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Präimplantationsdiagnostik

Letzten Dienstag hatte der Bundesgerichtshof in Leipzig entschieden, daß bei künstlicher Befruchtung eine Präimplantationsdiagnostik (PID) an den vorhandenen Embryonen zur Auswahl der einzupflanzenden Embryonen nicht gegen das Embryonenschutzgesetz verstößt. Demnach ist es werdenden Eltern im Falle einer künstlichen Befruchtung möglich, gezielt diejenigen Embryonen selektieren zu lassen, welche bestimmte genetische Auffälligkeiten nicht aufweisen.

In der letzten Woche habe ich dazu auf dem Blasphemieblog diskutiert und möchte hier nun versuchen, meine Ansichten zusammenzufassen.

Die zu erwartenden Äußerungen kirchlicherseits wurden, wie ebenfalls zu erwarten von humanistisch-atheistischer Seite kritisiert (siehe außerdem die Kommentare beim Blasphemieblog).

So spricht der Humanismus-Blog von religiöser Bevormundung. Herausgegriffen werden Äußerungen von einem Herrn Glück (CSU) und Herrn Hüppe (CDU), dem Behindertenbeaftragten der Bundesregierung. Leider gibt der Humanismusblog keine Quellen an, so daß man auf die dort vorhandenen Zitate angewießen ist. Demnach argumentieren beide Herren, daß Leben von Gott gegeben sei und nicht verfügbar gemacht werden dürfe.

Die Kritik richtet sich nun dagegen, daß aus privaten religiösen Überzeugungen eine sittliche Norm für alle abgeleitet und durchgesetzt wird. Unabhängig davon, daß dies eine der Gefahren der Demokratie ist, daß die Politiker im Zweifel eigenen Überzeugungen folgen und weniger vom Standpunkt der Allgemeinheit her denken, ist interessant, wie andere Quellen die fraglichen Politiker zitieren. Zu Glück hab ich bisher nichts gefunden, im verlinkten evangelisch.de Artikel wird Hüppe jedoch mit einer ganz anderen als religiösen Begründung zitiert, nämlich die Sorge daß es nur noch um „Selektionen [gehe], was […] lebenswert [ist] und was […] nicht mehr lebenswert [ist] „.

Dies ist aber eine andere Argumentation als die mit einer privatreligiösen Überzeugung. Denn Selektion hat einen gesamtgesellschaftlichen Aspekt. Es geht nicht um Bevormundung, liebe Atheisten, es geht um die Würde des Menschen, die unabhängig von der Religion im GG Art. 1 als unantastbar festschreibt. Wie ich bisher den atheistischen Humanismus begriffen hab, hat man sich immer zur Menschenwürde bekannt und ich denke, daß ich auch heute auf Seiten der atheistischen Humanisten Zustimmung finden kann, wenn ich sage, daß die Selektion von Leben anhand der Gene tatsächlich die Menschenwürde antastet (Insofern wäre es interessant, was das Bundesverfassungsgericht zum Urteil des Bundesgerichtshofes zu sagen hat, der ja scheinbar nur die Strafbarkeit nach dem Embryonenschutzgesetz geprüft hat). Jedenfalls scheint es, als stünde Herr Hüppe nicht allein, denn auch der Berliner Behindertenverband spricht sich „energisch“ gegen eine Selektion aus „auch nicht in der Petrischale“.

Wenn ich mir kirchliche Verlautbarungen ansehe, so spielt die Bewertung des Embryos als vollwertiger Mensch durchaus eine Rolle (wobei sie nicht überall explizit genannt wird), ich fand es bisher aber nirgends als einziges Argument. Am ehesten findet sich dies noch im Artikel auf kath.net über die Stellungsnahme der Deutschen Bischofskonferenz, aber auch diese spricht den Rechtfertigungsdruck für behinderte Menschen und deren Eltern an, der wohl auch von Michael Bauer, dem Autor des Humanismus-Blogs abgelehnt würde, spricht er doch von einem „wirkliche[n] Skandal“, falls PID zum Zwang würde.

Grundsätzlich wenden sich aber alle kirchlichen Verlautbarungen, die ich bisher gelesen habe, zumindestens auch gegen die Selektion, die Embryonen als „Material und Mittel zu anderen Zwecken“ (Barth, EKD) und damit eine Aushöhlung der Menschenwürde.

In meinen Diskussionen mit Atheisten in der letzten Woche wurde nun oft argumentiert, es sei gar kein Problem zu selektieren, weil eben die Embryonen nicht mit einem Menschen zu vergleichen seien und folglich keine Träger von Menschenwürde wären. Jedoch ist, unabhängig davon, ob ein Embryo nun als „ganzer Mensch“ aufgefasst wird, jedem Embryo die Potenz eigen, sich zu einem „ganzen Menschen“ zu entwickeln, so er denn eingepflanzt wird. Eine Selektion in der Petrischale würde Folgen bei Trägern der Menschenwürde haben, den geborenen Kindern. Bewertet man den Embryo des einen Kindes als weniger lebenswert als den Embryo des anderen Kindes, weil ein genetischer Defekt vorliegt, so hat dies Auswirkungen auf die Beurteilung aller tatsächlich lebenden Menschen mit eben jenem Gendefekt, und diese Menschen sind fraglos tatsächlich Träger der Menschenwürde.

