Theologie

Der Dekalog

Es ist schon ein paar Tage her, da hatte Muriel einen Artikel über die 10 Gebote geschrieben, der mich ein wenig ärgerte. Ich hatte wenig bis gar nicht argumentiert in meinen Kommentaren, weil ich keine große Diskussion wollte, nur auf andere Sichtweisen hinweisen. Muriel hat das (zu Recht) kritisiert, daher möchte ich mir jetzt die Zeit nehmen, etwas ausführlicher auf seinen Artikel einzugehen.

Für Muriel sind die 10 Gebote „ganz fürchterlicher Unfug“. Er trifft auf Unverständnis, wenn er das äußert und hat deshalb besagten Artikel geschrieben, um in Zukunft darauf verweisen zu können, falls er mal wider in so eine Situation kommt.

Im Artikel geht er dann an den Geboten entlang und schreibt jeweils, was daran für ihn Unfug ist. Mein Probem damit, weshalb ich dann kommentierte war, daß Muriel so mit dem Text umging, als handle es sich um einen Text des 21. Jahrhunderts für Menschen des 21. Jahrhunderts, statt auf die Situation der historischen Verfasser und Adressaten einzugehen. Insofern Muriel ein Problem mit der Biblizistik hat, geht es mir nicht anders. Darum soll es hier nicht gehen. Ursprünglich schrieb Muriel auch folgendes:

Ich diskutiere Texte nicht im Kontext der Zeit ihrer Entstehung, weil er mich nicht interessiert.

Damit wäre eigentlich alle Diskussion beendet gewesen. Will man die 10 Gebote als heutigen Text, der an heutige Menschen gerichtet ist, verstehen, gibt es durchaus einige wichtige Kritikpunkte. Aber, ohne das jetzt nochmal überprüft zu haben, gehe ich davon aus, daß Gleiches auch für die Deklaration der Menschenrechte, die US Unabhängigkeitserklärung und was man sonst noch so als modernere „gute“ Texte in Anschlag bringen will. Selbst unser Grundgesetz hat mit seinem Gottesbezug nicht nur Freunde…

Nun hat Muriel aber später folgendes geschrieben:

Ich weiß, ich hatte geschrieben, dass der mich nicht interessiert, und eigentlich weiß ich ja auch schon, dass wir in Bezug auf deine Religion argumentativ völlig inkompatibel sind, aber du hast mich jetzt doch neugierig gemacht, wie du es für dich hinbekommst, auch nur eines dieser Gebote in ihrem historischen Kontext für ein Musterbeispiel weiser und guter Gesetzfindung zu halten.

Ob man jetzt von weiser und guter Gesetzfindung sprechen sollte, naja. Die wurden laut Text ja nicht gefunden, sondern offenbart. Aber sie sind zumindest, aus ihrer Situation verstanden, kein Unfug.

Ein wenig Hintergrund und Kontext: Die Zehn Gebote ergehen laut Exodusbuch als direkte Gottesrede an das Volk Israel, das grad aus Ägypten geflohen und am Schilfmeer dem Pharao und seinen Truppen entkommen war. In dieser Situation nun kamen sie am Berg Sinai an und wurden von Gott gefragt, ob sie Ihm weiterhin folgen wollen, was die Ältesten (als Vertreter de Volkes) bejahen (steht alles in Ex 19). Erst danach spricht Gott zum Volk die „10 Worte“. Diese sind Konsequenz aus der Zustimmung Israels, Gottes Eigentum (sic!) zu sein und von Ihm zum Volk von Priestern gemacht zu werden. In spanischen Bibelübersetzungen kann man das auch daran ablesen, daß die zehn Gebote im Futur stehen (no matarás etc.), also „Du wirst nicht…“. Das entspricht dem Hebräischen Urtext nicht weniger als die deutsche Übersetzung mit „Du sollst nicht“. Das Hebräische benutzt die Präformativkonjugation unter anderem für die Zukunft und für den Jussiv. Die griechische Bibel (Septuaginta) hat übrigens auch das Futur, nicht den Jussiv.

Geht man nun von der erzählten Geschichte weg und sieht in die historisch-kritische Forschung, so geht man heute davon aus, daß die 10 Gebote eine Zusammenfassung der später genannten Gesetzeskorpora sind. Diese Gesetzeskorpora stammen aus verschiedenen Zeiten und stehen einfach so nebeneinander. Diese Gesete sollten die Rechtsordnung sein, in der dann nach dem Exil das Volk Gottes mit diesem Gott leben sollte, um nicht nocheinmal eine solche Katastrophe wie das Exil zu erleben. Das Exil wurde dabei als Konsequenz aus dem als „gottlos“ empfundenen Handeln der Israeliten und Judäer vor dem Exil angesehen.

Diesen Hintergrund erachte ich als nicht unwichtig bei der Beurteilung der 10 Gebote. Ich will nun Muriels Argumentation Schritt für Schritt durchgehen und alternative Ansichten aufzeigen:

Das erste Gebot […] sagt uns also, dass wir Jahwe Elohim als unseren HERRN zu akzeptieren und keinen anderen zu haben haben. Warum das Unfug ist für einen Atheisten muss ich nicht erklären, oder? Und sogar aus Sicht von jemandem, der an die Existenz dieses Gottes glaubt, sollte zumindest prinzipiell einleuchten, dass unbedingter Gehorsam gegenüber einer besonderen Autorität nicht unbedingt eine besonders gut entwickelte Moral demonstriert.

Wie gesagt richten sich die 10 Gebote an Menschen, die sich vorher zu Gott bekannt haben. Atheisten sind nicht im Blick und wer sich hier als Atheist angesprochen fühlt, ist selbst schuld. Hier wird der Monotheismus deklariert, der die Grundlage bildet für die weitere biblische Erzählung, der aber auch Grundlage für die Gesellschaft nach dem Exil sein sollte. Als einer der Gründe für die Zertörung Samarias und Jerusalems wurde der Polytheismus angesehen. Das sollte nun anders werden. Unfug ist das nicht, höchstens irrelevant für jene, die dem ersten Satz (ich bin der Herr, Dein Gott) nicht zustimmen können. Diese Irrelevanz kann man natürlich für Nichtjahweverehrer immer in Anschlag bringen. Sie bedeutet aber noch keinen Unfug.

