Gesellschaft, Glaube, Theologie

Heil

Lukas Cranach der Ältere – Verdammnis und Erlösung [Public Domain]

Vielleicht ist es schon zu spät.

So habe ich den letzten Artikel beendet. Ich schrieb über den Teufelskreis, in dem wir uns selbst gefangen haben mit dem Krieg gegen den Terror, der den Terror ja mit seinen eigenen Mitteln zu beenden sucht. Denn was ist Krieg anderes als Terror?

Also was können wir tun, wenn wir überhaupt etwas tun können? Wo setzen wir an? Der Terror funktioniert so, daß er Menschen in Situationen bringt, in der sie meinen, nicht mehr anders handeln zu können. Situationen der Hoffnungslosigkeit.

Wenn eine Stadt oder ein Land Ort eines Terroranschlages wurde, wenn die Bürger dieser Stadt und dieses Landes die Opfer sind, was kann die politische Führung anderes tun als die Bestrafung der Schuldigen zu geloben?

Und so sagte auch Präsident Bush gleich im zweiten Satz seiner Rede am 11. September 2001:

The United States will hunt down and punish those responsible for these cowardly acts.

Die Vereinigten Staaten werden die für diese feigen Taten Verantwortlichen zur Strecke bringen und bestrafen.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Ein politischer Führer hat in dieser Situation keine Hoffnung, daß irgend etwas anderes als Gewaltbereitschaft als Antwort auch nur angemessen wäre, geschweige denn funktionieren könnte.

Aus Angst vor Kontrollverlust begibt er sich auf den Kriegspfad. Täte er das nicht, bekäme er Probleme mit der Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit nach solchen Terrorakten nach Vergeltung schreit – überall in der Welt. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Amerikaner.

Und die Attentäter? Damals 2001 sah es noch so aus, als seien das glühende Anhänger eines radikalen Islams. Heroen, die sich für ihre Sache opfern. Wären es nicht die Feinde gewesen, hätte Hollywood sicher großartige Filme über sie gedreht.

Inzwischen bin ich skeptisch. Über die Jahre habe ich den Eindruck gewonnen, daß diejenigen, die sich dem Kampf der Islamisten anschließen und als Selbstmordattentäter zur Verfügung stellen, eher weniger dem Hollywood-Heldentyp entsprechen und eher dem Verlierertyp, der keine Freunde hat und daher einen Haß auf die Welt entwickelt.

Manche dieser Menschen werden rechtsextrem, andere linksextrem, manche werden von Sekten eingefangen und manche eben von den Islamisten.

Das schlimme ist, daß diese verletzlichen Menschen in ihrer Hoffnungslosigkeit in den seltensten Fällen Hilfe erfahren, sondern Ausbeutung. Egal, ob sie in rechten, linken, islamistischen oder sektiererischen Gruppen Anschluß finden, sie erhalten Anerkennung nicht für das, was sie sind, sondern dafür, daß sie mitziehen – bei was auch immer.

Echte Freundschaft ist das nicht, das merkt ein Nazi sofort, wenn er sich in eine Türkin verliebt und es seinen „Kumpels“ erzählt. Analoge Beispiele gibts für alle Gruppen.

Und so bleibt auch die Hoffnungslosigkeit grundsätzlich  bestehen, denn sie schweißt die Menschen an die Gruppen. Die Angst, wieder alleine dazustehen bewahrt vor allzu viel Selbstbewußtsein.

Eine Erlösung von diesem Zustand ist innerhalb der Gruppe nicht vorgesehen. Man kann tun, was man will, sich als der ideologisch gefestigste Anhänger zeigen, man kann Einsatz bringen, wie man will, man wird nie die Freiheit erlangen, der Mensch zu sein, der man eigentlich ist. Man wird sich immer in den engen Bahnen der Ideologie bewegen müssen. Wenn man Pech hat, wird man „auserwählt“, für die größere Sache sein Leben zu geben (weil alle anderen höher in der Hackordnung stehen – den Letzten beißen die Hunde).

Ist man in dieser Situation, erfährt man diese Hoffnungslosigkeit, dann ist es auch nicht mehr weit zum Selbstmordanschlag. Womöglich ist man dann in der Zeit bis zum Anschlag wenigstens der Größte, den alle lieben.

So sucht man, sein Heil durch eigenes Tun zu erlangen. Doch so ist das Heil nicht zu erreichen. Das Heil ist Geschenk, dem Menschen unzugänglich, und es ist nur im Glauben zu haben.

Der Mensch wird immer, was er auch tut, auf seine Tüchtigkeit zurückgeworfen werden. Somit wird er nicht anerkannt für das, was er ist, nämlich ein Kind Gottes, sondern für das, was er zu leisten vermag. Wer weniger kann, wer weniger bringt, hat weniger Wert und bleibt auf der Strecke. Und wer sich als wertlos erlebt, sprengt sich auch eher in die Luft, um sich zu rächen.

Dem Menschen in der Hoffnungslosigkeit hilft nur, wenn er Gott erkennt, und daß er von Gott geliebt ist, weil er der ist, der er ist, nicht weil er irgend etwas besonders gut könnte. Alles, was der Mensch vermag, vermag er nur, weil Gott es gibt.

Die Liebe Gottes kann er erkennen, wenn andere Menschen ihm Liebe zeigen. Er muß aber nicht. Er kann es erkennen, wenn er aus einer Notsituation gerade noch herauskommt. Er muß aber nicht. Alles, was für ihn subjetiver Grund sein könnte, Gottes Liebe zu ihm zu erkennen, könnte auch objktiv anders erklärt werden.

Man könnte meinen, es läge an ihm, zu entscheiden, ob er die Interpretation des Eingreifen Gottes nun für sich bejaht oder nicht. Ich denke aber, er entscheidet das nicht.

Man entscheidet ja auch nicht, daß man den Himmel jetzt mal für grün hält statt für blau. Man muß schon selbst überzeugt sein, es selbst so sehen. Sonst macht man sich etwas vor und verfällt letztlich wieder in alte Muster: Selbst tun, um etwas zu erreichen, um sich das Heil zu erarbeiten.

Aber so läuft das nicht. Alle Gotteserkenntnis geht von Gott aus. Er offenbart sich, wenn Er es will – und wir können nur darauf antworten.

Zur Antwort gehören dann auch die guten Werke. Etwa sich den Marginalisierten zuzuwenden, weil auch sie Kinder Gottes sind – egal wie sehr man ihnen aufgrund von religiösen, kulturellen oder sonstigen Gründen fern steht. Im Zweifel gilt: Liebe Deine Feinde.

Das wird keiner von sich aus so tun können oder wollen. Das geht nur als Antwort auf die Offenbarung Gottes und nicht aus Pflichtgefühl – hat man lediglich Pflichtgefühl, werden einen die Kräfte verlassen.

