Allgemein

„Europa ist keine Sozialunion“

So die Worte der Kanzlerin. Es geht darum, EU-Ausländer, die laut Schengen-Abkommen jedes Recht haben hier zu leben (so wie wir, in ihren Heimatländern zu leben), abzuschieben und ihnen die Einreise weiterhin zu verweigern, falls sie sich Sozialleistungen vom deutschen Staat erschleichen.

Die Zahl derer, die das tun, ist verschwindend gering. Und es handelt sich ja auch nicht um Straftaten, die nur Ausländer begehen würden. Auch Deutschen können Fehler unterlaufen beim Ausfüllen der Anträge. (Nebenbei: Nach allem, was ich gehört habe, müßte man sich vielleicht eher mal Gedanken machen zu Strafen bei Sozialbetrug von Seiten des Staates, also wenn das Amt Leistungen nicht zahlt, auf die man Anspruch hätte).

Wieso also kein Gesetz, das „Sozialmißbrauch“ generell unter Strafe stellt? Ist es denn schlimmer, wenn ein Schwede das Amt betrügt, als wenn es ein Leipziger oder Düsseldorfer macht? Ich kann nicht erkennen, wieso.

Ich bin mir sicher, daß es solche Gesetze schon gibt. Und ich vermute, die Strafen sind höher als bei Steuerhinterziehung. Wieso also nochmal Sondergesetze für Nichtdeutsche?

Die Formulierung meiner Frage weist auf eine mir sehr wahrschienlich vorkommende Antwort: Den rechten Rand. Die Nazis von der AfD (wer ein Problem mit dieser Kategorisierung hat, mache folgenden Test der JuPis) setzen die Union unter Druck. Waren sonst die bayrischen Ministerpräsidenten verantwortlich dafür, daß die CSU die Partei ist, die am weitesten auf der rechten Seite im Parlament sitzt („Rechts von der CSU ist die Wand“) drängt nun (gepusht von Springer) die AfD in die Parlamente, mit gutem Aussicht auf Erfolg. Und greift angestammte Wählerschichten der Union ab. Dem will man entgegenkommen, indem man einen Rechtsruck antäuscht. Wirklich nationalistisch ist die Union ja (zum Glück) nicht, aber der Eindruck entsteht, daß sie in bestimmten Schichten gerne so wahrgenommen werden würde, um Stimmen zu bekommen.

Die Stimmen wird sie nicht kriegen. Statt dessen wird dieses Spiel mit dem Feuer eher dazu führen, daß derartige rechte Parolen salonfähig werden. „Man wird doch noch sagen dürfen…“

Ehrlich gesagt es kotzt mich an, weil mir scheint diese Deutung tatsächlich zuzutreffen. Dann ist es aber auch so, daß eine Partei, die Deutschland über weiter Teile geprägt und mit aufgebaut hat (wenn auch nicht immer zum Guten) sich nun vollends dem Abriß widmet. Hauptsache, man kriegt noch ein paar Stimmen in dieser Wahl…

Eigentlich müßte die Union hingehen und mithelfen, die Ängste abzubauen. Die Sinti und Roma, um die es wohl vor allem geht, sind durchaus willens sich zu integrieren. Das passiert auch, soweit möglich. Sie schicken die Kinder in die Schule, damit sie was werden und arbeiten selbst hart, weil sie etwas erreichen wollen.

All denjenigen, die sich so tolle Vorstellungen vom Sozialmißbrauch machen, möchte ich den Vorschlag machen, doch nur einen Monat einmal zu versuchen, auf Hartz IV Niveau zu leben. Und von dem Geld dann Miete, Essen, Kino, Strom und alles zu bezahlen, was so anfällt. Vielleicht fällt dann der Groschen. Auf dem Niveau richtet sich keiner ein, das will keiner, der eine Perspektive hat, da raus zu kommen.

Aber es ist ja so viel einfacher, auf die „Ausländer“ zu schimpfen, als sich um die tatsächlichen Probleme zu kümmern…

Gesellschaft

Der gemeine Deutsche

Denk ich an Deutschland in der Nacht…

In der Nacht bin ich aufgewacht, naja, es war halt noch dunkel draußen, aber um 7 kann man schon aufstehen, und da der Wecker ein Radiowecker ist, kamen auch gleich die Nachrichten. Die tägliche Demotivation vorm Aufstehen oder so…

Jedenfalls wurde ich darüber informiert, daß der Deutschen wichtigestes Problem zur Zeit die Zuwanderung ist (nachzulesen ist dat Janze auch hier nochmal, das ZDF verlink ich jetzt nicht, weil die müssen ja irgendwann depublizieren).

Die ganze Problemlage um Datenschutz und Sammellust der Geheimdienste ist weniger ein Problem (und das, obwohl doch das Handy der lieben Angie abgehört wurde! Ist das der Anfang vom Ende der Beliebtheit? Es wird wohl ein langes Ende sein – beliebteste Politikerin ist sie immer noch, die Zustimmung ist sogar gestiegen).

Ganz ehrlich: Ich verstehe meine Landsleute nicht. Ich mein das mit der Zustimmung zu Angie schon gar nicht. Hat die in den letzten 9 Jahren was produktiv gemacht? Also außer hohle Phrasen gedroschen? Bei Schröder war wenigstns alles Chefsache und man wußte: Hartz IV, da ist der Gerd schuld dran. Auch wenn es nicht gut war, er hat wenigstens was getan! Bei Angie könnte ich da nichts benennen, was ihr (und nicht irgend einem Fachminister) zugesprochen werden könnte. Außer vielleicht die klare Zustimmung zu Stuttgart 21, aber das ist ja auch schon wieder vergessen, und das mit der Gewalt gegen die Demonstranten, das waren wieder andere…

Darum geht es mir gar nicht.

Mir geht es um die Zuwanderung. Ich meine: Echt jetzt? Wir sind das so ziemlich reichste Land der EU, das dank Niedriglohnsektor und Zurückhaltung der Gewerkschaften etc im europäischen Vergleich recht gut dasteht, und da wundert man sich, daß da Leute kommen? Und dann soll das auch noch ein Problem sein? Ich mein, gut, wenn die Städter zu uns aufs Dorf ziehen und erst mal Gerichtsverfahren anstrengen um Nachbars Hahn vorzuschreiben, ab wann in Deutschland gekräht werden darf, dann würd ich die Grenzen auch gerne dicht machen, aber es geht denen ja nicht um Zuwanderung aus der Nachbarstadt…

Mal im Ernst: Gab es nicht ne wahnsinnige Panikmache damals, Anno 2004 bei der großen Osterweiterung der EU? Hieß es nicht, wenn die Freizüggigkeit kommt, werden uns Polen, Tschechen und wie sie alle heißen überfluten, uns die Jobs nehmen und was uns sonst noch bleibt, klauen? Ist das eingetreten? Ich aknn jedenfalls nichts davon erkennen, aber es ist ja auch schon 10 Jahre her und an die Panikmache erinnert sich auch keiner mehr. Aber jetzt ist alles noch viel schlimmer, weil Bulgaren und Rumänen, das ist ja noch viel schlimmer als Polen und Tschechen! Warum? Das weiß ich auch nicht, ist aber sicher so, weil es ist ja ein großes Problem, wenn die hierher ziehen.