Was den unbedingten Gehorsam angeht: Wer irgendwelchen „objektiv wahren Prinzipien“ folgt oder zu folgen sucht tut letztlich auch nichts anderes. Alles was hier gesagt wird ist: Wenn Jahwe Gott ist, dann will Er auch alleine verantwortlich sein. Er ist kein Teamspieler. Er behauptet zumindest zu wissen, was gut ist und was nicht. Dem kann man folgen, dann trifft zu, daß Er Herr und Gott ist, folgt man dem nicht, sind die Gebote als Gebote dieses Gottes komplett irrelevant so wie für mich irendweche Forderungen Thors, Allahs oder des Gesetzbuches der Russischen Föderation irrelevant ist.

Ähm … Aha. Ich soll also keiner Bilder und keine Gleichnisse herstellen von irgendwas. Wohlgemerkt, es geht hier keineswegs nur um Jahwe selbst oder irgendwelchen besonders heiligen Kram, was schon albern genug wäre. Es ist uns ausnahmslos verboten, überhaupt Bildnisse zu erstellen. Wieso? Siehe Gebot 1.

Nochmal kurz den Hintergrund: Bildnis bedeuet hier Götterstatue. Man soll also nicht ne Stierstatue aus Gold machen und sagen: Das ist mein Gott. Wie gesagt: Bedingung ist das soeben genannte: Wenn Jahwe der Gott und Herr ist. Stimmt man dem nicht zu, kann man sich so viele Insekten und Vögel als Statuen aufstellen und sich tagtäglich davor niederwerfen und von ihnen Heil und Hoffnung erflehen. Hat dann aber mit Jahwe nicht mehr viel zu tun. Darum geht es hier.

Ähh… Wäre ich jetzt nie drauf gekommen. Ich soll also keine anderen Götter neben Jahwe haben, und ich soll keine Bildnisse machen. Und außerdem soll ich aber auch keine Bildnisse als Götter haben. Gut, dass er uns das noch mal erklärt hat. Ist ja nicht so, dass er den Platz auf den Tafeln für andere Sachen hätte gebrauchen können, zum Beispiel sowas wie “Du sollst übrigens bitte auch keine anderen Menschen versklaven, wenn’s sich irgendwie vermeiden lässt.” oder “Ach so, Vergewaltigung ist auch nicht cool.”, oder auch nur “Hab ich schon erwähnt, dass deine Kinder nicht dein Eigentum sind und du nicht das Recht hast, sie zu schlagen, Teile von ihnen abzuschneiden, sie ohne ihre Zustimmung zu verheiraten oder sie sonstwie zu misshandeln?”

Offenkundig wurde der Platz dafür nicht gebraucht, sonst hätte es ne dritte Tafel gegeben 😉 Ich sehe jetzt einmal die Frage nach dem Götterstatuen haben und diese anbeten als abgehandelt an. Wie ist es nun mit Vergewaltigung, Sklaverei und Eigentum an Kindern? Sicher, ein allmächtiger, allgütiger und allwissender Gott hätte all das problematisieren können. Ebenso, daß Homosexuele auch Menschen mit Rechten sind, daß es Hexen nicht gibt und auch wenn man das meint sie nicht verbrennen darf, und daß man keine Steuern hinterziehen soll oder Optionsgeschäfte mit Nahrungsmitteln machen… Um alles aufzuschreiben bräuchte man dann wohl wirklich ein ganzes Gebirge. Wie waren denn die Lebensverhältnisse damals? Der Vater der Familie hatte tatsächlich das Eigentum an Frau und Kindern. So gesehen gab es in der Ehe erst einmal gar keine Vergewaltigung, übrigens auch bei uns bis vor kurzem nicht, das ist noch nicht lange strafbar und das Bewußtsein, daß es sich dabei um etwas Schlimmes handeln könnte dürfte auch nur wenig älter sein.

Wurde eine Frau vergewaltigt, so war der leidtragende nach damaligem Verständnis eben der Vater oder Ehemann, weil sein Besitz geschädigt wurde, so pervers es sich für heutige Ohren anhört. Das Thema Vergewaltigung dürfte also, soweit es sich nicht um Vergewaltigung innerhalb der Ehe handelt, unter „Du sollst nicht stehlen“ oder „Du sollst nicht ehebrechen“ oder „Du sollst nicht begehren“ subsummiert sein. Häte Gott das anders tun können? Sicher, aber wer sagt, daß Gott die Bibel selbst geschrieben hätte?

Wie ist es mit der Sklaverei? An sich ne furchtbare Sache, aber was ist der gesellschaftliche Hintergrund, bzw. was ist die Alternative? Alle Sklaven freilassen? In den USA war das geschehen, und 100 Jahre später war ihre Situation realiter nicht viel besser, auch wenn sie de jure frei waren. Da tut das Sabbathgebot mehr, denn am Sabbath soll auch der Sklave nicht arbeiten, seine Last wird gemildert. Natürlich wäre es besser, wenn alle Sklaven frei wären und Land hätten, um für sich selbst zu sorgen. Sie hatten es jedoch nicht. Daneben muß man natürlich bedenken, daß die Sklaven nicht minder Eigentum des Familienvaters waren als Frauen und Kinder, also die gesellschaftlichen Verhältnisse andere waren, als wir sie heute voraussetzen. Gut war das sicher nicht, aber was hätte eine Freiheitsproklamation für Sklaven gebracht damals? Und ja, auch hier war wie sonst auch Gott nicht Autor der Bibel. Es waren damalige Menschen, die an Gott glaubten. Daß es keine Sklaverei geben soll ist eine recht moderne Ansicht, auch wenn schon in der Genesis zu lesen ist, daß der Mensch an sich gottebenbildlich ist…

Misshandlung ist auch so ein Problem. Was ist Misshandlung? Wir werden in vielen Puntken absolut übereinstimmen, in anderen nicht. Manche halten religiöse Erziehung für Misshandlung, andere die Benutzung von Stoffwindeln statt moderner Platikwindeln. Mancher sieht kein Problem bei nem Klaps auf den Hintern, andere rufen das Jugendamt. Viel hängt von der jeweiligen Zeit ab, anderes vom jeweiligen Individuum. Hier wird es immer Streit geben. Aber alles das sind eigentlich Punkte, die zur zweiten Tafel gehören, während wir uns noch auf der ersten Tafel befinden.