Aus dem Glauben und der damit zusammenhängenden Gewißheit, von Gott geliebt und von Ihm beschützt zu sein, folgt dann auch der Wunsch danach, den Nächten Gutes zu tun – egal wer sie sind.

Das ist unterschiedlich ausgeprägt, weil wir Menschen nun einmal unterschiedlich sind. Und weil es keine eigene Leistung ist, braucht sich auch kiener hinzustellen und anzugeben, wie großartig er im Vergleich zu allen anderen ist.

Heilige verehrt man nicht, weil sie so großartig waren, sondern weil sich in ihnen Gottes Wesen in besonderer Art zeigte – das heißt nicht, daß er nicht in anderen noch viel Größeres im Verborgenen bewirkte.

Und so werden die Menschen zu Gottes Werkzeugen und verbreiten das Heil, das von ihm ausgeht. Das Reich wird gebaut, in der Welt, durch die Menschen, aber von Gott.

Die Menschen sind erlöst: Die Fesseln, die sie in der Tretmühle hielten, sich Anerkennung zu erarbeiten, sind los in dem Moment, in dem sie merken, daß sie diese Anerkennung von Gott bekommen, ohne erst etwas dafür leisten zu müssen.

Gott zerstört die Leistungsgesellschaft, indem er die Preise kaputt macht. Er stellt das begehrte Gut, Liebe und Anerkennung, in unendlicher Menge frei zur Verfügung. Wer lässt sich dann noch von Menschenfängern wie Nazis, Islamisten und anderen ausbeuten, um wenigstens ein bißchen Anerkennug zu erhaschen?

Und damit ist das Heil auch die Erlösung aus der menschlichen Logik, alles selbst tun zu wollen.

 

Commenting Media, Gesellschaft

Eine schöne Zeit

„Having a blast“ ist der englische Ausdruck für „eine schöne Zeit haben“. Wörtlich übersetzt heißt es aber: „eine Detonation haben“. Die Punk Band Green Day hat 1994 auf ihrem Debut Album Dookie ein Lied mit diesem Titel veröffentlicht. So deutet der Titel an, daß es um eine schöne Zeit geht, der Text erzählt dann aber etwas ganz anderes.

Hier das Video von einem Live Auftritt 2013, das original Musikvideo konnte ich nicht finden (danke GEMA). Es folgt der Liedtext:

I’m taking all you down with me
Explosives duct taped to my spine
Nothing’s gonna change my mind

Ich nehm Euch alle mit
Sprengstoff ist an mein geschustert
Nichts wird meine Absicht ändern

Die ersten drei Zeilen machen klar: Es geht in dem Lied nicht um eine schöne Zeit, sondern um eine Detonation: Jemand hat sich Sprengstoff am Körper befestigt und droht, alle mit sich in den Tod zu reißen, sich von nichts abbringen zu lassen.

I won’t listen to anyone’s last words
There’s nothing left for you to say
Soon you’ll be dead anyway

Ich werde nicht auf irgendjemandes letzte Worte hören
Es gibt für euch nichts mehr zu reden
Bald werdet Ihr eh tot sein

Es wird nochmal betont: Kein Argument, kein Gerede wird den Attentäter umstimmen. Er hört einfach nicht zu und überhaupt: Wozu noch reden, wenn eh gleich alle sterben werden? Es gibt nichts mehr zu reden. Hat sich da jemand vielleicht lange Zeit Reden anhören müssen, die ihm zuwider waren, die ihn angriffen? Die Anwesenden sollen schweigen, schon bevor er sie endgültig zum Schweigen bringt.

Refrain:

Well no one here is getting out alive
This time I’ve really lost my mind and I don’t care

Keiner hier wird lebend rauskommen
diesmal habe ich wirklich den Verstand verloren
und es ist mir egal

Und wieder die Betonung: Keiner wird überleben, alle werden zum Schweigen gebracht. Und zwar, weil er, der Täter, den Verstand verloren hat. Diesmal wirklich. Hatte er vorher schon einmal unwirklich den Verstand verloren? Gab es schonmal einen Versuch, bei dem er es nicht übers Herz brachte, die Bombe zu zünden? Oder war das der Inhalt des Geredes ader anderen? Daß er verrückt wäre, den Verstand verloren hätte, kein normaler Mensch sei, niemand, den man beachten müßte?

So close your eyes
And kiss yourself goodbye
And think about the times you spent and what they’ve meant

Also schließt eure Augen
und gebt euch selbst einen Abschiedskuß
und denkt an die Zeiten die Ihr verbracht habt
und was sie bedeuteten

Wie soll man sich selbst küssen? Womöglich wurde der Attentäter früher verhöhnt, weil er auf Hilfe, auf andere angewiesen war. Womöglich höhnt er jetzt darüber: Wenn Ihr schon alle so wunderbar eigenständige Menschen seid, dann könnt Ihr Euch angesichts des Todes auch selbst den Abschiedskuß geben.

Und denkt an die Zeit, die Ihr hattet, und welche Bedeutung sie hatte. Womöglich steckt dahinter die Andeutung: Hättet Ihr mich mal nicht so mies behandelt, Eure Zeit genutzt, dann wären wir jetzt nicht in dieser Situation.

To me it’s nothing
To me it’s nothing
To me it’s nothing
To me it’s nothing

Für mich ist es nichts
Für mich ist es nichts
Für mich ist es nichts
Für mich ist es nichts

Es geht immer noch um die gelebte Zeit. Dem Attentäter bedeutet sie nichts. Das wird schon alleine daraus klar, daß er sein Leben wegwerfen will, nicht daran hängt. Es könnte aber auch eine letzte Behauptung der Stärke darin liegen: Alles, was Ihr mir angetan habt, bedeutet mir nichts, hat mir nichts ausgemacht. So endet der Refrain.

I’m losing all my happiness
The happiness you pinned on me
Loneliness still comforts me

Ich verliere all meine Freude
die Freude, die ihr mir angesteckt habt
Einsamkeit tröstet mich immer noch

Hier erfahren wir erstmal etwas über die Opfer: Sie haben dem Attentäter Freude angesteckt, ja, genauer genommen: Angepinnt. Mit Nadeln die Freude in ihn reingesteckt, die offenbar ursprünglich nicht vorhanden war. Er wurde gezwungen, jemand zu sein, der er nicht war. Er konnte nicht er selbst sein, und mußte diesem äußeren Bild entsprechen, das ihm mit Gewalt angeheftet wurde. Trost brachte ihm nicht die Freude, sondern die Einsamkeit, wenn er sein konnte, wie er wirklich war.

My anger dwells inside of me
I’m taking it all out on you
And the shit you put me through

Meine Wut wohnt in mir drinnen
ich lasse sie an euch aus
und an der Scheiße, durch die ihr mich gezogen habt

Vielleicht sollte mit dem Anpinnen der Freude die Wut übertüncht werden. Die lebt aber, so der Attentäter, in ihm drinnen. Sie gehört zu ihm, entspricht ihm, und kann auch nicht raus. Es sei denn er läßt sie raus, und das macht er gerade: Er läßt sie an den Menschen aus, indem er sie mitnimmt in den Tod und an dem, was er durchleben mußte wegen dieser Menschen, indem er zeigt, wohin das führt.

