Glaube, Religion

Warum Bertrand Russel kein Christ ist war

Bertrand Russell (1872 – 1970) war englischer Philosoph – und glaubte nicht an Gott. Die Tage stieß ich auf einen Vortrag von ihm mit dem Titel „Warum ich kein Christ bin“. Er hielt den Vortrag am 6. März 1927 vor der National Secular Society in London.

Der Vortrag scheint einige Bekanntheit zu haben, so hat er beispielsweise einen eigenen Wikipedia-Artikel. Beim Durchlesen fielen mir ein paar Ungenauigkeiten auf, die ich hier gerne auflisten will. Es wird dabei wohl keine Widerlegung rauskommen, aber das ist auch nicht mein Ziel. Die „Gründe“, warum jemand an den christlichen Gott glaubt oder nicht, sind je individuell – jedenfalls glaube ich nicht, daß Glaube durch reine Vernunftargumente deduziert werden kann, da muß schon eine existentielle – und damit individuelle – Komponente dazu kommen.

Allerdings halte ich es für eine gute Sache, konstruktiv Kritik zu üben, denn ohne konstruktive Kritik gibt es keine Weiterentwicklung – und das wäre doch schade.

Ich beziehe mich dabei auf die bei atheisten-info.at veröffentlichte deutsche Übersetzung des Textes. Wer den Text im englischen Original lesen möchte, wird hier fündig.

Ziemlich zu Anfang problematisiert Russel den Begriff „Christ“:

Das Wort hat heute nicht mehr die gleiche lebendige Bedeutung wie zu Zeiten des heiligen Augustinus oder des heiligen Thomas von Aquino. Wenn in jenen Tagen jemand sagte, er sei ein Christ, so wusste man, was er meinte. Er erkannte eine ganze Reihe von genauestens festgelegten Glaubenssätzen an und glaubte an jede einzelne Silbe davon mit der ganzen Kraft seiner Überzeugung.

Die Wahrheit sieht wohl doch etwas anders aus. Augustinus setzte sich mit den Donatisten auseinander, die ganz andere Ansichten darüber hatten, was christlich ist und was nicht. Ebenfalls zu nennen wäre die Auseinandersetzung mit Pelagianismus und Semipelagianismus.

Thomas von Aquin lebte zur Zeit der Katharer, die Waldenser existierten auch schon, außerdem gab es schon länger das Schisma mit der Ostkirche (wobei das formal wohl erst im 18 Jahrhundert festgezurrt wurde…).

Die Behauptung, daß ganz klar war,was zu einer bestimmten Zeit von allen Christen geglaubt wurde, gehört eher in der Reich der Phantasie, es sei denn, man will eine Gruppe Menschen künstlich abgrenzen und schert sich nicht um Ungenauigkeiten bei der Bezeichnung. Kann man machen, allerdings läuft man Gefahr, mißverstanden zu werden, womöglich baut man sich gar Strohmänner auf, die zwar den Vorzug haben, von jeder Argumentationslinie genau getroffen zu werden, die andererseits womöglich nicht viel mit der Realität zu tun haben…

Russell braucht für seinen Vortrag eine Definition dessen, was er als Christ versteht, denn er will ja darlegen, wieso er nicht zu dieser Gruppe gehört. Er nennt zwei Kriterien:

  1. Man muß an Gott und die Unsterblichkeit glauben.
  2. Man muß Jesus als den Besten und weisesten der Menschen ansehen.

Man könnte jetzt problematisieren, was Russell unter „glauben“ versteht: Ein für-wahr-halten oder doch eher ein Vertrauen. Und was bedeutet dann Gott für wahr halten? An Seine Existenz zu glauben?

Das würde wiederum auf die Frage lenken, was mit „Existenz“ genau gemeint ist, denn Gottes Sein ist anders als unseres, denn wir sind nach christlicher Lehre Geschöpfe, Er nicht. Bezieht man den Existenzbegriff allein auf uns Geschöpfe, kann man durchaus Christ sein und die „Existenz“ Gottes verneinen – Er ist kein Geschöpf, Er ist der Schöpfer. Für Seine „Existenz“ bräuchte man ein anderes, „höheres“ Wort.

Auch was die Unsterblichkeit angeht, würde ich ein Fragezeichen machen. Viele Christen sind gestorben, darunter alle Apostel, Kirchenväter etc etc. Und was das ewige Leben angeht, also Auferstehung und Gemeinschaft mit Gott in der Ewigkeit – da gibt es so viele Ansätze und Denkweisen, daß ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen würde, daß es keine Christen gibt, die das verneinen.

Was Jesus als besten und weisesten Menschen angehtkönnte an fragen, nach welchen Kriterien das gehen soll. Jesus hatte keinen Doktor in Quantenphysik  und war wohl auch nicht der weltbeste Badminton-Spieler. Auch wenn sich das „beste“ darauf bezieht, daß Er ein besonders „guter“ Mensch (moralisch gesehen) war, stellt sich die Frage: Nach wessen Moral? Und wer legt fest, daß speziell diese Moral für die Bewertung geeignet ist?

Die „Gottesbeweise“

Beim moralischen Gottesbeweis frage ich mich ein wenig, wieso Gott den „gut“ sein muß. Ich denke auch, daß man für die Unterscheidung von gut und böse ein Kriterium braucht, und daß die Ableitung dieses Kriteriums aus dem Glauben eine Möglichkeit darstellt. Man könnte jetzt auch auf Luther zurückgreifen und sagen „woran Du Dein Herz hängst, das ist dein Gott“ – und dann ist Gott eben nicht immer der christliche Gott, aber immer irgendetwas, aus dem man sein Verständnis von gut und böse ableitet – und wenn es das eigene Gutdünken ist, das beschließt, daß alles was einem gefällt gut ist und alles, was einem nicht gefällt schlecht. Dann ist man halt sein eigener Gott, aber ich schweife ab. Jedenfalls denke ich, daß man über diese Schine zu einer Definition von „Gottheit“ kommen könnte, mit der man weiter arbeiten kann, denn dann hätte jeder ein Gott und wir könnten sie vergleichen. Freilich ist Russell nicht daran gelegen, deshalb betont er die Aussage der „Theologen“, Gott sei gut. Daß das nur eine Zuschreibung von extern sein kann, ist deutlich. Wer die Kriterien einer Gottheit für gut und böse anerkennt, wird diese Gottheit in einem zweiten Schritt als gut bezeichnen, sonst würde er die Kriterien ja nicht anerkennen. Umgekehrt ist es kein Wunder, wenn jemand andere Gottheiten als böse bezeichnet, soweit deren Kriterien denen widersprechen, die man selbst anerkennt. Ein Dortmund-Fan wird Bayern nie für die beste Fußballmannschaft halten, egal wie viele Titel sie gewinnen – und umgekehrt.

Beim „Argument der ausgleichenden Gerechtigkeit“ behauptet Russell, die Ungerechtigkeit in der Welt sei ein moralisches Argument gegen Gott. Und wieder stellt sich die Frage danach, wer das beurteilen will, bzw nach wessen Kriterien hier gemessen wird. Daß Russell den christlichen Gott als böse einstuft ist nicht verwunderlich, siehe oben Bayern und Dortmund. Das ist aber nicht objektiv, sondern subjektiv. Auch die Bezeichnung bestimmter Zustände als „ungerecht“ ist erst einmal subjektiv. Ich finde ja gut, daß Russell Gott – an den er nicht glaubt – in die Pflicht nimmt. Aber ohne alles zu kennen, ohne zu wissen, was nach dem Tod passiert, oder was der Grund Gottes für die Ungerechtigkeiten ist, läßt sich schwerlich ein Urteil fällen. Will man Gott moralisch bewerten, muß man Ihn zunächst anerkennen und damit auch alles, was dazu gehört: Himmel, Hölle, Engel und was sonst noch dazugehört. Und in christlicher Lehre gehört eben dazu, daß der Mensch nicht den Überblick hat und ihm deshalb kein Urteil zusteht: Siehe Hiobbuch. Russell muß sich schon entscheiden, ober Gott verneint, oder ob er moralische Gründe gegen Ihn sammelt.

Im Großen und Ganzen hat Russell jedoch Recht: Gott läßt sich nicht objektiv beweisen – und damit ist die Frage, ob ich an Ihn glaube oder nicht keine Frage von besseren oder schlechteren Argumenten, sondern eine Frage von individuellen Erfahrungen und Vertrauen.

Der Charakter Jesu

Ich muß Russell zustimmen, daß viele Christen sich anviele radikale Forderungen der Evangelien nicht halten. Ich wundere mich nur, daß er diesen Forderungen zustimmt und gleichzeitig zugibt, sich selbst nicht daran zu halten. Wenn es gute Forderungen sind, wieso handelter nicht danach, wieso tut er frewillig Schlechteres, als er könnte? Sieht er diese Forderungen vielleicht doch nicht als gut an, sondern redet nur so, um Zustimmung zu ernten? Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: „Ich lehne diese Forderungen ab, könnte ir aber denken, daß die Welt besser wäre, wenn alle sich daran hielten.“?

