, daß wir nicht vom Dunkel gefangen sind, das Dunkel hält uns nicht mehr, weil Gott mit uns ist. Von Ihm her kam die Rettung.

Es werde Licht

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt!
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt!
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!

Die Nacht hat freilich ein Problem mit ihrer Dunkelheit, wenn Gott sie aufsucht, und durch Seine Gegenwart Licht in die Nacht kommt. Das Dunkel wird erhellt, dadurch, daß Gott denjenigen, der im Dunkel ist, den schuldigen Sünder, nicht einfach dort läßt, sondern ihn so richtet, als ob er belohnt werden soll.

Hoffnung

Meiner Meinung nach geht es im Zentrum von „Die Nacht ist vorgedrungen“ um die Hoffnung. Und wahrscheinlich ist das Lied deshalb auch so stark. Hier schreibt einer von Hoffnung, der in der dunkelsten Zeit für seine Familie und sich die Hoffnung nicht verlor. Klepper beging Selbstmord, aber auch das in der hoffenden Zuversicht auf Gott. Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch lautet:

Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.

Klepper hält trotz allem an der Hoffnung fest. Die Hoffnung, daß die Nacht dereinst, bald zu Ende sein wird, ist für ihn Grund, schon Gott für das Ende der Nacht zu loben. Er weiß sich von Gott auch in finsterster Nacht beschienen, die Nacht ist keine, und das kann man auch deutlich sagen. Man kann Christus loben, ihm die Ehre geben, auch wenn man in den Tod geht.

Und nochmals Hoffnung – auch im Angesicht des Todes und darüber hinaus

Angesichts der damals verbreiteten Ansicht, daß Selbstmörder sicher in die Hölle kommen, ein durchaus starkes Stück Hoffnung. Und so ist Klepper auch derjenige, der zumindest im evangelischen Bereich für ein Umdenken sorgte, was die Bewertung des Selbstmordes angeht.

Auch wenn die Melodie von „Die Nacht ist vorgedrungen“ eher gedeckt und die Worte nicht so triumphierend sind wie manche Osterlieder kann man es nach meinem Empfinden doch nicht als zurückhaltend beschreiben. Klar ist, daß es Hoffnung gibt, klar ist, das liegt an Jesus Christus und klar ist, daß diese Hoffnung auch in dunkelster Zeit und auch angesichts des Todes trägt.

glaube, kirche, Schwule Pfarrer???

Manchmal platzt mir der Arsch!

Entschuldigung für die Ausdrucksweise, aber es beschreibt den Vorgang nun mal ziemlich gut in seiner Stärke. Schon seit längerem kommentiere ich ja auf einem Blog für Atheistische Selbstvergewisserung mit und störe die Vergewisserung ein wenig, wo sie unbegründet ist. Jedenfalls hoffe ich das. Dabei geht es nicht ohne Aufreger ab. Beiderseits. Und immer wieder der Vorwurf, was „die Kirche“ nicht so alles täte.

Gerne immer wieder genommenes Beispiel (neben anderen): Die Stellung zur Homosexualität bzw. der Umgang mit Homosexuellen. Nun müßte ich schon ziemlich weltfremd sein, wenn ich behaupten würde, daß „die Kirche“ hier gar kein Problem hätte. Selbst wenn man die römische Kirche bei Seite läßt – ich bin kein Römer, deshalb misch ich mich da ungern ein – auch bei uns Protestanten gibt es da antischwule Tendenzen, und zwar nicht nur in den Freikirchen!

Ich hatte dazu ja schonmal was geschrieben. Macht nix, ist ja alles auch schon ne Weile her. Heute nun stieß ich auf einen Blog, der dem Thema „schwule Pfarrer“ ne eigene Seite gewidmet hat, die über das Menu zu erreichen ist.

Beim überfliegen des restlichen Blogs hatte ich den Eindruck, der Blogbetreiber mag in mancherlei Hinsicht eine andere Ansicht als ich haben, sein Glaube scheint ihm aber so ernst zu sein wie mir, und so kann sich vielleicht ein Austausch unter Geschwistern entwickeln, der nicht zu dem Arschplatzen führt wie im Gespräch mit einigen Atheisten.

