Allgemein

Freies WLAN in Berlins Kirchen – meine Kritik am GodSpot

Ein gängiges Vorurteil ist, daß „der Deutsche“ an sich eine gewisse Neigung zum Meckern hat. Das mag zum Teil stimmen, denn diese Nationalitätsbezeichnung findet sich auch auf meinen Ausweispapieren und ja, ich stehe im Begriff einen Blogartikel zu schreiben, in dem ich die Berliner Landeskirche zu kritisieren gedenke.

Wobei: „Kritik“, so versuche ich meinen populistisch und biblizistisch geprägten Gesprächspartnern immer wieder zu erklären, bedeutet ja nicht zwingend zu meckern. Vielmehr kommt es aus dem Griechischen, mein eigentlich ein Gewichten verschiedener Optionen und die begründete Entscheidung für eine eigene Meinung…

Gute Sache

Wie dem auch sei. Viele haben es vor längerem schon gelesen: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz hat beschlossen, in ihren Gotteshäusern freien WLAN Zugang zu ermöglichen. Nähere Infos gibt es auf der entsprechenden Homepage.

Daran gibt es eigentlich nix zu meckern. Vielmehr ist es eigentlich sogar ne ganz gute Sache, daß nun in den Kirchengebäuden jeder mit entsprechendem Endgerät ins Internet kommt, denn Zugang zum Internet bedeutet heutzutage Teilhabe am öffentlichen Leben. Viele Bereiche unseres Lebens sind so vom Netz durchdrungen, daß man ohne Internet Zugang deutliche Abstriche machen muß.

Also ist es doch eine gute Sache, daß die Kirche hier freien Zugang ermöglicht.

Ja und nein. Gut ist, daß sie unabhängig vom Geldbeuteln allen den Zugang ermöglicht.

Was will die Kirche erreichen?

So genau weiß ich das nicht. Meine Vermutungen gehen in die Richtung, daß man sich einerseits als cool und modern ins Gespräch bringen will – was offenbar auch klappt – und daß man andererseits versuchen will, eigene Inhalte zu pushen – etwa durch die vorgeschaltete Einstiegsseite mit Infos zum jeweilgen Kirchengebäude o. Ä.

Wenn ich es richtig einschätze, werden das alles recht kurzfristige Effekte sein. Mir drängt sich der Vergleich mit einem Strohfeuer auf. Sicherlich, im Moment ist die Kirche vielleicht modern und hipp und alle sind froh über kostenloses WLAN.

Und wie lange? So lange, wie das WLAN funktioniert. Irgendwann wird die Geschwindigkeit vielleicht nicht mehr auf dem Stand der Entwicklung sein. Wer die Kirchen kennt weiß, daß das mit Neuinvestitionen so ne Sache ist. Man sehe sich nur die maroden Kirchengebäude an. Das gilt übrigens auch für so manches Pfarrhaus. Und dann soll man noch die Technik erneuern? Was das wieder kostet!

Nein, meine Befürchtung ist, der aktuelle Ansatz wird zwar im Moment viel positive publicity bringen, vielleicht auch die Kirchenbänke füllen, wenn auch nicht unbedingt mit Gläubigen, sondern mit Netzkonsumenten, aber auf lange Sicht ist das eher mau. Mit etwas Glück bleiben vielleicht einige der Netzkonsumenten hängen, finden Anschluß an den Kirchenchor oder die Pfadfindergruppe. Aber mehr ist nicht zu erhoffen.

Genausogut könnte man Freibier verteilen, so vom Konzept her. Ist sicherlich auch wahnsinnig populär, bloß was hat man davon? Und ist es wirklich das, was unser Auftrag ist als Kirche Jesu Christi? Ist es wirklich das, wozu wir berufen sind? Ist es wirklich das, wozu wir unsere Steuermittel und Staatsleistungen einsetzen wollen?

Die positivere Alternative

EIn Freund von mir sagte einmal: Zum Frieden gibt es keine positive Alternative. Ich mag diese Denkweise: Alles darauf prüfen, ob es nicht noch bessere, positivere Alternativen gibt, an die man sich halten könnte.

Daß Krieg negativ ist, ist klar, aber wenn etwas positiv ist, kann es ja trotzdem noch bessere Lösungen geben. Was wäre also die positive Alternative zu GodSpot?

Ich will dabei in zwei Richtungen gehen – eine technische und eine gesellschaftliche. Beide sind womöglich sogar teilweise mit GodSpot schon umgesetzt oder könnten umgesetzt werden – über Infos hierzu wär ich dankbar.

Technisch gesehen

Soweit ich GodSpot verstanden habe, besteht es aus der Zur-Verfügung-Stellung eines kircheneigenen DSL Zugangs. Und Schluß. Man kann von dort ins Internet, sitzt hinter nem Router, den man nicht konfigurieren kann. Das heißt, man ist auch darauf angewiesen, daß die richtigen Ports offen für die eigenen Anwendungen sind. Womöglich werden auch nur bestimmte Ports geöffnet, so daß meinetwegen das Web und E-Mail funktionieren, andere Dienste aber nicht.

Das wäre das gute Recht der Kirche, denn sie stellt ja die Technik. Schränkt aber den Nutzen weiter ein und drängt den GodSpot Nutzer nur noch weiter in die Rolle des Konsumenten.

Aber das Internet, Computernetze überhaupt, ist ja kein Fernsehen. Es stellt nicht nur eine one-to-many Infrastruktur bereit, mit wenigen Inhaltsproduzenten und vielen Konsumenten. Es ermöglicht die gleichberechtigte Teilnahme an Kommunikation. Jeder Teilnehmer, nicht nur die Priviligierten, kann zum Sender werden. Somit stellt das Internet eigentlich eine Demokratisierung der Kommunikation dar (man könnte jetzt lange Vergleiche ziehen mit der Demokratisierung der Gottesbeziehung im AT, Gen 1, 28 und so, aber lassen wir das hier mal sein).

