Staat & Politik

Gleiches Recht für alle?

Um es vorweg zu sagen: Ich habe die Berichterstattung um das Urteil des BAG zum Streikrecht in kirchlichen Betrieben nur sehr sporadisch verfolgt und kenne das Urteil nicht. Dennoch möchte ich ein, zwei Gedanken mitteilen in Bezug auf den Artikel von Muriel. Muriel schreibt ziemlich am Anfang, daß es nicht um das Urteil des Gerichts gehe, da dieses sich auf geltendes Recht beziehe, während Muriel sich darauf beziehen will, wie es sein sollte. Auf dieser Grundlage will ich darauf eingehen. Um eine Meinung zu vertreten und zu begründen, wie die Dinge sein sollten, brauche ich keine Kenntnis eines aktuellen Gerichtsurteils. Ich werde nun einzelne Passagen von Muriels Artikel zitieren und dazu Stellung nehmen.

Muriel schreibt:

Ich halte das für völlig offensichtlich, und ich habe noch nie begriffen, warum Religionsfreiheit (die als solche ja ihre Berechtigung hat) das Recht einschließen sollte, sich nicht an dieselben Gesetze halten zu müssen wie Menschen, die nicht meiner Religion angehören.

Muriel unterstellt, daß hier nicht gleiches Recht für alle gelte, sondern ein Sonderrecht für die Religiösen (oder die Kirchen?). Dem ist freilich nicht so, jedenfalls nach meinem Kenntnisstand. Es steht jedem Menschen frei, sich in Weltanschauugsgemeinschaften zu organisieren, wie es die Kirchen sind, aber eben auch diverse dezidiert nicht religiöse Gemeinschaften wie etwa der Humanistische Verband, der in Bayern sogar „Religionsunterricht“ organisiert. Alle diese Weltanschauungsgemeinschaften, die wie die Großkirchen oder der humanistische Verband als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt sind, haben die gleichen Rechte und Pflichten. Dazu gehört unter anderem das Recht auf ein eigenes Arbeitsrecht. Damit ist noch nicht gesagt, ob das so jetzt gut ist oder nicht. Mir geht es hier lediglich darum, festzuhalten, daß „die Kirchen“ oder „religiöse Menschen“ hier eben kein Sonderrecht haben, sondern womöglich schlicht von ihren Rechten stärkeren Gebrauch machen als der humanistische Verband, oder die Zeugen Jehovas.

Man kann natürlich die Frage stellen, ob es gut ist, Rechtsformen für Gemeinschaften zu finden, ob wir den Staat lieber als einzig Rahmengebende Gemeinschaft etablieren wollen, oder (und?) ob wir Gemeinschaften vielleicht sogar als schädlich ansehen und uns statt dessen lediglich auf das Individuum konzentrieren in einer idealen Gesetzgebung. Das Thema dürfte durchaus ergiebig zu diskutieren sein, sprengt aber den Umfang dieses Artikels.

Warum sollte ein kirchlicher Arbeitgeber Dinge von seinen Mitarbeitern verlangen dürfen, die nicht auch jeder andere Arbeitgeber verlangen darf? Sicher, den Kirchen ist es wichtig, dass sie ihre Aufgabe, die Frohe Botschaft zu verkünden, vernünftig erfüllen können, und dabei stören Streiks natürlich. Na und? Coca-Cola ist es auch wichtig, ihre braune Brühe zu verkaufen, und das wäre für die bestimmt auch einfacher, wenn sie Ausnahmen von Rechtsvorschriften bekämen, die ihnen nicht passen.

Ich vermute einmal: Erklärtes Ziel von Coca Cola ist es, Gewinn zu erwirtschaften. Dies ist legitim und per se nicht zu kritisieren, zumindest so lange man an unserer Wirtschaftsform festhält (ich weiß, sie ist umstritten, und ich habe auch eigene Kritik daran, aber so lange keiner mit was Besserem kommt find ich die Marktwirtschaft nicht gar zu übel). Diakonische (bzw caritative) Unternehmen haben eine andere Zielsetzung, zumindest sollte dies so sein (und wo dies nicht so ist sollte man sich als Kirche um Verbesserung bemühen oder sich im Zweifelsfall trennen, und nicht warten bis weltliche Gerichte für etwas Gerechtigkeit sorgen).