Der Artikel ist sehr lang, und deshalb werde ich versuchen, Stück für Stück die Argumente entlang zu gehen und meine Meinung dazu schreiben, ohne groß auf die Bewertungen einzugehen, die da sonst noch stehen. Das wird mehrere Beiträge in Anspruch nehmen, da der Text sonst viel zu lange wird. Hier nun das erste Argument und die Auseinandersetzung mit den Grundlagen:

Für die christliche Kirche kann niemals entscheidend sein, was Staat oder Gesellschaft zu einem Thema sagen, sondern nur was die Hl. Schrift dazu sagt.

Dieser Punkt ist richtig. Oder nicht richtig, je nachdem, wie man ihn versteht. Was der Staat zu einem Thema sagt kann für die Kirche kein Kriterium sein. Wäre dies der Fall, so könnte der Staat die Kirche ersetzen. Der Staat wäre Verkündiger der Wahrheit, so wie man das etwa in den Ostblockstaaten erlebt hat.

Gleiches gilt für die Gesellschaft. Die Gesellschaft hat sowieso nie mit einer Stimme gesprochen, und am lautesten sind häufig die falschesten Stimmen, die leider auch am einfachsten formulierte Lösungen bieten, was viele Menschen dann unreflektiert wiederholen. Auch die Gesellschaft kann nicht Kriterium für die Kirche sein, sie ist fehlbar wie der Staat.

Wie ist es nun mit der Bibel? Kann sie ein Kriterium sein? „Ja“, höre ich es schon allenthalben rufen und möchte fast einstimmen: „Ja, denn die Bibel enthält Gottes Wort, an dem wir uns als Christen und als Kirche ausrichten sollen.“ Doch der Ruf bleibt mir im Halse stecken. Mit der Bibel wurden Kriege, Sklaverei, Kolonialismus, kurz, Unterdrückung in allerlei Gestalt gerechtfertigt.

Bevor ich also lauthals in den Ruf einstimme, muß ich mir überlegen: Wieso hat das geklappt? Wieso konnte die Bibel für Derartiges mißbraucht werden? Und ich muß mir in Erinnerung rufen: Auch ich bin ein Sünder und grundsätzlich ohne weiteres in der Lage, auch ohne es zu wollen, die Bibel falsch zu interpretieren und somit zu mißbrauchen, was dann unweigerlich Folgen haben wird, so wie auch die früheren Mißbräuche Folgen hatten.

Ich muß also fragen:

  1. Was war die Ursache für die Mißbräuche damals?
  2. Wie hätte damals ein Mißbrauch des Textes verhindert werden können?
  3. Wie wende ich diese Erkenntnis auf die heutige Situation an, um nicht den Fehler von damals zu wiederholen?

Fragt man nach den Ursachen für den damaligen Mißbrauch, so sind wohl zwei Dinge zu nennen:

  1. Ein von Bibel und Glauben unabhängiges Interesse am Mißbrauch.
  2. Das Herausreißen von Bibelversen aus dem Kontext, ohne das Ganze der Bibel zu betrachten.

Für die Verhinderung folgt dann, daß man sich zuerst seines Interesses gewahr geworden wäre. Wenn ich an der Sklaverei Geld verdiene, wenn ich auf Sklaven angewiesen bin, oder wenn ich auch nur aus welchen Gründen auch immer, Menschen anderer Hautfarbe als minderwertig ansehe, dann beeinflußt dies mein Bibellesen.

Wir können uns nun heute hinstellen und sagen: Jaha, wir sind ja aber modern, wir hängen ja nicht mehr solchen altmodischen Ansichten an. Und schon beruft man sich auf die Gesellschaft, die ja anfangs als Kriterium ausgeschlossen wurde.