Es folgt wieder der Refrain, womit die Aussagen wiederholt werden: Keiner wird überleben, ich bin diesmal wirklich verrückt, verabschiedet euch von euch selbst, mir ist alles egal.

Do you ever think back to another time?
Does it bring you so down that you thought you lost your mind?

Denkst du je zurück an eine andere Zeit?
Zieht es dich so runter, daß du denkst,
du verlierst den Verstand?

Schon wieder: Den Verstand verlieren! Erfahren wir hier mehr über die Motivation des Täters? Die Erinnerung an eine andere Zeit, die ihn herunterzieht so daß es letztlich zu dem Sprengstoffanschlag kommt?

Do you ever want to lead a long trail of destruction
And mow down any bullshit that confronts you?

Willst du jemals einen langen Zug der Zerstörung anführen
und jeden bullshit niedermähen, der dir begegnet?

Ja, es scheint um die Motivation zu gehen. Und es steckt eine Menge Wut darin. Es ist die Rede von einem Zug der Zerstörung, nicht nur einer einzelnen Bombe am Rückgrat. Es scheint, hier werden Machtfantasien, womöglich Allmachtsfantasien abgebildet. Das ewige Opfer schlägt zurück, und weil es den Schmerz als so immens empfindet, daß er nicht auszuhalten ist, muß auch der Rückschlag so immens sein wie nichts zuvor und nichts später: Alles soll niedergemäht werden, was in den Weg kommt!

Do you ever build up all the small things in your head?
To make one problem that adds up to nothing
To me it’s nothing
To me it’s nothing
To me it’s nothing

Baust du je all die kleinen Dinge in deinem Kopf zusammen?
Um daraus ein Problem zu bauen das hinausläuft auf nichts
Für mich ist es nichts
Für mich ist es nichts
Für mich ist es nichts

Fast könnte man meinen, der Attentäter sieht die Sinnlosigkeit seines Tuns ein: Alle Kränkungen, allen Schmerz, alle Sticheleien, all die kleinen Dinge, die er im Kopf hat, faßt er zusammen zu einem großen Problem. Aber letztlich führt es zu nichts. Und dann: „Für mich ist es nichts.“ Also selbst wenn es eigentlich ein Problem ist – und eine Lösung mittels Bombe verlangt, steht der Attentäter selbst doch darüber. Ihn ficht das alles nciht mehr an. In seiner Fantasie ist er der Mächtige, der anderen Schaden zufügt.

Ich glaube dieses Lied beziehungsweise das Album, auf dem es veröffentlicht wurde, brachte mir zum ersten Mal Liedtexte näher, aus denen eine gewisse Depressivität spricht. Papa Roach wäre ein anderes Beispiel, oder manches von The Offspring. Und wie viele dieser Lieder drückt es nicht nur die Depressivität aus, sondern auch die damit einhergehende Aggresivität, die vor allem auch durch die Musik unterstützt wird.

Ich mußte in den letzten Tagen nach Jahren wieder an das Lied denken, nach all den Amokläufen, von denen manche als Terroranschläge angesehen wurden. Bei vielen wenn nicht allen Anschlägen der letzten Wochen wurde den Tätern eine gewisse Depressivität oder Hoffnungslosigkeit nachgesagt, islamistische Radikalisierung schien da recht schnell gelaufen zu sein – wenn überhaupt.

Und ich frage mich, ob das nicht eine grundsätzliche Gemeinsamkeit bei allen „Terroristen“ ist, oder zumindest bei den Selbstmordattentätern: Hoffnungslosigkeit, Gequältheit, Depression, die sich dann entlädt in Machtfantasien und Zerstörung.

Mir fällt der Pilot der German-Wings Maschine ein, der diePassagiere mit sich in den Tod riß. Obwohl in dem Fall nach meiner Kenntnis der Aspekt der Machtfantasie fehlt, wiees bei Daesh und Freunden ja oft ganz stark zur Schau getragen wird.

Meine Vermutung ist, daß der Terror dieser Welt sich aus den Hoffnungslosen speist, aus den Ausgegrenzten und Marginalisierten, denen es irgendwann so geht, daß sie meinen, nichts mehr zu verlieren zu haben, wenn sie sterben, die es dann aber mit einem Knall zu Ende gehen lassen wollen: Möglichst viele dieser Menschen mitnehmen, die nicht geholfen hatten, die einen sitzen ließen, die einen nicht so sein ließen, wie man eigentlich ist.

Und was ist unsere Antwort? Mehr Druck, mehr Ausgrenzung gegen die, die wir unter Generalverdacht stellen. Wir isolieren die Menschen, die wegen ihrer Isolation zur Gefahr werden. Und wir tun das idiotischer Weise, um die Gefahr zu reduzieren.

Und so wird alles schlimmer: Die Hoffnungslosen, die es jetzt schon gibt, werden weiter in die Enge gedrängt, neue Menschen kommen in Bedrängnis, und mit jedem Anschlag eines Menschen, der seine Hoffnungslosigkeit nicht mehr aushält, wird der Druck noch einmal erhöht.

Wie sollten wir in unserer Angst, die nächsten Opfer zu sein, auch anders handeln? Wir sind in einem Teufelskreis aus Angst und Hoffnungslosigkeit gefangen. Es wird böse enden und wir werden wahrscheinlich nichts daran ändern können. Der heutige Losungstext lautet:

Sucht den HERRN,
solange er zu finden ist;
ruft ihn an, solange er nahe ist.

Vielleicht ist es schon zu spät.

 

Gesellschaft, Glaube, Theologie

Papst, Islam und Terrorismus – und die Demut der Sünder

Moritz Breckner ist nicht überzeugt. In einem Kommentar schreibt vier Punkte auf, die als als die Gründe angibt, wieso Papst Franz sich irren soll.

Aber von Anfang: Papst Franziskus hat beim Weltjugendtag vergangene Woche in Krakau mehrfach vom „Terrorismus“ gesprochen, nicht aber von einem „islamischen Terrorismus“. Darauf angesprochen entgegnete er, „es ist nicht richtg und nicht wahr, daßder Islam gewalttätig ist“. Zwar präsentiere der IS sich wie ein islamischer Staat und sei gewalttätig, aber das gelte eben nicht für alle Muslime. Ebenso wie die Gewalttaten von getauften Katholiken, die es ja auch gebe, nicht auf die katholische Konfession übertragen werden können.

Dies überzeugt nun Moritz Breckner vom pro Medienmagazin nicht, die Überschriften seiner Punkte lauten:

  1. Die Motivation der Täter
  2. Rückhalt in der Religion
  3. Die Quantität
  4. Die Qualität

Mich überzeugt wiederum Breckners Argumentation nicht. Daher folgt hier nun ein Kommentar des Kommentars.

