Gesellschaft

Verantwortung

Ask not, what your country can do for you,ask what you can do for your country.

John Fitzgerald Kennedy
35. US-Präsident

Ich habe diesen Artikel ja schonmal angekündigt. Jetzt ist er dran. Damals schrieb ich, daß die Verantwortung die Grenze für die Toleranz bildet. Jeder Mensch toleriert nur das, was er verantworten kann. In einem älteren Artikel zitierte ich einen alten Lehrer von mir, der – IMHO zu Recht – die Verantwortung als Maßstab für die Freiheit nannte. Freiheit ist nur insofern gut, als daß eine ebenso große Verantwortung damit einhergeht.

Hier soll es nun um die Verantwortung gehen, und wie sie mit Freiheit und Toleranz interagiert.

Beim Nachdenken über diesen Artikel fiel mir auf, daß überall, wo von Freiheit die Rede ist, auch von Verantwortung gesprochen werden kann: Luther übernahm die Verantwortung für seine Ansichten und sein Handeln vor Gott und sprach damit der damaligen Kirchenhierarchie ab, bestimmte Dinge für ihn zu entscheiden. Die Eigenverantwortung vor Gott brachte ihn quasi dazu, Papst und Kaiser zu widersprechen, und das durchzuhalten.

Spätere Freiheitsbestrebungen kann man durchaus so verstehen, daß die Völker, die gegen ihre Monarchen aufbegehrten, die Verantwortung für ihre Staatsordnung selbst übernehmen wollten. Man versuchte so gesehen also, den Monarchen von seiner Verantwortung für das Land zu entbinden. In den meisten Fällen wohl aus dem Grund, weil die Monarchen ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, sondern in die eigene Tasche wirtschafteten.

Kant weist mit seiner Definition der Aufklärung in eine ähnliche Richtung:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Er beschreibt die Unmündigkeit als Unvermögen, sich ohne Leitung durch andere des Verstandes zu bedienen. Man könnte wohl auch sagen: Man ist unmündig, wenn man nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich, sein Denken und seine Taten zu übernehmen. Wenn Aufklärung die Freiheit des Menschen zum Ziel hat, dann gehört dazu auch, selbst Verantwortung zu übernehmen. Man könnte provokant formulieren:

Du willst Freiheit? Dann übernimm Verantwortung!

Doch bei Kant kann man auch eine andere Alternative raushören. Es ist nämlich durchaus die Möglichkeit gegeben, daß der Mensch keine Verantwortung übernimmt. Kant spricht einerseits von den Mutlosen, als auch vom Mangel an Verstand. Wer keinen Verstand hat, kann sich dessen nicht bedienen. Und wer, wieso auch immer, den Mut dazu nicht hat, ebenso.

Ich stelle mir die Frage, was mit solchen Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft passiert? Einer Gesellschaft, die die Freiheit voraussetzt, und damit auch die Verantwortung? Muß es nicht zu Problemen kommen, wenn Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, diese trotz allem aufgehalst bekommen? Muß es die Option geben, Freiheit (und damit auch Verantwortung) abzulehnen?

Ich meine, man kann niemandem Freiheit verordnen, denn dazu müßte derjenige auch die entsprechende Verantwortung übernehmen (können). Darin sehe ich auch einen Hauptgrund, wieso das mit dem Nationbuilding nach westlichem Muster sowohl im Irak als auch in Afghanistan schief gelaufen ist. Und auch in Ägypten spielt es wohl eine Rolle. Daneben gibt es noch die militärische Komponente, die in diesem Artikel zu kurz kommt. Denn Verantwortung zu übernehmen ist die eine Sache, sie zugesprochen zu bekommen eine andere.

Ich meine, man kann nur einzelnen Menschen anbieten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und sind es genug, die dies für sich entschieden haben, werden sie auch auf dem einen oder anderen Weg danach streben, die damit verbundenen Freiheiten in der Gesellschaft zu etablieren.

