Gesellschaft

Kirche und Politik

Friedrich Wilhelm Graf, Professor der evangelischen Theologie in München, hat ein Interview gegeben, in dem er die Kirchen kritisiert hat. Diesmal ging es nicht um die Verweiblichung der Kirche oder einen Kuschelgott, sondern um die politischen Äußerungen von Kirchenleuten.

Der epd zitiert Graf folgendermaßen:

Das geistliche Amt macht keineswegs politisch klüger oder kompetenter als andere Rollen in der pluralistischen Gesellschaft.

Damit hat er Recht. Wo ich aber etwas stutze ist, wenn der epd ebenfalls schreibt, nach Graf sollten sich die Kirchen auf religiöse Sinndeutung und Riten zur heilsamen Unterbrechung des Alltags konzentrieren. Man müßte das ganze Interview mal lesen, aber ich habe es nicht zur Hand. So wie sich mir die Sache jetzt darstellt, bin ich ein wenig stutzig.

Es hört sich fast so an, als wolle Graf die Kirche auf ein wenig Eiapoppeia reduzieren, ein bißchen Opium fürs Volk, wenn man so will, damit das Volk sich gut fühlt.

In früheren Verlautbarungen (siehe Link) fand er das noch verkehrt, deshalb bin ich etwas zurückhaltend, ob ich ihn richtig verstehe.

Fakt ist doch, daß die Kirche zuerst und vor allem die Aufgabe hat, das Evangelium zu verkünden. Man kann das als geistliche Aufgabe verstehen, aber sie ist doch nicht unpolitisch! Die Gesellschaft, in der Jesus lebte, scheint mir das auch so verstanden zu haben, sonst wäre Er wohl kaum als politischer Aufrührer hingerichtet worden. Jedenfalls gab es diese Deutung recht bald, wie die Rede vom König der Juden in den Evangelien nahelegt.

Fakt ist aber auch, daß selbst wenn ein Bischof (oder auch ein Pfarrer) nicht politisch klüger ist als andere, er dennoch eine Verantwortung hat, mit der er umgehen muß. Und dazu gehört, nicht zu schweigen, wenn Probleme ausgemacht werden. Sicherlich können Bischof und Pfarrer sich irren, aber ebenso geht es doch auch Politikern, die mal eben in ganz andere Ressorts wechseln können, je nachdem, wo der Parteienproporz ihre Arbeit gerade benötigt. Oder wie ist es mit Journalisten, die zunehmend weniger Zeit haben, Artikel gründlich zu recherchieren udn die immer mehr den Eindruck vermitteln (wenigstens mir), daß vor allem voneinander abgeschrieben wird und man lediglich sich selbst verstärkt.

Nehmen wir als Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Da sind Menschen, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen. Manche fliehen vor Krieg, manche hoffen auch eine wirtschaftlich bessere Zukunft und womöglich sind auch Abenteurer dabei. Wie dem auch sei: Viele dieser Menschen kommen bei dem Versuch um, die Küste Europas zu erreichen, und wenn sie doch herkommen, steht ihnen oftmals ein Leben eingepfercht im Lager auf Lampedusa bevor. Sicherlich besser als in irgend einem Bürgerkrieg zu verrecken, aber ist es wirklich gut? Wenn Kirchen hier den Finger in die Wunde legen und darauf aufmerksam machen, daß hier ein wirkliches und echtes und dramatisches Problem vorliegt, kann ich daran nichts Verkehrtes erkennen. Hat Amos zum Elend seiner Landsleute geschwiegen?

Gleiches gilt für den Aufreger vor ein paar Jahren, als Käßmann ihr „nichts ist gut in Afghanistan“ losließ. Hatte sie Unrecht? Hat das Militär die Situation tatsächlich verbessert? Fürchten wir nicht, daß die Taliban wieder die Macht übernehmen, wenn die internationalen Truppen abgezogen werden?

