EKD, glaube, kirche, Religion

Antwort an die Altbischöfe

Gestern haben die Altbischöfe Eduard Berger, Heinrich Hermanns, Jürgen Johannesdotter, Dr. Werner Leich, Dr. Gerhard Maier, Dr. Gerhard Müller, Dr. Theo Sorg und Dr. Ulrich Wilckens einen Offenen Brief an die Mitglieder der EKD Synode geschrieben mit der Bitte, die Begründung von §39 Pfarrdienstgesetz nicht mit dem Gesetzestext zu beschließen. Leider habe ich nirgends im Internet den Wortlaut der umstrittenen Begründung gefunden (danke evangelisch.de :(), jedoch ist es für mich auch nicht weiter wichtig.

Es geht im Großen und Ganzen, soviel geht as den zitierten Fragmenten und Erläuterungen hervor, um die Haltung der Kirche zu homosexuellen Partnerschaften bei Pfarrern. Mich interessiert hier mehr die theologisch-biblische Argumentation als die verwaltungstechnisch-juristische Umsetzung, denn ich studiere nicht Jura, sondern Theologie, deshalb möchte ich vor allem auf die theologische Argumentation der Bischöfe eingehen.

Ich habe mich in einem anderen Kontext (auch ein offener Brief, damals von Pfarrern an den Präses von Westfalen) schon einmal mit der Thematik befaßt, einige Argumente dürften relemäßigen Lesern (hab ich die überhaupt?) nicht fremd sein.

Die Altbischöfe steigen mit großen Worten in die Begründung ein:

Denn es geht dabei im Grunde um nichts Geringeres als um die Frage, ob evangelische Kirchen darauf bestehen, dass die Heilige Schrift die alleinige Grundlage für den Glauben und das Leben ihrer Mitglieder und für den Dienst und die Lebensführung ihrer ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer bleibt, oder ob eine Landeskirche nach der anderen eine Angleichung an die in der Gesellschaft üblich gewordenen Lebensformen für so wichtig halten, dass sie dafür die Orientierung an der Heiligen Schrift aufgeben bzw. aufweichen.

Dabei wird unterstellt, die Heilige Schrift würde eine Lebensführng in homosexeller Partnerschaft ablehnen oder verbieten und die Zulassung von homosexuellen Partnerschaften im Pfarrhaus sei somit allein aufgrund einer bibelwidrigen Anpassung an den Zeitgeist erstrebt. Wichtig ist es mir an diesem Punkt festzuhalten, daß die evangelische Kirche kein bischöfliches Lehramt kennt, was also bedeutet, daß man der Vorannahme der Altbischöfe nicht blind folgen darf, sondern sie überprüfen muß, denn das Lehramt tragen wir alle.

Die Unterzeichner des Briefs führen drei Bibelstellen als zentral an:

Röm 1, 26f:

Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.

1. Kor 6, 9f:

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

1. Tim 1, 10:

den Unzüchtigen, den Knabenschändern, den Menschenhändlern, den Lügnern, den Meineidigen und wenn noch etwas anderes der heilsamen Lehre zuwider ist,

Auf all diese Stellen bin ich im damaligen Artikel schon eingegangen. Interessant hier, daß keine Rede von den zwei Levitikusstellen die Rede ist, vielleicht sind die Bischöfe selbst zu sehr zeitgeistgesteuert, um sich hinter die dort geforderte Todesstrafe zu stellen? Denn bei ihren Verständnis der entsprechenden Stellen würde es dabei sicherlich auch um Homosexualität drehen, und dann wären sie durch die Bibel gebunden.