Je mehr ich drüber nachdenke ärgern mich diese absoluten Positionen: Entweder freie Gesellschaft oder Abhängigkeit vom Regime. Zumal es ja Menschen gibt, die durchaus in Abhängigkeit leben (müssen), weil sie keine Verantwortung übernehmen (können). Ich denke hier vor allem an Kinder (in verschiedenen Abstufungen nach Alter und Entwicklung), geistige Behinderungen und Komapatienten.

Als ich meine Examensarbeit schrieb, fiel mir auf, daß staatliches Bevormundungsdenken früher zu Kaisers Zeiten wohl auch im Sinne einer Fürsorge verstanden wurde. Man war der Ansicht, die Obrigkeit müsse die Verantwortung für das Volk (oder bestimmte Teile desselben) übernehmen. Ich konnte dem, bei aller Ablehnung, auch einen positiven Aspekt abgewinnen. Nämlich, daß niemand sich selbst überlassen werden sollte. Welch Unterschied zu heutigen Konservativen (ist die SPD auch konservativ?), die eigentlich liberal denkend den Menschen eine Eigenverantwortlichkeit verordnen wollen, weil der Staat seiner Verantwortung, die Renten zu zahlen, nicht nachkommen kann oder will.

Um nochmal zu den Freiheitsbestrebungen der Aufklärungszeit zurückzukommen: Die ergeben ja nur da Sinn, wo der Monarch die ihm verliehene Verantwortung mißbraucht. Der gute König sorgt für seine Untertanen. Tut er das nicht, hat er kein Recht mehr auf sein Amt, das in der Verantwortung begründet sein soll, nicht in der Selbstbereicherung. Da der Mensch die Selbstbereicherung mehr liebt als die Verantwortung, ist die Monarchie wie alle anderen absoluten Regierungsformen abzulehnen.

Übrigens: Meine Examensarbeit schrieb ich über Adolf Stoecker, der wohl auf ähnlichen Gedanken fußend sogar die Sozialdemokraten (wohlgemerkt die des 19. Jhd.) als Liberale bezeichnete.

Den Gegenpol zu diesen „Liberalen“ bildete dann etwa kirchliche Fürsorgearbeit, die sich der Menschen annahm, die Angenommenen dann aber auch bevormundete. Zum Glück sind wir heute davon weg. Naja, im Idealfall wenigstens.

Wo auf der einen Seite die Bevormundung das Problem ist, steht auf der anderen Seite die Überforderung.

Denn ohne selbst Verantwortung zu übernehmen ist man auch nicht frei. Man wird dann, je nach Kontext zum Stimmvieh oder zur Konsummasse. Umgekehrt gipfelt Verantwortung zu übernehmen, ohne die dazu nötige Freiheit zu haben, in Bevormundung und Unterdrückung.

Und während das erstere durchaus ein Problem unserer Gesellschaft ist (Stimmvieh läßt sich wunderbar von Meinungsführern dirigieren), ist das letzte eher ein Problem repressiver Staaten. Dieses Problem wurde historisch oft durch Freiheitskriege oder Revolutionen gelöst.

Ich frage mich, ob es eine Möglichkeit geben kann, daß Bürger Verantwortung (und damit bestimmte Freiheiten) abgeben können, indem sie sagen: „Ich kann das nicht, soll sich wer drum kümmern, der sich auskennt.“ Dann müßten sie mit den Konsequenzen leben. Es stellt sich wieder das Problem der Bevormundung. Mir scheint, daß sowohl die repräsentative Demokratie (nur wer sich aufstellen läßt kann gestalten, wenn er gewählt wird, reine Wähler nicht) als auch die Liquid Democracy Versuche sind, das Problem zu lösen. Ne direkte Demokratie scheint mir dagegen wieder in Richtung Aufdrängung einer womöglich nicht gewollten Freiheit zu gehen, aber das ist nur ein erster Eindruck.

Nachdem nun das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung weitgehend dargestellt ist, wie war das nochmal mit der Toleranz?

Dazu nochmal zu den Fürsten. Die tolerierten ja in ihrer Mehrheit nicht die Freiheitsbestrebungen ihrer Untertanen, unabhängig davon, ob diese nun Verantwortung übernahmen oder nicht.