Historisch gesehen – ich mag mich irren, aber ich geh erst al nicht davon aus – ging es bei diakonischen bzw caritativen Einrichtungen darum, daß etwa die Diakonissen quasi ihr Leben „opferten“ und es den Notleidenden widmeten. Die Tätigkeit wurde nicht als Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit verstanden, sondern als Dienst. Dieser Dienst wurde natürlich organisiert von einem Dienstherren, beiden ging es aber (zumindest im Ideal, aber wir sprechen ja von der idealen Geselschaft) um ien gemeinsames Ziel, nämlich die Sorge um eben die Notleidenden (und ja, bevor wieder einer meckert: wie Hilfe damals aussah deckt sich nicht zwingend mit dem, was wir heute als Hilfe begreifen, das ändert jedoch nichts an den guten Intentionen). Das Ziel ist also hier ein selbstloses, wenn man es auch nicht teilen mag, während es bei Coca Cola eigennützig ist, ebenso wie bei aller Erwerbsarbeit: Es geht darum, durch Arbeitsleistung Geld zu erwerben, das man zu eigenen Nutzen einsetzen kann, etwa um Rechnungen zu bezahlen und etwas zu essen zu kaufen.

Idealtypisch gehen die Kirchen wohl immer noch von der Dienstgemeinschaft aus in ihren Betrieben, auch wenn es kaum noch Diakonissen, Nonnen, Mönche oder Diakone gibt, die dort für ein Vergeltsgott dienen. Statt dessen hat die Erwerbsarbeit Einzug gehalten, zumindest in der Form, daß keine Zugehörigkeit zu einem Orden oder Mutterhaus mehr verlangt wird, sondern nur noch eine Kirchenmitgliedschaft. Darüber hinaus haben sich auch nichtkirchliche Einrichtungen etabliert, die teils ebenfals mit idealistischer Motivation, teils aber auch mit klaren Gewinnabsichten materiell gleichwertigen „Service“ anbieten (irgendwas sträubt sich in mir dagegen, bei einem kommerziellen Angebot von „Dienst“ zu schreiben).

Heute ist es nun so, daß vermehrt nur noch das Materielle gesehen wird, leider auch innerhalb der Kirche, und daß infolgedessen die Unterscheidung zwischen (selbstlosem) Dienst und (kommerziellem) Service immer weniger gesehen wird, jedoch auch immer schwieriger ist.

Insofern ist es freilich nicht einzusehen, wieso ein kirchlicher (oder humanistischer, oder… oder) Arbeitgeber Dinge verlangen kann, die ein „weltlicher“ Arbeitgeber nicht verlangen kann. Allerdings ist es einzusehen, daß ein Dienstherr, der einen Dienst definiert, auch festlegen kann, wie dieser Dienst nur auszuführen ist und was dafür vorausgesetzt wird. Dafür muß allerdings gewährleistet sein, daß Dienstherr und Dienender (schon wieder so ne Blockade, „Dienstleister“ zu schreiben, wenn es um Selbstloses geht) eben im selbstlosen Ziel einig sind.

Exkurs in die Praxis: Ich habe persönlich Schwierigkeiten, dieses Selbstlose in jedem diakonischen Betrieb erkennen zu können. Mein Einblick ist nicht allzu groß, muß ich dazusagen, jedoch habe ich den Eindruck, daß auch in der Diakonie (und der Caritas?) betriebswirtschaftliches Denken Einzug gehalten hat. Betriebswirtschaftlich zu denken ist kein Problem, wenn es darum geht, daß eine Mark auch nur einmal augegeben werden kann, und daß man mit den Mitteln haushalten muß. Es wird aber zum Problem, wenn das Finanzielle zum Eigenzweck wird, wenn es nicht mehr in erster Linie darum geht, Not zu lindern, sondern darum, den Betrieb „effizient“ zu führen und vielleicht noch ein klein wenig Gewinn zu machen, um für schwere Zeiten eine Rücklage zu haben. Daher frag ich mich schon seit längerem, ob Diakonie und Caritas nicht den Betrieb der Einrichtungen abgeben sollten (das speziell diakonische, also der Dienst, ließe sich vielleicht auch anders leisten), aber auch das ist eigentlich ein anderes Thema Ich schweife zu oft ab!

