Allgemein

Krieg der Religionen?

Daß in Ägypten Kirchen und Klöster in Flammen aufgingen,nachdem die Regierung gegen die Anhänger Mursis vorgegangen ist, hab ich schon geschrieben.

Beim Herrn Alipius hab ich jetzt gelesen, daß womöglich noch viel mehr Kirchen gebrannt hätten, wenn nicht Muslime (!) sich den Muslimbrüdern in den Weg gestellt hätten!

Danke an die mutigen Ägypter, so hab ich Euch aus der Zeit der Proteste gegen Mubarak in Erinnerung!

Laßt uns beten, daß die Gewalt bald aufhört und Ägypten in eine freiheitlich-demokratische Zukunft geht! Und bis es soweit ist, laßt uns noch mehr beten für die Opfer der Gewalt.

Kirchentag

Der Kirchentag – persönliche Nachgedanken von Benny

Nun ist er also um, der Kirchentag. Und nachdem ich gestern erst mal Erholung brauchte (ich hab mich in Hamburg ziemlich übel erkältet), wollte ich noch ein paar Gedankenanstöße festhalten, die ich vom Kirchentag mitgenommen habe.

Das vielleicht für die Zukunft interessanteste, was ich auf dem Kirchentag gelernt habe, ist die Existenz der sogenannten 66er Ausbildung. Es gibt da wohl einen Paragraphen 66 im Berufsbildungsgesetz, der den Rahmen für die Ausbildung von Menschen mit Behinderung regelt. Und dabei geht es offenbar nicht nur um körperliche Behinderungen. Für die Inklusion ist das ein guter Ansatzpunkt. Aber da muß seitens der „Schwerstmehrfachormalen“ auch umgelernt werden. Nicht jede geistige Behinderung muß in die Behindertenwerkstatt führen, man muß einfach mal darauf achten, was die Menschen können, statt sich darauf zu konzentrieren, was sie, verglichen mit der Norm, nicht können. Bei einer Veranstaltung berichtete ein gut ausgebildeter junger Mann, der vor kurzem erbindet war, von seinen Problemen mit dem Arbeitsamt. Aufgrund seiner Blindheit bot man ihm fast nichts an. Er hat studiert, er kann mit Texten umgehen, aber allein die Tatsache, daß er sie an einem Computer nicht über den Monitor, sondern über den Screenreader rezipiert, sorgte wohl dafür, daß ihm entsprechende Jobs gar nicht angeboten wurden. Komischerweise wurde er aber immer wieder nach seinem Führerschein gefragt, und ob dieser Anhänger mit einschließe (den Führerschein hatte er von vorher, inklusive Anhänger, weil alter 3er Führerschein, aber daß sein fehlendes Augenlicht ihm Autofahren nicht mehr ermöglichte, wurde ebenfalls weitgehend ignoriert).

Trotzdem. Diese 66er Ausbildung sollte bekannter werden. Zur Zeit werden noch zu viele Hürden, vielleicht auch aus Unkenntnis aufgeworfen. Ein Politiker saß auf dem Podium (seinen Namen hab ich vergessen, ein Hinterbänker aus dem Bundestag), der einen behinderten Sohn hat. Dieser hatte nun die Möglichkeit, eine Berufsausbildung zu machen, also einer „richtigen“ Arbeit nachzukommen, und nicht auf die Behindertenwerkstätten angewiesen zu sein. Das Problem war, obwohl der Arbeitgeber dem zugestimmt hatte, mußten noch diverse amtliche Stellen dem Ganzen zustimmen, so um die 5. Wenn eine Stelle nein sagt, wieso auch immer, war es das. Diese Stellen hatten nun alle zugestimmt. Und dann fiel der Berufsschule ein, daß sie kein barrierefreies Gebäude hat. Geht also doch nicht.

Und hier stand ein Politiker im Hintergund, der durchaus mehr Einfluß haben dürfte, als „normale“ Menschen (was „normal“ allesbedeuten kann!). Wie sieht es in anderen Fällen aus?

