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Christentum und AfD

Christentum und AfD, wer ist hier der "echte" Christ? Das Bild zeigt einen Anhänger der "Deutschen Christen" und einen Anhänger der Liste "Evangelium und Kirche" mit umgehängten Wahlplakaten
Kirchenratswahlen Berlin 1933

Auf Twitter äußere ich mich öfters dahingehend, daß weder Mitgliedschaft noch Sympathie mit der sogenannten AfD mit dem christlichen Glauben vereinbar sind. Heute nun wurde mir auf zweierlei Weise widersprochen. Einmal von einem mutmaßlichen AfD Sympathisanten, der meinte, Christentum bedeute vor allem, andere auszugrenzen und das würde bei der Aussage ja auch wunderbar auf mich zutreffen. Dann warf er mir vor, auf die no true scotsman fallacy reinzufallen. Dazu möchte ich zuerst ein paar Worte verlieren.

Dann möchte ich mich mit dem zweiten Einwand beschäftigen, die auf große sowohl personelle wie auch inhaltliche Gemeinsamkeiten zwischen sogenannter AfD und Christen hinwies. Ich versuchte zuerst, auf Twitter in die Debatte einzusteigen, aber das Format war dann doch zu eng. Daher versuche ich nun hier, meine Ansicht zu der Thematik etwas breiter auszuformulieren, als dies auf Twitter möglich ist.

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Commenting Media, Glaube, Theologie

Fliegendes Suizidkommando

Fliegendes  Suizidkommando? Nein, der Erlöser beim Erlösungswerk!
Uoaei1 [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Das fliegende Suizidkommando und Karfreitag

Wer kennt ihn nicht: Monty Pythons „Das Leben des Brian“? Der Film enthält jede Menge Anspielungen auf alles Mögliche. Zum Beispiel spielt die Konkurrenz zwischen der Volksfront von Judäa und der Judäischen Volksfront (und diverser anderer im Film genannter Gruppen) auf die Kämpfe verschiedener Befreiungsbewegungen untereinander – anstatt gegen den erklärten Feind – an. Und dann gibt es bei der Judäischen Volksfront noch ein „Fliegendes Suizidkommando“. Heute im Gottesdienst kam ich darauf, daß es sich da um eine Anspielung auf Jesu Kreuzestod handelt:

Es wird gestorben, vorgeblich zur Befreiung Anderer, aber irgendwie stellt sich die Befreiung nicht spürbar ein.

Oder anders gesagt: Jesu Tod hat nichts gebracht.

Jesus und das fliegende Suizidkommando

Dem stimme ich so natürlich nicht zu: Jesu Kreuzestod hat durchaus Befreiung gebracht. Beim fliegenden Suizidkommando ist das freilich anders: Brian bleibt am Kreuz und es bleibt ihm nichts als eine Hymne auf das Leben im Hier und Jetzt zu singen. Auch recht traurig, wenn an bedenkt, daß in Brians Hier und Jetzt das Leben zum Ende kommt.

Aber wo ist der Unterschied zwischen Christi Handeln und dem „Anschlag“ des fliegenden Suizidkommandos?

Judäische Volksfront

Soweit es aus dem Film erkennbar ist, liegt das Ziel der Judäischen Volksfront darin, Judäa von der römischen Besatzung zu befreien. So weit, so normal. Die Unfreiheit besteht hier in der Fremdbestimmung durch eine ausländische oder als ausländisch empfundene Macht. Also kein großer Unterschied etwa zur katalanischen oder schottischen Unabhängigkeitsbewegung. Unterstellt man, daß die Judäische Volksfront wohl auch vor Waffengewalt nicht zurückschreckt, dann sind die Vergleichspunkte wohl eher ETA, PKK, PLO oder Irgun.

Jesus Christus

Jesus geht es in Seinem Befreiungswerk jedoch nicht um solche äußere, nationale Freiheit. Als Er zum König gemacht werden soll, entzieht Er sich, im Verhör mit Pilatus sagt Er, Sein Reich sei nicht von dieser Welt. Es geht Ihm nicht um weltliche Befreiung.

Befreit wird der Mensch durch Jesus nicht von einer fremden Macht. Diese Perspektive scheint Jesus gar nicht zu interessieren. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“. Und auch seine ersten Nachfolger waren da durchaus zurückhaltend. Grad von Paulus kennen wir die Forderung, der Obrigkeit untertan zu sein, auch spricht er sich nicht gegen die Sklaverei aus oder die Unterordnung der Frau unter den Mann – jedenfalls nicht direkt.

Denn der Befreiungsakt geschieht an einer ganz anderen Front. Sie löst ein ganz anderes Problem als daß der weltlichen Unterdrückung. Das Problem ist das Problem der Sünde. Christus befreit uns nicht von einem weltlichen Tyrannen, sondern von der Sünde.

Sünde? Echt jetzt?

Aber mal ehrlich, abseits vom innersten Kreis der Kerngemeinde und vielleicht noch studierten Theologen, wer versteht sich heute als Sünder? Wer versteht überhaupt, was Sünde ist? Eine böse Tat? Eine Tafel Schokolade in der Fastenzeit? Tanzen am Karfreitag?

Ich hatte hier schon einmal meinen Religionslehrer im Gymnasium erwähnt. Er erklärte uns das mit der Sünde immer mal wieder mit folgendem Bild: Freiheit und Verantwortung müssen sich die Waage halten. Nehmen wir uns irgendwann mehr Freiheit, als wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, entspricht die Diskrepanz zwischen beiden der Sünde.

Freiheit!

Wenn wir jetzt mal die Religion bei Seite lassen, so sollte doch leicht ein Konsens herzustellen sein, daß es von Übel ist, wenn sich jemand alle möglichen Freiheiten rausnimmt, ohne die entsprechende Verantwortung zu übernehmen: Alkohol trinken und trotzdem Auto fahren, Sex ohne Gummi und die Frau schwanger sitzen lassen, Daten sammeln und nicht sicher speichern… Es gibt viele Beispiele, die man aufzählen könnte.

Wo ich Freiheit auslebe, kann das immer auch Auswirkungen auf andere haben. Und für diese Auswirkungen habe ich die Verantwortung. Übernehme ich die nicht, sorge ich mich nicht um die Konsequenzen meines Handelns, dann entsteht Leid. Aus der Sünde, also dem Verweigern von Verantwortung, entsteht Leid. Und zwar in ganz verschiedener Weise. Das Leid, das durch das verantwortungslose, alkoholisierte Führen eines Kraftfahrzeugs entsteht ist anders als das Leid, das entsteht, wenn sich jemand schmieren läßt oder jemand Drogen mißbraucht.

Verantwortung!

Jahrelang fragte ich mich, wie es nun ist, wenn ich mehr Verantwortung als Freiheit übernehme – oder sollte ich sagen: übernehmen will?

Letzte Woche sprach ich mit einem Kollegen über das Altern. Irgendwann ging es darum, ob es besser sei, früher zu sterben, bevor man unter Demenz leidet oder allgemein zum Pflegefall wird. Wir kamen darauf, inwieweit man sich in einer solchen Situation vielleicht als „useless“ (wir sprechen meist Englisch im Büro), also unnütz, verstehen würde.

Ich stellte es in Frage, Menschen nach ihrer Nützlichkeit zu kategorisieren. Darauf meinte mein Kollege, das sei trauriger Weise das Paradigma, unter dem wir alle leben.

Und da fiel der Groschen bei mir: Auch das ist Sünde. Die Verantwortung für etwas übernehmen zu wollen, was nicht in unserer Freiheit steht, ist Sünde, also führt zu Leid!

Nützlichkeit

Ob etwas „nützlich“ ist beurteilt man daran, wie gut man es benutzen kann, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Und hier sieht man auch schon das Problem, wenn man dies auf Menschen anwendet: Man macht Menschen zu einem Objekt, zu Dingen, die gebraucht werden für bestimmte Zwecke. Man verweigert die Achtung ihres eigentlichen Wesens, daß sie als Menschen nicht zu irgend einem Zweck da sind, sondern einen Selbstzweck haben. Keiner darf Menschen besitzen oder sonst über sie verfügen. Das ist Konsens einer freien und demokratischen Gesellschaft,und der Gedanke liegt auch hier im christlichen Denken zu Grunde.

Die Menschen sind untereinander Brüder und Schwestern und ihr Umgang miteinander soll sich an der Liebe orientieren. Wenn jemand einen Menschen beurteilen kann, dann höchstens Gott, denn Er hat den Menschen gemacht und kennt sich aus.

So lange es um die Beurteilung anderer geht, sind wir noch beim ersten Beispiel: Wenn sich jemand mehr Freiheit raus nimmt als er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel Menschen aburteilen und dann sich selbst überlassen, ohne ihnen eine Perspektive zu geben.

Wenn ich aber das Ganze auf mich selbst anwende, wenn ich also nach meiner eigenen Nützlichkeit frage, kommen wir in den anderen Bereich. Ich versuche, mehr Verantwortung zu übernehmen als ich Freiheit habe. Immer noch unternehme ich den Versuch, Gottes Platz einzunehmen. Ich versuche, etwas zu tun, was Ihm obliegt und auch Er nur wirklich kann. Was weiß ich denn im Vergleich? Wie fundiert kann mein Urteil denn sein?

Leid

Und auch hier entsteht Leid. Ich weiß, wovon ich rede, ich kämpfe manchmal auch mit Depression. Ich weiß nicht, was ich anderen bedeute, und maße mir ein Urteil über meine Nützlichkeit an. Ich weiß nicht, welche Auswirkung mein Dasein hat und maße mir an, ein Urteil darüber fällen zu können.

Ich bin alt, bettlägrig und empfinde mich nur noch als Last für meine Kinder und Angeörigen.Oder ich habe Angst vor so einer Situation. Also beschließe ich, lieber jung zu sterben. Oder jünger, wenn ich es noch selbst in der Hand habe. Auch das verursacht Leid. Am offensichtlichsten bei den Hinterbliebenen. Aber auch sonst. Wie viele Begegnungen haben wir in unserem Leben, wie beeinflussen wir einander, ohne es zu wissen?