Und das mußten die Fürsten selbst verantworten. Manche wanderten dafür auch auf die Guillotine. Heißt das nun, daß man Nazis marschieren lassen soll, weil sie sonst gewalttätig wären?

Nun ja, die Frage muß sich jeder selbst beantworten. Eine eindeutige ethische Antwort wird es wohl nicht geben. Wenn zwei Parteien für sich sowohl Verantwortung übernehmen als auch die damit verbundene Freiheit ausleben, kann dies zu ziemlichen Konflikten führen. Denn während die meisten Leute wohl davor zurückschrecken würden, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß bürgerliche Freiheiten wie das Versammlungsverbot ausgehölt werden, interessieren sich andere gar nicht für solche Freiheiten, ja heißen deren Aushöhlung vielleicht gut.

Es ist auch nur ne Scheinlösung, daß man die Freiheit der anderen respektieren soll und die eigene Freiheit an der Freiheit der anderen aufhört. Wenn ein Kind mit dem Feuer spielt, greife ich ein. Wenn derjenige, der (auch im übertragenen Sinn) mit dem Feuer spielt, dann denke ich, sollte ich auch eingreifen, seine Freiheit einschränken und die Verantwortung dafür übernehmen. Bonhoeffer beteiligte sich an der Planung eines Hitlerattentats. Er war sich dessen bewußt, daß das, was er tat, eigentlich falsch war, und tat es trotzdem, weil das andere falscher gewesen wäre. Er trug die Konsequenzen. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg aufgehängt. Angeblich war der Lärm der Front schon zu hören.

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Wider Matusseks Polemik

Letzte Woche war Kirchentag, und ja, ich war auch in Dresden. Seit ich wieder zu Hause bin, lese ich immer wieder in der Presse vom Gutmenschentum, der Weltferne, Naivität etc, die auf dem Kirchentag vorherrsche. Und immer wieder ist ein Name damit verbunden: Käßmann.

Matthias Matussek vom Boulevardmagazin SPIEGEL hat nun einen Artikel geschrieben, in dem er sich an Käßman abarbeitet, ihr Polemik vorwirft und ja: Weltfremdheit. Das Übliche halt.

Bei Licht betrachtet ist es aber auch nicht mehr als Polemik, er reißt Zitate aus dem Zusammenhang und verdreht die Dinge. Und wozu? Weil es so leicht ist und en vogue, auf Käßmann zu schimpfen, weil sie sich ideal als Feindbild eignet?

Ich stehe Käßmann ja durchaus auch kritisch gegenüber, doch finde ich sollte eine Kritik mindestens auf gleichem Niveau stattfinden. Das scheint mir bei Matussek nicht der Fall zu sein.

1. Vorwurf: Käßmann sagt, man solle mit den Taliban beten, statt sie zu bombardieren. So Matussek. Sieht man sich den Text der fraglichen Bibelarbeit Käßmanns an (da steht „es gilt das gesprochene Wort“, ich war anwesend nd kann bestätigen, daß es keine Diskrepanz zwischen der Rede nd dem Druck gibt), hört sich das Ganze schon wieder anders an:

Der damalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe, hat mir im vergangenen Jahr gesagt, ich
solle mich doch in ein Zelt setzen und mit den Taliban bei Kerzenlicht beten. Offen
gestanden finde ich, das ist eine wesentlich bessere Idee als die Bombardierung von
Tanklastwagen in Kunduz. Wir wissen doch, dass Frieden letzten Endes nur durch
mühselige, oft schmerzhafte und riskante Versöhnungsprozesse wachsen kann, in denen die
Opfer gehört werden und die Täter Schuld bekennen.

Es war also nicht Käßmann, die auf die Idee mit dem Beten kam, sondern Robbe. Käßmann sagte einzig, daß die Idee besser sei als den Tanklaster in Kunduz zu bombardieren. Daraus abzuleiten, daß Käßmann nun tatsächlich dazu aufriefe, alles im gemeinsamen Gebet mit den Taliban zu lösen, ist dumme Polemik.