Da zieht dann auch ein anderes „Argument“ nicht, das mir in den Diskussionen entgegengehalten wurde, nämlich das Recht der Eltern auf ein gesundes Kind. Wer ein solches oder ähnliche Rechte formuliert muß sich erst einmal überlegen, was er da fordert! Das Kind wird so nämlich zum Besitz der Eltern mit dem Zweck, die Eltern glücklich zu machen. Selbstzweck des Kindes? Fehlanzeige? Würde des Kindes? Abhängig von der Funktion der Glückserfüllung für die Eltern: Macht das Kind die Eltern nicht glücklich (etwa weil es „defekt“ ist, genetisch nicht dem Gewollten entspricht), hat es seinen Zweck verfehlt und seine Daseinsberechtigung wird, will man solche Elternrechte tatsächlich einführen, zumindest angezweifelt. Alleine die Forderungen nach solchen Rechten macht es meiner Meinung nach dringend nötig, daß Humanisten „ihre eigene, weltanschaulich begründete Ethik auf hohem, diskursfähigem Niveau erarbeiten“, nicht um dem Einzelatheisten das Denken abzunehmen, sondern um, wie es in den Kirchen der Fall ist, denkerisch potente Menschen vordenken zu lassen und bestimmte Sackgassen als solche zu benennen, damit andere Menschen dies nachdenken können und nicht mit allzu abstrusen (und gefährlichen) Vorstellungen kommen.

Eine Äußerung will ich noch ansprechen, weil sie bei mir hängengeblieben ist: In der Diskussion wurde ich gefragt, wie ich denn nun die Frage beantworten würde, ob ich lieber ohne Beine (=genetischer „Defekt“) oder mit Beinen geboren werden wollte. Nur bietet die Frage eine falsche Alternativem, denn soweit es von meinen Genen abhängt, besteht lediglich die Alternative: Keine Beine oder keine Existenz. Daß das Kind mit Beinen und das Kind ohne Beine, obwohl genetisch unterschiedlich und auf verschiedene Embryonen zurückzuführen, als identisch angesehen wird, scheint mir wieder ein elterliches Konsumdenken vorauszusetzen: Das Kind als Produkt, das das Elternglück bringen soll.

Es gibt nun aber auch die Möglichkeit der Spätabtreibung, die zumindest eine Ähnlichkeit mit der Selektion nach PID hat. Nur ist es hier nicht mehr die Selektion zwischen verschiedenen Embryonen (und damit potentiellen Menschen und Trägern der Menschenwürde) sondern die Frage, ob man ein Kind gebärt oder im Mutterleib abtötet, zum Wohle der körperlichen und/oder seelischen Gesundheit der Schwangeren. Meiner Meinung nach ist die Spätabtreibung immer noch kritisch zu sehen jedoch auch wegen des genannten Unterschieds nicht mit der Einpflanzung aufgrund PID gestützter Selektion zu vergleichen. Die Gesundheit der Mutter muß jedenfalls in Gefahr sein, um eine Spätabtreibung durchführen zu können (wobei man sich da die Kriterien der Feststellung genauer ansehen müßte), einen Automatismus gibt es nach meinem bisherigen Verständnis nicht (wie auch kein Arzt gegen sein Gewissen gezwungen werden kann, eine Abtreibung durchzuführen).

Zu bedenken ist auch, wenn man sich mit der Materie befasst, daß eine künstliche Befruchtung sowieso schon an sich ethisch verschiedendlich bewertet werden kann, wenn man dem Embryo Menschsein zuspricht. Denn es werden, so wie ich es verstehe, bei einer künstlichen Befruchtung mehrere Embryonen erzeugt, die jedoch nicht alle zum Leben kommen, sondern im Zweifel für die (Stammzellen-) Forschung benutzt werden. Entsprechende Begehrlichkeiten kommen immer wieder auf.

Alles in allem ist das ganze Themengebiet sicher kein Leichtes, jedoch sollte es möglich sein zwischen den Gesellschaftsgruppen, miteinander darüber zu reden ohne stereotyp immer wieder die gleichen Vorwürfe zu bringen und mehr darauf zu hören, was das Gegenüber tatsächlich sagt.

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Was kommt nach den Bussen?

Wenn man es nach den britischen Humanisten beantworten will, dann wohl schlichte Plakate. Jedenfalls ist die neue Kampagne der Dawkins-Jünger nicht mehr an ein bestimmtes Gefährt gebunden, sondern kommt in Form von schlichten Postern daher.

Die übrigens ganz nett aufgemacht sind: Ein Kind und der Spruch „Don’t label me. Let me grow up and choose for myself.“ in bunten Farben auf weißem Hintergrund. Das Kind ist, wie Bischof Nick Baines auf seinem Blog schreibt, übrigens Kind pflingstlerischer Eltern.

