Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen 4: Eine Predigt und ihre Bedeutung für das Altonaer Bekenntnis

Das Altonaer Bekenntnis wird im Rahmen eines Sondergottesdienstes am Mittwoch, d. 11.1.1933, von Propst Sieveking verlesen. Im Anschluss daran predigt Pastor Georg Christiansen (Altona) über Lk. 3, 1-3; 7-16[1].

Diese Predigt habe ich bei eigenständiger Forschung im Bielefelder Archiv für Kirchen-kampf gefunden. Sie zeigt, dass die Verfasser von Anfang an den Wunsch haben, über Altona hinaus gehört zu werden[2] – dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Von Anfang an sind sich die Verfasser möglicher Kritik – Weltfremdheit, Machtgelüste der Kirche, unsensibler Eingriff in sich grade bildende Einheit – bewusst. Sie rechnen aber bei aller Kritik auch mit Menschen, die sich über dieses Bekenntnis freuen werden. Doch Kritiker wie Befürworter werden die Frage stellen: „Woher nehmt ihr den Mut und die Vollmacht dazu? Wie kommt ihr dazu?“[3]. Auf diese Fragen will Christiansen stellvertretend für alle Verfasser antworten. Sie verstehen ihr Handeln als Handeln in der Nachfolge Johannes des Täufers. Er predigte auf Befehl Gottes – sie wurden in die Situation hineingestellt und müssen das Bekenntnis ablegen, nicht aus eigenem Antrieb, sondern von Christus und der Aufgabe getrieben[4]. Sie stellen das Geschehen unter das Wort „Da geschah das Wort Gottes an uns“ und verneinen jede parteipolitische Motivation.

Um den Inhalt bzw. das Ziel des Bekenntnisses deutlich zu machen, werden dann die machtpolitischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu Zeiten Johannes äußerst negativ geschildert – und dann wird dieser Schilderung mit Worten geschlossen, die auch die gegenwärtige Situation beschreiben: „Aber auf der anderen Seite wissen wir auch, wieviel bestes Wollen in den Herzen vieler lebendig war. Die Treue gegen Land und Volk war nicht gestorben. Da wurde mit Leidenschaft gerungen um die Erhaltung der politischen, nationalen, sozialen und religiösen Eigenart“[5]. Und in den sich vermutlich einstellenden Gedanken: „Denen ging es ja wie uns!“ bricht die Darstellung der Gegenwart hinein, die – ganz Johannes folgend – in die Aufforderung zur Umkehr und Buße mündet. Die Folgen der Buße bei Johannes sind, dass er vom Volk, von Zöllnern und Kriegsleuten gefragt wird, was sie tun sollen. Johannes reißt daraufhin niemand aus seinem bisherigen Stand heraus, sondern verweist sie in die Grenzen dieses Standes. Auch die gegenwärtige Kirche wird vom Volk gefragt, was es tun soll. Die Altonaer Pastoren geben eine andere Antwort als „Welt, Gesellschaft, Presse“. Sie können nur Gottes Botschaft verkündigen und schließen die Predigt mit dem „größte[n] und schönste[n] Hinweis, den die Kirche zu geben hat: ‚Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, sondern hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!‘ (2. Kor. 5, 19-20)“[6]. Diese Predigt gibt biblisch begründet Aufschluss über die Motivation der Verfasser und ist damit ein wichtiger Faktor für die starke Wirksamkeit des Altonaer Bekenntnisses.

Der gottesdienstliche Rahmen eines Sondergottesdienstes ist auffällig. Da das Altonaer Bekenntnis doch gerade in die Ordnung Gottes zurückrufen will, ist es merkwürdig, dass sie statt eines regulären, ordnungsgemäßen einen Sondergottesdienst dazu wählen. Die Wahl des Wochentages wird möglicherweise vor dem Hintergrund der Predigt deutlich. In der Predigt stellen sich die Verfasser in die Tradition Johannes des Täufers, der nach biblischer Überlieferung Bußprediger war[7]. Daraus ergibt sich der Bezug vom Altonaer Bekenntnis zum Mittwoch: als einer der alten Stationstage wurde er schon in der Refor-mationszeit als Termin für einen Bußtag genutzt[8], es ist deshalb naheliegend, an ihm ein Bekenntnis zu verlesen, das zur Buße aufruft und dessen Verfasser sich in der Nachfolge von Johannes dem Täufer sehen[9].

Der Zeitpunkt der Verlesung ist für die Akzeptanz des Altonaer Bekenntnisses auch wichtig, weil er in einer Phase liegt, in der auch von theologischer Seite der Ruf nach einem Bekenntnis laut geworden ist. Deshalb wird das Vorlegen eines Bekenntnisses auch in Kreisen begrüßt, die nicht alle theologischen Aussagen teilen. Sie erkennen trotz theo-logischer Differenzen an, dass der Status confessionis gegeben ist und gestehen dem Altonaer Bekenntnis den Rang eines Bekenntnisses zu, auch wenn sie es nicht unterschreiben[10].

 

 



[1] „Nachstehend sei unseren Lesern auch die Predigt mitgeteilt, die von Pastor Georg Christiansen (Altona) in dem Gottesdienst vom 11. Januar nach Verlesung des vorstehenden Bekenntnisses gehalten wurde. Das Bekenntnis wird unseren Lesern durch diese Predigt noch wertvoller und klarer werden.“ (Vgl. Quellentext: Zeitungsausschnitt und Predigt)

[2] „So Gott will, soll dies Wort weit hinausschallen und in Kirche und Volk ein Echo finden. – Es will manchen falschen Wahn erschüttern, will schütteln und rütteln an verrosteten Pforten. – Es will ein Hinweis sein auf Hilfe und alleiniges Heil für Volk und Menschheit.“ Ebd.

