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Testimonium

So kann es gehen, da kommen mehrere Blogartikel und dergleichen zusammen, kommen irgendwie in Zusammenhang, und ergeben dann nach und nach nen ganz anderen Sinn. Das heitß die Artikel ergeben keinen anderen Sinn, aber as ihnen ergibt sich einem ein anderer Sinn.

Wolfram schrieb zu meinem Artikel „Der Ertrag der Erlösung“ einen Kommentar und verlinkte eine seiner Predigten. Die habe ich dann gelesen und mich zerst gefragt, was die Predigt mit meinem Artikel zu tun hat, bis mir aufging, daß das Thema eigentlich schon das gleiche ist, daß ich aber auf die subjektive Seite kommen wollte (hab ich in dem Artikel nicht geschafft), also beschreiben wollte, was sich subjektiv, persönlich beim Menschen ändert, der gerade Erlösung, also Gnade Gottes erfährt, während Wolfram das aus objektiver Warte beschrieben hat in seiner Predigt.

Mir ging dabei etwas auf: Und zwar in Bezug auf mein „Erweckungserlebnis“, wenn man so will. Ich mag den Begriff eigentlich nicht, weil damit immer ein Wust von anderen Begriffen und Vorstellungen einhergeht, die auf mich einfach nicht zutreffen. So hab ich zum Beispiel kein „Datum“. Weder weiß ich den Tag, an dem das passierte, noch hat sich mein Leben so grundlegend geändert, daß ich meinetwegen vorher in Alkohol und Drogen verwickelt war und nachher dann ganz tolle Sachen gemacht hätte, wie das in „erwecklichen“ Zeugnissen ja oft erzählt wird. Auf dem Kirchentag in Berlin 2003 wurde mir dann auch von einem „bibeltreuen“ Christen (der Katholiken nicht als Christen ansah – da hab ich schon gestutzt) erklärt, daß das bei mir dann ja nicht wirklich was gewesen sein kann, wenn ich mein Leben nicht grundlegend verändert habe. Spätestens seit dem Gespräch bin ich ach „bibeltreuen“ Christen gegenüber etwas skeptischer. Schubladendenken mag wohl keiner, wenn es auf ihn selbst angewendet wird.

Das mit dem „Erweckungserlebnis“ kam so: Ich hatte damals Bibel gelesen, von Anfang bis Ende. Okay, ich hab geschmmelt, ich hab mit dem NT angefangen und das AT danach gelesen. Das ganze kam daher, daß ich eigentlich den Koran lesen wollte, weil nach dem 11. September 2001 jeder etwas anderes schrieb über den Islam und ich mir ein eigenes Bild machen wollte. Ich dachte mir aber, daß es nfair wäre, den Koran zu lesen und zu beurteilen, ohne unser eigenes Heiliges Buch gelesen zu haben. Ich war Anfang 2001 in Israel im Kibbutz und habe dabei mitgekriegt, daß viele Dinge, die in der Bibel stehen, bei ns gar nicht so bekannt sind. Ein Beispiel: Purim. Mir war bewußt daß es in der Bibel auch blutrünstige Stellen gibt, daher wollte ich die erst einmal alle kennen, bevor ich über die blutrünstigen Stellen im Koran urteile. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hab angefangen, die Bibel zu lesen.

Und irgendwann kam ich dann zur Kreuzigung. Ich weiß aber nicht mehr, bei welchem Evangelium mir die Gedanken kamen, wird auch egal sein. Ich muß aber noch einmal in eine andere Richtung ausholen:

Schon mein Leben lang begriff ich mich immer als Christ, und ich bin auch keiner derjenien, die das jetzt rückblickend relativieren würden und meinen, man ist erst ab so nem „Erweckngserlebnis“ wirklich Gläubiger. Wie dem auch sei war meine Ansicht des christlichen Lebens sehr moralisch geprägt. Man soll eben Gutes tun. Aber eigentlich, so dachte ich, war ich ja kein schlechter Mensch, hab keinen umgebracht oder sonstwas. Also war alles in Butter. Life of Brian brachte mich dann auch irgendwann zu dem Gedanken: Selbst wenn Jesus als Messias wirklich nur so ein Mißverständnis war, dann sind doch Nächsten- und Feindesliebe gar keine so schlechten Gebote, dann ist es trotzdem sinnvoll nd gt, sich daran zu halten, auch wenn es keinen Gott gäbe.

Doch dann war dieser Moment. Ich las von der Kreuzigung und es fiel mir wie Schuppen aus dem Haaren (oder so ähnlich): Die Dimension des Bösen wurde mir bewußt. Ich fragte mich immer, wozu Jesus denn eigentlich hat sterben müssen. Ich hörte immer für unsere Schuld und so, konnte damit aber nichts anfangen (was teilweise sicher auch damit zu tun hat, daß die doch sehr populäre Satisfationstheorie nach Anselm wirklich nicht ganz nachvollziehbar ist, wenigstens für mich heute noch, aber das ist ein anderes Thema). Wir waren doch eigentlich alle gar nicht so schlecht. Und die bösen Menschen, die kommen ja eh in die Hölle. Was mir dann aber bewußt wurde, waren zwei Dinge: Jeder hat ja auch so seine Macken. Und wenn man Gutes und Schlechtes im Menschen zsammen nimmt und gegeneinander hält, dann können die guten Taten die schlechten nicht wirklich überbieten. Zweitens: Selbst wenn das möglich wäre, wäre jedes Böse, das man getan hat, ja in der Welt. Man kann es nicht zurücknehmen, es ist da und wirkt, und ach wenn man versucht, es mit Gutem wieder gut zu machen, so ist doch der Anfangsschmerz bei den Opfern da gewesen, und hat neuen Schmerz irgendwo anders verursacht. Inzwischen (ich weiß nicht ob ich das damals schon dachte oder es sich später entwickelte) bin ich soweit, daß ich denke, daß all das Gute sowieso nicht ins Gewicht fällt, weil wir es irgendwo auch schuldig sind, zu tun. Ich kann jedenfalls nirgends erkennen, daß ns gestattet wäre, Übles zu tun, ob jetzt as der Religion heraus oder aus rein säkularen Überlegungen heraus. Gutes zu tun wird überall als Pflicht angesehen, insofern fällt auch etwaiges Wiedergutmachen nicht ins Gewicht, weil das kann ja keine Zusatzleistung sein, wenn Gutes schon sowieso gefordert ist.

Wenn das aber alles so ist, dann gibt es tatsächlich ein Problem mit dem Bösen, und es ist kein Problem mit bösen Menschen, sondern mit jedem Menschen inklusive mir. Um dieses Problem zu lösen – wie genau ist erst mal irrelevant – ging Jesus ans Kreuz. Plötzlich ergab das Sinn. Und aus dieser Erkenntnis, und daß es eben auch mit mir persönlich zu tun hat, kam dann diese Dankbarkeit auf, die objektiv wohl nur festgestellt, aber nicht erklärt werden kann, subjektiv aber durchaus verständlich ist.

Ich habe mir später oft Gedanken darüber gemacht, versucht, mir noch einmal vor Augen zu führen, was da damals in mir geschehen ist, und ich konnte mich an das Problem mit dem Bösen erinnern, das mir klar wrde, und daß das irgend etwas in mir auslöste, was dann zu einer großen Freude wurde.