Gut finde ich, daß Russell klährt, sich nicht am historischen Jesus zu orientieren, sondern an Jesus, wie Er in den biblischen Evangelien geschildert wird. Besser fände ich, wenn er noch einen Schritt weiter gegangen wäre, und die Texte nicht biblizistisch 1:1 verstehen wollte, sondern sich Gedanken über Aussageintention etc gemacht hätte – denn Literatur ist Literatur und kein Gesprächsprotokoll…

Allerdings weiß er plötzlich genau, wie dieStelle zu deuten ist in der Jesus sagt „sorget nicht für den morgigen Tag“. Russell sieht darin einen Beleg dafür, daß Jesus selbst Anhänger der Naherwartung war, nach der Er noch zu Lebzeiten der damals Lebenden wiederkehren würde. Für meinen Geschmack springt Russell hier ein wenig zu viel zwischen der literarischen Ebene und dem historischen Jesus, mit dem er sich eigentlich nicht beschäftigen will. Denn der literarische Jesus glaubte an gar nichts und wußte nichts. Er ist eine Figur des jeweiligen Autors und in dessen Phantasie entstanden. Wohl gebunden an irgend ein historisches Vorbild, auf das sich Russell aber nicht beziehen wollte – er stellt ja die Historizität Jesu allgemein in Frage.

Er müßte also viel mehr sagen: Die Autoren der Evangelien waren etwas dämlich, daß sie Jesus einerseits so darstellen, als hätte Er die schnelle Wiederkehr erwartet, andererseits aber selbst zu einer Zeit lebten, als man in der Frage umzudenken begann. Einem historisch angeblich inexistenten Jesus kann hier allerdings sinnvoll nichts unterstellt werden.

Aus der angeblichen Unkenntnis Jesu zum Zeitpunkt Seiner Wiederkehr leitet Russell nun ab, Jesus sei nicht so klug wie andere Menschen gewesen und habe keine höchste Weisheit gehabt. Ich meine, das ist ein Fehlschluß, denn um dieses Urteil zu fällen,müßte erst jemand gefunden werden, der behauptete, Jesus würde nicht relativ schnell wiederkehren. Und derjenige müßte es nicht einfach behaupten, also raten, sondern logische Gründe vorbringen, also irgend etwas, was für seine Klugheit und Weisheit spricht.

Dann ärgert sich Russell über den Höllenglauben des literarischen Jesus und seine Verurteilungen seiner Gegner. Das sei kein nettes Verhalten. Man könnte nun einwenden, der literarische Jesus (also eigentlich Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) lege nur offen, wennauch emotional, was Sache ist. Ist es denn so ein guter Charakterzug, den Boten schlechter Nachrichten zu köpfen? Denn genau das tut Russell hier, wenn ich es richtig sehe: Er wirft dem Boten die Botschaft vor. Daß er die Botschaft nicht mag ist nur natürlich: Immerhin ist Russell kein Christ und auch der Bayern Fan freut sich nicht über die Botschaft, daß es diese Saison nur für den Meistertitel reichte…

Daß die Höllenlehre Grausamkeiten und für Generationen unbarmherzige Foltern gebracht hätte, hätte ich gern etwas breiter dargestellt. Mir ist nämlich so, als hätte es auch außerhalb des christlichen Kulturkreises Grausamkeiten udn Folter gegeben, die qualitativ und quantitativ dem, was bei uns geschah und geschieht, nicht nachstehen.

Die Parteiergreifung für den verfluchten Feigenbaum ist rührend, allerdings fragt man sich, wo das Problem liegt, wenn eine nichts fühlende Pflanze verdorrt. Und natürlich immer wieder das Problem, daß er den literarischen Jesus so behandelt, als wäre es ein historischer, als seien die Evangelien Gesprächsprotokolle…

Plötzlich ist da ein neuer Feind. Die organisierten Kirchen. Gegen diese habe man alle moralischen Fortschritt erkämpfen müssen. Hier muß er freilich den Kunstgriff wählen, das Feindbild leicht anzupassen, denn gerade in England könnte noch bekannt gewesen sein, daß die Abschaffung der Sklaverei auf Pietisten und Quäker zurückging. Allerdings war wohl keiner von ihnen in der Kirchenleitung. Also setzt man „organisierte Kirche“ und Kirchenleitung in eins, verkennt, daß Angehörige eines Glaubens auch Angehörige der organisierten Form dieses Glaubens sind udn hat ein neues, passendes Feindbild.

Daneben wäre ein weiteres Mal zu bedenken, was als moralischer Fortschritt angesehen wird und wer die Kriterien hierfür festlegt. Es mag ja sein, daß die Christen sich nicht moralisch nach Russells Vorstellungen verhalten – umgekehrt könnte es auch so gewesen sein…

Daß Angst die Grundlage der Religion sei behauptet er nur noch, er begründet es leider nicht mehr. Freilich kenne auch ich Beispiele, in denen mittels Angst versucht wird, Leute zum Glauben zu drängen oder im Glauben zu halten – bzw in der jeweiligen Gemeinde oder Gruppe. Aber ich weiß, daß das weder heute noch je die einzige Form von Religion war – ja ich vermute, daß die Rolle der Angst mehrheitlich geringer war. Man könnte dieser Spur nachgehen, hätte Russell hier argumentiert und nicht nur eine Behauptung aufgestellt.

Er formuliert die Hoffnung, daß dieWissenschaften die Welt zu einem lebenswerten Ort machen können.Ich denke, die Hoffnung sollte inzwischen enttäuscht worden sein. Die Wissenschaft ist lediglich ein Mittel, das zu guten oder bösen Zwecken benutzt werden kann. Was gut und böse ist, dafür liefert uns die (Natur-) Wissenschaft kein Kriterium. Russellhängt wohl dem Menschenbild der Aufklärung an, nach dem der Mensch nur richtig aufgeklärt werden muß über seine Irrtümer, damit er stets und immer die guten Zweckeverfolgt und die Welt ein besserer Ort wird.

Ich vermute, daß das christliche Menschenbild, nach dem alle Menschen Sünder sind, der Realität näher kommt…

Russell meint, diese Ansicht sei eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig. Ich verstehe nicht, wieso eine selbstkritische Einstellung unwürdig sein soll. Ich denke,daß nurso zur „freien Intelligenz“ zu kommen ist, die Russell anstrebt. Denn eine Intelligenz, die die eigenen Fehler – das Sündersein – ausblenden muß, um die Selbstachtung zu erhalten, ist durch diese Aufgabe und die damit verbundene Selbstdarstellung als moralisch tadelloser Mensch derart gebunden, daß sie sich kaum frei dran machen kann, die Probleme unserer Welt anzugehen.

 

Gesellschaft

Wer leichter glaubt wird schwerer klug

Ein alter Freund hat mir vor kurzem einen Videolink geschickt mit den Worten: „Unrecht hat er nicht…“

In diesem Artikel will ich mich mit dem Video befassen, nach einer kurzen Einordnung.

Der Herr der da spricht heißt Philipp Möller und ist einer der Funktionäre der Giordano Bruno Stiftung (gbs), gegründet von Herbert Steffen, einem enttäuschten Fundamentalisten (ich beziehe mich hier auf den taz Text, nach dem er die Bibel wortwörtlich verstand wie protestantische Fundamentalisten, für römische Katholiken eigentlich ungewöhnlich), der früher viel Geld in die römisch katholische Kirche steckte und seit seiner Konversion „Kirchenkritiker“ wie Deschner unterstützt, neben der gbs mit ihren ganzen Aktionen.

Die gbs sieht sich als Interessenvertretung der religionsfreien Menschen in Deutschland, was bezweifelt werden kann, da die große Mehrheit der Religionslosen eben nicht Mitglied der gbs ist. Trotzdem erfahren sie durch geschickte Medienarbeit und ihre finanziellen Möglichkeiten große Aufmerksamkeit.

Zur Rede von Herrn Möller:

Er beginnt seine Rede schon mit einem Angriff auf die Person Mattussek:

Wer leichter glaubt wird schwerer klug.

Nun muß man Herrn Mattussek nicht mögen, aber dieser Satz zeigt deutlich den Modus an, in dem Herr Möller spricht: Von oben herunter, belehrend (als Pädagoge sollte er das anders können und nicht auf dem Stand von 1900 verharren) und auf Effekt getrimmt. Inhalt kann vernachlässigt werden, denn was ist der Inhalt: Gläubige Menschen sind dumm? Dafür bringt er keinen Beleg. Muß er auch nicht, er setzt auf die Emotion, den rhetorischen Effekt, der klar machen soll: Der Katholik Mattussek ist schon wegen seines Glaubens blöd, der Atheist Möller ist jeodh klug, denn er hat den Glauben hinter sich gelassen.