Oder bei mir: Vielleicht will ich gar nicht sterben, aber meine, meinen Nächsten nicht zur Last fallen zu sollen.

Eine Sache beim Leid ist richtig fies: Es pflanzt sich fort. Leide ich, so bin ich dadurch so mit mir beschäftigt, daß ich weniger auf andere achten kann, und füge ihnen auch Leid zu. Man wird dünnhäutiger, explodiert leichter. Oder man sinnt schlicht nach Rache, will es anderen doppelt heimzahlen. Und andere Menschen wissen natürlich darum, gehen mir aus dem Weg, wenn wir gereizt bin. So läßt man sich durch die Situation, durch die Spannung, die Leid erzeugt, gefangen nehmen. Man paßt sein Tun an, verliert Freiheit.

Leid pflanzt sich fort und multipliziert sich. Das ist die Konsequenz der Sünde, so funktioniert sie.

Befreiung, oder christliche gesprochen: Erlösung

Wie paßt jetzt Jesus da rein? Im Gegensatz zum fliegenden Suizidkommando? Nun, zuerst einmal starb Jesus wegen unserer Sünde. Menschen nahmen sich mehr Freiheit, als sie verantworten wollten. Unterjochten ien Land, arrangierten sich mit den Machthabern etc etc. Am Ende war es so weit, daß man in Jesus einen Aufrührer sah, nur weil Er offen sagte, was Sache war und weil Ihm viele Menschen zuliefen.

Jesus, der den Eliten Angst machte

Solche Menschenansammlungen mußten die Römer ja skeptisch ansehen. Sie wußten ja um das Leid, daß sie der Bevölkerung zugefügt hatten und hatten auch schon einige Erfahrung mit Aufrührern. Sie hatten Angst, waren durch ihre eigene Sünde gefangen genommen worden. Das ließe sich jetzt für alle möglichen Gruppen durchführen, von der gesellschaftlichen Elite bis hin zu den echten Aufrührern, denen es freilich suspekt vorkommen mußte, daß Jesus nicht zu den Waffen rief. Und dann gibt es ja auch das Problem der Rivalität zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa…

Was tat Jesus also? Er ließ sich ans Kreuz schlagen. Obwohl Er Alternativen gehabt hätte. Oder lassen wir die Engelslegionen bei Seite und betrachten es weltlich: Da wäre es immer noch vernünftiger gewesen, die Anhänger zu den Waffen zu rufen. Es gibt ja die Deutung, daß es Judas Ischariot genau darum ging. Außerdem wurde Jesus ja mehrfach verhört: Vorm Sanhedrin, vor Pilatus und auch vor Herodes Antipas. Mit ein bißchen Verhandlungsgeschick wäre Er da vielleicht auch rausgekommen aus der Sache.

Aber Er hätte sich auch der Logik der Sünde unterworfen. Er hätte die Verantwortung für Sein Tun nicht übernommen. Wäre es Ihm um Sein Leben gegangen, wäre Er womöglich nie in die Situation gekommen. Aber es ging Ihm um mehr. Also tat Er, was Er für nötig hielt, und nicht was opportun war. Er ging zu den Menschen, den Zöllnern, Sündern, und behandelte sie wie Menschen, heilte hier und da und stiftete Gemeinschaft.

Er unterwarf sich aber der Logik der Sünde nicht. Er kuschte nicht, Er unterließ nicht, was Er für richtig hielt. Und Er nahm die Konsequenz auf sich, ohne Widerstand. Er verteidigte sich nicht in den Verhören, und ging ans Kreuz. Litt unsre Not, starb unsern Tod.

Unser Tod

Unser Tod, weil wir Menschen es sind, deren Sünde dazu führte, daß Er am Kreuz enden mußte. Weil die Menschen in ihrer Sündhaftigkeit Angst bekamen. Also schlugen sie drauf, bevor sie vielleicht selbst Opfer werden konnten.

Aber was geschah dann? Jesus wehrte sich nicht. Hatte man sich geirrt? Wieso wehrte Er sich nicht? Selbst wenn Er zu Unrecht verurteilt wurde, hätte Er sich doch gegen die Todesstrafe wehren müssen?

Und dann stand Er wieder auf. Tod wo ist Dein Stachel, Hölle, wo Dein Sieg? Er durchbracht die Logik der Sünde. Er ließ sich nicht gefangen nehmen. Er scherte sich nicht um Opportunitäten, und Er schreckte nicht davor zurück, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was Er tat. Daher mußte Er sich auch nicht entschuldigen.

Das ewige Leben

Bis hierher war es vielleicht für atheistische Leser noch in Teilen nachvollziehbar. Sobald wir aber zur Auferstehung kommen,geht es nicht mehr ohne Glauben. Das aufrechte Leben Jesu, der Tod und die Wiederauferstehung, nehmen dem, der daranglaubt, die Angst – zumindest ein Stück weit – kein menschlicher Glaube ist perfekt,deshalb bleiben wir auch alle Sünder.

Die Sünde besteht weiter, Menschen nehmen sich mehr Freiheit, als sie Verantwortung übernehmen – oder sie versuchen mehr Verantwortung zu übernehmen, als sie Freiheit haben. Und sie erzeugen damit Leid. Wer aber an die Auferstehung glaubt, weiß auch, daß das Leid zeitlich begrenzt ist. Er schränkt sich vielelicht ein, wo er Leid erfährt, besteht nicht auf allen Freiheiten, um in der aktuellen  Schwäche weniger Verantwortung tragen zu müssen. Er wird frei von der Sünde in dem Sinne, daß sie ihn nicht mehr beherrscht, wenn er sie auch nie ganz los wird.

Diese Freiheit ist viel tiefgreifender als die Freiheit, für die all die Freiheitsbewegungen kämpfen.Sie ist grundlegend und verändert die Welt. Es mag sein, daß der Gedanke einer Gleichberechtigung der Frau nicht explizit in der Bibel steht, aber er entstand in einer biblisch geprägen Kultur, und die ersten Schritte gingen früh los. Die Bibel lehnt auch die Sklaverei an sich nicht ab, trotzdem waren es Christen, die sich nachhaltig und mit Erfolg für die Abschaffung der Sklaverei einsetzen, und zwar aus religiösen Motiven. Wenn man sucht kann man viele weitere Aspekte finden. So entspricht die Gleichheit aller vor Gott der Gleichheit aller vor dem Gesetz – das haben wir auch noch nicht so lange.

Jesu Tod führt letztlich zur Freiheit – im Gegensatz zum Tod des fliegenden Suizidkommandos. Und der Weg geht weiter.

EKD, Gesellschaft, Glaube, Kirche, Theologie

It’s the catechesis, stupid

ein Tropfen führt zu konzentrischen Kreisen im Wasser
Mikkel Houmøller [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

So viele Probleme!

Jana ist Freikirchlerin. Darauf wird in jedem Beitrag verwiesen, also muß das irgendwie wichtig sein. Vielleicht geht es darum, sich von ihr gleich mal implizit zu distanzieren?

Geredet hat wie es aussieht keiner mit ihr, seit vor einem guten Monat der Streß los ging. Also keiner von Seiten der EKD, deren Zugpferd sie ja sein sollte für eine Präsenz auf Youtube. Immerhin 200.000 € soll sich die EKD das kosten gelassen haben. Für ne professionelle Produktion sicherlich angemessen, aber trotzdem keine Peanuts, die EKD ist ja nicht die Deutsche Bank.

Der Hintergrund

Achso: Für alle, die nicht auf dem Laufenden sind. Die EKD hat sich überlegt, auf Youtube präsent sein zu wollen und deshalb ein Projekt gestartet. Hanno Terbuyken von evangelisch.de hat auf seinem Blog confessio digitalis ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert, wie und warum es dazu kam.

Jedenfalls wurde Jana Highholder diejenige welche die EKD auf Youtube repräsentieren sollte, trotz ihrer Zugehörigkeit zu einer Freikirche – was ja an sich ein positives Zeichen sein kann.

Nun hat Jana aber am Weltfrauentag von Unterordnung der Frau gesprochen, wenn auch (?) nur auf sich selbst bezogen. Das hat die genannten Wellen geschlagen.

Reden über den Glauben

Ich hab mich ja schon bei Hannos Artikel gewundert. Der schreibt nämlich:

Unter den YouTubern, die die Agenturen mit eingebracht haben, war sie aber diejenige mit der besten Bildschirmpräsenz und der klarsten eigenen Glaubens-Ansage.

Die Hervorhebung ist von mir. Und im Ernst: Wundert das wen? Die Freikirchler (und die Konservativen innerhalb der Landeskirchen) sind doch grad diejenigen, die am ehesten klare Aussagen überhaupt treffen können! Da ist alles (oder zumindest vieles) ganz klar vorgegeben. Jemand,d er seine Ansichten nicht so klar hat wäre wahrscheinlich mainstreamiger rübergekommen.

Kirchengeschichten dazu:

Konkrete Sprache fällt im protestantischen Mainstream sehr schnell unter den Verdacht der Freikirchlerei – kein Wunder, dass dieses Milieu so gut wie keine Menschen hervorbringt, die willens oder in der Lage sind, öffentlich über ihren Glauben zu sprechen.

Ich frage mich ja, ob das so sein muß. Der Autor von Kirchengeschichten (sorry, ich wußte Deinen Namen mal aber ich hab den nirgends mehr gefunden) sieht den Grund hierfür, daß die Landeskirchen die Mitglieder nicht verschrecken wollen.

Aber kann es das sein? Lieber nix sagen, bevor man aneckt? Lieber schwammig als konkret, bevor man Mitglieder verliert? Ist es nicht möglich – immerhin sind wir, die Gläubigen, doch ein Leib – daß wir im Einzelnen abweichende Ansichten haben und trotzdem gemeinsam glauben?

