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Geh doch rüber

Ich kann mich ja aktiv nicht mehr daran erinnern, dazu bin ich zu jung, aber es kursiert das Gerücht, daß früher, als die Mauer noch stand und im Osten Europas der real existierende Sozialismus weder von Ochs noch Esel aufgehalten wurde, im Westen diejenigen Menschen, die auch positive Seiten am Sozialismus zu erkennen glaubten, eben jenen Spruch an die Stirn geknallt kriegten:

Dann geh doch rüber!

Natürlich wurde das auch mal gesagt, wenn es gar nicht um Sozialismus ging, aber es wurde zum Totschlagargument: Was Du sagst ist Sozialismus, Sozialismus kannste drüben haben, drüben geht’s den Leuten schlecht, also kann die ganze Idee nix sein.

Eine durchaus einfache Weise, jemanden abzukanzeln, um sich nicht mit seiner Position auseinandersetzen zu müssen. Auch heute kommt es immer wieder zu Revivals des Spruchs und der Methode etwas z brandmarken, das man eigentlich gar nicht kennt. Zum Beispiel im Artikel von Philipp Möller vom 25.4. bei The European.

Der Artikel mit dem Titel „Dummdreistes theologisches Drohszenario“ endet nämlich genauso, wie dargestellt:

Wer sich aber mehr „Gott“ in der Regierung wünscht, dem sei ein Umzug empfohlen – zum Beispiel in den Iran.

Es geht um das ewige Thema der sog. Neuen Atheisten: Kirche und Glaube böse, alle anderen gut, und wer nicht überzeugt ist muß sich nur im Iran umsehen oder sich daran erinnern, was im 11. September 2001 so in New York los war. Achja, Kreuzzüge, Hexenverbrennung und dergleichen mehr, alles nr wegen der Religion.

Diesmaliger Aufhänger für den provokativ gestalteten Text ist das angebliche Drohszenario, das die Kirchen aufbauen würden, daß nämlich ohne Gott alles erlaubt sei. Dabei unterstellt er, wie es fast schon Tradition ist, daß kirchliche Menschen meinten, nur mit Angst vor der Hölle moralisch handeln zu können (wobei er ihnen ja genau das weiter oben abspricht, weil das afrikanische Christentum Kinder als Hexen verfolgen würde und allgemein die Religion ja Frauen unterdrückt etc, die üblichen undifferenzierten und unbelegten Vorwürfe).

Aber zurück zum Thema: Man sieht daß sie Herr Möller wenn, dann nur sehr oberflächlich mit dem Glauben, zumindest dem christlichen, befasst hat. Sonst würde er wissen, daß der Grund für die guten Werke nicht die Angst ist vor der Hölle, sondern eben genau der Umstand, daß man vor der Hölle eben keine Angst mehr haben muß, weil man durch Christus vor Gott gerechtfertigt ist. Die gte Tat des Christenmenschen ist also Reaktion auf die gute Tat Gottes an ihm selbst. Herr Möller muß natürlich nicht glauben, daß es diesen Gott wirklich gibt, aber er sollte doch als Einwohner des Landes der Lutherischen Reformation die Grundbegriffe derselben kennen, wenn er sich schon zu der betreffenden Religion äußern will. Inzwischen gibt es da auch einen (weitgehenden?) Konsens mit der römischen Kirche, und der wurde vor ein paar Jahren, also zu Lebzeiten von Herrn Möller geschlossen.

In einer Sache hat Möller Recht: Man kann auch ohne zu glauben Gutes tun, trotzdem scheint es mir sehr optimistisch, wenn er schreibt:

Er (sc. der von Religion freie Mensch) achtet die Selbstbestimmungsrechte seiner Mitmenschen und erkennt den Sinn des Lebens in dem einzigen Leben, das er hat. Er hinterfragt seine Urteile und lässt sich von keiner religiösen oder politischen Ideologie zum blutigen Kampf für „das Gute“ gegen „das Böse“ verleiten.