Ich meine dagegen vielmehr: Solche Interessen, wie oben genannt, kommen von der Sünde, von der Trennung von Gott. Da wir alle ohne Unterschied Sünder sind, wäre es Hybris zu behaupten, wir könnten heute nichts mehr falsch machen. Die Gefahr, daß der Zeitgeist sich in unsere Bibelauslegung einschleicht, besteht also weiterhin. Zumindest für den Fall, daß wir keine unfehlbaren Nichtsünder sind. Wären wir perfekt, könnten wir solche unbewußten Eigeninteressen beim Auslegen der Bibel ausschließen.

Was kann uns dabei helfen? Nun, es würde schon helfen, wenn wir nicht einzelne Bibelverse betrachteten, sondern auch anderslautende Verse zu Rate zögen, und die bereits vorliegenden Verse im Kontext betrachteten. So hätten wir ein stärkeres Korrektiv aus der Bibel selbst.

Dabei müssen wir beachten, daß die Bibel geschrieben wurde zu einer Zeit, die der unsrigen nicht sehr ähnlich ist. Ach damals gab es einen Zeitgeist, und auch damals mußten die Leute damit umgehen. Es gibt nun die verschiedensten Vorstellungen, wer denn Autor der Bibel wäre: Gott höchstselbst, Autoren, die alles von Gott in die Hand diktiert bekamen, Autoren, die durch Gott wie auch immer inspiriert waren oder ganz einfache Menschen, deren Texte warum auch immer überliefert wurden.

Da wir die Frage stellen, an wen sich die Kirche halten muß, können wir für die Bibel zumindest ausgehen, daß sie irgend etwas mit dem Gott der Kirche zu tun hat, daß sie eine Autorität ist, wieso auch immer.

Was wir weiterhin annehmen müssen, ist, daß sie auch zu alten Zeiten verstanden wurde. Die Bibel wäre überflüssig gewesen, wenn ihr Text zwar vor 2000 Jahren und früher entstanden wäre, sie aber den Menschen damals nichts zu sagen gehabt hätte, sondern nur uns modernen Menschen heute.

Die Aussagen müssen also in der damaligen Kultur schon verständlich gewesen sein. Wollen wir also eine gewisse Sicherheit gewinnen beim Auslegen der Bibel, so kann es nicht verkehrt sein, zu sehen, wie der Text wohl in seiner Entstehungszeit gewirkt hat. Demjenigen, der Gott für den Autor hält, kann dies nicht zuwider sein, denn er geht von einem ewig gültigen Wort aus, das auch damals galt. Dem liberaleren Christen kann es Recht sein, weil dies die Methode der historischen Kritik ist, die er auch an der theologischen Fakultät lernt.

Wir haben uns also unterhalten über die eigenen Interessen, die einem nicht zwingend bewußt sein müssen, wir sprachen über die Beachtung der Verse im Kontext sowie die Berücksichtigung der ganzen Bibel, und wir sprachen darüber, die Texte möglichst im Verständnis der Entstehungszeit zu begreifen.

Hierbei kann es zu Auseinandersetzungen kommen, wann genau ein Text geschrieben wurde, also was genau der Kontext ist. Auf diese Fragen ist dann im Einzelnen einzugehen.

Wenn wir nun all dies bedacht haben, haben wir dann den Willen Gottes erfahren? Oder bedarf es noch eines Schrittes? Wenn wir nun herausgearbeitet haben, daß ein bestimmter Vers in einer bestimmten Situation so und so verstanden wurde, wissen wir dann, was wir heute zu tun haben? Oder wenn wir mehrere Verse haben, die in unterschiedliche Richtungen weisen?

Wir können es nicht sicher wissen, deshalb bedürfen wir weiterhin des Gebets, der Gemeinschaft der Kirche und des Austauschs untereinander, und des Hörens auf unser Gewissen.

Der Geist mag wehen, wo ER will, das ändert nichts daran, daß Er uns verheißen ist. Darauf will ich vertrauen. Und wer jetzt fragt: Wieso all das vorherige Bedenken, überprüfen und Bibel exegetisieren?  – dem sei mit Paulus (1. Thess 5, 21) gesagt:

 Prüft aber alles und das Gute behaltet.

