Gesellschaft, Glaube

Liebe überwindet alles

Schriftzug auf Bild: "Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Liebe zu begegnen" - Margot Käßmann - Frühere Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland, liebt die Menschen, die uns töten wollen.
AfD Hamburg Nord twittert über Käßmann

Es ist natürlich eine himmelschreiende Provokation für besorgte Bürger, daß Siegmar Gabriel Margot Käßmann als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt eingebracht hat. Also muß man reagieren, dachte sich wohl der Bezirksverband Hamburg-Nord,und postete obenstehenden Tweet (ich hab nen Screenshot gemacht, da die AfD ja gerne Tweets löscht).

Die selbsternannten Verteidiger der deutschen „Leitkultur“ machen sich lustig über einen zentralen christlichen Wert: Die Liebe zum Nächsten und sogar zum Feind.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich, insofern die AfD im Kern eben nicht christlich ist und auch keine christlich-abendländischen Werte vertritt. Ihr Rezept für den Umgang mit dem Islamismus lautet Haß, Ausgrenzung, Repression – das Gegenteil von Liebe.

Überhaupt stellt man Käßmann ja gerne einmal als weltfremd hin, man denke an die Rede davon, mit den Taliban bei Kerzenlicht zu beten (eine Idee des damaligen Wehrbeauftragten Robbe, nicht Käßmanns) oder als wüßte sie nicht, wovon sie redet – bei ihrem vielkritisierten Satz „nichts ist gut in Afghanistan“ (ein Nebensatz in ihrer Neujahrspredigt vom 1.1.2010) wissen wir inzwischen, daß sie Recht hatte. Zumindest sieht das Präses i. R. Manfred Kock so, dem man in der Regel mit mehr Respekt begegnete – Frauen in kirchlichen Führungspositionen sind halt für die ach so frauenbewegten Abendlandsretter (man verlangt von Muslimen, sich ein Frauenbild zuzulegen, daß man selbst wohl mit „Genderwahnsinn“ beschreiben würde) ein rotes Tuch, die sieht man lieber am Herd, so lange sie nicht den Schießbefehl an der Grenze fordern oder die positive Besetzung des Adjektivs „völkisch“…

Nun also wieder, dabei stellt sich doch die Frage, ob Lösungsversuche, die auf militärische Macht und Gewalt setzen, so viel besser sind. Gewalt erzeugt Gegengewalt, wußten schon die Ärzte. Und im Lied Civil War besangen Guns ’n Roses, daß mti Gewalt kein Staat zu machen ist:

So I never fell for Vietnam
we got the wall in DC to remind us all
that you can’t trust freedom when it’s not in your hands
when everybody’s fighting for their promised land.

Also fiel ich nicht für Vietnem
wir haben die Wand in DC, um uns alle zu erinnern
daß man der Freiheit nicht trauen kann, wenn es nicht in Deiner Hand ist,
wenn jeder für sein gelobtes Land kämpft.

Der Viet Cong kämpfte nach eigenem Verständnis für die Freiheit, auch die Freiheit vom Kapitalismus. Die Islamisten kämpfen für die „Freiheit“, nach den Regeln ihres Islamverständnisses zu leben. Wer so kämpft, wer so überzeugt ist, den kann man mit Gewalt nicht umstimmen. Man kann ihm mit Gewalt aber neue Mitkämpfer in die Arme treiben und das Elend verlängern und vergrößern.

Besser wird mit Gewalt also nichts, man kann sich aber kurzfristig das Elend der Menschen aus den Augen schaffen. Etwa indem man sie abschiebt. Aber wie christlich ist es, wegzusehen und vom Leid anderer nichts hören zu wollen?

Will man etwas ändern, geht das nur über Liebe und Vergebung (auch gegenüber Pegida und AfD), aber das ist kein Eiapoppeia. Natürlich kann man die Ansichten der Leute ablehnen, die man liebt. Deshalb stimmt auch der Teil mit I ♥ IS nicht. Den Terroristen soll mit Liebe begegnet werden, nicht der Terrororganisation. Denn Terroristen sind Menschen und als solche für Liebe ansprechbar. Und Liebe verändert die Menschen. Oder schon normale Menschenfreundlichkeit. Wie etwa bei den syrischen Flüchtlingen, die ihren terroristischen Landsmann fesselten und der Polizei übergaben.