Die Altbischöfe nennen im Zusammenhang ihrer Begründung auch 1. Mose 1, 27f:

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Daraus leiten sie, wie ich sie verstehe ab, daß die natürliche Lebensweise die Lebensweise des Verkehrs von Mann und Frau ist. Provokativ könnte man fragen: Sind alleinstehende Menschen dann unnatürlich? Wie paßt das mit den Äußerungen des Paulus zusammen, daß es am besten wäre, alle wären wie er, nämlich ledig (1. Kor 7, 7)? Darin spricht Paulus davon, daß zwar nicht alle die Gabe haben, ledig zu bleiben, aber es doch gut wäre. Ist die von den Altbischöfen genannte natürliche Lebensweise vielleicht doch nicht so natürlich? Oder ist die Natürlichkeit vielleicht gar kein Kriterium? In Epheser 2,3 (kein authentischer Paulusbrief, aber immer noch Heilige Schift) ist die Rede davon, daß Menschen von Natur aus Kinder des Zorns waren. Und diese Menschen wurden gerettet, wohl gegen die Natur. Wieso also sollte die Natur ein Argument sein bei der Homosexualität?

Die Altbischöfe behaupten nun, daß zweierlei nicht möglich ist:

  1. Die Behauptung, es gehe nicht m verantwortungsvolle Homosexalität sondern Verkehr mit Lustknaben im Tempel.
  2. Die Behauptung, es handle sich um zeitgebundene Verbote wie das Predigtverbot für Frauen (1. Kor 14, 34f).

Die zweite Behauptung sei ausgeschlossen dadurch, daß nach 1. Tim 10 und 1. Kor 6 die Homosexellen vom Himmelreich ausgeschlossen wären, was anhand der Überprüfung des ersten Punktes noch gegenzuchecken ist. Doch bevor ich dazu komme muß ich noch einmal meiner Verwunderng Asdruck verleihen.

Hatten die Altbischöfe nicht weiter oben im Brief ihre Sorge ausgedrückt, die biblischen Normen werden verlassen zu Gunsten einer unbiblischen Anpassng an die moderne Gesellschaft? Wie können sie dann das Verbot der Frauenpredigt, wenn sie es denn so auffassen (ich kann nur ein Gebot darin erkennen, bei der Predigt nicht dazwischenzuquatschen) als zeitlich gebunden verstehen, das aufgrund der Nichtnennung bei 1. Kor 6 und 1. Tim 10 nicht gar so verbindlich ist? Sind die Altbischöfe gegen predigende Frauen? Dann sollen sie bekennen, was sie als Wahrheit erachten. Sind sie der Meinung, es handle sich um eine zeitgebundene Regulierung, dann bitte ich darum mir zu erklären, wie sie mit ihrem Bibelverständnis und der Hermenetik, die sie bei der Frage der Homosexualität an den Tag legen dazu kommen!

Nun zum ersten Punkt, der, wenn er fällt Punkt 2 gleich mitnimmt: Laut den Bischöfen schließt der Text in Röm 1 aus, daß bei 1. Kor 6 und 1. Tim 10 Tempelprostitution gemeint sei. Wenn ich mir die Texte ansehe, dann ist bei Röm 1 von Männern und Frauen die Rede, bei den anderen Stellen aber nur von Männern, nämlich Knabenschändern und Lustknaben. Es ist sehr fraglich, ob hier das gleiche gemeint sein kann wenn anderes geschrieben wird.

Alleine die Wortwahl läßt darauf schließen, daß es sich bei 1. Kor und 1. Tim um Abhängigkeitsbeziehungen handelt, in denen der Sex eine Rolle spielt. Knabenschänder sperren wir hete noch mit gutem Grund ein. Und auch bei Kindern und Jugendlichen, die sich prostituieren, verstehen wir dies nicht als Ausdruck ihrer sexuellen Selbstbestimmung, sondern als durch irgendwelche finanziellen oder sonstigen Zwänge begründet, die es abzstellen gilt, damit die Kinder Kinder sein können. Partnerschaftliche Homosexualität auf Augenhöhe unterscheidet sich davon in der Art, wie sich bezahlter Sex mit kleinen Mädchen von einer heterosexellen Partnerschaft auf Augenhöhe unterscheidet. Es fällt mir schwer nachzvollziehen, warum die Bischöfe das nicht sehen.

