Theologie

Pro Christ

Bei Charly habe ich einen Artikel über das diesjährige ProChrist gelesen. Und er kritisiert die Veranstaltung aus konservativer Perspektive. Sonst kenne ich vor allem die Kritik von der anderen (progressiven?) Seite, mir stößt vor allem der Eventcharakter auf: Riesige Show, viel Tamtam, gut Jesus kommt auch vor, und Ziel des Spiels ist, daß irgendwelche Menschen durch Türrahmen gehen.

Ich bin da eher Befürworter einer ruhigeren, langsameren Evangelisation, in der die Massenpsychologie als Beweggrund für das Bekenntnis zu Jesus weitgehend ausgeschlossen werden kann. Das Evangelium ist mir zu wichtig, als daß man es derart zur Show machen sollte, wobei ich nicht in Abrede stellen will, daß einige wirklich über diesen Weg zu Gott finden. Das ist dann auch gut so, aber diese Ausrichtung auf ein bestimmtes Verhalten der Zielgruppe halte ich für fragwürdig. Ausrichtung an Nöten, Problemen und Fragen der Einzenen fänd ich besser, aber das geht in Großveranstaltungen nicht so gut. Dort, so scheint mir, funktionieren vor allem klare schwarz-weiß Aussagen, was Gott will oder nicht, und was wir deshalb zu tun haben oder nicht. Und ein solcher Fundamentalismus ist an sich erst mal schwierig.

Nun aber zu Charlys Kritik, die in eine etwas andere Richtung geht. Zentral an seiner Kritik scheint mir folgender Satz zu sein:

Warum verkaufen manche das Heil so billig, wenn uns die Bibel von einem anderen, einem teuren Preis berichtet? Weil dann evtl. nicht so viele bereitwillig “nach Vorne kommen” um sich zu bekehren? Weil es Menschen geben mag, die sich empören könnten?

Was ich zuerst heraushöre, ist eine Kritik an der Zielvorgabe, daß möglichst viele nach vorne kommen und durch den Türrahmen gehen sollen, als Zeichen für ihre Bekehrung. Die weitere Kritik richtete sich wohl gegen die Angst vor Kritik von außerhalb. Im Kern geht es ihm aber darum, daß das Heil billig verkauft werde. Er schreibt weiter:

Tatsächlich gibt es innerhalb der Kirchen und christl. Gemeinschaftsverbänden diese Diskussion, ob man Heute noch in den Predigten die Sünde, die Sündhaftigkeit der Menschen, die Notwendigkeit der Vergebung und die Notwendigkeit einer Buße – einer Lebensumkehr, erwähnen darf. Damit beraubt man zwar dem christlichen Glauben den gesamten Kern, der ihn eigentlich erst ausmacht – aber das scheint so manchen Kirchen- und Gemeinschaftsvertretern nichts auszumachen.

Da bin ich einer Meinung mit ihm. Es kann nicht angehen, daß Prediger davor zurückschrecken, von Sünde, Buße und Vergebung zu predigen. Das sind zentrale Begriffe des christlichen Glaubens, und die dürfen der Gemeinde nicht vorenthalten werden. Fallen diese weg, kommt man schnell zu ner Wellness-Sache die vielleicht noch was mit diversen esoterischen Angeboten zu tun haben mag, aber nicht mehr viel mit Christus. Die Sünde ist eine ernste Sache, sie zu negieren oder zu relativieren letztlich Betrug. So ähnlich auch Charly:

Sagt er jetzt die wichtigen Worte, die aus einer religiösen Betrachtung eine Verkündigung des Evangeliums macht: Sagt er, dass Jesus zu dir kommt und dir deine Sünden vergibt? Das du leben darfst, obwohl du wegen deiner Sünden hättest sterben müssen? ……. – ……. – …….  Nein!