Der Tanklastwagen führt mich zum 2. Vorwurf:

Margot Käßmanns indes setzte auf Demagogie. Sie glänzt mit frommem Augenaufschlag vor Tausenden. Sie führte aus, es sei besser zu beten, als Tanklastwagen zu bombardieren. Ach ja? Alles ist besser!

Jeder weiß doch mittlerweile, dass jenes tragische Bombardement ein Versehen war, und dass die Entscheidung dazu getroffen wurde, um einen größeren Anschlag zu verhindern. Käßmann aber behauptet implizit, die irrtümliche Bombardierung von Zivilisten sei in Wahrheit Absicht gewesen und in einer so hellsichtigen Weise getroffen worden, wie man es tut, wenn man sich zum Beten hinsetzt.

Das tragische Bombardement mag ein Versehen gewesen sein, liegt jedoch innerhalb der Logik der Gewalt im Krieg. Dagegen richtet sich Käßmann, nicht daß hier mit Absicht Leid erzeugt wurde. Denn begibt man sich erst einmal in die Logik der Gewalt, in den Krieg, dann ist das Leid schon Folge, egal wie man es dreht und wendet nd wie „sauber“ der Krieg auch geführt wird.

Matussek wendet sich der Frage nach dem gerechten Krieg zu, nachdem er feststellt, daß man sehr wohl für die Taliban beten und sie gleichzeitig bombardieren kann. Hier kann ich gerade noch so mitgehen mit seinem Gedanken. Ja, ich würde sogar soweit gehen, es als christliche Pflicht zu erachten für denjenigen zu beten, den man gerade tötet, wenn man denn schon so weit gekommen ist.

Doch Matussek gleitet ab in eine Pose des gerechten Racheengels:

Es gibt den bellum iustum, den gerechten Krieg. Seit dem heiligen Augustinus dürfen Christen Krieg führen, wenn er dem Frieden dient. Und das Gebet für die Feinde?

An jedem zweiten Sonntag beten auch wir Katholiken in den Fürbitten dafür, dass der Herr uneinsichtige Politiker auf den rechten Weg führe, damit sie für größere Gerechtigkeit sorgen mögen. Das heißt aber nicht, dass wir uns das Wählen schenken sollten. Ganz grundsätzlich: Ich kann für Stalin beten, dass er seine Fehler einsieht, und ihn trotzdem töten, wenn dadurch weitere Gulags verhindert werden. Ich kann für Hitler beten, und dafür, dass er seine Sünden bereut und von Untaten absieht.

Zu der Frage nach dem bellum iustum gibt es nicht nur bei Käßmann, sondern auch bei anderen protestantischen Pfarrern (in diesem Gespräch mit Renke Brahms und Martin Dutzmann, das auch sonst sehr interessant ist beispielsweise) durchaus die Meinung, daß es den gerade nicht gibt, weil Krieg immer schon bedeutet, daß man vorher schon auf ganzer Linie versagt hat und nur noch Schadensbegrenzung betreiben kann, die aber nie per se gerecht ist sondern schon innerhalb der Ungerechtigkeit stattfindet. Um den Frieden zu erhalten, muß vorher gehandelt werden, das wäre gerecht. Kriegerische Gewalt ist nur noch Einschränken der Ungerechtigkeit, kann sie aber nicht aus der Welt schaffen.

Konsequenterweise verkürzt Matussek auch Bonhoeffer geradezu grausam:

Darf ich Hitler trotzdem umbringen, falls er uneinsichtig bleibt? Darf ich das fünfte Gebot brechen, das Tötungsverbot? Der evangelische Märtyrer Dietrich Bonhoeffer hat sich inständig und tief mit diesem Problem auseinandergesetzt, und zwar nicht auf der schick ausgetrommelten Messias-Veranstaltung eines Kirchentages, sondern in der Nazihaft.

Zuerst ist anzumerken, daß Bonhoeffer schon vor seiner Haft im Widerstand war. Die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Tyrannenmord kam bei ihm also vorher. Aber das ist hier unwichtiges Detail (wenn es auch auf die Recherchequalität von Matussek schließen läßt).