Der gleiche Politiker sprach auch davon, daß man eingentlich darangehen müßte, die Förderschulen abzuschaffen (wenn auch nicht ganz), um die Inklusion voranzubringen, weil sie einfach die Trennung er Gesellschaft zementieren. Aber wie es aussieht haben die Betreiber hier auch ein Interesse daran, ihre Pfründe zu sichern, und betreiben Lobbyarbeit hin zu einer Bewahrung des status quo, so schädlich er auch ist. So werden inzwischen wohl vermehrt lernbehinderte Jugendliche als geistig behindert eingestuft, weil sie dann die Chance haben, in eine Behindertenwerkstatt zu kommen und nicht von Hartz IV leben zu müssen, nachdem sie die Förderschule verlassen. Wer stellt schon einen Förderschüler ein? Auf dem Kirchentag wurden einige vorgestellt, die das tun. Aber man muß sie suchen.

Wenn es uns als Gesellschat gelingt, die Inklusion umzusetzen, dann kommt es vielleicht auch dazu, daß Behinderungen nicht mehr als so schlimm wahrgenommen werden, wie wir Schwerstmehrfachnormale es heute meist noch tun. Nur wei ich mir ein Leben ohne Augenlicht nicht vorstellen kann, heißt es nicht, daß der Blinde unter seiner Blindheit mehr leidet als ich unter meinem Asthma. Der kann im Zweifel viele Dinge tun, die ich nicht tun kann. Ich erinnere mich an eine Unterhaltug mit einer Freundin, die an Neurodermitis leidet: Sie meinte, meine Kurzatmigkeit, das wäre für sie die Hölle, wie ich das denn aushalten könne. Für mich ist das aber kein größeres Problem, da macht man halt mal langsam und atmet tiefer und langsamer, bis es besser wird. Ist normal so, auch wenn’s manchmal nervt. Ich meinte im gleichen Gespräch, die Neurodermitis, dieses ständige Jucken auf der Haut, dieses nässende Gefühl, ständig eincremen müssen, das wäre für mich die Hölle. Das sah sie wiederum nicht so. Ich weiß nicht, vielleicht fänd ich es auch nicht so schlimm, wäre ich in der Situation. Trotzdem: Aus meiner persönlichen Warte sieht es immer noch aus wie die Hölle.

Ich vermute, daß behinderte Menschen ihre Behinderungen ebenfalls ihre Behinderungen nicht so negativ erleben, wie wir uns das vorstellen. Wenn wir einander besser kennenlernten, etwa weil wir gemeinsam zur Schule gehen, ist Behinderung vielleicht nicht mehr ganz so beängstigend. Und man treibt vielleicht auch seltener ab. Es käme wohl kaum jemand auf die Idee, Asthmatiker oder zukünftige Brillenträger abzutreiben, könnte man es schon im Mutterleib feststellen.

Bei der gleichen Veranstaltung zur Inklusion wurde ich auch auf Barner 16 aufmerksam. Auf youtube beschrieben sie sich so:

barner 16 erklärt die Welt ist eine neue Videoreihe der barner 16, ein inklusives Netzwerk professioneller Kulturproduktionen von Künstlern mit und ohne Handicaps.

Eine kleine Kostprobe.

Bei der Bibelarbeit von Andrew Jones, dem „Long Tall Kiwi“, ging es unter anderem um Gärtnern. Und dabei wies Andrew auf die Urban Farming Guys hin. Auch hier ne Kostprobe.

Überhaupt treffe ich in letzter Zeit und dann verstärkt auf dem Kirchentag immer wieder auf Tipps, wie man Dinge selbst herstellt, oder zumindest auf Hinweise zu Gruppen oder Firmen, die lokal herstellen unter sozial verträglichen Bedingungen. So wurde zum Beispiel bei einer Veranstaltung Werbung für freie Software gemacht, auch wenn die Leute auf der Bühne dort augenscheinlich nicht zu tief in der Szene steckten. Es wurde als gut anerkannt und gewürdigt, zusammen mit dem Menschen, der eine Maschine zum Selberbauen von Möbeln entwickelt hat und die Pläne für non-profit Zwecke gerne weitergibt und dem Schuhersteller aus Österreich, der es schafft nur in Österreich zu produzieren und trotzdem gute, reparierbare Lederschuhe herstellt für 150€ das Paar. Im Gegensatz zu den Global Playern macht er keine Werbung und zahlt sich selbst auch nur 1000€ im Monat aus. Aber er sagt: Das reicht ihm. Den Namen hab ich vergessen, aber all diese Projekte findet man auch bei futurzwei.org. Nachteil dort ist, daß nur Schwörer alles gezeigt kriegen: Man muß versprechen, die Ideen nicht nur zu konsumieren, sondern auch weiterzuerzählen. Hab ich hiermit erledigt 😉