Sicherlich gibt es Menschen ohne Religion, die all das tun. Aber trifft das auf alle religionslosen Menschen zu? Es gibt sicherlich unreligiöse Menschen, die politischen Ideologien nachlafen und nachliefen, und nter diesen wird man ach welche finden, die ihre Urteile gerade nicht hinterfragen. Religionslosigkeit macht per se nicht zum kritisch denkenden Menschen. Und nicht zum Toleranten. Deshalb bin ich auch bei der Achtung der Selbstbestimmngsrechte skeptisch. Es ist vielleicht nur eine Korrelation, daß es im Osten, wo die Religion schwach ist, Parteien wie NPD und DVU ihre größten Erfolge feiern. Sicherlich, es hat viele Gründe, warum Menschen rechten Ideologien nachlaufen, und Religion hilft da vielleicht gar nicht mal so sehr dagegen, aber ich habe so meine Zweifel, daß alle Nazis religiöse Menschen waren und sind. Wenn aber ach Relgiionslose darunter sind, so stimmt die Rede von der Achtng der Selbstbestimmngsrechte nicht.

Da wir gerade beim Recht sind, sich selbst zu bestimmen: Möller achtet zwar die persönliche Glaubensfreiheit:

Die persönliche Glaubensfreiheit ist „Mensch sei Dank“ durch das Grundgesetz gesichert.

allerdings scheint es auch hier Grenzen zu geben. Denn wenn diese Glaubensfreiheit beinhalten sollte, daß man auch tun können soll, was man für richtig hält, dann hört die Freiheit auf, und mir geht es hier nicht um Gesetzesbrüche aufgrund religiöser Überzeugungen, sondern um Wahlen und Bndestagsabstimmngen:

Der moralische Kompass der Religion, der nur zwischen dem „lieben Gott“ und dem „bösen Teufel“ unterscheiden kann, gehört ins Museum. Nicht in Kitas, Schulen, Universitäten oder Gerichtsgebäude – und schon gar nicht in den Bundestag.

Glaubensfreiheit bedeutet also nicht, daß man seine Kinder nach den eigenen Überzeugungen erziehen darf, etwa indem man sie in eine kirchliche Kita schickt, oder in der Schule für den Religionsunterricht anmeldet (was er mit der Universität meint, versteh ach ich nicht). Und Glaubensfreiheit bedeutet vor allem nicht, das hebt Möller deutlich hervor, daß ein religiöser Bundestagsabgeordneter entsprechend seiner Überzeugung abstimmen darf. Das gesteht Möller wohl nur nichtreligiösen Abgeordneten zu. Die religiösen Abgeordneten würden sich dann wohl der Stimme zu enthalten haben oder gegen ihr Gewissen abstimmen müssen! Das wird weiter unten im Text noch einmal deutlich gemacht, dort fordert er ein System

in dem demokratisch gewählte Volksvertreter im Sinne des Volkes entscheiden – nicht im Sinne ihrer Religion

Interessant fände ich, wie er den Sinn des Volkes ermitteln will, gibt es da irgend ein Zentralkommitee, vielleicht in Form einer Vorhut der KLasse der Religionslosen? Und vor allem, inwieweit der Sinn eines Volkes, das zu 2/3 Mitglied einer der beiden großen Kirchen ist, vom Sinn der Religion des Abgeordneten abweicht, die höchst wahrscheinlich ebenfalls das Christentum ist. Aber freilich, der Text soll provokativ sein, und da kann man auch einmal Forderungen aufstellen, die keinen Sinn ergeben. Neben der Forderung, daß Abgeordnete nach dem (von der gbs festgelegten?) Sinn des Volkes abstimmen sollen statt nach ihrem Gewissen, fordert er noch

Firewall gegen Dogmen, Doppelmoral und Diktaturen

Er benutzt Analogien aus der IT, also nicht wundern, es geht um ein gesellschaftliches System für das 21. Jahrhundert.