Freilich kann man auch so beten und von Gott den Weg gewiesen kriegen. Dann brächte man aber nicht einmal die Bibel. Diese ganzen Überprüfungen dienen vor allem dem: Nicht die eigenen unbewußten Interessen (und damit den Zeitgeist) in die Auslegung der Bibel hineinbringen.

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Faith or Doubt

Wer kennt diese lustigen, aber nicht so gemeinten, kleinen Comics von Jack Chick? Für alle, die es noch nicht kennen: Es handelt sich um Traktate in Comic Form, inzwischen auch in vielen Sprachen zu haben sind (schon aufm Kölner Kirchentag wurden deutsche Comics verteilt). Dabei bekommt so ziemlich jeder etwas ab, der nicht genau die Ansichten von eben jenem Jack Chick teilt: Protestanten, Katholiken, Freikirchler, Zeugen Jehovas, Mormonen, Muslime, Juden, Hindus etc. Ich denke es ist ziemlich schwer, ihm Einseitigkeit vorzuwerfen (interessant wäre ein Comic über die Westboro Baptist Church, aber die ist dann wohl doch zu klein).

Und wie es halt so ist bei solchen Traktaten, läuft es mehr oder weniger danach ab, daß man eben das Richtige tun muß, wenn man nicht ewig in der Hölle brennen will: Sünden bekennen und sein Leben Jesus übergeben. Tut er das nicht (so wie die Antagonisten der Comics), kommt es unweigerlich dazu, daß man vor Gottes Richterstuhl steht und dann geschockt erfahren muß, daß man von nun an und in Ewigkeit sein Dasein in der Hölle zubringen wird. Werkgerechtigkeit? Auf jeden Fall! Aber nicht, ohne genau das den Katholiken auch noch als Grund vorzuhalten, warum sie in die Hölle kommen.

Soviel zu den Chick Comics. Als ich nun nach längerer Zeit mal wieder auf die Homepage gesehen hab – ich gebs zu, ich nutz die Comics als das was sie sind: Comics, und lach drüber – war da ein Video, und darum soll es hier gehen:

http://www.youtube.com/watch?v=gbhj59j04G4&feature=player_embedded

Faith

Faith or Doubt ist das Motto, unter dem die ganze Sache steht. Faith steht für die King James Bible, eine alte englische Bibelübersetzung, die wie auch Lutherbibeln bis einschließlich der 1912er Revision auf dem Textus Receptus basiert.

Textus Receptus

Der Textus Receptus ist der Bibeltext der Tradition. Vereinfacht gesagt ist es so, daß der Bibeltext immer und immer wieder abgeschieben wurde, und dabei eben auch – Evangelikale werden das nicht gerne hören – Veränderungen vorgenommen wurden. Wenn ein Abschreiber zum Beispiel einen Schreibfehler entdeckt hat, hat er ihn vielleicht ausgebessert. Oder auch wenn es Grammatikfehler gab, manchmal wurde auch der Stil verbessert.

Manchmal waren die Abschreiber aber auch müde, haben Buchstaben verwechselt, Wörter und Zeilen doppelt geschrieben oder übersprungen. Das konnte dann von den nächsten Abschreibern wieder asgebessert werden, so daß es halt wieder einen Sinn ergibt.

Unnötig zu sagen, daß es dabei über die Jahrhunderte natürlich immer mehr Abweichngen entstanden, ach unter den einzelnen Handschriften. Dabei hat sich eine Tradition als ziemlich stark und weit verbreitet herausgestellt. Und diese Texttradition diente Erasms von Rotterdam als Grundlage für seine griechische Bibelausgabe 1516. Ab 1633 wurde diese Ausgabe als Textus Receptus bezeichnet. Wer keine Theologie studiert und es genauer wissen will, kann einiges schon bei Wikipedia lesen, wer sich darüber hinaus Bücher ansehen will, kann sich zum Beispiel die Einführung im NT Graece durchlesen, oder gleich Alands Der Text des Neuen Testaments. Und dann gibt es noch das Arbeitsbuch zum Neuen Testament von Conzelmann/Lindemann, da kriegt man dann auch gleich noch die anderen Schritte der historischen Kritik beigebracht.