Dann zählt er auf, warum es leicht ist, Religionskritiker zu sein:

  1. Weil es „absurd“ sei, an einen Gott zu glauben, weil man sein Gegenteil nicht beweisen kann.
  2. Weil man weltweit beobachten kann, wie die Religion Menschen spaltet mit dem Denken „Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen“. So entstünden nach Möller Kriege oder würden begünstigt.
  3. Weil sie (also die „Kirchenkritiker“) so viele Vordenker hätten. Er nennt Darwin, Nietzsche, Marx, Feuerbach und Kant.
  4. In letzter Zeit hätte sich der Job des Kirchenkritikers von alleine gemacht, angesichts der „massiven Vertuschung“ bei den Mißbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen.

Dem gegenüber stünden Gründe, wieso es schwer sei, „Kirchenkritik“ zu betreiben:

  1. Weil Kirchenleute mit staatlichen Mitteln rhetorisch ausgebildet werden. Er meint das Theologiestudium.
  2. Weil Menschen, die „erfolgreich indoktriniert wurden“ sich selbst immunisieren würden und auf „Kritik“ beleidigt reagierten.
  3. Weil Politiker uns weismachen würden, wir genießen hier die Werte des christlichen Abendlandes, obwohl Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegen Religionen erkämpft werden mußten.
  4. Wegen der Caritas Legende: Kirchen würden so viel Gutes tun. Caritas und Diakonie würden allerdings nur zu 1,8% von den Kirchen finanziert, der Rest kommt aus der öffentlichen Hand.

Allerdings sei der Job (des „Kirchenkritikers“) „bitter nötig“, solange

  1. religiöse Gruppierungen meinen, im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein
  2. Bistümer von Steuergeldern finanziert, aber nicht demokratisch, sondern vom Vatikan gesteuert werden
  3. wir „Berufschristen“ dafür bezahlen, Homosexualität als Sünde bezeichnen, die wider die Natur ist.
  4. wir die nötige Kritik am Islam als islamophob oder rassistisch abtun

solange kann und muß, nach Möller, Religion kritisiert werden.

Seine Alternative lautet Aufklärug und Humanismus. Diese hätten drei Stützpfeiler:

  1. Wissenschaft, um Erkenntnis über die Welt zu erlangen
  2. Philosophie, um diese Erkenntnisse zu deuten
  3. Kunst, um dem Wunsch des Menschen nach Kreativität und Lebensfreude gerecht zu werden.

Er fordert, daß Religion Privatsache sein soll, was für ihn bedeutet: politische, jurristische und finanzielle Trennung vom Staat.

Er fordert eine Ethik, die sich an den Interessen des Menschen und aller anderen Tiere orientiert statt einer gottgefälligen Moral.

Dann bringt er noch ein paar Schlagwörter: Diesseits statt Jenseits, Heidenspaß statt Höllenqual und beschließt das ganze wieder mit einer Abwertung der Religion als „Mythologie, die von einer primitiven Hirtenkultur entwickelt wurde“.

Hat er Recht?

Der Einfachkeit halber, gehe ich an der Rede entlang. Dadurch können sich Dinge wiederholen, allerdings ist es für mich so einfacher und schneller zu schreiben. Es wird nicht jeder von Herbert Steffen fianziert und hat sonst nix zu tun, als solche Reden zu halten.

Zu den Punkten, warum es angeblich einfach ist, Religionskritiker zu sein:

Als ersten Punkt nennt er den, daß es absurd ist, an etwas zu glauben, weil das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Ich frage mich, ob ich in meinem Leben je einen Christen oder sonst einen Gläubigen getroffen habe, des deshalb an Gott glaubt, weil das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Der Glaube an Gott ist kein Für-Wahr-halten. Glauben im christlichen Sinn ist ein Vertrauen, kein Für-Wahr-halten. Man vertraut auf etwas, ob man es nun beweisen kann oder nicht. Beweise, Belege, Begründungen sind in den Naturwissenschaften wichtig. Und darauf baut Möller, das ist in unserer aktuellen Kultur Common Sense, daß alles irgendwie bewiesen sein muß.

Dem ist nicht so. Vieles verstehen wir nicht, vieles können wir nicht erklären, und gehen trotzdem damit um. Um Auto zu fahren muß ich nicht verstehen, wie ein Motor funktioniert. Ich vertraue darauf, daß das schon geht. Wenn nicht, geh ich zum Mechaniker wiel ich darauf vertraue, daß der es reparieren kann.

Ob er das kann, weiß ich nicht. Letztendlich ist es für den, der das Auto nutzen will auch egal, ob der Mechaniker das Auto nun mit Ersatzteilen oder dem Elderstab und seinen Kenntnissen aus den Hogwarts Filmen repariert. Hauptsache, es läuft am Ende.

Dabei sind Autos noch relativ nachvollziehbar. Wie sieht es aber mit Computersoftware au? Millionen nutzen auf ihren Rechnern und Mobilgeräten Software, deren Funktionsweise sie nicht kennen und nicht nachprüfen können. Sie vertrauen darauf, daß die Programme das tun, was der Hersteller vorgibt und sind sauer, wenn das nicht so gut läuft. Ob und was die Programme sonst noch tun, weiß der Anwender nicht. Aber er vertraut darauf, daß schon alles seine Richtigkeit hat.

Christen glauben an Gott, weil sie ihn erlebt haben. Sie deuten die Wirklichkeit anders als Atheisten. Sie haben eine andere Philosophie, die nicht auf materialistischen Fragen von Existenz und Nichtexistenz aufbaut, sondern auf Beziehung, Vertrauen und anderen existenziellen Werten.

Für Möller ist das offenbar nicht nachvollziehbar, und das ist okay. Aber dann soll er doch bitte keine Strohmänner aufbauen.

Der nächste Punkt, den er bringt ist, daß angeblich Religionen Menschen salten würden in die und wir, und daß damit Kriege begründet oder mindestens begünstigt werden.

Mein Eindruck ist, wenn man in die Geschichte schaut, daß Religion oft als Grund für Kriegsführungen mißbraucht wurde. Dazu bedient sich derjenige, der einen Krieg will, durchaus der wir gegen die Rhetorik, die er bei Religionen ausnutzen kann. Nur sind solche Strukturen nicht auf Religionen beschränkt, sie sind allgemein menschlich. Möller baut ja selbst so eine wir-die Struktur auf, indem er zwischen Gläubigen und Atheisten unterscheidet und die Gläubigen so hinstellt, als würden sie auf viele Weisen bevorzugt, während die Atheisten marginalisiert würden. Auch damit ließen sich Kriege begründen. Unreligiöse Ideologien haben regelmäßig zu Kriegen geführt, die mit einer wir gegen die Struktur begründet wurden. Wahrscheinlich liegt das allen Kriegen zu Grunde: Wir gegen die. Religionen begünstigen hier nichts. Wenn es nicht die Religion ist, ist es die „Rasse“, die „Freiheit“ oder „das Volk“, für das man in den Krieg zieht. Die Mächtigen haben eine große Auswahl. Sie werden immer das nutzen, womit sie die meisten Menschen mobilisieren können.

Religionen haben übrigens auch Anteile, die genau dieses Denken bremsen, wenn sie es auch nicht ganz verhindern können. Dem wir gegen die des Rassismus in den USA trat Martin Luther King mit dem christlichen Glauben entgegen. Dem wir gegen die der Bush-Kriege trat der Papst und Bushs eigene Kirche entgegen. Dem wir gegen die der Nazis trat die Bekennende Kirche entgegen. So einfach, wie Möller die Welt gerne hätte, ist sie nicht. Freilich, er behauptet Dinge, die oberflächlich so gesehen werden können, aber eben nur oberflächlich. So macht man Stimmung, so lenkt man Emotionen.

Als Drittes nennt er verschiedene „Vordenker“ und läßt etwa unter den Tisch fallen, daß Darwin Theologie studiert hatte und zwischen seinen Forschunsgergebnissen und der Religion keinen Widerspruch sah. Und Kant hat vielleicht die bekannten Gottesbeweise widerlegt und sich für die Unmöglichkeit eines Gottesbeweises ausgesprochen, war aber sicher kein Atheist. Die anderen Personen haben durchaus Kirchenkritik (ohne Gänsefüßchen) betrieben, aber deren Argumente sind heutigen Theologen bekannt und sie teilen sie großteils. Wenn Marx sich dagegen ausspricht, die Menschen mit Hilfe der Religion zu unterdrücken, steh ich voll auf seiner Seite. Daß Marx wahrscheinlich an keinen Gott glaubte, stört mich dabei weniger. Nur wie sehr verfängt denn die Marx’sche Kritik heute? In unserer heutigen aufgeklärten Welt, wer wird denn noch von der Kirche dumm und in Abhängigkeit gehalten? Die Kritik war gut und wichtig, als sie angebracht wurde. Und es ist gut und wichtig, sich daran zu erinnern. Es ist aber keine Kritik, die man heute einfach so wiederholen kann als sei die heutige Kirche die des 19. Jahrhunderts. Würde Möller konkret Unterdrückte benennen, könnte man sich zusammen setzen und drüber reden, wie wir das ändern. Aber darum geht es ja nicht. Zu den anderen Personen könne man ähnliches sagen.

