Gesellschaft, Politik

Die Demokratie: Herrschaftsform oder Kontrollmittel?

Daß ich die Demokratie zumindest ambivalent sehe, ist spätestens seit diesem Artikel aus dem Jahre 2009 (Mann ist das lange her) öffentlich nachzulesen.

Damals machte ich mir Gedanken darüber, ob und inwiefern Demokratie alleine die Güte einer Staatsform ausmacht. Die Antwort, die ich damals für mich gefunden hatte war: Demokratie alleine sagt noch nichts oder nicht viel über die Staatsform aus, die Rechtsstaatlichkeit ist es, die eine viel wichtigere Rolle spielt. Damit meinte ich, daß die Gesetze für alle in gleicher Weise gelten müssen und nicht Gesetze bestehen dürfen, die bestimmte Gruppen vor anderen Gruppen bevorzugen. Also keine Diskriminierung per Mehrheitsbeschluß. Dafür hielt ich das Minarettverbot in der Schweiz, und denke heute noch so. Analog halte ich auch nichts von Kopftuchverbot oder Verbot von Gebeten in der Pause.

Heute geht es mir, angeregt durch eine Unterhaltung mit Nordlicht, um die Frage, ob man unter Demokratie nicht verschiedene Funktionen verstehen kann.

Herrschaft

Ich denke dabei einerseits um Demokratie als Herrschaftsform. Damit meine ich das, was früher die Piraten forderten, und was jetzt die AfD lauthals bewirbt: Volksentscheide zu allen möglichen Themen.

Ich habe in dem oben genannten Artikel von 2009 (über das Minarettverbot) schon beschrieben, wo ich da die Probleme sehe, nämlich in einer Mehrheitsdiktatur. Das war neben ihrer „Kirchenkritik“ ein Punkt bei den Piraten, den ich eher ablehnte.

Früher war ich mir nicht sicher, ob nicht vielleicht das Volk irgendwann in der Lage wäre, von sich aus zu begreifen, wie gefährlich es ist, bei solchen Entscheidungen einfach mal Protest zu wählen, daß also prinzipiell vielleicht direkte Demokratie doch funktionieren könnte. Mittlerweile denke ich, daß sie wahrscheinlich über kurz oder lang immer scheitern muß.

Denn wie gesagt, es handelt sich um die direkte Herrschaft, die direkte Machtausübung des Volkes. Parlamentarier würden quasi überflüssig, wo man das Volk zu allen relevanten Fragen befragen könnte. Nur für die Regierung bräuchte man noch Politiker. Opposition? Braucht man nicht, man hat ja das Volk.

Offenbar ist nicht einmal die Schweiz so radikal, denn auch dort gibt es noch Parlamente. Trotzdem gibt man mit dem Instrument der direkten Demokratie viel Macht in die Hand… ja, wessen Hand denn? Oberflächlich ist es die Hand des Volkes. Aber einmal im Ernst: Politiker tun das was sie tun hauptberuflich. Die haben jede Menge Zeit, um sich in die Gesetzestexte, die beschlossen werden sollen, einzulesen. Dann können sie im Idealfall informiert abstimmen. Aber wie ist es, wenn das Volk über eine Sachfrage abstimmt? Wer hat schon genug Zeit und Ressourcen (Privatleute haben eher keine Sekretariate und weitere Einrichtungen, die ihnen zuarbeiten), sich wirklich tiefgreifend zu informieren?

Wenn wir ehrlich sind, sind wir doch in jedem Fall auf die Berichtserstattung in der Presse angewiesen, um uns ein Bild zu machen, weil dort die Fragen zusammengefasst werden, so daß man sie schnell erfassen und bewerten kann.

Es kommt also auf die Berichterstattung in der Presse an, wie am Ende abgestimmt wird. Die Macht wird also keineswegs von den Parlamenten auf das Volk übertragen, sondern auf die Redaktionen.

Nur ist die Presse ja nicht neutral. Egal, ob es sich um die öffentlich rechtlichen Medien, Russia Today oder Fox News handelt. Manche reden von der „Lügenpresse“, um die ihren Ansichten widersprechenden Medien abzuwerten, aber im Grunde hat jedes Medium eine Tendenz, weil hinter jedem Medium Menschen stehen, die nicht neutral sein können, auch wenn sie sich bemühen.

Und nun ist es leider so, daß diejenigen, die das meiste Geld haben tendentiell auch die meisten Menschen von ihren Ansichten überzeugen können, weil sie die größte Reichweite haben, sich Psychologen leisten können die überlegen, wie die eigenen Ansichten am Besten darzustellen sind, um Zustimmung zu erhalten etc.

Demokratie als Herrschaftsform würde also bedeuten, daß die Parlamente (und damit womöglich doch auch das Volk) entmachtet werden zu Gunsten von großen Medienbetrieben, die als Unternehmen vor allem die eigenen Einnahmen betrachten müssen – und nicht das Wohl der Gesellschaft.

Kontrolle

Dagegen scheint mir unsere Form der Demokratie, bei der wir alle 4-5 Jahre ein oder mehrere Kreuze machen, eher so etwas zu sein wie eine Kontrollfunktion. Wir geben bestimmten Politikern unser Vertrauen – und können uns nach der gesetzen Frist anders entscheiden, was zum Jobverlust derjenigen führt, denen man nicht mehr vertraut.

Während man mit der Demokratie als Herrschaftsform ziemlich klar und direkt Inhalte durchsetzen kann, ist dies mit der Demokratie als Kontrollfunktion nicht der Fall. Die Politiker machen erst einmal, was sie wollen, und nur die Furcht vor der Abwahl soll dazu führen, daß sie sich am Volkswillen orientieren.