Doubt

Doubt steht für all jene Bibelübersetzungen, die sich nicht am Textus Receptus orientieren, sondern per Textkritik möglichst nah an den ursprünglichen Text zu gelangen versuchen und diesen dann als Grundlage für die Übersetzng nehmen, und nicht den Textus Receptus.

Folglich steht auch keine Übersetzung zu 100% fest, es könnten ja immer neue Handschriften auftauchen, die zu ner neuen Textbasis führen. Das ist eigentlich kein Problem, wenn man die Bibel als (durchaus inspiriertes) Buch versteht. Ist die Bibel ein Buch, dann ist es erst einmal auch kein Problem, wenn verschiedene Übersetzungen gemacht werden für verschiedene Zielgruppen.

Ich studiere Theologie, und weil wir da nicht nr stur Dogmen auswendig lernen (eigentlich gar keine, es sei denn man faßt Griechisch-Stammformen als Dogmen auf, und so gesehen bin ich kein Dogmatiker ;)), les ich viele Dinge mit, wenn ich nen Bibeltext lese, die meine Oma nicht mitliest. Ganz einfach weil ich vielleicht schon etwas mehr über die sozialen Hintergründe zur Entstehungszeit der Texte gehört hab.

Dann ist die Frage, wie nah bleibt die Übersetzung am Text. Wenn sie wirklich ganz nahe am Text bleibt, dann wird es für deutsche (und englische und andere auch) Leser schnell unschön zu lesen. Das Griechische benutzt einfach viel mehr Partizipen, zum Beispiel. Dazu gibt es grammatikalische Strukturen, die kann man nicht 1:1 übersetzen. Insofern steht man immer (!) zwischen den Stühlen. Will man einen Bibeltext, der möglichst nah an den Ursprachen ist, oder will man, daß die Übersetzung auch verstanden wird?

Aus all diesen Gründen (und noch vielen weiteren) gibt es heute so viele verschiedene Bibelübersetzungen: Von der Volxbibel über die Einheitsübersetzung bis zur original Lutherbibel.

Wie gesagt: All das ist kein Problem, wenn man die Bibel als Buch versteht, wenn auch als inspiriertes Buch. Aber wie soll man sie denn sonst verstehen?

Der papierne Papst

Völlig anders sieht es aus, wenn man von der Bibel erwartet, einem alle Antworten zu liefern. Wenn sie zum Handbuch und Orakel für ein gottgefälliges Leben gemacht wird (am besten noch per Bibelstechen).

So verlangt man etwas von der Bibel, das sie nicht leisten kann oder sollte. Denn mal ehrlich: Wenn die Bibel alle Antworten liefert tritt sie dann nicht als Mittler zwischen uns und Gott, als Verkündigerin des göttlichen Willens, vielleicht gar noch als einzige? Wo bleibt Gott, wenn die Bibel seinen Platz zugewiesen bekommt? Und inwieweit sind allein as der Bibel abgeleitete Regeln die Regeln, die man selbst in die Bibel reingelesen hat? Gerade heute hab ich irgendwo gelesen:

Jesus sprach nie über Homosexualität. Es gibt 12 (?) Verse in der Bibel, die sich irgendwie mit dem Thema befassen, aber stark vom Kontext abhängen, und es gibt riesige Kontroversen darüber. Es gibt aber tausende Stellen zur Armut in der Bibel, und die nimmt keiner in den Fokus.

Ich denke, daß wer von der Bibel 100% richtige Antworten erwartet, damit er seinen gottgegebenen Verstand ausschalten und im Atopilot funktionieren kann, der macht etwas falsch. Er verweigert die Verantwortung, die ihm übertragen ist (ja, von Gott) nd versucht Gott loszuwerden, indem er immer genau macht, was gefordert ist. Ein ähnliches Verhalten kenn ich von der Bundeswehr:

Nicht auffallen!