Bonhoeffer kam zwar zu der Überzeugung, sich am Tyrannenmord zu beteiligen, aber auch Bonhoeffer war sich bewußt, daß er damit Schuld auf sich laden würde, es also keinesfalls eine gerechte Sache wäre, sondern lediglich eine Einschränkung der Ungerechtigkeit gegen andere, während er dabei Schuld auf sich lädt. Dieser Gedanke ist meiner Meinung nach wichtig. Es gibt hier keine generelle Rechtfertigng für ein gewaltsames Handeln. Also ach keinen bellum iustum.

Matussek kürzt dies ab, um Käßmann eins auszuwischen und sie als Demagogin des „Gutmenschentums“ darzustellen, und ist doch selbst demagogisch, denn Bonhoeffer kam eben nicht zum gleichen Ergebnis wie Augustinus und Thomas von Aquin:

Bonhoeffer ist zu dem gleichen Schluss gekommen wie vor ihm Augustinus oder Thomas von Aquin. Es gibt den gerechten Krieg, und es gibt die moralische Rechtfertigung des Tyrannenmordes.

Es gibt nie eine moralische Rechtfertigung dafür, einem Menschen das Leben zu nehmen, ihm Gewalt anzutun, weil Gewalt moralisch eben nicht Recht ist, osndern höchstens in bestimmten Sitationen geboten, um nicht noch mehr Unrecht aufkommen zu lassen.

Und darum geht es, so denke ich auch Käßmann: Auch wenn wir Soldaten nach Afghanistan schicken, so erreichen wir damit doch keinen Frieden. Den Frieden, den gerechten Frieden, erreichen wir mit ziviler Aufbauarbeit. Dem würde wohl auch ein de Mezière zustimmen. Und in Afghanistan läuft die Lage aus dem Ruder, weil scheinbar nicht genügend zivil aufgebaut wird, so jedenfalls verstehe ich Käßmann, wenn sie sagt: Nichts ist gut in Afghanistan.

Sie macht nicht aus den Soldaten kaltkütige Täter, wie Matussek in einem weiteren Vorwurf sagt, vielmehr macht sie aus dem Souverän Deutschlands, also uns allen, die wir den Bundestag gewählt haben, der dem Mandat zugestimmt hat, wirre Planer. Und ich finde, das kann man sich sagen lassen, wenn es stimmt.

Gab es nicht jahrelang überhaupt keine richtige Strategie zum zivilen Aufbau des Landes? Gibt es die jetzt? Wo und wie findet der zivile Aufbau statt? Wie erfolgreich ist er? Was könnte besser gehen? Wo hakt es? Darüber hört man nichts. Statt dessen: Fokussierung auf den militärischen Teil, auf die toten Soldaten, kontrollierte Gebiete. Was in den Gebieten, die kontrolliert werden, geschieht, hört man kaum. Abgesehen von einigen Meldungen über Drogenanbau.

glaube, Religion

Shoib Assadullah

In Afghanistan ist wieder ein Muslim zum Christentum konvertiert. Eigentlich keine Meldung wert, in Detschland konvertieren immer wieder Christen zum Islam und mgekehrt, vielleicht auch Buddhisten zum Judentum etc. Sicherlich jeweils ein großer Schritt für die Betroffenen, aber wenn man deren persönliches Umfeld verläßt, kein Grund, weiter darüber nachzdenken.

Nun ist es in Afghanistan aber so, daß der Übertritt nicht mit einem Gang zum Amtsgericht o.Ä. (wie es in Deutschland genau funktioniert, siehe kirchenaustritt.de) erledigt wäre. Shoib Assadullah sitzt im Knast und es droht ihm die Todesstrafe wegen Abfall vom Islam. Retten könnte er sich durch Abschwören vom Christentum, es geht also tatsächlich um nichts anderes als darum, Druck auf den Neuchristen auszuüben, seine neue Religion wieder aufzugeben.

Nun ist in Afghanistan die Herrschaft der Taliban gestürzt worden, Assadullah wurde in Masar-i-Sharif festgenommen, dort wo deutsche Soldaten für die Freiheit garantieren (sollen). Die afghanische Regierung hat Verträge unterschrieben, die die freie Religionswahl und -ausübung garantieren.

