Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Dienstag, 10. April 2012

Ostern ist vorbei, ich bin noch etwas müde, morgen geht es zurück an den Studienort, bleibt noch etwas Zeit, die liegengebliebenen Netzfunde der letzten Tage zu bringen.

Eric Djebe hat zum leeren Grab geschrieben, und sein Punkt mit den Frauen hat durchaus etwas für sich.

Der Geier schreibt zum palästinensichen Volk und meint, dies existiere nicht. Dazu will ich selbst nicht viel sagen, sondern Uri Avnerys Entgegnung zur Thematik verlinken.

Mandy hat über die Auferstehung, die Scheidung und die Frage, was nach dem Tod passiert, geschrieben.

Auf dem Hellbound Blog gibt’s nen Artikel über die Sünde. Es geht darum, daß die Sünde unser Problem ist, und nicht Gottes Problem. Wert zu lesen. Im nächsten Artikel soll es darum gehen, was uns zum Sündigen antreibt. Man darf gespannt sein.

Der Herr Alipius schreibt von seinem ersten Ostern als Priester.

Michael Blume schreibt über Judas Iskariot und die Wissenschaftlichkeit von Jura. Er bringt einen interessanten Punkt (auch für die Theologie), indem er von Orietierungswissenschaften spricht.

Nick Baines schreibt davon, wie Jesus die Sache mit der Macht anscheinend ganz falsch verstand. Die Betonung liegt auf „anscheinend“. Und er hat seine Osternachtspredigt veröffentlicht.

Bei peregrinatio gibt’s ein „Politbarometer“ zur Popularität Jesu zwischen Palmsonntag und Karfreitag. Viel interessanter ist noch der dortige Artikel über den Fundamentalismus und seine Beheimatung in der Moderne.

Christian Spließ schreibt über die Aktionen gegen das Tanzverbot am Karfreitag, wobei ich rauszulesen meine, daß er weniger ein Problem mit der (offenen) Diskussion über die Abschaffung des Tanzverbots hat, als mit der Art, in der die Sache beworben wird…

Wolfgang Vögele macht auf eien NZZ Artikel aufmerksam und die Tatsache, daß Vorentscheidungen Einfluß auf Konsequenzen haben. Auch beim Thema Gott und Glauben. Außerdem schreibt er über Gerechtigkeit und Nächstenliebe.

Zoe hat beim Gehn-Test über den Unterschied zwischen dem Oberflächlichen und dem Inneren geschrieben, und daß die meisten Menschen leider nur letzteres sehen.

Walter Jungbauer schreibt über das römisch-katholische Nein zur Priesterinnenweihe und das grundsätzliche Problem der päpstlichen Unfehlbarkeit.

Melissa hat eine neue Serie gestartet, und im ersten inhaltlichen Teil geht es um Transsexualität, die Unkenntnis darüber in fundamentalistischen Kreisen und die daraus entspringenden Fürchte. Ich bin gespannt auf die weiteren Teile, und ich habe größte Hochachtung vor Melissas Offenheit.

Muriel setzt sich mit der Frage einer nach römisch-katholischem Verständnis moralisch vertretbaren Fruchtbarkeitsuntersuchung auseinander.

Und zum Schluß hab ich noch nen Artikel von Stefan Schleim über Kreditkrise, Wirtschaftsboom, Unsicherheit und Flexibilität.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Karfreitag, 6. April 2012

Antje Schrupp befasst sich auf ihrem Blog mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen und der Frage, wer dann die Drecksarbeit macht. Der Artikel wirft eine wichtige Frage auf, auch wenn mich als Mann die Suggestion, die „Dreckarbeit“ würde vor allem an den Frauen hängen bleiben, annervt, aber das ist ne andere Diskussion. Ich würde ja die weitergehende Frage stellen, was die Folge wäre, wenn die Drecksarbeit nicht erledigt würde. Riefe man nicht nach dem Staat? Es könnte auf Steuerfinanzierung rauslaufen…

Thomas hat einen Artikel über Zombie-Filme geschrieben, und der ist interessanter, als es sich anhört. Vielleicht gerade auch für diejenigen, die nicht zu den Fans des Genres gehören. Beim Lesen kam mir der Gedanke, ob man wohl auch die Passion als Zombie-Film drehen könnte, oder als Monster-Film mit Zombies, Vampiren, Mumien und Werwölfen, wobei mir noch nicht ganz klar ist, wer für was steht.

Mandy schrieb, passend zur kommenden Osterzeit, über Jonathans Ei. Dabei geht es um einen Jungen mit Behinderung, der eine Regelschule besucht. Und das ist jetzt die Überleitung zu einem Bloghinweis, den ich schon länger unterbringen wollte, der aber nei richtig reinpasste: Der Blog Inklusion ist Menschenrecht. Es ist ja in der Tat so, daß die BRD ein UNO Papier ratifiziert hat, das sich für die Inklusion in der Schue ausspricht. Die Aufnahme in Regelschulen ist also Bundesrecht und muß umgesetzt werden. Insofern ist eine Auseinandersetzung mit der Thematik sicherlich nicht verkehrt.

Gerd Häfner stellt anhand der Frage nach dem Todestag Jesu dar, auf welchen Ebenen man einen Bibeltext lesen kann, und wieso das Nebeneinander von vier Evangelien in der Bibel durchaus sinnvoll ist.

Alien59 schreibt Bedrückendes über Wegwerfmenschen. Am Ende stellt sie die Frage nach dem Menschenbild. Ich meine, daß in diesen Fällen der Mensch nicht als Mensch, sondern als Produkt, als Gegenstand betrachtet wird, der eintauschbar ist bei Nichtgefallen oder Defekt. Eigentlich ein krasser Verstoß gegen Art. 1 GG. Und auch bei Peter scheint mir der Gedanke vom Menschen als Produkt im Hintergrund zu stehen, wenn er von der neuen Scham schreibt, die sich nicht auf die Nacktheit bezieht, sondern auf Armut und Unattraktivität.

