Theologie

Der Ertrag der Erlösung

Manchmal braucht man etwas länger. Über einen Blogartikel zu den Sühnetheorien bei peregrinatio kam ich auf einen älteren Artikel dort, in dem es um ähnliche Gedanken geht. Dort hab ich neben Kommentaren von mir (was man alles so im Netz findet) auch einen Kommentar von Eric Djebe gefunden, der mir damals entweder durch die Lappen ging oder der mir einfach zu dem Zeitpunkt nichts sagte. Jetzt wurde ich vor kürzerem im Forum mit der gleichen Frage (?) nochmals konfrontiert, ebenfalls von Eric Djebe, und all dies zusammen führt nun dazu, daß ich meine zu verstehen, auf was er hinauswill. Manchmal brauch ich alt länger. Er formuliert seine Frage so:

Was passiert im Menschen, in seinem Leben, durch diese Erlösung?

Wo versucht jemand zu beschreiben, was mit ihm passiert, was diese „Erlösung“ mit ihm macht?

Die erste Formulierung ist aus dem peregrinatio Kommentar und die letzte aus dem Forum. Mir scheint, als gibt er im Kommentar danach die Antwort auf die Frage aus dem Forum:

[…] man überlässt das Thema mitsamt Röm 8, dem Schlüsseltext dazu, den ‘wiedergeborenen’ Christen.
[…] Wer sich aber wirklich darauf einlässt, spürt sehr genau, dass Paulus hier fast verzweifelt versucht., irgend etwas auf den Punkt zu bringen. Und wenn wir dieses Etwas erkennen würden, würden wir wohl die meisten Kreuzestheologien als mehr oder weniger gelungene Umschreibungen eben dieses existenziellen Geschehens begreifen.

Wenn wir also Römer 8 richtig verstehen, dann haben wir die Antwort auf die erste Frage. Gleichzeitig haben wir soweit von den verschiedenen Kreuzestheologien abstrahiert, um sie alle mehr oder weniger zusammenbringen zu können, indem wir sie als unterschiedliche Beschreibungen des gleichen Geschehens begreifen. Das wäre in der Tat ne tolle Sache, denn ehrlich gesagt komm ich mit Anselms Ansatz nicht wirklich klar und mir begegnen andere, die damit nicht klarkommen, daß ich damit nicht klarkomme, bzw die meine Alternativgedanken ebenso verwerfen wie ich Anselm. Wenn es hier die Möglichkeit eines Ausgleichs gibt, wär das wirklich ein Fortschritt, für mich, für andere, die unter dieser und anderen Trennnugen in der Gemeinschaft der Gläubigen leiden und vielleicht auch für alle anderen Menschen, da so vielleicht ein Ansatz entstehen könnte, wie christlicher Glaube wieder besser verständlich und annehmbar wird. Fast ne eierlegende Wollmilchsau, und ich mein das ausnahmsweise mal positiv.

Also Römer 8. Ich fand den Text immer etwas bis sehr schwierig zu verstehen. aber die Idee, daß Paulus hier verzweifelt versucht, etwas auf den Punkt zu bringen, funktioniert als Schlüssel erst mal recht gut (danke Eric Djebe!).

Pualus spricht von Fleisch und Geist, Tod und Leben, und zu all diesen Begriffen gibt es schon ganze Bibliotheken, die ich jetzt einfach mal außer Acht lasse (abgesehen von dem, was unbewußt doch reinrutscht, weil das ein oder andere dazu hab ich schon mal gelesen). Es ist, so hab ich es im Proseminar gelernt, immer eine gute Idee, sich erst einmal selbst Gedanken zu machen (diese Weisheit wird zwar durch Begebenheiten der letzten Zeit Lügen gestraft – wer die Anspielung versteht, weiß was ich meine) und dann die Sekundärliteratur zu konsultieren. Und da das hier keine theologische Arbeit werden soll (ich bin schließlich kein Sceince-Blogger), sondern ein Blogartikel, überlaß ich Euch diese Konsultation.

