Kirchentag

Der Kirchentag – persönliche Nachgedanken von Benny

Nun ist er also um, der Kirchentag. Und nachdem ich gestern erst mal Erholung brauchte (ich hab mich in Hamburg ziemlich übel erkältet), wollte ich noch ein paar Gedankenanstöße festhalten, die ich vom Kirchentag mitgenommen habe.

Das vielleicht für die Zukunft interessanteste, was ich auf dem Kirchentag gelernt habe, ist die Existenz der sogenannten 66er Ausbildung. Es gibt da wohl einen Paragraphen 66 im Berufsbildungsgesetz, der den Rahmen für die Ausbildung von Menschen mit Behinderung regelt. Und dabei geht es offenbar nicht nur um körperliche Behinderungen. Für die Inklusion ist das ein guter Ansatzpunkt. Aber da muß seitens der „Schwerstmehrfachormalen“ auch umgelernt werden. Nicht jede geistige Behinderung muß in die Behindertenwerkstatt führen, man muß einfach mal darauf achten, was die Menschen können, statt sich darauf zu konzentrieren, was sie, verglichen mit der Norm, nicht können. Bei einer Veranstaltung berichtete ein gut ausgebildeter junger Mann, der vor kurzem erbindet war, von seinen Problemen mit dem Arbeitsamt. Aufgrund seiner Blindheit bot man ihm fast nichts an. Er hat studiert, er kann mit Texten umgehen, aber allein die Tatsache, daß er sie an einem Computer nicht über den Monitor, sondern über den Screenreader rezipiert, sorgte wohl dafür, daß ihm entsprechende Jobs gar nicht angeboten wurden. Komischerweise wurde er aber immer wieder nach seinem Führerschein gefragt, und ob dieser Anhänger mit einschließe (den Führerschein hatte er von vorher, inklusive Anhänger, weil alter 3er Führerschein, aber daß sein fehlendes Augenlicht ihm Autofahren nicht mehr ermöglichte, wurde ebenfalls weitgehend ignoriert).

Trotzdem. Diese 66er Ausbildung sollte bekannter werden. Zur Zeit werden noch zu viele Hürden, vielleicht auch aus Unkenntnis aufgeworfen. Ein Politiker saß auf dem Podium (seinen Namen hab ich vergessen, ein Hinterbänker aus dem Bundestag), der einen behinderten Sohn hat. Dieser hatte nun die Möglichkeit, eine Berufsausbildung zu machen, also einer „richtigen“ Arbeit nachzukommen, und nicht auf die Behindertenwerkstätten angewiesen zu sein. Das Problem war, obwohl der Arbeitgeber dem zugestimmt hatte, mußten noch diverse amtliche Stellen dem Ganzen zustimmen, so um die 5. Wenn eine Stelle nein sagt, wieso auch immer, war es das. Diese Stellen hatten nun alle zugestimmt. Und dann fiel der Berufsschule ein, daß sie kein barrierefreies Gebäude hat. Geht also doch nicht.

Und hier stand ein Politiker im Hintergund, der durchaus mehr Einfluß haben dürfte, als „normale“ Menschen (was „normal“ allesbedeuten kann!). Wie sieht es in anderen Fällen aus?

Der gleiche Politiker sprach auch davon, daß man eingentlich darangehen müßte, die Förderschulen abzuschaffen (wenn auch nicht ganz), um die Inklusion voranzubringen, weil sie einfach die Trennung er Gesellschaft zementieren. Aber wie es aussieht haben die Betreiber hier auch ein Interesse daran, ihre Pfründe zu sichern, und betreiben Lobbyarbeit hin zu einer Bewahrung des status quo, so schädlich er auch ist. So werden inzwischen wohl vermehrt lernbehinderte Jugendliche als geistig behindert eingestuft, weil sie dann die Chance haben, in eine Behindertenwerkstatt zu kommen und nicht von Hartz IV leben zu müssen, nachdem sie die Förderschule verlassen. Wer stellt schon einen Förderschüler ein? Auf dem Kirchentag wurden einige vorgestellt, die das tun. Aber man muß sie suchen.