Die Seite hat auch viele andere interessante Inhalte, wie die „Nachrichten aus der Zukunft“ (oder Vergangenheit?) Ganz lustig, wie Sarazin Klage erhebt, weil sein Körper überfremdet ist von Millionnen körperfremder Mikroorgamismen und es als blauäugig und weltfremd bezeichnet wenn gesagt wird, daß man ohne diese Mikroorganismen gar nicht leben kann…

Natürlich gibt es auch immer viele Möglichkeiten, beim Kirchentag zu diskutieren. So laufen immer wieder Leute mit Schildern rum. Darauf steht dann „Jesus rettet“ oder „Wer nicht glaubt kommt in die Hölle“ oder Ähnliches. Diesmal hab ich bei drei Gelegenheiten ein bißchen diskutiert. Da war der ältere Herr mit dem Fahrrad am Samstag. Am Rathausplatz stand er da mit seinem Fahrrad und den Schildern drauf. Diskutieren war nicht wirklich möglich, da er sich in endlosen Monologen erging. Manches fand ich auch gar nicht so verkehrt, aber diese elende Satisfaktionslehre… Wie dem auch sei: Für ihn schienen die negativen Seiten der Satisfaktionslehre, diese Sündenangst und all das, was einem die Sicherheit der Errettung doch noch nehmen könnte, nicht zuzutreffen. Er war tatsächlich voll der Freude (oder er hat gut geschauspielrt), nur ein bißchen arg stur. Da er nach eigenen Worten an Krebs erkrankt ist hoffe ich, daß er diese Freude beibehalten kann, trotz Satisfaktionslehre.

Das zweite Beispiel war gleich am Mittwochabend in der Nähe der Binnenalster. Ein paar Fundamentalisten mit Schildern diskutierten mit Jugendlichen. Ich kam nicht dazu, meine eigenen Einwände und Fragen vorzutragen, da erscheinen auch schon ein paar junge Muslime. Die hatten Anfangs ganz interessante Sprachen, aber bald ging es nur noch darum, ob nun Christentum oder Islam die echte Religion ist. Es war schon lustig, danebenzustehen und zuzuhören, wobei ich auch manchmal ins Gespräch eingriff, um die christlichen Fundis in Schutz zu nehmen, wenn die Muslime gar zu argen Unsinn erzählten (Jesus kein Gott, so ein Quatsch…). Übrigens, nochmal zu Andrew Jones. Der hatte in seiner Bibelarbeit den Text der Speisung der 5000 nach der Version von Johannes 6. Muslimische Missionare wollen ja öfters mal Mohammed in die Bibel bringen, indem sie auf das Johannesevangelium rekurrieren. In Johannes 1, 19-21 wird der Täufer nacheinander gefragt, ob er der Christus, Elia oder „der Prophet“ sei. Muslime schließen daraus, daß es neben dem Christus noch einen Propheten geben müsse, und beziehen das auf 5. Mose 18,15, wo von einem Propheten wie Moses geredet wird. Dieser Prophet müsse also von Christus verschieden und wie Moses sein, natürlich deuten die Muslime das auf Mohammed. In Joh 6,14 steht aber nun:

Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

Sorry, liebe Muslime.

