glaube

Römer 7 und die Sünden

Rainer Braendlein hat in einem Kommentar zum zweiten Artikel der Schwule Pfarrer Reihe bzw in einem eigenen Blogpost (beide Texte sind identisch, soweit ich das sehe) sich mit der Frage befasst, ob Paulus denn „in Sünde gelebt“ habe.

Ausgangspunkt war eine Formulierung im genannten zweiten Schwule Pfarrer Artikel:

Muß man mit der Übernahme eines Amtes quasi zum Übermensch werden, der nie mehr sündigt? Dazu Paulus:

Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Paulus ging nicht davon aus, daß er, als Apostel, nur Gutes tun könnte. Und trotzdem predigte er, und ich will meinen nicht mit wenig Erfolg. Wir dürfen also von unseren Pfarrern auch nicht erwarten, daß sie immer alles richtig tun.

Meine These war nun, daß es sich hier um eine Aussage Pauli handelt, die sich auf sein Leben zur Zeit der Verfassung des Briefes bezieht, Rainer Braendlein will es als Rückblende auf das frühere Leben verstehen.

Nun sind nach meiner Lektüre der Erwiderung Rainer Braendleins in seinem Artikel sowie dem wiederholten Lesen der gesamten Auseinandersetzung meiner Meinung nach 3 Dinge festzhalten:

  1. Es handelt sich wohl um ein Mißverständnis. Denn Rainer Braendlein zielt in seinem Artikel vor allem darauf ab, daß Paulus nicht „in Sünde gelebt“ habe. Man müßte vielleicht nochmal genau klären, was damit gemeint sein soll. Meine Absicht war es jedoch nie zu sagen, Paulus sei als Apostel verloren gewesen. Ich spreche mich auch nicht für eine billige Gnade aus. Was ich in meinem Artikel sage ist, daß man von einem Pfarrer nicht verlangen darf, perfekt zu sein. Man darf aber schon von ihm erwarten, daß er die Sünde zu vermeiden sucht. Ich denke hier hat mich Rainer Braendlein nicht ganz verstanden und ich ihn auch nicht, aber eigentlich haben wir die gleiche Ansicht.
  2. Meine ich nicht, daß der fragliche Abschnitt ein verlorenes, unerlöstes Leben (so verstehe ich das „Leben in Sünde“, bin mir aber nicht sicher) bedeten muß. Denn was sagt Paulus? Er sagt, daß in seinem Fleisch das Böse wohnt, und er es auch tut, obwohl er nicht will. Nach meinem Verständnis ist das aber nichts anderes als das, was Rainer Braendlein schreibt:

    Röm 7, 25 ist nicht etwa so gemeint, daß Paulus in Sünde gelebt hätte, sondern er meint, daß er bedauerlichesweise einen Leib mit sich herumschleppen muß, der völlig der Sünde unterworfen ist.

    Paulus hatte bedauerlicherweise, wie wir alle, den Leib aus Fleisch, weil der Geistleib eben erst kommt. Und wie wir auch mußte er kämpfen. Aber ebenso wie auch wir, hat er Anteil an der Gnade Gottes. Daß heißt, auch wenn das Fleisch einmal gewinnt (und wenn wir ehrlich sind, tut es das oft genug, wie fromm wir auch sind und wie ernsthaft wir unseren Weg mit dem Herrn auch gehen), dürfen wir trotzdem Buße tun und auf Gnade hoffen (hier würde nun Luthers „sündige tapfer“ passen). Das gilt für Paulus wie für uns.

  3. Ich denke, genau davon spricht Paulus hier. Er schreibt in Kapitel 6 erst von der Taufe, dann in Kapitel 7 erst von der Freiheit vom Gesetz und kommt dann daz den Menschen unter dem Gesetz zu beschreiben. Und da unterscheidet sich erst einmal nicht viel zwischen Christen und Nichtchristen. Paulus stellt die Situation dar, wie sie ist: Das Fleisch ist schwach, und das Gesetz zeigt an, was eigentlich gut ist, treibt dabei aber umso mehr zum Sündigen an. Paulus betont, daß er (und damit ach jeder andere Mensch) das Gute tun will aber trotzdem das Böse tut und kommt schließlich zu der Formulierung (V24):

    Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

    Das ist erst einmal die Situation des Nichtchristen. Aber eben auch die Situation des getauften Christen, wie wir dann im Folgenden sehen (V25):

    Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

    Denn der Nichtchrist dient nicht mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, das tut der Christ. Denn Er lobt erst Gott und sagt danach, daß er nun, also nach der Bekehrung, dem Gemüt (im Griechischen steht νοῦς, also ist das Denken gemeint, keine Emotion) nach dem Gesetz Gottes dient und dem Fleisch, also dem Körper nach dem Gesetz der Sünde. In Kapitel 8 schreibt Paulus dann, daß durch den Geist die Taten des Fleisches kontrolliert werden können also der νοῦς, der Verstand, der Gott folgt, herrscht über den Körper, der der Sünde folgt. Da sind wir wieder einer Meinung.