Die Motivation der Täter

Der Absatz besteht aus zwei Sätzen. Im Ersten geht es darum, daß ein Christ, der seine Schwiegermutter ermordet, mache das nicht aus religiösen Gründen heraus.

Das mag stimmen, gilt aber ebenso für muslimische Schwiegermuttermörder. Das Problem mit Daesh ist ja nun nicht, daß sie möglichst viele Schwiegermütter ermorden würden, sondern daß sie allgemein zu Gewalt und Terror greifen um ihre Macht zu sichern und dabei über Berge von Leichen gehen. Vor allem auch Berge von Nichtschwiegermüttern.

Doch was ist die Motivation für diese Gewaltexzesse von Daesh? Im Grunde: Machterhalt. Oder Machtgewinn. Es geht zunächst um politische Macht, die Beherrschung eines gewissen Territoriums. Mittelbar spielt dann auch die Außenwerbung eine Rolle. Ich vermute, daß hier das Ziel der Anschläge in Europa liegt: Die nichtmuslimischen Europäer gegen alle Muslime aufhetzen, damit diese isoliert werden und sich nach Syrien aufmachen, um das Territorium von Daesh zu verteidigen.

Bei den letzten Anschlägen spielte ja offenbar auch immer die Isolation, die Hoffnungslosigkeit der Täter eine Rolle. So arbeitet Daesh, und jeder, der in der Folge Muslime ausgrenzt, handelt so, wie Daesh das will und spielt ihnen in die Hände.

Im zweiten Satz behauptet Breckner, daß für gewalttätige Christen ihre Religion für die Straftaten keine Rolle spielt – im Gegensatz zu den Muslimen.

Ich führe diese Aussage auf eine gewisse Betriebsblindheit zurück: Es gab und gibt durchaus immer wieder Christen, die Gewalt durch die Religion rechtfertigen. Bekannt sind historische Beispiele wie Kreuzzüge (Dschihad zur Erlangung des Paradies?), Hexen- und Ketzerverbrennungen (noch heute gibt es in Afrika christliche Gemeinden, die zu Hexenjagden auf sogenannte Hexenkinder aufrufen!), Religions- und Kolonialkriege bis hin zu den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts: Immer wieder „Gott mit uns“, „Gott strafe England“ und dergleichen mehr. Gott – der christliche Gott mußte immer wieder herhalten für alle möglichen Gewalttaten. Auch Sklaverei und Rassendiskriminierung. Letztere bis ins letzte Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts sogar staatlich aufrechterhalten in Südafrika.

Aber auch Gewalt gegen Ehefrauen und Kinder wird immer wieder christlich verbrämt (das Weib sei dem Manne untertan, wer mit der Rute spart, liebt seinen Sohn nicht). Mir geht es hier nicht um korrekte Bibelauslegung (die kommt im nächsten Punkt), sondern darum, was ist und was war: Gewalt im Namen der Religion, im Christentum wie im Islam, immer wieder und immer noch. Seien wir als Christen wahrhaftig, halten wir uns an Jesu Gebot und achten wir vor allem auf den Balken in unserem Auge. Ich verstehe den Papst so, daß er dies tun will. Mir will nicht in den Kopf, wie man als Protestant, der sich an der Bibel orientieren will, daran Kritik äußern kann.

Der Rückhalt in der Religion

Jetzt mag jemand sagen: Ja aber, die islamische Religion fordert doch eben genau diese Machtentfaltung eines islamischen Staates, des Kalifats: Die Herrschaft über die ganze Welt, zu erringen durch den Heiligen Krieg, den Dschihad.

So in etwa argumentiert auch Breckner, auch schon im ersten Punkt. Ich frage mich da ja: Wie würde Beckner reagieren, wenn ein Muslim festlegen wollte, was INhalt des christlichen Glaubens ist?

Ich erlebe es immer wieder, daß vor allem konservative christliche Kreise festschreiben wollen, was Islam ist und wie die Lehre des Islam genau aussehe. Sollten das die Muslime nicht lieber selbst tun? Und wenn man auf sie hört, wenn man mal die Ohren öffnet, dann hört man immer wieder Distanzierungen vom Terror und Aussagen, daß das, was die Terroristen tun, in keinster Weise in Einklang mit dem Islam steht.

Breckner erwähnt das sechste Gebot: „Du sollst nicht töten“. Zwei Dinge tut er nicht:

  1. Obwohl er erwähnt, daß es im AT (nicht nur dort, man sehe in die Johannesapokalypse) brutale Verse gibt, vergißt er, daß der Koran an verschiedenen Stellen auch zur Hochachtung gegen Juden und Christen aufruft und festlegt, daß es im Glauben keinen Zwang gibt.
  2. Er bleibt nicht bei der theologischen Diskussion aufgrund der heiligen Texte, sondern wendet sich plötzlich der Realität zu, also dem konkreten Leben von Christen und Muslimen.

Dann meint er, daß eben Christen, auch die fundamentalistischen, keine Terroranschläge organisieren würden. Ich habe oben schon einige christliche Gewalteskapaden angesprochen. Hier fällt mir dann noch Breivik ein, der sich ja auch dezidiert auf das Christentum bezogen hat in seinem Wahn. Was mich wundert ist diese Argumentation von einem Christen zu hören. Ist es nicht so, daß wir Christen glauben, daß alle Menschen – auch wir – Sünder sind? Können wir da wirklich argumentieren, andere wären schlimmer als wir?

Gibt es nicht in den USA auch Anschläge auf Abtreibungskliniken? Freuten sich nicht viele Christen über den Tod Osama bin Ladens (eine Tatsache, die ich schon damals nicht begreifen konnte)? Fordern nicht vor allem auch konservative amerikansiche Christen, daß möglichst jeder überall eine Waffe tragen sollte, um gegen „den Terror“ gewappnet zu sein? Verbrämen sie das nicht religiös? Sind es nicht tausende wenn nicht sogar Millionen, die so denken?

Machen wir uns nicht etwas vor, wenn wir die Terrortoten der Islamisten dem Islam in die Schuhe schieben, die Toten des collateral damage, die unser christlich verbrämter Krieg gegen den Terror verursacht hat, aber nicht sehen wollen. Auch die Toten nicht, die durch christlich verbrämten Kapitalismus, Umweltzerstörung, Abschottung gegen Migration usf. verursacht werden. Wir alle sind Sünder. Wer angesichts dessen mit dem Finger auf andere zeigt (mit dem Ziel, sich als positiver darzustellen), muß sich fragen lassen, inwiefern er sich des eigenen Sünderseins wirlich bewußt ist.

Am Ende wendet sich Breckner wieder dem Koran zu, der das Töten Ungläubiger erlaube. Auch hier stellt sich wieder die Frage, ob ein Christ den Koran für Muslime verbindlich auslegen kann und in Zusammenhang damit die Frage, wieso so viele Muslime das eben gerade nicht tun? Sind sie keine wahren Muslime?