Zu Röm 1 sei noch einmal auf meinen anderen Artikel verwiesen. Damals schien es mir so, als seien dort eigentlich heterosexuelle Menschen gemeint. Eine andere Erklärung könnte sein, was man aus Therapien öfter hört: Ein Umfeld macht krank und führt dazu, daß einzelne Menschen krank werden, die für das Umfeld nicht verantwortlich sind. Ein Chemieunternehmen verpestet die Luft und die Anwohner, die nix dazu können, bekommen Asthma. Die Menschen verheren die Geschöpfe statt des Schöpfers und darafhin werden einige homosexuell, nicht aus Schuld, sondern als Symptom für die Sünde in der Welt. Die Auslebung der Homosexualität ist – so verstanden – auch keine Sünde.

Festzuhalten bleibt, daß Paulus an keiner Stelle dezidiert sagt: Homosexuelle Handlngen bringen einen in die Hölle. nd auch sonst in der Bibel steht das nicht.

In diesem Sinne kann ich die luthersche Warnung nur an die Altbischöfe zurückgeben: Das Wort sie sollen lassen stahn!

Zu guter Letzt möchte ich auch hervorheben, wo ich mit den Bischöfen übereinstimme: Die freie Gesellschaft muß nicht nur die Ansicht der Befürworter zulassen, sondern auch die der Gegner, beides möglichst ohne viel Polemik (ich hab versucht mich zurückzuhalten in meinem Artikel). Ich stimme den Altbischöfen zu, daß ein Ausschluß von der Ordination nicht bedeutet, man spreche die Menschenwürde ab. Viele Nichtchristen oder auch Angehörige anderer christlicher Konfessionen können nicht ordiniert werden in der evangelischen Kirche, ohne daß dies ihre Menschenwürde antastete.

Und dann hat der Brief noch eien Nachsatz, der so völlig aus allem rausfällt:

Im übrigen sollten Sie auch ernst nehmen, dass mit der Annahme dieses Pfarrdienstgesetzes im Sinne der „Begründung“ jeder Fortschritt zu ökumenischer Gemeinschaft mit der katholischen und den orthodoxen Kirchen sowie auch mit einigen lutherischen Kirchen in der Welt blockiert sein würde.

Ich unterstütze die Ökumene aus vollem Herzen, doch kann ein schwererer Stand in den Gesprächen kein Grund sein die eigene Ordnng zu ändern. Grund kann nur der Wille Gottes sein, den Er in der Heiligen Schrift und durch den Heiligen Geist offenbart.

Daher wundere ich mich über die Maßen, daß Bischöfe der lutherischen Kirche(n) überhaupt den Gedanken fassen können, der Konsens mit Rom und den orthodoxen Kirchen seien ein Argument für oder gegen eine Entscheidung, zmal sie sich in dem Brief schon so sehr auf die Bibel berufen haben. Man bedenke, wenn Luther den Konsens mit Rom über die Bibel gestellt hätte!

Uncategorized

God hates fags?

Heute bin ich bei DonRalfo auf drei Videos von Demetri Betts gestoßen, die ich hier auch mal aufführen will, weil ich sie gut finde:

http://www.youtube.com/watch?v=-C3BkUKaa_g&feature=player_embedded
http://www.youtube.com/watch?v=ztimzHS88Ks&feature=player_embedded
http://www.youtube.com/watch?v=Lz1-kBhSNe8&feature=player_embedded

Man mag über die eindringlich emotionale Art und Weise seines Redens geteilter Meinung sein können, doch denke ich, er meint es ernst mit dem, was er sagt, und ich finde, es ist aus den Kreisen der US-Erweckten eine angenehm andere Stimme, die zeigt, daß es neben George Bush und der Westboro Church noch andere Christen gibt. Neben den drei Videos zur Homosexualität hat er noch verschiedene andere Themen behandelt, insgesamt sind bisher 54 Videos auf seiner Homepage verlinkt.