Und ein dritter Artikel zum Thema, mit dem Titel „Das Weib als Volkseigentum“ ist bei Geiernotitzen zu lesen, mit einer bedenkenswerten und kreativen Ausdeutung des Ehebruchs.

Beim Hellbound-Blog kommen immer wieder recht gute Artikel, ich dachte ja erst, da würde nur der Film beworben. Weit gefehlt. So gibt es da den Artikel zur Frage, wie es denn nun ist mit der Liebe im Christentum, und wie mit den Werken.

Um Liebe in Form von gegenseitigem Dienst (Fußwaschung!) geht es auch in der Gründonnerstagspredigt von Nick Baines, und die Bemerkung, daß er in dem Jahr, wo er jetzt Bischof von Bradford ist, viele Leute getroffen habe, die gute Arbeit in der Diözese leisteten, dachte ich ein wenig an Heikos Artikel bei evangelisch.de. Dort geht es um die Facebook Seite des bayrischen Landesbischofs, der ja durchaus auch Projekte in seiner Kirche (und anderswo) besucht, die hoffentlich auch alle gute Arbeit leisten. Ne entsprechende Medienpräsenz der „Reisen des Bischofs“ (der Name ist verbesserungsfähig), auf der die guten Projekte in der Kirche kurz umrissen werden (evtl. mit Link zur Projektseite im Internet), vllt. vom Bischöf persönlich in ein paar kuren Worten, würde diesen Besuchen nicht nur den Aspekt des „die Landeskirche nimmt die gute Arbeit hier wahr und schätzt sie“ für die dort arbeitenden geben, sondern sie ebenfalls in Bezug auf „Außenwerbung“ erschließen. Wo jemand sagen würde „Die Kirche macht eh nix für die Menschen“ könnte man beiläufig auf die Internetpräsenz des Bischofs (oder Kirchenpräsidenten oder Präses oder oder) verweisen…

Über den Facebook-Gottesdinest aus dem Maternushaus Köln gibt es einen Artikel bei FrischFischen. Dabei wird auch die Frage nach der zukünftigen Rolle der Ministranten aufgeworfen.

Andrea hat einen Artikel zur Vorratsdatenspeicherung geschrieben. Diese läuft in Österreich im Gegensatz zu Deutschland seit letztem Jahr. Interessant fand ich, daß die evangelische Kirche in Österreich klar Stellung dazu bezogen hat (die EKD war mein ich eher verschwiegen, oder hab ich was übersehen?), gerade auch wegen der Seelsorge. Wären die Piraten, die sich ja hierzuland den Kampf gegen die VDS auf die Fahnen geschrieben haben, nicht so religionsskeptisch eingestellt, hätten sie hiermit vielleicht ein Argument, das sogar einen gestandenen CSUler vom Schaden dr VDS überzeugt. Aber da gibt es wohl leider ideologische Grenzen.

Zu den Piraten hat auch Muriel geschrieben. Lesenswert.

Euch allen einen gesegneten Karfreitag.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Mittwoch, 21. März 2012

Der Vorsitzende der Piratenpartei Sebastian Nerz schreibt in der FAZ einen Artikel über Nachhaltigkeit, die er ehrlicher verstanden haben will als es bisher der Fall ist.

Den Kampf Gut gegen Böse, Abteilung twitter kann man hier nachvollziehen. Jesus scheint zu gewinnen. Allerdings ist Er auch internationaler als der Begriff „Satan“.

Malte Welding schreibt über alte Herzen und moderne Köpfe, und wie das mit Liebe und verlassen werden zusammenhängt (via). Damit hat er einige andere Artikel provoziert, wenn man in die Kommentare schaut.

Ein neues Jesus & Mo Comic kam heute. Es geht um Homophobie und die Zukunft der Gesellschaft. Diese Comics können einerseits als sehr provokativ wahrgenommen werden. Religion kommt prinzipiell schlecht dabei weg (manchmal tritt auch Moses auf). Bleibt man aber relaxt und sieht sich das Comic gena an, wird da im Grunde gute Kritik geübt (naja, nicht immer), solange man es als Kritik an einzelnen Erscheinungsformen des Glaubens versteht (die Ansichten der Protagonisten sind sehr eindimensional) und nicht als Radikalkritik aller Religion.

Einer hat immer was zu meckern, diese Einsicht deckt sich mit meinen Erfahrungen auf dem Atheist Media Blog und wird wunderbar dargestellt von Mandy, Abgerundet mit einem Zitat von FJS.

Das war’s für heute. Was jetzt noch aufläuft kommt in die nächste Ausgabe Netzfunde.

glaube

Umkehr am Baum – Eine Geschichte zu Lukas 19, 1-10

Über mir rauscht das Blätterdach. Ich habe einen guten Überblick. Meine Hände sind Geldstücke, nicht Baumrinde gewohnt und protestieren aufgeschürft gegen die ungewohnte Belastung. Auch meine Kleider waren der Kletterei nicht gewachsen, sie sind verdreckt und zerknittert. Da drückt ein Ast in meinen Rücken. Ganz vorsichtig jetzt. Glück gehabt, fast hätte ich den Halt verloren! Jetzt sitze ich wieder sicher, aber unbequemer als vorher. Die Menge unter mir wird unruhig. „Ich seh‘ ihn“ kräht eine Kinderstimme. Hat man mich etwa bemerkt? Ich spähe durch eine Lücke im gründen Blickschutz. Nein, niemand blickt hoch, alle recken die Hälse und versuchen, das Ende der Straße zu sehen. Dort erscheint Jesus. Ich strecke den Kopf durch die Blätter. Da unten achtet eh‘ keiner auf mich, so kann ich Jesus besser sehen. Seine Jünger bahnen ihm einen Weg durch die Menge, die mich mit Geschimpfe und Ellenbogen daran hindern wollte, ihn zu sehen. Nun sehe ich ihn doch und genieße trotz unbequemer Haltung meinen Triumph. Aber – was macht Jesus denn da? Er verlässt den Kreis seiner Jünger. Was hat er vor? Er wird doch nicht…? Er wird. Er kommt direkt auf meine Blätterfestung zu! Zeit zum Rückzug! Zu spät. Kaum bin ich wieder im Geäst verschwunden, höre ich schon seine Stimme. „Zachäus“ Woher kennt der meinen Namen – und warum ruft er mich vor allen Leuten? Geh doch weiter, es gucken bestimmt schon alle. Ich spüre die Blicke der Menge wie Pfeile Richtung Baumkrone fliegen und drücke mich dichter an den Stamm. Nun geh doch endlich! Er bleibt. „Komm schnell herunter“. Zu dieser Meute, die mich, wenn ich Glück habe, nur haßerfüllt anstarren wird? Zu dieser Meute, die nur darauf wartet, dass er mir die Meinung sagt – mit Sicherheit keine gute?Ohne mich. Irgendwann werden sie schon aufhören zu warten. Es ist warm, der Baum ist hoch, hier kriegt mich erstmal nur ein Wunder runter. „Denn in deinem Haus muss ich heute zu Gast sein“. Was? Keine Vorwürfe? Kein Ärger? Vorsichtig linse ich durch die Blätter. Jesus blickt hoch. Die anderen Gesichter fließen über vor Hass und Ablehnung. Er jedoch steht da und sieht mich freundlich an. Schnell steige ich hinunter, gerne nehme ich ihn bei mir auf!