Komisch finde ich ja, daß diejenigen, die diese Ängste haben, meist überhaupt nicht die Ängste eben jener Polen oder sonstigen östlichen Mitbürger verstehen können, was den Grundstückserwerb von Deutschen in ihren Ländern angeht… jaaa, vor uns Deutschen muß man ja keine Angst haben! Wann haben wir schon mal Probleme gemacht in der Welt…? Ach so… da war doch was…

Derweil die Geheimdienste, was ist dabei schon das Problem? Wer nix zu verbergen hat, muß doch keine Angst haben, nicht wahr? Außerdem sind die ja nur hinter den Terroristen her. Und Terroristen, das sind ja die Bösen. Oder nicht?

Nun ja, mag man einwenden, wer Böse ist, liegt im Auge des Betrachters. Nur weil wir in Deutschland die Angie mögen (also nicht alle, ich nicht, aber mehrheitlich halt) mögen die Griechen (also auch mehrheitlich, glaub ich, zumindest das, was man in den Medien so mitkriegt, aber wer weiß schon wie repräsentativ das ist?) sie noch lange nicht. Ist sie nun eine Terroristin? Das würde vielleicht erklären, wieso ihr Handy abgehört…? Arbeiten bei der NSA eigentlich auch griechischstämmige Amerikaner?

Was tun wir eigentlich, wenn wir morgen die Terroristen sind? Jetzt im Ernst? Ich mein, ich hab ja nicht vor, irgendwelche Bomben zu legen, wieso auch? Mir geht es vergleichsweise gut, also etwa verglichen mit einem Angehörigen der Roma-Minderheit (vulgo „Zigeuner“) in Rumänien. Der will aber auch keine Bomben legen, sondern vielleicht nur in Deutschland nach ner Arbeit suchen, Steuern zahlen, sich integrieren… das was Zuwanderer halt so machen.

Aber was weiß ich, vielleicht findet irgend ein Geheimdienst ja mal „Hinweise“ darauf, daß ich Bomben bauen gewollt hätte – oder so. Und dann geht das ganz schnell, mit der nationalen Sicherheit, ich mein, sicher ist sicher, und die haben ja die Beweise, nur müssen sie sie nicht unbedingt rausrücken, weil nationale Sicherheit (oder hab ich zu viele amerikanische Filme gesehen? Nein, nur zu viel Westenhagen gehört, aber der ist ja auch Zuwanderer. Nach England. Ist der jetzt auch ein Terrorist?)…

Was also lernen wir aus dem Ganzen? Der gemeine Deutsche hat mehr Angst vor Zigeunern als davor, daß seine Bürgerrechte untergraben werden.

Sollte eigentlich nicht überraschen, Geschichte wiederholt sich ja angeblich. Allerdings stellt sich mir ne andere Frage:

 

Angenommen, ich hätte damals gelebt, was hätte ich gemacht?

Und was mach ich heute?

Kirchentag

Der Kirchentag – persönliche Nachgedanken von Benny

Nun ist er also um, der Kirchentag. Und nachdem ich gestern erst mal Erholung brauchte (ich hab mich in Hamburg ziemlich übel erkältet), wollte ich noch ein paar Gedankenanstöße festhalten, die ich vom Kirchentag mitgenommen habe.

Das vielleicht für die Zukunft interessanteste, was ich auf dem Kirchentag gelernt habe, ist die Existenz der sogenannten 66er Ausbildung. Es gibt da wohl einen Paragraphen 66 im Berufsbildungsgesetz, der den Rahmen für die Ausbildung von Menschen mit Behinderung regelt. Und dabei geht es offenbar nicht nur um körperliche Behinderungen. Für die Inklusion ist das ein guter Ansatzpunkt. Aber da muß seitens der „Schwerstmehrfachormalen“ auch umgelernt werden. Nicht jede geistige Behinderung muß in die Behindertenwerkstatt führen, man muß einfach mal darauf achten, was die Menschen können, statt sich darauf zu konzentrieren, was sie, verglichen mit der Norm, nicht können. Bei einer Veranstaltung berichtete ein gut ausgebildeter junger Mann, der vor kurzem erbindet war, von seinen Problemen mit dem Arbeitsamt. Aufgrund seiner Blindheit bot man ihm fast nichts an. Er hat studiert, er kann mit Texten umgehen, aber allein die Tatsache, daß er sie an einem Computer nicht über den Monitor, sondern über den Screenreader rezipiert, sorgte wohl dafür, daß ihm entsprechende Jobs gar nicht angeboten wurden. Komischerweise wurde er aber immer wieder nach seinem Führerschein gefragt, und ob dieser Anhänger mit einschließe (den Führerschein hatte er von vorher, inklusive Anhänger, weil alter 3er Führerschein, aber daß sein fehlendes Augenlicht ihm Autofahren nicht mehr ermöglichte, wurde ebenfalls weitgehend ignoriert).

Trotzdem. Diese 66er Ausbildung sollte bekannter werden. Zur Zeit werden noch zu viele Hürden, vielleicht auch aus Unkenntnis aufgeworfen. Ein Politiker saß auf dem Podium (seinen Namen hab ich vergessen, ein Hinterbänker aus dem Bundestag), der einen behinderten Sohn hat. Dieser hatte nun die Möglichkeit, eine Berufsausbildung zu machen, also einer „richtigen“ Arbeit nachzukommen, und nicht auf die Behindertenwerkstätten angewiesen zu sein. Das Problem war, obwohl der Arbeitgeber dem zugestimmt hatte, mußten noch diverse amtliche Stellen dem Ganzen zustimmen, so um die 5. Wenn eine Stelle nein sagt, wieso auch immer, war es das. Diese Stellen hatten nun alle zugestimmt. Und dann fiel der Berufsschule ein, daß sie kein barrierefreies Gebäude hat. Geht also doch nicht.

Und hier stand ein Politiker im Hintergund, der durchaus mehr Einfluß haben dürfte, als „normale“ Menschen (was „normal“ allesbedeuten kann!). Wie sieht es in anderen Fällen aus?