Wenn es uns als Gesellschat gelingt, die Inklusion umzusetzen, dann kommt es vielleicht auch dazu, daß Behinderungen nicht mehr als so schlimm wahrgenommen werden, wie wir Schwerstmehrfachnormale es heute meist noch tun. Nur wei ich mir ein Leben ohne Augenlicht nicht vorstellen kann, heißt es nicht, daß der Blinde unter seiner Blindheit mehr leidet als ich unter meinem Asthma. Der kann im Zweifel viele Dinge tun, die ich nicht tun kann. Ich erinnere mich an eine Unterhaltug mit einer Freundin, die an Neurodermitis leidet: Sie meinte, meine Kurzatmigkeit, das wäre für sie die Hölle, wie ich das denn aushalten könne. Für mich ist das aber kein größeres Problem, da macht man halt mal langsam und atmet tiefer und langsamer, bis es besser wird. Ist normal so, auch wenn’s manchmal nervt. Ich meinte im gleichen Gespräch, die Neurodermitis, dieses ständige Jucken auf der Haut, dieses nässende Gefühl, ständig eincremen müssen, das wäre für mich die Hölle. Das sah sie wiederum nicht so. Ich weiß nicht, vielleicht fänd ich es auch nicht so schlimm, wäre ich in der Situation. Trotzdem: Aus meiner persönlichen Warte sieht es immer noch aus wie die Hölle.

Ich vermute, daß behinderte Menschen ihre Behinderungen ebenfalls ihre Behinderungen nicht so negativ erleben, wie wir uns das vorstellen. Wenn wir einander besser kennenlernten, etwa weil wir gemeinsam zur Schule gehen, ist Behinderung vielleicht nicht mehr ganz so beängstigend. Und man treibt vielleicht auch seltener ab. Es käme wohl kaum jemand auf die Idee, Asthmatiker oder zukünftige Brillenträger abzutreiben, könnte man es schon im Mutterleib feststellen.

Bei der gleichen Veranstaltung zur Inklusion wurde ich auch auf Barner 16 aufmerksam. Auf youtube beschrieben sie sich so:

barner 16 erklärt die Welt ist eine neue Videoreihe der barner 16, ein inklusives Netzwerk professioneller Kulturproduktionen von Künstlern mit und ohne Handicaps.

Eine kleine Kostprobe.

Bei der Bibelarbeit von Andrew Jones, dem „Long Tall Kiwi“, ging es unter anderem um Gärtnern. Und dabei wies Andrew auf die Urban Farming Guys hin. Auch hier ne Kostprobe.

Überhaupt treffe ich in letzter Zeit und dann verstärkt auf dem Kirchentag immer wieder auf Tipps, wie man Dinge selbst herstellt, oder zumindest auf Hinweise zu Gruppen oder Firmen, die lokal herstellen unter sozial verträglichen Bedingungen. So wurde zum Beispiel bei einer Veranstaltung Werbung für freie Software gemacht, auch wenn die Leute auf der Bühne dort augenscheinlich nicht zu tief in der Szene steckten. Es wurde als gut anerkannt und gewürdigt, zusammen mit dem Menschen, der eine Maschine zum Selberbauen von Möbeln entwickelt hat und die Pläne für non-profit Zwecke gerne weitergibt und dem Schuhersteller aus Österreich, der es schafft nur in Österreich zu produzieren und trotzdem gute, reparierbare Lederschuhe herstellt für 150€ das Paar. Im Gegensatz zu den Global Playern macht er keine Werbung und zahlt sich selbst auch nur 1000€ im Monat aus. Aber er sagt: Das reicht ihm. Den Namen hab ich vergessen, aber all diese Projekte findet man auch bei futurzwei.org. Nachteil dort ist, daß nur Schwörer alles gezeigt kriegen: Man muß versprechen, die Ideen nicht nur zu konsumieren, sondern auch weiterzuerzählen. Hab ich hiermit erledigt 😉

Die Seite hat auch viele andere interessante Inhalte, wie die „Nachrichten aus der Zukunft“ (oder Vergangenheit?) Ganz lustig, wie Sarazin Klage erhebt, weil sein Körper überfremdet ist von Millionnen körperfremder Mikroorgamismen und es als blauäugig und weltfremd bezeichnet wenn gesagt wird, daß man ohne diese Mikroorganismen gar nicht leben kann…

Natürlich gibt es auch immer viele Möglichkeiten, beim Kirchentag zu diskutieren. So laufen immer wieder Leute mit Schildern rum. Darauf steht dann „Jesus rettet“ oder „Wer nicht glaubt kommt in die Hölle“ oder Ähnliches. Diesmal hab ich bei drei Gelegenheiten ein bißchen diskutiert. Da war der ältere Herr mit dem Fahrrad am Samstag. Am Rathausplatz stand er da mit seinem Fahrrad und den Schildern drauf. Diskutieren war nicht wirklich möglich, da er sich in endlosen Monologen erging. Manches fand ich auch gar nicht so verkehrt, aber diese elende Satisfaktionslehre… Wie dem auch sei: Für ihn schienen die negativen Seiten der Satisfaktionslehre, diese Sündenangst und all das, was einem die Sicherheit der Errettung doch noch nehmen könnte, nicht zuzutreffen. Er war tatsächlich voll der Freude (oder er hat gut geschauspielrt), nur ein bißchen arg stur. Da er nach eigenen Worten an Krebs erkrankt ist hoffe ich, daß er diese Freude beibehalten kann, trotz Satisfaktionslehre.