Uncategorized

Ehe

Angesichts der verbissenen Kämpfe (vor allem in den USA, aber das kommt hier auch noch) um die Ehe zwischen religiösen Traditionalisten („between one man and one woman“) und liberalen Gruppen stellt sich mir immer mehr die Frage, wie geht man damit um. Dabei geht es mir hier vorerst nur um die Ehe vor dem Staat, die Zivilehe also. Wie die Religionsgemeinschaften dazu stehen und damit mgehen, ist eine andere Sache. Vielleicht werde ich mich zum Bereich der evangelischen Kirchen auch noch einmal dazu äußern, wer weiß.

Die Zivilehe jedenfalls scheint mir immer weniger Sinn zu ergeben, in Zeiten wo immer mehr Menschen keine lebenslange Partnerschaft eingehen wollen oder können, in der eine Partnerschaft nicht unbedingt bedeutet, Kinder haben zu wollen, in der moderne Formen der Aufgabenverteilung im Haushalt praktiziert werden und nicht zuletzt auch bisher marginalisierte Formen der Partnerbeziehung auf immer breitere Akzeptanz stoßen. Vor allem denke ich hier an homosexuelle Paare, aber auch etwa an polygam lebende Menschen, immerhin haben wir eine starke muslimische Minderheit in Deutschland, man hört aber auch von nichtreligiösen Menschen, die Polygamie praktizieren.

Angesichts dieser Breite an Partnerschaften in der Gesellschaft frage ich mich: Wozu Zivilehe? Wozu soll eine Form des Zusammenlebens (oder auch der Sexualität?) vom Staat bevorzugt werden?

Zwei Gründe fallen mir ein, beide recht altbacken:

  1. Zum Schutz der Kinder aus einer Partnerschaft bedarf es einer staatlich geschützten Form des Zusammenlebens der Eltern, durch Steuervorteile und andere finanzielle Rechtsansprüche bevorzugt.
  2. Zum Schutz der Frau, die zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert, soll der arbeitende Ehemann verpflichtet sein, ach nach einer Trennung für den Unterhalt zumindest mit aufzukommen.

Beide Gründe passen recht wenig in unsere Zeit. Die Kinder können durch andere Rechtsformen geschützt werden als durch die Zivilehe. Ehen werden geschieden und es kommt zu immer mehr Patchworkfamilien. Kinder werden aufgezogen von Alleinerziehenden oder auch dem Partner eines Elternteils. Es gibt unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Wozu eine herausheben und staatlich fördern? Auch die Frau, die zu Hause bleibt, während der Mann das Mammut jagt das Geld verdient ist eine aussterbende Art. Einerseits aufgrund der immer schlechteren Job- und Lohnsituation in Deutschland, andererseits auch aufgrund der Emanzipation. Frauen bleiben nicht zu Hause bei Herd und Kindern sondern machen erfolgreich in der Wirtschaft Karriere. Die Aufgaben im Haushalt sind nicht mehr verteilt nach Geschlechterrollen, sondern werden von den Partnern immer freier ausgehandelt.

Ich denke, angesichts all dieser Veränderungen zu „früher“, gibt es keinen Grund mehr, an der Zivilehe festzuhalten. All das, was durch die Ehe früher rechtlich geregelt war, kann in anderem Rahmen geregelt werden. Ein Zusammenleben von Paaren kann durch Verträge geregelt werden. Wenn einer zu Hause bleibt und der andere die Karriere macht, kann durch Vertrag geregelt werden, wie und unter welchen Umständen Unterhaltszahlungen fällig werden oder ähnliches. Ich vertraue da auf die Kreativität der Anwälte.

Nebenher wäre dann solch ein „Ehevertrag“ (der wohl durchaus auch zwischen Menschen gleichen Geschlechts geschlossen werden oder auf die Bedürfnisse von polygam lebenden Menschen zugeschnitten werden kann – ohne irgendwelche moralischen Beigeschmäcker) das Dokument, das die Partnerschaft besiegelt, man hätte also mit dem Gang zum Notar (oder wo unterschreibt man sowas, ich kenn mich da nicht aus?) auch sowas wie einen Zeitpunkt, den man privat dann auch durch Feiern ausgestalten kann. Nebenbei würde der Vertrag mehr und mehr zur Normalform, was auch der Sicherheit beider dient, wenn man vernünftig an die Sache ran geht. Heute gilt das Verlangen, einen Ehevertrag zu unterschreiben, doch eher als mindestens unromantisch, wenn nicht als Mißtrauensbeweis. Religiöse und andere Gruppen könnten Musterverträge anbieten, die ihrer Vorstellung von Partnerschaft entsprechen. So könnten ach Ordensleute und Priester durch ähnliche Verträge abgesichert werden und könnten auch sagen, sie sind mit Gott verheiratet wie andere mit ihrem Partner.