Da ich das Ganze objektiv betrachtete, also nach Gründen suchte, warum das jetzt so sein mußte, kam ich wohl nie weiter. Denn man kann sich auch all dessen bewußt sein, ohne Jesus gleich dankbar zu sein. Die Dankbarkeit muß nicht zwangsläufig aus der Erkenntnis folgen, man kann auch, wie Eric Djebe es mal ausdrückte, einfach als Lottogewinn betrachten und fertig.

Das ist aber jedenfalls nicht immer der Fall, und ich will hier auch nicht über das Verhältnis Lotto zu Dankbarkeit spekulieren. Vielleicht ist es ja doch immer so und nur einfach nicht im logischen Sinn zwingend.

Mir kommt es erst einmal darauf an, wie es in meinem Fall war oder mutmaßlich war, denn wir alle machen uns ja ein Bild von der Vergangenheit, das mit den Tatsachen nicht unbedingt übereinstimmen muß.

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Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann IV

Meine kleine Auslegereihe zur Sturmstillung kommt mit diesem Beitrag zu ihrem Schluss. Ich habe hier versucht zu erklären, warum auch das Gespräch über den Ernst der Nachfolge zu der Erzählung von der Sturmstillung dazugehört. Dann habe ich ein bisschen was zum Jünger geschrieben, den ich später den „Unbekannten Petrus“ nenne und der auch in der restlichen Auslegung seinen Platz hat und (ganz, ganz kurz) dargestellt, was für Schlüsse man aus dem Gespräch über den Ernst der Nachfolge ziehen könnte.

Im zweiten Teil habe ich versucht zu begründen, warum ich den Jünger „Unbekannten Petrus“ nenne und was ihn für mich so bemerkenswert macht.

Der dritte Teil geht erst kurz auf den Unterschied zwischen dem Schriftgelehrten am Anfang der Erzählung und dem Unbekannten Petrus ein. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen ihnen? Außerdem wird versucht, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum Jesus die Jünger „Kleingläubige“ nennt, als sie ihn aus lauter Furcht wecken.

Auf die Antwort Jesu möchte ich zum Abschluss der kleinen Auslegung nochmal eingehen. Man stelle sich das nur mal vor: In höchster Not rufen die Jünger zu Jesus – und bekommen erstmal gesagt: Warum fürchtet ihr euch eigentlich, ihr Kleingläubigen? Auch das heißt Jünger Jesu sein: Jesus ansprechen in der Not – und sich von ihm ansprechen lassen, ohne Vorbehalt. Da wird auch der Unbekannte Petrus wieder auf den Boden der Tatsachen geholt – wenn er sie denn zu verlassen drohte: Du meinst, dein Glauben sei groß, weil du mir nachfolgst? Irrtum. Auch du, der du für mich deine Familie hinter dir gelassen hast, hast noch einen kleinen Glauben, bekommst noch Angst, wenn es wirklich hart wird. Wer sich an Jesus wendet, muss auch damit rechnen, mit unbequemen Einsichten über sich selbst konfrontiert zu werden. Jünger Jesu sein heißt eben beides: Jesus Christus ansprechen – und sich von ihm ansprechen zu lassen.

Doch wenn Jesus uns dann anspricht, bleibt er nicht bei der Ansprache stehen. Er spricht die Jünger als das an, was sie sind: Kleingläubig, voller Angst. Aber dann setzt er sich vorbehaltlos für sie ein. Er ist eben nicht der, der sagt: Wenn du von mir Hilfe erwartest, hast du aber bitteschön erstmal die Größe deines Glaubens zu beweisen. Er nimmt uns an, mit unseren Zweifeln – und mit der Hoffnung. Denn Hoffnung ist es ja, die die Jünger dazu bringt, Jesus überhaupt zu wecken. Die Hoffnung, dieser Jesus, der kann doch helfen. Wenn alle unsere menschlichen Kräfte am Ende sind, ist da doch noch der, der helfen kann.

Der, der uns anspricht, uns annimmt und auch in den Stürmen des Lebens nicht von unserer Seite weicht. Der sich in unserem Lebensboot seinen Platz zum Ausruhen sucht – und dann in den Momenten größter Not doch da ist. Zu diesem Christus stieg der Unbekannte Petrus ins Boot. Und mit ihnen sitzen auch wir im Boot der Christenheit, unterwegs durch hohe Wogen und ruhige Gewässer.

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Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann III

Jünger sein kann man offenbar schon zu Matthäi Zeiten, wenn man mit Jesus auf Wanderschaft ist und sein Leben teilt,wie z.B. die Zwölf, aber auch, wenn man zuhause bleibt, wie z.B. der Unbekannte Petrus vor dem Tod seines Vaters. Was genau macht eigentlich den Unterschied aus zwischen dem Schriftgelehrten, der Jesus folgen will und dem Unbekannten Petrus? Vielleicht, wie sie selbst Jesus sehen. Der Schriftgelehrte nennt Jesus „Didaskale“ (bekomme die griechische Schrift leider nicht hin…). Die Übersetzung dafür ist „Lehrer“ oder „Meister“. Der Jünger dagegen nennt Jesus „Kyrios“, Herr. Mit dem gleichen Wort sprechen die Jünger Jesus später auch im Boot an. Das ist glaube ich der entscheidende Unterschied zwischen Schriftgelehrtem und Unbekanntem Petrus: Der eine erkennt Jesus als Lehrer an, der andere als Herrn.

Diesen Herrn bitten die Jünger um Hilfe, als sie das Boot nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Der Unbekannte Petrus erfährt, kaum dass er mit dem Nachfolgen Ernst gemacht hat, was es bedeutet, bisherige Schutzräume zu verlassen. Es wird deutlich gemacht, dass Nachfolgen eben auch bedeuten kann, bisherige Schutzräume zu verlassen und dann unversehens in heftige Stürme zu geraten. In der Situation der Jünger auf dem Schiff wird erzählerisch ausgemalt, was vorher angekündigt wurde: Wer Jesus nachfolgt, ist nicht davor gefeit, in Stürme zu geraten. Ein Rückzugsort wie Fuchs und Vogel hat er nicht. Sein Rückzugsort ist Christus selbst, an den er sich wendet.

Ich fand die Antwort Jesu immer merkwürdig. Sie wecken ihn, zeigen doch gerade, dass sie ihm zutrauen, ihnen zu helfen – und er nennt sie kleingläubig. Vielleicht wird das etwas klarer, wenn man den Beginn des Kapitels liest. Matthäus schildert dort die Heilung des Knechtes eines Hauptmannes. Der Hauptmann kommt zu Jesus, um ihn um Heilung für seinen Knecht zu bitten. Jesus will daraufhin das Haus des Hauptmannes aufsuchen, doch dieser glaubt fest daran, dass Jesus garnicht selbst anwesend sein muss, sondern seinen Knecht durch ein Wort aus der Ferne heilen kann. Jesus ist beeindruckt vom Glauben dieses Mannes und heilt seinen Knecht.

Ich frage mich nun, ob Matthäus hier bewusst zwei Situationen schildert, in denen Jesus nach menschlichem Ermessen nichts für die Menschen tun kann – für den Knecht nicht, weil er noch nicht da ist, für die Jünger nicht, weil er ja schläft. Doch während in der einen Situation das Vertrauen, der Glaube, so grenzenlos ist, dass davon ausgegangen wird: Ein Wort Jesu genügt, selbst wenn er nicht vor Ort bei dem Kranken ist, ist dieser Glaube in der anderen Situation eingeschränkt. Wenn Jesus nicht wach, d.h. nicht ganz da ist, ist er machtlos und muss erst geweckt werden. Das könnte erklären, warum die Jünger hier als kleingläubig bezeichnet werden, obwohl sie ihm doch offenbar zutrauen, ihnen zu helfen.