Probleme müssen angesprochen werden, wenn sie auftauchen. Und Kirchenleute haben oftmals eine gewisse Freiheit, die andere Akteure im politischen Feld nicht haben: Politiker wollen wiedergewählt werden, Journalisten wollen ihre Zeitungen verkaufen. Kirchenleute leben von der Kirchensteuer, sind beamtet und vom Broterwerb freigestellt. Sie können freier sagen, was sie denken, als andere, und sie haben die Bühne dazu. Dies nicht zu nutzen wäre IMHO viel schlimmer. Denn dann hätten sie etwas tun können und taten es nicht.

Freilich stellt sich die Problematik, daß Kirchenleute auch falsch liegen können. Manche vertreten auch ziemlich haarsträubenden Unsinn. Das ist die Kehrseite, nicht nur der herausgehobenen Stellung der Kirchenleute in der Gesellschaft, sondern von Redefreiheit und freiheitlicher Demokratie überhaupt.

Falsche Propheten erkennt man daran, daß das, was sie prophezeiten, nicht eintrat. Mehr hatten die Leute in biblischen Zeiten auch nicht. Uns geht es ebenso. Das Problem der falschen Propheten besteht fort.

Ein anderes Beispiel. USA, 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Während eineige Afroamerikaner nach mehr Rechten und Freiheiten strebten, gab es weiße Gemeinden, die dem zwar im Grunde positiv gegenüber standen, die aber Mäßigung einforderten und auch darauf hinwiesen, daß die Kirche nur das Geistliche betrifft. Dagegen haben Pfarrer, Martin Luther King Jr. ist in Deutschland wohl der Bekannteste, immer auch in ihren Predigten auf die Bürgerrechtsbewegung und ihre Ziele Bezug genommen wie umgekehrt bei Demonstrationen auch immer christlich-biblisch argumentiert.

Ich kann mir vorstellen, daß es damals Menschen gab, die sich unschlüssig waren, ob das nun okay so war, Gott für diese eigentlich politischen Ziele in Anspruch zu nehmen. Heute sind wir wohl mehrheitlich der Auffassung, daß King und seine Mitstreiter tatsächlich auch die Sache Gottes betrieben, daß die Gleichberechtigung eine Forderung Gottes ist die auch in den Kirchen nicht verschwiegen werden darf.

Man kann den Bogen noch weiter zurück spannen in die Nazizeit und den Kirchenkampf damals (gerade auch was Röm 13 angeht).

Wenn jemand Unsinn redet, so kann man sich damt auseinandersetzen. Man kann sagen, oder schreiben: Herr Schneider, Frau Käßmann, Herr Graf, da haben sie Unsinn geredet. Und dann kann man im konstruktiven Streit gemeinsam zu einer besseren Position kommen.

Wichtig ist jedoch auch, daß die Kirchenleute ihre politischen Aussagen im Evangelium verankern. Das geht gerne einmal unter, was auch an den Medien liegen kann. Trotzdem habe ich den Eindruck, man kann das Evangelium und seine Rolle aus einer Rede Kings viel schwieriger herauskürzen als aus aktuellen Stellungnahmen von Kirchenleuten. Allerdings könnte ich es auch nicht besser machen.

In diesem Sinne, ein glückliches und erfolgreiches 2014.

Theologie

Wie geht Widerstand?

Ich habe mir dazu schon öfter mal Gedanken gemacht und bin jetzt über nen Blogpost und die Diskussion dazu wieder auf das Thema gekommen: Wie macht man Widerstand? Wie macht man einen ethisch verantwortbaren Widerstand gegen ungerechte Zustände?

Namen, die mir dabei immer einfallen, sind Bonhoeffer, Schneider und King.

