Gesellschaft

Femen und der Kolonialismus

Femen kannte ich eigentlich gar nicht. Jedenfalls waren sie mir nicht sonderlich aufgefallen, auch wenn mich beim Lesen des Artikels von Theodreds Schicksal das Gefühl beschlich, daß ich sie doch schon irgendwo mal gesehen habe. Theodred legt jedenfalls ganz anschaulich dar, wie diese Gruppierung vorgeht, bzw daß es ihr vor allem um Publicity geht. Und die kriegen sie, denn Sex sells, darauf zielen die halbnackten Auftritte der Damen (von denen komischerweise alle recht schlank sind und auch sonst den Schönheitsidealen entsprechen – was das wohl über deren Frauenbild sagt?) auch ab.

Nun hat Femen wohl zu einem „Topless Jihad Day“ aufgerufen, und die Antwort ist deutlich: Muslimische Frauen distanzieren sich von Femen und nennen deren Aktion kolonialistisch, eurozentristisch, patriarchalisch. Unrecht haben sie nicht ganz.

Denn wofür auch immer Femen kämpfen mag, ohne Druck (auch auf potentielle Mitkämpfer) tun sie es nicht. Indem sie den Anschein erwecken, nackte Oberkörper würden effektiv sein, üben sie unterschwellig Druck auf andere Frauen aus, ebenfalls die Hüllen fallen zu lassen, nach dem Motto: Kämpft mit uns, zieht Euch aus. Daß nun die Muslimas klar und deutlich NEIN sagen, ist ein positives Zeichen. Die Befreiung der Frauen ist nicht nur (wenn überhaupt) mit „perfekten“ nackten Frauenkörpern zu machen. Wenn jemand unterdrückt ist, dann muß er selbst entscheiden, mit welchen Mitteln er sich befreit. Es macht auch nicht jeder beim bewaffneten Kampf mit, manche sehen darin kein Befreiungspotential.

Überhaupt muß man die Frage stellen, inwieweit Femen überhaupt etwa erreicht, außer eben Publicity. Sie etablieren eine Marke, die sich gut verkaufen ließe (oder läßt?), aber wie auch nur eine Frau durch nackte Frauenkörper frei geworden sein soll,müßte man mir nochmal erklären.

Andreas Moser schreibt zwar:

Well, if it helps to attract more people to join a protest, I welcome it as a positive factor.

Zu deutsch: Nun, wenn es hilft, mehr Leute dazu zu kriegen, mitzuprotestieren, begrüße ich es als einen positiven Faktor.

Doch genau das – mehr Leute beim Protest – bezweifle ich. Zumindest was den Protest außerhalb der Ukraine angeht. In der Ukraine mag es so sein, daß der Tabubruch, der mit den nackten Frauenkörpern zusammenhängt dazu führt, daß Themen in die Presse kommen, die sonst nicht dahin kämen. In dem Fall würden diese Frauen ihre Körper benutzen, um ihren Protest in die Öffentlichket zu kriegen. Bei Staaten mit von der Staatsführung kontrollierter Öffentlichkeit mag das funktionieren. Auch hierzuland mag man so eine Öffentlichkeit für bestimmte Themen schaffen können, aber das kann nur ein Anfangsimpuls sein. Mehr nicht. Und wenn man die Methode zur eigenen Befreiung auch anderen als Methode vorgeben will, muß man eben mit Kritik rechnen. Die muslimischen Frauen werden ihre eigenen Methoden entwickeln, wie sie sich ihre Freiheit erkämpfen. Methoden, die in die Kultur passen und nicht neue Schlachtfelder eröffnen, so daß es tatsächlich um Freiheiten geht und nicht um Sittlichkeit. Wie das vonstatten geht und gehen wird – weiß ich nicht. Ich bin nicht im Thema drin. Aber wie fänden es die Ukrainer wohl, wenn Feministinnen mit Koranversen ankämen, um die Frauen zu befreien?

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Donnerstag, 22. März 2012

Melissa hat nach einer längeren Pause und einem mzug von Kanada nach USA wieder etwas geschrieben. Es geht um Schönheitsideale, die Liebe zum eigenen Körper und Kindererziehung.

Ameleo hat in zwei Artikeln gestern und heute dargelegt, warum sie lieber in der Katholischen Kirche Kritik übt als in eine andere Kirche zu konvertieren.

Alex Schnapper hat über die OB Wahl in Frankfurt geschrieben und einen Fragebogen der Piraten verlinkt, der beiden Stichwahl Kandidaten zuging aber nur vom SPD Mann beantwortet wurde (in den Kommentaren ist die Rede von „nach dem Mund reden“).

Bei Peregrinatio gibt’s nen Artikel, der kurz die von Alberto Giublini und Francesca Minerva zur Debatte gestellte postnatale Abtreibung (vulgo: Mord – die beiden stellen die These auf, es sei in Ordnung Neugeborene unter den Umständen zu töten, die auch Abtreibungen zulassen) anreißt, um dann zur gezielten Abtreibung von Mädchen zu kommen.

So gibt es Hinweise darauf, daß nicht archaische Religionen am Femizid in Ländern wie Indien und China (aber wohl auch Albanien, Georgien und Armenien) schld sind, sondern die moderne, säkulare Kultur. Das Ideal heißt Kleinfamilie mit Haus, die ideale Kinderzahl ist eins, und das muß der Stammhalter sein.

Beim Lesen des Artikels zur postnatalen Abtreibung kam mir ein ganz anderer Gedanke: Es stimmt einfach nicht, daß es in bioethischen Fragen keinen Dammbruch gäbe. Erst wurde die Abtreibung ermöglicht (in Deutschland ist sie zwar verboten, abe straffrei), was dazu führte, daß dies als Argument für die Zulassung von PID führte. Nun stützen sich Gublini und Minerva ebenfalls auf die Abtreibung, wenn sie die Grenze ein Stück weiter verschieben wollen, um den Infantizid wieder zu ermöglichen. Man darf gespannt sein, was der nächste Schritt sein wird.

Jedenfalls läßt bestärkt mich das Ganze in meinem Zweifel daran, daß alles Unmenschliche nd Barbarische von den Religionen, und alles Menschliche von einem modern-religionslosen Denken kommt. Sowohl beim Kindermord als auch bei den Abtreibungen von Mädchen stehen Christentum und andere Religionen auf Seiten der Opfer. Von religionslosen Abtreibungsgegnern hab ich noch nichts gehört.

Das war’s für heute von den Netzfunden. Bis zum nächsten Mal.