Als letzten Punkt für die Einfachkeit der „Kirchenkritik“ nennt Möller die Vertuschung im Umgang mit dem Mißbrauch, und da muß man ihm Recht geben. Das ist ein konkreter Mißstand, an dem etwas geändert werden muß. Ich erlebe in meiner Kirche, daß es da eine Sensibilität gibt. Inwieweit die besser ist als früher kann ich nicht sagen, da ich da noch nicht in der Kirche gearbeitet habe.

Würde Möller sich auf diesen Punkt konzentrieren und sich an einer Debatte zur Verbesserung der Situation beteiligen, das wär ne Sache. Aber sein Ziel ist hier nicht ein Ende des Mißbrauchs in der Kirche, sondern ein Ende des Mißbrauchs durch ein Ende der Kirche.

Kommen wir zu den schweren Punkten und da nennt er, ich mußte fast lachen, das Theologiestudium als staatlich finanzierte Ausbildung in Rhetorik. Nun, er als Nichttheologe beweist ein durchaus erhebliches rhetorisches Geschick. Wie gesagt, er schneidet viele emotionale Punkte an, ohne viel Inhalt zu bringen und punktet damit. Ich weiß nicht wie es im Pädagogikstudium ist, aber im Theologiestudium kommt Rhetorik kaum vor. Eine Schulung habe ich darin nicht erfahren, das muß man sich als Theologe andernorts holen, wenn man das will. Ebenso wie auch Herr Möller. Daß das Studium der Theologie vom Staat finanziert wird, stimmt. Aber das gilt ebenso für das Studium der Pädagogik, das er genossen hat, und das er nun einsetzt in seiner Rhetorik für die gbs und gegen die Kirchen. Gleiches gilt für Ingenieure, Betriebswirte und hunderte andere Studiengänge. Allerdings werden die theologischen Fakultäten auch von den Kirchen mitfinanziert. Der Staat steht hier nicht alleine im Obligo. Im Vergleich zu anderen Fakultäten, macht er hier ein Plus.

Der zweite Punkt ist der mit der Indoktrination. Auch dieser Punkt kann in beide Richtungen ausgelegt werden. Im Grunde unterstellt er aber nebenbei Andersdenkenden, indoktriniert worden, also nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein, weshalb ich das jetzt nicht weiter ausführen will, weil ich diese Prämisse nicht annehmen möchte.

Im dritten Punkt geht es um die Erkämpfung verschiedener Rechte gegen die Religionen. Hier sollte Herr Möller noch einmal in ein Geschichtsbuch sehen. Diese Rechte wurden in der Neuzeit erkämpft. In einer Zeit, als die Macht der Kirche weitgehend gebrochen war und die absolutistisch regierten Nationalstaaten die Macht in den Händen der weltlichen Fürsten bündelte. Die Französische Revolution richtete sich in erster Linie gegen die Monarchie, nicht gegen die Kirche. Einen Anfang nahmen die Freiheitsrechte übrigens bei einem bekannten Mönch, der an seinem Glauben auch gegen Papst und Kaiser festhielt und einem 30 Jahre währenden Krieg, den die gbs nicht zögern würde als einen der durch die Religion begründeten Kriege zu bezeichnen. Am Ende dieses Krieges standen weitreichende Freiheitsrechte, was den Glauben angeht, mithin Grundstein für weitere Freiheitsrechte und erfochten nicht gegen Religion, sondern unter den damaligen Religionen. Nebenbei ging es natürlich um Macht.

Anders gesagt: Ohne die Religionen und ihren Konflikt untereinander wäre es zur Religionsfreiheit nicht gekommen und damit wohl auch nicht zu all den anderen Freiheiten, die folgten, wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Menschenrechte. Was die Glechstellung von Mann und Frau angeht sehen wir ja gerade, wohin der Laizismus führt, wenn in Frankreich Männer tragen können, was sie wollen, wenn sie am Strand sind, während Frauen mitunter genötigt werden, sich zu entblößen. Schöne Gleichberechtigung.

Der letzte Punkt, die „Caritas-Legende“. Ich frage mich, wo Möller seine Zahlen her hat. So weist das Kindertagesstättengesetz von Rheinland-Pfalz einen Personalkostenanteil des Trägers zwischen 5% und 15% aus, je nach Gruppenanzahl, -größe und Ausrichtung. Außerdem sind die Sachkosten vom Träger zu zahlen – wobei man sehen muß, daß es hier oft Verträge mit der Kommune gibt, die sich je nach dem beteiligen – allerdings ist deren Geld auch knapp.

Sicher ist es möglich, daß durch Krankenhäuser und andere Einrichtungen der Schnitt noch sinkt, allerdings scheint mir 1,8% doch relativ klein. Leider nennt Möller keine Quelle. Umgekehrt müßte man aber einmal fragen, wer für diese 1,8%, wenn es wirklich so wenig ist, aufkommt? Und ob dies nicht doch die Allgemeinheit entlastet. Die gleichen Bedingungen haben übrigens auch alle anderen freien Träger. Möller könnte sich also ebenso hinstellen und behaupten, das Rote Kreuz oder die AWO würden nichts Gutes tun. Das behauptet er nicht. Wär auch nicht populär. Der Kirche kann man es, um des Effektes Willen, unterstellen.

Nötig sei die Religionskritik, solange Gruppen meinen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, meint Möller. Ich möchte ihm da widersprechen. Kritik ist immer nötig und gut, denn ohne Kritik kann man nichts verbessern. Dann aber bitte auch Kritik, und keine Stimmungmache mit platten, populären Behauptungen, die sich auf den ersten Blick vielleicht richtig anhören und Emotionen ansprechen, aber in der geäußerten Form kaum haltbar sind. Mir steht kein Fall vor Augen, in dem die gbs Kritik in konstruktiver Form geäußert hätte. Es geht immer um das Destruktive, wie es die Ideologie der gbs vorgibt.

Als nächstes spricht er die Staatsleistungen an und meint, Bistümer würden vom Staat finanziert. So ist es nun nicht. Nicht die ganzen Bistümer, sondern der Bischof und evtl. weitere Körperschaften am Bistumssitz werden finanziert, und zwar aufgrund alter Verträge. Diese Verträge sollen seit der Einführung der Weimarer Verfassung abgelöst werden. Nur bremst hier der Staat. Nicht, weil er so kirchenfreundlich wäre, die Kirchen hätten mit der Ablösung kein Problem, wie sie bereits äußerten. Sondern weil es teuer würde.

Im Grunde geht es darum, daß der weltliche Staat vor langer Zeit große Gebiete und Rechtsansprüche von kirchlichen Körperschaften übernahm und sich dafür verpflichtete, die Fianzierung kirchlicher Belange selbst zu übernehmen, weil die Kirchen dies nun nicht mehr konnten. Das ist im Groben auch heute noch der Stand. Eine Ablösung wäre eine Entschädigungszahlung von den Ländern an die Kirchen. Das wollen die Länder nicht, wiel es teuer würde, viel teurer als die Finanzierung von einer Hand voll Bischöfen.

Jetzt kommen einige gbs Fanboys und sagen, man habe ja bereits lange genug gezahlt an die Kirchen, jetzt sei gut und man könne die Zahlung ja einfach absetzen. Aber was hätte China gesagt, wenn die Briten einfach Hong Kong behalten hätten – ohne Pacht gezahlt zu haben? Eben. Gültige Verträge sind einzuhalten, das ist ein grundlegendes rechtliches Prinzip. Wäre dem nicht so, bräuchte man keine Verträge zu schließen. Wenn hier also Kritik geübt wird, dann doch bitte an die richtige Stelle wenden, an den Staat. Denn die Kirchen können hier nichts ändern. Sie sind der staatlichen Gesetzgebung genau so unterworfen, wie jeder von uns.

Der nächste Punkt waren die „Berufschristen“, die „wir“ dafür bezahlen, Homosexualität als Sünde wieder die Natur zu bezeichnen.

Nun, man kann diese Einstellung freilich kritisieren, das passiert mitunter auch innrhalb der Kirche – und viel deutlicher als von der gbs. Aber ob jemand ein „Berufschrist“ ist, sollte keinen Einfluß haben. Und wer ist dieses „wir“, der den bezahlt? Sicher nicht die gbs. Auch nicht der Steuerzahler. Die Pfarrbesoldung wird aus den Einnahmen bestritten, also vor allem Kirchensteuermitteln. Und Möller gehört sicher nicht zum „wir“ der Kirchensteuerzahler.