Der gleiche Politiker sprach auch davon, daß man eingentlich darangehen müßte, die Förderschulen abzuschaffen (wenn auch nicht ganz), um die Inklusion voranzubringen, weil sie einfach die Trennung er Gesellschaft zementieren. Aber wie es aussieht haben die Betreiber hier auch ein Interesse daran, ihre Pfründe zu sichern, und betreiben Lobbyarbeit hin zu einer Bewahrung des status quo, so schädlich er auch ist. So werden inzwischen wohl vermehrt lernbehinderte Jugendliche als geistig behindert eingestuft, weil sie dann die Chance haben, in eine Behindertenwerkstatt zu kommen und nicht von Hartz IV leben zu müssen, nachdem sie die Förderschule verlassen. Wer stellt schon einen Förderschüler ein? Auf dem Kirchentag wurden einige vorgestellt, die das tun. Aber man muß sie suchen.

Wenn es uns als Gesellschat gelingt, die Inklusion umzusetzen, dann kommt es vielleicht auch dazu, daß Behinderungen nicht mehr als so schlimm wahrgenommen werden, wie wir Schwerstmehrfachnormale es heute meist noch tun. Nur wei ich mir ein Leben ohne Augenlicht nicht vorstellen kann, heißt es nicht, daß der Blinde unter seiner Blindheit mehr leidet als ich unter meinem Asthma. Der kann im Zweifel viele Dinge tun, die ich nicht tun kann. Ich erinnere mich an eine Unterhaltug mit einer Freundin, die an Neurodermitis leidet: Sie meinte, meine Kurzatmigkeit, das wäre für sie die Hölle, wie ich das denn aushalten könne. Für mich ist das aber kein größeres Problem, da macht man halt mal langsam und atmet tiefer und langsamer, bis es besser wird. Ist normal so, auch wenn’s manchmal nervt. Ich meinte im gleichen Gespräch, die Neurodermitis, dieses ständige Jucken auf der Haut, dieses nässende Gefühl, ständig eincremen müssen, das wäre für mich die Hölle. Das sah sie wiederum nicht so. Ich weiß nicht, vielleicht fänd ich es auch nicht so schlimm, wäre ich in der Situation. Trotzdem: Aus meiner persönlichen Warte sieht es immer noch aus wie die Hölle.

Ich vermute, daß behinderte Menschen ihre Behinderungen ebenfalls ihre Behinderungen nicht so negativ erleben, wie wir uns das vorstellen. Wenn wir einander besser kennenlernten, etwa weil wir gemeinsam zur Schule gehen, ist Behinderung vielleicht nicht mehr ganz so beängstigend. Und man treibt vielleicht auch seltener ab. Es käme wohl kaum jemand auf die Idee, Asthmatiker oder zukünftige Brillenträger abzutreiben, könnte man es schon im Mutterleib feststellen.

Bei der gleichen Veranstaltung zur Inklusion wurde ich auch auf Barner 16 aufmerksam. Auf youtube beschrieben sie sich so:

barner 16 erklärt die Welt ist eine neue Videoreihe der barner 16, ein inklusives Netzwerk professioneller Kulturproduktionen von Künstlern mit und ohne Handicaps.

Eine kleine Kostprobe.

Bei der Bibelarbeit von Andrew Jones, dem „Long Tall Kiwi“, ging es unter anderem um Gärtnern. Und dabei wies Andrew auf die Urban Farming Guys hin. Auch hier ne Kostprobe.

Überhaupt treffe ich in letzter Zeit und dann verstärkt auf dem Kirchentag immer wieder auf Tipps, wie man Dinge selbst herstellt, oder zumindest auf Hinweise zu Gruppen oder Firmen, die lokal herstellen unter sozial verträglichen Bedingungen. So wurde zum Beispiel bei einer Veranstaltung Werbung für freie Software gemacht, auch wenn die Leute auf der Bühne dort augenscheinlich nicht zu tief in der Szene steckten. Es wurde als gut anerkannt und gewürdigt, zusammen mit dem Menschen, der eine Maschine zum Selberbauen von Möbeln entwickelt hat und die Pläne für non-profit Zwecke gerne weitergibt und dem Schuhersteller aus Österreich, der es schafft nur in Österreich zu produzieren und trotzdem gute, reparierbare Lederschuhe herstellt für 150€ das Paar. Im Gegensatz zu den Global Playern macht er keine Werbung und zahlt sich selbst auch nur 1000€ im Monat aus. Aber er sagt: Das reicht ihm. Den Namen hab ich vergessen, aber all diese Projekte findet man auch bei futurzwei.org. Nachteil dort ist, daß nur Schwörer alles gezeigt kriegen: Man muß versprechen, die Ideen nicht nur zu konsumieren, sondern auch weiterzuerzählen. Hab ich hiermit erledigt 😉

Die Seite hat auch viele andere interessante Inhalte, wie die „Nachrichten aus der Zukunft“ (oder Vergangenheit?) Ganz lustig, wie Sarazin Klage erhebt, weil sein Körper überfremdet ist von Millionnen körperfremder Mikroorgamismen und es als blauäugig und weltfremd bezeichnet wenn gesagt wird, daß man ohne diese Mikroorganismen gar nicht leben kann…

Natürlich gibt es auch immer viele Möglichkeiten, beim Kirchentag zu diskutieren. So laufen immer wieder Leute mit Schildern rum. Darauf steht dann „Jesus rettet“ oder „Wer nicht glaubt kommt in die Hölle“ oder Ähnliches. Diesmal hab ich bei drei Gelegenheiten ein bißchen diskutiert. Da war der ältere Herr mit dem Fahrrad am Samstag. Am Rathausplatz stand er da mit seinem Fahrrad und den Schildern drauf. Diskutieren war nicht wirklich möglich, da er sich in endlosen Monologen erging. Manches fand ich auch gar nicht so verkehrt, aber diese elende Satisfaktionslehre… Wie dem auch sei: Für ihn schienen die negativen Seiten der Satisfaktionslehre, diese Sündenangst und all das, was einem die Sicherheit der Errettung doch noch nehmen könnte, nicht zuzutreffen. Er war tatsächlich voll der Freude (oder er hat gut geschauspielrt), nur ein bißchen arg stur. Da er nach eigenen Worten an Krebs erkrankt ist hoffe ich, daß er diese Freude beibehalten kann, trotz Satisfaktionslehre.