Ich bin Deutschland so dankbar, dass es uns aufgenommen hat. Wir konnten nicht zulassen, dass er Deutschen etwas antut! – Quelle: http://www.express.de/24878794 ©2016

So die Aussage von Mohammed A. Liebe, Zuwendung, Hilfe in der Not – das wirkt also tatsächlich, wenn auch nicht immer. Doch wenn man die Herzen der Verbohrten gewinnt, wenn ihr „gelobtes Land“ keins mehr ist, weil man eine Beziehung zu ihnen aufgebaut hat, die in diesem „gelobten Land“ nicht bestehen kann, dann bessert sich etwas.  Gandhi und King waren ja auch nicht ganz unerfolgreich und gerade King forderte ja immer wieder, die Weißen nicht zu verteufeln, wie etwa die Black Panther Bewegung. Er wollte die Beziehung, wollte das „gelobte Land“ der weißen Rassisten als das demaskieren, was es ist: Eine Hölle aus Haß und Menschenfeindlichkeit.

Oder wer hätte gedacht, daß man mit Kerzen und Gebeten ein Regime stürtzen kann? Trotzdem kam es irgendwie dazu, im Spätjahr 1989. Bei anderen Revolutionen wurden die Mächtigen geköpft, Honecker und seine Genossen kamen dagegen recht glimpflich davon. So wirkt Liebe, auch und gerade die Liebe zum Feind.

Gewalt hingegen wirkt nie, kann nur unterdrücken, was später dann noch viel schlimmer ausbricht.

Aber der Haß steht den Menschen nun einmal näher (christlich gesehen: Menschen sind nun einmal Sünder), deshalb funktioniert Populismus auch immer über Haß und über Spott gegen angeblich verweichlichte „Gutmenschen“.

Doch die Verweichlichung ist gar keine, sie ist eine Stärke. Wer die Deckung immer oben läßt aus Angst, sich eine einzufangen, wird mit seiner Haltung letztendlich einknicken müssen, wenn er merkt, daß die Deckung nicht mehr schützt.

Wer aber von Anfang an offen und ohne Deckung auf den anderen zugeht, läßt sich auch sonst nicht so leicht einschüchtern. Er steht fester zu seinen Überzeugungen.

Käßmann mag nicht die endgültige Lösung der Probleme mit dem Islamismus in der Tasche haben, aber sie hat zumindest einen Ansatz. Und was hat die AfD Hamburg-Nord? Nichts als Scheinlösungen, die sich schon mehrfach als unwirksam erwiesen haben.

Aber so ist er, der Populismus. Hauptsache, man wird gewählt und kann Diäten kassieren…

Gesellschaft

Kirche und Politik

Friedrich Wilhelm Graf, Professor der evangelischen Theologie in München, hat ein Interview gegeben, in dem er die Kirchen kritisiert hat. Diesmal ging es nicht um die Verweiblichung der Kirche oder einen Kuschelgott, sondern um die politischen Äußerungen von Kirchenleuten.

Der epd zitiert Graf folgendermaßen:

Das geistliche Amt macht keineswegs politisch klüger oder kompetenter als andere Rollen in der pluralistischen Gesellschaft.

Damit hat er Recht. Wo ich aber etwas stutze ist, wenn der epd ebenfalls schreibt, nach Graf sollten sich die Kirchen auf religiöse Sinndeutung und Riten zur heilsamen Unterbrechung des Alltags konzentrieren. Man müßte das ganze Interview mal lesen, aber ich habe es nicht zur Hand. So wie sich mir die Sache jetzt darstellt, bin ich ein wenig stutzig.

Es hört sich fast so an, als wolle Graf die Kirche auf ein wenig Eiapoppeia reduzieren, ein bißchen Opium fürs Volk, wenn man so will, damit das Volk sich gut fühlt.

In früheren Verlautbarungen (siehe Link) fand er das noch verkehrt, deshalb bin ich etwas zurückhaltend, ob ich ihn richtig verstehe.

Fakt ist doch, daß die Kirche zuerst und vor allem die Aufgabe hat, das Evangelium zu verkünden. Man kann das als geistliche Aufgabe verstehen, aber sie ist doch nicht unpolitisch! Die Gesellschaft, in der Jesus lebte, scheint mir das auch so verstanden zu haben, sonst wäre Er wohl kaum als politischer Aufrührer hingerichtet worden. Jedenfalls gab es diese Deutung recht bald, wie die Rede vom König der Juden in den Evangelien nahelegt.

Fakt ist aber auch, daß selbst wenn ein Bischof (oder auch ein Pfarrer) nicht politisch klüger ist als andere, er dennoch eine Verantwortung hat, mit der er umgehen muß. Und dazu gehört, nicht zu schweigen, wenn Probleme ausgemacht werden. Sicherlich können Bischof und Pfarrer sich irren, aber ebenso geht es doch auch Politikern, die mal eben in ganz andere Ressorts wechseln können, je nachdem, wo der Parteienproporz ihre Arbeit gerade benötigt. Oder wie ist es mit Journalisten, die zunehmend weniger Zeit haben, Artikel gründlich zu recherchieren udn die immer mehr den Eindruck vermitteln (wenigstens mir), daß vor allem voneinander abgeschrieben wird und man lediglich sich selbst verstärkt.