Nebenher gesagt: Es wird auch kein „Berufschrist“ dafür bezahlt, genau das zu sagen. Manche haben den Auftrag zur Verkündigung. Die besteht aber nicht im Kern aus Homophobie – weder bei Katholiken noch bei Protestanten!

Und dann komm noch der Satz mit der Islamophobie. Dazu nur kurz ein paar Worte: Kritik ist immer gut und nötig, wie schon geschrieben. Allerdings hat die gbs mit ihren Veröffentlichungen und in ihnen nahe stehenden Internetauftritten „Islamkritik“ in einer Weise betrieben, die einer Abwertung gleich kommt und ein Stück weit auch den Boden bereitet hat für Pegida und AfD. Mir ist hier noch keine Distanzierung bekannt in dieser Hinsicht. Und da muß es dann auch einmal gestattet sein, die Frage zu stellen, ob die gbs gbs-Kritik betreibt, so wie Kirchenvertreter Kirchenkritik betreiben und gut heißen? Gerade in Hinblick auf den Bezug auf die Aufklärug täte es der gbs IMHO gut, hier aktiv zu werden.

Ja, Religion muß kritisiert werden. Aber nicht, weil Religionsanhänger anders denken als Möller – um seine Punkte mal in einen zusammen zu fassen, sondern weil Kritik (ohne Gänsefüßchen) grundsätzlich eine gute Grundhaltung ist – gegenüber allen Institutionen.

Was er als Alternative anbietet, Aufklärung und Humanismus, ist keine, denn das gibt es ebenso in den Religionen. Auch die „Stützpfeiler“ kommen dort vor. Das angebliche Rhetoriktraining ist ein wissenschaftliches Studium, das die gleichen Methoden anwendet, die andere Wissenschaften anwenden, das diese Methoden teilweise sogar entwickelt hat, die dann später von anderen Wissenschaften – der Geschichte, den Sprachen, der Literatur, übernommen wurde. Auch Philosophie spielt eine Rolle im Theologiestudium und gerade Kunst hat in der Kirche einen hohen Stellenwert. Wer je eine Kirche betreten hat oder eine Bachmesse hörte, hat es selbst erfahren. Dagegen sehe ich wenig künstlerische Aktivität im Umfeld der gbs. Vielleicht liegt es aber auch an mir.

Kommen wir zu den abschließenden Phrasen, denn etwas anderes ist es nicht:

Trennung der Religion in juristischer, fianzieller und politischer Hinsicht vom Staat. Mir ist nicht klar, was er damit meint. Daß Religionsangehörige nicht mehr staatlich belangt werden können? Das wohl kaum. Daß Religionsangehörige vor den Gesetzen gleich sind? Das ist der Fall. Wie gesagt, eine Phrase, ebenso wie die von Höllenqualen und Heidenspaß. Wollte man seine holzschnittartige Darstellung des Religiösen teilen, dann sind das ja eben gerade keine Alternativen. Nach diesem fundamentalistischen Verständnis (das er offenbar für DIE Religion hält, womit dann klar ist, warum alle Religiösen zu Fundamentalisten werden) folgen auf den Heidenspaß ja die Höllenqualen, aber es hört sich halt gut an.

Zum Abschluß muß ich dem Herrn noch einmal einen Blick in die Geschichtsbücher empfehlen. Das römische Reich, auch der hellenistisch geprägte Osten desselben, war keine primitive Hirtenkultur. Das war Hochkultur. Die selbe Hochkultur, die die griechischen Philosophen hervorbrachte – und die attische Demokratie, die man doch sonst in neoatheistischen Kreisen so hoch hängt. Hier geht es wiederum nur um Abwertung, um die Emotion, darum, sich besser und intelligenter zu fühlen als „primitive Hirten“. Wie arm. Und was für ein Zeugnis für den Geist der Aufklärung und des Humanismus, den Herr Möller vertritt.

Tja Herr Möller, si tacuisses, philosophus manisses. Oder auch nicht.

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Refutatio der Thesen von Dirk Winkler

Ein mir nicht weiter bekannter Dirk Winkler hat auf der Homepage des Humanistischen Pressedienstes einen Text veröffentlicht, in dem er sich mit den „Schmähungen von religiösen Funktionären“ beschäftigt und Thesen bezüglich Theismus und Atheismus aufgestellt, die in der Einleitung des Textes als „selbstbewußt, freundlich und verständlich“ beschrieben werden.

Auch wenn alle drei Attribute stimmen – er bleibt stets freundlich auch bei der Forderung nach Entzug des Rederechts für Religöse, er ist stets selbstbewußt, und ich verstehe auch was er meint, inklusive der aus meiner Sicht falschen Voraussetzungen von denen er ausgeht – möchte ich mit diesem Text auf seine Forderungen und Überlegungen eingehen, ja sie in den Kernaussagen zu widerlegen (refutare) versuchen. Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß ich mich zwar schon in gewisser Hinsicht als konservativ gläubig verstehe, aber liberal-aufgeklärt denke und somit nicht so einfach zu den Fundamentalisten passe (die mögen mich auch nicht), auch wenn andere das anders sehen werden. Insofern stehe ich vieleicht nicht für das Christentum, das Winkler bei der Verfassung seines Textes vor Augen hatte. Da er die Theisten nicht differenziert, sehe ich dies nicht weiter als Problem an.

Das Ganze kann durchaus etwas bruchstückhaft werden, weil ich vor allem Denkfehler bei Winkler aufzeigen will, und diese nicht immer im Zusammenhang miteinander stehen. Bei einigen Punkten werde ich weiter ausholen, um mich verständlicher machen zu können.

Seinen Einstieg ins Thema wählt Winkler mit der Frage nach der Vermittlung und Werten. Auf religiöser Seite würde behauptet, der Atheismus biete keine Werte an (eine Aussage, der Winkler erst zustimmt, später widerspricht er ihr) im Gegensatz zur Religion und Glauben, die Werte vermittelten, und ihrerseits wichtig für das Miteinander der Menschen sind.

Um es nicht von Anfang an zu Mißverständnissen kommen zu lassen: Religion unterscheidet sich hier strukturell nicht vom Atheismus. Wenn das eine Werte beinhaltet oder vermittelt, so auch das andere. Eine andere Frage ist die Bewertung der jeweiligen Werte.

Winkler geht auf den Vorwurf ein, Nationalsozialismus und Stalinismus seien Resultate atheistischen Denkens. Er meint, beim Nationalsozialismus ruhte „fest im Glauben an einen Gott“. Das hätte ich gerne noch weiter ausgeführt und belegt. Ich sehe nicht, wo es für den Nationalsozialismus strukturell wichtig war, von einem Gott auszugehen. Nach meiner Meinung war Gott dem Nationalsozialismus egal, wenn auch manchmal der Begriff Gott in der Propaganda vorgekommen sein mag. Alles in allem denke ich doch, daß Hitler der eigentliche Gott der Nazis war, dessen Wille allzeit erfüllt werden mußte.

Ähnlich sieht es beim Stalinismus aus. Doch kann sich Winkler, nur weil er meint, hier pseudoreligiöse Züge zu erkennen (die es zweifellos sowohl bei Hitler als auch bei Stalin als auch bei anderen wie etwa Mao gab), diese Diktatoren und Systeme nicht undifferenziert der Religion zuschlagen. Konsequent zu Ende gedacht wäre dann auch Atheismus Pseudoreligion, wenn auch ohne Gott. Zu den strukturellen Übereinstimmungen von Theismen und Atheismen komme ich unten noch einmal zurück.

Weiterhin behauptet Winkler, daß alle Religionen behaupteten, Glaube sei ein absoluter Wert. Das ist zunächst einmal vollkommen falsch. Es gibt Religionen, bei denen der Glaube nebensächlich ist. Viele Religionen legen den Hauptaugenmerk nicht auf den Glauben, sondern auf das Tun. Wenn man sich an die richtigen Ruten und Verhaltensweisen hält, kann der Glaube dann zur absoluten Nebensache werden. Nur weil es im Christentum zu einer großen Wertschätzung des Glaubens gekommen ist (wenn ich es richtig sehe auch viel mehr als in Judentum und Islam, die sonst dem Christentum sehr nahe stehen), kann Winkler also nicht verallgemeinern. Im Weiteren muß angemerkt werden, daß auch im Christentum der Glaube nicht unbedingt als absoluter Wert angesehen werden kann (einzelne christliche Gruppierungen ausgeschlossen, jaja, Verallgemeinerung führt zu falschen Schlüssen).