Und noch eine kurze Diskussion hatte ich. Wir gingen gerade am Elbufer entlang, als mir wieder mal (bei Kirchentagen passiert das dauernd) eine Broschüre entgegengestreckt wurde. Es ging um den Humanistentag. Der humanistische Werber wies insbesondere auf die beigefügte Literaturliste hin: Artikel in Wochenzeitschriften aus den letzten Jahrzehnten, die in irgend einer Weise gegen Kirche oder Bibel oder Glaube oder ale drei sprechen sollten. Auf den Hinweis, daß ich dieser Liste nicht bedürfte, da ich Theologie studiere und mir die Quellen eher zugänglich sind als diese Tertiärliteratur, wies er mich erst einmal darauf hin: Er sei der viel größere Experte in diesen Dingen. Aha. Dagegen kommt man natürlich nicht an. Er fuhr fort, mir irgendwelche Zitate aus dem katholischen Katechismus (ja genau, evangelischer Kirchentag, aber welcher vernunftbegabte, wissenschaftlich denkende Nichtreligiot versteht da schon den Unterschied?) an den Kopf zu werfen und zu behaupten, daß der 2. Petrusbrief die Sklaverei und den Antisemitismus rechtfertigen würde. Mein Hinweis, daß er da aber etwas gewaltig verdrehe quittierte er wie eine beleidigte Leberwurst: Er winkte ab, drehte sich um und ging seines Weges. Wieso ist es immer so schwer, mit Leuten, die nur die Vernunft gelten lassen, vernünftig zu sprechen…?

Manche Sachen haben mich auch geärgert. Daß die App nur über den google app store zu beziehen ist zum Beispiel. Ich hab kein google Konto und ich plane auch nicht, mir eins zuzulegen. Und irgendwie kam es mir so vor, als ob die Teilnehmer immer weniger in die Diskussionen einbezogen würden (vielleicht war ich auch in den falschen Veranstaltungen) und irgendwie lagen die interessanten Themen alle parallel. Ich hatte irgendwie auf der einen Seite viel Freizeit, auf der anderen Seite aber auch viel verpasst wegen interessanterer Parallelveranstaltungen. Ist aber nur ne subjektive Sache.

Alles in allem 5 schöne, wenn auch anstrengende Tage. Was ich hoffe ist, daß in Stuttgart dann auch endlich mal die Piraten bei einem Kirchentag anzutreffen sind. Parteien trifft man dort von CSU bis KPD so ziemlich alle. Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, als verspielen die Piraten aufgrund der dort stark anzutreffenden antikirchlichen Reflexe (der Kirchentag hat mit der Kirche übrigens recht wenig zu tun, organisatorisch) wunderbare Vernetzungsmöglichkeiten. Die Grünen hatten und haben in Teilen immer noch große Vorbehalte gegen die Kirchen, trozdem waren sie über die Friedensbewegung auch stark mit der Kirche verbandelt, auch wenn es andernorts Differenzen gab. Gleiches gilt für die Gewerkschaften. Ver.di hat mit den Kirchen nen langjährigen Rechtsstreit wegen dem dritten Weg, trotzdem tritt Bsirske auf jedem Kirchentag auf und beim Sonntagsschutz zieht man an einem Strang. Es wird Zeit, daß die Piraten es schaffen, die Mauern in ihren Köpfen zu überwinden. Vielleicht trifft man sie ja dann endlich in Stuttgart auf dem Markt der Möglichkeiten. Ich hoffte ja schon in Bremen darauf, und bisher: Nix. Trotz den Christen in der Piratenpartei…

So, das war es jetzt aber.

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Präimplantationsdiagnostik

Letzten Dienstag hatte der Bundesgerichtshof in Leipzig entschieden, daß bei künstlicher Befruchtung eine Präimplantationsdiagnostik (PID) an den vorhandenen Embryonen zur Auswahl der einzupflanzenden Embryonen nicht gegen das Embryonenschutzgesetz verstößt. Demnach ist es werdenden Eltern im Falle einer künstlichen Befruchtung möglich, gezielt diejenigen Embryonen selektieren zu lassen, welche bestimmte genetische Auffälligkeiten nicht aufweisen.

In der letzten Woche habe ich dazu auf dem Blasphemieblog diskutiert und möchte hier nun versuchen, meine Ansichten zusammenzufassen.

Die zu erwartenden Äußerungen kirchlicherseits wurden, wie ebenfalls zu erwarten von humanistisch-atheistischer Seite kritisiert (siehe außerdem die Kommentare beim Blasphemieblog).