[4] „Wir sind nicht auf die Idee gekommen, einmal etwas Besonderes zu veranstalten, sondern wir wurden seit dem Altonaer Blutsonntag in ein Müssen hineingeworfen und auf einen Weg gestellt, den wir bis zu Ende gehen mußten, und haben nun in monatelangem Mühen darum gerungen, Gottes Willen zu erkennen. Aber es endete damit, daß wir den Befehl Jesu hörten: ’Was ich euch im Geheimen sage, das sprecht öffentlich aus, und was ihr von mir in das Ohr geflüstert hört, das predigt auf den Dächern! – (Matth. 10,27.).“ Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Matth 3, 1-8: „1Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa 2und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. […] 8Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!“.

[8] Vgl. Dienst, Karl: Buß- und Bettage, RGG4, 1901.

[9] Ob sich diese These z.B. anhand von Tagebucheinträgen Asmussens stützen lässt, lies sich im Rahmen dieser Arbeit nicht prüfen, dies muß an anderer Stelle erfolgen.

[10]„Es ist in unserer Zeit etwas Neues, dass eine öffentliche kirchliche Erklärung die Überschrift ‚Bekenntnis‘ trägt. Ebenso neu ist, dass die Erklärung nicht von einem Kirchentag oder einer Synode, sondern von wenigen, durch die Gemeinschaft der Arbeit verbundenen Pastoren ausgeht. Beides ist verheißungsvoll. Wir stehen heute nicht mehr so wie noch vor wenigen Jahren unter dem Eindruck großer Zahlen. Die Kirchentage und Konzilien haben von ihrem Glanz verloren. Wir lernen wieder, dass die Kraft der Kirche in den Gemeinden und ihren berufenen Führern liegt. Dass dann aber die ‚Erklärungen‘ den Bekenntnissen weichen müssen, ist selbstverständlich in einer Zeit, in der die Kirche, von zahllosen Gegnern bedrängt, in statu confessionis steht, und Theologie und Philosophie existenzielles Denken fordern“ (DD 1933, S. 106)

Allgemein, Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen – Predigt zum Altonaer Bekenntnis

Diese Predigt habe ich bei eigener Recherche im Bielefelder Archiv für Kirchenkampf gefunden. Ich fand es sehr spannend, zu sehen, wie dort das Handeln der Verfasser des Altonaer Bekenntnisses theologisch reflektiert wurde. Die fett markierten Abschnitte sind Belegstellen für Aussagen in diesem Artikel.

Aus: Das evangelische Mecklenburg, LkA EKvW, Bestandnr. 5.1/597/F1 7 ff

Die Not und Verwirrung unseres öffentlichen Lebens haben 21 Altonaer Pastoren veranlasst, von der Kirche aus ein Wort und Bekenntnis in aller Öffentlichkeit [zu sagen].

Am 11. Januar d. J. sah die große Hauptkirche in Altona eine nach tausenden zählende Gemeinde, die mit Spannung darauf wartete, was die evangelische Kirche zu den mannigfachen Wirrnissen und Nöten dieser Zeit vom Evangelium her zu sagen habe. (…)

Es ist nicht das erste Mal, daß von kirchlicher Seite zu den Fragen des öffentlichen Lebens in programmatischer Weise das Wort genommen wird. Die Kirchentage, als die Sprecher des deutschen Gesamtprotestantismus innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen, sind mehr als einmal in den Kampf- und Sturmjahren seit 1918 mit feierlichen Botschaften an die Oeffentlichkeit getreten. (…) Die dauernde Wandlung und die fortschreitende Ver-wirrung der inneren Lage unseres Volkes erfordern aber eine immer erneute Ueberprüf-ung der Stellungnahme, (…) Und es entspricht der evangelischen Haltung, daß dieser Dienst (…) auch von kleineren Kreisen und freien Gruppen von Geistlichen und Laien geleistet werden kann und geleistet werden muß. Denn unser Volk in seiner abgrundtiefen Not wartet auf ein Wort wirklicher Klärung und Wegweisung, erwartet es von der Kirche. Man kann nur wünschen, daß dem Ruf aus Altona Stimmen aus allen Teilen des evangelischen Volkes antworten möchten, um unserem Volk zu helfen, den Weg zu finden, der es aus dem Dunkel und der Knechtschaft führt.

*

(1)Nachstehend sei unseren Lesern auch die Predigt mitgeteilt, die von Pastor Georg Christiansen (Altona) in dem Gottesdienst vom 11. Januar nach Verlesung des vorstehenden Bekenntnisses gehalten wurde. Das Bekenntnis wird unseren Lesern durch diese Predigt noch wertvoller und klarer werden.