Das zweite Beispiel war gleich am Mittwochabend in der Nähe der Binnenalster. Ein paar Fundamentalisten mit Schildern diskutierten mit Jugendlichen. Ich kam nicht dazu, meine eigenen Einwände und Fragen vorzutragen, da erscheinen auch schon ein paar junge Muslime. Die hatten Anfangs ganz interessante Sprachen, aber bald ging es nur noch darum, ob nun Christentum oder Islam die echte Religion ist. Es war schon lustig, danebenzustehen und zuzuhören, wobei ich auch manchmal ins Gespräch eingriff, um die christlichen Fundis in Schutz zu nehmen, wenn die Muslime gar zu argen Unsinn erzählten (Jesus kein Gott, so ein Quatsch…). Übrigens, nochmal zu Andrew Jones. Der hatte in seiner Bibelarbeit den Text der Speisung der 5000 nach der Version von Johannes 6. Muslimische Missionare wollen ja öfters mal Mohammed in die Bibel bringen, indem sie auf das Johannesevangelium rekurrieren. In Johannes 1, 19-21 wird der Täufer nacheinander gefragt, ob er der Christus, Elia oder „der Prophet“ sei. Muslime schließen daraus, daß es neben dem Christus noch einen Propheten geben müsse, und beziehen das auf 5. Mose 18,15, wo von einem Propheten wie Moses geredet wird. Dieser Prophet müsse also von Christus verschieden und wie Moses sein, natürlich deuten die Muslime das auf Mohammed. In Joh 6,14 steht aber nun:

Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

Sorry, liebe Muslime.

Und noch eine kurze Diskussion hatte ich. Wir gingen gerade am Elbufer entlang, als mir wieder mal (bei Kirchentagen passiert das dauernd) eine Broschüre entgegengestreckt wurde. Es ging um den Humanistentag. Der humanistische Werber wies insbesondere auf die beigefügte Literaturliste hin: Artikel in Wochenzeitschriften aus den letzten Jahrzehnten, die in irgend einer Weise gegen Kirche oder Bibel oder Glaube oder ale drei sprechen sollten. Auf den Hinweis, daß ich dieser Liste nicht bedürfte, da ich Theologie studiere und mir die Quellen eher zugänglich sind als diese Tertiärliteratur, wies er mich erst einmal darauf hin: Er sei der viel größere Experte in diesen Dingen. Aha. Dagegen kommt man natürlich nicht an. Er fuhr fort, mir irgendwelche Zitate aus dem katholischen Katechismus (ja genau, evangelischer Kirchentag, aber welcher vernunftbegabte, wissenschaftlich denkende Nichtreligiot versteht da schon den Unterschied?) an den Kopf zu werfen und zu behaupten, daß der 2. Petrusbrief die Sklaverei und den Antisemitismus rechtfertigen würde. Mein Hinweis, daß er da aber etwas gewaltig verdrehe quittierte er wie eine beleidigte Leberwurst: Er winkte ab, drehte sich um und ging seines Weges. Wieso ist es immer so schwer, mit Leuten, die nur die Vernunft gelten lassen, vernünftig zu sprechen…?

Manche Sachen haben mich auch geärgert. Daß die App nur über den google app store zu beziehen ist zum Beispiel. Ich hab kein google Konto und ich plane auch nicht, mir eins zuzulegen. Und irgendwie kam es mir so vor, als ob die Teilnehmer immer weniger in die Diskussionen einbezogen würden (vielleicht war ich auch in den falschen Veranstaltungen) und irgendwie lagen die interessanten Themen alle parallel. Ich hatte irgendwie auf der einen Seite viel Freizeit, auf der anderen Seite aber auch viel verpasst wegen interessanterer Parallelveranstaltungen. Ist aber nur ne subjektive Sache.

Alles in allem 5 schöne, wenn auch anstrengende Tage. Was ich hoffe ist, daß in Stuttgart dann auch endlich mal die Piraten bei einem Kirchentag anzutreffen sind. Parteien trifft man dort von CSU bis KPD so ziemlich alle. Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, als verspielen die Piraten aufgrund der dort stark anzutreffenden antikirchlichen Reflexe (der Kirchentag hat mit der Kirche übrigens recht wenig zu tun, organisatorisch) wunderbare Vernetzungsmöglichkeiten. Die Grünen hatten und haben in Teilen immer noch große Vorbehalte gegen die Kirchen, trozdem waren sie über die Friedensbewegung auch stark mit der Kirche verbandelt, auch wenn es andernorts Differenzen gab. Gleiches gilt für die Gewerkschaften. Ver.di hat mit den Kirchen nen langjährigen Rechtsstreit wegen dem dritten Weg, trotzdem tritt Bsirske auf jedem Kirchentag auf und beim Sonntagsschutz zieht man an einem Strang. Es wird Zeit, daß die Piraten es schaffen, die Mauern in ihren Köpfen zu überwinden. Vielleicht trifft man sie ja dann endlich in Stuttgart auf dem Markt der Möglichkeiten. Ich hoffte ja schon in Bremen darauf, und bisher: Nix. Trotz den Christen in der Piratenpartei…

So, das war es jetzt aber.

Gesellschaft

Der fundamentale Attributionsfehler

Grad hab ich dazu nen Artikel bei Experimental Theology gelesen. Es geht um den fundamentalen Attributionsfehler. In dem Artikel wird er in etwa so beschrieben: Ich seh mir Deinen Arbeitsethos an und ziehe den Schluß, daß Du faul bist. Die Faulheit ist dabei Teil Deiner Person, Du kannst eigentlich nichts dazu, Du bist einfach ein fauler Hund.

Der Artikel spricht dann darüber, wie der Mensch eher dazu neigt, Fehler welcher Art auch immer in Individuen zu suchen, als das System dafür verantwortlich zu machen. Und das au einem einfachen Grund: Es ist schneller und einfacher, Außenseiter, Nonkonformisten oder einfach auch Schwache und Sündenböcke zu benennen und auszugrenzen. Jedenfalls einfacher als ein ganzes System zu analysieren und zu verändern. Am Ende muß ich mich vielleicht gar selbst ändern. Dann doch lieber den Sündenbock beschuldigen.

Im genannten Artikel wird schon auf die Armen in kapitalistischen Systemen Bezug genommen und darauf, wie sie oftmals so dargestellt werden, als seien sie an ihrer Situation selbst schuld. Angesichts Hartz IV leuchtet mir das sofort ein: Sozialleistungsempfänger sollen nicht rauchen, nicht in die Oper oder zum Friseur gehen, Kleidung vielleicht grad mal beim Discounter beziehen und am Besten auch sonst von Brot und Wasser leben, sie sind ja selbst schuld. Ihre Kinder brauchen kein Abitur oder gar Studium, die sollen mal arbeiten gehen usw usw. Es gibt ja tausend Beispiele zu den alltäglichen Gängelungen und Einschränkungen.

Was aber, wenn nicht die Leute Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit sind, wenn sie nicht einfach nur fauler, unflexibler oder was weiß ich sind, sondern das Problem am System liegt. Meinetwegen schlechte Schulbildung, was auch immer. Dann würden sie zu Unrecht beschuldigt werden.