Auch hier spielt die Presse eine gewisse Rolle, aber bei weitem nicht so unmittelbar wie in der direkten Demokratie. Ihre Machtposition ist gegeben, aber nicht so stark.

Auch hier stellt sich das Problem, daß die finanzielle Macht der Medien Einfluß nimmt auf die Politik, aber bei weitem nicht in dem Maße, wie bei der direkten Demokratie. Auch dauern Veränderungen tendenziell länger, weil man Zeit hat, bestimmte Vorhaben durchzubringen und auch vorzubereiten.

Die Gefahr der Aushöhlung des Rechtsstaatsprinzips ist übrigens nicht gebannt, wie man beispielsweise in Polen sehen kann, wo die Regierung grad dabei ist die Gerichte zu entmachten. Da es aber etwas länger dauert, haben die Gerichte vielleicht eher eine Chance, entgegenzuwirken.

Alles in allem halte ich es für einen Segen, daß unser Grundgesetz nur mit Zweidrittelmehrheit verändert werden kann – und auch erst ab Art. 21. Bei manchem politischen Akteur heutzutage habe ich die Befürchtung, daß man auch an den ein oder anderen der ersten 20 Artikel rangehen würde, wenn man die entsprechende Mehrheit im Parlament hätte…

Freiheit

Am Ende sollte nach meinem Dafürhalten das Zeil stehen, die Freiheit zu erhalten. Nur ist Freiheit so ein ambivalenter Begriff. Die Freiheit des einen schränkt die Freiheit des anderen ein. Meine Freiheit, zu sagen was ich will, stört womöglich die Freiheit anderer, das nicht hören zu müssen. Es gilt, einen Mittelweg zu finden, der alle berücksichtigt.

Ich denke dabei an Martin Luther King, der in seinem Letter from Birmingham Jail davon spricht, daß gerechte Gesetze sameness made legal sind, während ungerechte Gesetze difference made legal wären.

Difference wäre, wenn eine Seite übermäßig viele Freiheiten zu Lasten einer anderen Seite zugestanden bekäme.

Zugestanden deshalb, weil die Möglichkeiten dazu womöglich schon vorliegen. Wer eine Waffe hat, kann sich leicht gegen denjenigen ohne Waffe durchsetzen, kann sich Freiheiten rausnehmen, die den anderen einschränken. Wenn aber die Staatsgewalt ins Spiel kommt, kann diese die Situation neutralisieren, so daß es so ist, als ob keiner von beiden ne Waffe hätte, indem sie die Freiheit dessen mit der Waffe einschränkt. Etwa, indem sie ihm die Waffe abnimmt oder dafür sorgt, daß er empfindlich bestrafte wird, wenn er seine Waffe einsetzt.

Diese Staatsgewalt gilt es zu kontrollieren, weil sie sonst die Grenzen der Freiheit so zieht, wie es ihren Trägern zu Gute kommt.

Wenn die Staatsmacht nicht kontrolliert wird, dann arbeitet sie für sich selbst bzw. für die Menschen, die die Staatsmacht inne haben – seien es Militärführer oder Politiker.

Nochmal Kontrolle

Wir kontrollieren unsere Staatsmacht, indem wir die Parlamente wählen, die die Regierung kontrollieren, die die Polizei kontrolliert, die die Staatsmacht ausübt.

Wie gesagt haben die Medien und die Besitzer der Medienunternehmen einen gewissen Einfluß.

Je näher wir die Bürger an die Staatsmacht bringen, desto weniger Menschen und Institutionen sind involviert, desto weniger Kontrolle kann stattfinden. Desto schneller kommt es dazu, daß die Grenzen der Freiheiten Einzelner über die Maßen ausgeweitet werden.

Geld

Im Endeffekt spielt es keine geringe Rolle, wie viel Geld jemand hat, der Einfluß ausüben möchte. Je mehr Geld ich habe, desto leichter fällt es mir, ein Medienunternehmen zu gründen oder zu kaufen, und darüber die Meinung zu beeinflussen.

Ich würde dann zuerst dahingehend agieren, daß ich Volksentscheide ermögliche, um mir einen direkteren Einfluß zu sichern. Dann würde ich Schritt für Schritt Volksentscheide anleihern, die meine Position stärken.

Aufteilung der Macht

Wie also kann man etwas ändern? Es wird immer jeder danach streben, seinen Einfluß auszuweiten. Womöglich wäre es hilfreich, wenn man die Mittel begrenzt, die jedem zur Verfügung stehen. Ich hatte vor Jahren einmal die Idee eines Höchsteinkommens entwickelt. Dahinter steckt eine radikale Form der Umverteilung von den tüchtigen oder glücklichen (denen, die aus welchen Gründen auch immer mehr Geld haben) zu den weniger glücklichen oder weniger tüchtigen.

Es geht mir dabei nicht um irgend eine Form von Gerechtigkeit, etwa nach dem Motto daß „Arbeit sich wieder lohnen muß“, oder daß alle das Gleiche bekommen sollen. Mir geht es schlicht um die Begrenzung der gegebenen Freiheiten der Starken zur entsprechenden Entgrenzung der Freiheitden der Schwachen.

Insofern eine solche Änderung demokratisch legitimiert werden müßte, wäre es eine Selbstbegrenzung der Starken zu Wohle der Schwachen. Das hat etwas von Verzicht, was gut in die Passionszeit passt und Christen allgemein gut ansteht, um dem Oberthema des Blogs noch die Religion in das Thema zu holen.