 

Der göttliche Anspruch

Lk 3, 1-3; 7-16

Paul Steinmüller erzählt in seinen „Rhapsodien vom Glück“ von einem Kreis von Menschen, unter denen ein feiner Ton und ein inniges gegenseitiges Verstehen herrschten. – Doch der wohltuende Zusammenklang wurde gestört, als der Mann in ihre Mitte trat, der immer und überall recht haben wollte. – Die eigenwilligen und selbstsüchtigen Menschen und Menschengruppen sind eine Plage und ein Verhängnis für die Menschheit. – es Geht ihnen nur um ihr eigenes Meinen. Sie haben immer Recht. – Aber durch diesen Wahn verraten sie ihr Volk, – verraten sie die Menschheit und jede Gemeinschaft, in der sie stehen. (…)

Und nun steht heute ein Kreis Altonaer Pastoren vor euch und im Angesicht der großen Oeffenltichkeit. Unser Propst hat das Wort verlesen, das wir zu der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens zu sagen haben. – (2)So Gott will, soll dies Wort weit hinausschallen und in Kirche und Volk ein Echo finden. – Es will manchen falschen Wahn erschüttern, will schütteln und rütteln an verrosteten Pforten. – Es will ein Hinweis sein auf Hilfe und alleiniges Heil für Volk und Menschheit. –

Da werden uns viele fragen: Das ist doch eine unglaubliche Kühnheit! Wie kommt ihr dazu? Wir hören im Geiste die verschiedensten Stimmen durcheinanderrufen: Da sieht man, wie weltfremd die Kirche ist! Oder: Hier taucht wieder mal, fromm verbrämt, dies alte unaus-stehliche Herrschaftsgelüste der Kirche auf (…) Nun will auch die evangelische Kirche sich vordrängen, und die Altonaer Pastoren bilden sich wohl ein, ein besonderer Stoßtrupp zu sein.“ – Oder: „Nun mühen sich die Besten um die Zukunft unseres Volkes und um seine Einheit, daß all die verschiedenen Geister doch wieder miteinander sprechen in Deutsch-land. – und in dieses zarte Gewebe hinein greift klotzig – die Kirche. (…) – Solche Stimmen werden wir hören.  – Aber nicht nur solche! (…)Wir glauben, daß in allen Ständen, Kreisen und politischen Parteien Menschen sind, die solches Reden der Kirche sich gefallen lassen. (…)– Aber auch sie werden fragen: (3)„Woher nehmt ihr den Mut und die Vollmacht dazu? Wie kommt ihr dazu?“ So wollen wir denn versuchen zu antworten und das Geschehen dieser Stunde zu deuten. Wir stellen es unter das Licht der verlesenen Geschichte. (…)

I) Irgendwo am Jordan steht plötzlich, scheinbar unvermittelt, Johannes der Täufer und beginnt seine Botschaft hineinzurufen in seine Zeit. Er spricht Worte von gewaltiger Wucht und seit Jahrhunderten nicht mehr gehörter Schärfe. Was trieb ihn zu reden? Man könnte ja meinen, daß auch er einer von denen war, die immer und überall recht haben wollen, und daß er nur seine eigene Weisheit an den Mann bringen wollte. (…) Solche Deutung des Geschehens ist unmöglich. So dürfen wir nicht zu erklären versuchen, was dort vor sich ging. – Nein, Johannes hatte eine Botschaft, weil er einen Auftrag von Gott hatte. Es heißt: „Da geschah der Befehl Gottes zu Johannes, des Zacharias Sohn in der Wüste.“ – Das ist ganz wörtlich und ganz ernst zu nehmen. Johannes mochte sich zunächst weigern zu reden, er mochte unter dem Auftrag leiden, er mochte Gründe über Gründe dagegen anführen – es ging nicht. – Er mußte gehorchen. Sein Leben wäre zerstört worden und er selbst innerlich zerbrochen, wenn er nicht gehorcht hätte. – Und so geht er an den Jordan und predigt – auf Befehl!

Wenn die Kirche Jesu Christi ihr Wort sagen will, muß sie eine Sendung haben. – Und wenn Pastoren ein solches Wort wie das heute gesagte verkünden wollen, dann muß es ihnen befohlen sein. – Sonst ist das ganze nur Mache und ein religiöses Kunstprodukt. –

(4) Wir (…) wurden seit dem Altonaer Blutsonntag in ein Müssen hineingeworfen und auf einen Weg gestellt, den wir bis zu Ende gehen mußten, und haben nun in monatelangem Mühen darum gerungen, Gottes Willen zu erkennen. Aber es endete damit, daß wir den Befehl Jesu hörten: „Was ich euch im Geheimen sage, das sprecht öffentlich aus, und was ihr von mir in das Ohr geflüstert hört, das predigt auf den Dächern! – (Matth. 10, 27.) (…) Wir haben gelernt, daß man solches Werk und Geschehen nicht zwingen kann. Es wird einem hingelegt und es kommt der Befehl: nun stell dich hinein mit deiner ganzen Existenz!

(…) Wir stellen das Geschehen dieser Stunde bewußt unter den Satz: „Da geschah der Befehl Gottes an uns!“ Dann wird aber auch klar sein, daß wir hier nicht aus irgend einer politischen oder gar parteipolitischen Einstellung heraus gesprochen haben. Das wäre auch nicht möglich, denn da denken wir zu verschieden. Es wird auch weiter klar sein, daß wir nicht die Spitzen der Behörden eingeladen haben und uns über ihr Erscheinen freuen, weil wir einen Machtfaktor bilden wollen. Ebensowenig haben wir die Obrigkeit zu recht-fertigen, – wir erkennen Sie ja als von Gott gegeben an. Aber wir meinen, auch ihr das Wort sagen zu dürfen und zu sollen, das wir als Kirche zu sagen haben. (…) [Wir] reden dabei einzig und allein von dem Raume aus, wo ein Mensch in Verantwortung vor Gott steht, seinen Willen vernimmt und ihm gehorcht. –

II

Dabei schweben wir aber nicht in der Luft und leben nicht ins Blaue, sondern aus einer ge-gebenen und bestimmten Lage heraus. Gottes Befehle knüpfen an die jeweilige geschicht-liche Lage an, sie sind nicht zu lösen von dem Geschehen in der Zeit. Sie sind nicht blut-leere Theorie. Gott redet nicht in Allgemeinheiten.

