Theologie

Sympathy for the Devil

Unser Bürgerrecht ist im Himmel. Gilt das auch für ihn?
Bundesarchiv, Bild 183-S33882 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Angenommen, wir kommen in den Himmel – und als Christen glauben wir ja daran: wen wollen wir dort treffen? Wen werden wir dort treffen? Und was, wenn wir ganz andere Leute dort treffen, als wir vermuten?

Wir leben in dieser Welt, sind Sünder, für wie gut oder besser als andere wir uns auch immer halten. Grundsätzlich haben wir kein Recht auf den Eingang in den Himmel, wir können es nicht gerechter Weise erstreiten. Gott gewährt diese Nähe zu Ihm in seiner Gnade zu uns. Verdient haben wir das nicht – keiner von uns.

Doch als Sünder die wir sind, haben wir natürlich auch ein verqueres Weltbild. Dazu gehören gewisse Vorstellungen darüber, daß es vielleicht doch Menschen gibt, die so schlimm sind oder waren, daß sie bei Gott kein Gehör finden können, keins finden dürfen, weil sie halt doch noch mal ne ganze Schippe schlimmer sind oder waren, als wir.

So denken wir. Aber müssen wir nicht auch, auf dem Weg in den Himmel, unser altes Wesen ablegen? Müssen wir nicht auch all die Lieblosigkeit ablegen, die uns hier noch bestimmt und vielleicht auch selbst bedrückt? Müssen wir nicht erst gewahr werden, daß wir Sünder sind und was für Sünder wir sind? Müssen wir nicht alle die Konsequenzen unserer Taten erkennen und sie annehmen lernen als durch unsere Schuld verursacht?

Durch eine solche Katharsis muß wohl jeder, der zu Gott kommt. Und wieso sollte jemand, der da durch ist, der die Last der eigenen Sünden gespürt hat, nicht von Gott begnadigt werden wie alle anderen auch?

In einem Gespräch mit einem griechischen Professor über die Hölle im Vergleich zwischen römischem Katholizismus und orthodoxer Theologie sagte er: Unsere Hölle ist am ehesten das Fegefeuer der Katholiken. Sie ist eher nicht ewig, sondern dient der Läuterung.

Das kann ich mir auch gut vorstellen: Wir müssen erkennen, wer wir sind, und das tut weh, sehr weh, weil es demütigt und die eigenen Ausreden zur Selbstrechtfertigung nicht mehr zuläßt. Man kann sich nichts mehr vormachen, man muß da durch. Aber dahinter, da liegt dann die Erlösung. Sobald ich meine Sündhaftigkeit erkannt habe und darunter zusammenbreche kommt Gott, und trägt mich, nimmt mir die Last ab, rechnet sie mir nicht zu. Er sagt: Du selbst willst Dich verdammen, aber ich nehme Dich an.

Wer durch diese Katharsis, dieses Fegefeuer hindurch ist, kann mir auch im Himmel begegnen.

Stell Dir vor, Du hast in Deinem Leben Millionen ermordet und einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche gelegt. Natürlich rechtfertigst Du das vor Dir mit irgend einer kruden Ideologie von Herrenrasse oder ähnlichem. Du wirst Dir nicht eingestehen, daß Du mit Deinen Taten die mit schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hast – würdest Du es Dir eingestehen, würdest Du zusammenbrechen, also flüchtest Du Dich in die Ideologie, die Dich dazu brachte.

Wenn Du nun aber durch die Katharsis mußt, wenn Du gezwungen bist anzuerkennen, was Du da getan hast, und es keine Ausrede mehr gibt, keine Facade, die Du aufbauen und hochhalten kannst vor anderen oder Dir selbst, wie groß muß der Schmerz sein! Unmenschlich groß, weil er durch unmenschlich großes Leid verursacht wurde.

Und dann kommt das, was immer kommt: Die Annahme dessen, das man selbst wirklich dafür verantwortlich ist mit allen Konsequenzen. Hat man selbst noch ein Recht zu leben? Nein! Wie hart ist man getroffen, wenn man selbst eingestehen muß, es wäre besser, wenn man getötet würde?

Ich denke, wer durch diese Tortur hindurch mußte, der ist geläutert, ist demütig, versucht nicht mehr, sich selbst auf Kosten anderer durchzusetzen, sondern versucht in Zulkunft zu dienen, so wie alle, die im Himmel wohnen, wie auch Gott selbst immer nur den Menschen dienen wollte, weil Er uns liebt.

Der Gedanke mag im ersten Moment furchtbar erscheinen, Menschen wie Hitler, Stalin oder Bin Laden im Himmel zu begegnen. Aber man stelle sich vor: Diese Tyrannen als geläuterte Männr, die nur danach streben, anderen zu dienen.

Unvorstellbar, nicht? Aber so ist er, der Himmel.

Commenting Media, Gesellschaft

Die These des Gokh

Was haltet ihr von meiner These: Jemand der diese bestehenden Verhältnisse nicht auf radikaler Weise verändern möchte, trägt in meinen Augen viel mehr Schuld an dem Leid und die Ungerechtigkeiten in dieser Welt, also an 100.000 unnötiger Tote, als diejenigen, die auch durch die Anwendung von Gewalt bereit sind, diese Verhältnisse zu verändern? Oder anders ausgedrückt, in meinen Augen sind die Leute, die zaudern und abwarten die waren (sic!)“Schlächter“ unserer Zeit.

In der inzwischen mehrmals behandelten Diskussion zu Ravenbirds „Radikalisiert Euch“  hat Gokh diese These aufgestellt. Ich will hier nun aufschreiben, was ich davon halte.

Gokh stellt hier zwei Menschengruppen einander gegenüber:

Diejenigen, die die bestehenden Verhältnisse nicht in radikaler Weise verändern möchten und diejenigen, die auch durch Anwendung von Gewalt bereit sind, diese Verhältnisse zu verändern.

Zuerst kommen mir einige Rückfragen:

  • Was ist mit den Menschen, die die Verhältnisse durch Gewalt verändern wollen, aber eben nicht in radikaler Weise?
  • Was ist mit den Menschen, die die Verhältnisse vielleicht etwas mehr verändern wollen als die erstgenannten, aber eben keine Gewalt anwenden wollen?
  • Welche Verhältnisse sind überhaupt gemeint? Was genau soll verändert werden und wie?

Die Fragen beziehen sich freilich auf Spitzfindigkeiten. Ich habe sie trotzdem kurz aufgelistet (es könnten wohl einige mehr gefunden werden) um zu veranschaulichen, daß ich Gokhs These als ad hoc Formulierung ansehe, in der der Kern nicht präzis gefasst werden soll, sondern eher umschrieben wird.

Ich gehe in Diskussionen auch meist so vor, daß ich meine Gedanken im Zweifel irgendwie äußere, um dem Gegenüber zu ermöglichen, auf mich einzugehen, auch wo ich noch keine präzisen Formulierungen gefunden habe, weil es mir darum geht, die eigenen Ansichten weiterzuentwickeln und nicht, anderen meine Überzeugungen überzustülpen. Genau so verstehe ich Gokh hier.

Es scheint mir so zu sein, daß Gokh zwei Seiten aufmacht. Auf der einen Seite steht  die radikale Veränderung, im Zweifel durch Gewalt, auf der anderen Seite die Abwarter und Zauderer. Moderate Veränderer werden hier nicht genannt und auch wenn ich mir vielleicht denken kann, wo er sie einordnen würde, möchte ich diese Gruppe doch im Weiteren als eigene Gruppe ansehen (Du kannst ja auf meine Dreiteilung dann wieder eingehen, Gokh ;)).

Zaudern und abwarten

Die Rede vom „zaudern“ ist ja schon wertend. Und ja, es kann durchaus viel vorgebracht werden gegen das Zaudern. Ich erinnere mich an meine Zeit bei der Bundeswehr, wo es ein Sprichwort gab:

Probleme lösen sich, indem man sie ignoriert.

Gemeint wird damit, daß Probleme irgendwann einmal so groß werden, daß sie nicht mehr gelöst werden können, aber viele neue Probleme verursachen. Das erste Problem ist damit „sozusagen“ gelöst, und zwar auf die denkbar schlechteste Weise.

Allerdings hat Abwarten auch etwas für sich. Und zwar genau in den Situationen, in denen man tatsächlich noch nicht weiß, wie man sich entscheiden soll. Blinder Aktionismus führt in der Regel zu eben so wenig Erfolg wie Zaudern und hoffen, daß alles vorbei geht oder sich von alleine bessert (was es in der Regel nicht tut, siehe Bundeswehr-Sprichwort).