Dietrich Bonhoeffer beteiligte sich an einer Verschwörung gegen Hitler, die zum Ziel hatte, Hitler zu ermorden. Die Sache flog auf und Bonhoeffer kam ins KZ und wurde kurz vor Kriegsende noch erhängt. Bei allem Verständnis dafür, Hitler umbringen zu wollen, ist ein Tyrannenmord doch trotzdem noch ein Mord. Das an sich ist schon ein Problem, dann aber auch noch die Frage: Wer entscheidet, wer ein Tyrann ist? Bonhoeffer war klar, daß er mit dem Mord an Hitler Schuld auf sich laden würde. Er sprach davon, „dem Rad in die Speichen zu fallen“. Es geht also nicht nur darum, das „Richtige“ zu tun, sondern darum, die eigene Existenz (bis hin zum ewigen Heil) aufs Spiel zu setzen, ja damit rechnen zu müssen all das zu verlieren, um das zu tun, was man als „das Richtige“ ansieht. Hier greifen keine ethischen Regeln mehr, weil von niemandem verlangt werden kann, die eigene Existenz zu verlieren. Hier gibt es auch keine ethische Rechtfertigung für das Tun, die man in eine Regel fassen könnte, denn was, wenn ein Nazi auf die Idee kommt, dem Rad der toleranten Gesellschaft in die Speichen zu fallen? Man denke an Breivik!

Deshalb denke ich, Bonhoeffers Art des Widerstands kann nur derjenige für sich in Anspruch nehmen, der alles fahren läßt, der nicht gleichzeitig noch versucht, sich zu rechtfertigen. Bonhoeffer sah sich nicht als Märtyrer, sondern als Sünder.

Als Märtyrer bezeichnete Bonhoeffer aber Paul Schneider. Schneider war Pfarrer der Rheinischen Landeskirche, und wurde im KZ ermordet. Er ist auch bekannt unter dem Namen „Prediger von Buchenwald“. Schneider kam ins KZ, weil er sich von den Nazis nicht den Mund verbieten ließ. Dort war er dann bald in einer Einzelzelle. Wer die Gedenkstelle KZ Buchenwald einmal besucht hat erinnert isch vielleicht, daß die Einzelzellen in der Nähe des Appellplatzes waren. Bei dem oft stundenlangen Antreten und den Schikanierungen durch die Lagerwärter zog sich Schneider oft an den Fenstergittern ans Fenster hoch und rief Bibeltexte durchs Fenster. Daher die Bezeichnung „Prediger von Buchenwald“. Das ging immer so lange, bis die Wärter in seiner Zelle waren und ihn zusammenschlugen. Schneiders Art des Widerstands war Gewaltlos. Er kämpfte nicht gegen irgendwen, sondern für etwas. Er ließ sich nicht in die Verfälschung des Evangeliums einspannen. Und er verweigerte sich der Beeinflussung der Kirche durch die Nazis. Diese freie innere Haltung brachte ihm im totalitären System den Tod. Er starb, weil er an seinem Glauben festhielt. Daher wird er auch zu Recht Märtyrer genannt. Fragen muß man jedoch nach der Effektivität seiner Art des Widerstands. Er blieb selbst integer, lebte Freiheit vor, aber erreichte nichts für sich oder seine Zeitgenossen. Wo Bonhoeffer zumindest potentiell für eine Verbesserung hätte sorgen können (wobei man auch fragen muß, inwieweit der Staat ohne die Person Hitler aber mit all den anderen Nazis an der Spitze besser gewesen wäre), zielte Schneider gar nicht auf politische Verbesserungen ab. Er leistete schlicht passiven Widerstand, indem er sich dem Zugriff des Systems verweigerte. Positiv kann man vielleicht sagen, daß er heute als Vorbild dienen kann. Vorbild dafür, sich nicht äußerem Druck zu beugen, sondern seinen Überzeugungen treu zu bleiben.