Wobei ich hier andere Akzente setzen würde. Mich spricht in letzter Zeit eher der Befreiungsbegriff an als der Vergebungsbegriff: Befreiung von der Sünde und nicht Vergebung der Sünde. Und das aus folgendem Grund:

Mit der Vergebung der Sünde ist das so ein Problem, denn die ganze Sache kommt moralisch und Oberlehrerhaft daher. Erst muß der Mensch einsehen, daß er Sünder ist, daß er Fehler macht, und daß er dafür verantwortlich ist. Das ist nicht so schnell einsehbar, wie auch Charly anmerkt:

Ich erinnere mich an mehrere Gelegenheiten, die ich erlebt habe, wo Jemand auf solch unerwartet eingeworfene Passagen in einem Gebet, zu welchem er eingeladen war es mitzubeten, reagierte und ausrief: “Ne, also, nö, für mich braucht Niemand zu sterben. Und welche Sünden denn? Ich bin doch kein Sünder!”

Und dann wäre dann ja noch die Frage, wieso Gott den Menschen schafft, seinen Fall zuläßt, nur um ihm dann deshalb böse zu sein, Seinen Sohn zu schicken und ans Kreuz nageln zu lassen, damit Er nicht mehr böse sein muß auf diejenigen, die das glauben…

Zumal das mit dem Fall dann nochmal schwierig wird, wenn man vom unfreien Willen ausgeht, so wie ich.

Deshalb sehe ich die ganze Geschichte lieber weniger als eine von rechtem und unrechtem Verhalten, sondern als eine Geschichte von Gefangenschaft und Befreiung. Die Menschen sind unter der Sünde gefangen. Das heißt, sie tun das, was nicht recht ist, weil sie ihre Hoffnung auf Dinge setzen, die Unrechtes verlangen, um das Heil zu erwerben. Ein Beispiel: Wenn jemand seine Hoffnung auf sein Vermögen setzt, oder Geld im Allgemeinen, dann muß er zusehen, daß er immer über Geld verfügt, denn seine Hoffnung liegt auf seinem Geld. Im Zweifel muß er eben auch Unrechtes tun, um an Geld zu kommen, denn am Geld hängt seine Hoffnung für sein Leben.

Und dieses Unrecht muß er tun, auch wenn er es als Unrecht erkennt und eigentlich nicht tun will. Er ist unter der Sünde, in ihrer Gefangenschaft, und sie gibt ihm vor, was zu tun ist. Die Sünde ihrerseits wird oft als Rebellion gegen Gott aufgefasst, und da ist in dem Beispiel ja gegeben: Nicht auf Gott setzt der fragliche Mensch seine Hoffnung, sondern auf das Geld. Um aus dieser Gefangenschaft herauszukommen, muß er erst einmal Gott vertrauen lernen. Vertrauen und Glauben sind im Griechischen übrigens das gleiche Wort: Pistis. Daß man Gott vertrauen kann, sieht man nirgends deutlicher als am Kreuz von Golgatha: Gott selbst läßt sich von den Menschen ans Kreuz schlagen, läßt sich ermorden, obwohl es Ihm ein Leichtes wäre, sich zu befreien. In der Antike war genau das eine absolute Unglaublichkeit. Die Mehrheit er Menschen konnte nicht glauben, daß ein Gott diese Schmach, diese Schmerzen, dieses Elend auf sich nimmt, denn einem Gott stehen Herrlichkeit und Glanz zu, und ein Gott kann sich diese auch verschaffen.

Der wahre Gott ließ aber von alledem ab und ließ sich ermorden. Seine Macht demonstrierte Er später, indem Er sich das Leben wiedernahm.

Damit sind zwei Dinge klar:

  1. Gott liebt die Menschen so sehr, daß Er lieber selbst Schaden nimmt, als etwas auf sie kommen zu lassen. Man kann Ihm vertrauen.
  2. Gott ist in der Lage, selbst aus dem Tod heraus das Leben wieder zu ergreifen. Er ist enorm mächtig. Man kann auf Ihn hoffen.

Dagegen stinkt da Geld als Hoffnungsträger ab, aber sowas von! Und alle anderen Alternativgötter ebenso, deren sich die Sünde bedient, um über uns zu herrschen. Luther nannte Sünde, Tod und Teufel oft in einem Zug, man kann sie also auch synonym verstehen. Dann wäre die Sünde das selbe wie der Teufel. Wir wären also unter der Herrschaft des Teufels, bevor Christus uns befreit hat. Diese Befreiung ist die Bekehrung, und der Glaube ist da von Anfang an mit dabei, denn in dem Moment, in dem ich Gott vertrauen (also glauben) kann, bin ich bekehrt, und dann gibt es auch keinen Grund mehr, das Unrechte zu tun, das ich nicht tun will, denn Gott verlangt von mir kein Unrecht, Er verlangt überhaupt kein Tun, um das Heil zu erwerben oder zu erhalten. Er schenkt mir das Heil aus Seiner freien Gnade, und ich kann nichts dagegen tun, aber auch nicht dafür.