Reizend. Wenn jemand also unseren HERRN nicht ausreichend lieb hat, dann rächt er sich nicht nur an ihren Kindern (die natürlich nichts dafür können), sondern auch noch an deren Kindern, und den Kindern von diesen Kindern, also an Leuten, die die Leute nicht mal kannten, die ihm irgendwas getan haben, indem sie ihn nicht genug verehrt haben.

Das ist wieder so ein Übersetzungsproblem (Luther allgemein und dan noch die 1912er Revision ist jetzt nicht unbedingt besonders wortgetreu). Ich hab grad ne Predigt dazu schreiben müssen, deshalb ist mir das noch etwas präsent: „Heimsuchen“ bedeutet hier „untersuchen“. Sprich: Wenn die Eltern was verbocken, überprüft Gott, ob die Kinder das auch tun. Und nach ein paar Generationen kommt dann die „Strafe“. Also wenn wir im 19. Jhd. angefangen haben, Kohlendioxid in Massen in die Atmosphäre zu blasen, dann wird es irgendwann zur Katastrophe kommen. Die Kinder haben also etwas getan, und zwar genau das Gleiche, was die Eltern taten. Den Autoren geht es hier um die Götzenverehrung. Die war ja nach damaligem Verständnis das Problem, wieso man ins Exil kam, weil schon damals alle Könige immer wieder den Götzendienst geschehen ließen und Gott prüfte und prüfte und irgendwann dann das Gane beendete.

Hier ist zum Beispiel ein Prinzip, dem man etwas abgewinnen kann, auch heute noch: Wenn man immer nur das tut, was die Elterngeneration tat, ohne selbst nachzudenken, was gut ist und was nicht, dann schaufelt man sich unter Umständen sein eigenes Grab. Ob jetzt über die Luftverschmutzung oder über die Atomkraft oder über den Kapitalismus tut sich letztlich nicht viel.

Soso. Wenn wir ihn lieben und uns an seine Regeln halten, dann ist er barmherzig. Sonst nicht. Wie ich sagte: Reizend.

Wenn ich mich recht entsinne ist eine andere Übersetzung „Treue“. Gott hält zu denen, die zu Ihm halten. Alle anderen haben sich selbst außerhalb Seines Segens gestellt. Muriel wird wohl kaum Gott, an den er nicht gaubt, die Schud dafr geben, wenn ihm etwas Schlimmes passiert. Außerdem: Es wird nicht gesagt, daß Gott den anderen nciht treu wäre. Kann durchaus passieren. Aber dennen die selbst treu sind, wird Treue versprochen.

total fuchsteufelswild wird, wenn jemand Jehova sagt

Es geht wohl eher um Beschwörungen udn andere magische Praktiken mit Hilfe des Namens eines Gottes. Namen wurde damals ja auch ine spezielle Kraft zugesprochen. Solche Praktiken sollten aufhören. Wie ein Atheist damit ein Problem haben kann, erschließt sich mir nicht ganz.

Zweitens wird das Gebot nicht rational begründet, sondern so, wie liebende und perfekte und allwissende und weise Väter es eben machen: “Tu was ich dir sage, weil sonst schaller ich dir eine!”

Um was es dabei ght kann man als bekannt voraussetzen. So ist das ja auch bei den „ich schaller Dir eine“ oft der Fall. Das Kind weiß genau, wieso es nicht mit dem Feuer spielen soll, oder wieso es sein Geschwisterchen nicht piesaken soll. Felt die Einsicht, kommt die Gewalt. Die verstehen alle. Man kann nun überlegen, ob es nicht doch noch ne Möglichkeit gegeben hätte, Einsicht zu erzeugen, aber manchmal ist es doch besser, dem Kind das Feuer aus der Hand zu schlagen als die Sache über dem brennenden Vorhang auszudiskutieren. Und diese ganzen Beschwörungsgeschichten sind ja auch nicht ganz ungefährlich, so psycholoisch gesehen und so weiter…

Sie lehren keine Moral, sie sind kein vernünftiges Gesetz, sie sind eine Sammlung von Vorschriften eines bekloppten eifersüchtigen Monsters, die man aus Angst vor dessen grausamer Strafe befolgen soll.

Sie lehren die Bedingungen für die von den Israeliten gewünschte Zuwendung Jahwes, um sie zum Priestervolk zu machen. Gott muß und will nicht überzeugen. Die Angesprochenen sind schon überzeugt, wie oben ausgeführt. Ja, argumentiert wird nicht, aber bisher ist alles auch recht gut aus dem Monotheismus heraus erklärbar, da braucht es keine große Erklärung.

Jede Menge Leute missbrauchen jeden Tag den Namen des HERRN, und niemand glaubt meines Wissens auch nur ernsthaft, dass die bestraft werden. Nicht mal die großen Kirchen.

Beschwörungen im Namen Jahwes kommen so häufig wohl nicht vor, aber ich bin auch nicht so in okkulte Zirkel eingebunden. Ob Okkultismus jetzt so positiv für die eigene Psyche ist, also ob diejenigen, die den Namen mißbrauchen, wirklich ohne Probleme davonkommen, das könnte man durchaus einmal eingehender überlegen.

Man darf am Sabbat nicht arbeiten, weil … der HERR es halt gerne so hätte.

Dem Verbot der Feiertagsarbeit kann ich durchaus was abgewinnen, ganz unabhängig von Gott ud der Bibel. Den Gewerkschafte scheint es ähnlich zu gehen, bei aller Kritik, die sie sonst so an den Kirchen leisten… 😉 Und ja, da wird nicht argumentiert. In dem Zusammenhang ist Gott das beste Argument, das wie mehrmals geschrieben nur dann gilt, wenn man diesen Gott anerkannt hat.

ob eine solche Höflichkeitsfaustregel in die Top Ten der wichtigsten moralischen Regeln gehört.

Nochmal Zeitkontext: Damals gab es keine Rentenkassen. Beim ehren ging es nicht darum, den Omas über die Straße zu helfen. Es ging ganz krass um das tägliche Brot. Die Eltern nicht zu ehren bedeutet in dem Zusammenhang, die armen Leute verhungern zu lassen, weil die ja schon zu alt sind, noch zu arbeiten. Es geht nicht um Höflichkeit, und es betrifft irgendwann so ziemlich jeden. IMHO gehört das durchaus in die Top Ten.