Leider bleibt er dann den Entwurf auch schuldig. An sich logisch, denn wie könnte ein System ohne Dogmen auskommen, also ohne feststehende Vorentscheidungen, die nicht relativiert werden? Die Menschenrechte könnten so etwas darstellen, wollte man ein sälulares System formulieren. Das will er aber offenkundig nicht. Alles was er tun will, ist zu polemisieren: Hier die Religionen, die für alles Leid auf der Welt verantwortlich sind (ohne Belege zu nennen, er suggeriert nur) und af der anderen Seite die Möglichkeit, ohne Religion viel besser und in größerer Eintracht zu leben.

Man beachte, daß er auch hier nur suggeriert, daß das möglich wäre, ohne eine tatsächliche Alternative anzubieten. Die müßte sich dann der Kritik stellen und wer weiß, vielleicht ist er sich dessen bewußt, daß er auch kein konkretes System anzubieten hätte, das den einzelnen Religionen überlegen wäre.

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Laizismus in der Krise?

Während in letzter Zeit die neuen Atheisten und ähnliche pro-laizistische Grüppchen immer wieder von sich reden machen (oder kommt nur mir das so vor?) scheint es so, als rufe das Mutterland des Laizismus in der Krise nach der Hilfe der Religionen, so meldet es jedenfalls Radio Vatikan (via).

Die Weltreligionen sollen angesichts der Wirtschaftskrise ihre Werte stärker zum Ausdruck bringen. Aso, also wenn es hart auf hart kommt, soll Religion also doch nicht nur Privatsache sein, die irgendwo hinter verschlossenen Türen geschieht und bloß nicht irgendwie wahrgenommen werden soll (gar durch unbequeme Äußerungen zu aktuellen politischen Themen), sondern sie soll die Gesellschaft Werte lehren.

In diesem Zusammenhang wird wohl auch davon gesprochen, Abschlüsse evangelischer Einrichtungen in Frankreich staatlich anzuerkennen, wie es scheinbar bei den katholischen Einrichtungen schon länger (immer?) der Fall ist (so viel zum Stand des Laizismus in Frankreich). Gleichzeitig scheint die französische Regierung (und damit wohl auch der nach Hilfe schreiende Präsident) weiterhin Anhängerinnen anderer Religionen vorschreiben zu wollen, wie sie sich zu kleiden haben (bzw man will die Frauen, die u.U. aus eigener Überzeugung Burka tragen „befreien“ von dieser ihrer Entscheidung. Man denke, wie ein Gesetz zr Minirockpflicht in den 60er Jahren in Europa angekommen wäre).

Alles in allem scheint derzeit viel in Bewegung zu sein. Die Staaten in Europa, egal ob laizistisch (Frankreich) oder lediglich weltanschaulich neutral (Deutschland) suchen angesichts von Krise und Bewußtwerdung der Existenz des Islam hierzulande nach Wegen, damit umzugehen, und rufen dabei wie gesehen einerseits nach Religionen, verbieten andererseits aber auch ihre Ausübung, oder schränken sie zumindest ein.

Ich wünsche mir, und ich denke das haben unsere Gesellschaften in Europa auch nötig, eine Debatte darum, ob und in wie weit Religion oder Religionen nicht doch (oder immer noch) eine gesellschaftliche Funktion erfüllen, und wie man dem gerecht werden kann in einer Art, die alle Menschen einschließt, ob Atheist, Muslim, Jude, Christ oder was auch immer. Die Gesellschaft befindet sich in einem Umbruch, und es bracht Wege, mit der neuen Situation umzugehen. Diese Wege sind noch nicht gefunden, aber einerseits nach Religiösen Werten rufen und andererseits deren Praxis zu verbieten, wenn’s nicht passt (Burka) geht nicht, das ist inkonsistent.

Die Religion hat nicht die Aufgabe, für Ruhe zu sorgen wenn die Regierungen durch ihr Handeln (oder Nichthandeln) eine Krise heraufbeschworen haben, sie ist nicht ultima ratio des Staates, vor allem nicht im Laizismus, aber auch nicht im weltanschaulich neutralen Staat. Sie lebt und lehrt ihre Werte, mal mehr, mal weniger, aber sie kann nicht mit dem Staat darüber verhandeln, welche Werte sie denn nun lehren soll um den Staat zu unterstützen, und welche Lehren sie abschaffen soll, weil sie dem Staat nicht genehm sind (bzw bestimmte Parteien gerne die Islam- oder Religionsphobie Karte spielen, wenn gerade Wahlkampf ist).