Ich meine nun, ein an Gott Interessierter würde weniger auf Distanz gehen, wenn ich ihm sage, daß er unter dem Joch der Sünde steht, als wenn ich ihm sage, daß er ein Sünder ist. Beides ist eigentlich das gleiche, aber im ersten Fall liegt der Hauptauenmerk darauf, daß er Opfer der ganzen Sache ist, während im zweiten Fall der Täteraspekt betont wird. Beides trifft zu, aber wenn ich den Menschen in seiner Not an- und ernstnehmen will, muß ich auch hinsehen, was seine Not ist, und nicht, wo er überall falsch gehandelt hat. Das ist ihm meist selbst klar.

Ist jemand zum Glauben gekommen und frei, dann ist er auch empfänglich für Hinweise zu falschem Tun, denn er wird ja danach streben, Gott, der ihm so viel Gutes getan und ihn befreit hat, zu gefallen. Dann braucht man auch nicht mit der Hölle zu drohen oder sonstwie Angst machen.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 05.12.2012

Hier ist das 5. Türchen:

Der HERR wird meine Sache hinausführen.

Ps. 138, 8

Und der Lehrtext:

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht.

Rö 8, 33

Ich finde, aus diesen Versen spricht ein tiefes Gottvertrauen. Dazu passend deshalb die Fragen:

Welchen Raum hat das Vertrauen auf Gott in meinem Alltag? Wie lebe ich das Vertrauen?

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 16.11.2012

Heute mal etwas aus Daniel:

„Ich verkünde die Zeichen und Wunder, die Gott der Höchste an mir getan hat“ (Dan 3, 32)

Der Text ist ein bisschen verkürzt, in anderen Übersetzungen heißt es z.B. „Es hat mir gefallen, die Zeichen und Wunder zu verkünden…“

Gesprochen werden diese Worte von König Nebukadnezar, nachdem drei Männer, die er in den Feuerofen hat werfen lassen, Dank Gottes Schutz unversehrt daraus hervorgingen und er dadurch die Größe Gottes erkannte.

Wie steht es mit meiner Bereitschaft, Gott zu verkünden? Mit wem habe ich zuletzt mal über Gott gesprochen?

 

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 31.08.2012

Heute wird’s ein bisschen länger.

Zunächst mal Losung

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jes 9,1)

Was hat gestern Licht in meinen Tag gebracht? Worauf freue ich mich heute?

und Lehrtext:

Ihr wart früher in der Finsternis. Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts. (Eph 5,8)

Zuspruch und Anspruch – Woran merken wir, dass wir als Kinder des Lichts leben? In wessen Leben möchte Gott heute vielleicht durch uns Licht bringen?

Als ich diesen Text las, musste ich an einen Text von Gregor von Nyssa denken:

Ist dir bewusst, welche Ehre dir dein Schöpfer erweist, indem er dich über alle Geschöpfe erhebt? Wder Himmel noch Mond, weder die Sonne noch die Sterne in all ihrer Schönheit, noch irgendein anderer Teil der Schöpfung ist zum Abbild Gottes geworden. Du allein bist das Bild dessen, der alle Vernunft übersteigt; du allein bist das Abbild der unvergänglichen Schönheit, du allein trägst den Abdruck des wahren Gottes in dir und bist ein Gefäß göttlichen Lebens und Abglanz des wahren Lichts. Wer in dieses Licht schaut, wird selbst zu Licht. Du wirst wie der, dessen Licht über dir aufleuchtet, denn deine Seele reflektiert in ihrer Unschuld sein Strahlen. Nichts auf der Welt ist so groß, dass man es mit dir vergleichen könnte. Das ganze Himmelsgewölbe wird von Gottes Hand umfasst; Erde und Meer passen in seine Hand. Und dennoch ist Gott, der so groß und mächtig ist, dass er die ganze Schöpfung in der Hand hält, mit seiner ganzen Fülle in dir gegenwärtig; er wohnt in dir und zögert nicht, bei dir, so wie du bist, einzutreten. Er sagt: „Ich will unter den Menschen wohnen und mit ihnen gehen“ (2 Kor 6,16).