Diese grundsätzliche Demokratisierung der Kommunikation ist freilich nicht absolut, denn die Infrastruktur ist im Besitz bestimmter Firmen. Es kommt also im Endeffekt auf den Geldbeutel an, inwieweit der eigene Zugang demokratisiert ist.

GodSpot bietet hier nicht mehr Möglichkeiten an, als ein Internetzugang zur Verfügung stellt. Der Demokratisierungsgrad entspricht dem, was die Kirchengemeinde vor Ort sich leistet. Das ist wie gesagt immerhin etwas, aber es geht besser.

Ich habe da Freifunk im Sinn. Gerade in Berlin, aber auch in anderen Gebieten, sind da viele engagierte Menschen unterwegs. Übrigens auch in Kontakt mit verschiedenen Kirchengemeinden. Da werden die Kirchtürme dann als Funktürme genutzt.

Würde die Landeskirche sich hier einbringen mit ihrer ganzen Wucht, könnte sie einerseits auf versierte ehrenamtliche Freifunker zurückgreifen beim Aufbau des Netzes, andererseits wird mit Freifunk eben nicht nur freies Internet angeboten, sondern ein flächendeckendes Netz aufgebaut, mit einer Infrastruktur in Bürgerhand. Mithin wird die Demokratisierung der Infrastruktur dadurch vorangebracht. Es würde nicht nur jedem ermöglicht, internetbasiere Dienste zu konsumieren, sondern selbst zu recht geringen Kosten welche anzubieten. Man müßte keine Server mehr mieten, sondern könnte seine eigenen alten Rechner, oder einen Raspberry Pi, oder ein altes Smartphone, als Sevrer benutzen.

Die Landeskirche hätte damit in guter christlicher Tradition gehandelt. Wie durch die Kirchen Bildung und Fürsorge in der Fläche zugänglich gemacht wurden, würde sie hier die bessere Teilhabe an der Kommunikation voranbringen.

Meiner Meinung nach ein klarer Vorteil gegenüber der GodSpot-Lösung. Freilich könnte man sich nicht mehr allein als cool und modern anpreisen, sondern müßte den Ruhm mit den (weitgehend kirchenfernen?) Freifunkern teilen.

Gesellschaftlich gesehen

Durch die Möglichkeiten, sich an der Kommunikation als eigener Anbieter zu beteiligen, bieten sich plötzlich viele neue Möglichkeiten. Man könnte informationstechnische Schwerpunkte in der Jugendarbeit bilden. Wieso eigentlich immer nur Bands und Pfadfinder (ich vereinfache hier gnadenlos, schon klar)?

Damit könnte man ganz neue Millieus ansprechen, die bisher wohl eher (es wurde schon erwähnt) kirchenfern sind. Die Möglichkeit zur Mitarbeit bringt dabei ganz natürlich eine stärkere Bindung mit sich als der Kontakt über den bloßen Konsum am Ort der Kirche.

Technisch interessierte (junge?) Menschen würden mit den Realitäten einer Kirchengemeinde in Kontakt kommen. Washaben die eigentlich für Probleme, wie lösen die die, und was haben die immer mit diesem gefolterten Zimmermann?

Womöglich – ich lehne mich hier jetzt mal aus dem Fenster – gäbe es sogar das Potential für Bildungsprojekte. Durch den (zumindest im Prinzip) egalitären Ansatz der Kirchen, für alle gesellschaftlichen Gruppen zugänglich zu sein, könnten hier Jugendliche aus Problemfamilien Chancen erhalten, sich auf dem Gebiet der IT fortzubilden und sich eine finanziell bessere Zukunft zu erschließen. Man könnte da eine Analogie zu den Klosterschulen des Mittelalters ziehen – ohne die Verpflichtungen des Zölibats!

Fazit

Freilich kann man auch ohne Freifunk-Netz und nur im Internet entsprechende Gemeindearbeit machen. Aber die Möglichkeiten sind eingeschränkt, und ob es tatsächlich gemacht wird, ist noch nicht klar. Mit Freifunk hätte man zumindest Kontakt zu entsprechend interessierten Menschen, die sich selbst auch ehrenamtlich engagieren. Man hätte Ansprechpartner, wollte man sowas aufbauen.

Ich mache mir natürlich keine Illusionen, daß ich die EKBO da irgendwie beeinflussen könnte. Aber wenn ich jetzt lese, daß man in Mitteldeutschland auch in diese Richtung geht, möchte ich doch auf die positivere Alternative des Freifunkes hinweisen. Wer weiß, vielleicht lesen hier ja Kirchenleute mit, die das in ihrer Kirche anders umsetzen werden.

Bis dahin ist es schon ein Fortschritt, daß durch die Berliner das Thema zumindest mal auf die Tagesordnung gesetzt wurde.

Gesellschaft

Che ohne Knarre

Vom der Erwähnung eines Artikels über Kennzeichenspeicherung in Bayern bei diaspora* kam es in den Kommentaren bald zur Diskussion über die Notwendigkeit einer Revolution. Ja, diaspora* (oder zumindest viele der Leute, mti denen ich verbunden bin) ist sehr revolutionär geprägt.