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Eigentlich ein guter Protestant

Der Nachtwächter hat auf meine Polemik gegen Brights und Atheisten mit einem Glaubensbekenntnis geantwortet. Dieses Bekenntnis wiederum finde ich so interessant, daß ich nun, anstatt einen langen und ausführlichen Kommentar darunter zu setzen, mit diesem Artikel darauf eingehen will.

Zu sagen wäre noch, daß ich gerade nicht den Nachtwächter meinte mit meiner Polemik, auch wollte ich nicht kritisieren, daß sich Brights oder andere zu Gruppen zusammenfinden. Meine Kritik galt einer bei manchen Brights und Atheisten verbreiteten Hochmütigkeit, die sie gegenüber Religiösen an den Tag legen. Nun aber zum Bekenntnis:

Der Gedanke, den ich beim Lesen des Bekenntnisses hatte, war in etwa der: Eigentlich ein gut protestantisches Bekenntnis. Bis auf die Gottesfrage, aber hier ist der Protestantismus auch schon immer sehr weit gewesen (i.d.R. weiter als ich die Grenzen des Christentums fassen würde, aber das ohne jede Wertung und natürlich rein subjektiv).

Zum Beispiel die Leugnung des freien Willens:

und dass ich nicht an so etwas wie einen “freien Willen” des Menschen glaube. Wer mich liest, weiß das; und wer mich hört, kennt den Klang. Jede psychische Regung ist determiniert und wird erst im Nachhinnein rationalisiert. Daraus erhüpft ein besonderer Begriff von der Freiheit, die ich nur als eine Freiheit von Angst verstehen kann.

Das erinnert mich sehr stark an Calvin, der in seiner Lehre von der doppelten Prädestination auch einen Freiheitsmoment sah. Kein Papst oder sonstiger Priester konnte ihn von Gott trennen. Ähnlich war das auch schon bei Luther in der Schrift De Servo Arbitrio.

Der Nachtwächter lehnt die

Bücher, Traditionen, Überlieferungen in neurotisch zementierten und von gut bezahlten Verwaltern verwaltete Buchstaben

ab und setzt dagegen sein Leben und seine Lust. Ich meine verstanden zu haben: Seine Erfahrung. Und nichts anderes ist es eigentlich, was in all den Büchern und Traditionen der „organisierten Religion“ überliefert wird (Klar sehen das einige anders, und viele dieser Leute bezeichnen sich als Christen, was ich ihnen nicht absprechen kann, ohne in die no-true-scotsman Falle zu tappen. Allerdings sind auch diejenigen true scotsmen, die die Überlieferung eben als Überlieferung ansehen und nicht als unfehlbares Diktat vom Himmel). Es besteht, nach meinem Verständnis, alos kein signifikanter Unterschied zwischen dem Nachtwächter und (zumindest Teilen des) Protestantismus.

Der Nachtwächter spricht auch von einer Verantwortung, die er aufgrund seines Glaubens verspürt.

… Parareligion des Konsumismus, die sowohl direkten Abwehrzauber als auch narzißtische Allmachtsträume verkauft, um industriell erstellte Produkte zu verkaufen. Ich trete diesem Ansinnen entgegen, weil ich die Verantwortung habe, diesem Ansinnen entgegenzutreten.