Jedenfalls kann man davon ausgehen, daß sie unter ihrer Situation leiden. Sie leiden unter einem ungerechten System, das ihnen einen Platz zugewiesen hat, der nicht angenehm ist. Ich frage mich: Könnte man dieses System mit der Sünde vergleichen? Erst mal ganz platt: Beides ist schlecht.

Dann aber auch: Beides unterdrückt die Leute. Auch diejenigen, die noch Arbeit haben, fürchten den Abstieg, wollen sich als umso tatkräftiger erweisen, und das wird von anderen wieder ausgenutzt, die als tatkräftige Vorgesetzte dastehen wollen. Die Abstiegsangst gibt es ja nicht nur unten. Von oben fällt man tiefer. Und beide Systeme können, das ist jetzt vielleicht etwas ungenauer, durch persönliche Verbindungen geknackt werden. Sünden können vergeben werden, danach ist Freundschaft möglich. Und Arbeitslosigkeit oder das Stigma der Faulheit kann überwunden werden, wenn man diejenigen kennt, wenn man weiß, daß es keine Schmarotzer sind, sondern Leute wie Du und ich, die mit ihren Problemen kämpfen und noch schlechter dastehen.

Christus befreite uns von der Sünde. Sein Mittel dazu war die Liebe nicht nur zum Nächsten, sondern auch zum Feind:

Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. (Lk 23, 33.34)

Und:

Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus und zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? (Mt 26, 51-53)

Er suchte keinen Sündenbock, sondern nahm alle in Liebe an, die in der Gesellschaft verstoßen waren. Er veränderte das System nicht, Er etablierte ein neues System, ein besseres System und lebte es ohne wenn und aber vor. Er wich von den Prinzipien Seines Alternativsystems nicht einmal ab, als es Ihm ans Leben ging.

Die Bedrückung durch Ausgrenzung der Menschen (etwa durch Hartz IV) ist real. Fast jeder kann das irgendwo nachvollziehen, wenn nicht am Beispiel von Hartz IV, dann an anderen Beispielen, die in seinem Lebensumfeld eher vorkommen. Fast immer, so meine ich, liegt das Problem weniger etwa in Hartz IV oder anderen Vorkommnissen, die uns das Leben schwer machen, sondern in der Ausgrenzung durch unsere Mitmenschen, die durch Attributionsfeher entsteht. Man meint, der Mensch sei in irgend einer Weise schlecht, obwohl er vielleicht ganz liebenswert ist.

Im Evangelium geht es nach meiner Überzeugung genau um die Durchbrechung dieses Problems. Wenn die Kirche dazu übergeht, das Evangelium von dieser Seite her zu lehren, und auf die alten Sündenbegriffe verzichtet, kann sie vielleicht von den Menschen wieder verstanden werden. Dann wird die Relevanz des Evangeliums für den heutigen Menschen und die Erlösungsnotwendigkeit wieder klar. Denn in unserer heutigen Welt, wo Sünder sein bedeutet, daß man moralisch fragwürdig ist, sieht sich niemand gerne als Sünder. Wenn aber klar wird, daß damit gemeint ist, unter einem System zu leiden, das einen ausgrenzt, ist man vielleicht eher geneigt zuzuhören. Und am Ende vielleicht auch zum Alternativsystem zu wechseln, das Jesus damals etabliert hat.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde vom Mittwoch, den 11. Juli 2012

Christian hat noch weitere neun Klischees aufgeschrieben. Außerdem gibt es 10 Gegenmittel gegen christliche Clichés. (Wie schreibt man das jetzt eigentlich?)

Eric Djebe hat nen sehr guten Artikel über heiligen Zorn geschrieben.

Der Autor von Jesus und Mo hat heute Probleme, den Unterschied zwischen unmündigen Kindern und mündigen Erwachsenen zu verstehen. Oder ärgert er sich in ähnlicher Weise darüber, daß Eltern für ihre Kinder die Haarfrisur, die Kleider, die angemessenen Spielsachen, den angemessenen Freundeskreis aussuchen? Aber sobald es Religion ist, handelt es sich um schlimmste Unterdrückung, wie man sie selbst in der Steinzeit nie hatte…

Bei humanicum geht es heute um ESM/Fiskalpakt und um Zwangsarbeit. Außerdem geht es um die Abschaffung der Residenzpflicht für Asylanten und in welcher Weise der entsprechenden Petition „entsprochen“ wurde.

Auch Erik Schüler schreibt von ESM und Fiskalpakt. Das scheint sowieso ein interessantes Thema zu sein, so ganz begriffen um was es da geht, hab ich nicht, aber ich informier mich auch immer seltener über sowas. Es gibt anderes zu tun nd wenn das Geld kaptt geht? Nun, ich hab eh kaum welches. Verlieren können nur die Großkopferten und diejenigen, die sich dahinsparen wollten…

Ein weiterer Artikel zum Thema Beschneidung hat Stephanie geschrieben. Ich glaub aber ich versteh nicht, auf was sie hinaus will.

Gerd Häfner äußert sich zur Berichterstattung bezüglich des neuen Jobs von Bischof Müller, der ja bekanntlich Nachnachfolger des aktuellen Papstes als „Oberinquisitor“ wurde.

Peter schreibt zu Sexualethik, Bischof Woelki und die „Therapierng homosexeller Neigungen“ in den USA.

Die Titanic hatte mal wieder ein böses Cover und diesmal war der Papst das Ziel. Das hat viele Reaktionen hervorgerufen. Zum Beispiel vom Herrn Alipius. Oder von Thomas, dessen Reaktion eher in die gegengesetzte Richtung neigt.

Warum die Redefreiheit nicht für Christen gilt, kann man bei Jason Hess nachlesen und Trevor Scott Barton hat nen Artikel über Heldentum geschrieben.

Anthropologie

Patriarchat und Freiheit

Durch meine Beschäftigung mit Adolf Stoecker im Zusammenhang mit meiner Examensarbeit sind mir ein paar Gedanken zur patriarchal strukturierten Gesellschaft gekommen, die ich hier zusammenfassen möchte.

Heute wird unter Freiheit weitestgehend verstanden, daß jeder sein eigenen Herr ist und sich um seine eigenen Angelegenheiten selbst in Freiheit kümmert. Dies impliziert, daß jeder auch die Pflicht hat, dieses zu tun. Wer dies nicht leisten kann, hat ein Problem. Er entspricht nicht dem Ideal, und soll möglichst per Bildung in den Stand versetzt werden, bald doch Verantwortung für sich selbst übernehmen zu können (in diesem Zusammenhang würde mich interessieren, ob der Vorwurf, dumm zu sein, in einer vormodernen Gesellschaft überhaupt möglich ist, falls nicht eine gewisse Schläue gefordert wird).