Wie dem auch sei: Ich wandte ein, daß ich auf ne Revolution wenig Bock hätte, weil das ja auch immer Leid bedeutet. Und wenn man Leid in Kauf nimmt, um ein anderes Leid abzuschaffen, dann sollte man ne Kosten-Nutzen Aufstellung (schon wieder so ein kapitalistischer Begriff ;)) machen und sich das Ganze nochmal überlegen, denk ich.

„Rasier Klinge“ hat daraufhin einen Kommentar geschrieben, in dem sie auch Bezug auf Jesus nimmt und auf den ich hier etwas ausführlicher reagieren will. Doch zuerst nochmal Rasier Klinge’s Kommentar:

Nun, mir wären unblutige Revolutionen auch lieber. Trotzdem nützen nur Worte nichts. Egal wie gehaltvoll sie auch sind. Mächtige sind höchst ungern ohne Macht. Dann sind sie sinnentleert. Die Erkenntnis, ohne Macht nichts zu sein, ist unangenehm. Sogar Jesus hatte göttlichen Beistand, sogar er musste was tun, heilen, Wasser in Wein, spektakulär sterben,was auch immer..nur predigen beeindruckt selten die Massen. Es spaltet sie höchstens. Und da das Bodenpersonal der diversen Götter nichts taugt, sieht man daran, dass sie nicht heilen, sondern Waffen segnen. Wenn ich also keinen Gott zur Hand habe, und auch sonst meinen Lebenssinn in etwas anderem sehe als in Macht ausüben, bis nur noch die Macht da ist, ich dafür verschwunden…was soll und kann ich tun um den gegenwärtigen Zustand zu ändern?
(Hervorhebungen von mir)

Das erinnerte mich an eine Bezeichnugn für Che Guevara, ich weiß gar nicht, wo ich sie zuerst gehört hatte:

Jesus mit ner Knarre.

Die Parallele zwischen Jesus und Guevara, die hier aufgemacht wird, liegt wohl darin, daß über beide von den jeweiligen Anhängern berichtet wird, daß es ihnen um eine Befreiung ging, nur daß Guevara eben so konsequent gewesen sei, zur Waffe zu greifen und den Versuch unternommen hat, etwas zu ändern, während Jesus lediglich die andere Wange hingehalten habe. Gestorben sind dann beide: Guevara, weil er an nen Stärkeren kam, und Jesus, weil Er einmal zu oft die Wange hingehalten hatte, statt sich zu wehren.

Doch während für Guevara sein Tod die ultimative Niederlage war – die Revolution in Bolivien blieb aus, er war tot und wurde am Ende noch kapitalistisch vermarktet – war der Tod Jesu Sein großer Triumph. Denn im Gegensatz zu Guevara hatte Er damit Seinen Feind besiegt, indem Er dessen Bösartigkeit offensichtlich machte. Damit war das Kreuz Jesu ein sichtbares Zeichen für die Gewalt des Systems (oder des Bösen, wenn man es mythologischer ausdrücken will). Guevaras Tod war höchstens ein Zeichen dafür, daß seine Gewalt der seiner Gegner unterlegen war. Er offenbarte in seinem Tod kein Unrecht, denn er selbst griff zur Waffe und hat sich damit moralisch auf die Ebene seiner Gegner begeben.

Nun sagt Rasier Klinge einerseits, nur predigen helfe nichts und auch Jesus habe das nicht getan. Stimmt. Aber wenn jemand etwas Gutes tut, dann wird das nicht unkommentiert bleiben, also hier oder da wird immer „gepredigt“ werden, oder „verkündigt“ oder wie man vielleicht moderner sagt: berichtet, gedeutet, erklärt.

Wenn ich Rasier Klinge richtig verstehe, wäre ihr die gewaltlose Alternative lieber, aber sie sieht diese nicht und fragt deshalb am Ende, was sie tun kann. Ich denke, eine Antwort könnte durchaus bei Jesus zu finden sein. Und zwar ganz ohne dabei an Gott glauben zu müssen (oder doch? ich wäre hierzu an Rückmeldungen interessiert).

Und zwar ganz einfach, indem man Jesu Beispiel folgt: Gutes tun, und die Retourkutschen des Systems wegstecken. Damit ändert man nicht den Gesamtzustand. Aber den kriegen wir wahrscheinlich eh nie in den Griff (der Christ kann hier auf die Hoffnugn auf Gott zurückgreifen, aber Gott wollten wir hier ja rauslassen).

Das System lebt ja davon, daß wir alle in einer wie auch immer gearteten Ordnung stecken und uns dementsprechend verhalten. Jeder von uns steht unter Druck von oben, gibt aber auf irgend eine Weise auch Druck nach unten ab. Und den haben wir im Griff, das ist unsere Macht. Und wenn wir hier den Druck rausnehmen und gleichzeitig den von oben aushalten, schaffen wir in unserem Machtbereich ein Stückchen Freiheit.

Das ist verdammt schwer, kaum zu 100% durchzuhalten und wird auch nicht das ganze System ändern. Denn selbst wenn es Nachahmer finden wird, ist und bleibt es ein Kampf gegen Windmühlen.

Bei diaspora* liest man dann häufig, daß eben nicht nur einzelne den Konsumismus ablegen sollten, sondern am Besten alle im Kollektiv. Mit dem Kollektivismus haben wir nicht wirklich bessere Erfahrungen gemacht als mit dem Kapitalismus, nur so nebenbei. Die Welt ist nun einmal so, daß die Leute nicht so sind, wie wir sie uns wünschen, und daß jeder Druck, den wir auf sie ausüben, um sie so zu machen, wie wir sie haben wollen

  1. nur dann ausgeübt werden kann, wenn wir die Macht haben, Druck aufzubauen
  2. dazu  führt, daß bei diesen Menschen dann neue Unfreiheiten entstehen, die der Keim für die nächste Revolution sind.