Solche Verantwortung verspürt wohl jeder Mensch, der an etwas glaubt, und da jeder Mensch etwas glaubt (noch so ein Punkt, in dem ich dem Nachtwächter zustimme), sollte solch ein Verantwortungsgefühl bei jedem vorhanden sein. Bleibt die Frage, für was sich die Menschen verantwortlich fühlen. Ein fundamentalistischer Christ oder Muslim etwa kann die Verantwortung verspüren, die Welt vor einer (aus seiner Sicht schädlichen) Gottlosigkeit (wie man den Begriff auch immer füllt) zu reißen. Wie der Nachtwächter dem Konsumismus, den er persönlich als schädlich erlebt, entgegentritt, so tritt der religiöse Fundamentalist der Gottlosigkeit entgegen, der Kapitalist der Planwirtschaft (okay, der war platt) und der Kommunist der Unterdrückung der Arbeiterklasse (auch nicht viel besser, die Beispiele sollten aber aufzeigen können, was ich meine). Insofern sehe ich auch einen gewissen prinzipiellen Widerspruch zwischen der Verantwortung und dem Entgegentreten zu folgenden Sätzen des Nachtwächters:

Niemals mache ich meinen Glauben zu einem Zwang für andere Menschen, niemals leite ich daraus gesellschaftliche Forderungen und eine für alle Menschen verbindliche Moral ab, die auch gegen Andersgläubige durchgesetzt werden soll, niemals beanspruche ich, dass mein Glaube für andere Menschen verbindlich ist und setze diesen Anspruch mit irgendwelchen Zwangsmitteln durch.

Wie trete ich einer Sache entgegen, ohne Zwang anzuwenden? Wie ohne Forderungen zu formulieren? Mir ist schon klar, daß der Nachtwächter keine Kreuzzüge veranstaltet, und daß er sich bei seinem Eintreten gegen den Konsumismus auf das stützt, was er für gut hält und gegen das vorgeht, was er für schädlich hält. Doch nichts anderes dachten die Kreuzritter und die Selbstmordattentäter (ich spreche jetzt nicht von den Führern, die um des eigenen Machtkalküls Willen die Massen gegeneinander aufgehetzt habe, das ist ein anderes Problem), wenn auch diese zu deutlich gewalttätigeren Mitteln gegriffen haben als es der Nachtwächter wohl tat und tun wird. Im Recht wähnen und wähnten sich alle, jeder lebt in seinem eigenen „gutgekreisten Selbstbetrug“, und anders können wir auch nicht.

Ein letzter Punkt, der eine Nähe zum Protestantismus (reformierter Ausprägung) nahelegt ist der Ablehnung des „celestialen Brimboriums“. Deshalb gibt es in reformierten Kirchen in der Regel keine Bilder, und auf die Pfaffen wurde in der Reformation auch gescholten, am liebsten wohl von Luther, dem godfather der Beschimpfungen.

Daneben bringt er allerlei gute und wichtige Kirchenkritik (Schweigen der Kirchen angesichts verschiedener Entwicklungen – wobei ich höchstens von einer zu leisen Stimme sprechen könnte, was tatsächlich ein großes Problem ist), aber auch au meiner Sicht fragwürdige Vorwürfe (Bekenntniszwang bei kirchlichen Arbeitgebern. Welcher Parteisekretär verliert nicht den Posten, wenn er die Partei verlässt, auch wird nie der Vorwurf erhoben, daß kein Ausländer Bundeswehrsoldat werden kann). Das sind jedoch andere Themen, die extra erörtert werden müßten, und mit dem Bekenntnis an sich nichts zu tun haben.

Der Nachtwächter hat in seinem Bekenntnis sehr gut seinen Standpunk dargelegt. Ursprünglich dachte ich daran, ein eigenes Bekenntnis als Reaktion zu schreiben, allerdings wurde mir schnell klar, daß ich nicht zu einem so zusammenhängenden und schlüssigen Text gekommen wäre (dieser Text hier ist auch nicht gerade die Krone der Schreibkunst). Schon alleine daher zieh ich meinen Hut vor dem Nachtwächter, seiner Offenheit und seiner Schreibkunst.

