Uncategorized

Eigentlich ein guter Protestant

Der Nachtwächter hat auf meine Polemik gegen Brights und Atheisten mit einem Glaubensbekenntnis geantwortet. Dieses Bekenntnis wiederum finde ich so interessant, daß ich nun, anstatt einen langen und ausführlichen Kommentar darunter zu setzen, mit diesem Artikel darauf eingehen will.

Zu sagen wäre noch, daß ich gerade nicht den Nachtwächter meinte mit meiner Polemik, auch wollte ich nicht kritisieren, daß sich Brights oder andere zu Gruppen zusammenfinden. Meine Kritik galt einer bei manchen Brights und Atheisten verbreiteten Hochmütigkeit, die sie gegenüber Religiösen an den Tag legen. Nun aber zum Bekenntnis:

Der Gedanke, den ich beim Lesen des Bekenntnisses hatte, war in etwa der: Eigentlich ein gut protestantisches Bekenntnis. Bis auf die Gottesfrage, aber hier ist der Protestantismus auch schon immer sehr weit gewesen (i.d.R. weiter als ich die Grenzen des Christentums fassen würde, aber das ohne jede Wertung und natürlich rein subjektiv).

Zum Beispiel die Leugnung des freien Willens:

und dass ich nicht an so etwas wie einen “freien Willen” des Menschen glaube. Wer mich liest, weiß das; und wer mich hört, kennt den Klang. Jede psychische Regung ist determiniert und wird erst im Nachhinnein rationalisiert. Daraus erhüpft ein besonderer Begriff von der Freiheit, die ich nur als eine Freiheit von Angst verstehen kann.

Das erinnert mich sehr stark an Calvin, der in seiner Lehre von der doppelten Prädestination auch einen Freiheitsmoment sah. Kein Papst oder sonstiger Priester konnte ihn von Gott trennen. Ähnlich war das auch schon bei Luther in der Schrift De Servo Arbitrio.

Der Nachtwächter lehnt die

Bücher, Traditionen, Überlieferungen in neurotisch zementierten und von gut bezahlten Verwaltern verwaltete Buchstaben

ab und setzt dagegen sein Leben und seine Lust. Ich meine verstanden zu haben: Seine Erfahrung. Und nichts anderes ist es eigentlich, was in all den Büchern und Traditionen der „organisierten Religion“ überliefert wird (Klar sehen das einige anders, und viele dieser Leute bezeichnen sich als Christen, was ich ihnen nicht absprechen kann, ohne in die no-true-scotsman Falle zu tappen. Allerdings sind auch diejenigen true scotsmen, die die Überlieferung eben als Überlieferung ansehen und nicht als unfehlbares Diktat vom Himmel). Es besteht, nach meinem Verständnis, alos kein signifikanter Unterschied zwischen dem Nachtwächter und (zumindest Teilen des) Protestantismus.

Der Nachtwächter spricht auch von einer Verantwortung, die er aufgrund seines Glaubens verspürt.

… Parareligion des Konsumismus, die sowohl direkten Abwehrzauber als auch narzißtische Allmachtsträume verkauft, um industriell erstellte Produkte zu verkaufen. Ich trete diesem Ansinnen entgegen, weil ich die Verantwortung habe, diesem Ansinnen entgegenzutreten.

Solche Verantwortung verspürt wohl jeder Mensch, der an etwas glaubt, und da jeder Mensch etwas glaubt (noch so ein Punkt, in dem ich dem Nachtwächter zustimme), sollte solch ein Verantwortungsgefühl bei jedem vorhanden sein. Bleibt die Frage, für was sich die Menschen verantwortlich fühlen. Ein fundamentalistischer Christ oder Muslim etwa kann die Verantwortung verspüren, die Welt vor einer (aus seiner Sicht schädlichen) Gottlosigkeit (wie man den Begriff auch immer füllt) zu reißen. Wie der Nachtwächter dem Konsumismus, den er persönlich als schädlich erlebt, entgegentritt, so tritt der religiöse Fundamentalist der Gottlosigkeit entgegen, der Kapitalist der Planwirtschaft (okay, der war platt) und der Kommunist der Unterdrückung der Arbeiterklasse (auch nicht viel besser, die Beispiele sollten aber aufzeigen können, was ich meine). Insofern sehe ich auch einen gewissen prinzipiellen Widerspruch zwischen der Verantwortung und dem Entgegentreten zu folgenden Sätzen des Nachtwächters:

Niemals mache ich meinen Glauben zu einem Zwang für andere Menschen, niemals leite ich daraus gesellschaftliche Forderungen und eine für alle Menschen verbindliche Moral ab, die auch gegen Andersgläubige durchgesetzt werden soll, niemals beanspruche ich, dass mein Glaube für andere Menschen verbindlich ist und setze diesen Anspruch mit irgendwelchen Zwangsmitteln durch.