Früher waren die meisten Menschen nicht ihre eigenen Herren. Sie hatten Herren, welchen sie zu dienen hatten, und die dann auch im Idealfall die Verantwortung für ihre Untertanen zu übernehmen hatten. War ein Untertan dmm, so war dies nicht sein Problem, sondern das Problem seines Herren.

Freilich kam es damals zu massig Mißbrauch seitens der Herren. Sie nutzten ihre Stellung as, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, und übernahmen ihre Verantwortung gerade nicht. Dies führte dazu, daß die Dummheit eines UNtertanen doch wieder z seinem eigenen Problem wurde (ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich fühle mich hier ein wenig an die Prinzipien des Umgangs mit der Bankenkrise erinnert: Gewinne privatisieren, Verluste vergesellschaften – aber das führt zu einem anderen Thema).

Im Idealfall war jedoch für die „Dummen“ genau so gesorgt wie für die „Gescheiten“. Idealfall heißt hier: Der zuständige „Herr“ wird seiner Verantwortung gerecht.

Heute ist es vielmehr so, daß die „Dummen“ viel eher die Gelackmeierten sind, weil keiner mehr für sie verantwortlich ist, da jeder die Verantwortung für sich selbst übernimmt. nd falls es doch dazu kommt, daß jemand für andere Verantwortung übernimmt, so kommt es oft zu richtigen Entmündigungen. Dann hat der „Dumme“ gar nichts mehr zu melden – selbst wenn er noch mitreden könnte. Dies brigt natürlich wieder die Gefahr des Mißbrauchs.

Man kann also sagen, daß das heutige System davon ausgeht, daß jeder für sich Verantwortung übernehmen kann – was faktisch nicht stimmt (sonst hätten weder Steuerberater noch Anwälte eine Arbeit), während das patriarchalisch verfasste System davon ausgeht, daß ein „Herr“ seiner Verantwortung gerecht wird – was faktisch ebenso wenig stimmt.

Der Vorteil des heutigen Systems scheint mir vor allem darin zu liegen, daß es keinen Mißbrauch mehr gibt. Ohne Herren kann auch kein Herr seinen Untergebenen ausnutzen.

Der Vorteil des damaligen Systems scheint mir darin zu liegen, daß durch die engere Struktur eine größere Verläßlichkeit in den alltäglichen Dingen erzwungen wurde.Statt der Haftpflichtversicherng hat der jeweilige Herr dafür gesorgt, daß seine Untertanen nicht übervorteilt werden – wenn der Herr seiner Verantwortung gerecht wurde. Aber es soll ja auch schlechte Versicherungen geben.

Jedenfalls scheint mir der Vorteil des alten Systems in der Stabilisierung der Gesellschaft gelegen zu haben. Diese Stabilität war hoch erkauft – mit der Freiheit der Menschen. Jedoch kann eine solche Stabilität auch Freiheiten ermöglichen.

So haben Beamte weniger Freiheiten als Angestellte. Sie dürfen etwa nicht streiken. Allerdings sind ihre Arbeitsverhältnisse auch um einiges stabiler als die normaler Angestellter und Arbeiter. Dadurch haben sie auch größere Freiheiten, weil sie sich bedeutend weniger Sorgen um das Einkommen machen müssen, als andere. Trotz der geringeren Freiheiten waren und sind solche Jobs bei Vater Staat recht beliebt.

Nun ist es ja so, daß wir kein rein liberales System haben, also viele meiner Assagen über das heutige System so gar nicht stimmen. (Und wenn ich die letzten Wahl- und Umfrageergebnisse der FDP so sehe, scheint es in dieser Form auch niemand zu wollen.)

In der Tat versuchen wir in Deutschland ja den Spagat: Einerseits jedem die gleiche Freiheit geben, andererseits für diejenigen Verantwortung übernehmen, die nicht (oder zur Zeit gerade nicht) Verantwortung für sich selbst übernehmen können. Daher haben wir die Sozialsysteme. Wollte man es in der Terminologie des alten Systems beschreiben, ist die Gesellschaft der „Herr“ (nicht umsonst spricht man ja von Volkssouveränität), während diejenigen, die nicht auf eigenen Beinen stehen können, gleichzeitig noch Untertanenstatus haben. Sie haben bestimmte Pflichten. Zwar gibt es keinen wirklichen Frondienst mehr, aber wer Hartz IV empfängt muß auch damit rechnen, im Zweifel zum Stadtpark-Rasen-mähen herangezogen zu werden. Und wenn man hört, was Hartz IV Empfänger so alles über sich ergehen lassen müssen, dann ist Rasenmähen wohl eher ein angenehmer Aspekt der Zwangsmaschinerie.

Als Gesellschaft sind wir wohl auch nur ein mittelprächtiger „Herr“ und übernehmen Verantwortung nur insoweit, als daß wir für unsere Untertanen nicht zu viel ausgeben müssen (das funktioniert übrigens nicht nur mit Hartz IV Empfängern, sondern auch mit Asylanten und anderen Gesellschaftsgruppen, die auf Hilfe angewiesen sind).

Deshalb brauchen wir heute, trotz Sozialsystemen, weiterhin Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. Erschwerend kommt hinzu, daß diese nicht wie früher die Herren aus ihrer Position Profit schlagen können. Das ist schon alleine für den Zusammenhalt in der Gesellschaft notwendig, der mir immer mehr zu schwinden scheint. Wo jeder nur für sich selbst sorgen soll und muß, bleibt der Blick auf den Nächsten oft verstellt.

Während früher diejenigen vom System bevorzugt wurden, die für andere Verantwortung übernehmen sollten werden heute diejenigen bevorzugt, die Verantwortung für sich selbst übernehmen können.

Ideal wäre wohl ein System, das diejenigen bevorzugt, die für andere Verantwortung tatsächlich übernehmen. Womöglich ist das gar nicht umsetzbar. Aber hier könnte der Grund für die Poplarität religiöser Tugenden wie der Nächstenliebe ohne Gegenleistung vergraben liegen…

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Widerspruch

Wir leben in einem Widerspruch: Einerseits schätzen wir unsere freiheitliche Demokratie, andererseits gehen wir wie selbstverständlich davon aus, daß derjenige, der etwas leistet, dafür auch belohnt werden soll.

Wir gehen sogar soweit, dies als Freiheit anzusehen im Gegensatz zum kommunistischen Prinzip, wo jeder das Gleiche kriegt, egal ob er was leistet oder nicht.

Wo liegt also der Widerspruch? Der Widerspruch ist kein theoretischer, sondern der Praxis geschuldet, denn in der Praxis bekommt man für seine Leistung erst einmal Geld.

Und mit dem Geld ist es so eine Sache. Es kann einerseits dazu dienen, daß wir von unserer Arbeit wirklich mehr haben, indem wir das Geld beutzen, um Konsum zu betreiben. Dieser Konsum ist schon deshalb gut, weil er anderen ermöglicht, ebenfalls durch Fleiß zu Geld zu kommen und ebenfalls mehr konsumierne zu können.