Jetzt mal ins Unreine gesprochen: Wenn Jana so ein Frauenbild hat und sich damit wohl fühlt, soll sie meinetwegen damit glücklich werden. Solange sie nicht von anderen verlangt, das auch so zu sehen…

Marketing und Verkündigung

Aber hier kommt dann wieder das allgemeine Problem: Die EKD wollte ja durch eine Person sich selbst darstellen. So kann das nur schief gehen. Aber wie hätte es klappen können? Indem eine Redaktion alle Aussagen weichspült und genau aufpasst, was Jana in jedem Video sagt? Das wär dann wohl recht unauthentisch geworden. Und das merkt man normal auch.

Ich erinnere mich noch an Beff-Man, der kritisch über die Kirche schreiben wollte, aber halt auf nem Kirchenblog – was dann deutlich weniger ätzend wurde als erhofft…

Mein Eindruck aus meiner zugegeben geringen Praxis (nach dem Vikariat war ja Schluß) ist, daß Jugendliche durchaus Fragen zum Glauben haben, durchaus interessiert sind. Man muß sich halt die Zeit nehmen und die Anstrengung auf sich nehmen, mit ihnen darüber zu reden. Katechese sagte man früher.

Da geschah das per Druckbetankung im Konfi-Unterricht. Zum Glück ist das heute nicht mehr so. Zu viel Zwang. Aber wenn Fragen sind, muß ein Pfarrer nach meiner Meinung (ja, ich hab leicht reden) da sein, Rede und Antwort stehen.

Bei der immer weiter steigenden Arbeitsbelastung ist das freilich kaum drin. Und ich befürchte, das Problem ist eher hier zu verorten.

Und dann wird der ganze Unsinn deutlich, der da gerade läuft. Mir stellt sich das so dar:

Die EKD wollte mit ner coolen jungen Erwachsenen ihre Marke stärken. Quasi wie Coca Cola darstellen will, daß ihre Erfrischungsgetränke cool sind, damit sie gekauft werden.

Nur: Was verkauft die EKD? Eben, nichts. Und deshalb ist das ganze Konstrukt schief, und deshalb kann das so gar nicht funktionieren.

Und die Zukunft?

Was funktioniert ist, daß Personen, die über ihren je privaten eigenen Glauben reden, andere damit zum Weiterdenken anstoßen – im Guten wie im Schlechten. Aber das muß schon eigene Überzeugung sein, kein redaktionsgefolterter PR Text.

So gesehen war es richtig, daß Jana die Möglichkeit hatte zu sagen, was sie sagte.

Das Problem war halt nur, daß die EKD sich auf eine Person konzentriert hat. Das Problem ist ein Stück weit vielleicht auch, daß Menschen sich über die Ansichten anderer Menschen empören. Und das Problem ist, daß Jana (bisher?) die einzige Stimme war, die mit Segen der EKD von ihrem Glauben auf Youtube erzählte.

Begreift man das Ganze aber nicht als Markenkernstärkung, sondern als das was es ist: Reden vom Glauben – und setzt man die eigene Jugend in die Lage, über den eigenen Glauben zu reden, und greift man dann noch Wolfgangs Netzwerk-Idee aufgreift, dann könnte das echt ein Projekt mit einer gewissen Breitenwirkung werden.

Und das führt dann vielleicht wieder zu Fragen bei Jugendlichen, also weiteren Katechesegelegenheiten… und irgendwie denk ich jetzt grad an das Lied „Ins Wasser fällt ein Stein“…

Ihr versteht, was ich meine 😉

Commenting Media, English, Glaube, Theologie

„I want to know what Jesus would do“

Agent X of the Far Beggar’s School of Prophets wrote an article called „Prophets of Consumerist Doom“. The main argument of the article is, that there are many prophets around who remind us of the problems in this world.

Speaking of Pop music, I’d think of Guns ’n Roses‘ „Civil War“, Papa Roach’s „Broken Home“ or „Schrei nach Liebe“ by „Die Ärzte“.

Agent X brought up an old video, that addresses the problem of consumism in the „western?) world, which offers remedy that is not exactly Christian.

The question Agent X asks is more or less the headline of this article:

I want to know what Jesus would do

But first, the video:

Youtube blocked the once here embedded video for copyright reasons, sorry.

I will be honest here, I have not seen the whole video. It is very very long, and I just do not have the time. But I think I found a rough ground-structure of the video, which is a us vs them dichotomy:

It explains the world as consistent of two groups: The exploited on the one hand and the exploiters on the other. And while I agree that there are exploited people as well as there are exploiters, I think this is a false view of reality.

And I think this would be a first answer to Agent X’s question:

I ask my Christian brothers and sisters to talk about how Jesus addresses the world depicted here.  Seriously.

The world depicted here is a depiction through a broken lens. 1Cor 13:12 comes to mind. So what I think is Jesus would question this way of looking at the world. He would not ask who (among all others) the exploiters are, He’d say something along the lines of „woe, you exploiters“ and then make us realize our role in all this.

After all, aren’t we the consumers? Agent X agrees in a comment:

We don’t need all this junk. We don’t need all this mindless frenzy. It is killing our planet and making us glutted fat slobs. We need to repent.

Agent X also writes, the US were part of the problem. Well, they are also part of the victims of the problem, namely the homeless people of America (among others), which does always have an impact on every one person, so we do all sit in one boat.

But back to looking for solutions. To me it seems, most if not all man made solutions seek to replace the head in order to change the system. Democracy in Iraq? Kill Saddam and have free elections. But afterwards there were still the tribes, the different religions and national groups. Oopsie. Similar in Afghanistan? Establish Democracy? Easy: Defeat the Taliban and have elections. Well, who could know you need democrats (people who actually believe in democracy, not the US political party) for a democracy to work (hint: Maybe Germans who paid attention in history class,because this is more or less what happened here between the two world wars: Kaiser Wilhelm was resigned and democracy was established, though the people longed for a strong man like the Kaiser. They got Hitler…).

I disgress…

Also you find it in Marx’s communist manifesto: Establish a leadership of the avantgarde of the worker’s class  to lead the actual system from what it is via socialism to communism. In fact, only the heads have been exchanged. Was the Kaiser worse than Hitler? Was the Czar worse than Stalin? Was Saddam worse than Daesh?

But what to do? For me it is essential to see that you do not change the system when you change the heads. Of course, the ones call themselves socialists, the others fascists or fundamentalists. Each care for different groups of people, each consider different groups of people evil, the enemy, the oppressor. Bankers, Jews, Infidels… it’s always some outgroup that is considered responsible. But in fact they all care for their own and oppress the other. They dehumanize them and then kill them – in big scale.

The system is always the same,and we are more then willing to play our part. Agent X is right, we need to repent. And I think this is what Jesus would ask us to do.

And that would mean to refuse, as far as possible, to be part of the system. We won’t be able to avoid it at all, but we have our chances. If we succeed, we might be nailed to a cross. Or just shot dead, like Martin Luther King. And there are other names: Paul Schneider, Oscar Romero

It’s not that hard to find a way to oppose the system. If you find something going wrong, don’t be silenced. Speak out. You do not need to take action more than that. Telling the truth in a world of lies is a powerful act. Like Paul Schneider. The Nazis were so afraid of their power being undermines by the words of a pastor of a village in the province, that they killed him in a concentration camp even before the organised genocide stared in the early 1940s.

Of course, there’s always more you can do: Act and help other people who are downtrodden by the system. There is nothing wrong with helping e.g. a communist in a fascist system, after all, he is a human being and a child of God. But don’t be surprised if he won’t thank you too much after the heads have been exchanged. He might as well seek to kill you, once the system works for him and you still oppose it. We don’t do this to be loved by men…

And even more you can do: Use the means within the actual political version of the system to better things, to act on behalf of the downtrodden. If you live in a democracy, do politics, get elected or convince your representatives. Luther wrote, we are all simul iustus et peccator, both just and sinners. This is true for our representatives as well. Government programs can help a bunch so that charity can focus on more special cases.

In doing what you do, you can break laws, as long as you do it openly and willing to take upon you the punishment, as Martin Luther King wrote in his Letter from Birmingham Jail.

But what crosses the line is, when you start taking over the logic of the system, when you start to exchange heads in order to better things. This is where I am not sure how close I am to Bonhoeffer. Maybe what he had in mind falls into the section of breaking laws openly, but I am not sure. But I disgress again.

The logic of the system builds upon power and fear. Just like Satan in the desert, people are lured with power or ability, maybe even ability to help the poor. But then they are scared, they might loose their newfound powers, their abilities, because of others who seek to have these powers, or some of it. This can start with little things like being anxious of going to church service stinking and end with killing opposing province pastors. In the first we are afraid to loose our good reputation, in the latter we are afraid to loose grip on the people we rule…

To be clear, I compare the structure underneath our deeds, I do not compare Agent X to Hitler, far from it! But I think the fear he described before going to church stinking has something to do with dictatorships‘ fear of opposition. In both cases you run the risk of loosing approvement from other people. But, to make it even more clear: Agent X got beyond this actually going to church stinking, while the Nazis tried to shut up every opposing voice. They did not confront their fears.

You break the logic of the system, by controlling your fear, by facing it, by  nnot avoiding it, by finally getting over it.

And I think this is where the cross comes in. If you know, all will be wonderful in the end, you can endure a lot. As Unbelievers we cannot be sure that all is wonderful in the end. What we know is that in the end – we are dead. So we have to make the most out of our lives.

This and the fact that we are not perfect and are again and again confronted with doubts in our believe, makes the system so strong. Agent X wrote about this to be a struggle with demons, and it is. The system is the realm of the demons, you could as well call it hell or death. It’s basically all the same.

As believers in the cross and resurrection of the Christ, we know all will be fine in the end, because we are saved. And this is the force that will brake the system, which actually broke it already 2000 yeas ago. What we witness is only the drawback fight of the demons. They are still strong, and they bring about their share of hurt for people, but in the cross they are ultimately defeated.