So spricht der Humanismus-Blog von religiöser Bevormundung. Herausgegriffen werden Äußerungen von einem Herrn Glück (CSU) und Herrn Hüppe (CDU), dem Behindertenbeaftragten der Bundesregierung. Leider gibt der Humanismusblog keine Quellen an, so daß man auf die dort vorhandenen Zitate angewießen ist. Demnach argumentieren beide Herren, daß Leben von Gott gegeben sei und nicht verfügbar gemacht werden dürfe.

Die Kritik richtet sich nun dagegen, daß aus privaten religiösen Überzeugungen eine sittliche Norm für alle abgeleitet und durchgesetzt wird. Unabhängig davon, daß dies eine der Gefahren der Demokratie ist, daß die Politiker im Zweifel eigenen Überzeugungen folgen und weniger vom Standpunkt der Allgemeinheit her denken, ist interessant, wie andere Quellen die fraglichen Politiker zitieren. Zu Glück hab ich bisher nichts gefunden, im verlinkten evangelisch.de Artikel wird Hüppe jedoch mit einer ganz anderen als religiösen Begründung zitiert, nämlich die Sorge daß es nur noch um „Selektionen [gehe], was […] lebenswert [ist] und was […] nicht mehr lebenswert [ist] „.

Dies ist aber eine andere Argumentation als die mit einer privatreligiösen Überzeugung. Denn Selektion hat einen gesamtgesellschaftlichen Aspekt. Es geht nicht um Bevormundung, liebe Atheisten, es geht um die Würde des Menschen, die unabhängig von der Religion im GG Art. 1 als unantastbar festschreibt. Wie ich bisher den atheistischen Humanismus begriffen hab, hat man sich immer zur Menschenwürde bekannt und ich denke, daß ich auch heute auf Seiten der atheistischen Humanisten Zustimmung finden kann, wenn ich sage, daß die Selektion von Leben anhand der Gene tatsächlich die Menschenwürde antastet (Insofern wäre es interessant, was das Bundesverfassungsgericht zum Urteil des Bundesgerichtshofes zu sagen hat, der ja scheinbar nur die Strafbarkeit nach dem Embryonenschutzgesetz geprüft hat). Jedenfalls scheint es, als stünde Herr Hüppe nicht allein, denn auch der Berliner Behindertenverband spricht sich „energisch“ gegen eine Selektion aus „auch nicht in der Petrischale“.

Wenn ich mir kirchliche Verlautbarungen ansehe, so spielt die Bewertung des Embryos als vollwertiger Mensch durchaus eine Rolle (wobei sie nicht überall explizit genannt wird), ich fand es bisher aber nirgends als einziges Argument. Am ehesten findet sich dies noch im Artikel auf kath.net über die Stellungsnahme der Deutschen Bischofskonferenz, aber auch diese spricht den Rechtfertigungsdruck für behinderte Menschen und deren Eltern an, der wohl auch von Michael Bauer, dem Autor des Humanismus-Blogs abgelehnt würde, spricht er doch von einem „wirkliche[n] Skandal“, falls PID zum Zwang würde.

Grundsätzlich wenden sich aber alle kirchlichen Verlautbarungen, die ich bisher gelesen habe, zumindestens auch gegen die Selektion, die Embryonen als „Material und Mittel zu anderen Zwecken“ (Barth, EKD) und damit eine Aushöhlung der Menschenwürde.

In meinen Diskussionen mit Atheisten in der letzten Woche wurde nun oft argumentiert, es sei gar kein Problem zu selektieren, weil eben die Embryonen nicht mit einem Menschen zu vergleichen seien und folglich keine Träger von Menschenwürde wären. Jedoch ist, unabhängig davon, ob ein Embryo nun als „ganzer Mensch“ aufgefasst wird, jedem Embryo die Potenz eigen, sich zu einem „ganzen Menschen“ zu entwickeln, so er denn eingepflanzt wird. Eine Selektion in der Petrischale würde Folgen bei Trägern der Menschenwürde haben, den geborenen Kindern. Bewertet man den Embryo des einen Kindes als weniger lebenswert als den Embryo des anderen Kindes, weil ein genetischer Defekt vorliegt, so hat dies Auswirkungen auf die Beurteilung aller tatsächlich lebenden Menschen mit eben jenem Gendefekt, und diese Menschen sind fraglos tatsächlich Träger der Menschenwürde.