Was dort also geschieht, ist nicht nur nach westlicher Auffassung ein Unding, sondern nach afghanischem Recht illegal. Und glaubt man den Äußerungen des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der sich auf den Koran beruft, so darf es auch nach dem Koran nicht zu Todesdrohungen kommen, weil es eben keinen Zwang im Glaben geben darf.

Leider scheint es sich hierbei um eine Minderheitenmeinung innerhalb des Islam zu handeln, wenn ich bei google „Shoib Assadullah“ eingebe, finde ich keine islamische Stellungsnahme zu den Vorgängen in Afghanisten, was ich schade finde (vielleicht hab ich auch die falschen Suchbegriffe). Vielleicht erhoffe ich mir auch zuviel, wenn ich denke daß die deutsche muslimische Gemeinde Einfluß ausüben könnte auf die afghanischen Stellen. Sie könnten wenigstens aus islamischer Sicht argumentieren, was wir Nichtmuslime nicht können.

Für Shoib Assadullah jedenfalls setzt sich nun die IGFM ein, bei idea gibt es neben einem Artikel zum Thema einen Musterbrief, den man an Präsident Karsai schicken kann, um auf eine Freilassung Assadullahs hinzuwirken.

Bleibt zu hoffen, daß Shoib Assadullah wie damals Abdul Rahman mit dem Leben davonkommt. Ideal wäre natürlich, daß sich in Afghanistan die Ansicht der deutschen Muslime durchsetzt, daß eine Konversion weg vom Islam nicht strafwürdig ist. Ich befürchte jedoch, daß dafür noch lange Überzeugungsarbeit nötig ist.

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Bundeswehr

Die Bndeswehr steht nach Tagesschau und evangelisch.de vor der größten Reform ihrer Geschichte. Und schon ist die Rede davon, daß es mit Landesverteidigung alleine nicht getan sein wird. Als Ziel wird ausgegeben, in Zukunft Auslandseinsätze besser stemmen zu können.

Es ist ja tatsächlich so, daß die Bundeswehr in all den Jahrzehnten, in denen die Invasion „des Russen“ erwartet wurde (und auch danach als nicht mehr so klar war, gegen wen man sich verteidigen müßte) und doch ausblieb, eben wegen dieses Ausbleibens ihre ganze Schlagkraft nicht anwenden konnte. „Glück gehabt“ möchte man laut hinausschreien. Doch nun kommt die Veränderung: Kleiner soll die Armee werden, schlagkräftiger, spezialisierter auf die kommenden Aufgaben.

Es stell sich die Frage, welche Aufgaben das sein werden. Zuvorderst natürlich die Einsätze in Ex-Jugoslawien, am Hindukusch und am Horn von Afrika, was detsche Soldaten in den letzten Jahren allgemein so tun, wenn sie nicht zu Hause in der Kaserne sind und Autos grün anmalen (und das ist in keinster Weise provozierend gemeint, ich denke die meisten tun einen guten Job, zu Hause wie im Einsatz).

Doch auch andere Aufgabenfelder könnten zur Diskussion stehen. So wäre unter Umständen eine Truppe, die auf Auslandseinsätze und Aufstandniederschlagung spezialisiert ist (so was in der Art wird man ja wohl brauchen) auch gut geeignet um bei Castortransporten für Ruhe und Ordnung zu sorgen, etwa durch Einsatz von schwerem Gerät. Da können die Wendlandbauern ihre Trekker dann einpacken. Vor diesem Hintergrund ist auch kritisch zu bedenken, wie sich die geplante Aussetzung der Wehrpflicht auswirkt auf das ursprüngliche Ziel, bei der Bundeswehr einen Qerschnitt durch die Gesellschaft zu haben und somit eine gesellschaftliche Kontrolle zu schaffen? Dieser Durchschnitt durch die Bevölkerung schien mir schon früher nicht gegeben, als ich um die Jahrtausendwende meinen Dienst leistete, durch die Aussetzung der Wehrpflicht wird sich die Gruppe derjenigen, die den Beruf des Soldaten ergreifen weiter einengen. Das wird sich langfristig auch auf die „Betriebskultur“ innerhalb der Bundeswehr auswirken. Eine gesellschaftliche Kontrolle wird so immer weniger gegeben sein.