In Kapitel 7 schreibt Paulus davon, daß wir einst dem Fleisch verfallen waren. Zu dieser Zeit erregte das Gesetz „sündige Leidenschaften“ in uns (Vers 5). Später betont er dann noch einmal, daß es nicht das Gesetz sei, das eigentlich Sünde ist, sondern die Sünde selbst. Wie dem auch sei sind wir – solange wir dem Fleisch verfallen sind – vom Gesetz gefangen (Vers 6). Das würde den Begriff „Erlösung“ verständlich machen, denn er setzt ja eine Bindung, also eine Gefangenschaft, voraus.

Diese Gefangenschaft ist aber nur so lange effektiv, wie wir am Leben sind, denn Tote sind nicht an das Gesetz gebunden (Vers 1). Bis dahin ist es jedenfalls so, daß man zwar das Gte will aber sieht, daß man immer das Böse tut. Paulus spricht hier vom Gesetz des Fleisches/der Sünde und dem Gesetz des Geistes. Dann, am Ende von Kapitel 7 stellt Paulus die Frage, wer ihn erlöst von sienem todverfallenen Leib (Vers 24). Denn sein Gemüt ist kein Problem, das dient Gottes Gesetz, während das Fleisch, also der Leib, der Körper, dem Gesetz der Sünde dient und darin gefangen ist. Die Lösung, nein, die Erlösng für Paulus ist es also, den Leib und damit das Fleisch und dessen Neigung zur Sünde hinter sich lassen zu können.

Kapitel 8 beginnt nun mit der Feststellung, daß diejenigen, die in Christus sind, keine Verdammnis kennen, weil sie durch das Gesetz des Geistes frei gemacht (erlöst) wurden vom Gesetz der Sünde (Vers 2). Diese Freiheit scheint nicht darin zu bestehen, daß man die Taten des sündigen Fleisches, die man nicht will, loswird (Vers 10):

Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.

Es lebt der Geist, tot ist der Leib. Weiterhin. Aber das scheint nicht so zu bleiben (Vers 11):

Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Es wird also eine Veränderung ach der Leiber hin zum Leben geben. Das macht den Eindruck, als ob Paulus aus Kreuzigung und Auferstehung die Hoffnung schöpft, nun bald auch dem Leib nach das Gesetz erfüllen zu können. Das ist es ja, was er in Kapitel 7 beklagte, daß er zwar das Gute tun will, aber das Schlechte tut, daß er es nicht schafft dem Fleisch nach das zu tun, was sein Geist als richtig erkannt hat. Er wollte vom todverfallenen Leib erlöst werden und hier sieht er den Ausweg: Gott macht den todverfallenen Leib lebendig durch Seinen Geist. Interessant finde ich die folgenden zwei Verse:

So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben.
Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.

Mir stellt sich die Frage, wieso wir dem Fleisch etwas schuldig sein sollten. Offenbar sah Paulus das so, sonst hätte er es nicht erwähnt und gleich verneint. Auch interessant finde ich, daß nicht die Rede davon ist, die Taten des Fleisches einfach zu lassen, sondern davon, diese Taten dann zu töten. Dieser Geist in uns jedenfalls sagt uns laut Paulus, daß wir Kinder Gottes sind und damit auch Erben, die mit in die Herlichkeit erhoben werden. Das geht wohl nicht mit dem sündigen Fleischleib. Aus dem Geist heraus weiß Paulus aber, daß die Herrlichkeit trotzdem kommt. Ergo, so verstehe ich ihn, müssen wir diesen Fleischleib, der Paulus so stört, loswerden, von ihm erlöst werden. Dann wäre der sündige Fleischleib das Gefängnis, in das uns die Sünde eingesperrt hat durch das Gesetz.