Meine Ansicht ist hier die, daß man in der Tat so lange abwarten sollte, bis man sich eine Meinung gebildet hat, wobei man sich die Zeit, die es braucht, um eine Meinung zu entwickeln, zugestehen muß.

Man wird nicht immer zu 100% sicher sein, was bedeutet, daß man auch ein Stück weit Vertrauen in die eigene Einschätzung haben muß. Hilfreich ist es dann, wenn einem nicht jeder Fehler ewig nachgetragen wird. Ich denke an Luther mit seinem „pecca fortiter“:

Sündige tapfer, doch tapferer glaube und freue dich in Christus, der Herr ist über Sünde, Tod und Teufel.

Luther ging es im Kontext auch ums Zaudern. Lieber gar nichts zu tun als eine Sünde, für die man dann von Gott Strafe zu erwarten hätte. Luthers Punkt war ja, jetzt etwas verkürzt gesagt, daß Gott die Menschen eben nicht strafen und richten will, sondern sie liebt und denjenigen, die sich zu Ihm halten (an Ihn glauben) vergibt. Übertragen auf unsere Situation: Wer im guten Glauben (nämlich daß sein wohl erwogenes Tun die Zustände verbessert) sich irrt und eher Schaden verursacht, sollte mit Vergebung begegnet werden. Wir alle machen Fehler, dem sollten auch Menschen zustimmen können, die nicht an die grundsätzliche Sündhaftigkeit des Menschen glauben.

Eine ganz andere Gruppe von Menschen, die noch nicht genannt wurden, möchte ich hier auch kurz ansprechen, weil der Effekt ihres Handelns wohl dem der Zauderer und Abwarter ähnelt:

Die Indifferenten

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:
Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest!
Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.

So steht es im 3. Kapitel der Johannesapokalypse. Die Extreme werden als annehmbar angesehen, aber das Unentschlossene ist es, das kritisiert wird.

Es gibt viele Situationen, in denen man unentschlossen oder indifferent sein kann. Entweder man ist noch nicht an dem Punkt, an dem man zu einer begründeten eigenen Meinung gekommen ist – siehe oben. Oder man ist sich eines Sachverhaltes nicht bewußt; so hatte Luther wahrscheinlich keinen Standpunkt zur PID und auch hier und heute wissen viele nicht von der Not, die andere Menschen aushalten müssen. Oder die Menschen sehen weg und wollen bestimmte Probleme gar nicht sehen. Manchmal sieht man sie vielleicht auch, ist aber dermaßen mit anderen Dingen beschäftigt, daß man keine Ressourcen mehr frei hat.

Wenn sich jemand für den Umweltschutz einsetzt, hat er vielleicht nicht mehr die Zeit oder auch nur das Wissen, sich zu jedem Detail der Netzpolitik zu äußern. Wer in der Flüchtlingshilfe engagiert ist kennt sich vielleicht nicht so sehr mit alternativen Wirtschaftssystemen aus.

Worauf ich hinaus will: Wir alle sind bei der einen oder der anderen Sache indifferent oder nachhaltig ohne eigene Meinung, weil wir einfach nicht dazu kommen, weil wir an anderen Problemen dran sind. Und das muß, denke ich, respektiert werden. Wir sind als Menschen halt nicht nur fehlbar, sondern auch endlich. Irgendwo ist das Ende meiner Leistungsfähigkeit erreicht.

Sicher bin ich der Meinung, daß jemand, der keine ernsten Probleme hat und nur die Augen vor dem echten Elend der Welt verschließt, kritisiert werden müßte. Doch liegt „echtes Elend“ im Auge des Betrachters. Es gehört halt auch ein gewisses Wertesystem dazu, bestimmte Dinge als echte Not und andere als weniger schlimm zu betrachten. Wir haben nicht alle das gleiche Wertesystem, und wir wollen sicherlich auch nicht dahin (hoffe ich), daß eine Institution allen Menschen ein Wertesystem vorschreibt. Denn wie gesagt: Wir sind alle fehlbar, so auch die Maßstäbe der Institutionen, die wir gründen. Neuere Entwürfe könnten wahrscheinlich nicht viel besser sein als die „Kirche im Mittelalter“ (ich nehm dies mal als Symbol, weil viele Leute sich unter „Kirche im Mittelalter“ in Verbindung mit „zwanghaftem Wertesystem“ in etwa das vorstellen können, was ich meine – daß es so einfach historisch nie war, lasse ich mal bis auf diese Erwähnung um des Themas willen unter den Tisch fallen).

Es kann also keiner ein für alle allgemein- und letztgültiges Wertesystem verordnen, ohne sich berechtigete Kritik zuzuziehen. (Es gibt allgemeine und letztgültige Wertesysteme in einigen Religionen oder Konfessionen, aber diese gelten immer lediglich für diejenigen, die sich dazu bekennen – man unterwirft sich dem also freiwillig. Zu staatlichen Gebilden gehört man aber durch Zwang. Ich unterliege in Deutschland den deutschen Gesetzen, und niemand hat mich je danach gefragt, ob ich das so in Ordnung finde).

Worauf ich hinaus will: Wir können sagen, daß wir bestimmte Haltungen ablehnen, aber wir können keine Objektivität beanspruchen, wenn wir jemandem sagen, sein Problem, passendes Gesinde für seinen Sommersitz in Monte Carlo zu finden, sei weniger groß oder wichtig als das Problem der Flüchtlinge, einigermaßen heil über das Mittelmeer zu kommen, oder allein die Flucht aus Syrien zu überleben. Es kommt auf das Wertesystem an und auch, wenn wir in diesen Fällen wahrscheinlich (hoffentlich!) zu einem sehr breiten Konsens kommen dürften ist das noch keine Objektivität.

Moderate Veränderer

Diese von Gokh nicht genannte Gruppe unterscheide ich von den radikalen Veränderern anhand der Bereitschaft zur Gewalt. Während die Radikalen (Waffen)-Gewalt als legitimes Mittel ansehen, tun die moderaten Veränderer dies nicht.

Der Unterschied zu den Zauderern ist der, daß sie tatsächlich einen Standpunkt haben (der IMHO durchaus radikal sein kann) und etwas tun, um ihr Ideal umzusetzen.

Es stellt sich ja durchaus die Frage, ob Gewalt überhaupt eine Situation verbessern kann. Wenn man etwa Hartz IV als Gewalt gegen Arbeitslose versteht kann man durchaus fragen, ob eine Gegengewalt die Situation zwingend verbessert.

Jedenfalls können die moderaten Veränderer anders als Zauderer und Indifferente von sich sagen,  daß sie tatsächlich etwas zu ändern gedanken. Sie sind somit nicht schuldig an all dem Leid, das durch sie verändert wurde. Insofern und falls ihre Methode länger braucht als andere, um Veränderungen zu bewerkstelligen, laden sie auch für das Leid in der entsprechenden längeren Zeit Schuld auf sich. Insofern sie aber nicht zur Gewalt greifen, laden sie durch diese keine Schuld auf sich.

Radikale, gewaltbereite Veränderer

Entsprechend dem gerade Gesagten muß natürlich gesagt werden, daß die gewaltbereiten Veränderer ihre Schuld in dem Maße vergrößern, in dem ihre Gewalt Leid verursacht. Und dabei muß man auch sehen, daß Gewalt nachwirkt: Wenn der Vater erschossen wird haben es die Kinder mit einem Elternteil in der Regel schwerer, ist auch ihre Armut größer, was siech wieder auf deren Kinder und deren Chancen auswirkt etc etc. Man braucht auch nicht im Materiellen zu verharren, auch immateriell fehlt ein der Gewalt zum Opfer gefallenes Elternteil (es kann auch die Mutter sein oder was, wenn ein Geschwisterchen zum „Kollateralschaden“ wurde?).

Dem kann natürlich eine möglicherweise schneller durchgesetzte Verbesserung gegenübergesetzt werden, falls diese Leid minimiert.

Ich bin bei aller Verehrung für Martin Luther King kein Pazifist. Ich habe meinen Wehrdienst geleistet und bin der Ansicht, daß Gewalt unter bestimmten Umständen geboten sein kann. Als Beispiel wird gerne Hitler genannt, den man mit frommen Wünschen wohl kaum hätte aufhalten können. Ich denke darüber hinaus am Paulus und Römer 13:

Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.
Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.
Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.

Paulus stellt hier die nützlichen Seiten der Gewalt heraus nämlich, daß es eine Ordnung gibt innerhalb derer mit relativem Frieden gelebt werden kann. Eine solche Ordnung ist natürlich wiederum fehlbar, sie ist nicht ideal, weil sie von Menschen gemacht ist und Menschen Fehler machen (außerdem müssen Ordnungen auch der jeweiligen Zeit angepasst werden, siehe PID). Aber eine solche Ordnung ist besser als eine Unordnung, in der zwei oder mehr etwa gleichgroße Gruppen einander bekämpfen (ob mit Waffen oder anderen Machtmitteln wie Gesetzen oder Verordnungen sei einmal dahin gestellt) und keiner weiß, was jetzt eigentlich gilt.