Über mir rauscht das Blätterdach. Ich stehe eingezwängt in der Menschenmenge. Links der Schuster von nebenan, rechts der Schneider. Ich habe meinen Webrahmen kurz verlassen. Schließlich hat man nicht alle Tage Gelegenheit, Jesus zu sehen. Mein Sohn zupft an meinem Hosenbein. „Papa, siehst du ihn schon?“ fragt er mich bestimmt schon zum 10. Mal. „Nein, ich sehe ihn noch nicht“. Keine halbe Minute später zupft er wieder an meiner Hose. Ich schmuznele in mich hinein. Geduld ist auch nicht meine Stärke. Ich hebe ihn hoch und setze ihn auf meine Schultern. Er jauchst vor Freude. Der Kleine hat von meinen Schultern aus die bessere Sicht. Jetzt zupfe ich. „Siehst du ihn schon?“ „Nein, aber da raschelt was im Baum“. Sicher irgendein Vogel. Die Menge wird unruhig. “ Ich seh‘ ihn“ kräht jetzt mein Sohn von meinen Schultern. Die Leute recken die Hälse, um einen Blick auf Jesus zu werfen. Jetzt sehe ich ihn auch. Seine Jünger bahnen ihm einen Weg durch die Menge. Da beginnt Jesus, sich selbst durch die Menge hindurch einen Weg zu schaffen. Er kommt direkt auf uns zu! Da höre ich es wieder im Baum rascheln, blicke hoch  und sehe gerade noch einen Kopf zwischen den Blättern verschwinden. Wer das wohl war? Jesus kommt näher – und geht an uns vorbei auf den Baum zu. Etwas enttäuscht wende ich mich kurz ab. Für einen Moment hoffte ich, er käme zu mir. Als ich wieder zu Jesus gucke, blickt er zur Baumkrone empor. “ Zachäus“ ruft er. Die giftigen Blicke der anderen bohren sich mit meinem gemeinsam in die Blätter. Ausgerechnet Zachäus, dieser Betrüger sitzt also da oben. Da haben alle unsere Ellenboggen doch nichts gebracht. „Komm schnell herunter!“ Wenn er das macht, wird’s unangenehm. Als Verbündeter der Römer muss er zwar keine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben befürchten, doch die Blicke der anderen verheißen dennoch nichts Gutes. Es ist still unterm Baum, alle starren nach oben. “ Denn in deinem Haus muss ich heute zu Gast sein“. Jetzt richten sich alle Blicke auf Jesus. Oben raschelt es erneut, dann klettert Zachäus unter dem freundlichen Blick Jesu langsam vom Baum. Sie schicken sich an, gemeinsam weg zu gehen. Nun bricht empörtes Geraune los “ Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“ Da tritt Zachäus vor Jesus, anscheinend will er etwas sagen. Bestimmt will er sich über uns beklagen. Doch was erwartet er denn? Dass wir es kommentarlos hinnehmen, dass Jesus bei ihm, dem Betrüger und Handlanger der Römer, einkehrt? Auch die anderen merken, dass Zachäus Jesus etwas zu sagen hat. An ihren Ge-sichtern sehe ich, dass auch sie mit nichts Gutem rechnen. Was soll von Zachäus schon Gutes kommen? Doch merkwürdig – statt ihn niederzuschreien, verstummen alle. Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Alle hören, was Zachäus sagt: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Statt Freudentaumel stehen wir alle vom Donner gerührt. Die Feindseligkeit weicht allmählich, zurück bleibt nur leichte Skepsis. Ob er das auch einhält? Doch die Blicke, die sich auf Zachäus richten, sind nun schon wesentlich friedlicher. Dann erhebt Jesus die Stimme: “ Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.“ Nicht nur ihm ist Heil widerfahren. Wenn Zachäus seinen Worten Taten folgen lässt, wird es vielen Menschen besser gehen. Doch Jesus ist noch nicht fertig: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Schlagartig wird mir klar: Zachäus wurde nicht etwa ausgesucht, weil er so große Verdienste hatte, sondern grade wegen seiner Schuld suchte Jesus ihn auf, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Wir hatten Zachäus voller Zorn jahrelang verstoßen – er hat ihn angenommen. Und seine Annahme hat in wenigen Minuten mehr bewirkt als unser jahre-langer Zorn. Vielleicht wäre vieles leichter gewesen, wenn wir ihn nicht verstoßen hätten. Nachdenklich kehre ich mit meinem Sohn auf den Schultern zurück an meinen Webstuhl.

Gesellschaft, glaube, kirche, Religion

Bloß nichts falsch machen

Der Glaube an Gott ist etwas Gutes, etwas Schönes. Er gibt Kraft und Hoffnung, gerade auch in schwierigen Situationen. Jedenfalls geht es mir meist so.

Anderen Menschen nicht unbedingt. Gerade habe ich wieder von so einem Fall gehört, mit jemandem drüber geredet. Glaube an Gott kann auch weh tun. Beziehungsweise, das, was dann noch nachkommt.