Das zweite Beispiel war gleich am Mittwochabend in der Nähe der Binnenalster. Ein paar Fundamentalisten mit Schildern diskutierten mit Jugendlichen. Ich kam nicht dazu, meine eigenen Einwände und Fragen vorzutragen, da erscheinen auch schon ein paar junge Muslime. Die hatten Anfangs ganz interessante Sprachen, aber bald ging es nur noch darum, ob nun Christentum oder Islam die echte Religion ist. Es war schon lustig, danebenzustehen und zuzuhören, wobei ich auch manchmal ins Gespräch eingriff, um die christlichen Fundis in Schutz zu nehmen, wenn die Muslime gar zu argen Unsinn erzählten (Jesus kein Gott, so ein Quatsch…). Übrigens, nochmal zu Andrew Jones. Der hatte in seiner Bibelarbeit den Text der Speisung der 5000 nach der Version von Johannes 6. Muslimische Missionare wollen ja öfters mal Mohammed in die Bibel bringen, indem sie auf das Johannesevangelium rekurrieren. In Johannes 1, 19-21 wird der Täufer nacheinander gefragt, ob er der Christus, Elia oder „der Prophet“ sei. Muslime schließen daraus, daß es neben dem Christus noch einen Propheten geben müsse, und beziehen das auf 5. Mose 18,15, wo von einem Propheten wie Moses geredet wird. Dieser Prophet müsse also von Christus verschieden und wie Moses sein, natürlich deuten die Muslime das auf Mohammed. In Joh 6,14 steht aber nun:

Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

Sorry, liebe Muslime.

Und noch eine kurze Diskussion hatte ich. Wir gingen gerade am Elbufer entlang, als mir wieder mal (bei Kirchentagen passiert das dauernd) eine Broschüre entgegengestreckt wurde. Es ging um den Humanistentag. Der humanistische Werber wies insbesondere auf die beigefügte Literaturliste hin: Artikel in Wochenzeitschriften aus den letzten Jahrzehnten, die in irgend einer Weise gegen Kirche oder Bibel oder Glaube oder ale drei sprechen sollten. Auf den Hinweis, daß ich dieser Liste nicht bedürfte, da ich Theologie studiere und mir die Quellen eher zugänglich sind als diese Tertiärliteratur, wies er mich erst einmal darauf hin: Er sei der viel größere Experte in diesen Dingen. Aha. Dagegen kommt man natürlich nicht an. Er fuhr fort, mir irgendwelche Zitate aus dem katholischen Katechismus (ja genau, evangelischer Kirchentag, aber welcher vernunftbegabte, wissenschaftlich denkende Nichtreligiot versteht da schon den Unterschied?) an den Kopf zu werfen und zu behaupten, daß der 2. Petrusbrief die Sklaverei und den Antisemitismus rechtfertigen würde. Mein Hinweis, daß er da aber etwas gewaltig verdrehe quittierte er wie eine beleidigte Leberwurst: Er winkte ab, drehte sich um und ging seines Weges. Wieso ist es immer so schwer, mit Leuten, die nur die Vernunft gelten lassen, vernünftig zu sprechen…?

Manche Sachen haben mich auch geärgert. Daß die App nur über den google app store zu beziehen ist zum Beispiel. Ich hab kein google Konto und ich plane auch nicht, mir eins zuzulegen. Und irgendwie kam es mir so vor, als ob die Teilnehmer immer weniger in die Diskussionen einbezogen würden (vielleicht war ich auch in den falschen Veranstaltungen) und irgendwie lagen die interessanten Themen alle parallel. Ich hatte irgendwie auf der einen Seite viel Freizeit, auf der anderen Seite aber auch viel verpasst wegen interessanterer Parallelveranstaltungen. Ist aber nur ne subjektive Sache.