Für den Unbekannten Petrus geht die Achterbahnfahrt in der Nachfolge weiter: Voller Vertrauen, voller Leidenschaft ist er in die Nachfolge aufgebrochen, erfüllt von Vertrauen in Jesus, das ihm ermöglicht, alles hinter sich zu lassen. Doch auch dieser Jünger muss die Erfahrung machen, dass es im Glauben auf und ab geht, dass auf Zeiten größten Vertrauens auch Zeiten des Kleinglaubens folgen können.

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Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann II

Gestern habe ich ja bereits über das Gespräch, das der Erzählung von der Sturmstillung vorangeht, geschrieben. Heute wende ich mich nun der Erzählung von der Sturmstillung zu.

Sie beginnt damit, dass gesagt wird, Jesus steigt in das Boot und seine Jünger folgen ihm. Es wird hier also direkt an V. 18 angeknüpft. Das Gespräch, über das ich gestern geschrieben habe, scheint wirklich nur einen kurzen Moment zwischen „Los, lasst uns ans andere Ufer fahren“ und dem Beginn der Umsetzung des Planes zu umfassen. Nichts spricht dafür, dass sich die Szenerie zwischen V. 18 und 23 verändert hat. Man kann also davon ausgehen, dass die beteiligten Personen noch die gleichen sind wie zuvor.

Das bedeutet: Auch der Jünger, dem Jesus aufgetragen hat, ihm nachzufolgen, ist noch dort. Ich werde ihn im weiteren Text Unbekannter Petrus nennen. Warum, wird sich noch herausstellen. In der Aufforderung Jesu an den Jünger in V. 22 wird das gleiche Verb benutzt wie in V. 23, als beschrieben wird, dass die Jünger Jesus ins Boot folgen, nur in einer anderen Form. Es wird auch mit keiner Silbe gesagt, dass der Unbekannte Petrus der Aufforderung Jesu nicht gefolgt wäre. Wenn sich an anderen Stellen Menschen von Jesus abwenden, wird dies auch festgehalten. Das alles spricht dafür, dass auch der Unbekannte Petrus ins Boot gestiegen ist. Das wiederum bedeutet, dass er der Aufforderung Jesu nachgekommen ist und seinen Vater tatsächlich zurückgelassen hat, d.h. er hat die Sicherheit seiner Familie verlassen und ist genau das Risiko eingegangen, das in V. 20 beschrieben wird: Er wird nun das Los Jesu teilen, anders als Fuchs und Vogel keinen festen Rückzugsort zu haben. Eine solche Entscheidung trifft man, glaube ich, nicht ohne sehr großes Vertrauen in Jesus. Er ist uns hier ein Beispiel für großes Vertrauen in Jesus und große Leidenschaft für Jesus. Hierin gleicht er finde ich Petrus, der ja auch alles hinter sich ließ und Jesus leidenschaftlich folgte.

Dann folgt die Erzählung von der Sturmstillung. Das Boot läuft voll Wasser – und Jesus liegt im Boot und schläft. Er, der kurz vorher noch sagte, er hat keinen Ort, wo er sein Haupt niederlegen kann, hat sein Haupt niedergelegt. Doch der vorige Vergleich mit Vögeln und Füchsen zeigte ja schon: Es ging bei den Worten nicht darum, dass er nie zur Ruhe kommt, sondern darum, dass er auf Erden keinen Platz hat, an den er dauerhaft zurückkehrt, sondern ohne feste Behausung lebt.

Die Jünger erfasst bei dem Sturm Angst. Obgleich einige erfahrene Fischer unter ihnen sind, bekommen sie das Boot nicht unter Kontrolle. Sie wecken Jesus mit den Worten:
Herr, hilf uns, wir gehen unter! Alle haben Angst – alle werden von Jesus anschließend als „Kleingläubige“ bezeichnet. Einschließlich Unbekannter Petrus. Auch er, der doch kurz zuvor noch als so ein leidenschaftlicher Jünger gezeichnet wird, sich durch so großen Glauben ausgezeichnet hat, wird „Kleingläubiger“ genannt. An ihm, dem Unbekannten Petrus, dem Namenlosen, wird gezeigt, dass das Leben eines Jüngers immer zwischen diesen beiden Polen stattfindet – leidenschaftliche Risikobereitschaft einerseits, furchtvolles Verzagen andererseits. Später wird dieselbe Spannung ebenso deutlich an Petrus gezeigt werden. Doch zuerst wird sie an diesem namenlosen Jünger gezeigt, den ich deshalb Unbekannter Petrus nenne.

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Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann I

Schon vor einigen Jahren begann mich die Erzählung von der Sturmstillung bei Matthäus zu faszinieren. Da mir leider grade die Zeit fehlt, einen einzigen langen Artikel zu schreiben, möchte ich meine Gedanken in mehreren kurzen Artikeln mal formulieren. Hier erstmal der Text:

8 Als Jesus sich dann wieder von großen Volksscharen umgeben sah, befahl er, an das jenseitige Ufer des Sees hinüberzufahren. 19 Da trat ein Schriftgelehrter an ihn heran mit den Worten: »Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst!« 20 Jesus antwortete ihm: »Die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keine Stätte, wo er sein Haupt hinlegen kann.« – 21 Ein anderer von seinen Jüngern (= Schülern, Anhängern) sagte zu ihm: »Herr, erlaube mir, zuerst noch hinzugehen und meinen Vater zu begraben!« 22 Jesus aber antwortete ihm: »Folge du mir nach, und überlaß es den Toten (d.h. den geistlich Toten), ihre Toten zu begraben!«