Wie trete ich einer Sache entgegen, ohne Zwang anzuwenden? Wie ohne Forderungen zu formulieren? Mir ist schon klar, daß der Nachtwächter keine Kreuzzüge veranstaltet, und daß er sich bei seinem Eintreten gegen den Konsumismus auf das stützt, was er für gut hält und gegen das vorgeht, was er für schädlich hält. Doch nichts anderes dachten die Kreuzritter und die Selbstmordattentäter (ich spreche jetzt nicht von den Führern, die um des eigenen Machtkalküls Willen die Massen gegeneinander aufgehetzt habe, das ist ein anderes Problem), wenn auch diese zu deutlich gewalttätigeren Mitteln gegriffen haben als es der Nachtwächter wohl tat und tun wird. Im Recht wähnen und wähnten sich alle, jeder lebt in seinem eigenen „gutgekreisten Selbstbetrug“, und anders können wir auch nicht.

Ein letzter Punkt, der eine Nähe zum Protestantismus (reformierter Ausprägung) nahelegt ist der Ablehnung des „celestialen Brimboriums“. Deshalb gibt es in reformierten Kirchen in der Regel keine Bilder, und auf die Pfaffen wurde in der Reformation auch gescholten, am liebsten wohl von Luther, dem godfather der Beschimpfungen.

Daneben bringt er allerlei gute und wichtige Kirchenkritik (Schweigen der Kirchen angesichts verschiedener Entwicklungen – wobei ich höchstens von einer zu leisen Stimme sprechen könnte, was tatsächlich ein großes Problem ist), aber auch au meiner Sicht fragwürdige Vorwürfe (Bekenntniszwang bei kirchlichen Arbeitgebern. Welcher Parteisekretär verliert nicht den Posten, wenn er die Partei verlässt, auch wird nie der Vorwurf erhoben, daß kein Ausländer Bundeswehrsoldat werden kann). Das sind jedoch andere Themen, die extra erörtert werden müßten, und mit dem Bekenntnis an sich nichts zu tun haben.

Der Nachtwächter hat in seinem Bekenntnis sehr gut seinen Standpunk dargelegt. Ursprünglich dachte ich daran, ein eigenes Bekenntnis als Reaktion zu schreiben, allerdings wurde mir schnell klar, daß ich nicht zu einem so zusammenhängenden und schlüssigen Text gekommen wäre (dieser Text hier ist auch nicht gerade die Krone der Schreibkunst). Schon alleine daher zieh ich meinen Hut vor dem Nachtwächter, seiner Offenheit und seiner Schreibkunst.

Ich habe wie gesagt einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Bekenntnis des Nachtwächters und meinem eigenen Bekenntnis (ich bezeichne mich als Protestanten) festzustellen gemeint. Allerdings möchte ich den Nachtwächter nicht als Protestanten vereinnahmen. Distanziert sich von Kirche und sonstigen Formen organisierter Religion, und ich respektiere das. Daher auch das „eigentlich“ im Titel dieses Beitrags. Doch wäre es mir manchmal lieber, mehr Nachtwächter im Protestantismus zu haben als denkfaule und verantwortungsscheue Fundamentalisten, die das Denken und die Verantwortung ihren Führern und Texten aufbürden, um später ihre Hände eventuell in Unschuld waschen zu können. Eigentlich eine sehr unprotestantische, ja unchristliche Einstellung. Nach meinem Dafürhalten. Trotzdem bezeichnen sich diese Leute als Christen, und ich muß das hinnehmen, so wie ich hinnehmen muß, daß Leute wie der Nachtwächter sich außerhalb der Kirche stellen, obwohl sie (nach meinem Dafürhalten) gut hineinpassen würden.

Und da ich niemanden vereinnahmen kann, noch jemandem das Christsein absprechen, muß ich mich damit abfinden, daß ich Gespräche, die ich gerne innerkirchlich führen würde (etwa über den überpersonalen Prozess) mit Außenstehenden, wenn überhaupt, führe, und Gespräche, die eigentlich in den Bereich der Abgrenzung gegen außen gehören, wie über den Kreationismus und die Vergötzung der Bibel, innerkirchlich stattfinden.

Mit fröhlichem Gruß an den Nachtwächter…. 😉