Wenn Winkler unter einem Wert etwas versteht, das der Mensch tun kann, an das er sich von sich aus halten kann, wie etwa Fleiß oder Ehrlichkeit, dann ist der Glaube wen nicht aus christlicher Sicht, so dann doch wenigstens bei vielen Christen, die sich auf die Reformation berufen, kein Wert (und ich bin mir ziemlich sicher daß es Orthodoxe und Vatikan auch ähnlich sehen, wenn auch mit leichten Abwandlungen). Denn Glaube ist nichts, was der Mensch von sich aus tun kann, sondern von Gott – aus Gnade und Liebe zu den Menschen – geschenkt. Glaube kann Grundlage sein für eine Wertbildung, ist aber selbst kein Wert.

Winkler fährt fort mit der Behauptung, bei der Nichtexistenz Gottes sei der Glaube an Gott ein Negativum. Hier hätte ich gerne ein Erklärung gelesen, es bleibt jedoch bei der Behauptung, er scheint hier ein Atheistisches Dogma zu formulieren, das nicht weiter hinterfragt werden kann und soll (ich hab ja persönlich kein Problem mit der Existenz von Dogmen, irgendwann kann man nicht mehr argumentieren, wenn man nicht in einen Zirkelschluß kommen will, aber es wäre hilfreich, wenn Winkler sagen würde, daß es sich hier um ein Dogma handelt bei dem er nicht bereit ist, weiter zu diskutieren).

Winkler sagt, Religion ist nicht notwendig um Werte zu formulieren. Ich würde es anders ausdrücken: Es braucht zum Formulieren von Werten nicht den Glauben an einen oder mehrere Götter. Im Gegensatz zu Winkler meine ich jedoch, daß auch Atheismus Werte bietet, zumindest der Atheismus, den er beschreibt. Wie gesagt, Religion ist hier von Atheismus nicht unterschieden. Doch wie verschiedene Religionen verschiedene Werte predigen, tun dies auch verschiedene Atheismen. Man muß eben differenzieren. Wie man diese Werte bewertet, hängt dann von der eigenen Religion oder dem eigenen Atheismus ab. So war es für Stalin ein Wert, Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Leider sehe ich ähnliche Ansätze auch bei Winkler, wenn auch nicht begleitet von der Forderung nach einem stalinistischen UNterdrückungssystem, Winkler spricht sich dazu nicht aus. Ich denke auch, daß er es gar nicht will, trotzdem erwecken seine Äußerungen weiter unten den Eindruck, daß er in diese Richtung tendiert. Auch dazu unten mehr.

Winkler meint, für die Entscheidung, wie man Werte begründet ist es wichtig, ob es einen Gott gibt oder nicht, denn gibt es einen Gott, so ist das Unterfangen, Werte außerhalb von ihm zu suchen „irrig und vergebens“. Da kann ich ihm nur zustimmen. Nicht zustimmen kann ich ihm bei seiner Ansicht, man könne Werte nur dann durch Gott begründen, wenn es wirklich einen Gott gibt. Ich kann Werte durch meine Vorstellung von Gott begründen, unabhängig davon, ob es diesen Gott gibt.

Winkler scheint anzunehmen, daß wir entscheiden können, was wirklich ist, dabei gehen wir alle nur mit Beschreibungen der Wirklichkeit um, bei manchen kommt Gott vor, bei anderen nicht. Nun ist Winkler überzeugt, daß seine Beschreibung der Wirklichkeit wahr ist und alle anderen nicht. Prinzipiell ist das auch gar kein Problem, auch ich meine, Recht zu haben und nicht einem Irrtum aufzusitzen, mit meiner eigenen Beschreibung der Wirklichkeit. Nur bin ich mir bewußt, daß andere Menschen die Wirklichkeit anders beschreiben, und daß ich kein Kriterium besitze, zu beweisen, daß ich im Recht bin und die anderen nicht. Deshalb denke ich, jeder soll nach seiner Façon gücklich werden, auch wenn ich natürlich versuche, meinen Glauben zu erklären und darzustellen. Das kommt auf diesem Blog ja immer mal wieder vor.

Winkler macht auf mich den Eindruck, daß er eben nicht nur meint, Recht zu haben, sondern er wähnt sich auch im Besitz eines Kriteriums, an dem er alle anderen Beschreibungen der Wirklichkeit, man könnte etwas altbacken auch von Bekenntnissen sprechen (ja, man kann auch bekennen, daß es keinen Gott gibt), messen kann. Das geht nur, falls man von den gleichen Grundannahmen ausgeht, die dann tatsächlich als Kriterium dienen können. Bei unterschiedlichen Bekenntnissen sind aber auch die Grundannahmen meist unterschiedlich, so setzt einer einen Gott voraus, der andere nicht.

Bei Winkler scheint es eine wahre Beschreibung der Wirklichkeit zu geben, und alle anderen sind falsch und müssen sich der Kritik dieser seiner Wahrheit unterziehen. Wäre Winkler religiös, würde man zu Recht von Fundamentalismus sprechen, auch wenn er, im Gegensatz zu vielen religiösen Fundis, ganz nett und freundlich daher kommt. Wer neben seiner eigenen Wirklichkeit nichts anderes gelten lassen will, der ist Fundamentalist.

Das scheint dann auch in die Frage nach der Beweisbarkeit Gottes reinzuspielen. Winkler will einen Beweis Gottes, um Gott anzunehmen So lange Gott nicht bewiesen ist, ist dieser für Winkler nicht existent (also war die Erde auch flach bevor die Kugelform bewiesen wurde? Man verziehe mir diese spitze Bemerkung). Hier beißt sich jedoch die Katze in den Schwanz. Denn Wissenschaft wird betrieben etsi deus non daretur (lustigerweise gilt dies auch für die Theologie), also als ob Gott nicht gegeben wäre. Wie soll nun die logische Möglichkeit bestehen, Gott nachzuweisen, wenn ich mich in einem System bewegen muß, zu dessen definitorischen Grundlagen es gehört, daß Gott nicht darin vorkommt? Es ist unmöglich, und zwar unabhängig davon, ob es Gott gibt oder nicht. Es ist so unmöglich wie es unmöglich ist, im zweidimensionalen Raum ein Volumen zu beschreiben oder nachzuweisen. Es geht nicht. Der Atheist, der einen Beweis für Gott verlangt, muß logischerweise auch seinen Denkhorizont verlassen, und sich in einen anderen Horizont begeben. Doch da wird dann plötzlich alles anders. Von Beweisen im naturwissenschaftliche Sinn kann man vielleicht gar nicht sprechen (das wäre doch mal Wert zu überdenken, wo wir es grad von Werten hatten), vielleicht kommt hier das Gefühl zum Tragen (das Winkler später plötzlich auch aus dem Zylinder zaubert, ohne zu sagen, wo er es herholt).

Werte können jedenfalls, so meine ich, durch alles mögliche begründet werden. Winkler mag es negativ bewerten, wenn man Werte durch etwas begründet, was in seiner Welt nicht vorkommt. Damit muß an dann leben. Nur muß Winkler dann unter Umständen auch mit dem Fundamentalismusvorwurf leben. Vielleicht ist alles nur ein Mißverständnis, vielleicht läßt es sich klären, dazu gibt es ja Kommentare und Pingbacks 😉

Ein weiteres Dogma Winklers folgt im Text, und zwar die Aussage, daß falsche Annahmen der Wirklichkeit dem Menschen mehr schaden, als sie ihm helfen. Nun, wenn man mal bei Seite läßt, daß er hier wieder davon ausgeht, daß zu entscheiden sei, ob eine Annahme der Wirklichkeit entspricht, also wahr ist, und nicht nur einer bestimmten Wirklichkeitsbeschreibung entspricht, er gibt keine Erklärung dafür ab. Es muß sich um ein Dogma handeln.

Denn wie wäre es denn, nehmen wir a, jemand wäre unheilbar krank, und würde definitiv in 6 Monaten sterben. Ein Wissen darum würde ihm die letzten Monate unter Umständen verdunkeln, er nähme Schaden, würde leiden, auch wenn er von der Krankheit keine Schmerzen hat. Wen er in 6 Monaten einfach umfällt, und bisher immer ein glückliches Leben geführt hat, nimmt er unter Umständen weniger Schaden. Dazu müßte man vielleicht noch definieren, was man als Schaden ansieht. Noch so eine unklare Sache. Das Beispiel ist übrigens das, was mi zuerst in den Sinn kam. Es mag bessere Beispiele geben um zu verdeutlichen, was ich meine: Es könnte unter Umständen besser sein, falsche Annahmen von der Wirklichkeit zu haben. Es sei denn man schließt dies durch Dogmen aus.

Die Vorstellung, die Winkler von der Entstehung heiliger Texte hat, ist dann doch etwas belustigend: Jemand stellt sich hin, schreibt nen Text, deklariert ihn als heilig und unterdrückt damit dann Tausende wenn nicht Millionen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß Menschen mit religiösen Texten und durch religiöse Strukturen allgemein unterdrückt wurden. Das fand und findet statt. Aber Texte werden zu heiligen Texten, weil es Menschen gibt, die ihnen, erst einmal ganz ohne Zwang, Heiligkeit zuschreiben. Er mag den Versuch antreten, einen Text schreiben, in als heilig deklarieren, und dann die Jünger zählen und sehen, ob seine Religion Bestand hat. Selbst Sekten fangen meist nicht bei NULL an, sondern beziehen sich auf irgendwelche etablierten Texte und Denkmuster, die sie dann nach eigenem Gusto abändern.