Das Konsensgebot, dem kaum mal jemand ernsthaft widerspricht, dabei ist es auch kein gutes.

Seh ich anders [sc. es geht um das töten/morden]. Es gibt genug Menschen, die widersprechen würden, sonst würde niemand niemanden töten. Selbst wenn man es als „morden“ auffasst, was ich für zutreffender halte. Was „morden“ bedeutet ist recht klar, das kann man im jeweiligen Gesetzbuch nachschlagen. Die Zehn Gebote sind ja kein ausführliches Gesetz sondern eher sowas wie die Prinzipien der folgenden Gesetze. Was „Mord“ ist, wäre dort nachzuschlagen. Und ein Gesetz deshab für überflüssig zu halten, weil eh alle zustimmen würden, ist durchaus blauäugig. So gesehen bräuchte man quasi gar keine Gesetze mehr.

Pfff… Joa, klar, wenn ich einem anderen Menschen was verspreche, sollte ich es im Allgemeinen wohl halten. Wie das fünfte Gebot eine nicht ganz abwegige Faustregel, aber ich hätte halt sowas wie “Du sollst andere Leute nicht abschlachten, nur weil sie ein anderes Buch für heilig halten als du.” oder “Hey, Sklaven halten ist doch keine so gute Idee, jetzt wo ich nochmal drüber nachgedacht habe.” schon für wichtiger gehalten.

Die Ehe konstituiert die Familie. Und die ist in Zeiten, in denen die Staatlichkeit verloren ging (Exil!) und wohl auch die Sippen nicht mehr funktionieren die letzte Struktur, die Sicherheit gibt. Wird diese nun etwa durch Ehebrch auch noch aufgelöst, stehen die Menschen alleine da. Das „Abschlachten“ wurde ja vorher schon verhandelt und die Sklaverei ist zwar schlimm, betrifft aber keine so zentrale Institution wie die Ehe.

Wie “Du sollst nicht morden.” Das Gebot setzt für seine Verständlichkeit bereits die Einsicht in das Unrecht der verbotenen Handlung voraus und enthält damit keine Information.

Wer sagt denn, daß das Wörtchen „stehlen“ schon impliziert, daß es sich um etwas Unrechtes handelt? Ich meine, das ist nicht gegeben, und daher ist das Gebot sinnvoll. Durchaus auch in Kontexten, die mit Gott nicht viel zu tun haben. Diebstahl untergräbt der Vertrauen der Menschen zueinander, und das schwächt eine Gruppe, worunter schließlich alle wieder leiden.

Wenn ich Angst habe, dass Landau sonst mich und meine ganze Familie hinrichten lässt, ist das was anderes, aber ich glaube, darum gehts Jahwe hier nicht.

Seh ich auch so. Es geht nicht ums „Lügen“, sondern um das falsche Zeugnis. Und wo bezeugt man etwas? Vor Gericht! Falsch Zeugnis wider den Nächsten bedeutete also: Meineid. Und auch hier gilt: Auch wenn uns allen klar ist, daß das ganz pöhse ist ist es trotzdem nicht verkehrt, das festzuschreiben und klarzustellen. Denn auch das ist zentral. Unrecht im größeren Rahmen stützt sich immer wieder auf Falschaussagen vor Gericht. So höhlt man Rechtsstaaten aus. Falschaussagen vor Gericht haben nie etwas Gutes, während Sklaverei, wenn die Sklaven nicht als solche, sondern als gleichberechtige Mitmenschen behandelt werden, durchaus besser ist als sonst. Falschaussagen sind nie besser, weil sie das System an sich in Frage stellen.

Erstens: Warum nicht? Es schadet niemandem, wenn ich nach irgendwas gelüste, außer vielleicht mir selbst, weil es mich vielleicht frustriert, wenn ichs nicht kriege, aber die Gebote sind ja meines Wissens nicht als Ratschläge für Wohlbefinden gedacht, sondern als Gesetze, deren Nichtbefolgen harte Strafen nach sich zieht.

Weil es die Gemeinschaft untergräbt. Wenn Du neidisch auf Deinen Nachbarn bist, dann wirst Du ihm nicht auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Oder, um es mit Meister Yoda zu sagen: Erforsche Deine Gefühle.

Zweitens: Ich kann mir sowieso nicht aussuchen, wonach es mich gelüstet. Das Ding ist also ähnlich sinnvoll wie ein Verbot von … was können wir mal als möglichst abwegiges Beispiel nehmen? Ach ja: Sagen wir, ein Verbot bestimmter sexueller Vorlieben. Hihi. Albern, oder?

Es gibt in der Bibel auch so alberne Forderungen wie die nach der Liebe. Gefühle und ihre Konzeptionen im AT werden im Moment grad genauer erforscht. Es sieht jedenfalls so aus, als ob das alles nicht so ist, wie wir das heute sehen. Da ist beim Lieben ein Tun mit gemeint. Wenn man jemanden lieben soll, dann soll man nicht einfach irgendwelche netten Gefühle haben, ohne etwas zu tun. Gleiches dürfte für das Begehren gelten. Du kannst natürlich nichts dazu wenn Du siehst, daß Dein Nachbar ne neue Playstation hat und Du denkst: Die hätt ich auch gern! Du kannst aber davon abstrahieren und Dir klarmachen, daß Du nicht genau die willst, die er im Wohnzimmer stehen hat, sondern eine andere, und daß Du die legal im Geschäft beziehen willst, und nicht per Stein durch Scheibe – einstecken – wegrennen.

Das sind die Dinger, von denen viele, auch Atheisten, uns immer wieder einzureden versuchen, sei seien die Basis unserer Moral, unserer modernen Gesetze, unserer Kultur, unserer Ethik und von Wasweißichwassonstnoch.