Wobei dann wieder neue Freiheiten erkämpft und andere unterdrückt werden. Die Welt ist so, wie sie ist, und deshalb werden wir das absolut gerechte System nicht erschaffen.

Schlußendlich bedeutet das, daß wir den Druck, den wir von oben kriegen, nur unter der Prämisse abschaffen können, daß wir neuen Druck anderswo aufbauen. Oder anders ausgedrückt: Wir können nicht uns selbst befreien, sondern immer nur die, deren Freiheit in unserer Hand liegt, weil wir nach dem gängigen System die Macht über sie haben.

Das ist es mehr oder weniger, was Jesus tat. Er heilte die Kranken udn siechen und scherte sich einen Kehrricht um die Machtstrukturen des Systems, indem er den Randsiedlern (Zöllner, Huren, Sünder im Allgemeinen) auf Augenhöhe begegnete, also nicht Macht über die ausübte, die nach den Regeln des Systems unter Ihm standen. Das reizte die über Ihm stehenden im System, den Druck zu erhören bis zu Seiner Hinrichtung. In Mt 12 etwa lesen wir erst, wie Jesus den Phrisäern aus der Schrift darlegt, wieso die Regeln, die sie zur Stützung ihres Systems herangezogen haben, bei Ihm nicht ziehen. Und zwar in Bezug aufs Ährenrauffen am Sabbath. Und dann ist die Geschichte vom Heilen am Sabbath, wo Jesus dann auch noch sagt, sie würden nicht anders handeln als Er. Er beugte sich nicht der Macht, mit der sie über Ihn auf die von Ihm Abhängigen „durchregieren“ wollten. Und Er machte sich damit zum Ziel. In Vers 14 steht dann:

Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat über ihn, wie sie ihn umbrächten.

Sprich: Man kann etwas tun. Aber das bedeutet, Opfer bringen. Und in der Konsequenz wie Jesus, ist kaum einer dazu bereit. Auch Guevara war es nicht, er suchte nach dem großen Wurf, die absolute Freiheit zu erreichen (als ob wir mit dem Absolutismus gute Erfahrungen gemacht hätten!) und schuf damit neue Unfreiheiten und mit den Kriegen, in denen er kämpfte, auch jede Menge Leid.

Und Jesus? Er schuf vor allem sich selbst Leid. Er änderte auch das System nicht, aber ermöglichte im Rahmen Seiner Möglichkeiten als Mensch, was möglich war, indem Er denen Freiheit gab, denen Er sie als Mensch geben konnte.

Der große Systemumsturtz wird von den Christen erst am Ende der Zeit erwartet, und darauf liegt unsere Hoffnung. Bis dahin geht es uns, wie auch den Nichtchristen: Freiheit können wir nur denen schaffen, die unter unserer Macht stehen. Und es ist ein entbehrungsreicher Kampf gegen Windmühlen, ohne Aussicht darauf, je einen Sieg in der Weise zu erringen, daß wir die absolute Freiheit umgesetzt hätten und der Kampf zu Ende wäre.

Aber, wir haben gute Voraussetzungen für diesen Kampf. Wir leben in einer Demokratie, wodurch unsere Macht auf die gesamte Gesellschaft so groß ist wie selten zuvor. Die immer noch recht freie Kommunikation übers Internet spielt da auch noch rein. Ebenso, daß wir in einem der reichsten Länder der Erde wohnen. Alles das sind Machtfaktoren oder Faktoren, die unsere je individuelle Macht sehr hoch ansetzen. Wir können vielleicht nicht das ganze System ändern (weil sich nur die Leidtragenden ändern würden), aber wir können dadurch vielen Menschen mehr Freiheit geben. Wir selbst aber werden mit den Konsequenzen daraus leben müssen, denn uns selbst können wir nur Freiheit verschaffen, indem wir andere unterjochen.

Das Wort zum Tag

Tageslosung vom Sonntag, den 31. März 2013

Seine Wahrheit ist Schirm und Schild.
Psalm 91,4

Die Engel sprachen zu den Frauen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.
Lukas 24,5-6

Ostern, endlich! Das Fest der Auferstehung! Wenn wir uns an Karfreitag erinnern, dann stand dort die Verzweiflung im Mittelpunkt, das Zusammenbrechen einer Welt und das daraus sich entwickelnde Chaos. Die Tageslosung sprach davon Gottes Angesicht zu suchen, und das Angesicht Gottes war das des Gefolterten und bald toten Jesus von Nazareth.

Der Tod Jesu am Kreuz schließlich war der Schlußpunkt, spätestens hier endet nach menschlichen Maßstäben alle Hoffnung, die man vieleicht noch auf Ihn gesetzt hatte. Nach menschlichem Ermessen war dort Schluß, die Hoffnung zu Ende, und jeder war zuerst sich selbst der Nächste.

Doch Karfreitag ist nicht die ganze Wahrheit. Das menschliche Ermessen ist nicht alles. Christus ist auferstanden, das Undenkbare geschehen. Er hat den Tod bezwungen, hat die Hoffnung gerettet.

Die heutige Tageslosung spricht davon, daß Gottes Wahrheit, nicht die menschliche, die Karfreitag alle Hoffnung verlieren muß, Schirm und Schild ist.

Wenn Christus auferstanden ist, dann besteht Hoffnung, auch in der hoffnungslosesten Situation. Wenn Er durch den Tod hindurch gehen konnte, so kann Er uns auch hindurch führen, so kann auch für uns noch Hoffnung bestehen, wo nach menschlichem Ermessen alle Hoffnung zu Ende ist.