Bekannt für seinen passiven Widerstand wurde Martin Luther King. Die Methode der nonviolent direct action (gewaltlose direkte Aktion) sorgte mit für die Verbeserung der bürgerrechtlichen Situation der Afroamerikaner vor allem in den Südstaaten der USA (Gandhi war dabei ein wichtiger Einfluß für King). Prinzipiell funktionierte das Ganze so, daß King mit seinen Leuten (die speziell in Gewaltlosigkeit geschult wurden) irgendetwas taten, was die machthabenden Weißen Eliten provozierte, aber eben kein Unrecht war. Zumindest nicht für die meisten Menschen in den USA und weltweit, denn lokal gab es schon bestimmte Gesetze und Verordnungen, die die Handlungen mitunter verboten. King arbeitete über den öffentlichen Druck. Die Regierung konnte es sich sowohl international nicht leisten, die USA als rassistisch dastehen zu lassen, als sie auch innenpolitisch auf die Wähler im Norden achten mußte. Also King machte etwa eine Demonstration, und die örtlichen Behörden ließen die Demonstranten mit äußerster Gewalt auseinandertreiben. Dabei blieben die Demonstranten ihrerseits gewaltlos. Die Medien waren vor Ort und berichteten von den Gewalttaten der Polizei in alle Welt. Daraufhin sah sich die Bundesregierung in Washington genötigt, Druck auf die lokalen Behörden auszuüben. So kam es nach und nach zu Verbesserungen. Das System war aber auch anfällig. Waren die Medien nicht vor Ort, war die gewaltfreie Aktion so effektiv wie Schneiders passiver Widerstand, denn die Weißen vor Ort sahen oftmals das Problem gar nicht, oder trauten sich nicht, den Mund aufzumachen. Ein Großteil des Erfolgs lag auch an der Überreaktion der örtlichen Behörden. Denn ohne die massive Gewalt (etwa Hunde gegen Kinder) konnte keine starke Reaktion in den Medien erreicht werden. So kam es dann auch dazu, daß mancherorts die Polizei recht gewaltfrei vorging bei der Verhaftung der Demonstranten und kein großes Medienecho stattfand. Die Gewalt kam dann im Gefängnis, verborgen vor der Öffentlichkeit. Als King sich später den sozialen Problemen zuwandte und auch gegen den Vietnamkrieg sprach, konnte er keinen Druck mehr erzeugen, weil viele Menschen ganz anders dachten. Wenn jemand die Gewalt im Süden gegen die Afroamerikaner für Unrecht ansah, mußte er noch lange kein Anhänger der von King später vertretenen Sozialpolitik sein. Der Zusammenhang zwischen Armut und Unterdrückung war auch damals nicht vielen klar. Das Problem bei Kings Widerstand ist also das gleiche wie bei Schneider. Auch wenn man im Gegensatz zu Schneider mit der Methode der gewaltfreien direkten Aktion nun direkt etwas tun konnte, war man im Falle einer fehlenden öffentlichen Unterstützung ebenfalls allein auf weiter Flur. So wie Schneider. Und auch King riskierte sein Leben: Sein Haus wurde durch eine Bombe zerstört und schlußendlich wurde er erschossen.

Beide Widerstandsarten, die von King sowie die von Schneider, ind sich eigentlich sehr ähnlich. Und sie taugen auch durchaus zur ethischen Regelbildung. Derartiger Widerstand ist unproblematisch, weil gewaltlos. Keiner wird Opfer von Gewalt, der dies nicht von vorn herein in Kauf nehmen würde. Bei Bonhoeffer ist das anders. Sein Widerstand hätte, wäre er erfolgreich gewesen, zum Tod eines Menschen geführt. Man kann nun lange theoretisieren, ob Tyrannenmord hinnehmbar ist oder ncht der unter welchen Umständen. Fakt bleibt aber, daß dieser Widerstand nicht gewaltfrei ist und somit auch allen Pazifisten und sonstigen Gewaltgegnern nicht offen steht, ohne daß sie in Rechtfertigungsprobleme geraten. Deshalb versuche ich auch bei aller Sympathie mich davor zu hüten, das zu rechtfertigen. Vor Jahren gab es einen Fall, bei dem einem Kindesentführer Folter angedroht wurde, um ihn dazu zu zwingen, das Versteck des Jungen bekannt zu geben, weil zu befürchten stand, daß der Junge sterben würde, wenn er nicht bald gefunden wird. Daß der Junge zu dem Zeitpunkt schon tot war, konnte keiner wissen. Unabhängig davon kann es nicht sein, daß ein Polizist in einem Rechtsstaat mit Folter auch nur droht, selbst wenn der Täter so ein Unmensch ist und Gefahr im Verzug ist. Ich wurde damals oft kritisiert als ich sagte, daß ich der Meinung bin, der Polizist müßte mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden, bei aler Hochachtung vor ihm.