Da zieht dann auch ein anderes „Argument“ nicht, das mir in den Diskussionen entgegengehalten wurde, nämlich das Recht der Eltern auf ein gesundes Kind. Wer ein solches oder ähnliche Rechte formuliert muß sich erst einmal überlegen, was er da fordert! Das Kind wird so nämlich zum Besitz der Eltern mit dem Zweck, die Eltern glücklich zu machen. Selbstzweck des Kindes? Fehlanzeige? Würde des Kindes? Abhängig von der Funktion der Glückserfüllung für die Eltern: Macht das Kind die Eltern nicht glücklich (etwa weil es „defekt“ ist, genetisch nicht dem Gewollten entspricht), hat es seinen Zweck verfehlt und seine Daseinsberechtigung wird, will man solche Elternrechte tatsächlich einführen, zumindest angezweifelt. Alleine die Forderungen nach solchen Rechten macht es meiner Meinung nach dringend nötig, daß Humanisten „ihre eigene, weltanschaulich begründete Ethik auf hohem, diskursfähigem Niveau erarbeiten“, nicht um dem Einzelatheisten das Denken abzunehmen, sondern um, wie es in den Kirchen der Fall ist, denkerisch potente Menschen vordenken zu lassen und bestimmte Sackgassen als solche zu benennen, damit andere Menschen dies nachdenken können und nicht mit allzu abstrusen (und gefährlichen) Vorstellungen kommen.

Eine Äußerung will ich noch ansprechen, weil sie bei mir hängengeblieben ist: In der Diskussion wurde ich gefragt, wie ich denn nun die Frage beantworten würde, ob ich lieber ohne Beine (=genetischer „Defekt“) oder mit Beinen geboren werden wollte. Nur bietet die Frage eine falsche Alternativem, denn soweit es von meinen Genen abhängt, besteht lediglich die Alternative: Keine Beine oder keine Existenz. Daß das Kind mit Beinen und das Kind ohne Beine, obwohl genetisch unterschiedlich und auf verschiedene Embryonen zurückzuführen, als identisch angesehen wird, scheint mir wieder ein elterliches Konsumdenken vorauszusetzen: Das Kind als Produkt, das das Elternglück bringen soll.

Es gibt nun aber auch die Möglichkeit der Spätabtreibung, die zumindest eine Ähnlichkeit mit der Selektion nach PID hat. Nur ist es hier nicht mehr die Selektion zwischen verschiedenen Embryonen (und damit potentiellen Menschen und Trägern der Menschenwürde) sondern die Frage, ob man ein Kind gebärt oder im Mutterleib abtötet, zum Wohle der körperlichen und/oder seelischen Gesundheit der Schwangeren. Meiner Meinung nach ist die Spätabtreibung immer noch kritisch zu sehen jedoch auch wegen des genannten Unterschieds nicht mit der Einpflanzung aufgrund PID gestützter Selektion zu vergleichen. Die Gesundheit der Mutter muß jedenfalls in Gefahr sein, um eine Spätabtreibung durchführen zu können (wobei man sich da die Kriterien der Feststellung genauer ansehen müßte), einen Automatismus gibt es nach meinem bisherigen Verständnis nicht (wie auch kein Arzt gegen sein Gewissen gezwungen werden kann, eine Abtreibung durchzuführen).

Zu bedenken ist auch, wenn man sich mit der Materie befasst, daß eine künstliche Befruchtung sowieso schon an sich ethisch verschiedendlich bewertet werden kann, wenn man dem Embryo Menschsein zuspricht. Denn es werden, so wie ich es verstehe, bei einer künstlichen Befruchtung mehrere Embryonen erzeugt, die jedoch nicht alle zum Leben kommen, sondern im Zweifel für die (Stammzellen-) Forschung benutzt werden. Entsprechende Begehrlichkeiten kommen immer wieder auf.

Alles in allem ist das ganze Themengebiet sicher kein Leichtes, jedoch sollte es möglich sein zwischen den Gesellschaftsgruppen, miteinander darüber zu reden ohne stereotyp immer wieder die gleichen Vorwürfe zu bringen und mehr darauf zu hören, was das Gegenüber tatsächlich sagt.