Das eine ist eine religiöse Aufgabe, das andere eine kommerzielle. Religiöse Menschen werden Ersteres je nach Neigung für viel wichtiger halten, und Letzeres für nachrangig, wenn nicht sogar unmoralisch. Ich halte Ersteres für schädlich, und Letzteres ist mir ziemlich egal, weil ich das blöde Zeug nicht trinke. Ihr seht das vielleicht wieder anders. So ist das nun mal, Menschen setzen unterschiedliche Prioritäten und haben unterschiedliche Interessen.

Okay, jetzt sind wir ziemlich bei den Grundagen, fast schon bei Ratzingers Relativismus. In der Tat, Menschen haben unterschiedliche Interessen. Manche wollen Brause verkaufen, andere den christlichen Glauben verbreiten, wieder andere wollen alle Juden ermorden oder zumindest die Demokratie abschaffen. Was ich damit sagen will: Ich gehe davon aus, daß die meisten wenn nicht alle Menschen sagen würden, daß einige Interessen berechtigt sind und andere nicht, gerne auch in bestimmten Abstufungen. Deshalb erlaubt unser Gemeinwesen (Staat) zwar die Verbreitung des christlichen Glaubens, während Mord schon verfolgt wird, wenn es sich nicht um Völkermord handelt. Und das ist gut so. Ich sehe keinen Grund, wieso wir uns nicht als Gesellschaft darauf einigen sollten, was wir als hinnehmbar ansehen und was nicht. Und vor allem: Aus welchem Grund. Ich finde, diese Frage korrespondiert auch mit der oben genannten Frage, ob wir den Staat als einziges Gemeinwesen wollen oder auch andere zulassen, um vielleicht eine größere Diversität zu ermöglichen. Wie gesagt, der ganze Fragenkomplex ist sicher spannend zu diskutieren. Unabhängig davon meine ich aber, daß Interesse alleine kein Grund dafür ist, alle möglichen Interessen gleich zu bewerten (das wäre dann wohl des Papstes Relativismus).

Trotzdem haben wir aus irgendwelchen Gründen immer noch Sonderregeln, die nur für religiöse Interessen gelten, nicht aber für kommerzielle, literarische, sexuelle, oder sonstige säkulare Vorlieben. Das ist Unsinn, und gehört abgeschafft.

Hat mit religiösen Vorlieben nix zu tun, wie oben erwähnt. Würde der Humanistische Verband ein Krankenhaus gründen, hätte er die selben Möglicheiten wie die Kirchen, ohne dezidiert religiöse Interessen zu verfolgen. So könnte er auch festlegen, daß in seinen Schulen nur Lehrer unterrichten dürfen, die bestimmte literarischen und/oder sexuelle Vorlieben teilen. Hier sehe ich keine Ungleichbehandlung. Allerdings scheinen mir die kommerziellen Vorlieben nicht ganz in die Auflistung zu passen, denn man kann mehrere literarische, sexuelle oder sonstige Vorlieben haben, es gibt da massig Vorlieben, die sich herausbilden können. Bei kommerziellen Vorlieben fällt mir nur die Liebe nach mehr ein. Eine Diversität zu konstruieren fällt mir hier sehr schwer. Vielleicht liegt hier die Antwort begraben, wieso kommerzielle Interessen nicht in der Art berücksichtigt werden wie etwa religiöse oder – allgemeiner – weltanschauliche Interessen.

 

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Karfreitag, 6. April 2012

Antje Schrupp befasst sich auf ihrem Blog mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen und der Frage, wer dann die Drecksarbeit macht. Der Artikel wirft eine wichtige Frage auf, auch wenn mich als Mann die Suggestion, die „Dreckarbeit“ würde vor allem an den Frauen hängen bleiben, annervt, aber das ist ne andere Diskussion. Ich würde ja die weitergehende Frage stellen, was die Folge wäre, wenn die Drecksarbeit nicht erledigt würde. Riefe man nicht nach dem Staat? Es könnte auf Steuerfinanzierung rauslaufen…

Thomas hat einen Artikel über Zombie-Filme geschrieben, und der ist interessanter, als es sich anhört. Vielleicht gerade auch für diejenigen, die nicht zu den Fans des Genres gehören. Beim Lesen kam mir der Gedanke, ob man wohl auch die Passion als Zombie-Film drehen könnte, oder als Monster-Film mit Zombies, Vampiren, Mumien und Werwölfen, wobei mir noch nicht ganz klar ist, wer für was steht.

