Gesellschaft

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein! Mal wieder…

Schlimm genug, daß ein Mädchen ermordet wird. Schlimm genug, daß ein 17-jähriger verdächtigt wird, der sich dann als unschuldig herausstellt. Schlimm genug, daß in der Zwischenzeit zu Lynchjustiz aufgerufen wurde und Name und Adresse des 17 jährigen die Runde machten.

Nun kommt der Internetexperte der EKD, und was er sagt kommt rüber wie eine Abwandlng des allseits nbeliebten „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“.

Dabei glaube ich nicht einmal, daß Sven Waske, so der Name des EKD Manns, es so gemeint haben muß, wie es rüberkommt.

Im Netz müssten die gleichen Regeln wie in anderen Bereichen gelten, sagte der Leiter der kirchlichen Internetarbeit am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hannover: „Wenn wir uns davon verabschieden, verabschieden wir uns von einer menschlichen Gesellschaft und von einem verlässlichen Rechtssystem.“

Natürlich gilt im Netz das gleiche wie anderswo. Gesetze werden sowieso schon afs Netz bezogen, und auch sonst sind wir keine anderen menschen, wenn wir im Netz agieren.

Nun scheint es aber, daß drch diese Aufrufe zur Lynchjustiz nachträglich ein Politiker einer Kleinstpartei noch Recht bekommt, der von einer Tyrannei der Masse sprach.

Ist da vielleicht doch etwas dran? Gleiten wir ab und verabschieden uns vom Rechtssystem?

Ich meine, das Problem liegt darin, daß das Internet etwas offensichtlich macht. Durch das Netz und seine Möglichkeiten alles zu finden, alles weiterzuleiten, wird öffentlich, was sonst im Kleinen geschieht. Und durch die Öffentlichkeit, wird es weiter hochgekocht und auf die Spitze getrieben.

Wer würde denn schon die Hand dafür ins Feuer legen, daß es vor sagen wir 50 Jahren nicht irgendwo an einem Stammtisch jemanden gegeben hat, der in so einem Fall gesagt hätte: „Totschlagen müßte man so einen!“? Wahrscheinlich wäre das nciht nur an einem Stammtisch der Fall gewesen.

Was es damals nicht gab, war eine Vernetzung der Stammtische. Und die Folgen. Denn wo früher sich eine Hand voll Männer bei ein paar Bier gegenseitig hochschaukelten, und dann doch nichts taten, tun wollten und vor allem konnten, sieht es heute anders aus:

Heute gibt es irgendwo im Netz immer jemanden, der nebenan wohnt. Irgendwo gibt es jemanden, der die Adresse rausfinden kann. Irgendwo gibt es sicher auch einen Irren, der gewalttätig wird.

Früher hätten diejenigen an ganz verschiedenen Stammtischen gesessen, heute kriegen sie Kontakt. Die Schwarmintelligenz, von der die Piraten schwärmen, ist oft eben auch nur ein Distributed Stammtisch, inklusive entsprechendem Reflektionsgrad.

Natürlich ist das ein Problem, und es ist wichtig, dies anzsprechen. Aber die Lösung kann nicht sein, das Netz abschaffen zu wollen, oder Klarnamen zu fordern. Klarnamen sind eh nicht durchsetzbar, und wer ihn benötigte hatte früher schon Mittel und Wege, um an einen falschen Paß zu kommen.

Die Lösung liegt eher darin, daß wir das Netz als das anerkennen, was es auch ist: Eine Schule der Demokratie (ja, wirklich!).

Auch wenn wir Stammtischverhalten wahrschienlich nie ganz verhindern können werden, so dürfte es doch möglich sein, das Ganze einzuschränken. Früher hätte niemand am Stammtisch etwas gegen Gott gesagt. Gegen die Kirche meinetwegen, aber es gab eine Grenze. Eine solche Grenze müssen wir gesellschaftlich auch im Netz zu etablieren suchen. Das ist nicht durch Gesetze zu machen, sondern durch Überzeugungsarbeit.

Wir müssen dafür sorgen, daß ein Verständnis dafür entsteht, welche Folgen derartige Hetze hat. Auch muß begriffen werden, was der Unterschied ist zwischen „verdächtig“ und „schuldig“. Es muß begriffen werden, was das Recht auf „Privatsphäre“ bedeutet und dergleichen mehr.