(Gregor v. Nyssa: Kommentar zum Hohelied, Rede 2. In: Gregorii Nysseni Opera, Bd 6, Leiden 1960, S. 68)

 

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 29.08.2012

Die Toren sprechen in ihren Herzen: Es ist kein Gott. (Ps. 14,1)

Da finde ich den Lehrtext spannend, der dazu ausgesucht wurde:

Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache. (1. Kor 1, 27)

Gott wählt überraschend. Wovon oder womit wurde ich das letzte Mal überrascht? Wen könnte ich heute mal überraschen – auch wenn ich nicht Gott bin?

glaube

Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann III

Jünger sein kann man offenbar schon zu Matthäi Zeiten, wenn man mit Jesus auf Wanderschaft ist und sein Leben teilt,wie z.B. die Zwölf, aber auch, wenn man zuhause bleibt, wie z.B. der Unbekannte Petrus vor dem Tod seines Vaters. Was genau macht eigentlich den Unterschied aus zwischen dem Schriftgelehrten, der Jesus folgen will und dem Unbekannten Petrus? Vielleicht, wie sie selbst Jesus sehen. Der Schriftgelehrte nennt Jesus „Didaskale“ (bekomme die griechische Schrift leider nicht hin…). Die Übersetzung dafür ist „Lehrer“ oder „Meister“. Der Jünger dagegen nennt Jesus „Kyrios“, Herr. Mit dem gleichen Wort sprechen die Jünger Jesus später auch im Boot an. Das ist glaube ich der entscheidende Unterschied zwischen Schriftgelehrtem und Unbekanntem Petrus: Der eine erkennt Jesus als Lehrer an, der andere als Herrn.

Diesen Herrn bitten die Jünger um Hilfe, als sie das Boot nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Der Unbekannte Petrus erfährt, kaum dass er mit dem Nachfolgen Ernst gemacht hat, was es bedeutet, bisherige Schutzräume zu verlassen. Es wird deutlich gemacht, dass Nachfolgen eben auch bedeuten kann, bisherige Schutzräume zu verlassen und dann unversehens in heftige Stürme zu geraten. In der Situation der Jünger auf dem Schiff wird erzählerisch ausgemalt, was vorher angekündigt wurde: Wer Jesus nachfolgt, ist nicht davor gefeit, in Stürme zu geraten. Ein Rückzugsort wie Fuchs und Vogel hat er nicht. Sein Rückzugsort ist Christus selbst, an den er sich wendet.

Ich fand die Antwort Jesu immer merkwürdig. Sie wecken ihn, zeigen doch gerade, dass sie ihm zutrauen, ihnen zu helfen – und er nennt sie kleingläubig. Vielleicht wird das etwas klarer, wenn man den Beginn des Kapitels liest. Matthäus schildert dort die Heilung des Knechtes eines Hauptmannes. Der Hauptmann kommt zu Jesus, um ihn um Heilung für seinen Knecht zu bitten. Jesus will daraufhin das Haus des Hauptmannes aufsuchen, doch dieser glaubt fest daran, dass Jesus garnicht selbst anwesend sein muss, sondern seinen Knecht durch ein Wort aus der Ferne heilen kann. Jesus ist beeindruckt vom Glauben dieses Mannes und heilt seinen Knecht.

Ich frage mich nun, ob Matthäus hier bewusst zwei Situationen schildert, in denen Jesus nach menschlichem Ermessen nichts für die Menschen tun kann – für den Knecht nicht, weil er noch nicht da ist, für die Jünger nicht, weil er ja schläft. Doch während in der einen Situation das Vertrauen, der Glaube, so grenzenlos ist, dass davon ausgegangen wird: Ein Wort Jesu genügt, selbst wenn er nicht vor Ort bei dem Kranken ist, ist dieser Glaube in der anderen Situation eingeschränkt. Wenn Jesus nicht wach, d.h. nicht ganz da ist, ist er machtlos und muss erst geweckt werden. Das könnte erklären, warum die Jünger hier als kleingläubig bezeichnet werden, obwohl sie ihm doch offenbar zutrauen, ihnen zu helfen.