Dann wären die Möglichkeiten der einzelnen Medienunternehmen, die ja auch dem Höchsteinkommen unterliegen würden, ebenfalls begrenzt, was zu weniger Einfluß führen müßte und damit zur Verteilung des Einflusses auf mehrere Schultern, die einander im Idealfall neutralisieren würden.

Wahrscheinlich wären noch mehr Kontrollinstanzen nötig, um vielleicht auch ohne größeren Schaden die direkte Demokratie auszuprobieren. Vielleicht eine Mindestwahlbeteiligung?

Commenting Media, Gesellschaft

Radikalität und Gewalt

I have a dream that one day on the red hills of Georgia, the sons of former slaves and the sons of former slave owners will be able to sit down together at the table of brotherhood.

I have a dream that one day even the state of Mississippi, a state sweltering with the heat of injustice, sweltering with the heat of oppression, will be transformed into an oasis of freedom and justice.

[…]

I have a dream that one day, down in Alabama, with its vicious racists, with its governor having his lips dripping with the words of „interposition“ and „nullification“ — one day right there in Alabama little black boys and black girls will be able to join hands with little white boys and white girls as sisters and brothers.

Die von Ravenbird angestoßene Diskussion zu Radikalisierung und Gewalt geht weiter, und ich bin darüber ins Denken gekommen.

Vor ein paar Tagen hatte ich dazu schon einml einen Artikel verfasst, den ich so auch stehen lassen kann. Tatsächlich sehe ich eine Gefahr wenn es um Radikalisierung geht, nämlich daß es zu Gewalt kommt.

murdeRED dreams, ein anderer Diskussionspartner, versucht mir seither (oder schon vorher) die Aussage in die Schuhe zu schieben, ich hätte gesagt, Radikalisierung sei gleichbedeutend mit Gewalt, und er ist davon auch nicht abzubringen. Trotzdem hat ein Kommentar von ihm, namentlich der wo es um die Radikalität und Gewaltbereitschaft von Polizisten geht, mir eine neue Perspektive eröffnet.

Bei den gewalttätigen Pollizisten mußte ich unwillkürlich an Bull Connor, Birmingham und Martin Luther King Jr. denken. Mit King hatte ich mich im Studium befaßt, deshalb ist er für mich ein guter Ansatzpunkt, um meine Denke hier zu präzisieren.

King wurde in Birmingham (und überhaupt) vorgeworfen, daß seine Proteste Gewalt provozieren würden. Den Einwand wies er damit zurück, daß die Gewalt schon da sei, er bringe sie mit der gewaltfreien Methode nur an die Oberfläche:

Actually, we who engage in nonviolent direct action are not the creators of tension. We merely bring to the surface the hidden tension that is already alive. We bring it out in the open, where it can be seen and dealt with.

Von daher stellt sich die Frage, ob Radikalisierung und das damit verbundene Ansteigen des Gewaltpotentials (wobei die Gewalt nicht notwendig von allen „Radikalen“ ausgeht! Gandhi war radikal und die Briten gewalttätig, King war radikal und Bull Connor gewalttätig – wobei man fragen dürfen ollte, ob nicht auch jeweils Bull Connor und die Briten eine gewisse Art von Radikalität verkörperten) immer negativ einzustufen ist.

Offenkundig nicht. Zumindest sehe ich das so. King hatte Recht mit seiner nonviolent direct action und er hat auch etwas bewirkt. Nur sollte man auch bedenken, was die Umstände damals waren: Die Presse hatte Interesse an der Auseinandersetzun und hat (vor allem im Norden) ausgiebig berichtet. Noch war der Vietnamkrieg nicht so sehr im Fokus, daß er zu einer Konkurrenz in den Nachrichten werden konnte.

Die Staaten Afrikas und Asien erlangten in dieser Zeit nach und nach ihre Unabhängigkeit und die USA versuchten, sie als Verbündete zu gewinnen, ebenso wie die Sowjetunion, in der es keine Berichte über Rassenunruhen gab.

Es gab in den USA (vor allem im Norden) eine Mehrheit, die die im Süden praktizierte Rassendiskriminierung ablehnte was ebenfalls zu politischem Druck führte, der Druck war letztlich so groß, daß die politisch Verantwortlichen  teilweise (nicht in Birmingham und meines Wissens auch nicht im direkten Zusammenhang mit Aktionen von King, aber er war ja nicht der einzige) die Nationalgarde schickten. Es kam zu regelrechten Schießereien.

Und schließlich, auch das darf man nicht vergessen, gab es in der schwarzen Kirche, ihren Gläubigen und ihren Pastoren eine Ressource für die Organisation der Bürgerreechtsbewegung: Es gab Gebäude, in denen man Treffen abhalten konnte und die im eigenen Besitz waren. Es gab mit den Pastoren Afroamerikaner, die finanziell unabhängig von weißen Vorgesetzten waren und so nicht unter Druck geraten konnten, es gab mit den Gläubigen der Kirche viele Freiwillige, die aus christlicher Überzeugung und Opferbereitschaft willens und fähig waren, die Last des gewaltfreien Widerstands auf sich zu nehmen. Was gar nicht unterschätzt werden kann: Wer kann garantieren, daß er sich nicht zur Wehr setzt, wenn er brutalst zusammengeschlagen wird?