Bleibt noch eine Sache zu bedenken: Artikel 6 GG schreibt den Schutz von Ehe und Familie fest. Doch laut Wikipedia handelt es sich hier vor allem um einen Reflex auf die Ehegesetze der Nazis, die in der Umsetzung ihres Rassenwahns sogenannte „Mischehen“ auflösten und verboten. Es geht also um den Schutz der Partnerschaft vor staatlichen Eingriffen. Das geht auch ziemlich deutlich aus dem Text des Art. 6 GG hervor. Ohne Zivilehe gäbe es jedoch auch weniger Möglichkeiten zumindest formaljuristischer Eingriffe. Absatz 5 würde gar gegenstandslos, da es ohne (Zivil-) Ehe auch keine „außerehelichen Kinder“ mehr gibt.

Ich habe sicher einige Punkte übersehen und manches nicht ganz zu Ende gedacht. Vieles muß sicher noch im Detail betrachtet werden. Aber der Gedanke, die Zivilehe als Relikt einer vergangenen Zeit abzuschaffen, scheint mir denkens- und veröffentlichungswert, deshalb freue ich mich auch über Kommentare dazu.

Uncategorized

Homophobie im Pfarramt

Durch einen Tweet von Herusche wurde ich auf einen Artikel in der Onlineausgabe des Westens (wo sieht man eigentlich, ob das im Print erschien?) vom 4.1.. aufmerksam.

In dem Artikel geht es um die Kritik einiger Pfarrer der Westfälischen Landeskirche an ihrem Präses Alfred Buß. Der Artikel liest sich nach bekanntem Muster: Hier die konservativen, ewiggestrigen Pfarrer, die Homosexuelle therapieren wollen und alleine mit einem Biblizismus argumentieren, auf der anderen Seite der aufgeschlossene Kirchenchef, der als zu liberal verschrien wird. Nach Lesen des Artikels war ich dann doch etwas aufgebracht und beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen, als Theologiestudent kann ich ja durchaus auch zwei, drei Worte zum Thema ablassen, also machte ich mich auf die Suche nach dem Offenen Brief.

Fündig wurde ich bei der UK, der Kirchenzeitung der Westfälischen und Lippischen Landeskirchen. Unter einem Artikel zum gleichen Thema findet sich ein Downloadlink zu einer Datei, die den Offenen Brief der besagten Pfarrer, sowie eine Antwort seitens Buß enthält.

Das Lesen des Briefes stimmte mich ein wenig versöhnlicher. So schreiben die Pfarrer:

Wir teilen mit Ihnen die Ablehnung von Diskriminierung und Anfeindung gegenüber homosexu-
ell empfindenden Menschen. Ihnen gilt wie allen Menschen die Liebe und Zuwendung Gottes und
damit auch die Liebe und Zuwendung der Kirche.

Damit heben sie sich schonmal von Aussagen wie dieser ab, deren Urheber sich auch noch auf seine römische Kirche beruft. Bei allen Unterschieden, die ich als Protestant zu Rom habe, kann ich mich nicht daran erinnern, daß die Kirche Roms in letzter Zeit zum offen zum Haß aufgerufen hätte. Aber das soll hier nicht Thema sein.

Auch wenn dies schon einmal zumindest die Basis für ein Gespräch herstellt, denn die homosexuellen Menschen werden nicht per se abgelehnt, so ist es doch auch erst der Anfang. Was wollen sie eigentlich genau aussagen?