Das sid se, ja, und ich kann denen in ihrer Situation durchaus etwas abgewinnen. Ich meine, daß damit ganz gute Regeln zusammengestellt sind (wenn auch nicht begründet außer im behaupteten Willen Gottes), die für eine Gesellschaft auch zentral sind. Auf der einen Seite ist dies ein gemeisames Prinzip, an dem sich alle ausrichten sollen. Bei den Zehn Geboten ist das Gott. Im modernen Staat kann Gott das nicht sein, weil auch Andersreligiöse (inklusive Atheisten und Agnostiker) im Staat wohnen, also braucht man nen gemeinsamen Nenner. Aber die Absicherung dieser Prinzipien durch bestimmte Regeln, die gegen andere Prinzipien sprechen, ist sicherlich nicht verkehrt. Dann braucht es noch ein paar Regeln für das Zusammenleben: Nicht morden, nicht stehlen, kein Meineid, Schutz der gesellschaftlichen Grundstruktur (hier Familie) durch Schutz der Ehe und der Alten und am Ende noch der Hinweis, nicht seinen Begierden in Bezug auf den Besitz anderer einfach so nachzugeben. Darauf kann man ne Gesellschaft aufbauen. Natürlich sieht unsere Verfassung heute etwas anders aus. Aber ne Analyse, inwieweit diese Prinzipien auch dort Beachtung finden, dürfte durchaus etwas zu Tage fördern. Ich hab für die Analyse leider keine Zeit, aber vielleicht fühlt sich wer anders berufen? Einfach in den Kommentaren reinschreiben oder verlinken 😉

glaube

Christopher Hitchens und seine 10 Gebote

Im Freitag vom 5.4. gab es nen Artikel zu den 10 Geboten, also eigentlich geht es da um ne Neufassung von verschiedenen Leuten. Am Ende gibt es dann noch einmal 10 ganz neue Gebote von Christopher Hitchens, die mich dann doch zur Kommentierung herausfordern.

Die Hitchens’schen Geboten lauten wie folgt:

1. Veurteile Menschen nie aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe

2. Betrachte Menschen nie als dein Eigentum

3. Verachte jene, die in sexuellen Beziehungen Gewalt anwenden oder mit Gewalt drohen

4. Bedecke dein Gesicht und weine, wenn du es wagst, einem Kind Leid zuzufügen

5. Verurteile Menschen nicht aufgrund ihrer angeborenen Natur – warum sollte Gott so viele Homo­sexuelle erschaffen, bloß um sie anschließend leiden zu lassen?

6. Wisse, dass auch du ein Tier bist und damit abhängig von der Natur – denke und verhalte dich entsprechend

7. Glaube nicht, du könntest einem Urteil entgehen, bloß weil du Leute mit falschen Versprechen statt mit einem Messer bedrohst

8. Schalte das verdammte Mobiltelefon aus — du ahnst nicht, wie unwichtig dein Anruf für uns ist

9. Verurteile alle Fundamentalisten und Kreuzritter, denn sie sind kriminelle Psychopathen mit hässlichen Wahnvorstellungen

10. Sei bereit, jeden Gott und jede Religion zu verleugnen, dessen Gebote den obigen widersprechen

Zuerst einmal zum Positiven: Hitchens hat einige Gebote, denen ich durchaus zustimmen kann. Es sind dies die Gebote 1, 2, 4, und 5.

Zu den anderen Geboten will ich kurz notieren, wieso ich nicht zustimmen kann:

Gebot 3:

Ich halte nichts davon, Menschen zu verachten. Ich verachte Taten. Aufgrund meiner Religion bin ich jedoch angehalten, alle Menschen, inklusive meiner Feinde, zu lieben. Dies bedeutet nicht, daß ich ihre Taten relativieren muß, gewiß nicht. Aber ich trenne Person von Handlung, und bin damit frei, die Person, die sich von ihrem Handeln distanziert, anzunehmen. Vorher schon bin ich frei, solchen Menschen trotz allem auch Gutes zu tun. Nicht als Belohnung für Verbrechen, sondern als Motivation, sich selbst zu reflektieren und eigenes Handeln zu kritisieren. Ich meine das geht leichter, wenn man trotz allem Annahme erfährt. Verachtung führt nur zu Verhärtung und Verstockung. Man kann sich zwar toll fühlen, weil man ja klar zeigt, was man von „solchen Menschen“ hält, aber zur Lösung des Problems trägt man damit nicht bei. Verachtung ist eine Form von Haß, und Haß ist eine Sackgasse.

Gebot 6:

Freilich bin ich ein Tier, biologisch betrachtet, ach wenn es eine lange Tradition gibt, Unterschiede zwischen dem Menschen und anderen Tieren herauszustellen. Auch bin ich in gewisser Form von der Natur abhängig. Ich kann nicht fliegen, die Schwerkraft gilt auch für mich, und dergleichen mehr. Aber ich bin vor allem anhängig von Gott, der mich schuf und beschützt und lenkt (auch wenn ich oft genug ausreiße). Abhängig von der Natur bin ich nur insofern diese von Gott als Rahmen gesetzt ist. Hier geht mir Hitchens nicht weit genug. Genauso könnte er ein anderes Mittelding betonen. Ich bin auch abhängig von Lebensmitteln, von Atemluft oder von gewissen Geldmitteln, die mir den Zugang dazu ermöglichen…

Gebot 7:

Hier hat Hitchens ungewollt recht, denn Gott wird uns alle richten. Aber das meint er wohl nicht. Was diese Welt angeht: Da werden manche nicht mal gerichtet, obwohl sie Menschen mit Messern bedrohen. Insofern ist es eine falsche Versprechung, die Hitchens hier macht. Ob man verurteilt wird, hängt oft von den Machtverhältnissen ab. Und die führen manchmal dazu, daß man sogar ohne Messer und ohne falsche Versprechungen verurteilt wird.

Gebot 8:

Kann ich nicht ernst nehmen.

Gebot 9:

Hier gilt analog, was ich bei Gebot 3 geschrieben habe. Außerdem finde ich es anmaßend, wenn Hitchens sich hier über andere Menschen stellt und sie pauschal als „Psychopathen“ tituliert.

Gebot 10:

Ich bin ja selbst nicht mit allen Geboten einverstanden. Also verleugne ich auf dieser Basis auch niemanden.

Darüber hinaus erscheint mir diese Ansammlung als eine ad hoc Liste mit 10 Punkten, die Hitchens gerade einmal eingefallen sind. Ich lese nichts vom Verbot zu lügen, ich lese nichts von einem Tötungsverbot, aber statt dessen zweimal den Aufruf zum Haß gegen bestimmte „böse“ Menschen und die Forderung bedingunsloser Nachfolge, die sonst in atheistischen Kreisen dem Gott der Bibel ja gerade angelasett werden.