Bei den Folgen, wenn all dies nicht begriffen wird, bin ich mit Waske nicht uneins: Da kommt es dann ganz schnell zu Hexenjagden, da werden Leute verdächtigt und gleich um die Ecke geschafft, sicher ist sicher.

Übrigens: Dieses Umdenken über das Darstellen der Folgen funktioniert im Grnde ach nicht anders als früher, als man die Gotteslästerei unterband. Damals spielte wohl die Angst vorm Zorn Gottes die entscheidende Rolle. Heute spielt auch eine Angst eine Rolle: Nämlich vor den Konsequenzen für die Gesellschaft. Irgendwo auch sowas wie Hölle.

Das läßt hoffen, daß es funktionieren könnte. Und Waske, als Kirchenvertreter und Internetexperte, könnte vielleicht damit anfangen, ein Konzept zu erstellen, wie dieses Umdenken initiiert werden kann. Noch haben die Kirchen ja eine gewisse Reichweite.

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Jaron Lanier und die Internetreligion

In den letzten Tagen trat Jaron Lanier mit einem Interview und einem Essay in der Online Ausgabe der FAZ auf, ähnliche Aussagen macht er bereits 2006 bei SPON, wie ich bei Martin Recke erfuhr.

Wie bei Georg Klein und Martin Recke erwähnt, gibt es zwar etwas Diskussion zu den von Lanier vorgebrachten Thesen, allerdings nicht gerade übermäßig viel, und meist wird auch wie bei Marcel Weiss auf den Vorwurf der Kostenoskultur eingegangen, also nochmal die Argumente vom letzten Jahr rausgekramt als gewisse bundesdeutsche Kreise (und nicht nur dort) versuchten, das Netz als Hort notorischer Raubkopierer zu brandmarken.

Der netzwertig-Artikel von Marcel Weiss geht die Vorwürfe Stück für Stück durch und macht einen guten Job bei der Widerlegung. Der andere Aspekt, der mit der Internet-Religion, schient mir jedoch etwas stiefmütterlich behandelt zu sein, außerdem interessiert er mich mehr als die Debatte darum, ob man nun einsehen will oder nicht, daß alte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren, ob man das nun toll findet oder nicht, ob man versucht den Status Quo durch gesetzliche Maßnahmen zu schützen oder nicht, ob diese noch irgendwo verhältnismäßig sind oder nicht (ja, es reizt mich dann doch in den Fingern noch ein paar Worte dazu zu sagen, aber ich werd mich jetzt beherrschen).

Die ganze Religionsgeschichte hat mit dem Schwarm zu tun, den Lanier als negativ erfährt. Bei Wikipedia wird eine Durchschnittsmeinung als Wahrheit verkauft, und auch sonst setzt sich der Mittelwert durch im Schwarm, der sich gegen Abweichler auch zum Mob entwickeln kann (wer jemals in einem Forum etwas kontrovers diskutiert hat, dürfte wissen, wovon ich rede). Ich glaube nicht, daß das Problem von Lanier Meinungsvielfalt ist, wie Marcel Weiss schreibt, sondern viel eher die Etablierung einer Autorität ohne Namen, die später quasi gottgleich die Wahrheit verkündet. Im SPON INterview von 2006 kommt es meiner Meinung nach am Besten um Ausdruck, was er meint. Vielleicht auch deshalb, weil damals die Debatte um die Kostenloskltur noch bevorstand und man sich auch auf andere Punkte konzentrieren konnte.

Er sagt dort, daß ein Schwarm war einen Preis festlegen könnte, wie dies im Markt der Fall ist, daß aber der Schwarm selbst keine Meinung formulieren sollte. Gerade die Idee der überlegenen Meinung des Schwarms, bzw. des überlegenen Wissens begegnete mir gerade letztes Jahr bei der Piratenpartei in Wahlkampf und Forum. Und auch die etablierten Parteien scheinen vor allem auf den Schwarm zu bauen, so kommt es mir jedenfalls vor. Denn ich werde das Gefühl nicht los, daß sie nicht das vertreten, was sie für richtig halten, sondern das, was der Schwarm, also das Wahlvolk, für richtig hält.