Auch wenn es nicht nötig ist, vielleicht kann aber doch jemand kein Englisch, der Spruch nochmal auf deutsch: „Ettikettier mich nicht. Laß mich groß werden und selbst entscheiden.“

Es geht also darum, den Glauben selbst wählen zu können und nicht als Kind indoktriniert zu werden. Was nun einige überraschen mag, ist die durchaus positive Aufnahme der Kampagne auf christlicher Seite. Es wird betont, daß man an der Religionsfreiheit festhält. Wobei besagter Nick Baines auch Kritik anmeldet.

Die Frage ist schließlich: Was kann ich dann dem Kind noch zumuten? Wenn ich als christliches Elternteil sonntags in die Kirche gehe, kann ich mein Kind mitnehmen, oder ist das Beeinflussung? Wenn ich statt dessen sonntags morgens als Atheist in die Kneipe gehe, oder einfach ausschlafe, beeinflusse ich mein Kind dann nicht von der Kirche weg, oder muß ich als Atheist das Kind in die Kirche schicken, um es nicht zu beeinflussen? Oder in die Moschee, die Synagoge…?

Ich schließe mich Baines an, wenn er sagt, daß er es unterstützt, Kinder so zu erziehen, daß sie intelligent über Moral etc nachdenken können. Aber kann ich sie als Vakuum erziehen, ohne ihnen in irgend einer Weise religiös oder philosophisch etwas zu sagen? Kann ich dann, am 18. Geburtstag des Kindes behaupten, ich hätte das Kind gut vorbereitet auf das Leben? Muß es nicht alles Entscheidende, oder zumindest der Teil, der nicht wirtschaftlich verwertbar ist, noch lernen? Selbst? Auf sich alleine gestellt, und anfällig für sämtliche Heilsversprechen, wie abstrus sie auch sein mögen?

Wäre ich evangelikal, würde ich vielleicht sagen: So geht der Satan vor: Erst sollen wir die Kinder nicht erziehen, dann kann er sie durch irgendwelche Sekten vollends ins Verderben führen.

Nun bin ich kein Evangelikaler, und hab’s trotzdem geschrieben. Ich werd’s aber nicht weiter verfolgen, sondern in eine andere Richtung gehen. Es fällt doch auf, daß hier Gläubige und Nichtgläubige übereinstimmen, auch wenn man es nicht erwartet hätte. Beide Seiten scheinen zu meinen, daß man keinen Druck ausüben soll, Religion X anzunehmen, und ich nterstelle einfach einmal, daß die britischen Humansiten bei der Kampagne auch nicht daran gedacht hatten, den Kindern nun gar nichts mehr beizubringen, abgesehen vielleicht von funktionalem Wissen, wie man sich die Haare kämmt, sich anzieht, alleine auf Toilette geht oder die grundlegendsten Haushaltsaufgaben bewerkstelligt… Auch den Humanisten ist sicherlich klar, daß es auch noch eine moralische Erziehung geben muß, eine Orientierung in der Welt für die Kinder, oder wie man neudeutsch sagt: Ein Wertesystem.

Wo ich mir nicht so sicher bin ist, ob nun christliche Wertesysteme genau so anerkannt werden, wie humanistisch-atheistische (dabei wird immer so getan, als gäbe es keinen christlichen Humanismus). Wenn sie ihre eigene Kampagne ernst nehmen, dann können sie den Kindern nicht einseitig das Wertelabel „Humanist“ geben, zumindest nicht „atheistischer Humanist“. Denn dazu gibt es Konkurrenzangebote in der Gesellschaft. Und diese sind nicht unmoralisch. Die Frage ist also:

Wie viel Label geht, und wo wird es zur Zwangsettikettierung?

Was sind also die Werte, auf die sich alle in der Gesellschaft einigen können Und: Gibt es solche Werte überhaupt, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen allen Menschen, oder gibt es immer auch ein paar Ausreißer (wahrscheinlich in jede Richtung), die nicht reinpassen, egal wie klein man den Konsens faßt?

Ich denke, die Moral, an die wir uns halten, die wir unseren Kindern beizubringen versuchen, muß nicht bei jedem Menschen die gleiche Basis haben. Einige berufen sich auf die Philosophie, andere auf ihren Glauben, ob nun Christ, Moslem, Hindu oder Jude. Diese Unterschiede, denke ich, muß die Gesellschaft zulassen, aber die Gesellschaft muß auch sehen, daß sie einen Konsens findet in den moralischen Fragen, der das Zusammenleben ermöglicht. Auch wenn die jeweiligen Begründugnen anders sind. Dann wären die Labels nicht die Religionen, sondern die verschiedenen Vorstellungen von Moral.

Wenn die Kampagne so zu verstehen ist, daß sie dazu aufruft, den Kindern nicht ein auf was auch immer (Religionen) basierendes Wertesystem einzutrichtern, das

  1. fundamentalistisch, kompormißlos und aggressiv gegen andere Systeme ist und somit
  2. ein Zusammenleben in der Gesellschaft verunmöglicht,

dann steh ich voll hinter der Kampagne. Die Frage ist, ob der britische Humanistenverband das auch so meint. Aber ich denke, die Plakate werden wie die Busse eine Diskussion in der Gesellschaft lostreten. Da kann man die Frage dann ja klären.