Da die große Mehrheit der Muslime keine Ungläubigen ermordet, sind es wohl alle keine echten Muslime. Wenn es aber keine echten Muslime sind, dann ist ihre angebliche Zustimmung zu solchen Gewalttaten kaum in der Religion begründet, sondern womöglich einfach darin, daß sie Sünder sind wie wir?

Die Quantität

Breckner verweist auf die Zahl der Toten und die umfangreichen Reaktionen der westlichen Staaten. Aber auch hier stellt sich die Frage: Ist das nicht eine sehr eigenwillige Betrachtungsweise: Daß die Nachrichten voll sind von den Anschlägen in Rouen und München statt von den Menschenrechtsverletzungen in Westpapua und Rußland, liegt nicht unbedingt daran, daß das schlimmer wäre. In Brasilien ist womöglich die Zika Fliege ein viel größeres Thema als der Terrorismus. Die angebliche Quantität ist gar keine, sondern lediglich eine Fokussierung. Indem wir uns auf die Terroristen und den Schaden, den sie anrichten, fokussieren, fangen wir schon an, nach ihren Regeln zu spielen. Denn das wollen sie ja: Aufmerksamkeit, um Angst schüren zu können. Statt dessen könnte man auch über die Löcher im sozialen System hierzuland berichten oder über die Zahl der Verkehrstoten.

Es ist eben nicht der Islam, der die Welt in Atem hält, sondern wir fangen an zu hyperventilieren, wenn wir „Islam“ hören. Wegen unserer Vorurteile. In Europa starben seit 1980 mehr Menschen durch rechten Terrorismus als durch islamistischen Terrorismus. Da ist die Angst komischer Weise deutlich kleiner. Warum nur? Weil man als Weißer meint, kein Opfer werden zu können? Man denke an das Oktoberfest!

Die Qualität

Fundamentalismus im Christentum und im Islam äußert sich unterschiedlich.

Das ist die Grundthese. Während die guten Christen beten und vielleicht mal Kritik üben wegen zu viel nackter Haut, würden Muslime schnell zur Gewalt greifen. Hier gibt es zwei Dinge zu bedenken:

  1. Der Begriff des Fundamentalismus kommt aus dem Christentum und beschrieb ursprünglich eine bestimmte Frömmigkeitsart desselben.
  2. Erst dann wurde der Begriff auf bestimmte Prägungen des Islam übertragen. Dabei mag die Ablehnung der fundamentalistischen Prägung des Christentums durch diejenigen, die den Begriff übertrugen eine Rolle gespielt haben, so daß auch im Islam mit dem Begriff Strömungen beschrieben werden, die einem aufgeklärten westlichen Menschen abstoßend erscheinen.

Von daher werden hier schon ein Stück weit Äpfel mit Birnen verglichen. Und dann ist es eben nicht so, daß christliche Fundamentalisten nicht zu Gewalt greifen würden. Gerade in den USA, wo der christliche Fundamentalismus stark ist, ist in diesen Reihen auch eine starke Unterstützung für Kriege gegen muslimische Staaten zu bemerken, außerdem die Neigung zu Waffenverherrlichung und teilweise auch Verherrlichung der Nation und des Militärs.

Christliche Fundamentalisten mögen ihre Frauen nicht in Burkas verhüllen, allerdings gibt es dort eigene Kopftuch-Formen. Die Haare zu verschleiern ist in einigen Gemeinschaften durchaus verbreitet.

Man kann eben nicht so einfach sagen, daß die Qualität von Zwang und Intoleranz im Christentum anders wären als im Islam. Man kann höchsten sagen, daß bei einem selbst oder im unmittelbaren Umfeld das nicht so extrem ist, wie man es sich bei anderen vorstellt oder erlebt hat. Aber das ist etwas ganz anderes.

Fazit

Im Fazit schreibt Breckner natürlich, daß der Papst sich hätte anders äußern müssen. Etwa daß Muslime sich auch sozial engagieren und eine Bereicherung sein können. Das tat der Papst aber nicht, und wie ich meine, mit gutem Grund.

Er wollte offenbar nicht sagen, daß Muslime irgendwie auch nette Menschen sein können. Solche Eiapoppeiareden werden sonst von konservativen christlichen Medien zu Recht kritisiert. Hier fordert man das nun ein: Lieber oberflächliche Schöne-Welt-Rhetorik, statt Bezeugung des Glaubens.

Denn das war es im Grunde, was der Papst tat: Er geiselte den Terrorismus, die Tat an sich, die Sünde. Aber er ließ sich nicht dazu herab, sich oder seine Gruppe als in irgend einer Art überlegen darzustellen. Der Papst ist hier nicht überheblich – wie Breckner es leider ist – sondern demütig.

Diese Demut aus dem Glauben heraus und im Bewußtsein um die eigene Sündhaftigkeit steht einem Christen nach meinem Dafürhalten viel besser zu Gesicht, als alle Triumphposen über die „verlorenen Heiden“.

Gesellschaft

Warum wir Charlie sind, aber nicht Bagdad

Seitdem letztes Jahr im Frühjahr die Redaktionsräume von Charlie Hebdo von Terroristen angegriffen wurden, findet man bei neuen Anschlägen immer mal wieder Variationen das damaligen Solidaritäts-Slogans „Je suis Charlie“.

So ist man neben Charlie auch Paris oder Brüssel, aber ganz selten mal Bagdad oder Damaskus, obwohl der Terrorismus dort aktuell mehr und öfter Opfer fordert.

Dies ist immer wieder Gegenstand von Kritik. Hier wird unterschieden in Menschen erster (Europäer, evtl. Christen) und zweiter (Araber, meist Muslime) Klasse, so der Vorwurf.

Ich habe mich auch oft gefragt, wieso das so ist, denn eigentlich halte ich mich nicht für einen Rassisten, trotzdem erlebe ich, daß mir die Anschläge in Europa oder den USA oft näher gehen als die in Bagdad, Kabul oder Damaskus.

Das gilt nicht nur für Anschläge, da gilt auch beispielsweise für die Flüchtlingskrise: Hand aufs Herz: Wie betroffen sind wir bei der 101. Meldung über ein untergegangenes Flüchtlingsboot? Fährt aber ein LKW in eine Menschenmenge, und wird dann noch berichtet daß sich auch Kinder unter den Opfern befinden, steht uns das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Wieso?

Erinnert sich noch jemand an Aylan Kurdi? An den Namen vielleicht nicht, wer aber dem Link folgt und herausfindet, daß es sich um den kurdischen Jungen handelt, der letzten Herbst an der Küste von Bodrum angespült wurde und dessen Bild um die Welt ging, dürfte jeder wissen, wer gemeint ist.

In dem Fall war es anders. Anders als bei den Anschlägen in Istanbul, Damaskus und Kabul gab es Reaktionen fast schon wie bei Terroranschlägen hier.