Alles in allem 5 schöne, wenn auch anstrengende Tage. Was ich hoffe ist, daß in Stuttgart dann auch endlich mal die Piraten bei einem Kirchentag anzutreffen sind. Parteien trifft man dort von CSU bis KPD so ziemlich alle. Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, als verspielen die Piraten aufgrund der dort stark anzutreffenden antikirchlichen Reflexe (der Kirchentag hat mit der Kirche übrigens recht wenig zu tun, organisatorisch) wunderbare Vernetzungsmöglichkeiten. Die Grünen hatten und haben in Teilen immer noch große Vorbehalte gegen die Kirchen, trozdem waren sie über die Friedensbewegung auch stark mit der Kirche verbandelt, auch wenn es andernorts Differenzen gab. Gleiches gilt für die Gewerkschaften. Ver.di hat mit den Kirchen nen langjährigen Rechtsstreit wegen dem dritten Weg, trotzdem tritt Bsirske auf jedem Kirchentag auf und beim Sonntagsschutz zieht man an einem Strang. Es wird Zeit, daß die Piraten es schaffen, die Mauern in ihren Köpfen zu überwinden. Vielleicht trifft man sie ja dann endlich in Stuttgart auf dem Markt der Möglichkeiten. Ich hoffte ja schon in Bremen darauf, und bisher: Nix. Trotz den Christen in der Piratenpartei…

So, das war es jetzt aber.

Allgemein

Das System

Der Pranger ist ja wieder in Mode gekommen. Heute ist mir sowas auf Diaspora begegnet (auch hier). Im vorliegenden Fall wurde ein Rechtsanwalt namentlich benannt, der einen Arbeitgeber vor Gericht vertrat und durchsetzte, daß für Toilettendamen der Mindestlohn von Reinigungskräften nicht anzuwenden sei, weil sie eben keine Reinigungskraft sei. Deshalb kann der Arbeitgeber weiterhin nur 3,40 € pro Stunde zahlen.

Was mich und andere ärgerte, war, daß der Anwalt mit Namen bezeichnet und quasi an den Pranger gestellt wurde. Ich meine, er tat nur seinen Job. Und da ich immr noch davon überzeugt bin, daß wir in einem Rechtsstaat leben, sehe ich das Problem eher darin, daß es Gesetze gibt, die der Anwat nutzen konnte, als daß der Anwalt seine Kunst für ein derartiges moralisches Unrecht einsetzte.

Es kam zur Diskussion über das System. Und da gingen die Meinungen dann wirklich auseinander. Denn ich denke nicht, daß wir im Klassenkampf eine Lösung haben. Oder im solidarischen Druck ausüben auf „die da oben“ oder das „1%“.

Das hat mich auch schon bei der occupy Bewegung gestört: Ich sah keinen wirklichen Lösungsansätze, nur die Feststellung, daß das System schlecht ist. Für die Ursache hielt man die Gier (greed) der Führungsschichten.

Ich dachte damals und denke immer noch: Das ist zu kurz gegriffen. Denn was ist, wenn wir die Führungsschichten austauschen? Andere Menschen an den Positionen, meinetwegen auch andere Klassen, werden die gleiche Gier entwickeln. Es ist etwas zutiefst menschliches, vorsorgen zu wollen. Und das kann dann groteske Züge annehmen.

Setzt man bei der Gier an, oder irgend einem anderen Handeln oder einer Eigenschaft, läuft das Ganze fast zwangsläufig auf eine Hexenjagd raus. Die Ernte ist verfroren? Das muß ne Hexe gewesen sein. Die Volkswirtschaft geht in die Binsen. Dann waren es die jüdischen Bankiers. Und weil das heute nicht mehr Mehrheitsfähig ist, sucht man sich eien anderen Sündenbock.

Allen Ansätzen gleich ist es, daß ein Täter gesucht wird, der über Eigenschaften oder Handlungen bestimmt und dann verfolgt wird, auf daß die gerade drückende Not ein Ende finde. Ein Unterdrückungssystem soll dadurch abgeschafft werden, daß eine bestimmte Gruppe marginalisiert und Verfolgt wird, um Marginalisierung und Verfolgung abzuschaffen. Man denkt in Tätern und Opfern, will die Täter zu Opfern machen, wird darüber selbst zum Täter und ändert das System nicht wirklich, auch wenn man das Führungspersonal oder auch die Theorie ändert, mit der man Opfer- und Tätergruppen festlegt. So kommt man nie über das System hinweg, auch wenn man persönlich so vielleicht auf die Gewinnerstraße kommen kann.

Man fragt jedoch nie (oder zu selten) nach den Ursachen ungerechter Handlungen oder Eigenschaften wie Gier und dergeichen. Man überlegt nicht, ob man über diese Schiene vielleicht zu einer nachhaltigeren Lösung kommen kann.