So what we can do is actually: Take up our own crosses, like Jesus said, be open about the system and where it hurts people, refuse to take part in it, work not directly against it to avoid the risk of trying to exchange heads, but do what is right and leave what is wrong. That’s already a hard thing to do. But nothing is impossible for those, who believe.

Post scriptum: I tend to put things to extremes. It’s not all about dictatorships and death camps. I try to use these extremes to show, where things are heading. Most of the things we see are way less extreme, but still hurting people. Most of the time the system does not go to such extremes, this doesn’t mean it is defeated in times when there are no death camps, when we have democracies instead of dictatorships. The above video shows very well, how the system does work well within western democracies. And it will work with any political (sub)system, we will finally overcome the system only in the kingdom of God.

Glaube, Religion

Warum Bertrand Russel kein Christ ist war

Bertrand Russell (1872 – 1970) war englischer Philosoph – und glaubte nicht an Gott. Die Tage stieß ich auf einen Vortrag von ihm mit dem Titel „Warum ich kein Christ bin“. Er hielt den Vortrag am 6. März 1927 vor der National Secular Society in London.

Der Vortrag scheint einige Bekanntheit zu haben, so hat er beispielsweise einen eigenen Wikipedia-Artikel. Beim Durchlesen fielen mir ein paar Ungenauigkeiten auf, die ich hier gerne auflisten will. Es wird dabei wohl keine Widerlegung rauskommen, aber das ist auch nicht mein Ziel. Die „Gründe“, warum jemand an den christlichen Gott glaubt oder nicht, sind je individuell – jedenfalls glaube ich nicht, daß Glaube durch reine Vernunftargumente deduziert werden kann, da muß schon eine existentielle – und damit individuelle – Komponente dazu kommen.

Allerdings halte ich es für eine gute Sache, konstruktiv Kritik zu üben, denn ohne konstruktive Kritik gibt es keine Weiterentwicklung – und das wäre doch schade.

Ich beziehe mich dabei auf die bei atheisten-info.at veröffentlichte deutsche Übersetzung des Textes. Wer den Text im englischen Original lesen möchte, wird hier fündig.

Ziemlich zu Anfang problematisiert Russel den Begriff „Christ“:

Das Wort hat heute nicht mehr die gleiche lebendige Bedeutung wie zu Zeiten des heiligen Augustinus oder des heiligen Thomas von Aquino. Wenn in jenen Tagen jemand sagte, er sei ein Christ, so wusste man, was er meinte. Er erkannte eine ganze Reihe von genauestens festgelegten Glaubenssätzen an und glaubte an jede einzelne Silbe davon mit der ganzen Kraft seiner Überzeugung.

Die Wahrheit sieht wohl doch etwas anders aus. Augustinus setzte sich mit den Donatisten auseinander, die ganz andere Ansichten darüber hatten, was christlich ist und was nicht. Ebenfalls zu nennen wäre die Auseinandersetzung mit Pelagianismus und Semipelagianismus.

Thomas von Aquin lebte zur Zeit der Katharer, die Waldenser existierten auch schon, außerdem gab es schon länger das Schisma mit der Ostkirche (wobei das formal wohl erst im 18 Jahrhundert festgezurrt wurde…).

Die Behauptung, daß ganz klar war,was zu einer bestimmten Zeit von allen Christen geglaubt wurde, gehört eher in der Reich der Phantasie, es sei denn, man will eine Gruppe Menschen künstlich abgrenzen und schert sich nicht um Ungenauigkeiten bei der Bezeichnung. Kann man machen, allerdings läuft man Gefahr, mißverstanden zu werden, womöglich baut man sich gar Strohmänner auf, die zwar den Vorzug haben, von jeder Argumentationslinie genau getroffen zu werden, die andererseits womöglich nicht viel mit der Realität zu tun haben…

Russell braucht für seinen Vortrag eine Definition dessen, was er als Christ versteht, denn er will ja darlegen, wieso er nicht zu dieser Gruppe gehört. Er nennt zwei Kriterien:

  1. Man muß an Gott und die Unsterblichkeit glauben.
  2. Man muß Jesus als den Besten und weisesten der Menschen ansehen.

Man könnte jetzt problematisieren, was Russell unter „glauben“ versteht: Ein für-wahr-halten oder doch eher ein Vertrauen. Und was bedeutet dann Gott für wahr halten? An Seine Existenz zu glauben?

Das würde wiederum auf die Frage lenken, was mit „Existenz“ genau gemeint ist, denn Gottes Sein ist anders als unseres, denn wir sind nach christlicher Lehre Geschöpfe, Er nicht. Bezieht man den Existenzbegriff allein auf uns Geschöpfe, kann man durchaus Christ sein und die „Existenz“ Gottes verneinen – Er ist kein Geschöpf, Er ist der Schöpfer. Für Seine „Existenz“ bräuchte man ein anderes, „höheres“ Wort.

Auch was die Unsterblichkeit angeht, würde ich ein Fragezeichen machen. Viele Christen sind gestorben, darunter alle Apostel, Kirchenväter etc etc. Und was das ewige Leben angeht, also Auferstehung und Gemeinschaft mit Gott in der Ewigkeit – da gibt es so viele Ansätze und Denkweisen, daß ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen würde, daß es keine Christen gibt, die das verneinen.

Was Jesus als besten und weisesten Menschen angehtkönnte an fragen, nach welchen Kriterien das gehen soll. Jesus hatte keinen Doktor in Quantenphysik  und war wohl auch nicht der weltbeste Badminton-Spieler. Auch wenn sich das „beste“ darauf bezieht, daß Er ein besonders „guter“ Mensch (moralisch gesehen) war, stellt sich die Frage: Nach wessen Moral? Und wer legt fest, daß speziell diese Moral für die Bewertung geeignet ist?

Die „Gottesbeweise“

Beim moralischen Gottesbeweis frage ich mich ein wenig, wieso Gott den „gut“ sein muß. Ich denke auch, daß man für die Unterscheidung von gut und böse ein Kriterium braucht, und daß die Ableitung dieses Kriteriums aus dem Glauben eine Möglichkeit darstellt. Man könnte jetzt auch auf Luther zurückgreifen und sagen „woran Du Dein Herz hängst, das ist dein Gott“ – und dann ist Gott eben nicht immer der christliche Gott, aber immer irgendetwas, aus dem man sein Verständnis von gut und böse ableitet – und wenn es das eigene Gutdünken ist, das beschließt, daß alles was einem gefällt gut ist und alles, was einem nicht gefällt schlecht. Dann ist man halt sein eigener Gott, aber ich schweife ab. Jedenfalls denke ich, daß man über diese Schine zu einer Definition von „Gottheit“ kommen könnte, mit der man weiter arbeiten kann, denn dann hätte jeder ein Gott und wir könnten sie vergleichen. Freilich ist Russell nicht daran gelegen, deshalb betont er die Aussage der „Theologen“, Gott sei gut. Daß das nur eine Zuschreibung von extern sein kann, ist deutlich. Wer die Kriterien einer Gottheit für gut und böse anerkennt, wird diese Gottheit in einem zweiten Schritt als gut bezeichnen, sonst würde er die Kriterien ja nicht anerkennen. Umgekehrt ist es kein Wunder, wenn jemand andere Gottheiten als böse bezeichnet, soweit deren Kriterien denen widersprechen, die man selbst anerkennt. Ein Dortmund-Fan wird Bayern nie für die beste Fußballmannschaft halten, egal wie viele Titel sie gewinnen – und umgekehrt.

Beim „Argument der ausgleichenden Gerechtigkeit“ behauptet Russell, die Ungerechtigkeit in der Welt sei ein moralisches Argument gegen Gott. Und wieder stellt sich die Frage danach, wer das beurteilen will, bzw nach wessen Kriterien hier gemessen wird. Daß Russell den christlichen Gott als böse einstuft ist nicht verwunderlich, siehe oben Bayern und Dortmund. Das ist aber nicht objektiv, sondern subjektiv. Auch die Bezeichnung bestimmter Zustände als „ungerecht“ ist erst einmal subjektiv. Ich finde ja gut, daß Russell Gott – an den er nicht glaubt – in die Pflicht nimmt. Aber ohne alles zu kennen, ohne zu wissen, was nach dem Tod passiert, oder was der Grund Gottes für die Ungerechtigkeiten ist, läßt sich schwerlich ein Urteil fällen. Will man Gott moralisch bewerten, muß man Ihn zunächst anerkennen und damit auch alles, was dazu gehört: Himmel, Hölle, Engel und was sonst noch dazugehört. Und in christlicher Lehre gehört eben dazu, daß der Mensch nicht den Überblick hat und ihm deshalb kein Urteil zusteht: Siehe Hiobbuch. Russell muß sich schon entscheiden, ober Gott verneint, oder ob er moralische Gründe gegen Ihn sammelt.

Im Großen und Ganzen hat Russell jedoch Recht: Gott läßt sich nicht objektiv beweisen – und damit ist die Frage, ob ich an Ihn glaube oder nicht keine Frage von besseren oder schlechteren Argumenten, sondern eine Frage von individuellen Erfahrungen und Vertrauen.

Der Charakter Jesu

Ich muß Russell zustimmen, daß viele Christen sich anviele radikale Forderungen der Evangelien nicht halten. Ich wundere mich nur, daß er diesen Forderungen zustimmt und gleichzeitig zugibt, sich selbst nicht daran zu halten. Wenn es gute Forderungen sind, wieso handelter nicht danach, wieso tut er frewillig Schlechteres, als er könnte? Sieht er diese Forderungen vielleicht doch nicht als gut an, sondern redet nur so, um Zustimmung zu ernten? Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: „Ich lehne diese Forderungen ab, könnte ir aber denken, daß die Welt besser wäre, wenn alle sich daran hielten.“?