Sieht man sich jetzt den Fall in dem Blogpost an, den ich zu Anfang verlinkt habe, dann muß man zuerst festhaten, daß es dort nicht um gewaltfreien Widerstand geht. Bei einer Rede von de Maizière haben mehrere hundert Studenten im Raum derart Krach gemacht, daß er nicht zu Wort kam. Auch wenn hier niemand verletzt wurde, wurde Gewalt angewandt. Es wurde verhindert, daß eine Meinung von einem Menschen an andere Menschen weitergegeben wurde. Die Zuhörer wurden dahingehend bevormundet, daß ihnen unterstellt wurde, sie könnten das (angeblich) Negative des Vortrages nicht selbst erkennen. Wer so vorgeht, kann jedenfalls selbst kaum noch Toleranz verlangen, wenn er sie anderen vorenthält. Auch muß man die Frage stellen, inwieweit die Aktion überhaupt wirklich etwas bessert, und man nicht mit anderen Methoden weiter gekommen wäre. Vorherige Anhänger de Maizières wird man damit nicht gewonen haben, und das ist doch Ziel der demokratischen Auseinandersetzung: Die anderen zu überzeugen.

Während Bonhoeffers Widerstand in einer Extremsituation, in der keine offene Auseinandersetzung zum Thema möglich war, zu gewalttätigen Mitteln greift wird hier ohne Zwang Gewalt ausgeübt, wenn auch das Maß der Gewalt geringer ist. Trotzdem: In einer Gesellschaft, in der derjenige den Ton angibt, der alle anderen niederschreit, möchte ich nicht leben. Wenn das die Alternative der Krawallmacher zu unserer heutigen (absolut nicht idealen) Gesellschaft ist, dann kann ich nur sagen: Nein danke, der Nächste bitte.

Staat & Politik

Blockupy, politische Ethik und Martin Luther King Jr.

Vor ner Weile hab ich ne Arbeit geschrieben über Martin Luther King’s „Letter from Birmingham Jail„. Dieser Brief war eine Antwort auf „A Call for Unity„, ein Schreiben von acht weißen Geistlichen zu den Demonstrationen gegen die Rassentrennung in Brimingham, Alabama.

King geht in seinem Brief unter anderem darauf ein, welche Umstände seiner Meinung nach dazu führen, daß man etwa Demonstrationsverbote brechen kann und sogar brechen muß, und auch in welcher Art das zu geschehen hat. Statt selbst eine weitere Auslegung (neben meiner Arbeit, die einen etwas anderen Fokus hat) folgen zu lassen, will ich es jedem Einzelnen überlassen, sich weitere Gedanken zum Brief zu machen. Bei youtube fand ich dieses Video, in dem beide Schriften vorgelesen und mit videos untermalt werden. Das Video dauert etwa eine Stunde, und vorsicht, es kommen auch Bilder von ermordeten Afroamerikanern vor, die ziemlich schockieren können. Wer einen schwachen Magen hat, sollte es sich also überlegen.

Nachtrag: Das Video ist in Deutschland inzwischen gesperrt, irgend eine Urheberrechtssache. Wie dem auch sei, hier ist der Link für diejenigen, die nicht direkt von einem deutschen Rechner drauf zugreifen.

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Wir böse Europäer

Gestern war ich in der Studentengemeinde. Das Thema des Abends war Ernährung und was damit alles zusammenhängt. Also: Was essen wir, wie viel wovon, wie weit muß das rangekarrt werden, unter welchen Bedingungen wird produziert, wer kriegt wie viel vom Gewinn etc etc. Wir saen dann auch nen Ausschnitt aus dem Film „We feed the world“, in dem es um spanische Tomaten ging.