Aber jede Gewalt hat ihre Grenze in ihrer Notwendigkeit. Ziel der Gewalt ist es, den Frieden zu sichern. Sichert sie den nciht mehr, sondern dient der Begünstigung oder der Unterdrückung bestimmter Menschen, ist die Gewalt ein Problem.

Dann ist auch immer die Frage zu stellen, welche Gewaltmittel angewendet werden sollen. Man kann auf gesetzliche Veränderungen hinwirken, was länger duaert und im Zweifel nicht so erfolgreich ist, oder man versucht etwas mit Waffengewalt durchzusetzen.

Da stellt sich dann die Frage nach der Effektivität. Wenn cih eine Minderheitenmeinung vertrete werde ich immens viel Gewalt aufwenden müssen, um diese Ansichten durchzusetzen. Bedeutet mehr Leid, bedeutet mehr Schuld. Womöglich wäre das Leid (und die Schuld) geringer, wenn man erst einmal auf Überzeugungsarbeit setzt. Ohne eine gewisse Basis von Überzeugten bricht jede Ideologie zusammen. Die Weimarer Republik konnte ohne Demokraten nicht bestehen, ebensowenig waren die Versuche, in Afghanisten und im Irak demokratische Gesellschaften zu implementieren, nicht wirklich erfolgreich. Auch in anderen Ländern mag es relativ regelmäßige Wahlen geben, während aber trotzdem grundlegende Rechte mißachtet werden.

Wobei mich der Irak und Afghanistan zu einem anderen Punkt bringen: Wenn es tatsächlich zur Anwendung von Waffengewalt kommt, sollte ein klarer Plan bestehen, wie es danach weitergeht. Waffengewalt kann vielleicht ein Zeitfenster für Veränderung eröffnen. Diese Veränderungen müssen dann aber schnelll greifen und effektiv werden, so daß niemand mehr (oder kein hinreichend großer Bevölkerungsanteil) zum status quo ante zurückwill. Das war offenbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben (da gab es zwar vorher keine wirklichen Pläne, aber sie wurden nachher zeitnah entwickelt und umgesetzt, wohl auch wegen dem Druck der Blockkonfrontation). Andere Beispiele könnten genannt werden.

Fazit

Schuld laden, so war meine Intention, darzustellen, alle auf sich. Die, die gar nichts tun, für die Unterlassungen, die, die etwas tun, zumindest für die Abweichungen vom (unbekannten) idealen Weg. Insofern ist auch das Ausmaß unserer Schuld unbekannt. Auch die Uneinigkeit beim Wertesystem trägt dazu bei, daß das Ausmaß der Schuld kaum genau quantifiziert werden kann.

Wir Menschen tendieren dazu, so ist mein Eindruck, die eigene Schuld zu relativieren und vor allem in anderen ein Problem zu sehen. Ich war gerade im Schulpraktikum an der Grundschule. Die Schüler waren allesamt liebe Kinder, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, ich halte niemanden davon für irgendwie abgrundtief böse oder ähnliches. Trotzdem muß ich sagen: An diesen Grundschulkindern konnte man diese Grundtendenz ziemlich klar sehen: „Der hat angefangen“ – „Ich hab nur…“ – „Ich hab nichts getan und die hat“ – „Nein, das stimmt nicht, hab ich nicht…“

Für die Ausgangsfrage: Wer lädt mehr Schuld auf sich, muß ich sagen: Wer Probleme sieht und nichts tut muß vielleicht eher kritisiert werden als derjenige, der etwas tut, wobei man eben auch darauf achten muß, ob derjenige das, was gesehen werden soll, auch ebenso sieht. Mir kommt Marie Antoinette in den Kopf:

Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es eben Torte essen

Ja, ich bin auch der Meinung, daß das ignorant ist. Aber Ignoranz kann ja tatsächlich in Unwissenheit wurzeln. Wer von uns hat schon Verständnis für die Menschen, die seinen gewohnten Kreisen fremd sind: Welcher Punker hat Verständnis für Nazis? Welcher Nazi für Flüchtlinge oder Ausländer allgemein?

Dazu kommt das Problem, daß sowohl Leid als auch Schuld an sich schwer quantifizierbar sind. In welcher Maßeinheit will man das messen? Ich hab keinen Job und kein Essen im Kühlschrank, also habe ich 2 Meter Leid? Ich hab meine Altersvorsorge in Aktien und sorge bei der Aktionärsversammlung nicht für menschenwürdige Produktionsbedingungen, also habe ich 5 Meter Schuld auf mich geladen?

Was soll so eine Quantifizierung überhaupt bringen? Will man sich besser fühlen als andere? Eine Art holier than thou mit säkularem Vorzeichen? Ich vermute, es ist zielgerichteter, nicht auf die Mitstreiter und deren Performanz bei Veränderungen zu schielen, sondern sich eher um die Veränderungen zu kümmern (wobei natürlich thematisiert werden muß, welche Methodik man anwendet).

Und was wir noch überhaupt nicht angesprochen haben: Veränderungen gehen in tausende Richtungen und in tausenden Details. Wenn zwei die bestehenden Zustände ändern wollen, dann wollen sie vielleicht in eine entgegengesetzte Richtung. Konkret: Ein Nazi, der Gewalt anwendet, um die bestehenden Umstände in eine Diktatur zu verwandeln, lädt nach meiner (mein Wertesystem ist ja nicht objektiv) Auffassung mehr Schuld auf sich als jemand, der mit gewaltfreien Mitteln die Gesellschaft offener machen will.

Freilich hat Gokh den Nazi nicht im Blick, sondern geht implizit – so verstehe ich ihn – von einem Konsens in der Marschrichtung bei der Veränderung aus. Aber vielleicht bezeichnet das ein grundsätzliches Problem in der Diskussion. Bevor wir uns darüber unterhalten, wie sehr wir uns radikalisieren oder nicht und wer jetzt mehr Schuld auf sich lädt, sollten wir wahrscheinlich doch erst mal darüber reden, in welche Richtung wir wollen. Sprich: Überzeugungsarbeit leisten. Unter uns, und nach außen. Wenn wir dann irgendwann einen Konsens auf relativ breiter gesellschaftlicher Basis haben, auf was wir hinaus wollen und vielleicht auch, wie wir das erreichen, können wir uns Gedanken machen über die Radikalisierung, denn wie gesagt: Die Zeit, sich eine Meinung zu bilden, sollte man sich zugestehen. Sonst gebirt blinder Aktionismus am Ende nur Leid, ohne wirklich eine Verbesserung zu erreichen. Damit ist keinem gedient.

 

Theologie

Rechtfertigung und Gnade

Rechtfertigung und Gnade. Die Begriffe mögen ja in Ordnung sein. Ich fühle mich nur nicht in einer Gerichtssituation. Man nimmt einen in einer normalen positiven liebevollen Umwelt aufgewachsenen Menschen, zwingt ihn in eine Situation, wo er sich dafür rechtfertigen muss, dass er da ist, und bietet dann göttliche Gnade als Ausweg an. Damit hat der Missionar bei mir nur ein Problem gelöst, dass ich ohne ihn nicht hätte. Das kann es nicht sein.

So schreibt Thomas in einem Artikel über den Grundlagentext „Rechtfertigung und Freiheit“ der EKD. Er schreibt noch einiges mehr, seht es Euch an. Ich blieb aber an dem Absatz hängen, weil ich da eine etwas andere Sichtweise habe und diese anbieten will.

Thomas schreibt, er fühle sich nicht in einer Gerichtssituation, und deshalb könne der Missionar beim ihm nur ein Problem lösen, das er zuerst schaffen muß.

Sprich: Ein Problem besteht nicht. Der Missionar bringt in dem Fall keine neue Erkenntnis.

Ich möchte dem freundlich und doch bestimmt widersprechen (und ich werde wohl auf böse Wörter wie „Schuld“ und „Sünde“ zurückgreifen müssen).

Es geht ja nicht um Rechtfertigung oder Gnade in abstrakter Weise, sondern ganz konkret um die Rechtfertigung des Sünders (also mir oder Dir oder jedem Menschen) aus der Gnade Gottes, der dies alles nicht bräuchte. Nun stellt sich aber die Frage: Wieso Rechtfertigung? Hab ich denn etwas falsch gemacht? Habe ich Schuld auf mich geladen?