Ich habe wie gesagt einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Bekenntnis des Nachtwächters und meinem eigenen Bekenntnis (ich bezeichne mich als Protestanten) festzustellen gemeint. Allerdings möchte ich den Nachtwächter nicht als Protestanten vereinnahmen. Distanziert sich von Kirche und sonstigen Formen organisierter Religion, und ich respektiere das. Daher auch das „eigentlich“ im Titel dieses Beitrags. Doch wäre es mir manchmal lieber, mehr Nachtwächter im Protestantismus zu haben als denkfaule und verantwortungsscheue Fundamentalisten, die das Denken und die Verantwortung ihren Führern und Texten aufbürden, um später ihre Hände eventuell in Unschuld waschen zu können. Eigentlich eine sehr unprotestantische, ja unchristliche Einstellung. Nach meinem Dafürhalten. Trotzdem bezeichnen sich diese Leute als Christen, und ich muß das hinnehmen, so wie ich hinnehmen muß, daß Leute wie der Nachtwächter sich außerhalb der Kirche stellen, obwohl sie (nach meinem Dafürhalten) gut hineinpassen würden.

Und da ich niemanden vereinnahmen kann, noch jemandem das Christsein absprechen, muß ich mich damit abfinden, daß ich Gespräche, die ich gerne innerkirchlich führen würde (etwa über den überpersonalen Prozess) mit Außenstehenden, wenn überhaupt, führe, und Gespräche, die eigentlich in den Bereich der Abgrenzung gegen außen gehören, wie über den Kreationismus und die Vergötzung der Bibel, innerkirchlich stattfinden.

Mit fröhlichem Gruß an den Nachtwächter…. 😉

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Atheisten und Brights – eine Polemik

In letzter Zeit hab ich mir häufiger mal Blogs und sonstige Webseiten von Atheisten, Kirchengegenern und sogenannten Brights angesehen und den ein oder anderen Artikel auch gelesen.

Dabei stoße ich stereotyp auf die gleichen Aussagen:

1. Gläubige Menschen wissen gar nicht, was sie glauben, weil sie Paragraph X des Kirchengesetzes nicht kennen etc.

2. Die Bibel/Kirchengesetz/Dogmen sind unlogisch und widersprechen sich wird oft als Grund dafür angegeben, sich von der Kirche abgewandt und einem naturalistisch-humanistischen Weltbild (was auch immer man darunter verstehen mag) zugewandt zu haben.

3. Gläubige sind zu ängstlich, selbst zu denken und hängen sich deshalb an Autoritäten wie Bischöfe oder Götter. Damit zeigen sie ihre Unfreiheit auf.

Wer sich entsprechende Seiten einmal angesehen hat, wird die Aussagen kennen oder Ähnliches gehört haben und vielleicht auch dem ein oder anderen Punkt zugestimmt haben. Doch überprüfen wir einmal, wie es sich damit verhält:

Ad 1: Gläubige Menschen kennen vielleicht wirklich nicht jedes Wort der Bibel, jedes Dogma und nicht jede Schlußfolgerung, die man daraus ziehen könnte. Allerdings ist die Bibel ein Buch und nicht Gott, sie muß interpretiert werden wie die Dogmen, und selbst ein Papst ist nicht mit jedem Wort, das er spricht unfelbar und somit jenseits jeder Kritik. Das Bild, das hier von den Gläubigen und ihrem Verhältnis zu verschiedenen Texten und Autoritäten gezeichnet wird, ist irreführend und empirisch nicht zu halten. Es gibt gläubige Katholiken, die Kondome benutzen, gläubige Protestanten, die Steuern hinterziehen und ich hab auch schon von Muslimen gehört, die Alkohol trinken und Juden, die Schweinefleisch essen (oder umgekehrt?). Gerade von Anhängern eines streng wissenschaftlichen Weltbildes erwarte ich, empirische Daten wahrzunehmen und nicht zu versuchen, diese mit einer no-true-scotsman Argumentation vom Tisch zu wischen.