Als ich vor über 10 Jahren im Kibbutz war, war da auch ein etwa 40 jähriger Finne namens Jorma. Jorma war ein lieber Kerl, man konnte sich gut mit ihm unterhalten, auch wenn er etwas strange war. Das alles galt, so lange er nüchtern war. Das war er aber nicht immer. Jorma war Alkoholiker. Und er war ein Schrank von einem Mann. Er konnte echt Angst machen, und es gab Gerüchte, daß er vorher in der Fremdenlegion gewesen wäre. Ausgebildet zum Töten.

Wie dem auch sei, Jorma war Christ. Er glaubte an Jesus Christus, wenn er auch mir ganz unbekannte Prediger immer wieder nannte. Ein paar Koreaner, die auch im Kibbutz waren, kannten die Prediger sogar. Ich weiß nicht, in welcher Tradition die staden. Ich schätze mal ganz vorsichtig, es handelt sich um einen pfingstlerischen Hintergrund, aber egal.

Ich verstand mich ganz gut mit besagten Koreanern, tue das immer noch. Sporadisch haben wir noch Kontakt. Aber eine Äußerung gab mir zu denken. Einer der Koreaner sagte einmal, Jorma könne kein Christ sein, eben weil er Alkoholiker ist.

Dabei tranken sie selbst auch Alkohol. Nicht so viel, aber sie standen auch nicht abseits, wenn wir feierten (und was gibt es im Kibbutz nach Feierabend sonst noch zu tun?).

Ich fand das damals schon irgendwie komisch, habe es auch all die Jahre immer wieder durchdacht. Da wird quai ein Anspruch an die Person gestellt, bevor sie wirklich und ganz und vollständig als Bruder im Glauben anerkannt wird.

Ja, Jorma war schwach, was den Alkohol anging. Und er konnte wirre Geschichten erzählen. Er muß auch eine sehr schwere Kindheit gehabt haben, aber das wurde nie ganz klar, aufgrund der Wirrheit seiner Geschichten. Man wußte nie genau, was jetzt echt war und was nicht.

Aber trotz alledem bekannte er sich zu Christus. Christus, der die Schwachen, die Sünder annahm. Christus, der nicht auf die Person achtete.

Und dann gab es Anhänger eben dieses Christus, die die Latte höher hängten: Bekenntnis zu Christus schön und gut. Aber wie sieht es denn mit dem Lebenswandel aus? Hat denn die Sucht noch Macht über den Sünder? Ja, na dann kann es ja kein echter Christ sein.

Jorma hatte einmal den Entschluß gefasst, nichts mhr zu trinken. Und ich fand das echt großartig. Leider habenir alle (ich auch) ihn nicht besonders unterstützt, sondern saßen mit unserem Alkohol bei ihm. Er trank Orangensaft. Wir, das beinhaltet auch die Koreaner.

Wir haben es ihm nicht leich gemacht, den besseren Weg zu gehen. Eine Sache, die ich mir heute noch vorwerfe. Ich war Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

Aber ich sah das Verhalten auch danach noch oft, gerade in Kirchengemeinden oder sonstlichen christlichen Gruppen. Wer nicht einem gewissen Bild entspricht, wird als Bruder nicht anerkannt. Bunte Haare, Jeans im Gottesdienst, all das kann dazu führen, daß Menschen, die Gott suchen, abgestoßen werden. Und zwar von denen, die über sich sagen, sie seien Anhänger dieses Gottes.

En anderer Freund von mir hat einige Gemeinden durch. Er ist als Pfarrerssohn zuHause aufs Übelste vermöbelt worden, wenn er nciht spurte. Kontakte zu anderen Kindern im Dorf waren nciht gerne gesehen. Der Vater war Antikommunist – und Pfarrer in der DDR. Alles jenseits des Gartentors war der Feind.

Besagter Freund hat also sozusagen „einen Schlag weg“. Er leidet furchtbar. Und er sucht in seinem Umfeld nach Menschen, die ihn einfach annehmen, wie er ist. Mit all seinen Problemen und Fehlern (der Umgang mit ihm ist wirklich nicht immer einfach, er weiß das auch). Früher ging er in verschiedene Gemeinden, suchte dort Anschluß. Und der wurde ihm widerstrebend gegeben. Oberflächlich. Bis er sagte, daß er nicht glaube, daß Noah wirklich so alt wurde, wie es in der Bibel steht. Und er flog raus aus der Gemeinde.

Ich glaube, wir verdunkeln oft das Evangelium, indem wir von anderen verlangen, so zu sein wie wir. Jesus interessierte sich nicht dafür, wie andere aussahen oder was sie sonst so taten. Er ging auf die Sünder zu, nahm sie als Menschen an, trotz aller Fehler.

Wie sollen Menschen denn das Evangelium erfahren, wenn sie von vorne herein abgewiesen werden? Wenn sie erst „perfekt“ sein sollen (natürlich nur nach menschlichem Ermessen)?

Und inwieweit entspricht es dem Evangelium, wenn sich die Schwachen an de Starken anpassen müssen? Was sol das, wenn man dem Schwachen, dem Suchenden, erst einmal sagt, er solle stark werden, dann würde man ihm auch die Quelle der Stärke vermitteln?

Welcher Starke braucht denn eine Kraftquelle? Wenn er stark ist, hat er eine Quelle, wie weit sie auch immer trägt. Ein Starker wird nicht fragen. Wer fragt, das sind die Schwachen, die haben aber nicht die Kraft, sich den kulturellen Gepflogenheiten Anderer immer anzupassen. Auch nicht, falls es wirklich so ist, daß diese Gepflogenheiten ihnen selbst gut tun würden, etwa „kein Alkoholmißbrauch“.

Wenn es dann um Dinge geht, wie Anzug tragen, Krawatte tragen, Haare richtig gescheitelt haben, um in der Gemeinde angenommen zu werden, dann wird noch offensichtlicher, daß es hier nicht um Christus geht, sondern um einen Götzendienst. Man ehrt den Gott des anständigen Auftretens. Und der hat mit dem Gott, der den Sünder annimmt, und für ihn ans Kreuz geht, nichts zu tun.