Nehmen wir als Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Da sind Menschen, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen. Manche fliehen vor Krieg, manche hoffen auch eine wirtschaftlich bessere Zukunft und womöglich sind auch Abenteurer dabei. Wie dem auch sei: Viele dieser Menschen kommen bei dem Versuch um, die Küste Europas zu erreichen, und wenn sie doch herkommen, steht ihnen oftmals ein Leben eingepfercht im Lager auf Lampedusa bevor. Sicherlich besser als in irgend einem Bürgerkrieg zu verrecken, aber ist es wirklich gut? Wenn Kirchen hier den Finger in die Wunde legen und darauf aufmerksam machen, daß hier ein wirkliches und echtes und dramatisches Problem vorliegt, kann ich daran nichts Verkehrtes erkennen. Hat Amos zum Elend seiner Landsleute geschwiegen?

Gleiches gilt für den Aufreger vor ein paar Jahren, als Käßmann ihr „nichts ist gut in Afghanistan“ losließ. Hatte sie Unrecht? Hat das Militär die Situation tatsächlich verbessert? Fürchten wir nicht, daß die Taliban wieder die Macht übernehmen, wenn die internationalen Truppen abgezogen werden?

Probleme müssen angesprochen werden, wenn sie auftauchen. Und Kirchenleute haben oftmals eine gewisse Freiheit, die andere Akteure im politischen Feld nicht haben: Politiker wollen wiedergewählt werden, Journalisten wollen ihre Zeitungen verkaufen. Kirchenleute leben von der Kirchensteuer, sind beamtet und vom Broterwerb freigestellt. Sie können freier sagen, was sie denken, als andere, und sie haben die Bühne dazu. Dies nicht zu nutzen wäre IMHO viel schlimmer. Denn dann hätten sie etwas tun können und taten es nicht.

Freilich stellt sich die Problematik, daß Kirchenleute auch falsch liegen können. Manche vertreten auch ziemlich haarsträubenden Unsinn. Das ist die Kehrseite, nicht nur der herausgehobenen Stellung der Kirchenleute in der Gesellschaft, sondern von Redefreiheit und freiheitlicher Demokratie überhaupt.

Falsche Propheten erkennt man daran, daß das, was sie prophezeiten, nicht eintrat. Mehr hatten die Leute in biblischen Zeiten auch nicht. Uns geht es ebenso. Das Problem der falschen Propheten besteht fort.

Ein anderes Beispiel. USA, 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Während eineige Afroamerikaner nach mehr Rechten und Freiheiten strebten, gab es weiße Gemeinden, die dem zwar im Grunde positiv gegenüber standen, die aber Mäßigung einforderten und auch darauf hinwiesen, daß die Kirche nur das Geistliche betrifft. Dagegen haben Pfarrer, Martin Luther King Jr. ist in Deutschland wohl der Bekannteste, immer auch in ihren Predigten auf die Bürgerrechtsbewegung und ihre Ziele Bezug genommen wie umgekehrt bei Demonstrationen auch immer christlich-biblisch argumentiert.

Ich kann mir vorstellen, daß es damals Menschen gab, die sich unschlüssig waren, ob das nun okay so war, Gott für diese eigentlich politischen Ziele in Anspruch zu nehmen. Heute sind wir wohl mehrheitlich der Auffassung, daß King und seine Mitstreiter tatsächlich auch die Sache Gottes betrieben, daß die Gleichberechtigung eine Forderung Gottes ist die auch in den Kirchen nicht verschwiegen werden darf.

Man kann den Bogen noch weiter zurück spannen in die Nazizeit und den Kirchenkampf damals (gerade auch was Röm 13 angeht).

Wenn jemand Unsinn redet, so kann man sich damt auseinandersetzen. Man kann sagen, oder schreiben: Herr Schneider, Frau Käßmann, Herr Graf, da haben sie Unsinn geredet. Und dann kann man im konstruktiven Streit gemeinsam zu einer besseren Position kommen.

Wichtig ist jedoch auch, daß die Kirchenleute ihre politischen Aussagen im Evangelium verankern. Das geht gerne einmal unter, was auch an den Medien liegen kann. Trotzdem habe ich den Eindruck, man kann das Evangelium und seine Rolle aus einer Rede Kings viel schwieriger herauskürzen als aus aktuellen Stellungnahmen von Kirchenleuten. Allerdings könnte ich es auch nicht besser machen.

In diesem Sinne, ein glückliches und erfolgreiches 2014.