23 Jesus stieg dann ins Boot, und seine Jünger folgten ihm. 24 Da erhob sich (plötzlich) ein heftiger Sturm auf dem See, so daß das Boot von den Wellen bedeckt (= überflutet) wurde; er selbst aber schlief. 25 Da traten sie an ihn heran und weckten ihn mit den Worten: »Herr, hilf uns: wir gehen unter!« 26 Er aber antwortete ihnen: »Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen!« Dann stand er auf und bedrohte die Winde und den See; da trat völlige Windstille ein. 27 Die Leute aber verwunderten sich und sagten: »Was ist das für ein Mann, daß sogar die Winde und der See ihm gehorsam sind!«
An der Textauswahl habt ihr bestimmt schon gesehen, dass ich mehr Text zur Sturmstillung rechne, als z.B. die übliche Perikopenordnung vorsieht. Diese beginnt die Geschichte mit der Sturmstillung nämlich bei V. 18. Die Geschichte beginnt jedoch viel früher, nämlich bereits in V. 18: Hier erteilt Jesus den Auftrag, ans andere Ufer zu fahren, er ist der Einleitungsteil zu V. 23. In den Versen dazwischen werden Gespräche von Jesus mit zwei Personen geschildert. Dieses Gespräch wird üblicherweise unabhängig von der Sturmstillung betrachtet. Ich glaube, man nimmt beiden Erzählungen dadurch einiges an Aussagekraft.
Zunächst zur Einleitung, dem Gespräch mit den zwei Personen. Es vermittelt Wichtiges darüber, was „Jesus nachfolgen“ bedeutet. Der erste, mit dem Jesus spricht, ist ein Schriftgelehrter, der ankündigt, Jesus überall hin folgen zu wollen. Jesus verwehrt es ihm nicht, lässt ihn aber auch nicht über die Folgen im Unklaren: Das, was selbst Tiere haben, einen dauerhaften Rückzugsort, wo sie Kraft schöpfen können, ist ihm und denen, die ihm nachfolgen, verwehrt. Mich beeindruckt hier, dass dem Schriftgelehrten keinerlei Hoffnungen auf ein behütetes, sorgenfreies Leben gemacht werden. Deutlich wird gesagt: Folgst du Jesus, verlässt du deine sicheren Rückzugsorte auf Erden. Auf diesen Punkt wird später noch zurückzukommen sein.
Die zweite Person, die Jesus anspricht, ist bereits ein Jünger. Er will Jesus jetzt nachfolgen und dazu auch seine Familie verlassen. Offenkundig kannte schon Matthäus zwei Arten von Jüngern: Die einen waren die „klassischen“ Jünger, wie z.B. die 12: Menschen, die Jesus physisch nachgefolgt sind, mit ihm sein Wanderleben geteilt haben. Doch daneben hat es offenbar schon andere gegeben, die sesshaft bei ihren Familien lebten, sich aber bereits durch irgendwas so von anderen unterschieden haben, dass sie, wie die zuerst beschriebenen Jünger, als Jünger bezeichnet wurden. Dies steht in starkem Kontrast zu dem negativen Bild, das Matthäus sonst von Familie und Jüngerdasein zeichnet (Vgl. Mt 10, 35 ff). Dennoch zeigt diese kurze Episode: Es gab verschiedene Arten von Jüngern, doch es wurde von der Begrifflichkeit her nicht in „Jünger 1. und 2. Klasse“ unterschieden. Alle gelten gleichberechtigt als Jünger.
Doch dann kam der Punkt, an dem der Jünger sein Leben verändern wollte. Alles, was wir über ihn sonst noch erfahren ist, dass sein Vater vor kurzem verstarb. Möglich, dass es genau diese Veränderung war, die dazu führte, dass er im Bezug auf sein Jüngerdasein etwas verändern wollte. Eine einzige Einschränkung macht er noch: Er will zuvor seinen Vater begraben, ehe er sein Leben radikal verändert. Jesus aber sagt: Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber folge mir nach. Diesen Jünger fordert Jesus also auf, sofort mit ihm zu kommen, nachdem er selbst – mit Einschränkung – zugesagt hat, mit ihm zu ziehen.
Hier sieht man einen deutlichen Unterschied zum Schriftgelehrten: Der kannte vielleicht die Lehren von Jesus, und war auch bereit, ihn als Lehrer anzunehmen, wie die Anrede „Meister“ zeigt. Doch in Bezug auf das Leben, das ihn erwartet, ist er offenkundig noch ahnungslos. Deshalb verwehrt Jesus ihm zwar nicht, ihm zu folgen, macht ihm aber deutlich, was die Konsequenzen sind. Bei dem Jünger sieht das anders aus. Ihm muss offenbar nicht mehr gesagt werden, was ihn in der Zukunft an der Seite Jesu erwartet. Doch noch lässt er sich von seiner Vergangenheit bestimmen, statt voll und ganz auf Jesus zu setzen. Erst die Vergangenheit regeln – dann Jesus folgen. Doch Jesus sagt: Lasse die Vergangenheit hinter dir. Folge mir nach.
Der Jünger wird sich bei seiner Familie nicht mehr sehen lassen können, wenn er seinen Vater unbestattet zurücklässt. Doch Jesus folgen kann eben auch heißen, Vertrautes entgültig hinter sich zu lassen. Der Jünger bekommt hier eine erste Ahnung davon, was es heißt, wenn Jesus sagt: „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“.
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Fragen und Fürsorge

Nachdem ja hier schonmal auf die Frage „Wo bist du“ eingegangen bin, habe ich mich jetzt nochmal damit beschäftigt. Ausgangstext ist Genesis 3, 8-13:

Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte sich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ Und er sprach: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du sollst nicht davon essen?“ Da sprach Adam: „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ Da sprach Gott der HERR zum Weibe: „Warum hast du das getan?“ Das Weib sprach: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß“.

Fragen begleiten den Menschen von Anfang an. Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – spätestens wenn Kinder im Spiel sind, wird das deutlich. Die Welt muss dann mit allen Sinnen erforscht werden, um die vielen Fragen, die im Kopf  herumschwirren, zu beantworten. Am Anfang werden diese Fragen sehr praxisorientiert und ohne Worte gestellt – anfassen, in den Mund stecken, draufzeigen. Und Mama, Papa, Bruder, Schwester, Onkel, Tante und wer sich noch so im Umkreis aufhält, beantworten wichtige Fragen: Ob ich das anfassen oder in den Mund stecken darf? Was ist das große, haarige Ding da vorne, das mir immer die Zunge rausstreckt? Ist das Kind dann soweit, dass es Fragen anders ausdrücken kann, beginnt die Phase des „wer, wie, was, wieso, weshalb, warum“ – eine Phase, in der man oft erst mal wieder merkt, wie seltsam viele Dinge oder Verhaltensweisen sind.

Fragen sind wichtig – vielleicht haben sie deshalb in der Schöpfungsgeschichte so eine zentrale Position. Das erste biblische Gespräch zwischen Gott und Mensch beginnt mit einer Frage. Vorher gab Gott dem Menschen seinen Segen und Regeln, vom  Menschen aber wird keine wörtlich formulierte Antwort überliefert. Erst nach dem Verzehr der verbotenen Frucht kommt es zu einem Dialog zwischen Gott und Mensch. Der Mensch fürchtet und verbirgt sich vor Gott, er tut alles, um Abstand zu Gott zu gewinnen – doch Gott geht dem Menschen nach, er macht den ersten Schritt auf den Menschen zu. Und dieser erste Schritt besteht in einer Frage: „Wo bist du?“. Das ist glaube ich eine wichtige Facette der Fragen Gottes. Der Mensch kann sich nicht auf Gott zubewegen – doch Gott bewegt sich auf ihn zu, eben auch in Fragen. Immer wieder begegnet im Alten Testament der fragende Gott – bei Kain vor und nach seinem Brudermord (Gen 4, 6-7.10), bei Hagar, als sie verzweifelt ist (Gen 16,8) – die Liste ließe sich noch fortführen. Und auch Christus wird später immer wieder Menschen Fragen stellen. Gott lässt sich auf Menschen ein, er erteilt nicht bloß Befehle und Weisungen, sondern stellt auch Fragen.

Wo uns diese Fragen begegnen, weiß ich vermutlich ebensowenig wie ihr. Ein Anhaltspunkt könnte sein, ob ich die Frage in diesem Moment erwarte. Denn mit allem konnten Eva und Adam eher rechnen als mit der Frage: Wo bist du? – Denn das weiß Gott ja. Wenn uns beim nächsten Gang durch die Fußgängerzone jemand fragt, ob wir etwas Kleingeld haben, begegnet uns dort vielleicht eine Frage Gottes. Wenn uns jemand unerwartet um Rat fragt, begegnet uns dort vielleicht eine Frage Gottes. Ich glaube, es kann unser Leben reicher machen, wenn wir immer wieder mit unerwarteten Fragen Gottes rechnen – und uns unsere Antworten genau überlegen.