Darum ist es mehr als eine historische Bemerkung, wenn es in unserem Texte heißt: „in dem 15. Jahr des Kaisertums Kaisers Tiberius“ … bis zu der Bemerkung: Da Hannas und Kaiphas Hohepriester waren: da geschah der Befehl Gottes.“ – Die bloße Nennung all dieser Namen legt die ganze Hoffnungslosigkeit der politischen, sittlichen und religiösen Lage jener Zeit dar. Welch ein Hin und her von Kräften und Mächten, wieviel Fallen-stellerei und Brunnenvergiftung, wieviel gegenseitige Verketzerung und Verspottung, wie-viel List, Sittenlosigkeit und Grausamkeit! Ja selbst bis ins Herz des Priesterstaates war die Auflösung gedrungen. – Es war ein anormaler Zustand, daß gleichzeitig zwei Hohe-priester ihren Einfluß ausübten: – der eine als Werkzeug des römischen Statthalters, der andere als der Vertrauensmann des Volkes!

(5)Aber auf der anderen Seite wissen wir auch, wieviel bestes Wollen in den Herzen vieler lebendig war. Die Treue gegen Land und Volk war nicht gestorben. Da wurde mit Leiden-schaft gerungen um die Erhaltung der politischen, nationalen, sozialen und religiösen Eigenart.

Und da geschah nun etwas an einer Stelle, an die kein Mensch dachte. Keine der treiben-den Kräfte hatte dies Geschehen in Rechnung gestellt. Aber nun schaltet sich auf Befehl Gottes Johannes der Täufer in den weitverzweigten und verzwickten Strom guter und böser Kräfte ein und ruft ein Wort von Gott her hinein in die Situation. – und was für ein Wort! Ein Wort, das die Menschen dort trifft, wo sie zu Hause sind. Ein Wort, das ihnen Ungeheures zumutet; das Wort vom Bußetun. – Ein solches Wort kann nur auf Befehl Gottes gesagt werden, sonst ist es eine unausstehliche Anmaßung. –

Wenn nun die Kirche durch das Wort ihrer Glieder sich einschaltet in den Strom des Kräfteaufwandes unserer Tage, so ist das ein Vorgang, den wohl auch heute manche nicht in Rechnung stellen. (…) Und doch kann nur sie das Wort sagen, das gesagt werden muß, und zwar allen ohne Unterscheid gesagt werden muß: Das Wort von dem Gott los sein unseres Geschlechts.

Johannes sagte es allen, er nahm jedem seine Selbstrechtfertigung. Er sagte ihnen, die ganze Nation, so wie sie war, stehe in einer großen allgemeinen Abweichung von Gott, denn sie habe ihre großen Güter und Heiligtümer sich zu Götzen gemacht. Sie hätten stolz und selbstherrlich auf ihren natürlichen Zusammenhang mit Abraham vertraut.

Aber alle Ichbegeisterung, alle Selbstherrlichkeit ist Sünde gegen Gott und steht unter seinem Gericht. Nur wenn wir uns bekehren und hineinstellen unter die Vergebung Gottes, können wir Heil gewinnen. – Nur hier liegt die Rettung. Wir leben in einer Zeit, die in einer Weise eisern und männlich ist. Sie ist kampfbereit und kampferprobt. Viele tragen mit einem Heldenmut, der höchste Achtung verdient, ihr Schicksal. In vielen lebt der trotzige Wille: „wir meistern dennoch das deutsche Geschick“.

Aber wir sehen auch das Gegenstück. Es ist wie ein Netz, in das wir alle irgendwie mithin-einverstrickt sind: die äußere und innere Ratlosigkeit und Unsicherheit. Wo haben wir denn wirkliche Sicherungen? Wir sind ratlos, weil alles unsicher ist in Wirtschaft und Politik und auf sittlichem Gebiet. Wir haben kennen festen unverrückbaren Maßstab für unsere Haltung. Und das ist so, weil wir gottlos sind. Darum zerbricht uns das Werk unserer Hände immer wieder. (…) Unser Vertrauen ist weithin Selbstvertrauen und Menschenver-götzung geworden und darum wackelt es an allen Enden. Wo Menschengröße und Men-schenleistung in Sport, Technik und Politik emporgehoben wird bis zu den Sternen des Himmels, da bleibt keine Bereitschaft und keine Fähigkeit zur Anbetung Gottes. Gott aber läßt seine Ehre keinem anderen. Das erleben auch wir in unserer Geschichte, in dem Ge-schehen unserer Tage, und wenn wir nicht hoffnungslos verblendet sind, müßten wir es erkennen. – Bis in die Einzelheiten hinein können wir es seit 1914 sehen, daß uns nichts wirklich gelingen will.