Ja, lautet die einfache Antwort, hat jeder. Man mag die Meinung vertreten, das sei ja alles nicht so schlimm udn eine kleine Notlüge oder mal im Laden was mitgehen lassen, das schadet doch keinem, aber das stimmt so (meist) nicht. Und darum geht es: Wir alle laden früher oder später Schuld auf uns (das géht in der Regel weit über Notlügen hinaus) die andere Menschen tatsächlich schaden. Das liegt daran, daß wir Sünder sind (und daran können wir nichts ändern, das ist so). Aber diese Information geht für dieses Thema eigentlich schon zu weit, beschränken wir uns auf die Schuld.

Der Schaden, den wir anrichten, kriegen wir nicht mehr aus der Welt. Wir können auch nichts wieder gut machen, denn das Ideal ist ja gerade die Idealität, also kein Schaden. Man kann nicht weniger als keinen Schaden anrichten, um vorherige Schäden auszugleichen, der Schaden bleibt bestehen. Ich denke, dem kann man auch als Mensch, der in einer positiven, liebevollen Umwelt aufgewachsen ist, zustimmen.

Nun stellt sich die Frage nach der Rechtfertigung schon anders. Rechtfertigung ist weder Liebe, Würdigung, Vergebung oder Freiheit, aber Rechtfertigung ist nicht so weit entfernt von Annahme, und darum geht es, würde ich sagen.

Wir sehen das Problem: Viele viele Menschen, die Dreck am Stecken haben. Und wir sehen keine Lösung: Als Sünder (nun brauch ich es doch) kommen wir davon auch nicht los, so sehr wir uns anstrengen. Wie können wir da vor Gott bestehen?

Ich versuche noch einmal eine Übersetzung: „Bestehen“ heißt hier nicht, daß man sich vorstellen muß (einige tun es doch, wenn es ihnen hilft ist es so verkehrt auch nicht), daß Gott hier als Prüfer auftritt, der jeden auf Rechtschaffenheit testet und man diesen Test bestehen muß oder ein Stockwerk tiefer kommt… „Bestehen“ kann man sich auch so denken: Wenn ich am Ende des Jahres mir einen Mallorca Urlaub leisten kann und der Nachbar fliegt für ne 6 wöchige Kreuzfahrt in die Südsee, dann muß ich mich ja schämen, daß ich so wenig verdient habe.

Ist natürlich Murks, sich so nach anderen auszurichten (übrigens auch in der umgekehrten Richtung: Runtersehen auf die, die sich „nur“ Balonien leisten können), aber Hand aufs Herz: Wir tun das alle in der ein oder anderen Situation.

Das kann man auf Gott übertragen: Auf der einen Seite stehen wir, mit all unseren Fehlern, auf der anderen Seite Gott, der alles kann, alles weiß (das ist wohl das grundsätzliche Problem, wenn der Nachbar meint, wir fahren Ski in Aspen oder Sankt Moritz liegt die Sache auch anders)… wie kann ich da bestehen? Wieso sollte der etwas mit mir zu tun haben wollen? (wir übertragen praktisch den anderenMurks mit dem Heruntersehen auf Gott)

Rechtfertigung bedeutet nun nichts anderes als genau das: Daß der Murks auch als Murks benannt wird. Es speilt keine Rolle, wo Du Urlaub machst oder ob Du dem Nachbarn aus Eifersucht den Benz zerkrazt hast. (jetzt müßte man nochmal extra auf Buße eingehen, aber ich unterstelle dem geneigten Leser einmal, das selbst einbauen zu können) Gott nimmt Dich trotzdem an. Er sieht nicht auf Dich und Deine Fehler herab. Er könnte das zwar, weil Er einfach mehr drauf hat als Du, aber Er tuts nicht, hat es nicht nötig. (wär ja auch ein Unsympath, wenn er es täte)

Der Unterschied zu uns, die wir das auch nicht tun: Wir tuns manchmal trotzdem. Runtersehen, uns mit anderen vergleichen. Und wir können uns auch oft nicht vorstellen, daß Gott das ganz ohne Gegenleistung tut, also uns annehmen. (wie gesagt, auf die Buße müßte man noch eingehen – und die katholische Kirche und die Werkgerechtigkeit, aber das führt nu wirklich zu weit)

Fazit: Ich denke nicht, daß wir auf die Begriffe Rechtfertigung und Buße verzichten sollten. Täten wir das, würden wir einen bedeutenden Aspekt des menschlichen Lebens ausblenden: Den Mißerfolg, das Boshafte, die Unperfektion. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein, auch wenn wir behütet aufgewachsen sind. Viele andere sind das nicht, und wir haben, mal mehr, mal weniger, unseren Anteil daran. Deshalb brauchen wir Rechtfertigung, deshalb müssen wir Buße tun (vulgo: uns ändern), und all das kriegen wir von Gott für umme (gratis, kommt von gratia = Gnade).

Das Wort zum Tag

Tageslosung vom Sonntag, den 24. März 2013

Ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen, wie über großen Reichtum.
Psalm 119,14

Der Gott des Friedens mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Hebräer 13,20.21

Mit Mahnungen ist es eine Sache. Spätestens bei der dritten wird es ernst, fängt es an Geld zu kosten. Tja, man soll halt nicht bestellen, was man sich nicht leisten kann.

Trotzdem: Manchmal muß man sich vielleicht durchwinden, daß man vielleicht alle Mahnungen so lange laufen läßt, bis man genug Geld zusammen hat. Der Weg, den die Mahnungen zeigen ist dann mtunter sehr verworren, kostet Kraft und Konzentration, damit man auch keinen Termin verpasst. Jedenfalls ist solch ein Weg nicht angenehm, sondern steinig und schwer.

Hinnehmbar kann all diese Anstrengung sein, wenn man selbst sie zu verantworten hat. Wenn man vielleicht seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit falsch eingeschätzt hat und nun die Konsequenzen tragen muß.

Weniger hinnehmbar wird es, wenn man selbst nichts dazu kann. Wenn es darum geht, das zum Leben notwendige zu bezahlen. Wenn an unverschuldet seine Arbeit verloren und keine neue mehr gefunden hat, und sich nun so durchwurschteln muß, bis ein neuer Job greifbar wird. Trotzdem nimmt man es meist zähneknirschend hin. Das Leben kostet Geld, so ist es nun einmal. Ändern können wir wenig.

Ne ganz andere Sache ist es aber, wenn man mit Mahnungen konfrontiert wird, die keinen Bezug zum eigenen Leben aufweisen. Wenn einfach jemand auftritt, und irgendwelche Dinge verlangt, ohne dafür eine juristisch bindende Grundlage vorweisen zu können.

Das muß sich nicht auf finanzielle Fragen beziehen. Als ich als Teenager die Haare lang wachsen ließ, gab es im unmittelbaren Familienumfeld durchaus Leute, die etwas mehr Gesellschaftskonformität bei der Wahl meiner Frisur verlangten. Ja, wir hatte damals die 90er, ich red hier nicht von den 60ern oder 70ern (der Konflikt war auch nicht groß, aber vorhanden).

Wie auch immer, wir lassen uns nicht gerne eine Schuld einreden, wo wir nicht verantwortlich sind.

Jetzt schreibt aber der Psalmbeter von Psalm 119, daß er sich freut. Über einen „Weg der Mahnungen“. Und wer der Mahner ist, dürfte klar sein: Kein geringerer als Gott höchst selbst.

Nur: Welches Recht hätte Gott, an uns Mahnungen zu richten? Welche Verpflichtungen hätten wir gegen Gott, welche Verantwortung gegenüber Ihm? Wenn man von Ihm nichts erbeten hat? Wenn man vielleicht nicht mal an Ihn glaubt?

Wieso sollten Seine Mahnungen ein Gewinn sein, wieso sollte man sich darüber freuen, wenn Er einem nur noch einen kleinen Weg freiläßt, der vielleicht gerade so steinig und schwer ist wie der oben genannte eines Arbeitslosen durch den Mahnungsdschungel seiner Lebenshaltungskosten?

Im Lehrtext ist dann plötzlich die Rede davon, daß Gott Tüchtigkeit zum Tun des Guten verleihen soll. Das ist schon eher etwas Positives. Wer steht nicht gerne als jemand da, der Gutes tut? Sich darüber zu freuen ist jedenfalls nachvollziehbarer, als sich über Mahnungen oder Genörgel zu freuen.

Im Lehrtext steht aber noch etwas: Erstens wird das Tun des Guten mit Gottes Willen identifiziert, und zweitens ist die Rede davon, daß in uns etwas geschaffen werden soll, was Ihm, also Gott, gefällt.