Da wurden dann die Gewächshäuser gezeigt, daß die Pflanzen gar nicht mehr in richtiger Erde wachsen, wei das Krankheiten verursacht etc etc…

Am Ende ging es dann darum, was man ändern könnte, und die Antwort war im Grunde: Regional und saisonal, also Nahrungsmittel aus der Region kaufen und Nahrungsmittel kaufen, die zu der Zeit auch gerade reif sind und nicht aus irgendwelchen Gewächshäusern stammen.

In einer Diskussion im Mittelteil sollten wir uns zu der Frage unterhalten, wieso gesagt würde, daß die europäische Politik den Markt in Afrika schädigt. Andere Gruppen sollten rausfinden, wer die Leidtragenden und die Nutznießer des Systems seien.

Die Fragen hatten Wachtturm-Charakter. Ich weiß nicht wer von den Lesern hier schon einmal von Jehovas Zeugen besucht wurde un wirklich mal einen Blick in den Wachtturm riskiert hat. Für alle, die es nicht kennen: Da gibt es einen Text, der die speziell Zeugen Jehovas-artige Interpretation einer Bibelstelle oder sonstigem darlegt, und am Ende gibt es Fragen, die dann angeblich in der Versammlung auch ne Rolle spielen (weiß ich aber nicht, ich war nie auf ner Versammlung dort, die haben mich nur besucht).

Jedenfalls sind die Antworten auf die Fragen jedes Mal die Wiederholung eines Satzes im Text. Es ist also keine Reflektion des Inhaltes gefragt, sondern nur die Reproduktion.

Das hat mich dann bei der Studentengemeinde schon ein wenig geärgert, daß die Eingeladenen uns scheinbar für so dämlich hielten, daß weiterdenken nicht gefragt war.

Zum Beispiel die Frage nach den Nutznießern. Natürlich die bösen Europäer, die günstig Essen einkaufen wollen. Im Ernst: Ich kann mir nicht jeden Tag Bio leisten, und um mir nen Kopf zu machen was gerade saisonal ist etc ist mir das zu viel Aufwand. Ich komme mir deshalb nicht besonders böse vor, aber egal (scheinbar bin ich aber nicht der Einzige, der nicht durchweg fair ud sozial einkauft).

Jedenfalls stellte ich mal die Frage, ob nicht auch die afrikanischen Konsumenten Nutznießer seien, schließlich könnten sie durch die europäischen Subventionen ebenfalls günstig einkaufen (natürlich ist mir klar, daß dort der Anteil der Bauern an der Gesellschaft signifikant höher ist als hier und daß die Subventionen diese an die Existenz gehen, aber ich wollte ienfach mal das Muster Europa böse – Afrika gut aufbrechen). Darauf bekam ich eine unterschwellig aggressive Antwort in die Richtung, daß dies natürlich sehr phiosophisch gefragt sei und man sich auch Gedanken machen müsse, wie dies mit Abhängigkeiten aussehe nd ob man die wolle etc etc.

Ich hab mich danach dann nicht mehr groß eingebracht, da ich den Eindruck hatte, die Marschrichtung sei klar und ein Querdenken nicht gewünscht. Was ich mir gewünscht hätte, wären da mehr Informationen gewesen zu Einfuhrzöllen, Marktzugang, Auswirkung von Subventionen bzw zu erwartende Auswirkungen bei Streichung etc.

Kurz: Ich wollte die Systemfrage stellen.

Im Moment schreibe ich gerade an einer Arbeit zur Bürgerrechtsbewegung in den USA. Martin Luther King und so. Und da kommen zwei Muster immer wieder. Einerseits die Weißen, bzw die Liberalen unter ihnen. Die waren mit der Rassentrennug aufgewachsen und sahen ein Problem darin, daß die Afroamerikaner schlecht behandelt wurden. Sie stellten aber in ihrer großen Überzahl nicht die Frage nach dem System der Rassentrennung und inwieweit das gerecht sei, sondern sie versuchten innerhalb des Sytems für Veränderung zu sorgen. Oftmals wurde gesagt: Wir bringen die einzelnen Menschen zum Glauben an Jesus Christus, dann werden sie auch ein ethisches Verhalten entwickeln und dann gibt es trotz der Rassentrennung keine Unterdrückung mehr (Schlagwort: seperate but equal).