In diese Situation hinein kommt dies Wort der Kirche: „Tut Buße, seht eure Verranntheit, erkennt die Grenzen menschlicher Vernunft und menschlichen Tuns. Seht das Gericht Gottes über uns Menschen !“. – Beugen wir uns unter den Zorn Gottes – Dann wird sich eine neue Haltung anbahnen, die Haltung, in der wir wieder aufblicken zu Gott und rufen: „Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig. Erfreue uns wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir solange Unglück leiden!“

III

Die Botschaft Johannes des Täufers hatte ihre Wirkung. – Sie wurde ungeheuer lebendig. Sie traf die Hörer in dem Zentrum ihrer Existenz. Das Volk fragte ihn und sprach: „Was sollen wir denn tun?“(…) Aus all den verschiedenen Lebensordnungen heraus (…) kam die Frage nach der neuen Haltung. – Und Johannes zerstörte ihnen nicht den Zusammenhang zwischen Beruf und neuer Gesinnung (…) – sondern weist jeden zurück in seinen Stand und Beruf. Aber es zeigt ihnen die ewigen Grenzen des Willens Gottes, die kein Einzelner und kein Volk ungestraft überschreitet. (…)

Wo Buße ist, da wird auch heute aus dem Leben heraus gefragt: Was haben wir zu tun? – Und diese Frage wird an die Kirche gerichtet. (…). Sie hat anderes zu sagen als was Welt, Gesellschaft, Presse vielleicht besser zu sagen weiß. (…) Sie verbreitet nicht Privatent-deckungen, sondern Gottes Wort an die Welt. – Sie steht dabei nicht über dem Lärm und Getriebe der Welt, – nein, sie ist mitten hineingestellt. (…) – Aber ihre Botschaft ist Bot-schaft von oben, ist Verkündigung des ewigen Gotteswillens über den Geschlechtern der Erde, – daß die Menschen mit Gott zu rechnen haben als der entscheidenden Instanz ihres Lebens. – Aber das Letzte und Größte hat die Kirche nicht in der Hand. Sie hat die Botschaft zu sagen. Sie hat Zeugnis abzulegen. Weiter nichts! (…)

Aber über aller Not und Verwirrung des Lebens und über dem Wort der Kirche dazu leuchtet das alte und ewig gültige Wort von der Vergebung: „Siehe da, – Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (6)Das ist der größte und schönste Hinweis, den die Kirche zu geben hat: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, sondern hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5, 19-20) Amen!

 

Theologie

Pro Christ

Bei Charly habe ich einen Artikel über das diesjährige ProChrist gelesen. Und er kritisiert die Veranstaltung aus konservativer Perspektive. Sonst kenne ich vor allem die Kritik von der anderen (progressiven?) Seite, mir stößt vor allem der Eventcharakter auf: Riesige Show, viel Tamtam, gut Jesus kommt auch vor, und Ziel des Spiels ist, daß irgendwelche Menschen durch Türrahmen gehen.

Ich bin da eher Befürworter einer ruhigeren, langsameren Evangelisation, in der die Massenpsychologie als Beweggrund für das Bekenntnis zu Jesus weitgehend ausgeschlossen werden kann. Das Evangelium ist mir zu wichtig, als daß man es derart zur Show machen sollte, wobei ich nicht in Abrede stellen will, daß einige wirklich über diesen Weg zu Gott finden. Das ist dann auch gut so, aber diese Ausrichtung auf ein bestimmtes Verhalten der Zielgruppe halte ich für fragwürdig. Ausrichtung an Nöten, Problemen und Fragen der Einzenen fänd ich besser, aber das geht in Großveranstaltungen nicht so gut. Dort, so scheint mir, funktionieren vor allem klare schwarz-weiß Aussagen, was Gott will oder nicht, und was wir deshalb zu tun haben oder nicht. Und ein solcher Fundamentalismus ist an sich erst mal schwierig.

Nun aber zu Charlys Kritik, die in eine etwas andere Richtung geht. Zentral an seiner Kritik scheint mir folgender Satz zu sein:

Warum verkaufen manche das Heil so billig, wenn uns die Bibel von einem anderen, einem teuren Preis berichtet? Weil dann evtl. nicht so viele bereitwillig “nach Vorne kommen” um sich zu bekehren? Weil es Menschen geben mag, die sich empören könnten?

Was ich zuerst heraushöre, ist eine Kritik an der Zielvorgabe, daß möglichst viele nach vorne kommen und durch den Türrahmen gehen sollen, als Zeichen für ihre Bekehrung. Die weitere Kritik richtete sich wohl gegen die Angst vor Kritik von außerhalb. Im Kern geht es ihm aber darum, daß das Heil billig verkauft werde. Er schreibt weiter:

Tatsächlich gibt es innerhalb der Kirchen und christl. Gemeinschaftsverbänden diese Diskussion, ob man Heute noch in den Predigten die Sünde, die Sündhaftigkeit der Menschen, die Notwendigkeit der Vergebung und die Notwendigkeit einer Buße – einer Lebensumkehr, erwähnen darf. Damit beraubt man zwar dem christlichen Glauben den gesamten Kern, der ihn eigentlich erst ausmacht – aber das scheint so manchen Kirchen- und Gemeinschaftsvertretern nichts auszumachen.

Da bin ich einer Meinung mit ihm. Es kann nicht angehen, daß Prediger davor zurückschrecken, von Sünde, Buße und Vergebung zu predigen. Das sind zentrale Begriffe des christlichen Glaubens, und die dürfen der Gemeinde nicht vorenthalten werden. Fallen diese weg, kommt man schnell zu ner Wellness-Sache die vielleicht noch was mit diversen esoterischen Angeboten zu tun haben mag, aber nicht mehr viel mit Christus. Die Sünde ist eine ernste Sache, sie zu negieren oder zu relativieren letztlich Betrug. So ähnlich auch Charly:

Sagt er jetzt die wichtigen Worte, die aus einer religiösen Betrachtung eine Verkündigung des Evangeliums macht: Sagt er, dass Jesus zu dir kommt und dir deine Sünden vergibt? Das du leben darfst, obwohl du wegen deiner Sünden hättest sterben müssen? ……. – ……. – …….  Nein!