Das lag weniger daran, daß er ein kleiner Junge war. Kleine Jungen ertrinken viele im Mittelmeer, und viele sterben in den Terroranschlägen dieser Welt.

Es lag daran, daß auf einml breiter über ein Individuum berichtet wurde. In die Opfer von Paris und Brüssel versetzen wir uns rein, weil sie ein Gesicht haben, weil die Medien ihnen ein Gesicht geben, sie erwähnen. Bei den Opfern im islamischen Kulturkries geschieht das nicht. Unseren Medienvertretern werden die Kosten zu hoch sein, nach Kabul zu fliegen für eine Story über den Vater, der seine Frau und zwei Kinder in einem Anschlag verlor, nachdem er grad mit viel Mühe das Schulgeld aufgebracht hatte. Geschichten mit Tränendrüsen-Effekt wären da auch möglich – nur sind sie teurer, weil es weiter weg ist, und weil man die Sprache sprechen muß.

Die Kabuler Medien fallen da auch aus: Denn sie berichten in einer der Landessprachen, und haben im Westen keine nennenswerte Verbreitung.

Ob das nun rein finanzielle oder doch auch rassistische Gründe sind, daß unterschiedlich über die Opfer berichtet wird, sei mal dahin gestellt. Medienunternehmen müssen, wie alles in unserer Zeit, Gewinn machen, also bringen sie die Geschichten, die Auflage machen und günstig produziert werden können.

Ich denke, zu fordern, daß alle Charlie oder Nizza oder sonst eine Stadt sein sollen, geht sowieso in die falsche Richtung. Man heizt damit die Reportagen an, man heizt damit dann auch die Angst an, daß so etwas nochmal geschehen könnte. Man unterstützt damit die angstgetriebene Gegenreaktion: Noch mehr Überwachung, noch mehr Druck. So sorgt man für immer neuen Nachschub an Terrorsympathisanten. Das wollen die Terroristen.

Ich denke, die Lösug liegt weniger darin, auch über die Opfer in Kabul und Istanbul eine Homestory zu schreiben, sondern darin, über die Opfer hier in Europa so nüchtern zu berichten wie über die Opfer dort. Sicher ginge dadurch eine Menge Geld verloren für die Medien, aber das liegt an uns, die wir diese Medien konsumieren. Da können wir tatsächlich etwas ändern. Die französische Polizei hat da einen ersten Schritt unternommen und darum gebeten, die Fotos nicht mehr weiter zu verbreiten – aus Respekt vor den Opfern:

Ich denke, das ist ein guter Anfang: Nicht mehr mitmchen. Sich diesem Spiel verweigern. Es ist schlimm genug, wenn Menschen sterben. Wir müssen sie nicht noch vor unseren Wagen spannen, egal ob wir nun Medienunternehmer sind, die Geld verdienen müssen, oder entsetzte Bürger, die ihr Mitgefühl ausdrücken wollen, oder rechte Hetzer, die die Situation politisch ausbeuten wollen. Nun, die rechten Hetzer werden nicht aufhören.

Aber alle anderen: Laßt uns nicht das tun, was wir immer tun, und meinen, wir würden ein anderes Ergebnis bekommen. So definiert man Wahnsinn. Laßt uns einfach nicht mehr mitspielen, was anderes spielen. Irgend etwas Produktives.

Ich bin für Vorschläge offen.

English, Gesellschaft

Envisioning Europe

So the UK has voted to leave the EU. They didn’t like it any more to be a member. It was a democratic decision and like all democratic decisions, we all have to deal with it and take the consequences – whatever they might be.

I think we need to look into the future, the past is past and cannot be changed.

And while some speculated today about the UK being „ripped apart“, as Scotland, Northern Ireland, Gibraltar and London voted „Remain“, it is not the business of us who stay in the EU to decide upon all that. It’s the business of the Scots, Northern Irish, Gibraltans and Londoners.

As Europeans, we have to think about what to do with this Europe of ours.

Sidenote: With „Europe“ I do mean the EU here. That is not to say Great Britain wasn’t part of geographical Europe.It is and remains part of this subcontinent, just like Belarus, Transnistria or Crimea.

We need some kind of vision,or greater idea of Europe. The founders seem to have had this as a community of nations that live together in freedom, peace and wealth.

Back then they didn’t have either. They have lived in the 2nd World War, maybe even seen the 1st, they have seen how nationalism and dictatorships lead the whole subcontinent into destruction.

One can guess that this is a very impressive experience that you would want to avoid for your self and your children and you children’s children’s children…

Lucky as we are, we lack this experience. Maybe we don’t value this anymore, the peace and wealth and freedom we have – relatively to the rest of the world!

We see the burden: before all bureaucracy in Brussels and almost incomprehensible paths legislation takes there. Things do happen and we hardly understand why and on which grounds. And then we end up in blaming Greeks for supposingly wasting our money or blaming Germans for the austerity policy.

We do not act like one people, with supporters of different political ideas everywhere, but like several people fighting each other for the benefit of the own people (whether or not we in our class within our people would also benefit – and not only those in another class).

One could talk about every kind of political issue but I want to talk about structures.

I think what we need are transparent and democratic structures within the EU. So that everyone knows how laws come into existence and doesn’t feel like being controlled by others (you know, that „monster in Brussels“).

After all, it’s us who vote our national governments and our representatives in the European Parliament.

I heard that campaigners for both sides in Britain named numbers of costs and benefits from EU membership without anybody being able to confirm or repudiate. I think people should be able to check upon whether politicians do tell the truth or make things up. This would also be a strong weapon against populism of any kind, just saying.

I also think the European Parliament should have more power, at least the power to start legislation itself, and not having to wait for other European Institutions to do so. And the power to decide upon every law, like any other national Parliament within the EU.

People need to see that they are part of the whole thing and that they do actually have a say with their vote.

And then we need a narrative. The narrative of peace and wealth might still work. Maybe the narrative of how today people of the different nations cross borders and meet people from neighbouring countries like it’s the most normal thing to do, even to live there if you please. And I speak of ordinary people, not the small elites who always had the freedom to travel to other countries, learn their language and have friends there, maybe even finding their spouse.

Maybe we’d also have to celebrate it more, living in peace and being so close to one another. Is there yet a day of European Unity?

I grew up in a uniting Europe, I did benefit a lot from integration. I remember the border controls when I was a child, and how these affected life. How you always had to change money when crossing the border and what to do with the foreign coins you had left when you came back and that no bank would exchange back (I also remeber stickers in the windows of shops that read „Nous acceptons des Francs Francaises“ – translated „We accept French Francs“, but that was only in the last years before we got the Euro).

It hurts to see Europe being ripped apart, although I do think one has to respect the democratic decisions of peoples. Borders will be closed again. Nationalisms will continue to be on the rise. And I am afraid that when a war and the will to overcome that danger stood at the beginning of the process of European integration, what will be waiting for us in the end after European disintegration.