Der, der ans Kreuz geht, gibt seinen Anhängern Stärke. Er dient ihnen.

Der, der anständiges Auftreten einfordert,  in welcher Art auch immer, der verlangt von seinen Anhängern Stärke, nimmt sie ihnen also. Er läßt sich dienen.

Freilich gibt es immer auch Menschen die Schwach sind, und andere so nicht annehmen können, wie diese sind. In dem Fall muß sich immer der Stärkere anpassen, Liebe geben. Denn Liebe baut auf, Liebe gibt dem anderen die Kraft, auch ein Stück weit auf andere zuzugehen, und sich soweit anzupassen, daß Gemeinschaft einfacher möglich wird.

Und je mehr Gemeinschaft, je mehr Liebe, desto mehr wird der Gott am Kreuz verehrt, und nicht der Abgott des Anstandes.

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Norwegen

Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein. Wir lassen uns unsere offene Gesellschaft nicht kaputt machen.

Jens Stoltenberg, norwegischer Ministerpräsident, zitiert nach Mathias Richel.

Der christliche Fundamentalist

Es ist schon vieles gesagt zum Mörder Breivik.Eine der ersten Aussagen, die ich hörte war, daß es sich um einen christlichen Fundamentalisten handele (ja, ich hab kein Fernsehn, deshalb ging die „das war sicher ein Islamist“ Nummer erst einmal an mir vorbei, das hab ich erst später aus zweiter Hand erfahren).

Wenn man den Begriff hört, denkt man wahrscheinlich zuallererst an einen fundamentalistischen Terroristen à la Al Quaida: Ausgerüstet mit dem Willen selbst zu sterben, ohne großes Interesse daran, wer eigentlich bei den Anschlägen stirbt (die meisten Opfer von Al Quaida sind Muslime!) verübt er eine Terrortat, um einen Gottesstaat zu errichten.

Breivik macht jedoch nicht den Eindruck, als ob er einen Gottesstaat errichten wollte. Vielmehr scheint die Angst vor dem islamischen Gottesstaat in Europa ihn angetrieben zu haben. Das eigene Sterben hat er zumindest nicht gesucht, jedenfalls war allenthalben die Rede davon, daß er nach Eintreffen der Polizei keinen Widerstand mehr leistete. Auch seine Opfer hat er sich gezielt ausgesucht: Das Regierungsviertel und die Jugendorganisation der regierenden Partei, die er für den Multikulturalismus verantwortlich macht.

Eine Gemeinsamkeit hat er dann aber doch mit den Islamisten: Er will durch sein Morden Aufmerksamkeit erregen. Für sein Manifest, in dem es unter anderem heißt:

Eine Mehrheit der so genannten Agnostiker und Atheisten in Europa sind kulturelle konservative Christen, ohne es selbst zu wissen. Was also ist der Unterschied zwischen kulturellen Christen und religiösen Christen? Wenn man eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus und Gott hat, dann ist mein ein religiöser Christ. Ich und viele andere wie ich haben nicht notwendigerweise eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus und Gott. Wir glauben aber an das Christentum als kulturelle, soziale und moralische Plattform. Das macht uns zu Christen.

Er hat also einen recht eigenwilligen Christentumsbegriff. Es ist ein kultureller Begriff: Weil er aus einer vom Christentum (und nicht vom Islam) geprägten Kultur kommt, ist er Christ. Nicht, weil er religiös wäre. Es erinnert an das 19. Jahrhundert, als in der evangelischen Theologie die These herrschte, die Kirche müsse sich in der Kultur auflösen. Wundergeschichten, Exorzismen, Auferstehung galten als Relikte eines unafgeklärten Glaubens, als Kern des Christentums wurde nicht mehr die Vergebung der Sünde angesehen, sondern die sittlichen Lehren Jesu, Ethik und Kultur. Auf dem bei Youtube kursierenden Video (Link könnte kaputt sein, youtube löscht es, aber es wurde von einigen Leuten hochgeladen) nennt er das Christentum vor der Aufklärung (~ Min. 11) als eine imperialistische Ideologie, von solchen Ideologien distanziert er sich jedoch.

Die Angst des Antiislamismus

Diese seine Kultur, die er „kulturell konservatives Christentum“ nennt, sieht er in Gefahr, durch „Überfremdung“, durch den Zuzug von Muslimen nach Europa und Norwegen. Und deshalb mordet er, hält seine Taten für „furchtbar aber notwendig“, um eben mittels Verbreitung seines Manifestes (das ich erst mal suchte, um es runterzuladen und mir ein genaueres Bild zu machen und hier als zu Beleg verlinken, dann aber Abstand davon nahm, als ich laß, das sich darin Bombenbauanleitungen finden) dafür zu sorgen, daß die Zuwanderung gestoppt wird.

Er handelte aus Angst. Er war sich seiner Identität derart unsicher, daß er andere Identitäten in seinem Umfeld nicht dulden will und kann. Darin unterscheidet er sich wenig von anderen Protagonisten des Antiislamisms (zur Verdeutlichung: Das -ismus bezieht sich nicht auf Islam, sondern auf Antiislam) wie Sarrazin und Broder.

Es war auch zu lesen, daß man Breivik weniger als Nazi denn als antimuslimisch bezeichnen muß. Der Unterschied liegt in der Motivation und dem Ziel des Haßes: Der Nazi haßt den Ausländer aufgrund von dessen „Rasse“, der Antiislamist hasst den Muslim aufgrund der abweichenden Kultur. Das macht sich dann an Kopftüchern und Bärten fest, gemeinsame tatsächliche Werte wie Ablehnung von Gewalt etc spielen weniger eine Rolle. Das wird im Zweifel großflächig ignoriert.