Jetzt läßt sich trefflich spekulieren, was da gemeint sein könnte. Womöglich ist das, was da geschaffen werden soll die Voraussetzung dafür, daß wir zum guten Tun tüchtig werden (und die Voraussetzung dafür, Gottes Willen zu tun).

Nach Meinung der Herrnhuter Losungsverantwortlichen hat das Ganze dann noch mit den Mahnungen und der Freude darüber zu tun.

Eine mögliche Deutung hab ich schon angedeutet:

Gott will, daß wir Gutes tun. Er hat drei Wege, uns dazu zu bewegen: Er kann uns erstens zum Guten ermahnen, dann kann Er in uns etwas schaffen, das dahin führt und letztlich kann Er uns zum Guten tüchtig machen.

Womöglich sind diese drei Wege alle eigentlich zielich das Gleiche: Er macht uns tüchtig indem Er in uns etwas schafft. Beides kommt übrigens durch Jesus Christus, was meiner Meinung nach auf den Glauben an Jesus Christus verweisen könnte. Und dadurch nehmen wir die Mahnungen vielleicht erst an, bzw vielleicht nehmen wir sie ab dann auch erst wahr.

Tüchtig zum Guten sind wir dann, wenn wir Seine Mahnungen hören oder wahrnehmen können. Woher sollten wir vorher wissen, was Gut ist?

Ich höre schon den Einpruch: Gottes Forderungen in welcher Form auch immer dienen zuerst und vor allem der Machtsicherung und -erhaltung einer religiösen Elite, und der Mensch weiß selbst gut genug, was gut ist und was nicht.

Dem ersten Einspruch stimme ich zu. Wenn immer jemand von Gottes Forderungen spricht oder sprach gilt es genau hinzuhören und zu überlegen, was dahinter steckt. In vielen wenn nicht den meisten Fällen geht es tatsächlich um die Durchsetzung von Machtansprüchen bei Inanspruchnahme göttlicher Autorität. Wenn aber Gott tatsächlich existiert und tatsächlich Forderungen an uns hat, oder meinetwegen auch nur Vorschläge zum Lebenswandel, dann sollte man sich überlegen, ob nicht in einzelnen Fällen tatsächlich Gottes Ansichten formuliert werden.

Diese Unterscheidung zu treffen, so bin ich überzeugt, geht nicht ohne den Heiligen Geist. Nebenbemerkung: Das ist dann womöglich auch der Grund dafür, daß nicht gläubige Menschen hier stets absolut sagen (müssen), daß es IMMER um Machterhalt etc geht. Die andere Option, daß tatsächlich Gott dahinter steckt, ist nur möglich, wenn man an Gott glaubt.

Der andere Punkt mit dem Wissen um das Gute ist so eine Sache. Ich stimme zu, daß wir alle eine gewisse Ahnung davon haben, was gut ist und was nicht. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, daß man hin und wieder in Zwickmühlen kommt, wo man nicht weiß, wie man sich entscheiden soll. So ganz scheinen wir den Dreh nicht rauszuhaben. Und ich glaube auch, daß kein Regelwerk der Welt uns für jeden Fall klare Anweisungen geben kann. So ein Legalismus ist auch gar nicht notwendig, wenn man darauf vertrauen kann, daß der Heilige Geist einen führt. Oder wenn man darauf vertrauen kann, daß Gott eine Fehlentscheidung vergeben wird. Die atheistische Alternative wäre, sich einfach für die Variante zu entscheiden, die einem subjekitv grad besser dünkt. Bei einer Fehlentscheidung haben alle Gewissensbisse. In dem Fall haben Christen keinen objektiven Vorteil gegenüber Atheisten. Aber sie wissen um eine höhere Instanz, auf die sie hoffen können, und die ihnen per Mahnungen (oder Vorschlägen) den Weg weist.

Wie schon gesagt sind solche Mahnungen (zumindest nach meinr Meinung) nicht kodifizierbar, sondern nur mit Hilfe des Heiligen Geistes aus einem Text herauszulesen. Ansonsten sind sie mindestens mißverständlich.

Werden sie aber im Heiligen Geist verstanden, dann zeigen sie einen Weg für den Lebenswandel auf, sie machen einen tüchtig, diesen Weg zu gehen, der darin besteht, das Gute zu tun, das mit Gottes Willen identisch ist. Und darüber kann man sich tatsächlich freuen wie über großen Reichtum.

Nicht, wie manch einer mutmaßen mag, weil man sonst in die Hölle käme, wenn man von dem Weg abwiche, sondern weil es eine Freude ist, wenn man Gutes tun kann, weil es erfüllend ist, dem Leben einen Sinn gibt.

Dies ist freilich nur für gläubige Menschen nachvollziehbar. Nichtgläubige werden lieber ihren eigenen Vorstellungen von Gut und Böse folgen, ihre eigenen Wege gehen und womöglich jede von Gläubigen behauptete Führung mit Unterwürfigkeit und unfreiem Denken oder mit Unterdrückung und Machtmißbrauch in Verbindung bringen. Vielleicht muß es so sein, zumindest, bis der Heilige Geist auch zu ihnen spricht.

Glaube, Religion, Theologie

Die Nacht ist vorgedrungen

Stolperstein von Jochen KLepper, dem Autor von "Die Nacht ist vorgedrungen" - Beschriftung: "Hier wohnte Jochen Klepper Jg 1903 gedemütigt / entrechtet Flucht in den Tod 11.12.1942"
Stolperstein von Jochen Klepper
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Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
Röm 13, 11-12

Diese Verse stellt Jochen Klepper 1938 seinem Weihnachtslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ voran.

Die Zeitumstände

Wenn man an Jochen Kleppers Leben denkt, so kommt einem vielleicht der Gedanke, daß die Nacht die Naziherrschaft bezeichnen könnte, und der Anbruch des Tages vielleicht auf den 8. Mai 1945 zu legen wäre. Den Tag, als die Wehrmacht kapitulierte und Hitlerdeutschland endgültig zusammengebrochen war.

Jochen Klepper war es nicht vergönnt, diesen Tagesanbruch zu erleben. Er starb inmitten der Nacht, am 11. Dezember 1942, zusammen mit seiner Frau und seiner jüngeren Stieftochter – die ältere Stieftochter konnte noch rechtzeitig vor dem Krieg nach England auswandern – das Leben. So entgingen die Frauen der Deportation in die Vernichtungslager und Klepper der Zwangsscheidung seiner Ehe.

Nicht nur wegen seiner jüdischstämmigen Frau (ihre Taufe 1938 spielte für die Nazis keine Rolle) geriet Klepper in Konflikt mit dem Nazistaat. Auch seine frühere Mitgliedschaft in der SPD war ein Problem. 1937 wurde er aus er Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen und stand praktisch ohne Beruf da. 1938 konnte er noch einmal einen Gedichtband herausbringen, mit einer Sondergenehmigung. Der Name des Bandes war „Kyrie“, und er enthält auch „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Das Lied

Der dem Lied vorangestellte Bibelvers drückt Optimismus aus: Nicht mehr lange, dann wird es besser, nicht mehr lange, dann wird es Tag. Dann kommt das Heil. Und deshalb laßt uns so leben, als sei es schon soweit, laßt uns die Waffen des Lichts schon am Ende der Nacht aufnehmen.

Optimismus

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Die erste Strophe atmet den selben Optimismus: Die Nacht ist so gut wie vorbei, der Morgenstern, der Angst und Pein bescheint, ist schon da und kann, soll, ja muß gelobt werden. Wer der Morgenstern ist, bleibt noch unklar. Man kann Gott dahinter vermuten, da zum Lob aufgerufen wird, aber ist Gottes Handeln mit der bloßen Bescheinung von Angst und Pein gut umschrieben?

Weihnachtszeit

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll’ nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Die zweite Strophe wechselt vom Bild des bald anbrechenden Tages zur Weihnachtsgeschichte: Gott wird Kind und Knecht und leistet Sühne. Als Folge daraus müssen die Schuldigen sich nicht mehr verhüllen, können offen und aufrecht dastehen. Sie können auf Rettung hoffen.

Heil im Stall

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Die Rettung, so erfahren wir in Strophe drei, ist im Stall zu finden, dem Geburtsort Gottes als Jesuskind. Dieses Heil, so lernen wir, wurde schon immer verkündet, nun aber geschieht es, daß derjenige, den Gott ausersah, gemeint ist Jesus, und damit Gott selbst, sich mit uns, den Schuldigen, verbündet.

Kein Dunkel mehr

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

In Strophe vier geht es nun nicht mehr um die Weihnachtsgeschichte, und die Nacht ist auch nicht mehr dieses große Übel, das durch die Geburt Jesu gebrochen wird, es ist plötzlich die Rede von vielen Nächten. Die Nacht ist hier nicht mehr die Gottesferne der Menschen, in der sie mit ihrer Schuld ohne Hoffnung alleine gelassen sind, sondern es sind einzelne schlimme Zeiten, wozu Klepper sicher auch die Nazizeit zählte.

