Gesellschaft

Chuck Norris, die Heilsgewißheit und das Ökumenische Konzil

Da war doch so ein Stöckchen… ach, da isses ja. Alexander hat mir ein Stöckchen zugeworfen, es sind drei Fragen zu beantworten, die Alexander beantwortete und dann nochmal 5 von Mechthild. Also frisch ans Werk:

1. Dein schönstes Kindergebet und der schlimmste Vers im Glaubensbekenntnis.

Heute bet ich ja mehr so freestyle, was grad anliegt. Als Kind gab es noch die vorformulierten Gebete, jeden Abend vor dem Schlafengehen, und zwar den Evergreen, den auch Alexander schon nannte: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“. Das andere: „Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm“ kannte ich nur von katholischen Bekannten. Und es kam mir früher schon komisch vor. Erstens verstand ich nicht, was „fromm“ eigentlich heißt und dann hatte ich so ein komisches Gefühl beim Gedanken, daß das in den Himmel kommen in Frage gestellt sein sollte. Ich wurde zwar nicht besonders kirchen- oder religionsnah erzogen, aber von der Heilsgewißheit bin ich damals wohl schon unbewußt ausgegangen, fällt mir gerade auf…

Glaubensbekenntnis: Hmm, eigentlich hab ich damit weniger Probleme. Auch nicht mit der Jungfrauschaft (man muß ja nicht alles historizistisch sehen). Schade find ich, daß Jesus in der aktuellen Fassung nicht mehr „in die Hölle“ „niederfahren“ darf, sondern „in das Reich des Todes“ „hinabsteigen“ muß. Erstens mag ich solche Archaismen, und zweitens gefällt mir die Vorstellung der Höllenfahrt Christi (auch wenn sie biblisch schwach belegt ist) samt der Befreiung aller durch den Tod Gebundenen. Da könnte man auch toll nen Actionfilm draus machen. Vielleicht mit Chuck Norris in der Rolle des Todes/Teufels und, ja wer würde dann Jesus spielen? Mit „Jesus ist sogar stärker als Chuck Norris“ hätte man dann auch fast aktuelle Jugendkultur aufgenommen (naja, Chuck Norris Facts sind auch schon was her).

2. Was würdest Du als Päpstin oder Kirchenpräsident als erstes tun?

Das ist ne Scherzfrage, richtig? Also antworte ich im Scherz: Als Papst würde ich mich erstmal auf die cathedra setzen und ne unfehlbare Verlautbahrung ablassen. Und zwar würde ich die Institutio Christianae Religionis des Herrn Jean Calvin verlesen. Dann würde ich ein ökumenisches Konzil einberufen und den Bischöfen sagen: So, bringt das mal alles mit der restlichen Lehre in Einklang, ich bin dann mal so lange in Urlaub…

Nee, wahrscheinlich würde ich das nicht tun, aber was antwortet man auf solche Fragen? Und als Kirchenpräsident? Noch schwieriger, weil da fallen mir dann auch keine Witze mehr ein. Und so viel kann ein Kirchenpräsident ja auch nicht entscheiden, wenn ich das richtig verstehe, aber was weiß ich schon. Dann lieber als „richtiger“ Pfarrer irgendwo in ne Gemeinde, da ist man näher an den Menschen und muß auch nicht so viel repräsentieren… Ihr wollt ja noch ne Antwort. Womöglich würde ich mich für mehr Transparenz einsetzen und versuchen, darüber dann alle Ebenen der Kirche ins Gespräch zu bringen. Vielleicht hat ja jemand von der Basis ganz gute Ideen zu dem ein oder anderen Problem der Kirche. Aber das sind ja alles keine Sachen, die der Kirchenpräsident im Alleingang durchsetzen könnte, und Synode kann man als EInzelner ja nicht werden…