Auf der anderen Seite waren diejenigen, die das Problem im System sahen und dieses ändern wollten, vor allem die Aktivisten der Bewegung von King, Abernathy und Shuttlesworth bis zu jedem einzelnen Teilnehmer an Demonstrationen und Streiks. Sie erkannten das System als ungerecht ud wollten dafür sorgen, daß auf dieser Ebene eine Änderung herbeigeführt würde. Sie hatten nichts dagegen, wenn Individuen für Christus gewonnen werden sollten, viele waren selbst tief gläubig, die meisten Anführer waren Pfarrer.

Was sie aber auch sahen war, daß es Menschen gab, die sich as Christen bezeichneten und trotzdem Rassisten waren, daß also so as Problem nicht gelöst werden konnte. Und vor allem: Die Ungerechtigkeit besteht und muß schon deshalb direkt angegangen werden, zum Wohle derer, die darunter leiden und ohne größere Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Unterdrücker zu richten.

Was hat das nun mit dem Gemüse und den bösen Europäern zu tun? Wie die Bürgerrechtsaktivisten kein Problem damit hatten und es sogar begrüßten, daß Einzelne sich Christus zuwenden, finde ich ebenfalls gut, wenn jemand saisonal und regional einkauft. Ich kaufe Anfang des Monats auch mal Bio, jedenfalls eher als am Ende wenn das Geld knapp wird. Aber ebenso wie die Bürgerrechtler in der Konversion Einzelner nicht die Lösung sahen, sehe auch ich die Lösung nicht darin, darauf zu warten, daß alle Menschen bewußt einkaufen. Es ist fraglich, ob das überhaupt so weit kommt. Und so lange regional und saisonal teurer ist gibt es außer Idealismus kienen Grund, das zu tun.

Überhaupt frage ich mich, was uns genau stört an nichtregionalen Lebensmitteln? Die Transportwege? Das allein kann es nicht sein, der Transport bringt ja auch Menschen in Lohn und Brot und das ist prinzipiell ja erst einmal gut (das relativiert sich dann vielleicht wieder, wenn man deren Einkommen sieht). Das Problem sind die Emissionen sowie die Verkehrsinfrastruktur, die aufrecht erhalten werden muß um den Transport zu gewährleisten.

Aber was wenn der Transport mit weniger Emission und weniger Infrastruktur zu schaffen ist, und wenn auch der Fernfahrer anständig versient?

Ebenso das Gewächshaus. Was ist das Problem damit, wenn Pflanzen nicht in der Erde wachsen? Das Problem ist doch höchstens, was es an Rssourcen kostet, diese Gewächshäuser zu betreiben, und daß dadurch alle möglichen Umweltprobleme entstehen. Dann sollte man sich doch aber diesen Problemen zuwenden, Energie vielleicht teurer machen (Energiewende?) oder auch das Wasser…

Ein anderer Punkt der im Film aufkam waren die Arbeiter in den Gewächshäusern, die – freundlich ausgedrückt – sich nicht den höchsten Lebensstandard leisten konnten. Aber auch hier: Was ist das Problem? Doch nicht, daß sie in ienem Gewächshaus arbeiten, sondern daß sie nicht angemessen entlohnt werden.

Ich hätte gerne diese Fragen angesprochen, dazu Hintergrundinformationen gehört, dazu Gedanken ausgetauscht und kreativ Gedanken gemacht, wie eine systemische Lösung aussehen könnte. Regional kaufen kann ich danach immer noch.

Leider wurden diese Fragen aber nicht berücksichtigt, ja vielleicht sogar nicht zugelassen. Es hatte etwas Belehrendes, nicht Kommunikatives. Und das war mir eindeutig zu wenig.