Im Blick auf die gelebte Homosexualität sind wir allerdings deutlich anderer Meinung als Sie.
Gelebte Homosexualität entspricht nicht der Schöpfungsordnung Gottes, wie sie in der Bibel be-
schrieben wird. Die Ehe von Mann und Frau ist die vom Schöpfer gewollte und im Aufeinander-
Bezogen sein von Mann und Frau angelegte Form des Zusammenlebens, in der gelebte Sexuali-
tät und Weitergabe neuen Lebens ihren Platz haben (vgl. Gen 1,27+28; 2,24); praktizierte Homo-
sexualität wird nicht nur im AT (z.B. Lev 18,22), sondern auch im NT eindeutig abgelehnt (Röm 1,
26+27).

Es geht also um das Ausleben, nicht die Anlage, was immer noch schlimm genug ist. Dabei berufen sie sich als Pfarrer auf die Bibel. Das dies für Nichtchristen nicht mehr nachvollziehbar ist, liegt in der Natur der Sache. Und auch liberale Christen orientieren sich nicht am Wortlaut der Bibel, wenn sie sie auch nicht ganz von der Hand weisen. Trotzdem denke ich, muß den Pfarrern im Rahmen der Religionsfreiheit zugestanden werden, ihre Meinung diesbezüglich zu äußern. Es steht jedem frei, einer anderen Religion zu folgen, jedoch von einer anderen Grundlage aus die Pfarrer anzugreifen ist schwach. Moderne Lebensweise von einem vormodernen Standpunkt anzugreifen wäre genau so schwach. Man wirft anderen quasi ihr Bekenntnis vor, was ein Stück weit auch Kulturimperialismus ist und meist nirgends hinführt. Angreifbar sind sie alleine auf dem Grund, den sie gewählt haben:

Da wir mit der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche von Westfalen die Heilige Schrift als
alleinige und vollkommene Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens ansehen, kön-
nen wir einer Gleichstellung homosexueller Lebensformen mit der Ehe in keiner Weise zustim-
men.

Also die Bibel. Wie gesagt, säkular denkende Zeitgenossen werden spätestens hier daran denken, nicht mehr weiter zu lesen, doch sei darauf hingewiesen, daß mit Berufung auf die Bibel auch die Reformation ins Rollen kam, die irgendwo auch Grundlage ist für die Akzeptanz des Individuellen.

Es ist vielleicht auch noch zu erwähnen, daß Seitens der Pfarrer Bibelstellen wie 1. Kor 6, 9f:

Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben.

nicht genannt wurden, wie dies oftmals seitens einiger Evangelikaler noch vorkommt. Es scheint sich die Einsicht durchgesetzt zu haben, daß in derartigen Stellen (1. Tim 1,9f wäre ein anderes Beispiel) um eine asymetrische Partnerschaft geht, in der der eine durch den anderen ausgenutzt wird. Dies ist jedoch nicht mit einer gleichberechtigten homosexuellen Partnerschaft zu vergleichen!

Aber zu den Bibelstellen, auf die sich die Autoren des Briefes berufen. So behaupten sie, die Ehe sei die vom Schöpfer gewollte Form des Zusammenlebens und berufen sich auf 1. Mose 1,27f

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

sowie auf 1. Mose 2, 24:

Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch.

Festzuhalten wäre: Beide Bibelstellen sprechen nicht von Ehe. Die eine Stelle hält fest, daß der Mensch als Mann und Frau geschaffen wurde, der andere hält fest, daß der Mann Vater und Mutter verläßt. Komischerweise kommt niemand darauf, eine Heiratspflicht aufbauend auf der zweiten Bibelstelle zu begründen. Es ist scheinbar nicht von jedem Mann die Rede, sondern nur von einigen Männern, die dies tun. Angesichts der 4 Frauen Jakobs stellt sich auch die Frage, ob die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau wirklich die vorgestellte Idealform des Zusammenlebens in der Bibel ist, oder ob hier pietistisch-neuzeitliche Vorstellungen der Bibel übergestülpt werden. Es ist sicherlich nicht z verleugnen, daß es Ehen zwischen Männern und Frauen gibt. Es ist sicherlich nicht zu verleugnen, daß solche Ehen von Gott gesegnet werden. Es ist aber auch zu beobachten, daß der Segen manchmal nicht sichtbar ist und Ehen zerbrechen. Es läuft nicht nach Schema F. Und es gibt christlicherseits anerkannte Formen des Lebens, die der Ehe nicht entsprechen, wie beispielsweise das Zölibat, auch wenn evangelischerseits der Zwang dazu abgelehnt wird. Mir ist keine christliche Stimme bekannt, die das Zusammenleben von Mann und Frau in einer Ehe für alle Menschen vorschreiben würde.