Wobei ich hier andere Akzente setzen würde. Mich spricht in letzter Zeit eher der Befreiungsbegriff an als der Vergebungsbegriff: Befreiung von der Sünde und nicht Vergebung der Sünde. Und das aus folgendem Grund:

Mit der Vergebung der Sünde ist das so ein Problem, denn die ganze Sache kommt moralisch und Oberlehrerhaft daher. Erst muß der Mensch einsehen, daß er Sünder ist, daß er Fehler macht, und daß er dafür verantwortlich ist. Das ist nicht so schnell einsehbar, wie auch Charly anmerkt:

Ich erinnere mich an mehrere Gelegenheiten, die ich erlebt habe, wo Jemand auf solch unerwartet eingeworfene Passagen in einem Gebet, zu welchem er eingeladen war es mitzubeten, reagierte und ausrief: “Ne, also, nö, für mich braucht Niemand zu sterben. Und welche Sünden denn? Ich bin doch kein Sünder!”

Und dann wäre dann ja noch die Frage, wieso Gott den Menschen schafft, seinen Fall zuläßt, nur um ihm dann deshalb böse zu sein, Seinen Sohn zu schicken und ans Kreuz nageln zu lassen, damit Er nicht mehr böse sein muß auf diejenigen, die das glauben…

Zumal das mit dem Fall dann nochmal schwierig wird, wenn man vom unfreien Willen ausgeht, so wie ich.

Deshalb sehe ich die ganze Geschichte lieber weniger als eine von rechtem und unrechtem Verhalten, sondern als eine Geschichte von Gefangenschaft und Befreiung. Die Menschen sind unter der Sünde gefangen. Das heißt, sie tun das, was nicht recht ist, weil sie ihre Hoffnung auf Dinge setzen, die Unrechtes verlangen, um das Heil zu erwerben. Ein Beispiel: Wenn jemand seine Hoffnung auf sein Vermögen setzt, oder Geld im Allgemeinen, dann muß er zusehen, daß er immer über Geld verfügt, denn seine Hoffnung liegt auf seinem Geld. Im Zweifel muß er eben auch Unrechtes tun, um an Geld zu kommen, denn am Geld hängt seine Hoffnung für sein Leben.

Und dieses Unrecht muß er tun, auch wenn er es als Unrecht erkennt und eigentlich nicht tun will. Er ist unter der Sünde, in ihrer Gefangenschaft, und sie gibt ihm vor, was zu tun ist. Die Sünde ihrerseits wird oft als Rebellion gegen Gott aufgefasst, und da ist in dem Beispiel ja gegeben: Nicht auf Gott setzt der fragliche Mensch seine Hoffnung, sondern auf das Geld. Um aus dieser Gefangenschaft herauszukommen, muß er erst einmal Gott vertrauen lernen. Vertrauen und Glauben sind im Griechischen übrigens das gleiche Wort: Pistis. Daß man Gott vertrauen kann, sieht man nirgends deutlicher als am Kreuz von Golgatha: Gott selbst läßt sich von den Menschen ans Kreuz schlagen, läßt sich ermorden, obwohl es Ihm ein Leichtes wäre, sich zu befreien. In der Antike war genau das eine absolute Unglaublichkeit. Die Mehrheit er Menschen konnte nicht glauben, daß ein Gott diese Schmach, diese Schmerzen, dieses Elend auf sich nimmt, denn einem Gott stehen Herrlichkeit und Glanz zu, und ein Gott kann sich diese auch verschaffen.

Der wahre Gott ließ aber von alledem ab und ließ sich ermorden. Seine Macht demonstrierte Er später, indem Er sich das Leben wiedernahm.

Damit sind zwei Dinge klar:

  1. Gott liebt die Menschen so sehr, daß Er lieber selbst Schaden nimmt, als etwas auf sie kommen zu lassen. Man kann Ihm vertrauen.
  2. Gott ist in der Lage, selbst aus dem Tod heraus das Leben wieder zu ergreifen. Er ist enorm mächtig. Man kann auf Ihn hoffen.

Dagegen stinkt da Geld als Hoffnungsträger ab, aber sowas von! Und alle anderen Alternativgötter ebenso, deren sich die Sünde bedient, um über uns zu herrschen. Luther nannte Sünde, Tod und Teufel oft in einem Zug, man kann sie also auch synonym verstehen. Dann wäre die Sünde das selbe wie der Teufel. Wir wären also unter der Herrschaft des Teufels, bevor Christus uns befreit hat. Diese Befreiung ist die Bekehrung, und der Glaube ist da von Anfang an mit dabei, denn in dem Moment, in dem ich Gott vertrauen (also glauben) kann, bin ich bekehrt, und dann gibt es auch keinen Grund mehr, das Unrechte zu tun, das ich nicht tun will, denn Gott verlangt von mir kein Unrecht, Er verlangt überhaupt kein Tun, um das Heil zu erwerben oder zu erhalten. Er schenkt mir das Heil aus Seiner freien Gnade, und ich kann nichts dagegen tun, aber auch nicht dafür.

Ich meine nun, ein an Gott Interessierter würde weniger auf Distanz gehen, wenn ich ihm sage, daß er unter dem Joch der Sünde steht, als wenn ich ihm sage, daß er ein Sünder ist. Beides ist eigentlich das gleiche, aber im ersten Fall liegt der Hauptauenmerk darauf, daß er Opfer der ganzen Sache ist, während im zweiten Fall der Täteraspekt betont wird. Beides trifft zu, aber wenn ich den Menschen in seiner Not an- und ernstnehmen will, muß ich auch hinsehen, was seine Not ist, und nicht, wo er überall falsch gehandelt hat. Das ist ihm meist selbst klar.