Unter diesen Voraussetzungen konnte die US Bürgerrechtsbewegung einiges erreichen. Allerdings ließen die Erfolge nach, als man sich sozialen Problemen im Norden zuwandte: Dort fehlte die schwarze Kirche als tragende Institution – die wenigen schwarzen Gemeinden waren zu wenige. Außerdem nahm der Vietnamkrieg bereits breiteren Raum in den Medien ein und auch der politische Druck konnte nicht groß genug werden. Erstens gab es nirgends in den USA eine große Wählergruppe, die „linken“ Ansätzen besonders offen gegenüber gestanden hätte, außerdem erregten die sozialen Mißstände auch im Ausland nicht so viel Interesse.

Nebenbei gab es noch ganz andere Radikale: Malcolm X, die Black Muslims, die Black Panthers und wie sie alle hießen, die auch Gewalt als Mittel nicht ausschlossen sowie studentische Gruppen, deren Verbindung zu den Kirchen lockerer war und die deshalb auch nicht in dem Maß auf die gleichen Ressourcen zugreifen konnten oder wollten.

Zurück zu unserer Situation hier: Ich sehe momentan nicht, wo eine Radikalisierung Fortschrite bringen könnte. Denn wie gesagt, Radikalisierung zur falschen Zeit kann ganz bös nach hinten losgehen. Nach Kings Ermordung brachen Unruhen aus, die viel Leid und Zerstörung nach sich zogen und bei einigen wohl auch die Bürgerrechtsbwegung in Verruf brachten, auch wenn es keinen direkten Zusammenhang zwischen Gewalttätern und Aktivisten gab. King hatte die gewaltbereiten Gruppen immer zu bremsen versucht. Sein Ziel war nicht, seine Ansichten allen überzustülpen, sondern die „beloved community“.

Am Ende sollten alle miteinander am Tisch sitzen können, am Ende sollte der Streit ein Ende haben, nicht, indem die Gegner untergebuttert werden, sondern indem man sich untereinander aussöhnt.

Das wäre auch meine Zielvorstellung für die Gesellschaft, und auch wenn es ein utopisches Ziel ist bin ich der Meinung, sollte man danach streben. Nur denke ich, daß im Moment die Bedingungen nicht so sind, daß Radikalisierung neben einer Erhöhung des Gewaltpotentials (nicht zwingend durch die Radikalen, aber allgemein) nicht viel bringen wird. Das Problem ist nicht eine Minderheit, die die Macht ausübt und die durch direkte Aktion und einen gewissen Presserummel von diesen Positionen vertrieben werden könnten. Ich denke das Problem bei uns heute ist viel mehr, daß es viele kleinere Gruppen gibt, die alle in eine andere Richtung wollen, die alle ganz eigene (und oft existentielle) Probleme und Ängte haben. Diese müssen erst einmal wieder zusammenfinden. Deshalb: Kiene Radikalisierung, lieber aufeinander zugehen. Wenn wir es eines Tages schaffen, daß nur noch eine kleine Minderheit von Machthabenden gegen eine Mehrheit im Volk steht, dann kann man auch wieder radikaler sein, weil man dan kaum mehr jemanden verschreckt damit (und damit das Gespräch verunmöglicht). Hatten wir ja auch schon: ’89 im Osten. Pegida meint vielleicht, daß jetzt wieder so ein Zeitpunkt gekommen wäre. Aber allein die Zahlen der Gegendemos zeigen: Sie sind nicht das Volk, das Volk ist wohl am ehesten tatsächlich gespalten und demonstriert gegeneinander.

And when this happens, and when we allow freedom ring, when we let it ring from every village and every hamlet, from every state and every city, we will be able to speed up that day when all of God’s children, black men and white men, Jews and Gentiles, Protestants and Catholics, will be able to join hands and sing in the words of the old Negro spiritual:

Free at last! Free at last!

Thank God Almighty, we are free at last!

Gesellschaft

Kirche und Politik

Friedrich Wilhelm Graf, Professor der evangelischen Theologie in München, hat ein Interview gegeben, in dem er die Kirchen kritisiert hat. Diesmal ging es nicht um die Verweiblichung der Kirche oder einen Kuschelgott, sondern um die politischen Äußerungen von Kirchenleuten.

Der epd zitiert Graf folgendermaßen:

Das geistliche Amt macht keineswegs politisch klüger oder kompetenter als andere Rollen in der pluralistischen Gesellschaft.

Damit hat er Recht. Wo ich aber etwas stutze ist, wenn der epd ebenfalls schreibt, nach Graf sollten sich die Kirchen auf religiöse Sinndeutung und Riten zur heilsamen Unterbrechung des Alltags konzentrieren. Man müßte das ganze Interview mal lesen, aber ich habe es nicht zur Hand. So wie sich mir die Sache jetzt darstellt, bin ich ein wenig stutzig.

Es hört sich fast so an, als wolle Graf die Kirche auf ein wenig Eiapoppeia reduzieren, ein bißchen Opium fürs Volk, wenn man so will, damit das Volk sich gut fühlt.

In früheren Verlautbarungen (siehe Link) fand er das noch verkehrt, deshalb bin ich etwas zurückhaltend, ob ich ihn richtig verstehe.

Fakt ist doch, daß die Kirche zuerst und vor allem die Aufgabe hat, das Evangelium zu verkünden. Man kann das als geistliche Aufgabe verstehen, aber sie ist doch nicht unpolitisch! Die Gesellschaft, in der Jesus lebte, scheint mir das auch so verstanden zu haben, sonst wäre Er wohl kaum als politischer Aufrührer hingerichtet worden. Jedenfalls gab es diese Deutung recht bald, wie die Rede vom König der Juden in den Evangelien nahelegt.