Der Unterschied zum Zustand vor Weihnachten, bevor Jesus Christus in die Welt kam, um als unser Verbündeter für unsere Rettung zu sorgen, liegt darin, daß Jesus Christus sein Werk vollendet hat. Nun wandert der Stern der Gotteshuld mit uns. Wir sind in der Huld Gottes, also im Einflußbereich Seiner Gnade, stehen in Seiner Gunst. Unsere Angst un Pein sind beschienen durch den Stern, wie Strophe eins aussagt. Und dieser Schein sorgt dafür, daß wir nicht vom Dunkel gefangen sind, das Dunkel hält uns nicht mehr, weil Gott mit uns ist. Von Ihm her kam die Rettung.

Es werde Licht

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt!
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt!
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!

Die Nacht hat freilich ein Problem mit ihrer Dunkelheit, wenn Gott sie aufsucht, und durch Seine Gegenwart Licht in die Nacht kommt. Das Dunkel wird erhellt, dadurch, daß Gott denjenigen, der im Dunkel ist, den schuldigen Sünder, nicht einfach dort läßt, sondern ihn so richtet, als ob er belohnt werden soll.

Hoffnung

Meiner Meinung nach geht es im Zentrum von „Die Nacht ist vorgedrungen“ um die Hoffnung. Und wahrscheinlich ist das Lied deshalb auch so stark. Hier schreibt einer von Hoffnung, der in der dunkelsten Zeit für seine Familie und sich die Hoffnung nicht verlor. Klepper beging Selbstmord, aber auch das in der hoffenden Zuversicht auf Gott. Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch lautet:

Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.

Klepper hält trotz allem an der Hoffnung fest. Die Hoffnung, daß die Nacht dereinst, bald zu Ende sein wird, ist für ihn Grund, schon Gott für das Ende der Nacht zu loben. Er weiß sich von Gott auch in finsterster Nacht beschienen, die Nacht ist keine, und das kann man auch deutlich sagen. Man kann Christus loben, ihm die Ehre geben, auch wenn man in den Tod geht.

Und nochmals Hoffnung – auch im Angesicht des Todes und darüber hinaus

Angesichts der damals verbreiteten Ansicht, daß Selbstmörder sicher in die Hölle kommen, ein durchaus starkes Stück Hoffnung. Und so ist Klepper auch derjenige, der zumindest im evangelischen Bereich für ein Umdenken sorgte, was die Bewertung des Selbstmordes angeht.

Auch wenn die Melodie von „Die Nacht ist vorgedrungen“ eher gedeckt und die Worte nicht so triumphierend sind wie manche Osterlieder kann man es nach meinem Empfinden doch nicht als zurückhaltend beschreiben. Klar ist, daß es Hoffnung gibt, klar ist, das liegt an Jesus Christus und klar ist, daß diese Hoffnung auch in dunkelster Zeit und auch angesichts des Todes trägt.

Gesellschaft

Kölner Vergewaltigung

Was genau passiert ist, weiß man wohl noch immer nicht. Mir erschließt es sich jedenfalls nicht unbedingt. Um was geht es?

Eine Frau wurde im Dezember bei einer Party mit K.O. Tropfen betäubt, mutmaßlich vergewaltigt und wurde von zwei katholischen Krankenhäusern in Köln abgewiesen (zuerst wohl hier berichtet). Und dann geht es auseinander. Von den Krankenhäusern scheint als Grund angegeben worden zu sein, daß zu der verlangten Untersuchugn zwingend gehöre, daß über die Pille danach aufgeklärt werde und ein Rezept ausgestellt werden müsse. Daß das in katholischen Krankenhäusern nicht möglich ist, sollte eigentlich klar sein.

Läge die Sache so, wäre die Schuld wohl beim Gesetzgeber zu suchen, der einer katholischen Klinik verbietet, katholische Klinik zu sein. Sie dann dafür zu bestrafen, daß sie es doch ist, wäre durchaus etwas heuchlerisch. Das stellte auch Geistbraus fest (via). Durchaus nicht unzutreffend auch, wie er die Berichterstattung darstellt, indem er sich die Szene ausmalt.

Nun sieht es aber eher so aus, daß die Gesetzeslage der katholischen Klinik gar nicht vorschreibt, die Pille danach zu verschreiben, und daß auch die Leitung kein Problem darin sieht, wenn in einem Beratungsgespräch über die Pille danach informiert wird. Jedenfalls liest es sich bei domradio so. Der domradio Text ist auch in anderer Hinsicht interessant: Während im General Anzeiger Bonn noch die Rede davon ist, daß es schon einmal zu Entlassungen gekommen sei betont Meiser gegenüber domradio, daß es zu keinen Entlassungen gekommen sei. Vielmehr sei, so gibt WDR „Krankenhausleitung und Kirche“ wieder, Fehler einzelner Ärzte.

Andernorts war von einem Mißverständnis die Rede. Jedenfalls wird der Fall von allen beteiligten bedauert.

Daß der Mensch immer Schuldige sucht, ist eigentlich recht normal, das kennt man. Daß in unserer heutigen Zeit gerade die Kirche, gerade die katholische Kirche und gerade eine Teilkirche wie das Bistum des in liberaleren Kreisen (und damit auch bei mir) recht unbeliebten Bischofs von Köln gerne als schuldig angenommen wird, ohne die Sache noch einmal zu reflektieren, ist schon weniger normal für eine angeblich aufgeklärte Gesellschaft.

Ich sehe jedenfalls mehrere Szenarien, wie es sich zugetragen haben könnte:

  1. Das Bistum, Meiser und überhaupt alle Beteiligten Katholiken lügen. Die Frau hätte behandelt werden können und müssen und es liegt an der puren Menschenfeindlichkeit aller Katholiken, daß dies verweigert wurde. An der Formulierung sollte man erkennen, für wie wahrscheinich ich das halte.
  2. Es gibt eine gesetzliche Regelung, die das Verschreiben der Pille danach vorschreibt, und die Kliniken haben deshalb die Behandlung verweigert. Diese Variante halte ich deshalb für fragwürdig, weil von der Bistumsleitung selbst bestätigt wurde, daß dies nicht der Fall sei. Damit nimmt sie dem Staat den Schwarzen Peter in dem Fall ab.
  3. Obwohl gesetzlich vorgeschrieben haben die fraglichen Ärzte, vielleicht aus Unwisenheit, vielleicht aus falschem vorauseilendem Gehorsam oder aus welchen Gründen auch immer, die Behandlung verweigert, ohne „Rückendeckung von oben“. Hierhin deutet die Erklärung des Bistums, wobei nicht Boshaftigkeit angenommen wird, sondern schlicht ein Mißverständnis.

Man kann nun sicherlich anmerken, daß es am Bistum liegt, verständliche und nicht unverständliche Handlungsanweisungen zu geben. Den Schuh muß auf jeden Fall mindestens einmal anprobieren, wer für die fragliche Richtlinie verantwortlich zeichnet. Es war von einer Ethikkommission die Rede. Interesant wäre auch, diese Richtlinie, die mutmaßlich mißverstanden wurde, einmal durchzulesen und sich selbst ein Bild zu machen. Ich habe den Pressesprecher der Kliniken angeschrieben, aber ich bin skeptisch, ob ich eine Antwort erhalten werde. Ebenfalls wäre interessant zu hören, was die betroffenen Ärzte zu dem Fall zu sagen haben.

Abschließend muß aber festgehalten werden, daß der ganze Vorgang furchtbar ist und sowas einfach nicht passieren darf. ebenfalls ist aber festzuhalten, daß dem Bistum oder gar dem Bischof kein Vorwurf zu machen ist, denn soweit ich es sehe wurde von dieser Stelle lediglich die Pille danach verboten, die die Frau aber nicht wünschte, sie hatte das Rezept ja schon.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 12.06.2012

Nach längerer Pause nun mal wieder ein kurzer Kommentar zur Tageslosung

Gott der HERR rief dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Er sprach: Ich hörte dich im Garten; da fürchtete ich mich.
1.Mose 3,9.10

Die vorangehende Situation in aller Kürze (ausführlicher hier): Gott hat Adam und Eva geschaffen und ihnen im Garten Eden ein Zuhause gegeben. Dort dürfen sie von allen Früchten der Bäume essen – nur von einem nicht, dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Sie halten sich nicht daran und essen davon. Im Allgemeinen ist die Auffassung: Adam und Eva wollten sein wie Gott, dieser Ehrgeiz führte zur 1. Sünde. Ich möchte mal versuchen, einen anderen Akzent zu setzen, ohne die „Ehrgeizauslegung“ deshalb abzulehnen.