Doch halte ich weiterhin daran fest, daß Menschen bei allem Wollen nicht immer auch ein Können haben. Es geht hier nicht um „ein Fehler und Du bist raus“. Wenn ein Mensch von seinem Körper überwunden wird, kann er über den Weg der Buße bzw. Reue (μετανοῖα; vgl. 2. Kor 7,9f; 12, 21; 2. Ti 2, 25f) wieder dahin kommen, daß der Gott folgende Verstand wieder das Ruder übernimmt. Und das sollte man jedem Menschen zugestehen, denn kein Mensch wird von der Bekehrung bis zum Tod alles richtig machen und ganz ohne Buße auskommen.

glaube, Religion

Not perfect – but forgiven

Hin und wieder stolpert man über einen bisher unbekannten Blog. Und hin und wieder liest man dann auch ein bißchen. Und manchmal kommt es vor, daß man unter einem Artikel einen Kommentar findet, den man für bedenkenswert hält. So ging es mir heute.

Der Blog, um den es geht, heißt „überschaubare Relevanz„. Der entsprechende Artikel „Es muss nicht immer Deutsch sein„, und der Kommentar kam von madove.

Kurz gesagt geht es um einen Stoßstangenaufkleber mit dem Text „Not perfect but forgiven“. Bemerkenswert finde ich den Kommentar von madove deshalb, weil es einer der wenigen Belege dafür ist, daß Nichtchristen das christliche Konzept der Vergebung Gottes attraktiv finden. madove schreibt:

And still, I must admit that this is the part of Christian belief I find most appealing, because I do, honestly, feel this need.

Sie führt aus:

I do strongly suffer from the bad conscience for those of my actions that were imperfect, i.e. seriously against my moral convictions; and I would LOVE to believe there’s some guy whose forgiveness can really heal this.

Kurz auf deutsch zusammengefasst: Sie fühlt eine Notwendigkeit, Sie leidet unter dem schlechten Gewissen bei Taten die ihre moralischen Überzegungen widersprechen und würde gerne glauben, daß irgendwer in einer Art vergeben kann, daß diese Taten wirklich geheilt würden.

Doch sie glaubt es nicht, und ist froh darüber:

I am glad that I can’t (I am simply not able to believe in stuff I consider bullshit), because otherwise I think the function of bad conscience as MY controlling instance would fail.

Sie ist froh, daß sie es nicht glauben kann, weil sie meint, sonst würde das Gewissen ihr nicht mehr als Kontrollinstanz dienen können. Denn es wäre entweder geschwächt durch einen fröhlich vergebenden Gott (hier ist wohl die billige Gnade Bonhoeffers gemeint) oder externalisiert durch einen strafenden Gott:

Either it is weakened by a happily forgiving God, or externalized by a punishing one.

Sie zieht den Schluß, daß sie ihre persönliche Verantwortung abgeben würde, was sie nicht will:

In any case alienated from MY personal responsability. I would not want that.

Was ich nicht kann und tun will, ist jetzt den ultimativen Beweis zum Glauben geben. Das liegt nicht in meiner Macht und ich maße es mir nicht an. Es ist eine Sache zwischen madove und Gott. Was ich aber tun kann, ist aufzuzeigen, an welchem Punkt man auch in eine andere Richtung denken könnte, in der man dann keine Angst mehr vor Abgabe der Verantwortng haben muß. In der Tat lege ich großen Wert darauf, selbst für meine Taten verantwortlich zu sein. Und trotzdem glaube ich an Gott und erfreue mich der Vergebung. Aber zum Thema:

madove legt großen Wert auf ihr Gewissen als Kontrollinstanz. Daran ist nichts zu kritisieren. Es ist gut eine Kontrollinstanz zu haben und nicht alles zu relativieren. Nur muß Gnade nicht unbedingt bedeuten, daß die Kontrollinstanz ausgehebelt würde. Die Alternative, die madove sieht, ist Beliebigkeit (ein „happily forgiving God“ ist nichts als Beliebigkeit, mit einem solchen Gott wäre es nicht anders, als wenn es gar keinen Gott und keine moralischen Überzeugungen gäbe) oder eben der strafende Gott, der auch nichts anderes ist als ein schlechtes Gewissen, nur daß man das Gewissen nun „Gott“ nennt.