Der Lehrtext weist darauf hin, wie die Rede von der Wahrheit zu verstehen ist. Wahrheit ist: Sucht den Lebendigen nicht bei den Toten, Er ist auferstanden.

Ostern ist ein Fest des Triumphes, der großen, ja größten Freude. Ostern ist der Tag, an dem Gott den Tod besiegte, an dem Gott die Hoffnungslosigkeit besiegte. Dieses Ereignis gibt uns Christen Hoffnung auch dort, wo eigentlich keine Hoffnung mehr sein kann. Und diese Hoffnung gibt Kraft aus der Freiheit erwächst.

Wir müssen auf Weltliches nicht mehr so viel Rücksicht nehmen, eigentlich gar nicht mehr. Was immer uns widerfahren mag, was immer uns drohen mag, was kann uns schon passieren? Im schlimmsten Fall müssen wir sterben. Und dann stehen wir wieder auf.

Tod wo ist Dein Stachel, Hölle wo Dein Sieg? Sünde, Tod und Teufel habe mit Ostern endgültig verloren, haben endgültig ihre Macht über die Menschen verloren, haben kein Argument mehr für die Angst, durch die sie Macht ausüben.

Denn der Herr ist auferstanden, Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Das Wort zum Tag

Tageslosung vom Sonntag, den 24. März 2013

Ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen, wie über großen Reichtum.
Psalm 119,14

Der Gott des Friedens mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Hebräer 13,20.21

Mit Mahnungen ist es eine Sache. Spätestens bei der dritten wird es ernst, fängt es an Geld zu kosten. Tja, man soll halt nicht bestellen, was man sich nicht leisten kann.

Trotzdem: Manchmal muß man sich vielleicht durchwinden, daß man vielleicht alle Mahnungen so lange laufen läßt, bis man genug Geld zusammen hat. Der Weg, den die Mahnungen zeigen ist dann mtunter sehr verworren, kostet Kraft und Konzentration, damit man auch keinen Termin verpasst. Jedenfalls ist solch ein Weg nicht angenehm, sondern steinig und schwer.

Hinnehmbar kann all diese Anstrengung sein, wenn man selbst sie zu verantworten hat. Wenn man vielleicht seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit falsch eingeschätzt hat und nun die Konsequenzen tragen muß.

Weniger hinnehmbar wird es, wenn man selbst nichts dazu kann. Wenn es darum geht, das zum Leben notwendige zu bezahlen. Wenn an unverschuldet seine Arbeit verloren und keine neue mehr gefunden hat, und sich nun so durchwurschteln muß, bis ein neuer Job greifbar wird. Trotzdem nimmt man es meist zähneknirschend hin. Das Leben kostet Geld, so ist es nun einmal. Ändern können wir wenig.

Ne ganz andere Sache ist es aber, wenn man mit Mahnungen konfrontiert wird, die keinen Bezug zum eigenen Leben aufweisen. Wenn einfach jemand auftritt, und irgendwelche Dinge verlangt, ohne dafür eine juristisch bindende Grundlage vorweisen zu können.

Das muß sich nicht auf finanzielle Fragen beziehen. Als ich als Teenager die Haare lang wachsen ließ, gab es im unmittelbaren Familienumfeld durchaus Leute, die etwas mehr Gesellschaftskonformität bei der Wahl meiner Frisur verlangten. Ja, wir hatte damals die 90er, ich red hier nicht von den 60ern oder 70ern (der Konflikt war auch nicht groß, aber vorhanden).

Wie auch immer, wir lassen uns nicht gerne eine Schuld einreden, wo wir nicht verantwortlich sind.

Jetzt schreibt aber der Psalmbeter von Psalm 119, daß er sich freut. Über einen „Weg der Mahnungen“. Und wer der Mahner ist, dürfte klar sein: Kein geringerer als Gott höchst selbst.

Nur: Welches Recht hätte Gott, an uns Mahnungen zu richten? Welche Verpflichtungen hätten wir gegen Gott, welche Verantwortung gegenüber Ihm? Wenn man von Ihm nichts erbeten hat? Wenn man vielleicht nicht mal an Ihn glaubt?

Wieso sollten Seine Mahnungen ein Gewinn sein, wieso sollte man sich darüber freuen, wenn Er einem nur noch einen kleinen Weg freiläßt, der vielleicht gerade so steinig und schwer ist wie der oben genannte eines Arbeitslosen durch den Mahnungsdschungel seiner Lebenshaltungskosten?

Im Lehrtext ist dann plötzlich die Rede davon, daß Gott Tüchtigkeit zum Tun des Guten verleihen soll. Das ist schon eher etwas Positives. Wer steht nicht gerne als jemand da, der Gutes tut? Sich darüber zu freuen ist jedenfalls nachvollziehbarer, als sich über Mahnungen oder Genörgel zu freuen.

Im Lehrtext steht aber noch etwas: Erstens wird das Tun des Guten mit Gottes Willen identifiziert, und zweitens ist die Rede davon, daß in uns etwas geschaffen werden soll, was Ihm, also Gott, gefällt.

Jetzt läßt sich trefflich spekulieren, was da gemeint sein könnte. Womöglich ist das, was da geschaffen werden soll die Voraussetzung dafür, daß wir zum guten Tun tüchtig werden (und die Voraussetzung dafür, Gottes Willen zu tun).

Nach Meinung der Herrnhuter Losungsverantwortlichen hat das Ganze dann noch mit den Mahnungen und der Freude darüber zu tun.

Eine mögliche Deutung hab ich schon angedeutet:

Gott will, daß wir Gutes tun. Er hat drei Wege, uns dazu zu bewegen: Er kann uns erstens zum Guten ermahnen, dann kann Er in uns etwas schaffen, das dahin führt und letztlich kann Er uns zum Guten tüchtig machen.