Adam wird gefragt: „Wo bist du?“ Eine Frage, die ihm auch eine kurze, einfache Antwort ermöglicht – „Hier“ hätte ja völlig gereicht. Doch diese Antwort bleibt aus – stattdessen folgt eine Erklärung, warum sich Eva und Adam verbergen. Sie antworten auf eine nicht gestellte Frage und thematisieren, was sie eigentlich verbergen wollten – ihre Furcht, ihre Nacktheit. Ihr Ausweichmanöver hat zur Folge, dass sie ansprechen, was verborgen bleiben sollte. Das Ausweichen geht jedoch weiter. Auch auf die direkte Frage hin – hast du von dem Baum gegessen? – will Adam die Schuld erstmal an Eva abgeben, mit dem Hinweis darauf, dass Gott ihm diese Frau ja gegeben hat, auf Gott selbst. Ausweichen und Verantwortung für Schuld auf andere abladen ist ein wohlbekannter Reflex. Doch bei Gott funktioniert das nicht. Er geht der Schuld nach und landet bei der Schlange – doch Verantwortung für ihr Handeln müssen auch Eva und Adam tragen. Verantwortung für Schuld, die durch Fragen zutage tritt, muss getragen werden, die Folgen müssen in der Welt ausgehalten werden. Die Folgen sind unangenehm: Harte Feldarbeit für den Mann, Kinder unter Schmerzen gebären für die Frau, Vertreibung aus dem Paradies, keinen Zugriff mehr auf die Früchte vom Baum des Lebens für beide. Die Folgen von Gottes Fragen nach unserem Handeln können höchst unangenehm sein und sind schnell präsent, wenn es um diese Geschichte geht. Dabei wird aber ein Satz vergessen, der zwischen der Ankündigung der harten Arbeit für den Mann, das schmerzliche Gebären der Frau und der Vertreibung aus dem Paradies steht:

Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. (Gen 3, 21)

Adam und Eva hatten sich schon vorher Schurze aus Feigenblättern geflochten – und antworteten auf die Frage Gottes dennoch: „Ich hörte sich im Garten und fürchtete mich, denn ich bin nackt“. Wenn sie sich wirklich gefürchtet haben, weil sie nackt waren, heißt das doch, dass sie mit den selbstgemachten Feigenblattschurzen nicht zufrieden waren. Das, was sie anfertigten, um die Furcht zu vertreiben, hat nicht gereicht. Gott selbst aber fertigt ihnen Kleider an, bevor er sie aus dem Garten vertreibt. Er treibt sie hinaus in ein Leben, das unangenehmer ist als das vorige – aber er macht ihnen Kleider. Hier wird vermittelt: Gott liegt daran, dass die Menschen ohne Angst leben können. Am Ende des Aufenthalts im Garten Eden steht also ein Akt der Fürsorge. Die Folgen der Fragen Gottes können unangenehm sein – doch sie sind auch ein Schritt in die Fürsorge Gottes hinein. Allen Ausweichmanövern zum Trotz – letzten Endes münden die Fragen Gottes in seine Fürsorge für den Menschen.

Die Fragen Gottes – sie sind ein Zeichen dafür, dass Gott sich auf uns zubewegt, nur er vermag den ersten Schritt zu tun. Sie können uns überraschen und entblößen – und führen uns am Ende doch immer wieder zur Fürsorge Gottes zurück. Diese Fürsorge Gottes wird schon im Alten Testament immer wieder deutlich gemacht – und fand ihren stärksten Ausdruck in Jesus Christus. In ihm machte Gott selbst die entscheidenden Schritte auf den Menschen zu – Schritte, die ihn zu Kreuz und Auferstehung führten. Wann immer wir durch Gottes Fragen entblößt werden, haben wir doch einen besseren Zufluchtsort als Adam und Eva – Sie suchten Zuflucht unter den Bäumen des Garten Eden – wir können Zuflucht suchen bei Christus und der Gnade Gottes, die wir durch ihn erfahren.

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Besuch im Hain von Mamre – warten und fragen, Predigt zu Gen 18, 1-15

Diese Predigt ist eine Weiterentwicklung dieses Textes, den ich während einer Schweigewoche im Kloster geschrieben habe.

Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.

Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feinstes Mehl, knete und backe Kuchen.
Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum und sie aßen.
Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt.
Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes.
Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise.
Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen, und mein Herr ist auch alt!
Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich doch alt bin?
Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.
Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht -, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht. (Gen 18, 1-15)
Gott erscheint Abraham im Hain von Mamre. Der Hain ist schon einmal Ort der Beziehung zwischen Gott und Abraham gewesen. Nach der Trennung von Abraham und Lot wird folgendes geschildert:
Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der HERR zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen. Darum mach dich auf und durchzieh das Land in die Länge und Breite, denn dir will ich’s geben. Und Abram zog weiter mit seinem Zelt und kam und wohnte im Hain Mamre, der bei Hebron ist, und baute dort dem HERRN einen Altar. (Gen 13, 14-18)
Abraham bleibt im Hain von Mamre und die Bindung an den Ort und dessen Besitzer wird enger. Als Lot entführt wird, überbringt man ihm die Nachricht und er wird bezeichnet als „der Hebräer, der im Hain Mamres wohnt“. Zur Befreiung Lots eilt er mit 318 eigenen Knechten sowie der Unterstützung durch Mamre und dessen Brüdern Aner und Eschkol, mit denen er einen Bund geschlossen hat. (Gen 14, 1-24). Auf Betreiben Sarahs hin zeugt Abraham mit Haggar seinen Sohn Ismael (Gen 16, 1-16) und hat nun auch einen Erben. Die Situation Abrahams im Hain Mamre wird also wie folgt dargestellt: Er ist vor Ort bestens integriert durch das Bündnis mit Mamre, Aner und Eschkol. Einen Altar für den HERRN gibt es auch, auch von religiöser Seite ist also kein Stress zu erwarten. Die vielen Knechte, mit denen er zur Befreiung Lots geeilt ist, lassen auf einigen Wohlstand schließen und einen Erben hat er auch. Ein wenig wirkt das wie in der Werbung: Mein Haus, mein Auto, meine Frau. Alles ist geregelt.
Doch sehen wir genauer hin, erkennen wir: Die Verheißung, die Gott ihm gegeben hat, ist noch nicht erfüllt. Vor seiner Ankunft im Hain von Mamre wurde ihm doch gesagt: Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen nachkommen geben für alle Zeit und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden“. Gut, Abraham hat einen Platz für sein Zelt gefunden. Doch das Land gehört noch immer Mamre, es ist nicht Abrahams Land. Er ist dort Gast, zwar gerne gesehen, doch immer noch Gast. Und davon, dass seine Nachkommen zahlreich wie der Staub sind, kann bei einem Sohn auch noch nicht die Rede sein.
Der Hain von Mamre ist eine Zwischenstation. Er ist nicht Ort der Erfüllung der Verheißung Gottes, sondern Ort des Wartens auf diese Erfüllung. Es ist kein tatenloses Warten, wie z.B. die Befreiung Lots zeigt. Doch Abraham ist noch nicht angekommen, sondern muss weiter warten, dass sich seine Zukunft erfüllt.
Es ist ein Leben zwischen jetzt schon und noch nicht. Jetzt schon an einem Ort, der Sicherheit bietet – noch nicht ganz am Ziel. Jetzt schon viele spannende Erfahrungen mit Gott gemacht – noch nicht alles von Gott erfahren. Ich glaube, die Erfahrung des Wartens, des jetzt schon – noch nicht, ist es, die uns mit Abraham verbindet. Auch wir warten – und sind dabei nicht untätig. Denn wir erwarten und hoffen, dass wir in unserem Leben immer wieder ein Stück vorankommen. Wir machen jetzt schon erste Erfahrungen mit Gott – oder hoffen doch zumindest darauf. In Gemeinden, im Gebet, während der eigenen Bibellektüre, in Gesprächen. Wir können aber noch nicht alles von Gott erfahren, dazu ist die Zeit noch nicht reif. Wir wohnen in unserem eigenen Hain von Mamre – voller Erwartungen und Hoffnungen.