Gut finde ich, daß Russell klährt, sich nicht am historischen Jesus zu orientieren, sondern an Jesus, wie Er in den biblischen Evangelien geschildert wird. Besser fände ich, wenn er noch einen Schritt weiter gegangen wäre, und die Texte nicht biblizistisch 1:1 verstehen wollte, sondern sich Gedanken über Aussageintention etc gemacht hätte – denn Literatur ist Literatur und kein Gesprächsprotokoll…

Allerdings weiß er plötzlich genau, wie dieStelle zu deuten ist in der Jesus sagt „sorget nicht für den morgigen Tag“. Russell sieht darin einen Beleg dafür, daß Jesus selbst Anhänger der Naherwartung war, nach der Er noch zu Lebzeiten der damals Lebenden wiederkehren würde. Für meinen Geschmack springt Russell hier ein wenig zu viel zwischen der literarischen Ebene und dem historischen Jesus, mit dem er sich eigentlich nicht beschäftigen will. Denn der literarische Jesus glaubte an gar nichts und wußte nichts. Er ist eine Figur des jeweiligen Autors und in dessen Phantasie entstanden. Wohl gebunden an irgend ein historisches Vorbild, auf das sich Russell aber nicht beziehen wollte – er stellt ja die Historizität Jesu allgemein in Frage.

Er müßte also viel mehr sagen: Die Autoren der Evangelien waren etwas dämlich, daß sie Jesus einerseits so darstellen, als hätte Er die schnelle Wiederkehr erwartet, andererseits aber selbst zu einer Zeit lebten, als man in der Frage umzudenken begann. Einem historisch angeblich inexistenten Jesus kann hier allerdings sinnvoll nichts unterstellt werden.

Aus der angeblichen Unkenntnis Jesu zum Zeitpunkt Seiner Wiederkehr leitet Russell nun ab, Jesus sei nicht so klug wie andere Menschen gewesen und habe keine höchste Weisheit gehabt. Ich meine, das ist ein Fehlschluß, denn um dieses Urteil zu fällen,müßte erst jemand gefunden werden, der behauptete, Jesus würde nicht relativ schnell wiederkehren. Und derjenige müßte es nicht einfach behaupten, also raten, sondern logische Gründe vorbringen, also irgend etwas, was für seine Klugheit und Weisheit spricht.

Dann ärgert sich Russell über den Höllenglauben des literarischen Jesus und seine Verurteilungen seiner Gegner. Das sei kein nettes Verhalten. Man könnte nun einwenden, der literarische Jesus (also eigentlich Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) lege nur offen, wennauch emotional, was Sache ist. Ist es denn so ein guter Charakterzug, den Boten schlechter Nachrichten zu köpfen? Denn genau das tut Russell hier, wenn ich es richtig sehe: Er wirft dem Boten die Botschaft vor. Daß er die Botschaft nicht mag ist nur natürlich: Immerhin ist Russell kein Christ und auch der Bayern Fan freut sich nicht über die Botschaft, daß es diese Saison nur für den Meistertitel reichte…

Daß die Höllenlehre Grausamkeiten und für Generationen unbarmherzige Foltern gebracht hätte, hätte ich gern etwas breiter dargestellt. Mir ist nämlich so, als hätte es auch außerhalb des christlichen Kulturkreises Grausamkeiten udn Folter gegeben, die qualitativ und quantitativ dem, was bei uns geschah und geschieht, nicht nachstehen.

Die Parteiergreifung für den verfluchten Feigenbaum ist rührend, allerdings fragt man sich, wo das Problem liegt, wenn eine nichts fühlende Pflanze verdorrt. Und natürlich immer wieder das Problem, daß er den literarischen Jesus so behandelt, als wäre es ein historischer, als seien die Evangelien Gesprächsprotokolle…

Plötzlich ist da ein neuer Feind. Die organisierten Kirchen. Gegen diese habe man alle moralischen Fortschritt erkämpfen müssen. Hier muß er freilich den Kunstgriff wählen, das Feindbild leicht anzupassen, denn gerade in England könnte noch bekannt gewesen sein, daß die Abschaffung der Sklaverei auf Pietisten und Quäker zurückging. Allerdings war wohl keiner von ihnen in der Kirchenleitung. Also setzt man „organisierte Kirche“ und Kirchenleitung in eins, verkennt, daß Angehörige eines Glaubens auch Angehörige der organisierten Form dieses Glaubens sind udn hat ein neues, passendes Feindbild.

Daneben wäre ein weiteres Mal zu bedenken, was als moralischer Fortschritt angesehen wird und wer die Kriterien hierfür festlegt. Es mag ja sein, daß die Christen sich nicht moralisch nach Russells Vorstellungen verhalten – umgekehrt könnte es auch so gewesen sein…

Daß Angst die Grundlage der Religion sei behauptet er nur noch, er begründet es leider nicht mehr. Freilich kenne auch ich Beispiele, in denen mittels Angst versucht wird, Leute zum Glauben zu drängen oder im Glauben zu halten – bzw in der jeweiligen Gemeinde oder Gruppe. Aber ich weiß, daß das weder heute noch je die einzige Form von Religion war – ja ich vermute, daß die Rolle der Angst mehrheitlich geringer war. Man könnte dieser Spur nachgehen, hätte Russell hier argumentiert und nicht nur eine Behauptung aufgestellt.

Er formuliert die Hoffnung, daß dieWissenschaften die Welt zu einem lebenswerten Ort machen können.Ich denke, die Hoffnung sollte inzwischen enttäuscht worden sein. Die Wissenschaft ist lediglich ein Mittel, das zu guten oder bösen Zwecken benutzt werden kann. Was gut und böse ist, dafür liefert uns die (Natur-) Wissenschaft kein Kriterium. Russellhängt wohl dem Menschenbild der Aufklärung an, nach dem der Mensch nur richtig aufgeklärt werden muß über seine Irrtümer, damit er stets und immer die guten Zweckeverfolgt und die Welt ein besserer Ort wird.

Ich vermute, daß das christliche Menschenbild, nach dem alle Menschen Sünder sind, der Realität näher kommt…

Russell meint, diese Ansicht sei eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig. Ich verstehe nicht, wieso eine selbstkritische Einstellung unwürdig sein soll. Ich denke,daß nurso zur „freien Intelligenz“ zu kommen ist, die Russell anstrebt. Denn eine Intelligenz, die die eigenen Fehler – das Sündersein – ausblenden muß, um die Selbstachtung zu erhalten, ist durch diese Aufgabe und die damit verbundene Selbstdarstellung als moralisch tadelloser Mensch derart gebunden, daß sie sich kaum frei dran machen kann, die Probleme unserer Welt anzugehen.

 

Gesellschaft, Glaube, Theologie

Quo vadis, domine?

Annibale Carracci [Public domain], via Wikimedia Commons
Wohin gehst Du, Herr?

Populär wurde die Frage durch das Buch von Henryk Sienkiewicz und die folgende Verfilmung mit Sir Peter Ustinov. Die Frage kommt erstmal vor in Joh 13, 36, wo Jesus dem Petrus antwortet, er könne dahin noch nicht folgen, sondern werde den Weg später gehen.

Die Petrusakten, eine Sammlung von Legenden um Petrus, nehmen den Satz auf, und Sienkiewicz‘ Buch Quo Vadis übernimmt diese Geschichte wiederum:

Petrus, der mit Paulus zusammen zur Zeit Neros in Rom wirkte, kann gerade noch aus der Stadt fliehen und läßt seine Gemeinde im Stich, die der Verfolgung preisgegeben ist und im Zirkus nach und nach ermordet wird. Und das, obwohl Jesus ihm nach dem Johannesevangelium den Auftrag gab: Weide meine Schafe.

Auf der Flucht aus der Stadt heraus trifft Petrus auf Jesus, der auf dem Weg in die Stadt ist. Petrus fragt nun wiederum die Frage aus dem Johannesevangelium: Quo vadis, domine? Wohin gehst Du, Herr?

Und Jesus antwortet: Ich gehe nach Rom, um mich wiederum kreuzigen zu lassen.

Das bring Petrus zum Umdenken. Er will nicht wieder davonlaufen und seinen Herrn verleugnen. Diesmal ist es ihm gegeben, ihm auf dem Weg zu folgen, also geht Petrus nach Rom, wird gefangen und von Nero gekreuzigt.

An diese Geschichte mußte ich denken, als ich heute auf einigen amerikanischen Blogs über die Mauer las, die Präsident Trump an der Grenze zu Mexiko errichten will. Mehrfach las ich die Aussage: Wenn die Mauer gebaut wird, ist Jesus auf der anderen Seite. Den Jesus ist immer und war immer bei den Armen und Bedrückten.Wenn man die mit einer Mauer auszugrenzen versucht, grenzt man auch den Menschensohn aus, grenzt man sich vom Heiland ab – ebenso wie das Establishment im NT sich von Jesus abgrenzte, weil dieser sich mit Sündern und Zöllnern abgab.

Und das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn Jesus in Amerika hinter der Mauer, jenseits bei den Ausgegrenzten ist, wo ist er dann beim Flüchtlingselend in Europa? Ich kann es mir nur so denken, daß Er bei denen ist, die auf überfüllten Booten versuchen, das Mittelmeer zu überqueren. Er ist auch hier jenseits, hinder den Grenzen, die wir aufziehen. Wir laufen Gefahr, uns ebenso von unserem Heiland abzugrenzen, weil Er bei denen ist, die wir nicht sehen wollen.

Wie das Establishment im NT Angst hatte um die Ordnung, Angst um die eigene Macht, haben wir Angst um unseren Wohlstand, und hatte der Petrus der Petrusakten Angst um sein Leben.

Alle wollen nur eins: Das eigene retten. Und das bedeutet dann eben auch: Zuerst NICHT für den Nächsten einstehen. Petrus wurde vor Augen geführt, was das bedeutet: Jesus muß ein weiteres Mal ans Kreuz. Daß das nicht geht, ist dem frommen Petrus klar. Jetzt ist er dran, er muß ein Opfer bringen, im Vertrauen auf Gott.