Reaktionen

Bei der Reaktion auf die Anschläge sind natürlich die üblichen Reflexe schnell zur Stelle: Mehr Überwachung, Vorratsdatenspeicherung, Polizeistaat. Mir ist jedoch nicht klar, was VDS bringen würde, außer vielleicht eine Untersuchung, wie genau er die Tat vorbereitet hat, und zwar im Nachhinein, nachdem man wüßte, nach wem man in dem Datenwust suchen muß. Das hätte keins der Opfer gerettet. Auch eine Videokamera auf der Insel hätte Breivik keinen Einhalt geboten. Selbst 100 Kameras nicht!

Insofern ist es angenehm zu hören, daß der norwegische Ministerpräsident als Reaktion eben mehr Offenheit und Demokratie will und nicht die Etablierung eines Sicherheitsstaates.

Ansonsten liest man von Aufrufen, den Anfängen zu wehren und auch die Brandstifter nciht aus dem Blick zu verlieren.

All das ist gut und wichtig und die TITANIC hat das auch schon entsprechend kommentiert.

Wie kann es besser werden?

Einen darüber hinaus wichtigen Gedanken habe ich Alipius zu verdanken, der mich dann auch dazu führte, diesen Artikel zu schreiben:

Dieses Potential nicht ernst zu nehmen, sondern es weiterhin fleißig in die Schubladen „Stammtisch“, „Irrationaler Fremdenhaß“ oder „Christlicher Fundamentalismus“ zu schaufeln, kann uns teuer zu stehen kommen.

Was auch immer die Beweggründe dafür sind, daß Broder, Sarrazin und Geert Wilders Zulauf bekommen, sie zu ignorieren wird die angestauten Emotionen nicht abbauen. Diese Emotionen sind da, und wie ich weiter oben schon schrieb, denke ich, daß Unsicherheit in Bezug auf die eigene Identität und eine daraus sich nährende Angst vor allem Fremden eine der Hauptursachen ist.

Die Frage wäre dann, wie man den Stammtischmenschen (um auch mal ein Wort zu schöpfen wie Sarrazin mit seinen „Kopftuchmädchen“) die Angst nimmt, wie man ihnen Sicherheit bezüglich ihrer Identität vermittelt, so daß sie es nicht mehr nötig haben, Unsicherheiten und Minderwertigkeitsgefühle bezüglich der eigenen Identität durch radikales und gewalttätiges Überbetonen derselben zu kompensieren.

glaube

Wer das Schwert nimmt wird durch das Schwert fallen

Es war Nacht, als die Häscher Jesus im Garten Gethsemane auffanden und festnahmen. Bei Ihm war unter anderem Simon Petrus, der vorher noch sagte, er würde eher mit Ihm in den Tod gehen als Ihn zu verleugnen, und der Ihn dann doch dreimal verleugnete, später in der Nacht.

Bei der Festnahme Jesu war Simon allerdings noch ganz Petrus, ganz Fels: Er zog das Schwert und hieb einem der Häscher ein Ohr ab. Daraufhin sagte Jesus:

Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.

Simon steckte das Schwert weg. Und starb später, wenn ach nicht durch das Schwert, so doch zumindest der Tradition nach eines gewaltsamen Todes.

Eines gewaltsamen Todes starb gerade erst Osama Bin Laden. Er wurde auf einem großen Anwesen in Pakistan ausfindig gemacht, die US Armee machte einen Zugriff, es kam zum Feuergefecht und Bin Laden wurde erschossen.

Das Leben eines Menschen ausgelöscht. Er ist weg, endgültig. Gewiss, er war ein Verbrecher, hatte selbst tausendfachen Tod direkt und indirekt auf dem Gewissen. Ohne ihn kein 9/11, ohne ihn kein Afghanistan-Krieg, ohne ihn kein Irakkrieg, ohne ihn kein Krieg gegen den Terror.

Und trotzdem war es ein Menschenleben, das beendet wurde. Gewaltsam. Ohne Zeit, sich Rechenschaft für sein Leben abzulegen. Ohne Zeit, mit Gott ins Reine zu kommen.

Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.

Bin Laden wußte nicht, daß die US Soldaten kommen würden. Er wurde überrascht und mußte unvorbereitet vor seinen Schöpfer treten. Ob er Zeit hatte, seine Sünden zu bereuen, bevor ihn der tödliche Schuß traf?

Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Leute gesetzt hat, damit er ihnen zur rechten Zeit zu essen gebe? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener als ein böser Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, seine Mitknechte zu schlagen, isst und trinkt mit den Betrunkenen: dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er’s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und er wird ihn in Stücke hauen lassen und ihm sein Teil geben bei den Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Wie der kluge Knecht hat Bin Laden nicht gehandelt. Er hat seine Brüder geschlagen, mit Tod und Terror, er aß und trank mit Menschen, die vom Haß betrunken waren und war selbst des Hasses voll. Er erwartete nicht das Kommen des Herrn, doch auch ihn ereilte es. Unvorbereitet.

„Heulen und Zähneklappern“ hat in der Bibel meist den Kontext der Verdammnis. Und genau das ist es jetzt Bin Ladens Thema:

Nach christlichen Maßstäben ist er wohl in der Hölle, denn entweder er bekommt den Lohn für seine Taten, und die waren soweit man sie kennt vom Haß auf die Andersgläubigen und den Westen bestimmt, oder er ist verloren, weil er nicht an Christus glaubt, und also noch in der Sünde war, als ihn der Tod ereilte. Einzige Hoffnung wäre die Allversöhnungslehre, doch die ist mindestens umstritten.

Soweit ich es verstehe, droht ihm auch aus islamischer Sicht ewige Qual in der Gehenna, denn auch der Islam, so wurde mir immer wieder gesagt und ich glaube es meinen muslimischen Gesprächspartnern, spricht sich ganz klar gegen Mörder aus und solche, die zum Mord aufhetzen. Mehrfach wurde mir versichert, Bin Laden könne kein Muslim sein, weil er Menschen ermordete.