Ich stimme Winkler zu, daß das unkritische Nachbeten von Werten der schlechteste Weg ist, Werte zu begründen (sowas gibt es in Theismen und Atheismen). Nur ist kritischer Verstand kein Alleinstellungsmerkmal des Atheismus. Schon vor dem Aufkommen des Atheismus, vor dem Zeitalter der Aufklärung, hat man sich mit kritischem Verstand religiösen Überzeugungen zugewandt. So kam es unter anderem zur Reformation, die immer wieder als Voraussetzung für die Aufklärung ins Spiel gebracht wird. Aber das nur am Rande.

Inwieweit Atheismus „notwendige Voraussetzung für einen unbelasteten Ausgangspunkt auf der Suche nach positiven Werten“ ist, kann ich nicht nachvollziehen. Gut, entsprechend seinem Weltbild behauptet Winkler das. Ich könnte das Gleiche vom Glauben an den dreieinen Gott sagen, und Winkler würde mir vehement widersprechen. Ich würde sagen: Man kann beides als Ausgangspunkt wählen, aber keiner kann für den anderen nachvollziehbar behaupten, im Recht zu sein.

Denn in der Lage, „ohne Scheuklappen, ohne Vorurteile, ohne Dogmen mit offenen Augen und kritischem Geist durch das Leben gehen zu können“ bin ich mindestens genau so ie Winkler. Zumindest bilde ich mir dies ein, man möge mich widerlegen.

Natürlich, ich habe meine Dogmen, aber ich meine, auch bei Winkler einige Dogmen erkennt zu haben. Scheuklappen und Vorurteile versuche ich bei mir zu vermeiden, ich hoffe, es gelingt mir, Winkler scheint auch nicht ganz frei von Vorurteilen dem gegenüber, was er Religion nennt, zu sein. Jedenfalls beschreibt er sie durchgehend sehr eindimensional und undifferenziert. Den kritischen Geist nehme ich voll für mich in Anspruch, und dies steht auch in keinem Widerspruch zu meinem Glauben und die Augen bemühe ich mich auch offen zu halten. So kam ich ja auch auf den Artikel von Winkler.

Nebenbei, man sollte mit den Begrifflichkeiten aufpassen. Denn was ist denn Religion? Ein Satz von Überzeugungen, auch Riten, die die Welt erklären sollen. Man kann auch sagen, Religion beschreibe einen Weg, um zu Werten zu kommen. Dabei ist jede Religion anders. Und da rein würden dann auch sämtliche Atheismen fallen. Und diese würden dann Werte bieten, wobei der Atheismus als solcher viel zu vage ist, als daß man davon schon einen Wert ableiten könnte (oder doch? ich trau es mir nicht zu). Gleiches gilt aber auch für den Theismus, da sich dahinter auch alle möglichen bekannten und unbekannten Systeme verbergen. Deshalb benutze ich hier die Begriffe Atheismus und Theismus, die sich nur darin unterscheiden, ob man nun ein oder mehrere Götter annimmt oder nicht. Eigentlich ist das auf das Ganze gesehen ein äußerst kleiner Unterschied (wenn auch ein äußerst Wichtiger).

Ein Mensch kann selbst Werte begründen. Ich denke jedoch, die geht nicht ohne einen Gott. Doch muß man hier mit dem Gottesbegriff aufpassen. Ich fasse den Begriff Gott hier weiter, als man ihn in der Umgangssprache faßt, meine aber, damit strukturelle Klarheit zu gewinnen in Bezug auf Unterschiede zwischen Theisten und Atheisten.

Unter Gott verstehe ich das, was dem Individuum das höchste Gut ist. Für religiöse Menschen ist dies im Idealfall der jeweilige Gott oder der Göttervater vielleicht auch in einem Polytheismus. Ich sage Idealfall, weil ich davon ausgehe, daß kein Mensch diesen Anspruch sein ganzes Leben lang durchhalten kann. Das hat etwas mit der Sünde (wichtig ist der Singular!) zu tun, das ist jedoch ein ganz anderes Thema auf das ich hier nicht eingehen will (wenn jemand an dem Thema Interesse hat mag er sich melden, vielleicht gibt’s dazu dann nen eigenen Artikel im Blog).

Da jeder Mensch ein höchstes Gut hat, von dem er seine Werte ableitet, hat auch jeder Mensch einen Gott nach dieser Definition. Ob dieser Gott nun ein übersinnliches, persönliches, lebendes Wesen ist, wie in den meisten Weltreligionen, ein (heiliges) Buch (ja, das ist ein Seitenhieb auf die Fundamentalisten) oder ein Prinzip, ob ein Mensch oder was auch immer, spielt dabei keine Rolle. Dieses höchste Gut ist es, ob nur eingebildet oder nicht, das unsere Wertebasis ist. Da dieses höchste Gut nicht ein übersinnlicher Gott sein muß, andererseits aber alle Menschen von diesen jeweils eigenen höchsten Gut ihre Werte ableiten (oder es versuchen oder behaupten – genau: Sünde), kann der Mensch natürlich ohne einen Gott, wie Winkler den Begriff versteht, Werte begründen.

Übrigens kommen Theisten und Atheisten jeglicher Couleur häufig zu ähnlichen Werten, auch bei völlig verschiedenen höchsten Gütern oder Göttern. Denn irgendwo sind sie sich doch alle ähnlich, zumindest die Populären. Wäre dies nicht der Fall, würde unsere Gesellschaft auseinanderbrechen, weil es keinen Konsens mehr gäbe und alle gegeneinander arbeiten würden, ja weil ihre unterschiedlichen Götter (meine Begrifflichkeit) dazu führen würden, daß die Konflikte aufbrechen. Denn es können auch höchste Werte auftreten, wie „Rassenhygiene“. Aber schon ein kleiner Gesundheitswahn (höchster Wert=Gesundheit, wie auch immer definiert) kann zur Diskriminierung dicker Menschen führen…

Winkler nennt jetzt als Grundlage für seine Werte das menschliche Bedürfnis und die natürlichen Neigungen des Menschen. Dabei stellt sich das Problem, was denn nun natürlich ist:

Ist homosexuelle Neigung natürlich? Wenn ja, wie ist es mit pädosexueller Neigung? Sagen kann man nur, aß es beides wohl gibt. Was wir als Krankheit definieren und was als natürlich, hat mehr mit Moralvotellung zu tun als mit wissenschaftlicher Erkenntnis.

Was also krank ist und was normal ist Gegenstand einer Vorentscheidung. So gibt es im christlichen Menschenbild (genau, jetzt kommt schon wieder die Sünde) die Ansicht, daß der Mensch erst einmal schlecht ist. Das hat mit der Ursünde (=Erbsünde) zu tun (ob es die gibt ist übrigens unabhängig von der historischen Existenz von Adam und Eva). Der Mensch ist zwar auch zum Guten fähig, abr dies ist immer nur Geschenk Gottes an den Menschen, und liegt nie in dessen eigener Macht. Deshalb habe ich Zweifel daran, daß der Mensch durch Hören auf seine Neigungen ein Wertesystem ableitet, „dass dem Menschen in seinem Menschsein gerecht wird.“ Ich rechne eher damit, daß der Mensch dann ein Wertesystem ableitet, daß seiner Neigung nach Herrschaft und Kontrolle entspricht auch wenn ihm Wege bewußt sind, es besser zu tun. Das ist übrigens unabhängig von Theismus oder Atheismus so. Der Mensch neigt meiner Meinung nach dazu, sich selbst zu vergöttlichen, also sich selbst höchstes Gut zu sein, dem alles Andere zu dienen hat. Deshalb meine ich, neigen totalitäre Systeme wie Stalinismus und Nationalsozialismus auch zu Pseudoreligiösität.

Wer mein Menschenbild nicht teilt, wird natürlich anderer Meinung sein, und das ist okay. Aber bisher konnte mir noch niemand plausibel machen, warum ich Unrecht haben könnte. Selbst wenn ich von einem rein atheistisch-wissenschaftlichen Weltbild ausgehe, scheint die Empirie meine Behauptung zu belegen. Ich sehe das bei mir und anderen, auch Atheisten 😉

Kommen wir zu einem weiteren Dogma Winklers, und hier offenbart er endgültig seinen Fundamentalismus:

Ein naturalistisches Fundament gründet auf der Realität.