Wo ist unser Vertrauen? Lassen wir Jesus ein weiteres Mal sterben? Diesmal in den kalten Fluten des Mittelmeeres? Gehen wir so leichtfertig über die Forderung hinweg, daß auch wir unser Kreuz auf uns nehmen und Ihm nachfolgen sollen?

Ich weiß noch nicht, was die Konsequenz aus meinen Überlegungen ist. Doch eins weiß ich: Es kann nicht sein, daß mein Herr und Heiland für mich den Kopf hinhält, der ich doch Glied an Seinem Leib bin. Ich sollte ebenfalls bei jenen sein, die jenseits sind, und fern gehalten werden.

Herr, erbarme Dich!

Gesellschaft, Glaube, Kirche, Religion

Wort des Bischofs

Ich bin sicherlich nicht immer einer Meinung mit den Vertretern der Kirche von Rom. Homosexualität, Wiederverheiratung, Frauenordinaion, Amtsverständnis – zu gewissen Teilen auch Abtreibung – sind einige der Themen, die ich grundlegend anders sehe.

In der Flüchtlingskrise allerdings sprechen mir der Papast und seine Bischöfe immer mehr aus der Seele. Hier ein Beispielvon einem Vertreter, bei dem ich vor nicht langer Zeit nicht erwartet hätte, daß wir so nahe beieinander stehen.

Wer wie ich lieber Texte liest statt Videos guckt, sei hierher verwiesen.

Gesellschaft, Glaube

Liebe überwindet alles

Schriftzug auf Bild: "Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Liebe zu begegnen" - Margot Käßmann - Frühere Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland, liebt die Menschen, die uns töten wollen.
AfD Hamburg Nord twittert über Käßmann

Es ist natürlich eine himmelschreiende Provokation für besorgte Bürger, daß Siegmar Gabriel Margot Käßmann als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt eingebracht hat. Also muß man reagieren, dachte sich wohl der Bezirksverband Hamburg-Nord,und postete obenstehenden Tweet (ich hab nen Screenshot gemacht, da die AfD ja gerne Tweets löscht).

Die selbsternannten Verteidiger der deutschen „Leitkultur“ machen sich lustig über einen zentralen christlichen Wert: Die Liebe zum Nächsten und sogar zum Feind.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich, insofern die AfD im Kern eben nicht christlich ist und auch keine christlich-abendländischen Werte vertritt. Ihr Rezept für den Umgang mit dem Islamismus lautet Haß, Ausgrenzung, Repression – das Gegenteil von Liebe.

Überhaupt stellt man Käßmann ja gerne einmal als weltfremd hin, man denke an die Rede davon, mit den Taliban bei Kerzenlicht zu beten (eine Idee des damaligen Wehrbeauftragten Robbe, nicht Käßmanns) oder als wüßte sie nicht, wovon sie redet – bei ihrem vielkritisierten Satz „nichts ist gut in Afghanistan“ (ein Nebensatz in ihrer Neujahrspredigt vom 1.1.2010) wissen wir inzwischen, daß sie Recht hatte. Zumindest sieht das Präses i. R. Manfred Kock so, dem man in der Regel mit mehr Respekt begegnete – Frauen in kirchlichen Führungspositionen sind halt für die ach so frauenbewegten Abendlandsretter (man verlangt von Muslimen, sich ein Frauenbild zuzulegen, daß man selbst wohl mit „Genderwahnsinn“ beschreiben würde) ein rotes Tuch, die sieht man lieber am Herd, so lange sie nicht den Schießbefehl an der Grenze fordern oder die positive Besetzung des Adjektivs „völkisch“…

Nun also wieder, dabei stellt sich doch die Frage, ob Lösungsversuche, die auf militärische Macht und Gewalt setzen, so viel besser sind. Gewalt erzeugt Gegengewalt, wußten schon die Ärzte. Und im Lied Civil War besangen Guns ’n Roses, daß mti Gewalt kein Staat zu machen ist:

So I never fell for Vietnam
we got the wall in DC to remind us all
that you can’t trust freedom when it’s not in your hands
when everybody’s fighting for their promised land.

Also fiel ich nicht für Vietnem
wir haben die Wand in DC, um uns alle zu erinnern
daß man der Freiheit nicht trauen kann, wenn es nicht in Deiner Hand ist,
wenn jeder für sein gelobtes Land kämpft.

Der Viet Cong kämpfte nach eigenem Verständnis für die Freiheit, auch die Freiheit vom Kapitalismus. Die Islamisten kämpfen für die „Freiheit“, nach den Regeln ihres Islamverständnisses zu leben. Wer so kämpft, wer so überzeugt ist, den kann man mit Gewalt nicht umstimmen. Man kann ihm mit Gewalt aber neue Mitkämpfer in die Arme treiben und das Elend verlängern und vergrößern.

Besser wird mit Gewalt also nichts, man kann sich aber kurzfristig das Elend der Menschen aus den Augen schaffen. Etwa indem man sie abschiebt. Aber wie christlich ist es, wegzusehen und vom Leid anderer nichts hören zu wollen?

Will man etwas ändern, geht das nur über Liebe und Vergebung (auch gegenüber Pegida und AfD), aber das ist kein Eiapoppeia. Natürlich kann man die Ansichten der Leute ablehnen, die man liebt. Deshalb stimmt auch der Teil mit I ♥ IS nicht. Den Terroristen soll mit Liebe begegnet werden, nicht der Terrororganisation. Denn Terroristen sind Menschen und als solche für Liebe ansprechbar. Und Liebe verändert die Menschen. Oder schon normale Menschenfreundlichkeit. Wie etwa bei den syrischen Flüchtlingen, die ihren terroristischen Landsmann fesselten und der Polizei übergaben.

Ich bin Deutschland so dankbar, dass es uns aufgenommen hat. Wir konnten nicht zulassen, dass er Deutschen etwas antut! – Quelle: http://www.express.de/24878794 ©2016

So die Aussage von Mohammed A. Liebe, Zuwendung, Hilfe in der Not – das wirkt also tatsächlich, wenn auch nicht immer. Doch wenn man die Herzen der Verbohrten gewinnt, wenn ihr „gelobtes Land“ keins mehr ist, weil man eine Beziehung zu ihnen aufgebaut hat, die in diesem „gelobten Land“ nicht bestehen kann, dann bessert sich etwas.  Gandhi und King waren ja auch nicht ganz unerfolgreich und gerade King forderte ja immer wieder, die Weißen nicht zu verteufeln, wie etwa die Black Panther Bewegung. Er wollte die Beziehung, wollte das „gelobte Land“ der weißen Rassisten als das demaskieren, was es ist: Eine Hölle aus Haß und Menschenfeindlichkeit.

Oder wer hätte gedacht, daß man mit Kerzen und Gebeten ein Regime stürtzen kann? Trotzdem kam es irgendwie dazu, im Spätjahr 1989. Bei anderen Revolutionen wurden die Mächtigen geköpft, Honecker und seine Genossen kamen dagegen recht glimpflich davon. So wirkt Liebe, auch und gerade die Liebe zum Feind.

Gewalt hingegen wirkt nie, kann nur unterdrücken, was später dann noch viel schlimmer ausbricht.

Aber der Haß steht den Menschen nun einmal näher (christlich gesehen: Menschen sind nun einmal Sünder), deshalb funktioniert Populismus auch immer über Haß und über Spott gegen angeblich verweichlichte „Gutmenschen“.

Doch die Verweichlichung ist gar keine, sie ist eine Stärke. Wer die Deckung immer oben läßt aus Angst, sich eine einzufangen, wird mit seiner Haltung letztendlich einknicken müssen, wenn er merkt, daß die Deckung nicht mehr schützt.

Wer aber von Anfang an offen und ohne Deckung auf den anderen zugeht, läßt sich auch sonst nicht so leicht einschüchtern. Er steht fester zu seinen Überzeugungen.

Käßmann mag nicht die endgültige Lösung der Probleme mit dem Islamismus in der Tasche haben, aber sie hat zumindest einen Ansatz. Und was hat die AfD Hamburg-Nord? Nichts als Scheinlösungen, die sich schon mehrfach als unwirksam erwiesen haben.

Aber so ist er, der Populismus. Hauptsache, man wird gewählt und kann Diäten kassieren…

Gesellschaft, Glaube, Theologie

Heil

Lukas Cranach der Ältere – Verdammnis und Erlösung [Public Domain]

Vielleicht ist es schon zu spät.

So habe ich den letzten Artikel beendet. Ich schrieb über den Teufelskreis, in dem wir uns selbst gefangen haben mit dem Krieg gegen den Terror, der den Terror ja mit seinen eigenen Mitteln zu beenden sucht. Denn was ist Krieg anderes als Terror?

Also was können wir tun, wenn wir überhaupt etwas tun können? Wo setzen wir an? Der Terror funktioniert so, daß er Menschen in Situationen bringt, in der sie meinen, nicht mehr anders handeln zu können. Situationen der Hoffnungslosigkeit.

Wenn eine Stadt oder ein Land Ort eines Terroranschlages wurde, wenn die Bürger dieser Stadt und dieses Landes die Opfer sind, was kann die politische Führung anderes tun als die Bestrafung der Schuldigen zu geloben?

Und so sagte auch Präsident Bush gleich im zweiten Satz seiner Rede am 11. September 2001:

The United States will hunt down and punish those responsible for these cowardly acts.

Die Vereinigten Staaten werden die für diese feigen Taten Verantwortlichen zur Strecke bringen und bestrafen.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Ein politischer Führer hat in dieser Situation keine Hoffnung, daß irgend etwas anderes als Gewaltbereitschaft als Antwort auch nur angemessen wäre, geschweige denn funktionieren könnte.

Aus Angst vor Kontrollverlust begibt er sich auf den Kriegspfad. Täte er das nicht, bekäme er Probleme mit der Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit nach solchen Terrorakten nach Vergeltung schreit – überall in der Welt. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Amerikaner.