Womöglich sind diese drei Wege alle eigentlich zielich das Gleiche: Er macht uns tüchtig indem Er in uns etwas schafft. Beides kommt übrigens durch Jesus Christus, was meiner Meinung nach auf den Glauben an Jesus Christus verweisen könnte. Und dadurch nehmen wir die Mahnungen vielleicht erst an, bzw vielleicht nehmen wir sie ab dann auch erst wahr.

Tüchtig zum Guten sind wir dann, wenn wir Seine Mahnungen hören oder wahrnehmen können. Woher sollten wir vorher wissen, was Gut ist?

Ich höre schon den Einpruch: Gottes Forderungen in welcher Form auch immer dienen zuerst und vor allem der Machtsicherung und -erhaltung einer religiösen Elite, und der Mensch weiß selbst gut genug, was gut ist und was nicht.

Dem ersten Einspruch stimme ich zu. Wenn immer jemand von Gottes Forderungen spricht oder sprach gilt es genau hinzuhören und zu überlegen, was dahinter steckt. In vielen wenn nicht den meisten Fällen geht es tatsächlich um die Durchsetzung von Machtansprüchen bei Inanspruchnahme göttlicher Autorität. Wenn aber Gott tatsächlich existiert und tatsächlich Forderungen an uns hat, oder meinetwegen auch nur Vorschläge zum Lebenswandel, dann sollte man sich überlegen, ob nicht in einzelnen Fällen tatsächlich Gottes Ansichten formuliert werden.

Diese Unterscheidung zu treffen, so bin ich überzeugt, geht nicht ohne den Heiligen Geist. Nebenbemerkung: Das ist dann womöglich auch der Grund dafür, daß nicht gläubige Menschen hier stets absolut sagen (müssen), daß es IMMER um Machterhalt etc geht. Die andere Option, daß tatsächlich Gott dahinter steckt, ist nur möglich, wenn man an Gott glaubt.

Der andere Punkt mit dem Wissen um das Gute ist so eine Sache. Ich stimme zu, daß wir alle eine gewisse Ahnung davon haben, was gut ist und was nicht. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, daß man hin und wieder in Zwickmühlen kommt, wo man nicht weiß, wie man sich entscheiden soll. So ganz scheinen wir den Dreh nicht rauszuhaben. Und ich glaube auch, daß kein Regelwerk der Welt uns für jeden Fall klare Anweisungen geben kann. So ein Legalismus ist auch gar nicht notwendig, wenn man darauf vertrauen kann, daß der Heilige Geist einen führt. Oder wenn man darauf vertrauen kann, daß Gott eine Fehlentscheidung vergeben wird. Die atheistische Alternative wäre, sich einfach für die Variante zu entscheiden, die einem subjekitv grad besser dünkt. Bei einer Fehlentscheidung haben alle Gewissensbisse. In dem Fall haben Christen keinen objektiven Vorteil gegenüber Atheisten. Aber sie wissen um eine höhere Instanz, auf die sie hoffen können, und die ihnen per Mahnungen (oder Vorschlägen) den Weg weist.

Wie schon gesagt sind solche Mahnungen (zumindest nach meinr Meinung) nicht kodifizierbar, sondern nur mit Hilfe des Heiligen Geistes aus einem Text herauszulesen. Ansonsten sind sie mindestens mißverständlich.

Werden sie aber im Heiligen Geist verstanden, dann zeigen sie einen Weg für den Lebenswandel auf, sie machen einen tüchtig, diesen Weg zu gehen, der darin besteht, das Gute zu tun, das mit Gottes Willen identisch ist. Und darüber kann man sich tatsächlich freuen wie über großen Reichtum.

Nicht, wie manch einer mutmaßen mag, weil man sonst in die Hölle käme, wenn man von dem Weg abwiche, sondern weil es eine Freude ist, wenn man Gutes tun kann, weil es erfüllend ist, dem Leben einen Sinn gibt.

Dies ist freilich nur für gläubige Menschen nachvollziehbar. Nichtgläubige werden lieber ihren eigenen Vorstellungen von Gut und Böse folgen, ihre eigenen Wege gehen und womöglich jede von Gläubigen behauptete Führung mit Unterwürfigkeit und unfreiem Denken oder mit Unterdrückung und Machtmißbrauch in Verbindung bringen. Vielleicht muß es so sein, zumindest, bis der Heilige Geist auch zu ihnen spricht.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 25.03.2012 (Jes 49, 10)

Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird weder Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten.

Das Wetter wurde in den letzten Tagen besser. Und vor allem wärmer. Der Frühling kommt. Nach der Kälte des Winters freue ich mich richtig darauf, bald ohne Jacke rausgehen zu können. In solchen Zeiten ist ein Satz wie der obige, der von Schutz vor Sonne und Hitze spricht, nicht ganz so wirkend wie im Sommer bei annähernd 40°C (okay, nicht hier in Greifswald, aber zu Hause in der Pfalz gibt es das schonmal).

Im meiner Heimat der Pfalz nicht ganz fernen Saarland gibt es eine Redewendung, die den ersten Teil des Satzes gut aufnimmt:

Hauptsach gut gess‘!

Und damit kann ich mich auch identifizieren. Und daß man nicht dürsten wird spricht mich als Pfälzer sowieso an. Aber um was geht es eigentlich?