Fakt ist aber auch, daß selbst wenn ein Bischof (oder auch ein Pfarrer) nicht politisch klüger ist als andere, er dennoch eine Verantwortung hat, mit der er umgehen muß. Und dazu gehört, nicht zu schweigen, wenn Probleme ausgemacht werden. Sicherlich können Bischof und Pfarrer sich irren, aber ebenso geht es doch auch Politikern, die mal eben in ganz andere Ressorts wechseln können, je nachdem, wo der Parteienproporz ihre Arbeit gerade benötigt. Oder wie ist es mit Journalisten, die zunehmend weniger Zeit haben, Artikel gründlich zu recherchieren udn die immer mehr den Eindruck vermitteln (wenigstens mir), daß vor allem voneinander abgeschrieben wird und man lediglich sich selbst verstärkt.

Nehmen wir als Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Da sind Menschen, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen. Manche fliehen vor Krieg, manche hoffen auch eine wirtschaftlich bessere Zukunft und womöglich sind auch Abenteurer dabei. Wie dem auch sei: Viele dieser Menschen kommen bei dem Versuch um, die Küste Europas zu erreichen, und wenn sie doch herkommen, steht ihnen oftmals ein Leben eingepfercht im Lager auf Lampedusa bevor. Sicherlich besser als in irgend einem Bürgerkrieg zu verrecken, aber ist es wirklich gut? Wenn Kirchen hier den Finger in die Wunde legen und darauf aufmerksam machen, daß hier ein wirkliches und echtes und dramatisches Problem vorliegt, kann ich daran nichts Verkehrtes erkennen. Hat Amos zum Elend seiner Landsleute geschwiegen?

Gleiches gilt für den Aufreger vor ein paar Jahren, als Käßmann ihr „nichts ist gut in Afghanistan“ losließ. Hatte sie Unrecht? Hat das Militär die Situation tatsächlich verbessert? Fürchten wir nicht, daß die Taliban wieder die Macht übernehmen, wenn die internationalen Truppen abgezogen werden?

Probleme müssen angesprochen werden, wenn sie auftauchen. Und Kirchenleute haben oftmals eine gewisse Freiheit, die andere Akteure im politischen Feld nicht haben: Politiker wollen wiedergewählt werden, Journalisten wollen ihre Zeitungen verkaufen. Kirchenleute leben von der Kirchensteuer, sind beamtet und vom Broterwerb freigestellt. Sie können freier sagen, was sie denken, als andere, und sie haben die Bühne dazu. Dies nicht zu nutzen wäre IMHO viel schlimmer. Denn dann hätten sie etwas tun können und taten es nicht.

Freilich stellt sich die Problematik, daß Kirchenleute auch falsch liegen können. Manche vertreten auch ziemlich haarsträubenden Unsinn. Das ist die Kehrseite, nicht nur der herausgehobenen Stellung der Kirchenleute in der Gesellschaft, sondern von Redefreiheit und freiheitlicher Demokratie überhaupt.

Falsche Propheten erkennt man daran, daß das, was sie prophezeiten, nicht eintrat. Mehr hatten die Leute in biblischen Zeiten auch nicht. Uns geht es ebenso. Das Problem der falschen Propheten besteht fort.

Ein anderes Beispiel. USA, 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Während eineige Afroamerikaner nach mehr Rechten und Freiheiten strebten, gab es weiße Gemeinden, die dem zwar im Grunde positiv gegenüber standen, die aber Mäßigung einforderten und auch darauf hinwiesen, daß die Kirche nur das Geistliche betrifft. Dagegen haben Pfarrer, Martin Luther King Jr. ist in Deutschland wohl der Bekannteste, immer auch in ihren Predigten auf die Bürgerrechtsbewegung und ihre Ziele Bezug genommen wie umgekehrt bei Demonstrationen auch immer christlich-biblisch argumentiert.

Ich kann mir vorstellen, daß es damals Menschen gab, die sich unschlüssig waren, ob das nun okay so war, Gott für diese eigentlich politischen Ziele in Anspruch zu nehmen. Heute sind wir wohl mehrheitlich der Auffassung, daß King und seine Mitstreiter tatsächlich auch die Sache Gottes betrieben, daß die Gleichberechtigung eine Forderung Gottes ist die auch in den Kirchen nicht verschwiegen werden darf.

Man kann den Bogen noch weiter zurück spannen in die Nazizeit und den Kirchenkampf damals (gerade auch was Röm 13 angeht).

Wenn jemand Unsinn redet, so kann man sich damt auseinandersetzen. Man kann sagen, oder schreiben: Herr Schneider, Frau Käßmann, Herr Graf, da haben sie Unsinn geredet. Und dann kann man im konstruktiven Streit gemeinsam zu einer besseren Position kommen.

Wichtig ist jedoch auch, daß die Kirchenleute ihre politischen Aussagen im Evangelium verankern. Das geht gerne einmal unter, was auch an den Medien liegen kann. Trotzdem habe ich den Eindruck, man kann das Evangelium und seine Rolle aus einer Rede Kings viel schwieriger herauskürzen als aus aktuellen Stellungnahmen von Kirchenleuten. Allerdings könnte ich es auch nicht besser machen.

In diesem Sinne, ein glückliches und erfolgreiches 2014.

Das Wort zum Tag

Telegramm von Malcolm X

Bei History Kicks Ass hab ich wieder mal ein interessantes Fundstück gefunden: Ein Telegramm von Malcolm X an Martin Luther King vom 30. Juni 1964.