Und die Attentäter? Damals 2001 sah es noch so aus, als seien das glühende Anhänger eines radikalen Islams. Heroen, die sich für ihre Sache opfern. Wären es nicht die Feinde gewesen, hätte Hollywood sicher großartige Filme über sie gedreht.

Inzwischen bin ich skeptisch. Über die Jahre habe ich den Eindruck gewonnen, daß diejenigen, die sich dem Kampf der Islamisten anschließen und als Selbstmordattentäter zur Verfügung stellen, eher weniger dem Hollywood-Heldentyp entsprechen und eher dem Verlierertyp, der keine Freunde hat und daher einen Haß auf die Welt entwickelt.

Manche dieser Menschen werden rechtsextrem, andere linksextrem, manche werden von Sekten eingefangen und manche eben von den Islamisten.

Das schlimme ist, daß diese verletzlichen Menschen in ihrer Hoffnungslosigkeit in den seltensten Fällen Hilfe erfahren, sondern Ausbeutung. Egal, ob sie in rechten, linken, islamistischen oder sektiererischen Gruppen Anschluß finden, sie erhalten Anerkennung nicht für das, was sie sind, sondern dafür, daß sie mitziehen – bei was auch immer.

Echte Freundschaft ist das nicht, das merkt ein Nazi sofort, wenn er sich in eine Türkin verliebt und es seinen „Kumpels“ erzählt. Analoge Beispiele gibts für alle Gruppen.

Und so bleibt auch die Hoffnungslosigkeit grundsätzlich  bestehen, denn sie schweißt die Menschen an die Gruppen. Die Angst, wieder alleine dazustehen bewahrt vor allzu viel Selbstbewußtsein.

Eine Erlösung von diesem Zustand ist innerhalb der Gruppe nicht vorgesehen. Man kann tun, was man will, sich als der ideologisch gefestigste Anhänger zeigen, man kann Einsatz bringen, wie man will, man wird nie die Freiheit erlangen, der Mensch zu sein, der man eigentlich ist. Man wird sich immer in den engen Bahnen der Ideologie bewegen müssen. Wenn man Pech hat, wird man „auserwählt“, für die größere Sache sein Leben zu geben (weil alle anderen höher in der Hackordnung stehen – den Letzten beißen die Hunde).

Ist man in dieser Situation, erfährt man diese Hoffnungslosigkeit, dann ist es auch nicht mehr weit zum Selbstmordanschlag. Womöglich ist man dann in der Zeit bis zum Anschlag wenigstens der Größte, den alle lieben.

So sucht man, sein Heil durch eigenes Tun zu erlangen. Doch so ist das Heil nicht zu erreichen. Das Heil ist Geschenk, dem Menschen unzugänglich, und es ist nur im Glauben zu haben.

Der Mensch wird immer, was er auch tut, auf seine Tüchtigkeit zurückgeworfen werden. Somit wird er nicht anerkannt für das, was er ist, nämlich ein Kind Gottes, sondern für das, was er zu leisten vermag. Wer weniger kann, wer weniger bringt, hat weniger Wert und bleibt auf der Strecke. Und wer sich als wertlos erlebt, sprengt sich auch eher in die Luft, um sich zu rächen.

Dem Menschen in der Hoffnungslosigkeit hilft nur, wenn er Gott erkennt, und daß er von Gott geliebt ist, weil er der ist, der er ist, nicht weil er irgend etwas besonders gut könnte. Alles, was der Mensch vermag, vermag er nur, weil Gott es gibt.

Die Liebe Gottes kann er erkennen, wenn andere Menschen ihm Liebe zeigen. Er muß aber nicht. Er kann es erkennen, wenn er aus einer Notsituation gerade noch herauskommt. Er muß aber nicht. Alles, was für ihn subjetiver Grund sein könnte, Gottes Liebe zu ihm zu erkennen, könnte auch objktiv anders erklärt werden.

Man könnte meinen, es läge an ihm, zu entscheiden, ob er die Interpretation des Eingreifen Gottes nun für sich bejaht oder nicht. Ich denke aber, er entscheidet das nicht.

Man entscheidet ja auch nicht, daß man den Himmel jetzt mal für grün hält statt für blau. Man muß schon selbst überzeugt sein, es selbst so sehen. Sonst macht man sich etwas vor und verfällt letztlich wieder in alte Muster: Selbst tun, um etwas zu erreichen, um sich das Heil zu erarbeiten.

Aber so läuft das nicht. Alle Gotteserkenntnis geht von Gott aus. Er offenbart sich, wenn Er es will – und wir können nur darauf antworten.

Zur Antwort gehören dann auch die guten Werke. Etwa sich den Marginalisierten zuzuwenden, weil auch sie Kinder Gottes sind – egal wie sehr man ihnen aufgrund von religiösen, kulturellen oder sonstigen Gründen fern steht. Im Zweifel gilt: Liebe Deine Feinde.

Das wird keiner von sich aus so tun können oder wollen. Das geht nur als Antwort auf die Offenbarung Gottes und nicht aus Pflichtgefühl – hat man lediglich Pflichtgefühl, werden einen die Kräfte verlassen.

Aus dem Glauben und der damit zusammenhängenden Gewißheit, von Gott geliebt und von Ihm beschützt zu sein, folgt dann auch der Wunsch danach, den Nächten Gutes zu tun – egal wer sie sind.

Das ist unterschiedlich ausgeprägt, weil wir Menschen nun einmal unterschiedlich sind. Und weil es keine eigene Leistung ist, braucht sich auch kiener hinzustellen und anzugeben, wie großartig er im Vergleich zu allen anderen ist.

Heilige verehrt man nicht, weil sie so großartig waren, sondern weil sich in ihnen Gottes Wesen in besonderer Art zeigte – das heißt nicht, daß er nicht in anderen noch viel Größeres im Verborgenen bewirkte.

Und so werden die Menschen zu Gottes Werkzeugen und verbreiten das Heil, das von ihm ausgeht. Das Reich wird gebaut, in der Welt, durch die Menschen, aber von Gott.

Die Menschen sind erlöst: Die Fesseln, die sie in der Tretmühle hielten, sich Anerkennung zu erarbeiten, sind los in dem Moment, in dem sie merken, daß sie diese Anerkennung von Gott bekommen, ohne erst etwas dafür leisten zu müssen.

Gott zerstört die Leistungsgesellschaft, indem er die Preise kaputt macht. Er stellt das begehrte Gut, Liebe und Anerkennung, in unendlicher Menge frei zur Verfügung. Wer lässt sich dann noch von Menschenfängern wie Nazis, Islamisten und anderen ausbeuten, um wenigstens ein bißchen Anerkennug zu erhaschen?

Und damit ist das Heil auch die Erlösung aus der menschlichen Logik, alles selbst tun zu wollen.

 

Gesellschaft, Glaube, Theologie

Papst, Islam und Terrorismus – und die Demut der Sünder

Moritz Breckner ist nicht überzeugt. In einem Kommentar schreibt vier Punkte auf, die als als die Gründe angibt, wieso Papst Franz sich irren soll.

Aber von Anfang: Papst Franziskus hat beim Weltjugendtag vergangene Woche in Krakau mehrfach vom „Terrorismus“ gesprochen, nicht aber von einem „islamischen Terrorismus“. Darauf angesprochen entgegnete er, „es ist nicht richtg und nicht wahr, daßder Islam gewalttätig ist“. Zwar präsentiere der IS sich wie ein islamischer Staat und sei gewalttätig, aber das gelte eben nicht für alle Muslime. Ebenso wie die Gewalttaten von getauften Katholiken, die es ja auch gebe, nicht auf die katholische Konfession übertragen werden können.

Dies überzeugt nun Moritz Breckner vom pro Medienmagazin nicht, die Überschriften seiner Punkte lauten:

  1. Die Motivation der Täter
  2. Rückhalt in der Religion
  3. Die Quantität
  4. Die Qualität

Mich überzeugt wiederum Breckners Argumentation nicht. Daher folgt hier nun ein Kommentar des Kommentars.

Die Motivation der Täter

Der Absatz besteht aus zwei Sätzen. Im Ersten geht es darum, daß ein Christ, der seine Schwiegermutter ermordet, mache das nicht aus religiösen Gründen heraus.

Das mag stimmen, gilt aber ebenso für muslimische Schwiegermuttermörder. Das Problem mit Daesh ist ja nun nicht, daß sie möglichst viele Schwiegermütter ermorden würden, sondern daß sie allgemein zu Gewalt und Terror greifen um ihre Macht zu sichern und dabei über Berge von Leichen gehen. Vor allem auch Berge von Nichtschwiegermüttern.

Doch was ist die Motivation für diese Gewaltexzesse von Daesh? Im Grunde: Machterhalt. Oder Machtgewinn. Es geht zunächst um politische Macht, die Beherrschung eines gewissen Territoriums. Mittelbar spielt dann auch die Außenwerbung eine Rolle. Ich vermute, daß hier das Ziel der Anschläge in Europa liegt: Die nichtmuslimischen Europäer gegen alle Muslime aufhetzen, damit diese isoliert werden und sich nach Syrien aufmachen, um das Territorium von Daesh zu verteidigen.

Bei den letzten Anschlägen spielte ja offenbar auch immer die Isolation, die Hoffnungslosigkeit der Täter eine Rolle. So arbeitet Daesh, und jeder, der in der Folge Muslime ausgrenzt, handelt so, wie Daesh das will und spielt ihnen in die Hände.

Im zweiten Satz behauptet Breckner, daß für gewalttätige Christen ihre Religion für die Straftaten keine Rolle spielt – im Gegensatz zu den Muslimen.