Mandy schrieb, passend zur kommenden Osterzeit, über Jonathans Ei. Dabei geht es um einen Jungen mit Behinderung, der eine Regelschule besucht. Und das ist jetzt die Überleitung zu einem Bloghinweis, den ich schon länger unterbringen wollte, der aber nei richtig reinpasste: Der Blog Inklusion ist Menschenrecht. Es ist ja in der Tat so, daß die BRD ein UNO Papier ratifiziert hat, das sich für die Inklusion in der Schue ausspricht. Die Aufnahme in Regelschulen ist also Bundesrecht und muß umgesetzt werden. Insofern ist eine Auseinandersetzung mit der Thematik sicherlich nicht verkehrt.

Gerd Häfner stellt anhand der Frage nach dem Todestag Jesu dar, auf welchen Ebenen man einen Bibeltext lesen kann, und wieso das Nebeneinander von vier Evangelien in der Bibel durchaus sinnvoll ist.

Alien59 schreibt Bedrückendes über Wegwerfmenschen. Am Ende stellt sie die Frage nach dem Menschenbild. Ich meine, daß in diesen Fällen der Mensch nicht als Mensch, sondern als Produkt, als Gegenstand betrachtet wird, der eintauschbar ist bei Nichtgefallen oder Defekt. Eigentlich ein krasser Verstoß gegen Art. 1 GG. Und auch bei Peter scheint mir der Gedanke vom Menschen als Produkt im Hintergrund zu stehen, wenn er von der neuen Scham schreibt, die sich nicht auf die Nacktheit bezieht, sondern auf Armut und Unattraktivität.

Und ein dritter Artikel zum Thema, mit dem Titel „Das Weib als Volkseigentum“ ist bei Geiernotitzen zu lesen, mit einer bedenkenswerten und kreativen Ausdeutung des Ehebruchs.

Beim Hellbound-Blog kommen immer wieder recht gute Artikel, ich dachte ja erst, da würde nur der Film beworben. Weit gefehlt. So gibt es da den Artikel zur Frage, wie es denn nun ist mit der Liebe im Christentum, und wie mit den Werken.

Um Liebe in Form von gegenseitigem Dienst (Fußwaschung!) geht es auch in der Gründonnerstagspredigt von Nick Baines, und die Bemerkung, daß er in dem Jahr, wo er jetzt Bischof von Bradford ist, viele Leute getroffen habe, die gute Arbeit in der Diözese leisteten, dachte ich ein wenig an Heikos Artikel bei evangelisch.de. Dort geht es um die Facebook Seite des bayrischen Landesbischofs, der ja durchaus auch Projekte in seiner Kirche (und anderswo) besucht, die hoffentlich auch alle gute Arbeit leisten. Ne entsprechende Medienpräsenz der „Reisen des Bischofs“ (der Name ist verbesserungsfähig), auf der die guten Projekte in der Kirche kurz umrissen werden (evtl. mit Link zur Projektseite im Internet), vllt. vom Bischöf persönlich in ein paar kuren Worten, würde diesen Besuchen nicht nur den Aspekt des „die Landeskirche nimmt die gute Arbeit hier wahr und schätzt sie“ für die dort arbeitenden geben, sondern sie ebenfalls in Bezug auf „Außenwerbung“ erschließen. Wo jemand sagen würde „Die Kirche macht eh nix für die Menschen“ könnte man beiläufig auf die Internetpräsenz des Bischofs (oder Kirchenpräsidenten oder Präses oder oder) verweisen…

Über den Facebook-Gottesdinest aus dem Maternushaus Köln gibt es einen Artikel bei FrischFischen. Dabei wird auch die Frage nach der zukünftigen Rolle der Ministranten aufgeworfen.

Andrea hat einen Artikel zur Vorratsdatenspeicherung geschrieben. Diese läuft in Österreich im Gegensatz zu Deutschland seit letztem Jahr. Interessant fand ich, daß die evangelische Kirche in Österreich klar Stellung dazu bezogen hat (die EKD war mein ich eher verschwiegen, oder hab ich was übersehen?), gerade auch wegen der Seelsorge. Wären die Piraten, die sich ja hierzuland den Kampf gegen die VDS auf die Fahnen geschrieben haben, nicht so religionsskeptisch eingestellt, hätten sie hiermit vielleicht ein Argument, das sogar einen gestandenen CSUler vom Schaden dr VDS überzeugt. Aber da gibt es wohl leider ideologische Grenzen.

Zu den Piraten hat auch Muriel geschrieben. Lesenswert.

Euch allen einen gesegneten Karfreitag.