Ist jemand zum Glauben gekommen und frei, dann ist er auch empfänglich für Hinweise zu falschem Tun, denn er wird ja danach streben, Gott, der ihm so viel Gutes getan und ihn befreit hat, zu gefallen. Dann braucht man auch nicht mit der Hölle zu drohen oder sonstwie Angst machen.

Schwule Pfarrer???

Schwule Pfarrer zum Letzten

Dies ist der letzte Teil der Reihe „Schwule Pfarrer“ (1. Teil, 2. Teil, 3. Teil, 4. Teil).

Alles wesentliche ist bereits gesagt, hier soll es sich um eine Zusammenfassung der Ergebnisse handeln. Dazu noch ein kleiner Ausblick, was all das nun eigentlich bedeutet.

Der Artikel, der zu dieser Reihe geführt hat, „argumentierte“ grob so, daß Pfarrer besondere Verantwortung haben, daß Gott sexuelle Sünden besonders hasse, daß (praktizierte) Homosexualität eine solche Sünde ist und daß deshalb (praktizierende) Homosexuelle niemals Pfarrer werden dürften, weil sie der Verantwortung nicht gerecht werden würden und so das Evangelium verfälschten.

Die Verantwortung der Pfarrer

Im zweiten Artikel der Reihe sahen wir, daß Pfarrr tatsächlich eine besondere Verantwortung haben in der Ausübung ihres Amtes. Ihre Verantwortung liegt darin, daß sie Gottes Willen nicht verfälschen dürfen. Also keine billige Gnade, um mit Bonhoeffers Worten zu sprechen. Damit ist gemeint, daß sie nicht sagen dürfen, daß es kein Problem sei, wenn jemand etwas Schlechtes tut. Etwas Schechtes muß etwas Schechtes bleiben. Der Täter ist von Gott angenommen, nicht die Tat, und dadurch hat der Täter auch die moralische Verpflichtung sich anzustrengen, die Tat nicht zu wiederholen. Er muß ein Einsehen in die Schlechtheit der Tat haben.

Würde ein Pfarrer Schlechtes tun, also etwas, das Gottes Willen widerspricht, und würde er daran festhalten, daß dies nicht schlecht wäre, dann wäre er ein schlechtes Vorbild und würde seiner Verantwortung nicht gerecht.

Das bedeutet aber nicht, daß man von einem Pfarrer erwarten soll, daß dieser nie etwas Falsches täte. Dann müßten die Kanzeln leer bleiben. Jeder Mensch macht Fehler, auch ein Pfarrer ist davor nicht gefeit. Wichtig ist hier, wie er mit seinen Fehlern umgeht, ob er sie so wie Wulff dann einräumt, wenn nix anderes mehr geht, oder ob er sie wie Käßmann eingesteht, Buße tut und die Konsequenzen zieht.

Nicht die Konsequenzen zu ziehen, bzw. den Fehler kleinzureden oder zu relativieren, das schadet dem Amt, und der Verkündigung des Evangeliums. Denn es begründet eine Doppelmoral, in der der Pfarrer für sich Dinge rausnimmt, die für andere nicht gelten.

Sexuelle Sünden

Im dritten Teil sahen ir, daß es so etwas wie sexuelle Sünden eigentlich gar nicht gibt. Jedenfalls spielen sie keine große Rolle. Was eine Rolle spielt, eine große Rolle sogar, ist der Götzendienst, also die Verehrung eines anderen Gottes, eines anderen Ideals, als Gott selbst. Solche Götzendienste werden dann häufig mit sexuellen Vokabeln umschrieben.

Das schlimme am Götzendienst ist immer, daß man damit nicht Gott folgt, sondern menschengemachten Größen, seien es Holzbilder, die mit Gold überzogen sind, oder Ideologien wie der Kommunismus. Der Mensch hängt sich dabei immer an seine eigene Macht, vertraut auf das Selbstgemachte, und nicht auf Gott.

Beispielsweise, wenn er, also der Mensch, dem Zeitgeist anhängt. Dann ist alles gut, was zu dieser Zeit bzw. in dieser Kultur als gut gilt. Die Kultur ist geprägt vom Menschen, der sich seine Gedanken dazu machte. So ist in den USA etwa die Todesstrafe gut, in Europa wird sie als schlecht angesehen. Gleiches könnte man mit zig Beispielen durchspielen. Was in einer Kultur gut ist, muß in einer anderen Kultur nicht auch gut sein. Der Zeitgeist, die Kultur, funktioniert nur schlecht als dauerhafter Maßstab. Und daß es schlecht ist, anderen nach unserer Kultur beibiegen zu wollen, was gut ist und was nicht, wissen wir spätestens, seit wir den Kolonialismus kritisch reflektiert haben.

Das darf man nun nicht falsch verstehen. Es ist nicht schlecht, eine Kultur zu haben. Jeder Mensch hat eine Kultur und lebt in mindestens einer Kultur. Aber es ist kritisch zu sehen, wenn man unreflektiert an einer Kultur festhält und sie quasi als das Evangelium ausgibt. Das Evangelium ist keine Kultur, auch wenn es Kulturen seit 2 Jahrtausenden positiv beeinflußt. Und keine Kultur setzt das Evangelium perfekt um, denn jede Kultur ist menschengemacht und somit zeitlich, also fehleranfällig. An der Kultur, dem Zeitgeist festzuhalten ist somit nichts anderes, als an Menschlichem festzuhalten, als Götzendienst zu treiben.