3. Sollte sich die Kirche in der Tat mehr „Beulen“ holen?

Was sind denn „Beulen“? Eher sowas, wenn sie schlechte Presse kriegt wegen Mißbrauch oder Geldverschwendung, oder eher sowas, wenn sie sich mal aus dem Glauben klar für etwas einsetzt wie die Asylsuchenden, und dafür dann auch von den politisch andersdenkenden kritisiert wird? Und wer ist eigentlich „die Kirche“? Die Institution oder die sanctorum communio. Auch nicht ganz das Gleiche. Ich finde, man sollte bestrebt sein, möglichst wenig auf die Beulen zu achten und möglichst oft sich für das einzusetzen, was man aus dem Glauben heraus als Wahrheit begriffen hat. Was das ist, ist in einer pluralen Kirche natürlich umstritten. Aber Streit ist manchmal besser, als etwas totzuschweigen, und so lange man am Sonntag immer noch gemeinsam singen, beten und das Abendmahl empfangen kann, ist IMHO alles im grünen Bereich.

Das waren die Fragen von Alexander, jetzt noch die von Mechthild:

1. Wer hat Dir zuerst von Gott oder dem Göttlichen erzählt?

Schwere Frage, weil das ist soo lange her. Solange ich mich zurückerinnern kann, hat meine Mutter mit mir beim in Bett gehen gebetet. Ansonsten erinnere ich mich an den Kindergarten, wo Geschichten von Jesus vorgelesen wurden (und wohl auch Abraham und Noah etc, an Einzelheiten erinnere ich mich nicht).

Daß es Gott gibt war eigentlich immer recht unumstritten bei uns daheim, das lief so mit. Lustigerweise kann ich mich daran erinnern, als ich zum ersten Mal von Adam und Eva hörte. Und zwar von Opa, der mir erklärte, daß das die ersten Menschen waren. Was mich etwas verwirrte, denn zu dem Zeitpunkt lief im Fernsehen auch schon „Es war einmal… der Mensch“ und ich wußte um die Evolution, wenn auch nicht unter dem Namen. Ein ähnliches Verwirrspiel gab es dann auch mit dem Klapperstorch und der Tatsache, daß Babies aus dem Bauch der Mutter kommen (ich hab ja ne kleinere Schwester und meine Eltern haben auch immer gesagt, daß sie aus dem Bauch kam/kommt, aber in den Zeichentrickfilmen waren es immer die Störche, die die Kinder brachten). Aber das ist ne ganz andere Geschichte.

2. Dein liebster Satz aus der Bibel?

Röm 8,38f fällt mir grad ein, aber es gibt viele andere, die mir grad nicht einfallen…

3. Betest Du? Und wenn ja: wie und zu wem?

Ja. Wie? Hmm, manchmal falte ich die Hände, manchmal nicht, manchmal bete ich in einer ruhigen Minute oder nachts im Bett, manchmal ohne daß man mir was ansieht in der Straßenbahn. Und zu wem? Gott. Ja ich find das immer komisch, wenn in gewissen Gemeinden Jesus mehr in den Fokus rückt und zu Ihm gebetet wird. Ich halt das theologisch nicht für falsch, aber es ist mir und meiner „Frömmigkeit“ fremd. Und zu Gott zu beten ist ja auch nicht falsch 😉

4. Welches Fest im Kirchenjahr entspricht am meisten Deiner Art zu glauben?

Ostern. Ganz klar. Niedergefahren zur Hölle, auferstanden von den Toten (hatten wir schonmal, oder?), all Seine Feind gefangen Er führt… die ganze Dramatik, erst die scheinbare Niederlage an Karfreitag, dann der Triumph und damit zusammenhängend ja auch immer die Befreiung von Sünde, Tod und Teufel. Spricht mich unglaublich an, intellektuell wie emotional.

5. Findest Du es sinnvoll, Mitglied der Kirche zu sein?

Und wieder stellt sich die Frage: Was ist Kirche? Zur communio sanctorum gehör ich qua Glauben dazu, ob ich will oder nicht. Mitglied einer Institution zu sein ist schon wieder etwas anderes. Aber die Gemeinschaft ist ja durch den Glauben gegeben, und eine Gemeinschaft wird sich immer irgendwie organisieren. Deshalb kommt man auch aufs Ganze gesehen an der Institution nicht vorbei. Sowas wird es immer wieder geben. Ob man jetzt selbst Mitglied einer bestimmten Institution sein will oder muß… ich seh zumindest keine sinnvolle Alternative zu „meiner“ Kirche. Ich fühl mich da wohl und hab auch keine größeren theologischen Differenzen, wieso also wechseln?