Für den Unbekannten Petrus geht die Achterbahnfahrt in der Nachfolge weiter: Voller Vertrauen, voller Leidenschaft ist er in die Nachfolge aufgebrochen, erfüllt von Vertrauen in Jesus, das ihm ermöglicht, alles hinter sich zu lassen. Doch auch dieser Jünger muss die Erfahrung machen, dass es im Glauben auf und ab geht, dass auf Zeiten größten Vertrauens auch Zeiten des Kleinglaubens folgen können.

glaube

Bibel statt Gewissen?

So zieh nun hin und schlag Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel. (1. Sam 15, 3)

Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert! (Ps 137, 8-9)

Was mich oft ärgert, im Gespräch mit Atheisten über meinen Glauben, ist die Unterstellung, die meist implizit kommt, daß wir Christen eine Bibel hätten, wo andere ein Gewissen haben.

Derek Flood hat zu dem Thema vor längerem einen Artikel geschrieben, der zu gut ist, um ihn nicht wenigstens auf deutsch zusammenzufassen.

Er stellt nämlich genau die Frage, wie solche Verse etwa zum Feindesliebegebot passen. Und er erinnert zerst an einen Mechanismus, in den auch ich immer wieder gerate, nämlich daß versucht wird, die Gewalt runterzspielen und zu rechtfertigen, was natürlich falsch ist. Er führt als Beleg zwei Kommentare an. Ich kenne es wie gesagt aus eigener Erfahrung an mir selbst: Die Bibelstelle wird angegriffen und oftmals gleich der Glaube und die eigene Person mit, nd da verfällt man leider viel zu schnell in den Verteidigungsmodus. Und um sich selbst zu verteidigen, verteidigt man auch – eigentlich gegen besseres Wissen! – die Gewalt gegen Säuglinge in Ps 137. Mir ist dies mehrfach passiert, und oft haben meine Gesprächspartner frohlockt, weil sie mich nun in die Monsterecke stellen konnten. Ich war in die Falle getappt.

Derek Flood macht es klar: Das Zerschmettern von Babyköpfen auch nur als annehmbar zu erwägen geht nur, wenn man von vorne herein davon ausgeht, daß biblische Befehle über dem Gewissen stehen. Wie ich eingangs schrieb: Ne Bibel, wo andere das Gewissen haben.

Er schlägt eine andere Lesart der Bibel vor, und er illustriert es an Jesus, Paulus und Martin Luther King Jr. Während Jesus noch betonte, er sei nur zu den Kindern Israels gekommen, öffnet Paulus das Evangelium auch und gerade den Heiden. Während Paulus die Sklaverei als Institution nicht anrührte, kämpfte King für die Beseitigung der letzten Spren der Sklaverei, und zwar in der Überzegung, daß er sich damit in Übereinstimmung mit der Bibel befindet. Und Jesus? Für ihn war die Begrenzung auf die Kinder Israels ja auch nicht Hauptinhalt seines Tuns. Auch er weitete den Kreis des Heils, in die sozialen Randgruppen. Es handelt sich um eine Geschite immer weiter greifender Integration. Erst die frommen Juden, dann die sozialen Randgruppen unter den Juden, dann die Heiden, und dann selbst die versklavten Randgrppen unter den Heiden.

Geht man nun den Weg hinter Jesus zurück, dann dürfte es nicht verwundern, daß auch die Texte hinter die Feindesliebe zurückfallen. Und ehrlich gesagt, auch die Johannesoffenbarung scheint mir da eher nen Schritt zrück zu gehen, was das angeht.

Derek Flood plädiert also dafür, die Bibel nicht als Belegtext für allerlei Handlungen (die im Zweifel mit dem Gewissen kollidieren müssen) zu lesen, sondern auf die Bewegung weg von Gewalt, Unterdrückung und Entmenschlichung zu achten und darin eine Aufforderung zu sehen, den Weg weiterzugehen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; (Joh 14, 12)