Hitchens‘ 10 Gebote sind nicht einmal eine geistreiche Entgegnung, haben nicht einmal eine durchdachte Struktur, die den 10 Geboten der Bibel nahe kommen könnten, und vermissen jede innere Stringenz und Gesamtkonzept. Man kann sie durch beliebige andere willkürliche Forderungen ersetzen, ohne daß der Gesamttext groß Schaden nimmt.

Vor diesem Hintergrund wundere ich mich, wieso dieser Hitchens so ne große Nummer war. Seine 10 Gebote müssen da ein gewaltiger Ausreißer nach unten gewesen sein.

Eingehen auf Suchbegriffe

Inwiefern machen die 10 Gebote die Menschen frei?

Der Titel ist eine Suchanfrage, durch die vor ein paar Tagen jemand auf den Blog hier kam und die Frage hat mich ach angesprochen, also wieso nicht nen kleinen Text draus schreiben?

Die 10 Gebote stehen in der Bibel an zwei Stellen, in leicht abgewandelter Form, und zwar bei 2. Mose 20 und bei 5. Mose 5, leicht zu merken, und sie werden den Israeliten zu dem Zeitpunkt gegeben, als diese aus Ägypten ausgezogen sind, aus dem „Diensthaus“ wo sie als „Knechte“ lebten.

Es geht also im Kontext der 10 Gebote schon ziemlich direkt um die Freiheit, und diese wird ach immer wieder thematisiert beim Durchzug durch die Wüste. Denn es kommt immer wieder die Frage auf, ob man nicht lieber nach Ägypten zurückkehren sollte, an die „Fleischtöpfe“, anstatt in der Wüste umzukommen. Nach „Freiheit oder Tod“, dem Schlachtruf vieler linker Befreiungsgruppen, war den Israeliten nicht, der Tod sollte unter allen Umständen verhindert werden – verständlich.

In dieser Situation gab Gott die 10 Gebote. Die durch die Wüste ziehenden Israeliten, die gerade der ägyptischen Militärmacht entkommen war, hatte noch keine Verfassung, keine Gesellschaftsstruktur, die ihnen in der neu gewonnenen Freiheit Sicherheit geben und das Zusammenleben ermöglichen konnte.

Ohne eine solche Struktur, eine neue Struktur, muß die neue Gesellschaft der nun freien Israeliten auseinanderbrechen. Es wäre keine Gemeinschaft gewesen, sondern nur eine lose zusammengewürfelte Menschenansammlung, durch nichts miteinander verbunden, ohne gemeinsame Identität. Ohne eine Struktur wäre jeder seiner Wege gezogen, hätte gemacht, was er allein für richtig erachtet hätte, und hätte dabei wohl die Sicherheit gewählt. Lieber ein Knecht in Ägypten als ein freies Skelett in der Wüste.

Bisher hatte die Idee der Freiheit für den Auszug und die ersten Strapazen genügt, und Moses als Anführer, der erst einmal die Richtung vorgab, sich nun aber bewähren mußte angesichts der Strapazen der Freiheit. Es war zwar die Rede von einem Land, wo Milch und Honig fließen, doch man kann noch nachempfinden, wenn man hete in den Sinai und die angrenzenden Wüstengebiete fährt, daß davon nicht viel zu sehen war.

Die 10 Gebote nun stellten eine Grundordnung dar für das Volk. Sie regelte das Zsammenleben, stellte die Grundlage für die Freiheit dar, indem sie Identität schuf und statt einem neuen Pharao nun Gott an die erste Stelle stellte. Solange der Pharao oder ein anderer König Gewalt über die Menschen hatte, solange der König begehren konnte, was er wollte (des nächsten Ochs, Esel, Haus und auch Frau und Kinder), gab es keine Freiheit. Erst durch die Etablierung Gottes als König (und nicht des Königs als Gott wie in Ägypten), war Freiheit möglich.

So setzten die 10 Gebote als erstes den Garanten der Freiheit fest, nämlich Gott. Ihm und keinem anderen ist Verehrung zu erweisen. Erweist man sie anderen Göttern anderer Völker, so macht man sich von diesen abhängig und kommt wieder in die Unfreiheit. Erweist man sie keinem Gott (damals wohl eher nicht zu erwarten), so ist man auf sich selbst und die eigenen subjektiven Ansichten zurückgeworfen, auch nicht anders als ganz ohne Grundordnung wie die 10 Gebote. Ohne äußere Sicherheit führt der Weg über kurz oder lang zurück an die sicheren Fleischtöpfe in Ägypten, weil die Freiheit dann doch nicht den Magen füllt.

Nachdem der Garant der Freiheit feststeht, schreiben die 10 Gebote dann fest, wie das Handeln in dieser Freiheit aussehen soll: Ruhetag gewähren (auch dem Ochsen und Esel, interessant vielleicht für Tierethiker), Eltern ehren (zum Beispiel indem man sie im Alter versorgt, so gibt man den eigenen Kindern ein Beispiel und lebt selbst auch lange) sowie nicht morden, stehlen (inklusive der Frau des Nächsten -> Ehebruch) und auch kein falsches Zeugnis abgeben (man denke sich, wie wichtig die Ächtung von Meineiden ist! Man kann es überall dort sehen, wo Denunziantentum gefördert wird und wurde: all dies sind keine Orte, an denen man besonders frei wäre), zu guter letzt nicht einmal ein Begehren nach dem Eigentum des Nächsten hegen (ja, es ist frauenfeindlich, daß hier die Frau als Eigentum des Mannes aufgeführt wird, so war die Gesellschaft damals). Denn was folgt auf das Begehren? Das Erlangen, oder zumindest der Versuch davon. Viele Werbefachleute verdienen ihr Geld damit, unser Begehren zu steigern, ob nach Mobiltelefonen, Autos oder Klamotten des einen bestimmten Herstellers. Die Werbestrategen zielen darauf ab, unsere Freiheit einzgrenzen, um ihre Produkte besser zu verkaufen. Lassen wir es zu, unseres nächsten Haus zu begehren (es geht um genau dieses aus und nicht m ein baugleiches, das am Ende der Straße zum Verkauf steht), dann macht uns auch das abhängig davon, und nser Denken richtet sich darafhin aus, das Haus zu erlangen (oder vielleicht doch dasjenige am Ende der Straße?). Die 10 Gebote gehen also neben der äußeren Freiheit auch noch auf die innere Freiheit ein.