 

So, das ist jetzt der Punkt, an dem ich ein paar Fragen formulieren soll und diese als Stöckchen weiterwerfen:

1. Oben sprach ich von ner Verfilmung der Höllenfahrt Christi mit Chuck Norris als Teufel. Wem würdest Du die Rolle von Jesus geben und wieso?

2. Das Evangelium, die frohe Botschaft. In drei (gerne längeren) Sätzen.

3. Abwandlung der obigen Frage: Wenn Du Pfarrer wärst, was würdest Du tun?

Und das Stöckchen geht an meinen Mitautor Nordlicht, Thomas und Eric Djebe.

English, Theologie

Unconditional Love

It’s been a couple of days since I came across Bruce Gerencser’s Blog „The Way Forward“. From all what I have understood, Bruce used to be a minister for years, before he became atheist. On his blog, there is a „start here“ series with posts to understand his journey. In order to understand – why woud I be reading anything at all if not to gain further understanding on God knows what – I started reading those posts (I haven’t come far yet, but I shall).

Below the first of those posts, in the comments, Bruce claimed the christian God would not love unconditionally. I questioned that, we exchanged some points and he pointed me to another post of his called Unconditional Love.

I don’t know Bruce very well and I dislike categorizing people (though I do it  – and I hate that fact), so I want to make clear that this post here is neither to question his decision to leave the church or anything else that has to do with his person. I just want to answer to this very post about unconditional love. Not more, not less.

I know that Bruce knows the bible much better than I do. Somewhere I read, he had been studying the bible for 50 years (Bruce, if you read this, corretc me if I’m wrong) and I am far from even being 50 years old. Nonetheless I have at least some knowledge of the bible and theology, so I dare to throw a big No at the said pot of Bruce’s. And I invite you all, no, I ask you, I beg you to point me to the flaws in what I write. After all, I could only win from being shown my mistakes. Finally: English is not my mother tungue, so you might find that I use some starnge or unclear language. I still hope it’s good enough for you to follow. If not, tell me and I’l try to explain what I meant.

Now to Bruce’s post:

He starts with examples for non-unconditional love in our daly life. He writes that even though we might say we love our wives unconditionally, we would quickly stop doing so once they started to behave in a way we could not bear. He claims we would then stop loving them.

This seems pretty right. And really, many people do stop loving their spouses when they cheat on them and such (Bruce also mentions child molestation). But does the love stop because of unmet conditions? I wouldn’t say so. I even would question love stopping the very moment we hear such things about our spouses. Why else would we suffer from the cheating, if there was no more love there at that very point? I’d say we suffer, because we love and because we realize that the person in question does not meet the conditios we set up for them to deserve our love. Sometimes we stop loving quickly after such a crisis, sometimes the love does not stop at all though we would under no condition want to meet that person again.

Let’s look at the thing from a different perspective: Not from the en of love, but from the beginning. Do we set certain conditions that have to be met in order to love someone. Did you ever walk down the street and decide all of a sudden to love a certain person? I’d say, and I’d be interested in people with a different experience to tell me about it, that love i something that happens to us, without us putting up conditions. So from that point of view I’d say: Yes, love is unconditional. That doesn’t mean it will last forever or anything, but we do not control it. As well as we don’t control the end of love, as much as we sometimes would like to be able to just cease loving some persons who just hurt us.

For me as a Christian, love is a gift from God that He gives and takes as He pleases. I cannot do anything about it. Neither can my wife.

I also want to say something about love relationships. Becaue Bruce writes that there are conditions when we enter such relationships. Yes, there are, I agree absolutely. But there are love relationships without love (but a whole big lot of lust and desire eihter for the body or for the money or… you name it) and plenty of love that does not end in a love relationship.