Doch nicht nur die Anti-Atom Bewegung und Stuttgart 21 Gegner könnten zu neuen Aufträgen der Bundeswehr werden. Es war in der Vergangenheit öfters die Rede vom Verteidigen deutscher Wirtschaftsinteressen. Einen Bundespräsidenten hat ns das Thema schon gekostet.

Wir haben also eine Armee, die so nicht weiter bestehen kann. Darüber sind so ziemlich alle einig. Dann haben wir aber auch verschiedene Begehrlichkeiten, wo und wie diese Armee denn nun sinnvoll eingesetzt werden soll, wenn schon nicht zur Abschreckung „des Russen“ (oder Rotland oder Grünland).

Ich denke es ist Zeit, für eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, was die Bundeswehr denn leisten soll, was sie dazu braucht, ob wir sie überhaupt brauchen, oder ob wir alles komplett umgestalten wollen und Weltpolizei spielen (nicht mein Favorit, aber ich gehe davon aus, daß es auch diese Position gibt also nenne ich sie). Wir sollten wissen, was wir wollen, und ob wir bereit sind, die Folgen zu tragen (etwa in Form immer neuer Särge aus dem jeweiligen Einsatzgebiet, ob Wendland oder Helmland). Und wenn wir einen Konsens in der Gesellschaft erreicht haben, mß der Umbau der Bundeswehr erfolgen und entsprechend dann auch eine Grundgesetzänderung. Im Moment scheint es zwar noch so zu sein, daß die Auslandseinsätze alle noch irgendwas mit dem GG zu tun haben (spätestens beim Kosovokrieg bin ich skeptisch), doch wenn die Bundeswehr irgendwann derart umstrukturiert ist, daß sie die klassische Landesverteidigung gar nicht mehr anstrebt nd daz nicht mehr in der Lage ist, gibt es nach meiner unjuristischen Einschätzung eine Diskrepanz zum GG. Deshalb bin ich hier für klare Worte, damit die Demonstranten morgen ach wissen, warum sie sich mit einer Haubitze konfrontiert sehen, und nicht einem Polizeibus…

Update: Der Bund deutscher Kriminalbeamter fordert nun auch schon den Einsatz der Feldjäger im Polizeidienst. Wieso unterscheiden wir noch zwischen den verschiedenen Sicherheitsbehörden?

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Kondome und Krieg

Bei der FAZ gibt es ein Video. Darin stellt sich ein Mann mit dem Namen Martin Luther vor und referiert einerseits über die Neujahrsansprache der Hannoveraner Bischöfin, andererseits über Aussagen Luthers zum Krieg.

Quintessenz seiner Ausführungen ist, daß es keinen Unterschied mehr gibt zwischen katholischer und evangelischer Kirche, weil die Kathliken gegen die Kondome anpredigen, die in der „wirklichen Welt“ benutzt werden, genauso wie die Protestanten gegen den Krieg anpredigen, den es in der wirklichen Welt gibt.

Ob der Video-Luther nun lustig sein will, oder einfach nur auch mal Kritik an Käßmann üben ist mir nicht so ganz klar. Der Vergleich mit dem Kondom blieb allerdings hängen. Ich frag mich: Ist da was dran? Sind wir Protestanten genauso rückwärts gewandt, wie man es dem Vatican vorwirft?

Erst möchte ich sagen: Nein! Krieg ist schlecht, Kondome nicht. Sie verhindern ungewollte Schwangerschaften und damit auch unter Umständen soziale Konflikte, außerdem verhindern sie die Übertragung verschiedener Krankheiten. Eigentlich eine gute Sache. Und dagegen der Krieg? Tod und Zerstörung! Aber Vorsicht! Was, wenn die Amis in den 1940er Jahren nicht nach Europa gekommen wären? Was, wenn die NATO nicht in Ex-Jugoslawien aktiv geworden wäre? Wie viele Mädchen würden eie Schulbildung in Afghanistan bekommen, wenn nicht auch wieder Amis und NATO was getan hätten? Was haben sie getan? Krieg!