Wer beim Bund immer gleich gemacht hat, was erwartet wurde, mußte sich nicht mehr als unbedingt nötig mit den Vorgesetzen aseinandersetzen, mußte nicht diskutieren und riskierte nichts. Beim Bund war dieses Verhalten erwünscht, aus mehreren Gründen (die ich zum Teil nachvollziehen kann). Aber sieht so die lebendige Beziehung zu unserem Schöpfer und Erlöser aus? Das wäre furchtbar!

Falsche Alternativen

Überhaupt sind es falsche Alternativen, die hier aufgemacht werden: Auf der einen Seite der Glaube, der fest steht und nicht wackelt, auf der anderen Seite der Zweifel und die Gefahr, etwas falsch zu verstehen und in der Konseqenz dann in die Hölle zu kommen. Denn letztendlich geht es ja genau darum, daß die Macher der Seite einen Weg suchen, die Hölle sicher zu vermeiden. Sonst würde der Glaube reichen, und man brächte nicht noch die richtige Bibel etc, aber ich sagte ja schon: Werkgerechtigkeit.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Glaube und Zweifel zusammen gehören. Und Zweifel, oder altdeutsch: Anfechtung, ist auch nichts per se schlimmes. Der Glaube kann daran wachsen und für mich stellt es sich so dar, daß der Kern des Glaubens sich immer klarer darstellt.

Doch wenn Glaube und Zweifel auf einer Seite sind, was ist dann auf der anderen Seite? Ich meine es ist die Sicherheit, das Wissen. Wissen und Sicherheit sind das Gegenteil von glaubendem Zweifel und zweifelndem Glauben.

Sicherheit, daß man immer das richtige tut und Gott nicht ärgert. So wird das Wissen um das Richtige überlebensnotwendig. Wer nicht weiß, was Gott will, landet womöglich in der Hölle, weil er ohne dieses Wissen nicht tun kann, was Gott von ihm verlangt. Unter Umständen tut er genau das Falsche.

In seiner Angst klammert er sich an einen Text, den er für die göttliche Anleitung für alle Lebenslagen hält. So kann er Gott in die Tasche stecken und sich beruhigen. Denn er weiß, was in der Bibel steht und so weiß er auch, was Gott will. Man stelle sich das vor: Das ist wie wenn ein Soldat den Reibert mit dem Stuffz vertauscht, wenn wir schon beim Thema Bundeswehr waren.

Wer sich statt Gott auf die Bibel verlassen will, macht einerseits irgendwo einen Gegenstand zu seinem Gott, ob bewußt oder unbewußt. Und damit, weil er den Gegenstand ja kennt und beherrscht, er kennt ja seine Bibel, macht er sich selbst zm Gott.

Auf der anderen Seite ist da diese Angst, die aus alledem spricht: Angst vor der Hölle. Angst, daß Glaube allein nicht reicht, daß es ein echter, ein richtiger Glaube ist, ein perfekter Glaube. Daß man immer tut, was Gott will, um ja nicht mit der Hölle bestraft zu werden.

Als ob Christus nie am Kreuz gehangen hätte: Die Angst, ein Sünder zu sein. Die Angst, Gott etwas schuldig zu sein, auf Seine Gnade angewiesen zu sein.

Paradox

Es ist schon paradox: Gleichzeitig Selbstvergöttlichung und Angst vor der Strafe des wirklichen Gottes. Es ist aber auch menschlich, und ganz normal. Der Mensch ist ein Sünder und als solcher will er eben gena das nicht wahrhaben. Er will auf eigenen Beinen stehen, nur sich selbst verantwortlich sein und niemandem etwas schuldig bleiben, schon gar nicht einem starken Konkurrenten um den Gottestitel. Bleibt man dem wahren Gott etwas schuldig ist ja damit geklärt, wer wirklich Gott ist.

Darin liegt die Angst: Entgöttlichung des selbstvergöttlichten Menschen bedeutet eben auch Kontrollverlust des Menschen über die Situation, sein Leben. Er muß sich eingestehen, daß er nicht selbst für sein Wohl sorgen kann. Nicht in letzter Instanz. Das verunsichert, es macht Angst. Ohne Vertrauen in Gott ist es nicht auszuhalten. Vertrauen ist aber nicht Sicherheit. Vertrauen ist Glaube.