So I would say: Love is basically unconditional, even between humans, because whenever it is not unconditional, it makes the other one an object and is not love anymore, but desire or whatever you will call it.

So do we love unconditionally? I’d say seldomly if ever. We are human, so we fail. And yes, this is a religous conviction, but I am religious. Your convictions might differ, but they are convictions nonetheless, just as mine.

Now to God. Bruce writes:

God drowned millions of people in the flood. Men, Women, children, the unborn.  His love was not unconditional.

I’d be hesitant to connect the Flood with love. But I’d also be as hesitant to connect it with the lack of love. I am deeply convinced that you can love a person and still harm them. I’d agree if Bruce wrote: God’s present of life, and of good life even more, is not unconditional. God takes lives. And as I believe He has his reasons to do so, it is conditional. But I do believe God can take lives and still love. God was, according to the bible, in strong detest of how the people were living in Noah’s times. So there is a reason why he took lives. But then again, He’ll take all of our lives one day or another. So this way of thinking would lead to us saying God would not love any person at all, because all die. If we look at the live of the saints and martyrs, there is death and suffering everywhere. But no Christian in his right mind would say God didn’t love them.

Finally Bruce writes about the condition that we have to believe in order for God to love us and safe us from eternal hell. I know this kind of teaching well, and yes, it is a form of christian teaching. In the United States this might even be the majority opinion among Christians. But there is more to Christianity than the United States, and there are more denominations than the fundamentalist ones. Saying the Christian God wouldn’t love unconditionally is only true for a very small group of Christians. So you’d have to call quite some Christians not „true“ Christians in order to make that sentence, that the Christian God wouldn’t love unconditionally, true. You might know that this is the „no true scotsmen“ argument basically.

Yes, I might be classified as close to universalism. I think it’s the closest to what I read in the bible, but I also know that there are problems. Actually I don’t mind too much, because even in Calvinism as a believer, I’d be going to heaven anyway. And I am not Roman Catholic or Evangelical enogh to think works (including the work of faith) gets me there. That’s the problem with all those theologies that focus too much on hell: They have to say who’s gonna go there, so in order to find somebody to put there, they put up all kind of rules what you have to do or not.

So as close to universalism (though I wouldn’t deny hell, but I’m not sure if it is eternal or just something like the Roman Catholic purgatory, that only cleanses people from their sins) I would say: Yes, God loves unconditionally and in the end we’ll all go to heaven. And yes, all would mean: Including Mao, Hitler and all the other people that could be considered evil. But all of them will be cleansed. The Hitler of heaven would have repented, would have seen the evil of his ways ad would have changed. He‘ be abe to love Jews like anybody else. And heaven’s Stalin woud be friends with them as they’d be friends with anybody else in heaven. And the lion wil lie with the lamb and the child will play with the snake.

One word on Calvinism: The Problem with Calvinists is, they don’t read Calvin. He wasn’t too focused on those who are lost, he was only interested to point out that those with faith in God ar saved no matter what. Unconditionally, because of the (unconditional) love of God. And as for Arminians: I don’t know. There are hardly any here in Germany. Seems they all go either burned or they went to the New World. You deal with them 😉

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Eigentlich ein guter Protestant

Der Nachtwächter hat auf meine Polemik gegen Brights und Atheisten mit einem Glaubensbekenntnis geantwortet. Dieses Bekenntnis wiederum finde ich so interessant, daß ich nun, anstatt einen langen und ausführlichen Kommentar darunter zu setzen, mit diesem Artikel darauf eingehen will.

Zu sagen wäre noch, daß ich gerade nicht den Nachtwächter meinte mit meiner Polemik, auch wollte ich nicht kritisieren, daß sich Brights oder andere zu Gruppen zusammenfinden. Meine Kritik galt einer bei manchen Brights und Atheisten verbreiteten Hochmütigkeit, die sie gegenüber Religiösen an den Tag legen. Nun aber zum Bekenntnis:

Der Gedanke, den ich beim Lesen des Bekenntnisses hatte, war in etwa der: Eigentlich ein gut protestantisches Bekenntnis. Bis auf die Gottesfrage, aber hier ist der Protestantismus auch schon immer sehr weit gewesen (i.d.R. weiter als ich die Grenzen des Christentums fassen würde, aber das ohne jede Wertung und natürlich rein subjektiv).