Ich führe diese Aussage auf eine gewisse Betriebsblindheit zurück: Es gab und gibt durchaus immer wieder Christen, die Gewalt durch die Religion rechtfertigen. Bekannt sind historische Beispiele wie Kreuzzüge (Dschihad zur Erlangung des Paradies?), Hexen- und Ketzerverbrennungen (noch heute gibt es in Afrika christliche Gemeinden, die zu Hexenjagden auf sogenannte Hexenkinder aufrufen!), Religions- und Kolonialkriege bis hin zu den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts: Immer wieder „Gott mit uns“, „Gott strafe England“ und dergleichen mehr. Gott – der christliche Gott mußte immer wieder herhalten für alle möglichen Gewalttaten. Auch Sklaverei und Rassendiskriminierung. Letztere bis ins letzte Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts sogar staatlich aufrechterhalten in Südafrika.

Aber auch Gewalt gegen Ehefrauen und Kinder wird immer wieder christlich verbrämt (das Weib sei dem Manne untertan, wer mit der Rute spart, liebt seinen Sohn nicht). Mir geht es hier nicht um korrekte Bibelauslegung (die kommt im nächsten Punkt), sondern darum, was ist und was war: Gewalt im Namen der Religion, im Christentum wie im Islam, immer wieder und immer noch. Seien wir als Christen wahrhaftig, halten wir uns an Jesu Gebot und achten wir vor allem auf den Balken in unserem Auge. Ich verstehe den Papst so, daß er dies tun will. Mir will nicht in den Kopf, wie man als Protestant, der sich an der Bibel orientieren will, daran Kritik äußern kann.

Der Rückhalt in der Religion

Jetzt mag jemand sagen: Ja aber, die islamische Religion fordert doch eben genau diese Machtentfaltung eines islamischen Staates, des Kalifats: Die Herrschaft über die ganze Welt, zu erringen durch den Heiligen Krieg, den Dschihad.

So in etwa argumentiert auch Breckner, auch schon im ersten Punkt. Ich frage mich da ja: Wie würde Beckner reagieren, wenn ein Muslim festlegen wollte, was INhalt des christlichen Glaubens ist?

Ich erlebe es immer wieder, daß vor allem konservative christliche Kreise festschreiben wollen, was Islam ist und wie die Lehre des Islam genau aussehe. Sollten das die Muslime nicht lieber selbst tun? Und wenn man auf sie hört, wenn man mal die Ohren öffnet, dann hört man immer wieder Distanzierungen vom Terror und Aussagen, daß das, was die Terroristen tun, in keinster Weise in Einklang mit dem Islam steht.

Breckner erwähnt das sechste Gebot: „Du sollst nicht töten“. Zwei Dinge tut er nicht:

  1. Obwohl er erwähnt, daß es im AT (nicht nur dort, man sehe in die Johannesapokalypse) brutale Verse gibt, vergißt er, daß der Koran an verschiedenen Stellen auch zur Hochachtung gegen Juden und Christen aufruft und festlegt, daß es im Glauben keinen Zwang gibt.
  2. Er bleibt nicht bei der theologischen Diskussion aufgrund der heiligen Texte, sondern wendet sich plötzlich der Realität zu, also dem konkreten Leben von Christen und Muslimen.

Dann meint er, daß eben Christen, auch die fundamentalistischen, keine Terroranschläge organisieren würden. Ich habe oben schon einige christliche Gewalteskapaden angesprochen. Hier fällt mir dann noch Breivik ein, der sich ja auch dezidiert auf das Christentum bezogen hat in seinem Wahn. Was mich wundert ist diese Argumentation von einem Christen zu hören. Ist es nicht so, daß wir Christen glauben, daß alle Menschen – auch wir – Sünder sind? Können wir da wirklich argumentieren, andere wären schlimmer als wir?

Gibt es nicht in den USA auch Anschläge auf Abtreibungskliniken? Freuten sich nicht viele Christen über den Tod Osama bin Ladens (eine Tatsache, die ich schon damals nicht begreifen konnte)? Fordern nicht vor allem auch konservative amerikansiche Christen, daß möglichst jeder überall eine Waffe tragen sollte, um gegen „den Terror“ gewappnet zu sein? Verbrämen sie das nicht religiös? Sind es nicht tausende wenn nicht sogar Millionen, die so denken?

Machen wir uns nicht etwas vor, wenn wir die Terrortoten der Islamisten dem Islam in die Schuhe schieben, die Toten des collateral damage, die unser christlich verbrämter Krieg gegen den Terror verursacht hat, aber nicht sehen wollen. Auch die Toten nicht, die durch christlich verbrämten Kapitalismus, Umweltzerstörung, Abschottung gegen Migration usf. verursacht werden. Wir alle sind Sünder. Wer angesichts dessen mit dem Finger auf andere zeigt (mit dem Ziel, sich als positiver darzustellen), muß sich fragen lassen, inwiefern er sich des eigenen Sünderseins wirlich bewußt ist.

Am Ende wendet sich Breckner wieder dem Koran zu, der das Töten Ungläubiger erlaube. Auch hier stellt sich wieder die Frage, ob ein Christ den Koran für Muslime verbindlich auslegen kann und in Zusammenhang damit die Frage, wieso so viele Muslime das eben gerade nicht tun? Sind sie keine wahren Muslime?

Da die große Mehrheit der Muslime keine Ungläubigen ermordet, sind es wohl alle keine echten Muslime. Wenn es aber keine echten Muslime sind, dann ist ihre angebliche Zustimmung zu solchen Gewalttaten kaum in der Religion begründet, sondern womöglich einfach darin, daß sie Sünder sind wie wir?

Die Quantität

Breckner verweist auf die Zahl der Toten und die umfangreichen Reaktionen der westlichen Staaten. Aber auch hier stellt sich die Frage: Ist das nicht eine sehr eigenwillige Betrachtungsweise: Daß die Nachrichten voll sind von den Anschlägen in Rouen und München statt von den Menschenrechtsverletzungen in Westpapua und Rußland, liegt nicht unbedingt daran, daß das schlimmer wäre. In Brasilien ist womöglich die Zika Fliege ein viel größeres Thema als der Terrorismus. Die angebliche Quantität ist gar keine, sondern lediglich eine Fokussierung. Indem wir uns auf die Terroristen und den Schaden, den sie anrichten, fokussieren, fangen wir schon an, nach ihren Regeln zu spielen. Denn das wollen sie ja: Aufmerksamkeit, um Angst schüren zu können. Statt dessen könnte man auch über die Löcher im sozialen System hierzuland berichten oder über die Zahl der Verkehrstoten.

Es ist eben nicht der Islam, der die Welt in Atem hält, sondern wir fangen an zu hyperventilieren, wenn wir „Islam“ hören. Wegen unserer Vorurteile. In Europa starben seit 1980 mehr Menschen durch rechten Terrorismus als durch islamistischen Terrorismus. Da ist die Angst komischer Weise deutlich kleiner. Warum nur? Weil man als Weißer meint, kein Opfer werden zu können? Man denke an das Oktoberfest!

Die Qualität

Fundamentalismus im Christentum und im Islam äußert sich unterschiedlich.

Das ist die Grundthese. Während die guten Christen beten und vielleicht mal Kritik üben wegen zu viel nackter Haut, würden Muslime schnell zur Gewalt greifen. Hier gibt es zwei Dinge zu bedenken:

  1. Der Begriff des Fundamentalismus kommt aus dem Christentum und beschrieb ursprünglich eine bestimmte Frömmigkeitsart desselben.
  2. Erst dann wurde der Begriff auf bestimmte Prägungen des Islam übertragen. Dabei mag die Ablehnung der fundamentalistischen Prägung des Christentums durch diejenigen, die den Begriff übertrugen eine Rolle gespielt haben, so daß auch im Islam mit dem Begriff Strömungen beschrieben werden, die einem aufgeklärten westlichen Menschen abstoßend erscheinen.

Von daher werden hier schon ein Stück weit Äpfel mit Birnen verglichen. Und dann ist es eben nicht so, daß christliche Fundamentalisten nicht zu Gewalt greifen würden. Gerade in den USA, wo der christliche Fundamentalismus stark ist, ist in diesen Reihen auch eine starke Unterstützung für Kriege gegen muslimische Staaten zu bemerken, außerdem die Neigung zu Waffenverherrlichung und teilweise auch Verherrlichung der Nation und des Militärs.

Christliche Fundamentalisten mögen ihre Frauen nicht in Burkas verhüllen, allerdings gibt es dort eigene Kopftuch-Formen. Die Haare zu verschleiern ist in einigen Gemeinschaften durchaus verbreitet.

Man kann eben nicht so einfach sagen, daß die Qualität von Zwang und Intoleranz im Christentum anders wären als im Islam. Man kann höchsten sagen, daß bei einem selbst oder im unmittelbaren Umfeld das nicht so extrem ist, wie man es sich bei anderen vorstellt oder erlebt hat. Aber das ist etwas ganz anderes.

Fazit

Im Fazit schreibt Breckner natürlich, daß der Papst sich hätte anders äußern müssen. Etwa daß Muslime sich auch sozial engagieren und eine Bereicherung sein können. Das tat der Papst aber nicht, und wie ich meine, mit gutem Grund.

Er wollte offenbar nicht sagen, daß Muslime irgendwie auch nette Menschen sein können. Solche Eiapoppeiareden werden sonst von konservativen christlichen Medien zu Recht kritisiert. Hier fordert man das nun ein: Lieber oberflächliche Schöne-Welt-Rhetorik, statt Bezeugung des Glaubens.

Denn das war es im Grunde, was der Papst tat: Er geiselte den Terrorismus, die Tat an sich, die Sünde. Aber er ließ sich nicht dazu herab, sich oder seine Gruppe als in irgend einer Art überlegen darzustellen. Der Papst ist hier nicht überheblich – wie Breckner es leider ist – sondern demütig.

Diese Demut aus dem Glauben heraus und im Bewußtsein um die eigene Sündhaftigkeit steht einem Christen nach meinem Dafürhalten viel besser zu Gesicht, als alle Triumphposen über die „verlorenen Heiden“.