King war zu dieser Zeit in St. Augustine, Florida, wo er beim St. Augustine Movement mithalf, die Rassentrennung in der Schule zu überwinden. Dabei kam es zu Gewalt von Seiter weißer Segregationalisten. In dieser Situation schrieb Malcolm X, der von der Gewaltfreiheit wenig hielt, folgende Worte:

We have been witnessing with great concern the vicious attacks of the white races against our poor defenseless people there in St. Augustine. If the federal government will not send troops to your aid, just say the word and we will immediately dispatch some of our brothers there to organize self defense units among our people and the Ku Klux Klan will then receive a taste of its own medicine. The day of turning the other check to those brute beasts is over.
The Organization of Afro-American Unity
Malcolm-X Chairman Theresa Hotel Harlem NY

Wir waren mit großer Sorge Zeugen der bösartigen Attacken der weißen Rassen gegen unsere armen, wehrlosen Leute dort in St. Augustine. Falls die Bundesregierung keine Truppen zu Eurer Hilfe schicken wird, sagt nur ein Wort und wir werden sofort einige unserer Brüder dorthin schicken, um Selbstverteidigungseinheiten zu organisieren und der Ku Klux Klan wird seine eigene Medizin schmecken. Der Tag, an dem wir diesen brutalen Bestien die andere Wange hinhalten ist vorbei.
Die Organisation der Afro-Amerikanischen Einheit
Malcomlm-X Vorsitzender Theresa Hotel Harlem NY

Das Ganze erinnert mich ein wenig an Matthäus 26,53. Dort geht es um die Gefangennahme Jesu im Garten Getsemaneh. Dabei ergriff Petrus sein Schwert und schlug einem der Leute des Hohepriesters ein Ohr ab. Jesus ermahnt ihn daraufhin, das Schwert wegzustecken und fügt an:

Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte?

Malcolm X war sicher nicht Gott und die Brüder die er schicken wollte keine Engel, aber Jesus griff in der Not nicht auf die Option der Gewalt zurück, sondern lieferte sich der Gewalt Seiner Gegner aus. Und überwand damit die Hölle.

Ebenso griff King nicht auf die Gewalt zurück, die Malcolm X ihm anbot. Auch er und die ganze Bewegung ließ die Gewalt über sich ergehen, was zu immer weiteren Berichten in den Medien führte und die Rassisten nach und nach unmöglich machte. Das führte zwar nicht zur Überwindung der Hölle, aber es wurden neue Gesetze erlassen, die die Situation der Afroamerikaner weiter verbessern sollten. Hätte er zur Gewalt gegriffen, hätte er seine eigenen Forderungen ebenso entwertet wie die Rassisten ihre Forderungen. Liebe überwindet den Haß, nicht umgekehrt!

Aber Liebe tut weh!

Netzfunde

McComb, Mississippi

Die 60er Jahre waren unter anderem die Zeit der US Bürgerrechtsbewegung. Diese hatte schon lange vorher angefangen. Anfang des letzten Jahrhunderts wurde die NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) gegründet, die seither versuchte, vor allem durch Gerichtsverfahren nach und nach die institutionalisierten Benachteiligungen für Menschen dunkler Hautfarbe in den USA (nicht nur im Süden!) zu überwinden. Heute noch bekannt sein dürfte etwa der Montgomery Bus Boycott in den Jahren 1955 und 1956, durch den Martin Luther King Jr. bekannt wurde. In diesem Zusammenhang wurde eine neue Organisation gegründet, die Southern Christian Leader’s Conference (SCLC), die versuchte, die Ungerechtigkeit nicht mehr nur im Gerichtssaal zu bekämpfen, sondern die Gerichtsurteile mit gewaltfreien Aktionen auch zur Geltung zu bringen. Verschiedenen Jugendorganisationen waren die Pfarrer von der SCLC zu vorsichtig, weshalb sich die SNCC (Student Nonviolent Coordination Committee) gründete.

Es gab während der 60er viele gewaltfreie Aktionen. Eine größere Aktion war der Freedom Summer, zu dem viele Freiwillige nach Mississippi fuhren, um dort mitzuhelfen, die Rassentrennung zu überwinden. Unter anderem gab es Schulprojekte für farbige Kinder und dergleichen.

Bei History Kicks Ass (guter Blog!) fand ich nun den Hinweis auf ein interessantes Dokument:

Eine Auflistung der Gewalt gegen den Freedom Summer in einer einzigen Kleinstadt in der Zeit von Juni bis September 1964. McComb hat laut Wikipedia heute etwas mehr als 13.000 Einwohner, damals dürfte es kleiner gewesen sein. Trotzdem wurden etliche Bomben und auch Brände gelegt (unter anderem wurden Kirchen niedergebrannt, und das vom sich „christlich“ nennenden Ku Klux Klan).

Ich hab 23 Tage mit Gewalt gezählt. Und das war nicht immer nur eine Gewalttag an einem Tag. Wir machen uns heute glaub ich keine Vorstellung davon, was damals geschehen ist.

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Vergeßt den Skandal um den Kindesmißbrauch…

… katholische Erziehung ist viel schlimmer. So meint jedenfalls Vorzeigeatheist Richard Dawkins. Auf diese Formel verkürzt wurde ein Al Jazeera Interview mit Dawkins, etwa bei der Daily Mail (via). Ich habe das 47 Minuten-Video bei Al Jazeera gefunden und angesehen und ich finde, es ist durchaus wert, angesehen zu werden.

Der Vergleich von Kindesmißbrauch und katholischer Eriehung kommt etwa ab Minute 20, nimmt recht wenig Zeit ein, und Dawkins offenbart dabei ein recht unwissenschaftliches Vorgehen: Er bezieht sich auf einen Brief, den er von einer Amerikanerin erhalten habe. Dafür, daß er sonst so auf evidence pocht recht dünn.