Im Kapitel 49 des Jesajabuches geht es um den Gottesknecht, der in der Tradition auf Jesus Christus gedeutet wurde. In Vers 6 sagt Gott, es sei zu wenig, daß der Gottesknecht die Stämme Jakobs – also die Israeliten – aus der Zerstreuung holt. Er soll darüber hinaus noch das Licht der Heiden sein.

Es handelt sich um eine Heilszusage an die Israeliten, die sich zu der Zeit im Exil befinden, aber das Übliche reicht hier nicht. Es ist zu wenig, nur das Exil der Israeliten zu beenden, sie wieder ins Land zurückzuführen, sondern auch die Heiden sollen gewonnen werden.

Der Gottesknecht soll sagen „Geht heraus“ (Vers 9), und dann foögt eine Wanderng aus dem Exil, heim ins gelobte Land. Um diese Wanderung geht es. Gott verspricht, die Wege gerade zu machen, Berge einzuebnen, und eben auch die Versorgung auf dem Weg:

Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird weder Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten.

Der Erbarmer, das ist Gott selbst. Er vergleicht sich in Vers 15 mit einer Mutter, die ihrem Sohn nicht im Stich lassen kann. Das ganze Kapitel atmet die Liebe und Fürsorge Gottes zu Seinem Volk.

Doch, ich habe es schon erwähnt, auch die Heiden sind mit im Boot. Die Heiden, das sind alle Nichtisraeliten. Dazu gehören streng genommen auch wir alle. In der Zeit der alten Kirche wurde noch zwischen Heidenchristen und Judenchristen unterschieden. Heide zu sein bedeutete nicht, kein Christ sein zu können. Ein Heide war ein Mensch mit einer anderen Nationalität. Ein Angehöriger eines anderen Volkes.

Gott war aber der Nationalgott der Israeliten. Also eigentlich gar nicht zuständig für uns Heiden. Trotzdem wandte Er sich auch uns zu, übernahm auch für uns Verantwortung, wenn man so will.

Wir gehen auf Karfreitag zu, dem höchsten Feiertag des Protestantismus. Der Tag, an dem Christus für die Schuld der Menschen ans Kreuz ging. Nicht nur für sein eigenes Volk, nicht nur für die Frommen, sondern für alle Menschen, ob sie Ihn kannten oder nicht.

Gott, der als Nationalgott der Israeliten anfing, und doch Gott der ganzen Welt ist, hat Verantwortung übernommen für Seine Welt, und starb für uns.

Vielleicht sollten wir überlegen, ob wir, als Verehrer dieses Gottes nicht auch auf gleiche Weise Verantwortung übernehmen über das hinaus, was uns als Bereich zugesprochen wird. So wie Gott die Grenzen Seines Volkes überschritt, um uns allen das Heil zu bringen, können auch wir Grenzen überschreiten, zum Wohle aller Menschen.

Das Stichwort der Nationalität kann uns hier ein erster Anhalt sein. Wenn Gott sich nicht um die Nationalität derer scherte, die Ihn verehrten, wieso sollten wir noch Menschen nach Nationalität unterscheiden und Hilfesuchende an unseren Grenzen abwehren, nur weil sie Geld kosten? Wieso sollten wir Menschen, die hier wohnen abschieben, nur weil sie Geld kosten?

Kreuzigungsdarstellung in der Kathedrale von Jeju-Si, Jeju-Do, Republik Korea

Man kann weiter gehen und fragen wieso Menschen andernorts verhungern sollen, nur weil es dort nichts zu essen gibt. Heil bedeutet im ersten Moment auch immer weltliches Heil, gutes Leben. Im zweiten Schritt – den sollte man nicht vergessen – darf man dann aber auch das ewige Heil nicht vergessen werden. Es ist eins die Nackten zu kleiden und den Hungrigen zu essen zu geben. Doch wollen die Verlorenen auch gerettet werden. Dazu ging Gott ans Kreuz. Und dazu hat Er uns dann ausgesandt.

Gesellschaft, glaube, kirche, Religion

Bloß nichts falsch machen

Der Glaube an Gott ist etwas Gutes, etwas Schönes. Er gibt Kraft und Hoffnung, gerade auch in schwierigen Situationen. Jedenfalls geht es mir meist so.

Anderen Menschen nicht unbedingt. Gerade habe ich wieder von so einem Fall gehört, mit jemandem drüber geredet. Glaube an Gott kann auch weh tun. Beziehungsweise, das, was dann noch nachkommt.

Als ich vor über 10 Jahren im Kibbutz war, war da auch ein etwa 40 jähriger Finne namens Jorma. Jorma war ein lieber Kerl, man konnte sich gut mit ihm unterhalten, auch wenn er etwas strange war. Das alles galt, so lange er nüchtern war. Das war er aber nicht immer. Jorma war Alkoholiker. Und er war ein Schrank von einem Mann. Er konnte echt Angst machen, und es gab Gerüchte, daß er vorher in der Fremdenlegion gewesen wäre. Ausgebildet zum Töten.

Wie dem auch sei, Jorma war Christ. Er glaubte an Jesus Christus, wenn er auch mir ganz unbekannte Prediger immer wieder nannte. Ein paar Koreaner, die auch im Kibbutz waren, kannten die Prediger sogar. Ich weiß nicht, in welcher Tradition die staden. Ich schätze mal ganz vorsichtig, es handelt sich um einen pfingstlerischen Hintergrund, aber egal.

Ich verstand mich ganz gut mit besagten Koreanern, tue das immer noch. Sporadisch haben wir noch Kontakt. Aber eine Äußerung gab mir zu denken. Einer der Koreaner sagte einmal, Jorma könne kein Christ sein, eben weil er Alkoholiker ist.