Zum Beispiel die Leugnung des freien Willens:

und dass ich nicht an so etwas wie einen “freien Willen” des Menschen glaube. Wer mich liest, weiß das; und wer mich hört, kennt den Klang. Jede psychische Regung ist determiniert und wird erst im Nachhinnein rationalisiert. Daraus erhüpft ein besonderer Begriff von der Freiheit, die ich nur als eine Freiheit von Angst verstehen kann.

Das erinnert mich sehr stark an Calvin, der in seiner Lehre von der doppelten Prädestination auch einen Freiheitsmoment sah. Kein Papst oder sonstiger Priester konnte ihn von Gott trennen. Ähnlich war das auch schon bei Luther in der Schrift De Servo Arbitrio.

Der Nachtwächter lehnt die

Bücher, Traditionen, Überlieferungen in neurotisch zementierten und von gut bezahlten Verwaltern verwaltete Buchstaben

ab und setzt dagegen sein Leben und seine Lust. Ich meine verstanden zu haben: Seine Erfahrung. Und nichts anderes ist es eigentlich, was in all den Büchern und Traditionen der „organisierten Religion“ überliefert wird (Klar sehen das einige anders, und viele dieser Leute bezeichnen sich als Christen, was ich ihnen nicht absprechen kann, ohne in die no-true-scotsman Falle zu tappen. Allerdings sind auch diejenigen true scotsmen, die die Überlieferung eben als Überlieferung ansehen und nicht als unfehlbares Diktat vom Himmel). Es besteht, nach meinem Verständnis, alos kein signifikanter Unterschied zwischen dem Nachtwächter und (zumindest Teilen des) Protestantismus.

Der Nachtwächter spricht auch von einer Verantwortung, die er aufgrund seines Glaubens verspürt.

… Parareligion des Konsumismus, die sowohl direkten Abwehrzauber als auch narzißtische Allmachtsträume verkauft, um industriell erstellte Produkte zu verkaufen. Ich trete diesem Ansinnen entgegen, weil ich die Verantwortung habe, diesem Ansinnen entgegenzutreten.

Solche Verantwortung verspürt wohl jeder Mensch, der an etwas glaubt, und da jeder Mensch etwas glaubt (noch so ein Punkt, in dem ich dem Nachtwächter zustimme), sollte solch ein Verantwortungsgefühl bei jedem vorhanden sein. Bleibt die Frage, für was sich die Menschen verantwortlich fühlen. Ein fundamentalistischer Christ oder Muslim etwa kann die Verantwortung verspüren, die Welt vor einer (aus seiner Sicht schädlichen) Gottlosigkeit (wie man den Begriff auch immer füllt) zu reißen. Wie der Nachtwächter dem Konsumismus, den er persönlich als schädlich erlebt, entgegentritt, so tritt der religiöse Fundamentalist der Gottlosigkeit entgegen, der Kapitalist der Planwirtschaft (okay, der war platt) und der Kommunist der Unterdrückung der Arbeiterklasse (auch nicht viel besser, die Beispiele sollten aber aufzeigen können, was ich meine). Insofern sehe ich auch einen gewissen prinzipiellen Widerspruch zwischen der Verantwortung und dem Entgegentreten zu folgenden Sätzen des Nachtwächters:

Niemals mache ich meinen Glauben zu einem Zwang für andere Menschen, niemals leite ich daraus gesellschaftliche Forderungen und eine für alle Menschen verbindliche Moral ab, die auch gegen Andersgläubige durchgesetzt werden soll, niemals beanspruche ich, dass mein Glaube für andere Menschen verbindlich ist und setze diesen Anspruch mit irgendwelchen Zwangsmitteln durch.