Andererseits aber, und das ist das Problem, kann Geld auch anders eingesetzt werden. Und zwar kann man es anlegen. Das ist prinzipiell noch kein Problem, weil damit wieder neue Möglichkeiten geschaffen werden für fleißige Menschen, die den Konsumenten Produkte verkaufen und so selbst wieder zu Geld kommen, das sie verkonsumieren können.

Oder anlegen. Aber zurück zur negativen Seite des Anlegens. Eine Geldanlage ist immer auch eine Spekulation, denn wenn die Anlage keine Rendite bringt, ist das Geld weg. Manchmal glücken Anlagen aber auch und man kriegt ne Rendite.

Und hier kommen wir schon zum ersten Problem: Jetzt fließt das Geld, ohne daß weitere Leistung von dem erbracht wird, der es bekommt.

Und ein weiteres Problem tritt auf: Es gibt ja immer Menschen, die Geld brauchen, für Investitionen werben, um ihre eigenen Geschäfte anlaufen zu lassen.

Derjenige aber, der das Geld hat, ist in einer Machtposition. Er kann sein Geld dem einen oder dem anderen geben. Ausschlaggebend ist in der Regel die zu erwartende Rendite. Der Geldbesitzer zwingt den Investorensuchenden, einen möglichst großen Batzen seiner Gewinne abzugeben. Damit wird nicht nur das Leistungsprinzip ad absurdum geführt und ausgehöhlt (der, der was arbeitet, kriegt weniger, der der nichts arbeitet, kriegt mehr), sondern auch das Prinzip, daß in der Gesellschaft demokratische Prinzipien gelten.

Denn wenn diejenigen mit Geld mehr Macht haben als diejenigen, die (noch) kein Geld angehäuft haben, führt zu einer Schieflage.

Inzwischen, so habe ich den Eindruck, gibt es Menschen, die etwas leisten und kaum noch etwas dafür bekommen. Es gibt Menschen, die über große Summen verfügen und damit viel verdienen, ohne noch groß etwas zu leisten. Jedenfalls nicht mit Auswirkungen auf die Realwirschaft. Vielleiht irre ich mich hier auch.

Auf jeden Fall besteht der Widerspruch zwischen der Macht des Geldes und dem Prinzip der freiheitlichen Demokratie, daß die Macht auf alle verteilt ist.

Ich denke, daß dies ein Stück weit, solange die Stärkeren die Schwächeren nicht abhängen, nicht besonders negativ ist. Es kann auch Ansporn sein, etwas leisten zu wollen. Es wird aber dann zum Probem, wenn derjenige am unteren Ende keine realistische Hoffnung haben kann, am oberen Ende zu stehen. Selbst über Generationen hinweg ist der Aufstieg mitunter schwierig. Übrigens auch der Abstieg, denn wer mal oben ist, hat in der Regel das Geld und damit die Macht, sich dort zu halten.

Was aber ist der Ausweg, wenn der Gegenentwurf des Kommunismus schon den historischen Beweis angetreten hat, daß er nicht funktioniert, weil die Leistungsträger ausgebremst werden.

Ich denke, es braucht einen Korridor für das freie Wirtschaften. Mit Grenzen nach unten, um die Schwachen vorm Elend zu schützen, wie nach oben, um die Starken von der Machtübernahme abzuhalten und das Demokratieprinzip zu schützen.

Die Grenze nach unten kennen wir. Es sind die vielen Konzepte und Umsetungen der staatlichen Stütze, von Hartz IV bis BGE. Auch wenn hier große Differenzen in der Auffassung der Ausgestaltung existieren, dürfte es in dieser Gesellschaft jeoch Konsens sein, daß wir niemanden verhungern lassen wollen (wobei ich hier vom Ideal spreche und nicht von der Realität).

Eine Grenze nach oben kennen wir jedoch nicht, und ich höre schon die Proteste. An Einwänden, die auf meie obige Begründung eingehen, bin ich äußerst interessiert.

Wie kann eine solche Grenze aussehen? Ich denke dabei an ein Steuerkonzept, daß Einkommen in der Art besteuert, daß ab einem gewissen Punkt Schluß ist, der Steuersatz gegen 100% strebt (ihn aber nie erreicht, sonst wär ja gar nix mehr da).

Wie hoch diese Höchsteinnahmengrenze sein sollte, ist eine andere Diskussion. Ich bilde mir auch nicht ein, zu diesem Zeitpunkt genügend Wissen zu haben, um eine sinnvollen Betrag zu nennen. Mir geht es hier lediglich um das grundlegende Prinzip.

Jedenfalls würde man dafür auch einen sich stetig ändernden Steuersatz benötigen im Gegensatz zu dem heutigen Stufenmodell. Das Nettoeinkommen wäre dann eine Fuktion des Brutto. Damit dürfte dann auch das Problem der kalten Progression der Vergangenheit angehören.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel, das in der Praxis nichts taugt, aber das Prinzip vermitteln kann:

Ich habe in den lettzen Tagen mit verschiedenen Formeln herumexperimentiert, die das Prinzip umsetzen. Dabei kam unter anderem diese hier raus:

Y ist das Nettoeinkommen, x ist das Bruttogehalt, k ist das höchste Nettoeinkommen (hier habe ich 2 eingesetzt wegen der Übersichtlichkeit, man kann es auch als 2 Mio. verstehen) und j ist ein Faktor, der beeinflußt, wie schnell das Höchsteinkommen erreicht wird. Die dazugehörige Graphik sieht so aus:

Die Gerade zeigt den Verlauf von 0% Steuer, also Brutto=Netto, an. Dementsprechend bewegt sich die andere Funktion unterhalb der Gerade. Würde sie die Gerade schneiden müßte der Staat dort Geld auszahlen anstatt einnehmen. Das geht denke ich in die Richtung der negativen Einkommensteuer.

Zur Veranschaulichung der Auswirkungen von j hier nochmal eine Kurve mit j=2:

Soweit meine Gedanken. Daß die Beispielfunktion, die ich nannte, nicht für die Praxis taugt, ist mir klar. Das Problem liegt vor allem daran, daß bei hohen Höchsteinkommen die mittleren Einkommen fast gar nicht besteuert werden und damit große Steuerausfälle aufträten. Will man dies nicht, so muß man das Höchsteinkommen jedoch auf einen recht niedrigen Wert setzen. Ich bin jedoch zuversichtlich, daß es andere Menschen gibt, die mehr Ahnung von Mathematik haben als ich un brauchbarere Formeln nach dem gleichen Prinzip aufstellen können.