Realität ist das, was seiner Beschreibung der Wirklichkeit entspricht. Daran, an der durch ihn festgelegten Realität, haben sich alle auszurichten. Den Theismen wirft er vor, ihre Fragwürdigkeit nicht in Frage stellen zu lassen, dabei bewegt er sich selbst auch nur innerhalb seines eigenen Systems. Ich wage sogar, so weit zu gehen zu behaupten, daß theistische Menschen durch die Allgegenwart des naturalistischen Weltbildes häufiger in Zweifel kommen und ihren Glauben kritisch hinterfragen, als dies Atheisten tun. Hier scheint man oft, ich kann mich natürlich irren, der Meinung zu sein, das eigene Weltbild entspreche der Wirklichkeit, ohne theistische Weltbilder auch nur zu erwägen.

Allerdings, wo er Recht hat, hat er Recht: Die christlichen Kirchen haben durchaus häufig mit Repressalien reagiert, hat man an ihnen gezweifelt. Nur ist es doch so, daß auch derjenige, der heute Gott bekennt, zumindest in gewissen gesellschaftlichen Kreisen ausgegrenzt wird. In manchen politischen Systemen hat er es aufgrund seines Glaubens mit handfesten Repressalien zu tun (Nordkorea wäre wohl eines der krassesten Beispiele) und auch der Autor fordert Repressalien gegen die theistisch denkenden Menschen. Der Atheismus ist im Gegensatz zum Theismus noch sehr jung. Man sollte also vorsichtig sein, mit einseitigen Schuldzuweisungen, bei aller Schuld, die die Kirchen auf sich geladen haben.

Nun folgt eine famose Behauptung, wiederum ein Dogma: Der Atheismus beruht auf keinen Annahmen, die er nicht beweisen könnte und wäre somit sichere Basis für die Entwicklung einer Ethik für die Menschen. Somit wäre der Atheismus folglich das einzige Haus mit schwebendem Fundament: Vollkommen erdbebensicher. Man kann nicht alles beweisen, da man, um einen Beweis zu führen, auf Bekanntem und Sicherem aufbauen muß. Nur: Dieses bekannte ist entweder schon bewiesen, oder Dogma. Da es keine Dogmen gibt, wie er behauptet (wir sind ja auch schon auf einige gestoßen, aber vielleicht hat an diesen Punkten Winkler tatsächlich nur die Beweisführung ausgelassen), kann diese Kette nur endlos zurückgehen: Eine Sache wird Bewiesen auf Grundlage etwas Bewiesenen, das seinerseits wiederum auf früheren Erkenntnissen beruht und so weiter. Will man nun nicht in die Unendlichkeit gelangen (real gibt es meines Wissens nach keine endlose Beweiskette, es gäbe keinen ersten Beweis), ist man zu einem Zirkelschluß gezwungen. Nur ist damit, wie man es auch wenden will, sämtliche Beweiskraft dahin. Und damit dann wohl auch der Vorteil des Atheismus gegenüber dem Theismus, der sich in der Regel seiner Bezogenheit auf den jeweiligen Gott bewußt ist und somit eine unbewiesene Grundlage annimmt.

Nun wird Winkler pathetisch: Auf dem Feld des Atheismus seien Philosophie, Wissenschaft und Kunst gewachsen, auf dem Feld der Religion Intoleranz, Gewalt, Unterdrückung etc…

Interessanterweise gesteht er dem Atheismus zu, daß es auch dort Irrtümer geben kann. Diese sind jedoch mit Gefühl und Verstand (genau, hier kommt er mit Gefühl, was ja eigentlich in einem naturalistisch-logischem Weltbild nichts zu suchen hat) zu überwinden. Komischerweise, oder steckt dahinter Programm(?), spricht er dieses Gefühl und diesen Verstand dem Theismus nicht zu. Denn auch wenn er zugesteht, daß es „wohlschmeckende Früchte der Religion“ gibt, so werden die doch von Intoleranz, Unterdrückung etc erstickt. Wieso, frage ich mich, geht er davon aus, daß es hier zum Ersticken führen muß, während die Irrtümer beim Atheismus marginal zu bleiben scheinen. Ein weiteres Dogma? Oder kann nicht sein, was nicht sein darf? Er begründet wiederum nicht, er geht davon aus, daß alle seine Meinung teilen und das geht ja auch ganz gut, wenn man sich gegen alles Schlechte, was atheistischen Ursprung haben könnte, immunisiert durch Begriffe wie „pseudoreligiös“ und andererseits den Kirchen Selbstimmunisierung vorwirft.

Aber gleich im Anschluß, zeigt er, daß auch Atheisten zu Intoleranz und Unterdrückungsphantasien neigen können (Irrtümr, die durch Gefühl und Verstand beseitigt werden können? Hoffentlich!):

Wer sich auf Gott beruft, soll nicht mehr gehört werden.

Wie wäre seine Reaktion, forderte ich: Wer sich nicht auf Gott beruft, soll nicht mehr gehört werden? Eben! Ich hoffe, er hat sich vielleicht in eine Euphorie geschrieben und nicht genau bedacht, was er schreibt.

Statt Religionen immer mehr Raum zu überlassen, ist der Samen der Aufklärung zu streuen.

Die Aufklärung war gut und wichtig, und die meisten Forderungen der Aufklärung, wie die kritische Vernunft, sind durchaus mit Religion vereinbar, wie ich meine. Was ich allerdings nicht ganz nachvollziehen kann ist, wo Religionen immer mehr Raum bekommen? Da, wo Kreuze abgehängt werden (nicht daß ich dagegen wäre), oder da, wo Frauen vorgeschrieben kriegen, wie sie sich zu kleiden haben (nach meiner Meinung eines Rechtsstaates unwürdig)? Man könnte hier den Eindruck bekommen, er will Angst vor der voranschreitenden Gefahr der Religion verbreiten, um so die niedrigen Instinkte der Menschen anzusprechen, ihnen einzutrichtern, daß sie selbst in Gefahr sind, wenn es so weitergeht. Das funktioniert auch grad ganz gut beim Thema Hartz IV: Die Gefahr, daß sich die Faulen Arbeitslosen auf unsere Kosten ausruhen. Oder beim Islam. Immer das gleiche Schema. So funktioniert Demagogie, was Winkler sicher nicht beabsichtigte, trotzdem sei darauf hingewiesen.

Auch das weitere:

Das kann schmerzlich sein für die, deren Weltanschauung darauf noch nicht vorbereitet ist. Es wird unvermeidlich zu Anpassungskonflikten kommen. Doch es ist soviel mehr zu gewinnen, als zu verlieren. Zu gewinnen ist ein Miteinander gleichberechtigter Menschen. Zu verlieren ist nur ein sehr sehr alter Irrtum.

Hier denke ich ganz unwillkürlich an Ideologien wie den Kommunismus: Es wird erst einmal schlimmer, gerade für die Bourgoisie, aber am Ende steht der Himmel auf Erden. Das ist, Entschuldigung, naiv. Einen paradiesischen Zustand, der auf Kosten Andersenkender erkauft wird, ist es nicht wert die Bezeichnung „paradiesisch“ zu tragen. Ich bin nicht bereit, Anpassungskonflikte welcher Art auch immer hinzunehmen, auch nicht bei anderen, um damit eine vermeidlich bessere Welt zu bekommen. All diese Utopien von der besseren Welt wenn nur erst dies oder das umgesetzt würde, endeten am Ende im Chaos. Aber vielleicht bin ich mir dessen gerade deshalb so bewußt, weil ich die Geschichte des Christentums kenne mit den immer wiederkehrenden Ideologien. Spätestens hier wird auch Winkler pseudoreligiös.

Am Schluß fragt Winkler noch nach der Aufpasserfunktion der Religion und schießt damit meilenweit am Thema vorbei. Zumindest ich nehme für meinen Glauben in Anspruch, daß er keine Aufpasserfunktion hat. Ich glaube aufgrund dessen, was ich für wahr halte, und nicht um damit irgend eine Funktion zu erfüllen. So funktioniert das nicht. Deshalb kann Winkler auch feststellen, daß trotz Religion Menschen Böses getan haben. Das liegt jedoch nicht am Versagen der Religion, sondern an der Natur des Menschen, die eben böse ist.

Eine Erklärung, wie man das Böse aus der Welt schaffen kann, gibt jedoch auch Winkler nicht. Vielleicht verschwindet es, wenn die Theisten zum Schweigen gebracht sind.

Ich gebe zu, ich bin in diesem Text an einigen Stellen sehr scharf geworden. Ich denke aber, es war berechtigt, denn Winkler erhebt teilweise Forderungen, die ich nur als grundfalsch begreifen kann. Ich habe nichts gegen ihn und seine Weltanschauung. Er soll damit glücklich werden, von mir aus soll er sie auch bewerben. Wenn er aber zum Fundamentalismus übergeht, und auf der Spur ist er mit dem verlinkten Text, kann ich dazu nicht schweigen. Außerdem wollte ich einige Mißkonzeptionen über Religion ein bißchen gerade rücke. Ich hoffe, es ist mir ansatzweise gelungen.