Die ersten Worte, die Gott zum Menschen spricht, sind Anordnungen:

„Von jedem Baum des Gartens darfst du essen;  aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben“

Wenn ich mich an Anordnungen erinnere, die ich von meinen Eltern oder anderen auferlegt bekam, fällt mir eins auf: Völlig gleichgültig, wie gut gemeint sie waren bzw. wie sinnvoll sie auch tatsächlich waren, regte sich doch zuerst Widerspruch. Bei kleinen Kindern ist das immer wieder gut zu beobachten: Dem Kind fallen die Augen schon fast von selbst zu, dennoch wird gegen den Satz: „Ich glaub, du solltest langsam mal ins Bett“ (oftmals) Einspruch eingelegt: „Ich bin aber doch (gäääähn, blinzel) noch garnicht müde!“ Man kann also den Widerspruch gegen Anordnungen durchaus als menschliche Grunderfahrung ansehen. Vielleicht ist es auch diese menschliche Grunderfahrung, die mit dem Verzehr der verbotenen Frucht dargestellt werden soll: Wo Anordnungen gegeben werden, kommt Widerspruch, manchmal in wörtlicher Form, hier in Form des Essens – vorgesehen aber ist dies nicht.

Das Ergebnis des Essens ist: Feigenblattoutfit, Furcht, Fragen. Als Gott dann abends im Garten umhergeht, verstecken sich die Menschen. Und Gott fragt: „Wo bist du?“ Es ist die erste von drei Fragen. Man kann diese Frage nun so verstehen, dass Gott diese Frage tatsächlich um der Information willen gestellt hat, weil er tatsächlich nicht Bescheid wusste. Die Verfasser des Textes würden dann einen Gott schildern, der nicht allwissend ist – und damit seine Allmacht in Frage stellen. Angesichts dessen, dass die Verfasser des Textes Gott zuvor noch als Schöpfer von Himmel und Erde, Menschen, Bäumen und Tieren schildert (Vgl. Gen 2. 4 ff) erscheint es mir unwahrscheinlich, dass sie von dieser Vorstellung göttlicher Macht nun abrücken.

Fragen aber können mehr sein als bloße Informationsabsicht. Im Gegensatz zur Anordnung ist bei der Frage eine Antwort (meist) fest eingeplant. Es ist deutlich, dass hier ein Dialog gewünscht wird. Gott wird in dieser Geschichte als der gezeigt, der sich angesichts von Sünde (Verhalten, das von Gott trennt, in der Geschichte dadurch verdeut-licht, dass sich Adam und Eva verstecken) eben nicht beleidigt zurückzieht. Er beginnt auch nicht mit Vorwürfen, die einen weiteren Dialog erschwert hätten. Er beginnt mit einer Frage. Diese Frage zeigt an: Antwort erwünscht, ich will mit dir in Beziehung treten! Und Adam antwortet: „Ich hörte dich im Garten, da fürchtete ich mich“. Haben die Verfasser Adam nun als genauen Zuhörer darstellen wollen, der hinter der Frage „Wo bist du?“ die Frage „Was ist los?“ herausgehört hat? Oder wollten sie zeigen, dass der schuldige Mensch einfachste Fragen nicht genau beantwortet? Denn auf die Frage „Wo bist du?“ mit „Ich habe mich versteckt“ zu antworten, kann wohl kaum als genaue Antwort verstanden werden.  Ich glaube, über diese Frage könnte man lange streiten. Ich möchte aber zum Schluss nur noch einmal herausstellen, was mir an diesem Vers wichtig geworden ist:

Gott schweigt angesichts von Schuld nicht. Er geht den Menschen nach und sucht weiterhin Beziehung zu ihnen. Und mit Adam und Eva fragt er auch uns immer wieder neu: „Wo bist du?“.

glaube

Predigt zu „Der verlorene Sohn“ (Lk 15, 11-32)

Die folgende Predigt habe ich für einen Gottesdienst u.a. für Kommilitonen von mir geschrieben.

Der Vater sitzt an einem Tisch und schreibt einen Brief, er spricht mit, was er schreibt:

„Komm‘ doch wieder nach Hause! Wir werden ein Fest feiern, wenn du wieder da bist. Bleib doch bei mir und sei gesegnet“

Frage einer anderen Person: Wem schreibst du?

Antwort des Vaters: Meinen einen Sohn kennst du ja. Er gönnt sich nicht einmal hin und wieder einen Widder, um mit seinen Freunden zu feiern. Manchmal scheint es mir, als mache er sich selber hier zum Knecht – dabei gehört das alles doch auch ihm! Vielleicht sollte ich ihm das einmal deutlich sagen. Viel miteinander geredet haben wir ja nicht in den letzten Jahren. Doch ich hatte einst noch einen anderen, jüngeren Sohn. Ich glaube, die beiden waren viel zu verschieden, um es auf Dauer miteinander auszuhalten – oder gar nach meinem Tod gemeinsam den Hof zu führen. Doch eines Tages kam mein jüngerer Sohn zu mir. Er forderte von mir seinen Erbteil. Alle meine Versuche, die Familie doch zusammenzuhalten waren gescheitert, er wollte unabhängig von uns sein. Er hat wohl für sich keine Zukunft mehr bei uns gesehen. Das war ein harter Schlag für mich. Doch ich sah, dass weder Vorwürfe noch Bitten ihn von seiner Forderung abbringen würden und habe ihm schweren Herzens seinen Erbteil gegeben. Er ist dann kurz danach ausgewandert und hat uns ganz den Rücken gekehrt. Doch ich hoffe noch immer, dass er wiederkommt, ihm schreibe ich.

Frage einer anderen Person: Aber – wenn er euch doch den Rücken gekerht hat, warum schreibst du ihm dann? Warum willst du, dass er zurückkehrt? Er hat euch doch den Rücken gekehrt, warum verstößt du ihn nicht?

Antwort des Vaters: Wie könnte ich mein Kind verstoßen? Es kommt doch von mir – und da soll ich ihn verstoen? Was auch immer geschieht, mein Kind bleibt er doch. Er ist jetzt schon lange fort – und doch hoffe ich jeden einzelnen Tag auf seine Rückkehr. Was auch immer geschehen ist – wenn er doch nur wiederkäme, würde meine Freude und Vergebung keine Grenzen kennen. Alles würde ich dafür geben, wenn er nur wiederkäme!

Einspielen dieses Liedes.

Von der Kanzel/vom Rednerpult aus:

Der Wunsch des Vaters erfüllt sich, der Sohn kehrt tatsächlich zurück. Doch es ist ein hartes Ringen mit sich selbst, bevor er sich auf den Weg zu seinem Vater macht. Völlig am Ende sitzt er am Schweinepferch und kommt zu dem Schluss:

Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! (Lk 15, 17-19)

Er will zurückkehren – doch in eine der niedrigsten Stellungen, die denkbar war. Tag für Tag auf’s Neue angewiesen darauf, wieder angestellt zu werden. Dieses Los vor Augen macht er sich auf den Weg – doch die Rückkehr verläuft völlig anders, als von ihm geplant:

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.  Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. (Lk 15, 20-24)

Der Vater ließ ihn einst ohne Widerworte ziehen – doch nun legt er Widerspruch ein. Der Sohn hat kaum ausgesprochen: Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße – da sorgt der Vater bereits dafür, das das beste Gewand gebracht wird und er einen Ring an den Finger bekommt – er nimmt ihn voller Freude wieder voll und ganz in die Familie auf.

Das ist für mich das Faszinierende an der Geschichte. Keine Fragen: Wo warst du? Warum kommst du erst jetzt? Schämst du dich nicht? Sondern pure Freude des Vaters über die Rückkehr seines Sohnes! Und das ist für mich auch das Faszinierende an Gott, wie Lukas ihn hier zeichnet. In dieser Erzählung ist klar, dass mit dem Vater Gott gemeint ist. Ein Bruder aus Taizé sagte einmal in einer Bibeleinführung: „Weil der Vater den SOhn schon von weitem sieht, habe ich immer den Eindruck, dass der Vater Tag für Tag vor dem Haus sitzt und nach seinem Sohn Ausschau hält, voller Hoffnung darauf, dass der Sohn einmal zurückkommt, und ja nicht den Moment verpassen will, wenn er zurückkommt“. Ich glaube, genau das ist ein wichtiger Punkt dessen, was Gottes Beziehung zu uns ausmacht: Sein Warten auf uns, seine Sehnsucht danach, dass wir doch zu ihm kommen mögen. Lukas ist es auch, der mehr als alle anderen Evangelisten deutlich macht, wie diese Rückkehr aussehen kann, selbst in ausweglosesten Situationen: Sehnsucht nach Christus und Vertrauen auf Christus. Das beste Beispiel dafür sehen wir in der Kreuzigungsszene bei Lukas: Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach:

Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!  Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23, 39-43)

Der Verbrecher konnte nichts anderes mehr tun, als seinem Verlangen danach, dass Christus an ihn denken möge, seiner Sehnsucht nach ihm, Ausdruck zu verleihen und auf ihn zu hoffen. Wie der Sohn zu seinem Vater, so kommt der Verbrecher zu Christus: Voller Sehnsucht, voller Schuld – und wird ohne Fragen danach, was er getan hat oder warum er denn jetzt ankommt angenommen. Und wie der Sohn zum Vater, wie der Verbrecher zu Christus, so können auch wir zu Gott kommen: Voller Sehnsucht, voller Schuld – doch mit der Zusage Christi, bei Gott angenommen zu sein.