Im Hain von Mamre erscheint Gott Abraham. Er tritt in Gestalt der drei Männer in die Situation des Wartens hinein. Nachdem Abraham die drei Männer unter den Baum eingeladen und Gastfreundschaft angeboten hat, wird es hektisch. Abraham eilt ins Zelt zu Sarah. Sie soll eilen und aus feinem Mehl Kuchen backen. Dann läuft er zu den Rindern, gibt einem Knecht ein zartes Kalb, der eilt, um es zuzubereiten. Kaum ist Gott in die Wartesituation eingetreten, wird es höchst lebhaft. Als Abraham äußerlich zur Ruhe gekommen ist und wieder bei seinen Gästen ist, werfen diese seine Zukunftspläne durcheinander und einer wiederholt bereits Verkündetes: Sara wird binnen einen Jahres einen Sohn gebären. Die Worte sind an Abraham gerichtet, doch Sara hört sie im Zelt – und denkt sich ihren Teil. Sie, die alte Frau, die schon in jüngeren jahren unfruchtbar war, soll mit ihrem noch älteren Mann einen Sohn zeugen und gebären? Nein, das geht nicht, das sprengt ihre Vorstellungskraft. Sie lacht – doch ich habe Zweifel daran, dass es sich um ein fröhliches Lachen handelt.

Für sie muss diese Aussage wie blanker Hohn klingen, der wieder einmal Salz in die Wunde streut, dass sie kein Kind hat. Und doch stellt sie die Frage: „Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich alt bin?“ Aus der griechischen Übersetzung geht hervor, dass es sich dabei um ein Selbstgespräch handelt, vielleicht eine an Gott gerichtete Frage. Gott wiederum antwortet über Umwege – er leitet Saras Frage an Abraham weiter (Gen 18, 13) – und fragt ihn gleich noch, warum Sara gelacht habe. Kein Wunder, dass Sara erschrickt und abstreitet, gelacht zu haben. Dabei befindet sie sich mit Fragen und Lachen in der Gesellschaft Abrahams wieder. Auch er hat über Gottes Ankündigung gelacht und gefragt, wie das denn möglich sein soll (Gen 17, 17). Wenn also jemand für Saras Lachen und Fragen vollstes Verständnis haben müsste, dann doch Abraham. Doch ihr Schreck rührte wohl eher von der Frage her, die Gott stellt: Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? In diesem Moment wird deutlich: Sara hat hier nicht Gott ein Frage gestellt. Gott Fragen stellen ist kein Problem, von Fragen an Gott berichtet die Abrahamsgeschichte mehrfach. Doch Sara hat hier – wie schon zuvor übrigens Abraham – die Macht Gottes, sein Wort und damit ihn selbst in Frage gestellt. Genau das wird ihr vermutlich bewusst, als sie die Frage hört: Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Da vergeht ihr das Lachen so gründlich, dass sie leugnet, überhaupt gelacht zu haben. Eine größere Distanzierung zur Tat, als zu leugnen, sie begangen zu haben, ist kaum denkbar. Nur noch die Bitte um Vergebung könnte eine größere Distanzierung von der Tat sein. Doch die Bitte um Vergebung bleibt aus. Die Tat bleibt im Raum stehen: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Gott kommt hier unerwartet in die Wartezeit von Abraham und Sarah hinein, es geraten Dinge in Bewegung, mit denen keiner gerechnet hat – und Sarah lacht, wie zuvor Abraham. Sie stellt eine Frage, sie stellt in Frage – wie zuvor Abraham. Doch trotz Lachens, trotz des in-Frage-Stellens hält Gott an seiner Verheißung, an seiner Zusage fest. Er bleibt treu.

Auch in unsere Wartezeiten tritt Gott immer wieder unerwartet ein. Es können die Situationen sein, in denen wir einfach nur lachen müssen, weil etwas so völlig absurd ist. Es können aber auch die Situationen sein, in denen wir nur noch fassungslos fragen können: Gott, was soll das? Das kann doch garnicht sein! Doch durch alle Absurditäten und Fragen hindurch gilt in allen Wartezeiten: Gott bleibt treu. Die Fremden, Gott selbst, haben wieder Bewegung in das Leben von Sara und Abraham gebracht. Abraham begleitet die Männer am nächsten Tag – mit seiner Sesshaftigkeit ist es erstmal  vorbei. Ihm und Sara ist ein gemeinsamer Sohn verheißen. Wo Gott spricht, geraten Dinge in Bewegung, die festgefügt scheinen. Aus Wartezeiten heraus wird neu aufgebrochen – allen Fragen, allem spöttischem oder bitterem Gelächter zum Trotz. Alle sachlich durchaus begründeten Zweifel ändern nichts an der Dynamik des Wortes Gottes. Im Vertrauen auf das Wort Gottes, auf seine Treue, können auch wir jeden Tag, jede Woche neu einen Aufbruch wagen.

glaube

Predigt zu „Der verlorene Sohn“ (Lk 15, 11-32)

Die folgende Predigt habe ich für einen Gottesdienst u.a. für Kommilitonen von mir geschrieben.

Der Vater sitzt an einem Tisch und schreibt einen Brief, er spricht mit, was er schreibt:

„Komm‘ doch wieder nach Hause! Wir werden ein Fest feiern, wenn du wieder da bist. Bleib doch bei mir und sei gesegnet“

Frage einer anderen Person: Wem schreibst du?

Antwort des Vaters: Meinen einen Sohn kennst du ja. Er gönnt sich nicht einmal hin und wieder einen Widder, um mit seinen Freunden zu feiern. Manchmal scheint es mir, als mache er sich selber hier zum Knecht – dabei gehört das alles doch auch ihm! Vielleicht sollte ich ihm das einmal deutlich sagen. Viel miteinander geredet haben wir ja nicht in den letzten Jahren. Doch ich hatte einst noch einen anderen, jüngeren Sohn. Ich glaube, die beiden waren viel zu verschieden, um es auf Dauer miteinander auszuhalten – oder gar nach meinem Tod gemeinsam den Hof zu führen. Doch eines Tages kam mein jüngerer Sohn zu mir. Er forderte von mir seinen Erbteil. Alle meine Versuche, die Familie doch zusammenzuhalten waren gescheitert, er wollte unabhängig von uns sein. Er hat wohl für sich keine Zukunft mehr bei uns gesehen. Das war ein harter Schlag für mich. Doch ich sah, dass weder Vorwürfe noch Bitten ihn von seiner Forderung abbringen würden und habe ihm schweren Herzens seinen Erbteil gegeben. Er ist dann kurz danach ausgewandert und hat uns ganz den Rücken gekehrt. Doch ich hoffe noch immer, dass er wiederkommt, ihm schreibe ich.