Überhaupt macht er eine sehr schlechte Figur: Religion ist böse, weil sie der Grund für viele böse Dinge ist. Religiöse Individuen wie etwa Martin Luther King Jr. können allerdings auch Gutes tun. Interessant: Das eine sind Individuen, das andere ist die Religion an sich. Wobei er auch zugibt, daß Religion durchaus Gutes motivieren kann.

Irgendwie kommt er mir bei dem Hin und Her vor wie ein Fundamentalist im analogen Fall. Da sind die „bösen“ Anhänger dessen Religion (Selbstmordattentäter, katholische Erzieher…) auch immer nur Individuen, während die Religion an sich gut ist. Dawkins würde wahrscheinlich nicht zögern, dem Fundi genau dies vorzuwerfen…

Das schlimme an Religion ist übrigens der Glaube, weil der dazu führt, ganz böse Dinge zu tun und für Argumente verschlossen zu sein. Wobei er auch hier später zurückrudert und sagt, es gäbe zwar Argumente (bzw Streit, cf. engl „argument“), aber eben keine richtigen.

Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Dawkins vor allem ein Problem mit dem Fundamentalismus hat. Würde er das so formulieren hätte ich damit kein Problem. Fundamentalismus mag ich auch nicht. Was Dawkins jedoch macht, auch wenn r immer wieder zurückrudert und nochmal in die gleiche Richtung startet, ist, daß er seine Vorstellung von Fundamentalismus auf alle Rleigion überträgt und selbst aber für Gegenargumente taub bleibt. So nimmt er natürlich wahr, daß seine Frau ihn liebt, das ist dann evidence, aber das gleiche Gefühl bezüglich eines Gegenübers zählt nicht, wenn es sich um Gott handelt, weil dieser Gott angeblich nur im Inneren existiere. Das Gefühl geliebt zu werden anscheinend nicht…

Ein letzter Punkt, der mich irritiert, war sein ständiges Reden von truth. Ich dachte bisher, Wahrheit gäbe es nur im Glauben, während die Wissenschaft mit Wahrscheinlichkeiten arbeite, doch Dawkins ist wohl der Meinung, daß er in der Lage wäre, mittels Wissenschaft tatsächlich zur Wahrheit zu kommen, was immer diese Wahrheit sein sollte.

Alles in allem sagt er recht wenig, außer daß er alle Religion für fundamentalistisch hält, daß er selbst durchaus fundamentalistische Ansätze hat (oder was soll die Rede von truth?) und die Welt ein besserer Ort wäre, wenn die Religion morgen verschwände, obwohl dann die Shoa bliebe, während viele Hilfsoranisationen weg wären…

Aber seht es Euch selbst an, es ist durchaus kurzweilig:

http://www.aljazeera.com/programmes/general/2012/12/2012121791038231381.html

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Wir böse Europäer

Gestern war ich in der Studentengemeinde. Das Thema des Abends war Ernährung und was damit alles zusammenhängt. Also: Was essen wir, wie viel wovon, wie weit muß das rangekarrt werden, unter welchen Bedingungen wird produziert, wer kriegt wie viel vom Gewinn etc etc. Wir saen dann auch nen Ausschnitt aus dem Film „We feed the world“, in dem es um spanische Tomaten ging.

Da wurden dann die Gewächshäuser gezeigt, daß die Pflanzen gar nicht mehr in richtiger Erde wachsen, wei das Krankheiten verursacht etc etc…

Am Ende ging es dann darum, was man ändern könnte, und die Antwort war im Grunde: Regional und saisonal, also Nahrungsmittel aus der Region kaufen und Nahrungsmittel kaufen, die zu der Zeit auch gerade reif sind und nicht aus irgendwelchen Gewächshäusern stammen.

In einer Diskussion im Mittelteil sollten wir uns zu der Frage unterhalten, wieso gesagt würde, daß die europäische Politik den Markt in Afrika schädigt. Andere Gruppen sollten rausfinden, wer die Leidtragenden und die Nutznießer des Systems seien.

Die Fragen hatten Wachtturm-Charakter. Ich weiß nicht wer von den Lesern hier schon einmal von Jehovas Zeugen besucht wurde un wirklich mal einen Blick in den Wachtturm riskiert hat. Für alle, die es nicht kennen: Da gibt es einen Text, der die speziell Zeugen Jehovas-artige Interpretation einer Bibelstelle oder sonstigem darlegt, und am Ende gibt es Fragen, die dann angeblich in der Versammlung auch ne Rolle spielen (weiß ich aber nicht, ich war nie auf ner Versammlung dort, die haben mich nur besucht).

Jedenfalls sind die Antworten auf die Fragen jedes Mal die Wiederholung eines Satzes im Text. Es ist also keine Reflektion des Inhaltes gefragt, sondern nur die Reproduktion.

Das hat mich dann bei der Studentengemeinde schon ein wenig geärgert, daß die Eingeladenen uns scheinbar für so dämlich hielten, daß weiterdenken nicht gefragt war.

Zum Beispiel die Frage nach den Nutznießern. Natürlich die bösen Europäer, die günstig Essen einkaufen wollen. Im Ernst: Ich kann mir nicht jeden Tag Bio leisten, und um mir nen Kopf zu machen was gerade saisonal ist etc ist mir das zu viel Aufwand. Ich komme mir deshalb nicht besonders böse vor, aber egal (scheinbar bin ich aber nicht der Einzige, der nicht durchweg fair ud sozial einkauft).