Und ein solcher Zeitgeist ist die Sache mit der Beziehung der Sünde auf die Sexualität: die Leibfeindlichkeit. Die Bibe ist nicht so leibfeindlich, wie es viele Christen heute sind. Die Bibel macht sich keine Gedanken darüber, ob auch jeder brav nur Sex zur Fortpflanzung hat, ob auch jeder die Lust zu meinden sucht. Die Bibel vergötzt die Lust auch nicht, aber sie sieht sie als zum normalen Leben gehörig an. Sie ist nicht per se schlecht. Sex ist nicht per se schlecht. Zärtlichkeit ist nicht per se schlecht. Wie diese Gedanken ins Christentum gekommen sind – ich würde mal vorschtig vermuten, die Gnosis hat damit etas zu tun – kann ich nicht sagen. Ich bin mir aber recht sicher, daß es mit dem Evangelium von Jesus Christus nichts zu tun hat, wer mit wem ins Bett geht. Denn das Evangelium sagt, daß Gott den Sünder annimmt. Durchaus nicht die Sünde, aber den Sünder. Und es verlangt vom Sünder die Nächsten-, Feindes- und Gottesliebe. Jesus sagt, die Nächsten- und die Gottesliebe sei das ganze Gesetz und die Propheten. Demnach müßte sich alles daraus ableiten. Ich kann verstehen, wie sich das Götzendienstverbot darauf ableitet. Ich kann verstehen, wie sich der Ehebruch daraus ableitet, wie Diebstahl- und Mordverbot. Wie aber das Vorbot einer bestimmten Art der Sexualität, dei auf Augenhöhe geschieht, daraus abgeleitet werden sollte, erschließt sich mir nicht. Und keiner der Anti-Schwulen-Christen, die ich bisher traf, konnte diesen Zusammenhang herstellen.

Diese ganze Ablehnung bestimmter Arten gleichberechtigter Beziehungen sehe ich daher ganz in der Nähe des Götzendienstes. Hier wird versucht, eine Ordnung aufrecht zu erhalten, die doch selbst vom Menschen gemacht ist, die Kultur ist, und eben nicht identisch it dem Evangelium, und die deshal vor dem Evangelium zurückweicen müßte, wenn sie eine christliche Kultur wäre.

Homosexuelle Praktiken

Wir sahen im vierten Teil, daß es nur zwei Bibelstellen gibt, die für die Beurteilug der Homosexualität in Frage kommen, und daß es sich im einen Fall um eine rhetorische Figur handelt (in der es im Hintergrund wohl auch nicht um gleichberechtigte homosexuelle Beziehungen handelt) und im anderen Fall um eine ganz dunkle Formulierung, die so heute icht mehr entschlüsselt werden kann, und die nicht zwingend gegen homosexuelle Praktiken gerichtet sein muß. Sie gilt außerdem für Israel, das ins Land Kanaan einzieht, und nach dem Apostelkonzil dezidiert nicht für Heidenchristen wie uns.

Ob praktizierte Homosexualität ein Problem für Gott ist, muß also stark angezweifelt werden. Jedenfalls stärker, als das Verbot, Schweinefleisch zu essen oder milchige und fleischige Speisen zu mischen.

Vielmehr sieht alles danach aus, daß eine in Liebe geführte homosexuelle Beziehung, die von gegenseitiger Liebe und Verantwortung getragen ist, genauso wenig ein Problem ist, wie eine gleiche heterosexuelle Beziehung.

Schluß

Es gibt also keinen Grund, schwul Pfarrer für ungeeignet zu halten. Ungeeignet sind selbstherrliche Pfarrer, ohne Liebe, ohne Demut, ohne Reue. Pfarrer die alles schon wissen und daher auf Gott verzichten können, weil Er ihnen eh nix Neues mehr sagen kann. Ungeeignet sind Götzendiener-Pfarrer, die sich auf menschlichen Zeitgeist stützen und an ihm stärker festhalten als am Evangelium, denen das es-war-schon-immer-so wichtiger ist als der Mensch, dem sie eigentlich Nächsteniebe erweisen sollten.

Wenn es einen schwulen Pfarrer gibt, auf den all das zutrifft, dann stimme ich dem zu, daß er nicht geeignet ist für das Pfarramt. Aber das liegt dann nicht an seiner sexuellen Orientierung.

Sollte es aber wirklich so sein, daß ich die Bibel falsch interpretiere, und daß schwule Pfarrer wirklich ein Problem sind, dann ist das Problem eigentlich viel größer. Denn dann stelen die Kirchen aktuell Pfarrer ein, die ungeeignet sind. Dann ist die Auswahl der Bewerber vielleicht prinzipiell ungeeignet. Dann gibt es womöglich auch zig andere Pfarrer, die als Heterosexuelle ungeeignet sind. Die Kritiker sollten sich also nicht so ehr auf die Schwulen unter den Ungeeigneten einschießen, sondern analysieren und herausarbeiten, wie man geeignete Pfarrer ermitteln kann. Und dabei sollte nicht auf die Sexualität geachtet werden, denn der richtige Galube ist von der Sexualität unabhängig. Jedenfalls wird das ständig behauptet, wenn gesagt wird, daß ein nicht praktizierender Homosexueller kein Problem wäre.