Gesellschaft

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein! Mal wieder…

Schlimm genug, daß ein Mädchen ermordet wird. Schlimm genug, daß ein 17-jähriger verdächtigt wird, der sich dann als unschuldig herausstellt. Schlimm genug, daß in der Zwischenzeit zu Lynchjustiz aufgerufen wurde und Name und Adresse des 17 jährigen die Runde machten.

Nun kommt der Internetexperte der EKD, und was er sagt kommt rüber wie eine Abwandlng des allseits nbeliebten „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“.

Dabei glaube ich nicht einmal, daß Sven Waske, so der Name des EKD Manns, es so gemeint haben muß, wie es rüberkommt.

Im Netz müssten die gleichen Regeln wie in anderen Bereichen gelten, sagte der Leiter der kirchlichen Internetarbeit am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hannover: „Wenn wir uns davon verabschieden, verabschieden wir uns von einer menschlichen Gesellschaft und von einem verlässlichen Rechtssystem.“

Natürlich gilt im Netz das gleiche wie anderswo. Gesetze werden sowieso schon afs Netz bezogen, und auch sonst sind wir keine anderen menschen, wenn wir im Netz agieren.

Nun scheint es aber, daß drch diese Aufrufe zur Lynchjustiz nachträglich ein Politiker einer Kleinstpartei noch Recht bekommt, der von einer Tyrannei der Masse sprach.

Ist da vielleicht doch etwas dran? Gleiten wir ab und verabschieden uns vom Rechtssystem?

Ich meine, das Problem liegt darin, daß das Internet etwas offensichtlich macht. Durch das Netz und seine Möglichkeiten alles zu finden, alles weiterzuleiten, wird öffentlich, was sonst im Kleinen geschieht. Und durch die Öffentlichkeit, wird es weiter hochgekocht und auf die Spitze getrieben.

Wer würde denn schon die Hand dafür ins Feuer legen, daß es vor sagen wir 50 Jahren nicht irgendwo an einem Stammtisch jemanden gegeben hat, der in so einem Fall gesagt hätte: „Totschlagen müßte man so einen!“? Wahrscheinlich wäre das nciht nur an einem Stammtisch der Fall gewesen.

Was es damals nicht gab, war eine Vernetzung der Stammtische. Und die Folgen. Denn wo früher sich eine Hand voll Männer bei ein paar Bier gegenseitig hochschaukelten, und dann doch nichts taten, tun wollten und vor allem konnten, sieht es heute anders aus:

Heute gibt es irgendwo im Netz immer jemanden, der nebenan wohnt. Irgendwo gibt es jemanden, der die Adresse rausfinden kann. Irgendwo gibt es sicher auch einen Irren, der gewalttätig wird.

Früher hätten diejenigen an ganz verschiedenen Stammtischen gesessen, heute kriegen sie Kontakt. Die Schwarmintelligenz, von der die Piraten schwärmen, ist oft eben auch nur ein Distributed Stammtisch, inklusive entsprechendem Reflektionsgrad.

Natürlich ist das ein Problem, und es ist wichtig, dies anzsprechen. Aber die Lösung kann nicht sein, das Netz abschaffen zu wollen, oder Klarnamen zu fordern. Klarnamen sind eh nicht durchsetzbar, und wer ihn benötigte hatte früher schon Mittel und Wege, um an einen falschen Paß zu kommen.

Die Lösung liegt eher darin, daß wir das Netz als das anerkennen, was es auch ist: Eine Schule der Demokratie (ja, wirklich!).

Auch wenn wir Stammtischverhalten wahrschienlich nie ganz verhindern können werden, so dürfte es doch möglich sein, das Ganze einzuschränken. Früher hätte niemand am Stammtisch etwas gegen Gott gesagt. Gegen die Kirche meinetwegen, aber es gab eine Grenze. Eine solche Grenze müssen wir gesellschaftlich auch im Netz zu etablieren suchen. Das ist nicht durch Gesetze zu machen, sondern durch Überzeugungsarbeit.

Wir müssen dafür sorgen, daß ein Verständnis dafür entsteht, welche Folgen derartige Hetze hat. Auch muß begriffen werden, was der Unterschied ist zwischen „verdächtig“ und „schuldig“. Es muß begriffen werden, was das Recht auf „Privatsphäre“ bedeutet und dergleichen mehr.

Bei den Folgen, wenn all dies nicht begriffen wird, bin ich mit Waske nicht uneins: Da kommt es dann ganz schnell zu Hexenjagden, da werden Leute verdächtigt und gleich um die Ecke geschafft, sicher ist sicher.

Übrigens: Dieses Umdenken über das Darstellen der Folgen funktioniert im Grnde ach nicht anders als früher, als man die Gotteslästerei unterband. Damals spielte wohl die Angst vorm Zorn Gottes die entscheidende Rolle. Heute spielt auch eine Angst eine Rolle: Nämlich vor den Konsequenzen für die Gesellschaft. Irgendwo auch sowas wie Hölle.

Das läßt hoffen, daß es funktionieren könnte. Und Waske, als Kirchenvertreter und Internetexperte, könnte vielleicht damit anfangen, ein Konzept zu erstellen, wie dieses Umdenken initiiert werden kann. Noch haben die Kirchen ja eine gewisse Reichweite.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 20.03.2012 (Psalm 106, 6)

Wir haben gesündigt samt unseren Vätern, wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen.

Mit diesen Worten wird eine Zusammenfassung der Geschichte Israels mit Gott eingeleitet. Es wird geschildert, wie Gott sich immer wieder um sein Volk kümmert, dieses jedoch immer wieder gegen ihn murrt und von ihm abfällt. Diese Schuld lag zwar in der Vergangenheit, doch der Psalmist belässt sie nicht dort: „Wir haben gesündigt samt unseren Vätern“ – mit diesen Worten wird deutlich gemacht, dass die Schuld der Väter eben nicht bei diesen verbleibt, sondern auch die gegenwärtige Generation unter der Schuld steht. Schuld (oder auch Sünde) ist generationsübergreifend. Was ist denn nun Sünde? Nach allem, was ich so bislang zum Thema Sünde gelesen und mir selbst gedacht habe, ist Sünde die zeitweise Trennung des Menschen von Gott. Die Verhältnisse Ich-anderer Mensch und Ich – Gott können nicht getrennt voneinander betrachtet werden, sie hängen eng zusammen, wie das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zeigt (Vgl. Mt 22, 37 ff). Und schon in der Urgeschichte wird deutlich, dass in dem Moment, in dem die Beziehung zu Gott getrübt ist, auch die Beziehung zu anderen Menschen darunter leidet. Von Gott nach dem Verzehr der verbotenen Frucht zur Rede gestellt, versucht Adam, die Verantwortung dafür auf Eva abzuwälzen. Das spricht nicht gerade für eine intakte Beziehung füreinander. Auch die Ursache für den Brudermord Kains ist letztlich eine getrübte Gottesbeziehung.

So verweist die Losung schon mit der Formel „samt unseren Vätern“ auf die geschichtliche Grunderfahrung der menschlichen Schuld. Die Schuld wird deutlich ausgesprochen. Und es wird zu Beginn und zum Schluss des Psalms (V. 1-5. 47-48) deutlich gemacht, wie mit der eigenen Schuld, mit der Trennung von Gott und dem Menschen, umgegangen wird: Gemeinsam wird Gott gelobt und gemeinsam befehlen sich die Gläubigen seiner Gnade an. Die Erinnerung an die eigene Sünde führt zum gemeinsamen Sündenbekenntnis vor Gott – sie führt zu einer Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und mit Gott. Die Erinnerung an das Trennende führt zur Gemeinschaft, das Trennende verliert seine Kraft.