Dann macht Paulus den Kreis weiter. Die ganze Schöpfung änstigt sich und auch wir ängstigen uns und sehnen uns nach der Erlösung unseres Leibes (Verse 22+23). Dann bringt er aber ein, daß diejenigen, die zu Gott gehören, keine Angst zu haben brauchen, denn sie werden jedenfalls dann auch gerecht gemacht und verherrlicht werden. Gott selbst kümmert sich um sie, und daraus zieht Paulus dann eine überschwengliche Freude (ab Vers 31): Wenn Gott mit uns ist (und das ist Er offenkundig, wenn Er uns gerecht macht und verherrlicht), kann uns eigentlich sonst keiner mehr was. Angst, Hunger, Schwert, Gefahr, alles keine Bedrohung mehr. Niemand kann uns mehr verdammen, wenn Gott uns schon gerecht gesprochen hat. So wie Bundesrecht Landesrecht bricht, bricht Gottes Recht jedes andere Recht. Er ist die letzte Instanz. Abgeschlossen wird das Ganze mit den berühmten Versen 38 und 39:

Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

In Römer 9 geht es dann um Israel und damit um ein anderes Thema. Zusammengefasst war das Problem des Paulus also vor der Erlösung, daß sein Gemüt zwar Gott folgen wollte, sein Leib es aber nicht tat und wohl auch nie dazu in der Lage war. Paulus muß davor große Angst gehabt haben, wenn man bedenkt, was er später in Anschlag bringt, was uns nichts mehr anhaben kann: Keine Verdammung, kein Schwert und keine Gefahr, kein Hunger, kein Tod kann Angst machen. Ich denke es ist wichtig zu sehen, daß es sich dabei um wirklich angstmachende Faktoren handelt und nicht um eingeredete. Vielleicht könnte man Paulus so übersetzen, daß es ihm um die Verfangenheit des Menschen in der Vergänglichkeit, in der Unsicherheit dieser Welt geht. Denn die Welt ist ja nsicher, und wir kriegen sie nicht unter Kontrolle. Was wir auch tun, wir sind nicht perfekt, wir können uns vor Kriegsangst, Angst ums Überleben etc nicht gänzlich schützen. Die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrhundetre hat hier zwar einiges geleistet, aber auch heute verhungern noch Menschen, und Arbeitslosigkeit ist auch nichts, das man einfach so hinnimmt, wenn schon nicht der Hungertod droht. Wie dem auch sei, der Leib kommt da nicht raus, auch wenn wir dem Gemüt nach gerne anders tun würden wie wir können.

Paulus hat nun den Ausweg entdeckt der darin liegt, Gottes Liebe zu finden, die ihm zwar den Hungertod nicht zwangsläufig erspart (der Tradition nach ist Paulus ja nicht verhungert, aber af andere unschöne Weise zu Tode gekommen), aber Hoffnung auf ein Danach gibt, das so viel schöner und wunderbarer ist als es alles sein kann, was wir hier auf Erden möglicherweise erleiden müssen. Ich denke das ist es, wovon Paulus schreibt. Daß die Gewißheit zu Gott zu gehören zu der Gewißheit führt, daß einem nichts mehr passieren kann, das einen im Innersten bedroht. Denn nach allem, was kommt, und sei es ein furchtbarer Tod, kommt garantiert Gottes Herrlichkeit.

Der Text wurde jetzt sehr lang, hoffentlich nicht zu lang zum Lesen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich nicht einfach nur ne neue Theorie gebracht (oder wohl eher ne alte Theorie aufgewärmt) habe oder tatsächlich ein Stück weit hinter die Theorien zum existentiellen Geschehen vorstoßen konnte. Mir hat es jedenfalls viel gebracht, den Artikel zu schreiben, und ich bin wie immer an Euren Kommentaren interessiert.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 09.12.2012

Das 9. Türchen:

Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. 
1.Samuel 2,6

Und der Lehrtext dazu:

Die Himmelskräfte werden erschüttert werden. Und dann werden sie den Menschensohn kommen sehen auf einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Wenn aber das zu geschehen beginnt, richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht. 
Lukas 21,26-28

Die Tageslosung kann zunächst erschreckend wirken: Gott tötet? Sie stammt aus dem Gebet einer Frau, die Gott um einen Sohn bat und ihn bekam. Im Gebet lobt sie die Größe und Macht Gottes, die sich darin erweist, dass er Macht über Tod und Leben gleicher-maßen hat – und bei dem der Tod nicht das letzte Wort hat.