It is our obligation to shape our future and it is necessary to develop a vision of the future to do so. What is your vision?

Commenting Media, Gesellschaft

Pädophile Massenhochzeit im Gaza-Streifen?

Im Moment hab ich wenig Zeit, es sind gerade Amtswochen, daher hatte ich gar keinen Artikel geplant. Dann sah ich dieses Bild:

Massenhochzeit in GazaEs handelt sich um ein Bild von einer Massenhochzeit in Gaza. Und es ist sehr verbreitet im Internet (siehe google Bildersuche – gibt es auch weniger bedenktliche Bildersuchen als google?).

Soweit, so gut. In Gaza gibt es also Massenhochzeiten. Die gibt es auch bei uns, und es gibt immer wieder Versuche, größere Massenhochzeiten auszurichten, um ins Guiness Buch der Rekorde zu kommen. Wie dem auch sei.

Das alles ist ja kein Aufreger. Der Aufreger liegt darin, dass auf den weitaus meisten Webseiten behauptet wird, die Mädchen in den weißen Kleidern seien die Bräute der daneben stehenden Männer. Die Seitenbetreiber leisten damit dem Vorurteil Vorschub, dass Muslime eine Neigung zu Pädophilie hätten, jedenfalls lassen sich viele der Artikel so verstehen.

Es handelt sich allerdings nicht um die Bräute. Und das entlarvt die ganzen Webseiten „besorgter Bürger“ und anderer geistiger Brandstifter als ganz üble Hetze.

Die Mädchen sind die Cousinen der Eheleute, die in der Zeremonie eine Rolle spielen. Die erwachsenen Bräute zeigen sich nicht derart in der Öffentlichkeit.

Leider aber geht die Wahrheit in der Masse an Falschinformationen und Hetzseiten ganz schnell unter, und man braucht schon ein gewisses Misstrauen und eine gewisse Ausdauer, um etwa auf diesen Artikel zu stoßen, der die Hintergründe beleuchtet. In dem Artikel ist dann auch ein Artikel eines Reporters verlinkt, der tatsächlich vor Ort war und bestätigt, daß die Mädchen nicht die Bräute sind.

Wir leben in Zeiten der Unaufrichtigkit, in der wir mit einem Wust von Lügen dazu gebracht werden sollen, unseren Auftrag als Christen, die Menschen zu lieben, zu vergessen und statt dessen zu hassen. Der Teufel ist der Vater der Lüge, und er nutzt sie, um seien Haß zu verbreiten und Gottes Reich zu bekämpfen.

Seien wir also misstrauisch, wo immer wir zu Haß und Verachtung gedrängt werden, durch Angstmacherei und Lügen.

Einer der häufigsten Sätze in der Bibel lautet: „Fürchte Dich nicht.“ Halten wir uns daran. Und halten wir an der Liebe fest!

Update: Ich stieß gerade auf diesen Artikel, der den oben verlinkten Artikel in einigen Details korrigiert. Interessant dabei finde ich zwei Dinge:

  1. Die ursprüngliche Falschmeldung kam von einem radikalen koptischen Blog (es gibt auch unter den verfolgten Christen der arabischen Länder Radikale, die zur Lüge greifen).
  2. Die Massenhochzeiten der Hamas sind ein soziales Projekt, das allen Menschen egal welcher Religion oder Nationalität offensteht. Mir stellt sich da die Frage, ob das nicht auch etwas für unsere Kirchen wäre. Ich habe den Eindruck, dass dies bei den immer wieder veranstalteten Tauffesten der Fall ist. Wieso das nicht auf Hochzeiten, Konfirmationen und andere Feste ausweiten?

Nochn Update: @LEvangelikal hat mich drauf hingewiesen, daß es sich bei der koptischen Homepage um „Kopten ohne Grenzen“ handelt (Danke für den Hinweis). Dort hab ich die Geschichte dann auch gefunden. Allerdings handelt es sich dabei offenbar nicht um die erste Meldung (wie bei mimikama.at zu lesen), da der Artikel vom November 2012 ist und auf einen Artikel vom 5.8.2009 bei pi verlinkt. Vom pi Artikel bin ich dann zu Israel Matzav gekommen. Der Artikel datiert vom 31.7.2009 und ist bisher der Älteste. Tim Marshall, der vor Ort war und davon berichtete (ich hab den Originalbericht noch nicht gefunden) hat schon am 4. August 2009 von dem Problem berichtet, daß islamophobe Webseiten die Bilder aus dem Kontext reißen. Im Moment hege ich die Vermutung, daß der Originalartikel deshalb ausdem Netz genommen wurde.

Gesellschaft, Glaube

Verstümmele und kreuzige die Ungläubigen, wenn sie den Islam kritisieren

Wir sind immer noch bei dem Hetzbild. Mittlerweile ist es die vierte Sure, Sure 5:33. Die Übersetzung auf koran-auf-deutsch.de lautet wie folgt:

Der Lohn derer, die Krieg führen gegen Allah und Seinen Gesandten und Unordnung im Lande zu erregen trachten, wäre der, daß sie getötet oder gekreuzigt werden sollten oder daß ihnen Hände und Füße abgeschlagen werden sollten für den Ungehorsam oder daß sie aus dem Lande vertrieben würden. Das würde eine Schmach für sie sein in dieser Welt; und im Jenseits wird ihnen schwere Strafe;

In der Tat: Verstümmelung und Kreuzigung! Da steht es. Und das sind nur die weltlichen Strafen, im Jenseits soll noch mehr kommen.

Allerdings geht es nicht ums Kritisieren, sondern um Kriegsführung mit dem Ziel, Unordnung im Land (!) zu erregen.

Zu einer säkularen Demokratie passt das nicht. Allerdings wird diese auch nicht beschrieben. Das fragliche „Land“ ist das Reich des „Gesandten“, also Mohammeds. Dieses Reichwar weder säkular noch demokratisch – wie alle Reiche zu jener Zeit.

Man kann nun hingehen und ex post all das kritisieren – und mit Recht. Wir sind da heute weiter. Aber das ist auch billig! Es ist nicht lange her, daß in diesem Land durchaus vergleichbare wenn nciht schlimmere Grauel begangen wurden – und zwar nicht gegen Unruhestifter, sondern gegen Menschen, die einfach nur einer anderen Religion oder einer anderen Ethnie angehörten. So viel weiter sind wir nicht, wenn man bedenkt, wie viele Flüchtlingsheime brennen.

Aber verlassen wir doch die säkular-demokratische Perspektive und wenden uns der christlichen Perspektive zu:

Das Reich Mohammeds mag uns nicht sympathisch sein, doch das gilt auch vom Reich Nebukadnezars, vom Reich Salmanassers und Sargons und nicht zuletzt vom römischen Reich, wo Christen nur aufgrund ihres Glaubens (bzw. ihrer Weigerung, sich den „Werten“ der Mehrheitsgesellschaft anzupassen und dem Kaiser zu opfern) den Löwen vorgeworfen wurden.

