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Atheisten und Brights – eine Polemik

In letzter Zeit hab ich mir häufiger mal Blogs und sonstige Webseiten von Atheisten, Kirchengegenern und sogenannten Brights angesehen und den ein oder anderen Artikel auch gelesen.

Dabei stoße ich stereotyp auf die gleichen Aussagen:

1. Gläubige Menschen wissen gar nicht, was sie glauben, weil sie Paragraph X des Kirchengesetzes nicht kennen etc.

2. Die Bibel/Kirchengesetz/Dogmen sind unlogisch und widersprechen sich wird oft als Grund dafür angegeben, sich von der Kirche abgewandt und einem naturalistisch-humanistischen Weltbild (was auch immer man darunter verstehen mag) zugewandt zu haben.

3. Gläubige sind zu ängstlich, selbst zu denken und hängen sich deshalb an Autoritäten wie Bischöfe oder Götter. Damit zeigen sie ihre Unfreiheit auf.

Wer sich entsprechende Seiten einmal angesehen hat, wird die Aussagen kennen oder Ähnliches gehört haben und vielleicht auch dem ein oder anderen Punkt zugestimmt haben. Doch überprüfen wir einmal, wie es sich damit verhält:

Ad 1: Gläubige Menschen kennen vielleicht wirklich nicht jedes Wort der Bibel, jedes Dogma und nicht jede Schlußfolgerung, die man daraus ziehen könnte. Allerdings ist die Bibel ein Buch und nicht Gott, sie muß interpretiert werden wie die Dogmen, und selbst ein Papst ist nicht mit jedem Wort, das er spricht unfelbar und somit jenseits jeder Kritik. Das Bild, das hier von den Gläubigen und ihrem Verhältnis zu verschiedenen Texten und Autoritäten gezeichnet wird, ist irreführend und empirisch nicht zu halten. Es gibt gläubige Katholiken, die Kondome benutzen, gläubige Protestanten, die Steuern hinterziehen und ich hab auch schon von Muslimen gehört, die Alkohol trinken und Juden, die Schweinefleisch essen (oder umgekehrt?). Gerade von Anhängern eines streng wissenschaftlichen Weltbildes erwarte ich, empirische Daten wahrzunehmen und nicht zu versuchen, diese mit einer no-true-scotsman Argumentation vom Tisch zu wischen.

Ad 2: Sicherlich gibt es Widersprüche in Bibel, Dogmen und ähnlichen Texten. Je nach Auslegung mehr oder weniger. Wie gesagt verhalten sich Gläubige aber nicht (oder höchst selten) wortwörtlich entsprechend der Aussagen einiger Texte, sie glauben auch nicht so, wie in den Texten dargelegt, sondern sie setzen sich mit diesen Texten auseinander, manche mehr, manche weniger. Sie reflektieren die Texte und übernehmen das, was sie für ihren Glauben und für ihre Beziehung zu Gott für wichtig erachten. Anderes lassen sie beiseite oder denken weiter darüber nach. Die Ergebnisse sind unterschiedlich, das zeigt sich schon anhand der konfessionellen Vielfalt sowie der verschiedenen innerkonfessionellen Gruppierungen. Auch hier wird von Seiten der Brights die Realität zu Gunsten eines idealisierten Bildes vernachlässigt.

Interessant finde ich, daß eben die Unlogik und Widersprüchlichkeit als Grund angegeben wird, warum man der Religion den Rücken gekehrt hat. Das führt mich zum nächsten Punkt.

Ad 3: Auch hier eine Verallgemeinerung, die mit der Realität nicht viel gemein hat. Gläubige können durchaus ihren Glauben reflektieren. Sie werden durch die immer wiederkehrenden Zweifel geradezu dazu gezwungen. Sie kennen zwei Weltbilder, das des Glaubens und das er nüchternen (Natur-) Wissenschaft. Beide passen zusammen, aber man muß immer wieder reflektieren, wie sie zusammenpassen.

Bei Brights hingegen habe ich oft den Eindruck, daß sie ihr Weltbild nicht hinterfragen können. Während der Gläubige in der Lage ist zu fragen: Was, wenn es keinen Gott gibt, habe ich noch nicht bewußt mit einem Bright gesprochen, der bewußt in Frage gestellt hätte, ob eine wissenschaftliche Beschreibung der Welt zwingend korrekt sein muß. Jedenfalls ist es selten.

Gerade der oben erwähnte Grund, die Religion verlassen zu haben nährt meinen Verdacht, daß vor allem bei den Brights der Wunsch groß ist, Autoritäten zu haben, die logisch und unwidersprüchlich sind, sonst hätten sie der Religion, die diese Kriterien nicht erfüllt, nicht den Rücken kehren müssen.

Sie haben sich statt dessen für die „Wissenschaft“ entschieden. Wobei wie gesagt auch nicht immer konsequent wissenschaftlich gedacht wird, wenn es darum geht, Stereotypen von den Religiösen zu entwickeln. Auch sonst begegnet einem trotz „wissenschaftlichen“ Anspruchs manchmal gewisse dogmatische Engstirnigkeit. So wurde ich kürzlich für die Behauptung, die Sonne würde sich um die Erde drehen, für, naja, nicht ganz gescheit erklärt. Wer sich aber an den Äquator stellt und der Sonne immer nach Westen folgt wird einen Tag später wieder am Ausgangspunkt ankommen und festgestellt haben, daß sich die Sonne tatsächlich um die Erde dreht.

Diese „Wissenschaft“ ist ihre neue Religion, sie bietet vermeidlich das, was die alte Religion nicht bot: Unwidersprüchlichkeit, Logik und eine unfehlbare Autorität, der man folgen kann ohne groß selbst zu denken oder zu reflektieren. Denn die „Wissenschaft“ ist per se reflektiert. Sonst wäre sie ja keine „Wissenschaft“.

Jeder, der dieser ihrer neuen Religion nicht folgt, wird entweder als dumm, oder zumindest nicht als „bright“, also hell, angesehen. Der Religionsanhänger ist wohl eher in einer Welt der Schatten gefangen… wen erinnert das noch an die Heiden, die im ewigen Höllenfeuer verloren gehen, wenn sie sich nicht bekehren?

Diese neue Religion verbreiten die Brights mit nicht weniger Eifer als bestimmte christliche Gruppen ihre Lehren. Wo die einen Menschen aus dem Höllenfeuer retten wollen, retten die anderen vor der Umnachtung, wo die einen das Evangelium Gottes bringen, bringen die anderen die Erleuchtung (brightening?).

Im Grunde treffen alle Vorwürfe, die die Brights den Gläubigen machen auf sie selbst zu. Aber so ist es manchmal: Was man an sich selbst nicht leiden kann, sucht man am Gegenüber zu kritisieren.