Dabei tranken sie selbst auch Alkohol. Nicht so viel, aber sie standen auch nicht abseits, wenn wir feierten (und was gibt es im Kibbutz nach Feierabend sonst noch zu tun?).

Ich fand das damals schon irgendwie komisch, habe es auch all die Jahre immer wieder durchdacht. Da wird quai ein Anspruch an die Person gestellt, bevor sie wirklich und ganz und vollständig als Bruder im Glauben anerkannt wird.

Ja, Jorma war schwach, was den Alkohol anging. Und er konnte wirre Geschichten erzählen. Er muß auch eine sehr schwere Kindheit gehabt haben, aber das wurde nie ganz klar, aufgrund der Wirrheit seiner Geschichten. Man wußte nie genau, was jetzt echt war und was nicht.

Aber trotz alledem bekannte er sich zu Christus. Christus, der die Schwachen, die Sünder annahm. Christus, der nicht auf die Person achtete.

Und dann gab es Anhänger eben dieses Christus, die die Latte höher hängten: Bekenntnis zu Christus schön und gut. Aber wie sieht es denn mit dem Lebenswandel aus? Hat denn die Sucht noch Macht über den Sünder? Ja, na dann kann es ja kein echter Christ sein.

Jorma hatte einmal den Entschluß gefasst, nichts mhr zu trinken. Und ich fand das echt großartig. Leider habenir alle (ich auch) ihn nicht besonders unterstützt, sondern saßen mit unserem Alkohol bei ihm. Er trank Orangensaft. Wir, das beinhaltet auch die Koreaner.

Wir haben es ihm nicht leich gemacht, den besseren Weg zu gehen. Eine Sache, die ich mir heute noch vorwerfe. Ich war Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

Aber ich sah das Verhalten auch danach noch oft, gerade in Kirchengemeinden oder sonstlichen christlichen Gruppen. Wer nicht einem gewissen Bild entspricht, wird als Bruder nicht anerkannt. Bunte Haare, Jeans im Gottesdienst, all das kann dazu führen, daß Menschen, die Gott suchen, abgestoßen werden. Und zwar von denen, die über sich sagen, sie seien Anhänger dieses Gottes.

En anderer Freund von mir hat einige Gemeinden durch. Er ist als Pfarrerssohn zuHause aufs Übelste vermöbelt worden, wenn er nciht spurte. Kontakte zu anderen Kindern im Dorf waren nciht gerne gesehen. Der Vater war Antikommunist – und Pfarrer in der DDR. Alles jenseits des Gartentors war der Feind.

Besagter Freund hat also sozusagen „einen Schlag weg“. Er leidet furchtbar. Und er sucht in seinem Umfeld nach Menschen, die ihn einfach annehmen, wie er ist. Mit all seinen Problemen und Fehlern (der Umgang mit ihm ist wirklich nicht immer einfach, er weiß das auch). Früher ging er in verschiedene Gemeinden, suchte dort Anschluß. Und der wurde ihm widerstrebend gegeben. Oberflächlich. Bis er sagte, daß er nicht glaube, daß Noah wirklich so alt wurde, wie es in der Bibel steht. Und er flog raus aus der Gemeinde.

Ich glaube, wir verdunkeln oft das Evangelium, indem wir von anderen verlangen, so zu sein wie wir. Jesus interessierte sich nicht dafür, wie andere aussahen oder was sie sonst so taten. Er ging auf die Sünder zu, nahm sie als Menschen an, trotz aller Fehler.

Wie sollen Menschen denn das Evangelium erfahren, wenn sie von vorne herein abgewiesen werden? Wenn sie erst „perfekt“ sein sollen (natürlich nur nach menschlichem Ermessen)?

Und inwieweit entspricht es dem Evangelium, wenn sich die Schwachen an de Starken anpassen müssen? Was sol das, wenn man dem Schwachen, dem Suchenden, erst einmal sagt, er solle stark werden, dann würde man ihm auch die Quelle der Stärke vermitteln?

Welcher Starke braucht denn eine Kraftquelle? Wenn er stark ist, hat er eine Quelle, wie weit sie auch immer trägt. Ein Starker wird nicht fragen. Wer fragt, das sind die Schwachen, die haben aber nicht die Kraft, sich den kulturellen Gepflogenheiten Anderer immer anzupassen. Auch nicht, falls es wirklich so ist, daß diese Gepflogenheiten ihnen selbst gut tun würden, etwa „kein Alkoholmißbrauch“.

Wenn es dann um Dinge geht, wie Anzug tragen, Krawatte tragen, Haare richtig gescheitelt haben, um in der Gemeinde angenommen zu werden, dann wird noch offensichtlicher, daß es hier nicht um Christus geht, sondern um einen Götzendienst. Man ehrt den Gott des anständigen Auftretens. Und der hat mit dem Gott, der den Sünder annimmt, und für ihn ans Kreuz geht, nichts zu tun.

Der, der ans Kreuz geht, gibt seinen Anhängern Stärke. Er dient ihnen.

Der, der anständiges Auftreten einfordert,  in welcher Art auch immer, der verlangt von seinen Anhängern Stärke, nimmt sie ihnen also. Er läßt sich dienen.

Freilich gibt es immer auch Menschen die Schwach sind, und andere so nicht annehmen können, wie diese sind. In dem Fall muß sich immer der Stärkere anpassen, Liebe geben. Denn Liebe baut auf, Liebe gibt dem anderen die Kraft, auch ein Stück weit auf andere zuzugehen, und sich soweit anzupassen, daß Gemeinschaft einfacher möglich wird.

Und je mehr Gemeinschaft, je mehr Liebe, desto mehr wird der Gott am Kreuz verehrt, und nicht der Abgott des Anstandes.