Ich meine, daß hinter alledem die Angst der Menschen steht. Der Mensch will vorsorgen, und je ungewisser seine Zukunft ist, desto bedachter ist er darauf, sein zukünftiges Auskommen abzusichern. Und zwar je auf dem Lebensstandard, den er gewohnt ist. Und da mag dann auch eine oder mehrere Existenen auf dem Spiel stehen. Sobald der fragliche Akteur der Meinung ist, daß seine eigene Existenz zur Disposition steht (und je unsicherer die Zeiten sind, desto eher gilt es auch für ihn, selbst in höchsten Positionen), wird er sich in den eisten Fällen für die eigene Existenz entscheiden, und nicht für die er anderen.

Ich meine, man kann ihm daraus keinen Strick drehen. So würden alle, oder zumindest fast alle handeln. Man kann höchstens einen Vorwurf machen, daß derjenige das Maß aus den Augen verloren hat, daß er sich nicht zugetraut hat, auf einem niedrigeren Lohnniveau noch ein Auskommen finden zu können. Aber daß jemand sich selbst der Nächste ist, kann diesem nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Damit haben wir dann aber den Schuldigen verloren, denn jeder von uns ist in irgendwelchen Zwängen gefangen. Auch der Chef eines Unternehmens ist seinen Aktionären verpflichtet. Und die wollen Rendite sehen. Keiner von uns würde Aktien von eiem Unternehmen kaufen, das nicht erfolgreich ist, nur um den Druck aus dem System zu nehmen.

Und so bin ich überzeugt, daß die Angst, sein Auskommen zu verlieren der Punkt ist, an dem wir ansetzen müssen, wenn wir das System ändern wollen. Nicht mehr nach Schuldigen suchen, die wir dann publikumswirksam entmachten (oder gar ermorden, man denke an Hexen und Juden) können, sondern das Problem in den Umständen verorten.

Man kennt ja aus christlichen Kreisen den Spruch: Liebe den Sünder, hasse die Sünde. Das geht in die gleiche Richtung: Keine Sündenböcke suchen, sondern alle als Opfer des Systems verstehen. Und das System ist dann wohl die menschliche Natur, die einen dazu bringt, vorzusorgen, und damit die Angst einbringt, daß es nicht reichen könnte. Noch eine kleine Anmerkung aus christicher Richtung: Dieses Angstsystem ist es meiner Meinung nach, was als Sünde bezeichnet wird. Aber damit genug mit den christlichen Begriffen.

Der Ausweg würde da liegen, wo die Angst genommen wird. Wenn die Menschen die Überzeugung gewinnen, daß für ihr Auskommen gesorgt ist, werden sie auch eher Abstand davon nehmen, andere in Not zu bringen. Was hätten sie davon? Außer einem schlechten Gewissen?

Bricht man die Angst, bricht man das System. Das wird nicht zu 100% gelingen, denn Angst kann je nach individuellen Lebensumständen immer wieder auftreten (Jesus sollte mit Seiner Auferstehung ja auch alle Angst beseitigt haben, so aß für Christen das System schon gebrochen ist, aber wir wissen alle, daß es nicht so ist). Aber man dürfte eine deutliche Verbesserung erzielen können. Leider gibt es dabei kein wirkliches Feindbild, was die Popularisierung dieses Konzepts erschweren dürfte.

Wie man die Angst abschwächt? Ich habe zwei Denkansätze, wobei ich leider nicht das Fachwissen habe, das Ganze komplett zu durchdenken. Der erste wäre das bedingungslose Grundeinkommen. Damit sollten jedem die grundsätzlichen Existenzängste genommen werden. Also Überleben sollte drin sein. Daneben bin ich aber auch für ein maximales Höchsteinkommen (Siehe hier. In dem Artikel hab ich auch andere Artikel verlinkt, die ich zum Thema geschrieben habe). Das aus dem Grund, um die Fallhöhe zum Minimaleinkommen zu begrenzen, damit der fünffache Yachtbesitzer nicht den Eindruck kriegt, er falle ins Nichts, wenn er ins BGE fällt. Auch das kann IMHO Ängste nehmen.

Ob dies nun die Antwort ist, kann ich nicht sagen. Es ist ein Denkangebot. Was aber die Ursachenanalyse angeht bin ich mir etwas sicherer. Jedenfalls sehe ich keine Lösung darin, weiterhin nach Sündenböcken zu suchen, denn ich denke, daß wir alle Dreck am Stecken haben und die Protagonisten des Systems frei austauschbar sind, ohne daß sich Grudsätzliches ändert.

Zum Schluß: Bei Diaspora ergab sich übrigens eine fruchtbare Diskussion zum Thema, der Autor des Prangerbeitrags hat geschrieben, er wird das Ganze nochmal durchdenken. Schön, wenn sich bei Internetdiskussionen die Fronten nicht verhärten.