Wie gehe ich mit dem Tod in meinem Leben um? Was gibt mir Kraft zum Leben?

 

EKD, glaube, kirche, Religion

Predigtnachbesprechung

Auf evangelisch.de stieß ich auf eine Predigt von Prof. Dr. Christoph Dinkel zur PID. Er lehrt an der Uni Kiel, ist Pfarrer in Stuttgart und Mitherausgeber bei online-predigten.de, wo man die Predigt auch als pdf runterladen kann.

Die Predigt ist sehr sachlich gehalten, Dinkel steht auf Seiten der Befürworter der PID. Er enthält sich fast jeglicher Polemik, was sehr sympathisch ist und es einem Gegner der PID wie mir einfacher macht, seine Argumente zu durchdenken, da ich mich nicht erst über unsinnige Angriffe aufrege. In der Tat fand ich nur eine ansatzweise polemische Formulierung:

Absurd an dieser Debatte ist, dass Föten, bei denen solche tödlich verlaufende Erbkrankheiten während der Schwangerschaft bemerkt werden, bis direkt vor der Geburt in Deutschland straflos abgetrieben werden können. Das geschieht zum Glück nur sehr selten, ist aber ethisch nun wirklich in hohem Maße bedenklich. Die Gegner der PID nehmen faktisch eher Spätabtreibungen in Kauf als dass sie die Untersuchung an einem achtzelligen Zellhaufen vornehmen lassen. Das verstehe wer will. Im Sinne der Ethik Jesu ist das in jedem Fall nicht.

Die Polemik ist, daß Dinkel unterstellt, man würde als PID Gegner die Spätabtreibung, die er als ethisch bedenklich beschreibt (und ich stimme ihm da zu), befürworten. Das ist Unsinn! Was noch größerer Unsinn ist, ist die Tatsache, daß Dinkel quasi die Straflosigkeit der Spätabtreibung als Argument für die PID benutzt, obwohl er die Spätabtreibung im gleichen Atemzug als bedenklich einstuft.

Unabhängig davon bin ich froh, einen so unafgeregten Text pro PID zu lesen. Ich möchte im Folgenden nun darstellen, wo aus meiner Sicht der Denkfehler liegt, und wieso ich an meiner gegensätzlichen Bewertung der PID festhalte.

Die Argumentationslinie Dinkels

Dinkels Argumentation setzt bei Jesus und seinem Verhältnis zur Prinzipienethik der Pharisäer an. Jesus hat Not gelindert und sich dabei recht wenig um prinzipielle Einwände der Pharisäer gekümmert, wie eta die Frage, ob am Sabbat Heilen erlaubt sei. Jesus sah die Not und linderte sie, unabhängig von den geltenden Konventionen.

Dieses Handeln überträgt Dinkel nun auf die PID Frage: Er stellt die Not der Eltern dem Prinzip gegenüber, daß jedes menschliche Leben geschützt werden müsse, auch das des nicht eingepflanzten Embryos. Die Gegner der PID halten demnach an einem Prinzip fest, so Dinkel, während sie die Not der Eltern aus den Augen verlieren.

Damit stünden dann die PID Gegner als die neuen Pharisäer da, und die Befürworter als diejenigen, die im Sinne Jesu argumentieren.

Dinkel hat Recht

Und Dinkel hat Recht. Es kann nicht sein, daß Menschen aus Prinzip Leid ertragen müssen. Es kann nicht sein, daß jemandem Leid aufgeladen wird, bloß um irgendwelchen Definitionen oder Regeln nachzukommen, das wäre in der Tat herzlos, und hätte recht wenig mit der Nachfolge Christi zu tun.

Prinzipien, feste Regeln, sind tot. Sie verändern sich nicht. Sie bewegen sich nicht. Sie gehen auf niemanden ein, betrachten nicht den Einzelfall. Sie sind statisch und tot. Es ist nicht gt, dem Tod zu folgen.