Ich spreche hier lediglich von der Besteuerung des Einkommens. Sicher wäre es auch nötig zu überlegen, inwieweit Vermögen in ähnlicher Weise besteuert werden müßten, um nicht die finanziellen Herrschaftsverhältnisse festzuschreiben, die derzeit bestehen, indem den weniger Vermögenden der Aufstieg verunmöglicht wird.

Schlußendlich kommt mir der Gedanke, daß meine Idee vom Grundsatz her in eine ähnliche Richtung geht wie Silvio Gesells Natürliche Wirtschaftsordnung. Es wäre sicher auch spannend, die Unterschiede zu überlegen.

Update: Irgendwie krieg ich das mit den Graphen nicht gescheit hin, wenn man drauf klickt, kriegt man ein größeres Bidl, da sind sie dann auch besser zu unterscheiden.

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Westerwelle und die spätrömische Dekadenz

Unser Vizekanzler und Außenminister hat ja in letzter Zeit vor allem in der Innenpolitik von sich reden gemacht. Alles fing an mit einem Gastbeitrag des weiten Mannes der Regierung in der Welt vom 11.2.2010. Darin schrieb er:

Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.

Anstrengungslos, darauf hebt er ab. Hartz IV Empfänger dürften nicht mehr verdienen als jemand, der für sein Geld arbeitet und auch Steuern bezahlt (und damit die staatliche Stütze mitfinanziert). Der Staat sei nur noch als Zahlmeister gefragt, die Mittelschicht, die alles trägt, sei geschrumpft.

Ich glaube, der Knackpunkt liegt in dem Satz aber nicht beim Wörtchen „anstrengungslos“, auf das sich der Bundesminister so stürzt. Der Knackpunkt liegt beim „Wohlstand“. Welcher Wohlstand soll das denn sein, mit Hartz IV? Wann lebte Herr Westerwelle den zuletzt von einem monatlichen Einkommen auf Hartz IV Niveau? Und nein, nicht einfach in längst vergangene Studientage zurückrechnen. In den 1980ern waren die Lebenshaltungskosten um einiges niedriger.

Herr Westerwelle lebt in einer Welt, in der sich Leistung lohnen muß, in der sich der Markt selbst reguliert und staatliches Eingreifen zwangsläufig einem Pakt mit dem Teufel gleichkommt, das alles nur noch schlimmer macht. In dieser Welt kann jeder etwas werden, wenn er sich nur anstrengt und etwas leistet. Verlierer gibt es nicht. Höchstens vielleicht ein paar faule Hunde Gammler Arbeitslose, die sich nur nicht genug anstrengen wollen, nichts leisten.

Die Welt ist eine andere. In der Welt, in der wir eben, lohnt sich Leistung nicht. Das mag in den 1960er Jahren noch ansatzweise so gewesen sein, als auch ein Arbeiter noch mit der Familie in der Vorstadt ein Häuschen hatte und auch das ein oder andere Mal nach Italien in den Urlaub fahren konnte.

Doch wo lohnt sich heute denn Leistung, wenn ein Ackermann oder Zetsche auch nur 24 Stunden pro Tag hat und Millionen bekommt, während sich ein Arbeiter 8 Stunden auf dem Bau abquält und trotzdem nur noch mit dem Zahlen der Rechnungen hinterher kommt, weil seine Frau als Altenpflegerin im chronisch überbelegten Altenheim, in dem mindestens noch zwei Pfleger mehr von Nöten wären, um die Menschen ansatzweise menschenwürdig zu versorgen, sich den Rücken kaputt arbeitet. Ist der Rücken einmal kaputt ist dann auch Schicht im Schacht. Die Chancen stehen nicht schlecht, daß die Zuzahlungen zur ärztlichen Behandlung der durch Leistung erworbenen Rückenschäden das Budget der Familie übersteigen während die Kinder der Familie sich nicht einmal mehr Hoffnungen machen, über Hartz IV hinaus zu kommen. Lehrstellen gibt es nicht, Studium nicht finanzierbar, leistungswillig abr nicht leistungsfähig, aufgrund der Rahmenbedingungen.

Der Markt reguliert sich schon selbst, doch in den seltensten Fällen ist dies sozial verträglich. Und so kommt es dazu, daß der Staat immer wieder große Unternehmen stützt, die eigentlich kaputt gehen müßten aufgrund schlechten Wirtschaftens. Nur würde bei einigen Unternehmen ein Scheitern zu viele andere Unternehmen mit in den Abgrund reißen. Der Markt nimmt keine Rücksicht auf menschliche Schicksale. Er ist ein kaltes Prinzip, er wächst, er stürzt zusammen und begräbt hin und wieder auch einmal ganze Generationen unter sich.

Staatliches Eingreifen mag durchaus kritisch sein. Und sicher können private Unternehmen effektiver handeln. Das führt dann aber auch dazu, daß die Unternehmen sich überlegen, wo sie ihr Geld machen. So kommt es, daß ich diesen Artikel schreibe von einem Internetanschluß, der nicht einmal ein normales DSL mit 768 kb schafft. Es ist für die Telekom nicht wirtschaftlich, den ländlichen Raum zu erschließen. Also sind wir von der Entwicklung abgeschnitten, trotzdem hier noch mehr Mittelstand pro Einwohner zu finden ist als in den Ballungsgebieten. Die neoliberalen Ideologien der letzten Jahrzehnte machen es dem Mittelstand schwer.

Das römische Reich ging nicht unter, weil es an seine Untertanen soziale Leistungen verteilt hätte. Es ging unter, weil eine relativ kleine Schicht Reicher faul geworden war und gar nicht mehr gewillt war, Leistung zu erbringen. Man hatte es ja so schon geschafft, während große Einwandererströme, darunter die germanischen Stämme, nicht integriert wurden und so Parallelgesellschaten bildeten, gleichzeitig kam es immer wieder durch Plünderungen römischer Unterschichtler, die zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben hatten.

Wie es ausging ist bekannt. Die römische Bildungsschicht war abgewirtschaftet und die ins Reichsgebiet eingedrungenen Stämme übernahmen die Staatsgewalt. Da sie nicht den Bildungsstand der dekadenten Römer hatten, ging erst einmal viel Wissen verloren und es kam zur Zeitenwende von der Spätantike zum finsteren Mittelalter.

Ob uns eine solche Entwicklung bevorsteht, bleibt abzuwarten. Falls es jedoch der Fall sein sollte, sehe ich nicht, wie noch weniger soziale Leistung, noch mehr Ausgrenzung armer und bildungsferner Schichten durch Studiengebühren, Unterfinanzierung der Schulen, vor allem der Hauptschulen, eine solche Entwicklung verhindern soll. Meiner Meinung nach wird die neoliberale Ideologie geradewegs in eine solche Richtung führen.