Mir ist auch keine Stimme bekannt, die es als Sünde bezeichnet, wenn sich einsame Menschen Haustiere anschaffen, um der Einsamkeit zu entfliehen, auch wenn dieser Vergleich hinkt weil er bei Analogisierung auf die Homosexualität dieser wieder als defizitär darstellen würde, was ich nicht tun will. Ich will nur feststellen, daß konservative Christen auch nicht überall gleich stark hinsehen.

Wie sieht es mit der Ablehnung der Homosexualität in AT und NT aus? Zwei Stellen, eine je Bibelteil, werden erwähnt. Für das AT Lev 3. Mose 18,22:

Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.

Eine ähnliche Stelle gibt es kurz darauf noch einmal. 3. Mose 20,13 ist direkter und verlangt die Todesstrafe:

Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.

Sieht man in den hebräischen Text, so ist beide Male von מִשְׁכְּבֵ֣י אִשָּׁ֔ה, dem „Bettlager der Frau“ die Rede. Übersetzt wird es interessanterweise mit „wie bei einer Frau“, doch kann ich keine Vergleichspartikel, die mit „wie“ zu übersetzen wäre, erkennen. Menschen mit besserer Hebräischkenntnis mögen mich korrigieren. Es scheint mir jedoch, als gehe es in den Kontexten der jeweiligen Stellen um Konstellationen des Geschlechtsverkehrs, die die existenten Beziehungen in Frage stellen, etwa wenn jemand mit der Frau seines Vaters (die nicht die Mutter sein muß!) Verkehr hat. Ebenso ist es zu erwarten, wenn jemand in seinem Haus ein Bettlager der Frau hat, daß dann auch eine Frau vorhanden ist. Wenn nun ein Mann mit einem Manne auf dem Bettalger der Frau liegt, bzw Sex hat, dann stellt er seine Beziehung mit der Frau in Frage, wie er die Beziehung seines Vaters in Frage stellt, wenn er mit dessen Frau verkehrt. Unter diesen Vorannahmen kann ich durchaus verstehen, wenn dies verboten wird. Es geht dann aber nicht um die Homosexualität, sondern um das Betrügen der eigenen Frau durch die Beziehung mit einem Mann. Sicher bin ich mir bei dieser Deutung kein Stück, wäre jedoch an Rückmeldung interessiert, falls jemand Argumente pro oder contra kennt.

Letztlich wird noch der Apostel Paulus ins Feld geführt mit seinem Römerbrief. Die Stelle ist Römer 1, 26f:

Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.

Auch hier stellen sich Fragen. So ist die erste Frage die, um was es Paulus geht. Geht es ihm um eine Aussage über die Gottgefälligkeit der Homosexualität, oder benutzt er eine vorausgesetzte Abneigung gegen Homosexualität in Rom (die es dort im Gegensatz zu Griechenland gab) um eine andere Aussage zu tätigen? Die Frage war rhetorisch gemeint, denn bei genauem Hinsehen geht es um etwas anderes, nämlich die Sündhaftigkeit aller Menschen, die er anhand der damals in Rom als moralisch verwerflich angesehenen Homosexualität explizierte.