Jedenfalls stellte ich mal die Frage, ob nicht auch die afrikanischen Konsumenten Nutznießer seien, schließlich könnten sie durch die europäischen Subventionen ebenfalls günstig einkaufen (natürlich ist mir klar, daß dort der Anteil der Bauern an der Gesellschaft signifikant höher ist als hier und daß die Subventionen diese an die Existenz gehen, aber ich wollte ienfach mal das Muster Europa böse – Afrika gut aufbrechen). Darauf bekam ich eine unterschwellig aggressive Antwort in die Richtung, daß dies natürlich sehr phiosophisch gefragt sei und man sich auch Gedanken machen müsse, wie dies mit Abhängigkeiten aussehe nd ob man die wolle etc etc.

Ich hab mich danach dann nicht mehr groß eingebracht, da ich den Eindruck hatte, die Marschrichtung sei klar und ein Querdenken nicht gewünscht. Was ich mir gewünscht hätte, wären da mehr Informationen gewesen zu Einfuhrzöllen, Marktzugang, Auswirkung von Subventionen bzw zu erwartende Auswirkungen bei Streichung etc.

Kurz: Ich wollte die Systemfrage stellen.

Im Moment schreibe ich gerade an einer Arbeit zur Bürgerrechtsbewegung in den USA. Martin Luther King und so. Und da kommen zwei Muster immer wieder. Einerseits die Weißen, bzw die Liberalen unter ihnen. Die waren mit der Rassentrennug aufgewachsen und sahen ein Problem darin, daß die Afroamerikaner schlecht behandelt wurden. Sie stellten aber in ihrer großen Überzahl nicht die Frage nach dem System der Rassentrennung und inwieweit das gerecht sei, sondern sie versuchten innerhalb des Sytems für Veränderung zu sorgen. Oftmals wurde gesagt: Wir bringen die einzelnen Menschen zum Glauben an Jesus Christus, dann werden sie auch ein ethisches Verhalten entwickeln und dann gibt es trotz der Rassentrennung keine Unterdrückung mehr (Schlagwort: seperate but equal).

Auf der anderen Seite waren diejenigen, die das Problem im System sahen und dieses ändern wollten, vor allem die Aktivisten der Bewegung von King, Abernathy und Shuttlesworth bis zu jedem einzelnen Teilnehmer an Demonstrationen und Streiks. Sie erkannten das System als ungerecht ud wollten dafür sorgen, daß auf dieser Ebene eine Änderung herbeigeführt würde. Sie hatten nichts dagegen, wenn Individuen für Christus gewonnen werden sollten, viele waren selbst tief gläubig, die meisten Anführer waren Pfarrer.

Was sie aber auch sahen war, daß es Menschen gab, die sich as Christen bezeichneten und trotzdem Rassisten waren, daß also so as Problem nicht gelöst werden konnte. Und vor allem: Die Ungerechtigkeit besteht und muß schon deshalb direkt angegangen werden, zum Wohle derer, die darunter leiden und ohne größere Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Unterdrücker zu richten.

Was hat das nun mit dem Gemüse und den bösen Europäern zu tun? Wie die Bürgerrechtsaktivisten kein Problem damit hatten und es sogar begrüßten, daß Einzelne sich Christus zuwenden, finde ich ebenfalls gut, wenn jemand saisonal und regional einkauft. Ich kaufe Anfang des Monats auch mal Bio, jedenfalls eher als am Ende wenn das Geld knapp wird. Aber ebenso wie die Bürgerrechtler in der Konversion Einzelner nicht die Lösung sahen, sehe auch ich die Lösung nicht darin, darauf zu warten, daß alle Menschen bewußt einkaufen. Es ist fraglich, ob das überhaupt so weit kommt. Und so lange regional und saisonal teurer ist gibt es außer Idealismus kienen Grund, das zu tun.

Überhaupt frage ich mich, was uns genau stört an nichtregionalen Lebensmitteln? Die Transportwege? Das allein kann es nicht sein, der Transport bringt ja auch Menschen in Lohn und Brot und das ist prinzipiell ja erst einmal gut (das relativiert sich dann vielleicht wieder, wenn man deren Einkommen sieht). Das Problem sind die Emissionen sowie die Verkehrsinfrastruktur, die aufrecht erhalten werden muß um den Transport zu gewährleisten.

Aber was wenn der Transport mit weniger Emission und weniger Infrastruktur zu schaffen ist, und wenn auch der Fernfahrer anständig versient?

Ebenso das Gewächshaus. Was ist das Problem damit, wenn Pflanzen nicht in der Erde wachsen? Das Problem ist doch höchstens, was es an Rssourcen kostet, diese Gewächshäuser zu betreiben, und daß dadurch alle möglichen Umweltprobleme entstehen. Dann sollte man sich doch aber diesen Problemen zuwenden, Energie vielleicht teurer machen (Energiewende?) oder auch das Wasser…

Ein anderer Punkt der im Film aufkam waren die Arbeiter in den Gewächshäusern, die – freundlich ausgedrückt – sich nicht den höchsten Lebensstandard leisten konnten. Aber auch hier: Was ist das Problem? Doch nicht, daß sie in ienem Gewächshaus arbeiten, sondern daß sie nicht angemessen entlohnt werden.

Ich hätte gerne diese Fragen angesprochen, dazu Hintergrundinformationen gehört, dazu Gedanken ausgetauscht und kreativ Gedanken gemacht, wie eine systemische Lösung aussehen könnte. Regional kaufen kann ich danach immer noch.

Leider wurden diese Fragen aber nicht berücksichtigt, ja vielleicht sogar nicht zugelassen. Es hatte etwas Belehrendes, nicht Kommunikatives. Und das war mir eindeutig zu wenig.