Frage einer anderen Person: Aber – wenn er euch doch den Rücken gekerht hat, warum schreibst du ihm dann? Warum willst du, dass er zurückkehrt? Er hat euch doch den Rücken gekehrt, warum verstößt du ihn nicht?

Antwort des Vaters: Wie könnte ich mein Kind verstoßen? Es kommt doch von mir – und da soll ich ihn verstoen? Was auch immer geschieht, mein Kind bleibt er doch. Er ist jetzt schon lange fort – und doch hoffe ich jeden einzelnen Tag auf seine Rückkehr. Was auch immer geschehen ist – wenn er doch nur wiederkäme, würde meine Freude und Vergebung keine Grenzen kennen. Alles würde ich dafür geben, wenn er nur wiederkäme!

Einspielen dieses Liedes.

Von der Kanzel/vom Rednerpult aus:

Der Wunsch des Vaters erfüllt sich, der Sohn kehrt tatsächlich zurück. Doch es ist ein hartes Ringen mit sich selbst, bevor er sich auf den Weg zu seinem Vater macht. Völlig am Ende sitzt er am Schweinepferch und kommt zu dem Schluss:

Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! (Lk 15, 17-19)

Er will zurückkehren – doch in eine der niedrigsten Stellungen, die denkbar war. Tag für Tag auf’s Neue angewiesen darauf, wieder angestellt zu werden. Dieses Los vor Augen macht er sich auf den Weg – doch die Rückkehr verläuft völlig anders, als von ihm geplant:

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.  Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. (Lk 15, 20-24)

Der Vater ließ ihn einst ohne Widerworte ziehen – doch nun legt er Widerspruch ein. Der Sohn hat kaum ausgesprochen: Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße – da sorgt der Vater bereits dafür, das das beste Gewand gebracht wird und er einen Ring an den Finger bekommt – er nimmt ihn voller Freude wieder voll und ganz in die Familie auf.

Das ist für mich das Faszinierende an der Geschichte. Keine Fragen: Wo warst du? Warum kommst du erst jetzt? Schämst du dich nicht? Sondern pure Freude des Vaters über die Rückkehr seines Sohnes! Und das ist für mich auch das Faszinierende an Gott, wie Lukas ihn hier zeichnet. In dieser Erzählung ist klar, dass mit dem Vater Gott gemeint ist. Ein Bruder aus Taizé sagte einmal in einer Bibeleinführung: „Weil der Vater den SOhn schon von weitem sieht, habe ich immer den Eindruck, dass der Vater Tag für Tag vor dem Haus sitzt und nach seinem Sohn Ausschau hält, voller Hoffnung darauf, dass der Sohn einmal zurückkommt, und ja nicht den Moment verpassen will, wenn er zurückkommt“. Ich glaube, genau das ist ein wichtiger Punkt dessen, was Gottes Beziehung zu uns ausmacht: Sein Warten auf uns, seine Sehnsucht danach, dass wir doch zu ihm kommen mögen. Lukas ist es auch, der mehr als alle anderen Evangelisten deutlich macht, wie diese Rückkehr aussehen kann, selbst in ausweglosesten Situationen: Sehnsucht nach Christus und Vertrauen auf Christus. Das beste Beispiel dafür sehen wir in der Kreuzigungsszene bei Lukas: Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach:

Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!  Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23, 39-43)

Der Verbrecher konnte nichts anderes mehr tun, als seinem Verlangen danach, dass Christus an ihn denken möge, seiner Sehnsucht nach ihm, Ausdruck zu verleihen und auf ihn zu hoffen. Wie der Sohn zu seinem Vater, so kommt der Verbrecher zu Christus: Voller Sehnsucht, voller Schuld – und wird ohne Fragen danach, was er getan hat oder warum er denn jetzt ankommt angenommen. Und wie der Sohn zum Vater, wie der Verbrecher zu Christus, so können auch wir zu Gott kommen: Voller Sehnsucht, voller Schuld – doch mit der Zusage Christi, bei Gott angenommen zu sein.

glaube

Song of Freedom

Das „Freiheitslied“, das Marley hier singt, heißt „Redemption Song“, also Erlösungs-Lied, und ich finde es wahnsinnig stark. Stark erst mal im 70er Jahre Stil, also gut, cool, groovy, oder wie man heute sagt…

Aber auch stark in seiner Aussage, zumindest soweit ich eine Aussage da raus kriege. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, daß Marley zwar als Christ aufgewachsen ist und auch kurz vor seinem Tod wieder in eine Kirche eintrat, aber dazwischen eben Rastafari war, also Anhänger jener Religion, die in Kaiser Haile Selassie I (bzw. Ras Tafari Makonnen) den wiedergekommenen Messias sieht (im Video kann man ein Bild von ihm hinten an der Wand erkennen). Ich hab jetzt nicht besonders viel Ahnung von Rastafari, aber meine das im Wikipedia Artikel enthaltene schon anderswo gelesen zu haben, daß die Rastafari die Bibel benutzen, im westlichen System „Babylon“ erkennen, man könnte auch sagen „das Böse schlechthin“ und ihren Gott „Jah“ nennen, was nicht zufällig an Jahwe erinnert.

Man könnte sich jetzt überlegen, ob man Rastafari als jamaikanische Befreiungstheologie auffassen will, aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen und außerdem müssen wir Christen nicht alles vereinnahmen.

Mir geht es um das Lied, das – trotz Marleys anderen Glaubens – ganz gut auch für Christen als spirituelles Lied annehmbar ist.

Ein kleines Problem kann der Slang des Liedes sein, bei der Übersetzung mß ich ein Stück weit auch einfach mutmaßen:

Old pirates, yes, they rob I
Sold I to the merchant ships
Minutes after they took I
From the bottomless pit

Alte Piraten, ja sie rauben mich
verkauften mich an die Handelsschiffe
Minuten nachdem sie mich
aus dem Faß ohne Boden genommen haben

Die Situation ist nicht besonders positiv: Vom Verkauf, vom Menschenhandel ist die Rede. Die eigene Person, ein Handelsobjekt, jeder Würde entraubt.
Der Käufer? Kein spezieller. Kein besonderes Handelsschiff, sondern einfach „die Handelsschiffe“. Sozusagen ein Gattungsbegriff, so wie „die Banken“, „die Kapitalisten“…

Aber auch die vorausgehende Situation wird nicht positiv dargestellt. Die „Piraten“ entführen nicht aus einem glücklichen Leben, sondern aus einem Faß ohne Boden. Was das zu bedeuten hat, wird nicht ganz klar, aber positiv ist es wohl nicht zu deuten.

But my hand was made strong
By the hand of the almighty
We forward in this generation
Triumphantly

Aber meine Hand wurde stark gemacht
durch die Hand des Allmächtigen
wir gehen voran in dieser Generation
triumphierend

Es kommt das große Aber. Verkauft, ein Sklave, Herkunft unklar, kein Grund zur Hoffnung, doch dann: Der Allmächtige, also Jah(we) hat die Hand gestärkt. Die Hand, die kann für Handlungsmacht stehen. Trotz der miserablen Lage eine starke Hand, eine Möglichkeit, zu handeln, nicht ausgeliefert zu sein. Und nicht das: Er spricht vom trimphierenden Vorangehen, läßt Hoffnung keimen.