Auf der anderen Seite ist der lebendige Gott, der sich auf jedes Seiner Kinder, auf jede Situation einstellen kann und will, und so immer wieder neu hilft. Eben weil Gott lebendig ist, kann man nicht von Nachfolge sprechen, wenn man toten, statischen Prinzipien folgt, und das noch aus Prinzip, also aus eigener Statik, aus eigenem Tod.

Dinkel hat Unrecht

Doch das ist eben das Problem: Gott ist der, der lebendig ist. Für uns Menschen gilt das nur bedingt. Und ganz aus ist es, wenn es um die Gesetze geht, die wir Menschen uns geben in demokratischer Freiheit, um unser Zusammenleben zu regeln. Diese Gesetze sind notwendig bis zu einem gewissen Punkt statisch, und werden es immer bleiben. Die einzige Abhilfe wäre wohl, die Gesetze abzuschaffen und einem Menschen die Kompetenz zuzusprechen, im Einzelfall zu entscheiden. Es gibt tausend Gründe, warum das meist auf Dauer nicht gut geht, und alle haben mit der Fehlbarkeit des Menschen zu tun, daß er sündhaft ist und über kurz oder lang dem Bösen zuneigt, das ja gerade verhindert werden soll.

Dies ist aber gar nicht der Hauptpunkt, an dem Dinkel Unrecht hat. Für mich ist der Knackpunkt da, wo Dinkel die Not der Eltern damit beschreibt, daß sie keine Kinder haben, unter mständen schon welche verloren haben und welche bekommen wollen:

Hinter dem Wunsch nach der Anwendung von PID steckt immer eine große Not. In der Regel haben Eltern schon ein oder zwei Kinder durch eine schwere Krankheit verloren. Sie habe ihr Kind liebevoll begleitet, haben mit ihm gekämpft, gelitten und den Kampf verloren. Der Tod eines Kindes ist mit das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann. Eltern die solches mitgemacht haben, wünschen sich nun noch ein Kind, das die Chance hat zu leben. Dazu sind sie bereit, die Tortur der künstlichen Befruchtung auf sich zu nehmen.

Ich frage mich, und ich bin mir bewußt, daß es hart klingt, ob die Not dieser Eltern wirklich darin besteht, keine Kinder haben zu können. Ich frage mich, ob die Not nicht der übersteigerte Wunsch ist, ein Kind zu haben, das überlebt. Ich frage mich, ob es wirklich eine Linderung der Not ist, wenn sie nun das Wunschkind bekommen, nach langem Leiden, oder ob die Not nicht doch weitergeht. Die Not, sich vom Kind abhängig zu machen, daß das Leben nur durch und mit dem Kind einen Sinn hat.

Es klingt hart, und es fällt mir nicht leicht, das zu schreiben. Aber wann ist die Not der Eltern zu Ende? Ich denke an einen Fall im weiteren Bekanntenkreis. Eine Familie, Einzelkind, die Eltern richten das ganze Leben auf das Kind aus (das übrigens ganz traditionell zu Stande kam). Und dann, kurz nachdem das Kind den Führerschein hatte: Unfall, Tod. Die Eltern fielenin ein schwarzes Loch.

Die Not, ein Kind zu haben, endet ja nicht mit der Geburt des Kindes. Dinkel nennt ja gerade Eltern, die schon Kinder hatten, die ihnen praktisch unter der Hand weggestorben sind, ohne daß sie etwas tun konnten. Die Not endet für diese Eltern in Dinkels Verstehen nicht. Sie wollen wieder ein Kind. Ein gesundes Kind. Vielleicht ein Kind, das seinen Zweck als Kind erfüllt? Nämlich in der Familie groß zu werden und den Eltern, Großeltern nd Frenden Freude zu schenken? Ich bin gerade Onkel geworden, ein Kind ist in der Tat eine Freude. Aber ist dies sein Zweck?