Interessant finde ich die Aussage, daß der natürliche Verkehr verlassen, bzw vertauscht wurde. Sind hier Menschen gemeint, die eigentlich heterosexuell sind, aber aus welchen Gründen auch immer, zum Beispiel im Kult für eine Gottheit, homosexuellen Verkehr praktizierten? Äußerungen Pauli aus dem Kontext, wie Röm 1, 21-23:

Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.

lassen mich an die griechische Kultur mit ihren Philosophen und Weisen denken. Auch die Götterbilder, die Menschen gleich sind erinnern an Griechenland, die tiergestaltigen Gottheiten sind wohl eher eine Spezialität des Orients (ich kenn mich da aber nicht so gut aus), der jedoch auch lange hellenisiert war. Wobei zu bedenken ist, daß im Umfeld der antiken Philosophen (und wohl auch danach) eben die oben geschilderte asymetrische Partnerschaft eine Rolle gespielt zu haben scheint.

Nach alldem muß aus meiner Sicht gesagt werden, die Quellenlage ist zumindest fraglich, eine Diskussion durchaus nötig. Der Vorwurf, den die Pfarrer in Richtung Kirchleitung vorbringen:

Sie plädieren für einen „behutsamen Diskussionsprozess“. Wir fragen uns, ob ein wirklicher
Diskussionsprozess von Ihnen überhaupt erwünscht ist, da Weg und Ziel für Sie schon festste-
hen.

kann insofern zurückgegeben werden. Trotzdem ist in dieser Sache Fingerspitzengefühl angebracht, und zwar in beide Richtungen. Selbstverständlich in Richtung der Homosexuellen, die als Kinder Gottes und unsere Geschwister im Glauben keinen geringeren Teil am Reich Gottes haben, als heterosexuelle Menschen.

Aber auch in Richtung konservativer Christen sollten wir behutsam vorgehen und versuchen, sie mit Liebe zu überzeugen. Eine Diskussion ist keine Belehrung über die Wahrheit, die Wahrheit muß gesucht werden. Keiner kann behaupten, sie in der Tasche zu haben. Im Hören aufeinander kann ein gemeinsames Verständnis entstehen, nicht aber im um die Ohren hauen der eigenen Ansichten. Das betoniert gegensätzliche Überzeugungen oft auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, wenn aus Prinzip an einer Aussage festgehalten wird, die man sonst vielleicht schon fallen gelassen hätte.

Bis diese gemeinsame Sichtweise erreicht ist, sollte Toleranz herrschen, denn die Frage nach der Sexualität ist nicht heilsrelevat. Sünder sind alle Menschen, unabhängig von der Sexualität, und als Gläubigen ist uns allen, unabhängig von der Sexualität die Schuld vergeben worden und wir sind von Gott angenommen. Detailfragen, wie die nach der sexuellen Praxis, können bis zum gemeinsamen Kontext privat entschieden werden, ohne dadurch das Evangelium zu schmälern.

Das bedeutet, daß konservative Christen als eine Sache zwischen Progressiven und Gott verstehen, wenn in der Kirche homosexuelle Ehen gesegnet werden. Bei aller Kritik müssen sie darauf achten, die Geschwister nicht verächtlich zu machen und ihren Glauben nicht in Frage zu stellen. Nur Gott kann in die Herzen sehen.

Das bedeutet aber auch, daß Progressive es hinnehmen, wenn Konservative Kurse anbieten, in denen sie meinen, Homosexuelle heilen zu können, so lange sie es als ein Angebot an Menschen, die dies aus eigener Überzeugung wollen, darstellen, und nicht in diffamierender Weise als einziger Weg zum Heil für Homosexuelle. Es scheint tatsächlich Leute zu geben, die sich als homosexuell ansahen, mit ihrer Sexualität Probleme hatten, und sich nach einem solchen Kurs besser fühlen. Auch solchen Menschen steht es zu, mit ihrer Sexualität so umzugehen, wie sie es wünschen. Wenn andere meinen, es gäbe einen besseren Umgang mit der nichtgewollten Sexualität als diese zu unterdrücken, so mag dies sein (und ich neige dieser Sichtweise durchaus zu), trotzdem darf dies nicht dazu führen, daß die Progressiven nun ihrerseits Druck auf die ungewollt Homosexuellen ausüben in der Art, daß diese ihre Sexualität auszuleben hätten.