Die Sache steht also schlimm um ihn. Und ja, auch wenn er selbst Schuld war, wenn er selbst den Weg des Hasses gewählt hat und nicht umgekehrt ist: Er tut mir Leid. Nicht mehr als andere Opfer von Krieg, Terror und Katastrophen. Sicherlich nicht. Doch trotz allem starb da in der letzten Nacht ein Kind Gottes, geschaffen nach Seinem Abbild. Und es starb wahrscheinlich ungeleutert. Und jetzt ist es zu spät. Und weil er, trotz all seiner Taten, seines Hasses und des Leids, das er verrsacht hat, trotzdem Kind Gottes war, war er auch unser Bruder. Und auch wenn er ein Bruder von der Art war, den man am liebsten verleugnet, ist sein Tod vielleicht doch der Zeitpunkt inne zu halten, und doch ein wenig zu trauern, um einen Bruder, der sein Leben wegwarf, und es nicht mehr zurückbekommt.

EKD, glaube, kirche, Religion

Predigtnachbesprechung

Auf evangelisch.de stieß ich auf eine Predigt von Prof. Dr. Christoph Dinkel zur PID. Er lehrt an der Uni Kiel, ist Pfarrer in Stuttgart und Mitherausgeber bei online-predigten.de, wo man die Predigt auch als pdf runterladen kann.

Die Predigt ist sehr sachlich gehalten, Dinkel steht auf Seiten der Befürworter der PID. Er enthält sich fast jeglicher Polemik, was sehr sympathisch ist und es einem Gegner der PID wie mir einfacher macht, seine Argumente zu durchdenken, da ich mich nicht erst über unsinnige Angriffe aufrege. In der Tat fand ich nur eine ansatzweise polemische Formulierung:

Absurd an dieser Debatte ist, dass Föten, bei denen solche tödlich verlaufende Erbkrankheiten während der Schwangerschaft bemerkt werden, bis direkt vor der Geburt in Deutschland straflos abgetrieben werden können. Das geschieht zum Glück nur sehr selten, ist aber ethisch nun wirklich in hohem Maße bedenklich. Die Gegner der PID nehmen faktisch eher Spätabtreibungen in Kauf als dass sie die Untersuchung an einem achtzelligen Zellhaufen vornehmen lassen. Das verstehe wer will. Im Sinne der Ethik Jesu ist das in jedem Fall nicht.

Die Polemik ist, daß Dinkel unterstellt, man würde als PID Gegner die Spätabtreibung, die er als ethisch bedenklich beschreibt (und ich stimme ihm da zu), befürworten. Das ist Unsinn! Was noch größerer Unsinn ist, ist die Tatsache, daß Dinkel quasi die Straflosigkeit der Spätabtreibung als Argument für die PID benutzt, obwohl er die Spätabtreibung im gleichen Atemzug als bedenklich einstuft.

Unabhängig davon bin ich froh, einen so unafgeregten Text pro PID zu lesen. Ich möchte im Folgenden nun darstellen, wo aus meiner Sicht der Denkfehler liegt, und wieso ich an meiner gegensätzlichen Bewertung der PID festhalte.

Die Argumentationslinie Dinkels

Dinkels Argumentation setzt bei Jesus und seinem Verhältnis zur Prinzipienethik der Pharisäer an. Jesus hat Not gelindert und sich dabei recht wenig um prinzipielle Einwände der Pharisäer gekümmert, wie eta die Frage, ob am Sabbat Heilen erlaubt sei. Jesus sah die Not und linderte sie, unabhängig von den geltenden Konventionen.

Dieses Handeln überträgt Dinkel nun auf die PID Frage: Er stellt die Not der Eltern dem Prinzip gegenüber, daß jedes menschliche Leben geschützt werden müsse, auch das des nicht eingepflanzten Embryos. Die Gegner der PID halten demnach an einem Prinzip fest, so Dinkel, während sie die Not der Eltern aus den Augen verlieren.

Damit stünden dann die PID Gegner als die neuen Pharisäer da, und die Befürworter als diejenigen, die im Sinne Jesu argumentieren.

Dinkel hat Recht

Und Dinkel hat Recht. Es kann nicht sein, daß Menschen aus Prinzip Leid ertragen müssen. Es kann nicht sein, daß jemandem Leid aufgeladen wird, bloß um irgendwelchen Definitionen oder Regeln nachzukommen, das wäre in der Tat herzlos, und hätte recht wenig mit der Nachfolge Christi zu tun.

Prinzipien, feste Regeln, sind tot. Sie verändern sich nicht. Sie bewegen sich nicht. Sie gehen auf niemanden ein, betrachten nicht den Einzelfall. Sie sind statisch und tot. Es ist nicht gt, dem Tod zu folgen.

Auf der anderen Seite ist der lebendige Gott, der sich auf jedes Seiner Kinder, auf jede Situation einstellen kann und will, und so immer wieder neu hilft. Eben weil Gott lebendig ist, kann man nicht von Nachfolge sprechen, wenn man toten, statischen Prinzipien folgt, und das noch aus Prinzip, also aus eigener Statik, aus eigenem Tod.

Dinkel hat Unrecht

Doch das ist eben das Problem: Gott ist der, der lebendig ist. Für uns Menschen gilt das nur bedingt. Und ganz aus ist es, wenn es um die Gesetze geht, die wir Menschen uns geben in demokratischer Freiheit, um unser Zusammenleben zu regeln. Diese Gesetze sind notwendig bis zu einem gewissen Punkt statisch, und werden es immer bleiben. Die einzige Abhilfe wäre wohl, die Gesetze abzuschaffen und einem Menschen die Kompetenz zuzusprechen, im Einzelfall zu entscheiden. Es gibt tausend Gründe, warum das meist auf Dauer nicht gut geht, und alle haben mit der Fehlbarkeit des Menschen zu tun, daß er sündhaft ist und über kurz oder lang dem Bösen zuneigt, das ja gerade verhindert werden soll.

Dies ist aber gar nicht der Hauptpunkt, an dem Dinkel Unrecht hat. Für mich ist der Knackpunkt da, wo Dinkel die Not der Eltern damit beschreibt, daß sie keine Kinder haben, unter mständen schon welche verloren haben und welche bekommen wollen:

Hinter dem Wunsch nach der Anwendung von PID steckt immer eine große Not. In der Regel haben Eltern schon ein oder zwei Kinder durch eine schwere Krankheit verloren. Sie habe ihr Kind liebevoll begleitet, haben mit ihm gekämpft, gelitten und den Kampf verloren. Der Tod eines Kindes ist mit das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann. Eltern die solches mitgemacht haben, wünschen sich nun noch ein Kind, das die Chance hat zu leben. Dazu sind sie bereit, die Tortur der künstlichen Befruchtung auf sich zu nehmen.