Im Laufe der Geschichte kam und kommt es immer wieder dazu, daß Freiheiten beschnitten werden und wurden, auch im Namen des Gottes, der eigentlich der Garant für Freiheit sein soll. So kann man in 1. Sam 8 nachlesen, wie nun die Israeliten in eine neue Unfreiheit kommen, indem sie nach einem König verlangen. Doch durch das Festhalten am Garanten für die Freiheit ist auch diese immer wieder erreicht worden, nebst anderer Freiheiten, die wir heute in Europa wie selbstverständlich genießen.

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Die 10 Gebote

Ich bin grad auf ein Video von George Carlin gestoßen, indem er sich die 10 Gebote vornimmt und auf 2 beschränkt. Ganz witzig. Er fügt dann noch eins dazu: Du sollst Deine Religion für Dich behalten (das das im eklatanten Widerspruch zum Missionsbefehl steht, werd ich das natürlich nicht tun).

Was ich, neben aller Comedy, jedoch überlegt habe ist, inwiefern man die 10 Gebote wirklich auf eine kleinere und handlichere Menge reduzieren kann.

Die zehn Gebote finden sich in zwei Versionen in der Bibel, einmal im Deuteronomium, einmal in Levitikus, und beide Versionen weichen auch ein wenig voneinander ab.

Außerdem gibt es, je nach Konfession oder Religion verschiedene Zählungen, da man nur durch Zusammenfassung verschiedener Forderungen die Zahl 10 erreichen kann. Ich wer mich an die Aufdröselung nach der Wikipedia halten, die zwölf Punkte beinhaltet:

Ich bin der Herr, Dein Gott

Du sollst keine fremden Götter neben mir haben

Du sollst Dir kein Bildnis machen

Du sollst den Namen Gottes nicht mißbrauchen

Heilige den Sabbath

Ehre Vater und Mutter

Morde nicht

Brich nicht die Ehe

Stiel nicht

Gib kein falsches Zeugnis

Begehre nicht Deines Nächsten Frau

Begehre nicht Deines Nächsten Besitz

Wenn man sich im Neuen Testament ein wenig umsieht, stößt man irgendwann auf die Stelle mit dem Reichen Jüngling (Mt 19, 16ff). Die Stelle ist auch bekannt, weil dort das Zitat mit dem Kamel und dem Nadelöhr vorkommt.

Kurz bevor das Kamel ins Spiel kommt, hatte der reiche Jüngling Jesus gefragt, wie er denn in den Himmel kommen könnte und Jesu sagte ihm, er solle die Gebote halten, woraufhin Er alle von Ehre Vater und Mutter bis kein falsch Zeugnis geben aufzählt, die vorhergehenden Gebote nicht erwähnt (das kommt aber noch) und auch die letzten beiden Punkte mit einem anderen Bibelzitat zusammenfasst:

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst

Das steht schon in Levitikus 19, 18b. Wenn ich meinen Nächsten liebe, dann begehre ich wohl auch nicht seinen Besitz oder seine Frau. Damit hätten wir eine erste Reduktion geschafft.

In der genannten Stelle vom reichen Jüngling geht es ja noch weiter, denn dieser sagt, er habe sich an all die Gebote gehalten. Scheinbar merkt er, daß er das ewige Leben trotzdem noch nicht hat, denn er fragt Jesus, was ihm daneben noch fehlt. Daraufhin sagt Jesus etwa nicht: Doch, das reicht, sondern Er stellt weitere Forderungen (Mt 19, 21):

Jesus antwortete ihm: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!

Dieses folge mir nach ist bei Licht betrachtet nicht anderes als eine Zusammenfassung der ersten Forderungen der 10 Gebote. Nachfolge ohne Rückkehrmöglichkeit in sichere Verhältnisse kommt schon einer Vergöttlichung dessen gleich, dem man nachfolgt. Denn wenn derjenige kein Gott ist, wieso sollte man sich dann mehr auf ihn als auch sein eigenes Vermögen verlassen? Wenn er auch nur ein Mensch ist kann er auch nicht mehr als der reiche Jüngling, wobei der Jüngling mit seinem Geld einiges erreichen kann, Jesus aber nicht einmal viel Geld hat sondern eher ein Landstreicherleben führt.

Die Nachfolge bedeutet also, daß Jesus zum Gott des Jünglings wird, daß er keine Götter neben ihm haben soll (also nicht noch etwas Geld zurückbehalten um später aussteigen zu können). Auch die Bildnisse und der Namensmißbrauch gehören in diesen Zusammenhang, denn die Bildnisse dienen auf jeden Fall zur Vergegenwärtigung eines anderen Gottes, oder können zumindest von der Nachfolge des eigenen Gottes ablenken (auch die Reformierten haben ja nichts gegen die Bilder an sich, sondern sehen darin eine Ablenkung vom rechten Gottesdienst). Der Namensmißbrauch steht der Nachfolge auch entgegen. Was ist es für eine Nachfolge, wenn ich schlecht über denjenigen rede, dem ich folge. Wenn ich schlecht rede, dann ist die Nachfolge nur eine Oberflächliche, dann hab ich mich innerlich schon gelöst.

Mit der Aufforderung zur Nachfolge und dem Verschenken allen Gutes werden also die ersten 4 Punkte zusammengefasst. Das Sabbathgebot scheint unter den Tisch gefallen zu sein, doch wenn man es sich genau ansieht, vielleicht doch nicht. Es gibt für das Sabbathgebot je nachdem, welche Version der 10 Gebote man annimmt verschiedene Begründungen. In Levitikus ist die Begründung, daß Gott bei der Schöpfung der Welt auch am 7. Tag geruht hatte. Der Sabbath gehört also in den Bereich der rechten Gottesverehrung, also der Nachfolge. Im Deuteronomium wird die Begründung vom ehemaligen Sklavendienst der Israeliten in Ägypten hergeleitet: Ihr wißt, wie es ist, wenn man Knechtsdienste leisten muß, also gewährt auch Euren Knechten (und Arbeitstieren) einen freien Tag in der Woche, daß ihr Leben nicht nur aus Arbeit besteht.