Man kann den einzelnen Kriegen oder „friedenserhaltenden Maßnahmen“, wie man in der Vergangenheit euphemistisch sagte, ablehnend gegenüberstehen, ohne Frage. Ich möchte hier keinesfalls alles loben, was westliche Armeen in Afghanistan, Kosovo oder im Zweiten Weltkrieg über Dresden und Hiroshima getan haben. Mir geht es um das militärische Eingreifen an sich.

In alter Zeit hat die Lehre vom gerechten Krieg versucht, den Krieg in Grenzen zu halten. Denn Krieg würde es immer geben, das folgt schon aus dem Sünderstatus des Menschen. Man wird nie alle Menschen so ändern können, daß keiner mehr gewalttätig wird. Also suchte man, die Gewalt einzuschränken und möglichst keine Unbeteiligten zu Schaden kommen zu lassen.

So positiv die Intention, so negativ auch die Umsetzung, wenn man von Umsetzung sprechen kann. Auch wenn es ein immer ausgefeilteres Kriegsvölkerrecht gab, so haben sich die Kriegsparteien immer wieder darüber hinweggesetzt, und immer wieder kam es zu zivilen Opfern.

Daneben wurde der Terminus des gerechten Krieges auch mißbraucht, um Kriege zu rechtfertigen. Kriege gegen „Ungläubige“, „Tyrannen“ etc. Wer könnte etwas dagegen haben, einen Tyrannen zu stürzen? Oder eine Gefahr für die Menschheit zu bannen?

Hitler, Hussein, und dann?

Die evangelische Kirche hat in den letzten Jahren versucht, statt auf den Krieg, wieder auf den Frieden als Perspektive zu schauen. Man sprach fortan vom gerechten Frieden statt vom gerechten Krieg. So wichtig die Fokussierung auf den Frieden ist, um vom Krieg wegzukommen, so wichtig ist es auch, den Krieg nicht aus dem Auge zu verlieren, denn es ist die Wirkichkeit dieser Welt, ob man nun von Krieg spricht oder friedenserhaltenden Maßnahmen.

Ich wünsche mir, neben einer Beschäftigung mit dem Ziel des gerechten Friedens, eie erneute Zuwendung zur Thematik Krieg. Das ist nötig, um nicht den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren, so wie es die katholische Kirche im Bereich der Sexualethik getan hat. Menschen werden Verhütungsmittel benutzen. Es geht um den verantwortlichen Umgang, nicht die Mittel nutzen, um durch die Betten zu hüpfen und selbst Schaden daran zu nehmen.

Genauso beim Krieg. Es gibt den Krieg, es wird ihn immer geben. Statt weltfremd in einer Kriegssituation den Abzug von Soldaten zu verlangen, sollte sich die Kirche meiner Meinung nach damit auseinandersetzen, wie dieses Faktum des Krieges gewendet werden kann, um größtmögliches Heil zu bekommen, eben den gerechten Frieden. Ein Verhindern aller Sünden kann nicht sein, denn der Mensch ist ein Sünder. Simul iustus et peccator.

es ist Zeit, daß sich die Kirche Gedanken macht, welche Konfliktziele vertretbar sind. Demokratischer Staat? Stabile Strukturen, wenn auch nicht demokratisch? Grundversorgung für alle? Und welche Mittel will sie, wenn nicht zulassen, so doch wenigstens im Rahmen des Sünderseins anerkennen? Wer geht heute in Deutschland noch hin und sagt, es war ein moralischer Fehler, daß die Amerikaner gegen Hitler gekämpft haben? Und trotzdem haben sie viele Menschen getötet, es kam zu Vergewaltigungen und Ermordungen durch die GIs.

Die Frage ist: Huldigt man weltfremd einem Ideal und verhindert alles Tun, das diesem nicht entspricht? Oder versucht man, das Tun, das ohnehin stattfindet in eine Richtung zu lenken, die dem Ideal näher kommt?

Im Klartext: Ist man für Stagnation oder für Veränderung zum Besseren?