Wie trete ich einer Sache entgegen, ohne Zwang anzuwenden? Wie ohne Forderungen zu formulieren? Mir ist schon klar, daß der Nachtwächter keine Kreuzzüge veranstaltet, und daß er sich bei seinem Eintreten gegen den Konsumismus auf das stützt, was er für gut hält und gegen das vorgeht, was er für schädlich hält. Doch nichts anderes dachten die Kreuzritter und die Selbstmordattentäter (ich spreche jetzt nicht von den Führern, die um des eigenen Machtkalküls Willen die Massen gegeneinander aufgehetzt habe, das ist ein anderes Problem), wenn auch diese zu deutlich gewalttätigeren Mitteln gegriffen haben als es der Nachtwächter wohl tat und tun wird. Im Recht wähnen und wähnten sich alle, jeder lebt in seinem eigenen „gutgekreisten Selbstbetrug“, und anders können wir auch nicht.

Ein letzter Punkt, der eine Nähe zum Protestantismus (reformierter Ausprägung) nahelegt ist der Ablehnung des „celestialen Brimboriums“. Deshalb gibt es in reformierten Kirchen in der Regel keine Bilder, und auf die Pfaffen wurde in der Reformation auch gescholten, am liebsten wohl von Luther, dem godfather der Beschimpfungen.

Daneben bringt er allerlei gute und wichtige Kirchenkritik (Schweigen der Kirchen angesichts verschiedener Entwicklungen – wobei ich höchstens von einer zu leisen Stimme sprechen könnte, was tatsächlich ein großes Problem ist), aber auch au meiner Sicht fragwürdige Vorwürfe (Bekenntniszwang bei kirchlichen Arbeitgebern. Welcher Parteisekretär verliert nicht den Posten, wenn er die Partei verlässt, auch wird nie der Vorwurf erhoben, daß kein Ausländer Bundeswehrsoldat werden kann). Das sind jedoch andere Themen, die extra erörtert werden müßten, und mit dem Bekenntnis an sich nichts zu tun haben.

Der Nachtwächter hat in seinem Bekenntnis sehr gut seinen Standpunk dargelegt. Ursprünglich dachte ich daran, ein eigenes Bekenntnis als Reaktion zu schreiben, allerdings wurde mir schnell klar, daß ich nicht zu einem so zusammenhängenden und schlüssigen Text gekommen wäre (dieser Text hier ist auch nicht gerade die Krone der Schreibkunst). Schon alleine daher zieh ich meinen Hut vor dem Nachtwächter, seiner Offenheit und seiner Schreibkunst.

Ich habe wie gesagt einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Bekenntnis des Nachtwächters und meinem eigenen Bekenntnis (ich bezeichne mich als Protestanten) festzustellen gemeint. Allerdings möchte ich den Nachtwächter nicht als Protestanten vereinnahmen. Distanziert sich von Kirche und sonstigen Formen organisierter Religion, und ich respektiere das. Daher auch das „eigentlich“ im Titel dieses Beitrags. Doch wäre es mir manchmal lieber, mehr Nachtwächter im Protestantismus zu haben als denkfaule und verantwortungsscheue Fundamentalisten, die das Denken und die Verantwortung ihren Führern und Texten aufbürden, um später ihre Hände eventuell in Unschuld waschen zu können. Eigentlich eine sehr unprotestantische, ja unchristliche Einstellung. Nach meinem Dafürhalten. Trotzdem bezeichnen sich diese Leute als Christen, und ich muß das hinnehmen, so wie ich hinnehmen muß, daß Leute wie der Nachtwächter sich außerhalb der Kirche stellen, obwohl sie (nach meinem Dafürhalten) gut hineinpassen würden.

Und da ich niemanden vereinnahmen kann, noch jemandem das Christsein absprechen, muß ich mich damit abfinden, daß ich Gespräche, die ich gerne innerkirchlich führen würde (etwa über den überpersonalen Prozess) mit Außenstehenden, wenn überhaupt, führe, und Gespräche, die eigentlich in den Bereich der Abgrenzung gegen außen gehören, wie über den Kreationismus und die Vergötzung der Bibel, innerkirchlich stattfinden.

Mit fröhlichem Gruß an den Nachtwächter…. 😉