In diesem Fall wäre das Sabbathgebot weniger religiös, sondern sozial begründet. Wie auch die vorher einzeln aufgelisteten Gebote von Ehre Vater und Mutter (die Gebote waren in erster Linie an erwachsene Männer gerichtet, es geht darum, die Eltern im Alter nicht respektlos zu behandeln) bis zum Verbot des falschen Zeugnisses (Falschaussagen vor Gericht können ja auch zu ziemlichen sozialen Spannungen führen).

Es gibt also drei Felder: Das Folge-Gott-nach-Feld, das Soziale-Zusammenleben-in-der-Gesellschaft-Feld und das Liebe-Deinen-Nächsten-Feld. Dabei sind die letzten beiden Felder kaum zu unterscheiden. Sicher betrifft eine Falschaussage vor Gericht nicht immer nur den Angeklagten vielleicht wird auch ein Mörder freigesprochen und so wieder zu einer Gefahr für die Allgemeinheit, aber im Grunde kann man alle diese Gebote doch subsumieren unter: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Das bezieht sich dann auf alle Nächsten, also auch die gesamte Gesellschaft.

Auch die vorderen Gebote, die unter den Nachfolgeaspekt fallen, kann man unter dem Liebesaspekt subsumieren: Liebe Gott über alles. Und so kommt es auch, daß Jesus auf die Frage nach dem höchsten Gebot antwortet (Mt 22,37b-40):

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Jetzt haben wir nicht nur die 10 Gebote, sondern das ganze Gesetz (also auch die anderen Vorschriften in der Bibel) und die Propheten in zwei Aufforderungen zusammen gefasst: Gott über alles lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst.

Damit sind aus 12 Aufforderungen, die in 10 Geboten zusammengefaßt werden nun 2 Aufforderungen oder Gebote geworden. Ich denke jedoch, man kann noch mehr reduzieren.

Und zwar will ich nicht die Gottesliebe über Bord werfen (wäre ja angesichts der mutireligiösen und immer mehr auch säkularen Gesellschaft auch überlegenswert), sondern bei der Nächstenliebe ansetzen (keine Angst, sie geht nicht über Bord).

Wenn wir zurückkommen zum reichen Jüngling, dann stellt sich doch die Frage, warum Jesus auf einmal mit neuen Forderungen kommt, nachdem der Jüngling die ersten Forderungen doch schon erfüllt hatte. Ich denke, er hatte nicht, er sagte das nur, er war der Meinung er hätte die Forderungen erfüllt, und vielleicht hatte er das auch, soweit es menschenmöglich war.

Er war aber reich, und es gab Arme. Er war nicht bereit, seinen Reichtum dem Nächsten abzugeben, man hätte vielleicht noch einmal nachdenken können, ob es nicht auch gereicht hätte zu teilen, aber selbst das hat er wohl nicht so weitgehend getan, wie es ihm möglich gewesen wäre, sonst wäre er nicht mehr reich gewesen (vielleicht hatte er ja schon einen beträchtlichen Teil seines Vermögens abgegeben, aber warum nicht mehr?).

Er hatte also, auch wenn es nach menschlichem Ermessen kaum zu fordern ist, seiner Nächstenliebe eine Grenze gesetzt, er wollte gleichzeitig die finanzielle Sicherheit haben und trotzdem den Nächsten lieben. Darauf stieß ihn Jesus mit den weitergehenden Forderungen. Die Forderungen nach der Nachfolge offenbart die Unmöglichkeit, die vorher genannten Forderungen einzuhalten. Der Jüngling hat Angst, alles einzusetzen, alles zu riskieren, alles verlieren zu können. Was, wenn Jesus nicht Gott ist, sondern lediglich ein wandernder Zimmermann mit einer gewissen rhetorischen Begabung?

Nur wenn ich glaube, daß Jesus Gott ist, oder auch daß Gott Gott ist und existiert, kann ich mich an Forderungen halten, die ich diesem Gott zuschreibe und hoffen, daß ich dabei nichts verliere. Nur dann, im Falle des Glaubens, habe ich keine Angst. Und nur ohne Angst kann ich die Forderungen erfüllen (wobei auch die Gläubigen nicht perfekt sind, auch wenn sie auf dem Weg sind, die Angst zu verlieren).

Also ist die erste Forderung Ich bin der Herr, dein Gott Grundlage aller anderen Forderungen. Nur wenn man das bejahen kann, kann man auch die anderen Forderungen einhalten (es wäre mal interessant was passiert, wenn man außer den christlich-jüdischen Gott hier andere Götter einsetzen würde, aber die stellen vielleicht auch wieder andere Forderungen).

Stimmt man aber dieser ersten Feststellung zu, daß der Herr (allein) Gott ist, kommen damit implizit auch alle anderen Forderungen nach: Die nach der korrekten Verehrung (keine anderen Götter etc) und die nach der Nächstenliebe. Denn es sind ja die Forderungen dieses Gottes.

Wenn man sich bewußt ist, wer Gott ist und was Er fordert, dann reicht der erste Satz Ich bin er Herr, Dein Gott aus, um alle Gebote zu subsummieren. So reduziert müßte das auch auf viele andere Religionen und Weltanschauungen passen: Wenn ich weiß, welchem Ideal ich nacheifere, reicht es, mir das Ideal bewußt zu machen, dann folgt aus der Formulierung des Ideals alles andere nach.

Nun frage ich mich nur noch, ob man derart reduzieren kann, wenn man Gott vorhin über Bord geworfen hätte. Die Anzahl der Forderungen wäre zwar auch auf 1 geschrumpft, die Angst vor der konsequenten Umsetzung wäre nicht einmal angegangen worden (wie gesagt, es ist nicht so, daß Gläubige gar keine Angst mehr hätten, sie sind sich der Angst aber in der Regel bewußt), sie hätte sich zum zweiten Prinzip neben dem Gebot der Nächstenliebe etabliert und wäre zu diesem in Konkurrenz getreten. Und schon hätte man wieder zwei Forderungen gehabt: Die nach der Nächstenliebe und die, ja nicht zu viel zu tun.