Ich frage mich, und ich bin mir bewußt, daß es hart klingt, ob die Not dieser Eltern wirklich darin besteht, keine Kinder haben zu können. Ich frage mich, ob die Not nicht der übersteigerte Wunsch ist, ein Kind zu haben, das überlebt. Ich frage mich, ob es wirklich eine Linderung der Not ist, wenn sie nun das Wunschkind bekommen, nach langem Leiden, oder ob die Not nicht doch weitergeht. Die Not, sich vom Kind abhängig zu machen, daß das Leben nur durch und mit dem Kind einen Sinn hat.

Es klingt hart, und es fällt mir nicht leicht, das zu schreiben. Aber wann ist die Not der Eltern zu Ende? Ich denke an einen Fall im weiteren Bekanntenkreis. Eine Familie, Einzelkind, die Eltern richten das ganze Leben auf das Kind aus (das übrigens ganz traditionell zu Stande kam). Und dann, kurz nachdem das Kind den Führerschein hatte: Unfall, Tod. Die Eltern fielenin ein schwarzes Loch.

Die Not, ein Kind zu haben, endet ja nicht mit der Geburt des Kindes. Dinkel nennt ja gerade Eltern, die schon Kinder hatten, die ihnen praktisch unter der Hand weggestorben sind, ohne daß sie etwas tun konnten. Die Not endet für diese Eltern in Dinkels Verstehen nicht. Sie wollen wieder ein Kind. Ein gesundes Kind. Vielleicht ein Kind, das seinen Zweck als Kind erfüllt? Nämlich in der Familie groß zu werden und den Eltern, Großeltern nd Frenden Freude zu schenken? Ich bin gerade Onkel geworden, ein Kind ist in der Tat eine Freude. Aber ist dies sein Zweck?

Der Zweck des Kindes

Alle Kinder sind gleich viel wert. Jedes Leben ist in Gott gehalten und hat seinen Wert aus Gott, und nicht aus der Lebensdauer, dem Schmerzsaldo oder der Freude, die es den Eltern oder sonstwem spendete. Ob das Kind nun mit offenem Rücken zur Welt kommt, oder gesund. Ob es einen Tag oder 100 Jahre alt wird, ob es viel Leid erfährt im Leben oder viel Glück: Alle Kinder sind von Gott geliebt und gewollt, und haben keinen anderen Zweck als den, da zu sein, und zwar so lange, wie sie eben da sind.

Die Not der Eltern besteht nicht darin, daß sie keine Kinder bekommen, jedenfalls nicht in erster Linie. Viel mehr ist es eine Not, sein Leben vom Vorhandensein eines Kindes – eines gesunden Kindes – abhängig zu machen. Hier tut in der Tat Hilfe Not, abseits von allen Prinzipien, hier sind wir als Christen gefordert, Not zu lindern. Doch nicht, indem wir Methoden wie die PID gutheißen, in der es letztlich darum geht, daß ein Produkt Kind geschaffen wird, das den Anforderungen genügen soll, die die bisherigen Kinder nicht erbrachten, und die dem Leid bei der Zeugung angemessen sind. Statt dessen sollten wir den Eltern beistehen, die vielleicht doch keine werden, und verschen ihnen Wege zu eröffnen, auch ohne Kinder ein erfülltes Leben zu leben.Lebensglück- und erfüllung ist nicht vom Vorhandensein von Kindern abhängig.

Verantwortung

Ich bin mir dessen bewußt, wie hart meine Worte sind, ich vermag es nicht weniger hart auszudrücken. Doch hoffe ich deutlich gemacht zu haben, daß es diesem PID Gegner nicht um eine prinzipielle Ablehnung geht, sondern eben auch um die Notsitation der Eltern, und um Hilfe.

Zum Kinderwunsch gehört eine Verantwortung, und die beinhaltet auch, sich möglichem Leid zu stellen. Alle Eltern können sich mit einem nicht gesunden Kind konfrontiert sehen. Alle Eltern können sich mit Schwierigkeiten bei der Gebrt konfrontiert sehen, die das Leben sowohl des Kindes als auch der mutter gefährden können.

Wer sich für ein Kind entscheidet, das kein Produkt ist, der wird sich mit der Gefahr abfinden müssen, daß auch alles schief gehen kann (und ich wünsche es niemandem!). Grenzt man die Möglichkeiten eines Mißlingens ein, nimmt man sich damit auch ein Stück weit den Segen, den ein Kind bedeutet, und macht es sich zu einem Produkt mit Qualitätsanforderungen. Ohne es zu wollen, und ohne so etwas gutzuheißen, würde man darauf angesprochen.

Fazit

Dinkel plädiert dafür, die Not zu lindern, in der sich Eltern befinden, die bisher kein gesundes Kind bekommen konnten. Doch nach meiner Meinng läßt sich Not nicht lindern, indem man sich um die Auswirkungen der Not, den unbedingten Kinderwunsch, kümmert und PID in gewissen Fällen prinzipiell zuläßt.

Statt dessen bin ich der Meinung, man sollte sich individuell den Menschen zuwenden, die unter ihrer Kinderlosigkeit leiden, mit ihnen einen Lebensweg ohne Kinder aufzeigen und ihnen beistehen, wenn sie sich für die künstliche Befrchtung entschieden haben und die Prozedur gerade durchstehen. Und auch danach, denn egal ob PID oder nicht: Die meisten künstlichen Befruchtungen sind nicht erfolgreich.

Wenn es aber dann zu einer Geburt kommt, wieso nicht am neuen Erdenbürger erfreuen, egal, wie lange und unter welchen Umständen er lebt? Als Kind Gottes ist er gewollt, und in jedem Fall ein Segen und nicht Produkt, das statischen Qualitätsmerkmalen entspricht.