Das setzt voraus, daß Vergebung entweder gewährt wird und alles ist vergeben und vergessen, ohne daß man etwas gelernt hätte, oder die böse Tat hängt einem sein Leben lang nach, ohne daß man je darüber hinaus käme. Mir fehlt hier die Möglichkeit, daß man sich zwar der Falschheit der Tat bewußt ist, sie nicht schönfärbt oder damit zu entschuldigen versucht, daß es vielleicht schon lange her ist und Gras drüber gewachsen, man aber trotzdem weiterleben kann, ohne immer wieder daran erinnert zu werden.

Damit meine ich kein weiter so, sondern ein Anhalten, umdenken, Konsequenzen ziehen oder eine Lektion lernen, und dann weiterleben. Nicht, als ob nichts gewesen wäre, aber so, als ob man nicht mehr darauf festgenagelt wird.

Bonhoeffer unterscheidet in seinem Buch Nachfolge zwischen der billigen Gnade und der teuren Gnade. Kurz gesagt ist es so, daß die billige Gnade dem happily forgiving god entspricht, die teure Gnade aber nicht dem punishing god. Der punishing god sagt: Tu, was ich sage, dann bin ich gnädig, ansonsten wirst Du meine Blitze spüren. Dieses gnädig sein ist aber keine Gnade, es ist Verdienst. Beim punishing god verdient man sich seine Gnade, oder es gibt keine. Und beim happily forgiving god kriegt man die Gnade nachgeworfen, als Schleuderware. Und wenn man gleich bestellt, kriegt man noch diese wunderbare Erdnußschälmaschine dazu…

Die teure Gnade ist Gnade für den reuigen Sünder. Wo die billige Gnade die Sünde rechtfertigt und sagt: „Macht nix, daß Du Onkel Fritz totgeschlagen hast. Menschen sind nun mal nicht perfekt.“, rechtfertigt die teure Gnade den Sünder und verdammt die Sünde. Dazu ist es nötig, zwischen der Tat und dem Täter zu unterscheiden. Der Täter ist ein lebender Mensch, und kann sich ändern. Die Tat, zumal als Geschehene, ändert sich nicht. Sie ist und bleibt böse und ist als solche nicht zu rechtfertigen. Das gilt für den Sünder jedoch nicht. Er kann sich ändern, und er soll sich ändern. Er soll erkennen, daß er etwas schlimmes getan hat, und dazu ist das Gewissen gut und wichtig. Und das Gewissen soll weder externalisiert werden, noch soll es überfahren werden. Die Tat ist und bleibt schlecht und die Verantwortng trägt der Täter. Doch kann dem Täter doch vergeben werden, so er die Bosartigkeit seines Tuns einsieht und die Konseqenzen trägt und sich ändern will. Althergebracht spricht man von Reue und Buße, also innerer Umkehr. Mir geht es jetzt nicht um die strafrechtliche Relevanz (wobei ich dahin tendiere zu sagen, daß es dazu gehört, sich den Behörden zu stellen, wo man strafrechtlich Relevantes getan hat, bzw den Opfern gegenübertreten soll, aber das ist ne andere Fragestellung), sondern um die Perspektive für den Täter. Gnade wird ihm zuteil, so er umgekehrt ist, und von nun an nichts Böses mehr tun will. Ob er es dann schafft, ist eine andere Frage, relevant ist der feste Vorsatz. Freilich kann man den von außen nicht erkennen, aber der jeweilige Mensch weiß es, wie er es meint, und darum geht es.

Und das ist die teure Gnade. Man darf es jetzt nicht falsch verstehen, daß man sie sich teuer erarbeiten muß, das wäre ja wieder Verdienst. Sie gilt jedem Menschen, der ein Einsehen in seine Boshaftigkeit hat. Reue ist ja nicht Ergebnis einer Erarbeitung, sondern Ergebnis einer Einsicht, die man gewinnt, und nicht selbst erwirkt. Insofern ist auch die teure Gnade frei, aber da man sie nicht vor der Umkehr erhält, bleibt sie teuer und wertvoll. Und das ist die einzige Gnade, die Gott gibt. Die billige Gnade wird von dem Menschen zugesprochen und ist nicht gedeckt, also eine leere Hülse.

Das kann jetzt alles nicht bewirken, daß madove an den „bullshit“ glaubt, aber vielleicht erkennt sie neben dem happily forgiving und dem punishing god noch den anderen Gott, der den Sünder liebt und die Sünde haßt.