Ad 2: Sicherlich gibt es Widersprüche in Bibel, Dogmen und ähnlichen Texten. Je nach Auslegung mehr oder weniger. Wie gesagt verhalten sich Gläubige aber nicht (oder höchst selten) wortwörtlich entsprechend der Aussagen einiger Texte, sie glauben auch nicht so, wie in den Texten dargelegt, sondern sie setzen sich mit diesen Texten auseinander, manche mehr, manche weniger. Sie reflektieren die Texte und übernehmen das, was sie für ihren Glauben und für ihre Beziehung zu Gott für wichtig erachten. Anderes lassen sie beiseite oder denken weiter darüber nach. Die Ergebnisse sind unterschiedlich, das zeigt sich schon anhand der konfessionellen Vielfalt sowie der verschiedenen innerkonfessionellen Gruppierungen. Auch hier wird von Seiten der Brights die Realität zu Gunsten eines idealisierten Bildes vernachlässigt.

Interessant finde ich, daß eben die Unlogik und Widersprüchlichkeit als Grund angegeben wird, warum man der Religion den Rücken gekehrt hat. Das führt mich zum nächsten Punkt.

Ad 3: Auch hier eine Verallgemeinerung, die mit der Realität nicht viel gemein hat. Gläubige können durchaus ihren Glauben reflektieren. Sie werden durch die immer wiederkehrenden Zweifel geradezu dazu gezwungen. Sie kennen zwei Weltbilder, das des Glaubens und das er nüchternen (Natur-) Wissenschaft. Beide passen zusammen, aber man muß immer wieder reflektieren, wie sie zusammenpassen.

Bei Brights hingegen habe ich oft den Eindruck, daß sie ihr Weltbild nicht hinterfragen können. Während der Gläubige in der Lage ist zu fragen: Was, wenn es keinen Gott gibt, habe ich noch nicht bewußt mit einem Bright gesprochen, der bewußt in Frage gestellt hätte, ob eine wissenschaftliche Beschreibung der Welt zwingend korrekt sein muß. Jedenfalls ist es selten.

Gerade der oben erwähnte Grund, die Religion verlassen zu haben nährt meinen Verdacht, daß vor allem bei den Brights der Wunsch groß ist, Autoritäten zu haben, die logisch und unwidersprüchlich sind, sonst hätten sie der Religion, die diese Kriterien nicht erfüllt, nicht den Rücken kehren müssen.

Sie haben sich statt dessen für die „Wissenschaft“ entschieden. Wobei wie gesagt auch nicht immer konsequent wissenschaftlich gedacht wird, wenn es darum geht, Stereotypen von den Religiösen zu entwickeln. Auch sonst begegnet einem trotz „wissenschaftlichen“ Anspruchs manchmal gewisse dogmatische Engstirnigkeit. So wurde ich kürzlich für die Behauptung, die Sonne würde sich um die Erde drehen, für, naja, nicht ganz gescheit erklärt. Wer sich aber an den Äquator stellt und der Sonne immer nach Westen folgt wird einen Tag später wieder am Ausgangspunkt ankommen und festgestellt haben, daß sich die Sonne tatsächlich um die Erde dreht.

Diese „Wissenschaft“ ist ihre neue Religion, sie bietet vermeidlich das, was die alte Religion nicht bot: Unwidersprüchlichkeit, Logik und eine unfehlbare Autorität, der man folgen kann ohne groß selbst zu denken oder zu reflektieren. Denn die „Wissenschaft“ ist per se reflektiert. Sonst wäre sie ja keine „Wissenschaft“.

Jeder, der dieser ihrer neuen Religion nicht folgt, wird entweder als dumm, oder zumindest nicht als „bright“, also hell, angesehen. Der Religionsanhänger ist wohl eher in einer Welt der Schatten gefangen… wen erinnert das noch an die Heiden, die im ewigen Höllenfeuer verloren gehen, wenn sie sich nicht bekehren?

Diese neue Religion verbreiten die Brights mit nicht weniger Eifer als bestimmte christliche Gruppen ihre Lehren. Wo die einen Menschen aus dem Höllenfeuer retten wollen, retten die anderen vor der Umnachtung, wo die einen das Evangelium Gottes bringen, bringen die anderen die Erleuchtung (brightening?).

Im Grunde treffen alle Vorwürfe, die die Brights den Gläubigen machen auf sie selbst zu. Aber so ist es manchmal: Was man an sich selbst nicht leiden kann, sucht man am Gegenüber zu kritisieren.