Won’t you help to sing
These songs of freedom?
‚Cause all I ever have
Redemption songs
Redemption songs

Willst Du mir nicht singen helfen?
Diese Lieder der Freiheit
Denn alles, was ich je habe:
Lieder der Erlösung
Lieder der Erlösung

Es scheint, nicht die Hand selbst ist stark, sondern die Stimme. Alles, was er hat, das ist nicht eine Machete oder Kalashnikov, um sich gegen die Unterdrücker durchzusetzen, sondern lediglich ein paar Lieder, die er Erlösungslieder nennt. Und er bittet, beim Singen zu helfen. Soll das der oben genannte „Triumph“ sein? Lieder singen im Angesicht des Unglücks dn sich vormachen, man sei stark, würde trimphieren durch ein paar „Erlösungslieder“?

Emancipate yourselves from mental slavery
None but ourselves can free our minds
Have no fear for atomic energy
‚Cause none of them can stop the time

Emanzipiere Dich von der mentalen Unterdrückung
Niemand außer wir selbst kann unseren Geist befreien!
Hab keine Angst vor der Atomenergie
denn keiner von denen kann die Zeit aufhalten

Die Reaktion. Wieso so abfällig vom Singen der Erlösungslieder reden? Was soll das? Emanzipiere Dich von der Unterdrückung, befreie Deinen Geist! Die Unterdrückung, so scheint es, liegt nicht in der Versklavung, nicht in den Handelsschiffen. Das bodenlose Faß vorher war ja auch nicht ohne. Nein. Die Versklavung liegt im eigenen Geist, im eigenen Denken. Du kannst tausendmal Deine Freiheit erkämpft haben mit Macheten und Gewehren, und trotzdem gefangen sein. Gefangen in den Ängsten, nicht nur Angst vor der Sklaverei, aber vor allen möglichen Unwägbarkeiten im Leben, vor denen Du Dich absichern möchtest, im Zweifel durch Gewalt, durch die Mittel Babylons. Hab keine Angst, nicht mal vor der Atomenergie mit ihren Gefahren, gegen die es kaum einen Schutz gibt. Keiner von denen, die Dir Angst machen, kann die Zeit aufhalten! Und die Zeit arbeitet für uns.

How long shall they kill our prophets
While we stand aside and look? Ooh
Some say it’s just a part of it
We’ve got to fullfil the book

Wie lange sollen sie unsere Propheten ermorden
während wir nr daneben stehn und zugucken?
Einige sagen, es sei nur ein Teil dessen
Wir müssen die Schrift erfüllen

Was soll das „befrei Deinen Geist“ bringen? Wie lange sollen wir denn noch zusehen wie sie unsere Anführer umbringen? Da muß man doch handeln! – Ja, mag sein, doch einige sagen, die Ermordung der Propheten gehört dazu, wir müssen die Schrift erfüllen. Aber

Won’t you help to sing
These songs of freedom?
‚Cause all I ever have
Redemption songs
Redemption songs

Willst Du mir nicht singen helfen?
Diese Lieder der Freiheit
Denn alles, was ich je habe:
Lieder der Erlösung
Lieder der Erlösung

Willst Du mir nicht beim Singen helfen? Wenn die Prophetenermordet werden, ist es nicht wichtiger ihre Botschaft weiter zu tragen, statt sich mit Gewalt an ihren Mördern zu rächen? Alles, was wir je haben, sind Erlösungslieder. Lieder der Freiheit.

Befreie Dich von Deiner geistigen Versklavtheit, keiner außer uns kann unsere Geiste befreien. Fürchte Dich nicht vor Atomkraft, denn von denen kann keiner die Zeit anhalten! Wie lange sie noch nsere Propheten ermorden sollen? Nun, einige sagen, das muß geschehen, aber hilf Du mir doch, diese Freiheitslieder zu singen, die Erlösungslieder.

Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch frei machen.
(Joh 8, 32)

glaube

Bibel statt Gewissen?

So zieh nun hin und schlag Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel. (1. Sam 15, 3)

Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert! (Ps 137, 8-9)

Was mich oft ärgert, im Gespräch mit Atheisten über meinen Glauben, ist die Unterstellung, die meist implizit kommt, daß wir Christen eine Bibel hätten, wo andere ein Gewissen haben.

Derek Flood hat zu dem Thema vor längerem einen Artikel geschrieben, der zu gut ist, um ihn nicht wenigstens auf deutsch zusammenzufassen.

Er stellt nämlich genau die Frage, wie solche Verse etwa zum Feindesliebegebot passen. Und er erinnert zerst an einen Mechanismus, in den auch ich immer wieder gerate, nämlich daß versucht wird, die Gewalt runterzspielen und zu rechtfertigen, was natürlich falsch ist. Er führt als Beleg zwei Kommentare an. Ich kenne es wie gesagt aus eigener Erfahrung an mir selbst: Die Bibelstelle wird angegriffen und oftmals gleich der Glaube und die eigene Person mit, nd da verfällt man leider viel zu schnell in den Verteidigungsmodus. Und um sich selbst zu verteidigen, verteidigt man auch – eigentlich gegen besseres Wissen! – die Gewalt gegen Säuglinge in Ps 137. Mir ist dies mehrfach passiert, und oft haben meine Gesprächspartner frohlockt, weil sie mich nun in die Monsterecke stellen konnten. Ich war in die Falle getappt.

Derek Flood macht es klar: Das Zerschmettern von Babyköpfen auch nur als annehmbar zu erwägen geht nur, wenn man von vorne herein davon ausgeht, daß biblische Befehle über dem Gewissen stehen. Wie ich eingangs schrieb: Ne Bibel, wo andere das Gewissen haben.

Er schlägt eine andere Lesart der Bibel vor, und er illustriert es an Jesus, Paulus und Martin Luther King Jr. Während Jesus noch betonte, er sei nur zu den Kindern Israels gekommen, öffnet Paulus das Evangelium auch und gerade den Heiden. Während Paulus die Sklaverei als Institution nicht anrührte, kämpfte King für die Beseitigung der letzten Spren der Sklaverei, und zwar in der Überzegung, daß er sich damit in Übereinstimmung mit der Bibel befindet. Und Jesus? Für ihn war die Begrenzung auf die Kinder Israels ja auch nicht Hauptinhalt seines Tuns. Auch er weitete den Kreis des Heils, in die sozialen Randgruppen. Es handelt sich um eine Geschite immer weiter greifender Integration. Erst die frommen Juden, dann die sozialen Randgruppen unter den Juden, dann die Heiden, und dann selbst die versklavten Randgrppen unter den Heiden.

Geht man nun den Weg hinter Jesus zurück, dann dürfte es nicht verwundern, daß auch die Texte hinter die Feindesliebe zurückfallen. Und ehrlich gesagt, auch die Johannesoffenbarung scheint mir da eher nen Schritt zrück zu gehen, was das angeht.

Derek Flood plädiert also dafür, die Bibel nicht als Belegtext für allerlei Handlungen (die im Zweifel mit dem Gewissen kollidieren müssen) zu lesen, sondern auf die Bewegung weg von Gewalt, Unterdrückung und Entmenschlichung zu achten und darin eine Aufforderung zu sehen, den Weg weiterzugehen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; (Joh 14, 12)