Der Zweck des Kindes

Alle Kinder sind gleich viel wert. Jedes Leben ist in Gott gehalten und hat seinen Wert aus Gott, und nicht aus der Lebensdauer, dem Schmerzsaldo oder der Freude, die es den Eltern oder sonstwem spendete. Ob das Kind nun mit offenem Rücken zur Welt kommt, oder gesund. Ob es einen Tag oder 100 Jahre alt wird, ob es viel Leid erfährt im Leben oder viel Glück: Alle Kinder sind von Gott geliebt und gewollt, und haben keinen anderen Zweck als den, da zu sein, und zwar so lange, wie sie eben da sind.

Die Not der Eltern besteht nicht darin, daß sie keine Kinder bekommen, jedenfalls nicht in erster Linie. Viel mehr ist es eine Not, sein Leben vom Vorhandensein eines Kindes – eines gesunden Kindes – abhängig zu machen. Hier tut in der Tat Hilfe Not, abseits von allen Prinzipien, hier sind wir als Christen gefordert, Not zu lindern. Doch nicht, indem wir Methoden wie die PID gutheißen, in der es letztlich darum geht, daß ein Produkt Kind geschaffen wird, das den Anforderungen genügen soll, die die bisherigen Kinder nicht erbrachten, und die dem Leid bei der Zeugung angemessen sind. Statt dessen sollten wir den Eltern beistehen, die vielleicht doch keine werden, und verschen ihnen Wege zu eröffnen, auch ohne Kinder ein erfülltes Leben zu leben.Lebensglück- und erfüllung ist nicht vom Vorhandensein von Kindern abhängig.

Verantwortung

Ich bin mir dessen bewußt, wie hart meine Worte sind, ich vermag es nicht weniger hart auszudrücken. Doch hoffe ich deutlich gemacht zu haben, daß es diesem PID Gegner nicht um eine prinzipielle Ablehnung geht, sondern eben auch um die Notsitation der Eltern, und um Hilfe.

Zum Kinderwunsch gehört eine Verantwortung, und die beinhaltet auch, sich möglichem Leid zu stellen. Alle Eltern können sich mit einem nicht gesunden Kind konfrontiert sehen. Alle Eltern können sich mit Schwierigkeiten bei der Gebrt konfrontiert sehen, die das Leben sowohl des Kindes als auch der mutter gefährden können.

Wer sich für ein Kind entscheidet, das kein Produkt ist, der wird sich mit der Gefahr abfinden müssen, daß auch alles schief gehen kann (und ich wünsche es niemandem!). Grenzt man die Möglichkeiten eines Mißlingens ein, nimmt man sich damit auch ein Stück weit den Segen, den ein Kind bedeutet, und macht es sich zu einem Produkt mit Qualitätsanforderungen. Ohne es zu wollen, und ohne so etwas gutzuheißen, würde man darauf angesprochen.

Fazit

Dinkel plädiert dafür, die Not zu lindern, in der sich Eltern befinden, die bisher kein gesundes Kind bekommen konnten. Doch nach meiner Meinng läßt sich Not nicht lindern, indem man sich um die Auswirkungen der Not, den unbedingten Kinderwunsch, kümmert und PID in gewissen Fällen prinzipiell zuläßt.

Statt dessen bin ich der Meinung, man sollte sich individuell den Menschen zuwenden, die unter ihrer Kinderlosigkeit leiden, mit ihnen einen Lebensweg ohne Kinder aufzeigen und ihnen beistehen, wenn sie sich für die künstliche Befrchtung entschieden haben und die Prozedur gerade durchstehen. Und auch danach, denn egal ob PID oder nicht: Die meisten künstlichen Befruchtungen sind nicht erfolgreich.

Wenn es aber dann zu einer Geburt kommt, wieso nicht am neuen Erdenbürger erfreuen, egal, wie lange und unter welchen Umständen er lebt? Als Kind Gottes ist er gewollt, und in jedem Fall ein Segen und nicht Produkt, das statischen Qualitätsmerkmalen entspricht.