Und wir merken: Schwärme gab es schon immer. Das Internet als neues Medium hat dem Schwarm lediglich bessere Organisationsmöglichkeiten gegeben, bessere Vernetzung als früher die Presse, zum Beispiel BILD.

Und schon ist der Schritt vom Schwarm zum Mob ein Kleiner. Und noch etwas wird offenbar: Ein Schwarm ist manipulierbar. Auch das kritisiert Lanier, wobei ich seine Kritik nicht als besonders gelungen erachte. Google hat sich am Markt durchgesetzt, und eine neue Suchmaschine mit besseren Angeboten könnte Google stürzen. Es ist auch nicht so, daß Google Geld verdient während alle anderen kostenlos arbeiten. Wer Geld will für das, was er im Netz veröffentlicht, muß selbst sehen, daß er es bekommt. Googles Wert liegt ja nicht in den Inhalten, die es heraussucht (nach welchen Kriterien auch immer, das wäre ein anderer Artikel), sondern darin, daß es Inhalte heraussucht. Jedes Verzeichnis kostet und kostete Geld und hat einen Mehrwert gebracht. Diesen Mehrwert läßt sich Google wohl relativ gut bezahlen, durch die Werbung. Es steht jedoch jedem offen, es Google nachzutun und auch reich zu werden.

Neben Google gibt es aber andere Kontrolleure des Schwarms. Auch Wikipedia gehört dazu, denn was in der Wikipedia steht, ist für viele Menschen (bei weitem nicht alle) wenn nicht die Wahrheit, dann doch schon sehr nahe dran. Wer also die Wikipedia kontrolliert (und die Relevanzdebatte rund um Mogis hat gezeigt, daß man über die Art der Kontrolle geteilter Meinung sein kann) hat ebenso wie Google eine gewisse Macht. Nur unterscheidet es sich nicht besonders von der Macht, die die alten Medien hatten und zum Teil immer noch haben. Wer zweifelt schon groß an dem, was die Tagesschau berichtet? Oder an den Brockhaus Artikeln? So wie es schon immer Schwärme gab, gab es auch schon immer welche, die den Schwarm kontrollierten, ob durch Qualitätsjournalismus, Hetze oder Gewaltandrohung.

Also auch hier: Nichts Neues unter der Sonne.

Der Schwarm mag seine Vorteile haben, so gibt der Schwarm der Gesellschaft vor, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Veränderungen in den Akzeptanzsystemen können dann schon kleinen Revolutionen gleichkommen, wie in den späten 1960ern und 1970er Jahren, als die junge Generation alte Traditionen in Frage stellte oder über Bord warf und dafür neue Traditionen implementierte. Früher gehörte es sich nicht, lange Haare zu haben (als Mann), heute gehört es sich nicht, Abfall nicht zu trennen. Und der Schwarm sorgte damals wie heute für die weitgehende Einhaltung der Norm.

Wenn man da an den „Muff von tausend Jahren“ denkt kommt dann auch gleich der Bezug zu früheren Regierungen auf, wo der Schwarm stärker kontrolliert wurde (Kaiserreich) oder mit Gewalt unterdrückt (Drittes Reich).

Das Problem ist, die Kinder so zu erziehen, daß sie alles in Frage stellen: Den Schwarm, die Tagesschau, den Lieblingsbolg, und die Reihenfolge der Treffer bei Google. Der Schwarm mag zwar ein Stück weit Demokratie sein, die Mehrheit setzt sich durch (oder derjenige, der am penetrantesten seine Version der Wahrheit bei Wikipedia wiederherstellt). Aber Demokratie ist nicht alles. Wichtig ist bei aller Demokratie auch, daß die Menschen, oder wenigstens eine breite Mehrheit der Menschen freie Geister sind, die auch Andersdenkende zulassen können und nicht die absolute Konformität einfordern.

Denn ein Schwarm, in dem keiner mehr abweichen kann, ist entweder geschlossen hinter einem Schwarmkontrolleur (und das führt über kurz oder lang mit Sicherheit in den Abgrund), oder er bewegt sich gar nicht mehr und ist tot.