Und was schreibt der Apostel Paulus angesichts dieser Verfolgungssituation?

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.
Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.
Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.
Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. (Röm 13, 1-4)

Jede Obrigkeit ist nach dem Apostel Paulus von Gott angeordnet. Und keine Obrigkeit trägt das Schwert umsonst. Das gilt auch vom Schwert Mohammeds.

Wer also den Koran so wortwörtlich liest, daß er mit Sure 5:33 ein Problem hat, der kann als Christ die Bibel nicht anders lesen und dann auch nichts sagen, denn die Strafe gilt denjenigen, die sich gegen die staatliche Ordnung im islamischen Reich des Mohammeds richten, und dieses Reich hat seine Obrigkeit eben auch von Gott, wie auch das römische Reich. Und es führt das Schwert so wie das römische Reich. Ob es dieses Schwert nun nutzt, um Hände und Füße abzuhauen oder ob es das Schwert zum Töten nutzt, ist Sache der Obrigkeit. Diese wird sich auch vor Gott verantworten müssen, aber eben nicht vor ihren Untertanen.

Im Koran stehen also aus heutiger Sicht fragwürdige Dinge. Aber wie ist es mit der Bibel?Sind die Ansichten des Paulus für heute so viel weniger fragwürdig? Diese kritiklose Haltung gegenüber der „gottgegebenen“ Obrigkeit hat unter anderem dazu beigetragen, daß die Kritik der Kirche an Hitler, wo sie überhaupt vorkam, doch sehr verhalten ausfiel – und das bei offen antichristlichen Zielen und Verhaltensweisen!

Unsere westliche Kultur, unsere Werte, all das geht zum Teil auf die christliche Religion und damit auch auf die fragliche Paulusstelle zurück. Auf diesen Fundamenten konnten wir eine freie Gesellschaft aufbauen.

Wieso sollte man mit den ebenso verstörenden Versen des Korans da nicht hinkommen? Wieso sollte die islamische Theologie nicht in der Lage oder willens sein, damit positiv umzugehen, so wie die christliche Theologie es schließlich geschafft hat?

Oder wenn man einem Textfundamentalismus anhängt: Dann muß man eben auch die Demut an den Tag legen, sich der paulinischen Forderung zu beugen. Schließlich ist die Liebe die stärkste Macht, die alles überwindet – und nicht der Haß.

DerKoranvers ist eben genau das: Ein Koranvers. Es kommt darauf an, was man damit macht – was die Muslime damit machen. Sofern er benutzt wird, um Gewalt zu rechtfertigen, haben wir (die) Polizei, die das staatliche Gewaltmonopol durchsetzt – indem sie Gewalttäter im Zweifel mit Gewalt im Zaun hält. Aber eben Gewalttäter, egalwelcher Religion, und nicht Anhänger einer bestimmten Religion,weil man das Vorurteil hat, die Religion mache zum Gewalttäter…

Nachtrag: Erst beim nochmaligen Lesen fällt mir auf, daß zu Verstümmelung und Kreuzigung eine Alternative genannt wird: Die Vertreibung. Das passiert gerade im Syrien, im Machtgebiet von Daesh, die ja meinen, sie würden Mohammeds Reich wieder auferstehen lassen. Und vertrieben werden nicht nur die Ungläubigen, sondern alle, die ihnen nicht passen. Wäre es da nicht umso mehr unsere Pflicht, die Vertriebenen aufzunehmen und uns ihrer anzunehmen, egal welche Religion sie haben? Vor allem, wenn wir den Koranvers kritisieren? Wer sich über den Koranvers beschwert und nichts tun will, um die Leidtragenden aufzunehmen und ihnen aufzuhelfen, wie ernst kann man den eigentlich nehmen?

Gesellschaft, Religion

Jede Religion, außer Islam, ist inakzeptabel

So zitiert das Hetzbild Sure 3:85. Eigentlich ist es eine Zusammenfassung. Der Text der Aya:

Und wer eine andere Religion als den Islam begehrt: nimmer soll sie von ihm angenommen werden, und im Jenseits wird er unter den Verlierern sein.

Mir erschließt sich wie bei der letzten Aya schon nicht, inwiefern dies „zum Krieg gegen Ungläubige [aufruft]“. Der Koran lehrt also, daß der Islam die richtige Religion ist und diejenigen, die eine andere Religion haben, im Jenseits zu den Verleirern gehören werden.

Sorry, aber das war nicht anders zu erwarten. Das lehrt das Christentum in Bezug auf die eigene Religion nicht anders.

Wer von seiner eigenen Lehre überzeugt ist, wird IMMER davon ausgehen, daß andere Lehren Nachteile mit sich bringen. Auch wenn es sich nicht um Religionen handelt. Kein AfDler wird sagen, daß die Linke oder die CDU genau so gut ist wie die AfD. Das könnte man auch auf Fußball und andere Lebensbereiche übertragen – und es hat nichts mit Krieg, Gewalt oder Unterdrückung zu tun.

Daß dieser Vers hier aufgezählt wird, ist ebenso lächerlich wie der letzte. Angeblich sollen es ja mehr als 109 Verse sein, die zu Krieg und Gewalt aufrufen. Von 13 abgedruckten Versen haben sich bisher zwei als vollkommen neben dem Thema liegend dargestellt und einer als aus dem Kontext gerissen. Was steht dann wohl in den anderen 96, nicht abgedruckten Ayat? Man sollte ja denken, daß die schlimmsten aufgeführt werden. Da diese sich aber bisher als gar nicht schlimm gezeigt haben, steht die Frage im Raum, ob die Ersteller dieses Hetzbildes sich selbst ernst nehmen?

Gesellschaft, Religion

Der Islam

Thomas hat einen interessanten Artikel geschrieben über sein Wohlwollen gegenüber dem Islam, und wieso dieses seit etwa 15 Jahren auf Eis liegt.

Er spricht dabei wichtige Punkte an, bei anderen Punkten würde ich widersprechen oder eine andere Pespektive vorschlagen. Deshalb der Artikel.

Am Anfang beschreibt Thomas, was sein Islambild prägte und wie es sich änderte. Da ich etwas jünger bin und auf dem Dorf auswuchs, wo es keine/kaum Muslime gab (irgendwann gab es eine Familie, die nach ein paar Jahren untertauchte, weil sie abgeschoben werden sollten), sind meine Erfahrungen andere.

Hkbne
Karl May – Kein Islam-Experte
Den ersten Kontakt zum Islam hatte ich bei Karl May – und das beschreibt schon das Problem: Alles Fiktion. Trotzdem hat mich Karl May geprägt, was meinen eigenen Glauben und auch meine Einschätzung anderer Menschen angeht. Bei Karl May gibt es gute und böse Christen, gute und böse Muslime, gute und böse Indianer (wobei man ehrlicherweise dazu sagen muß, daß die wirklich Guten am Ende immer zum Christentum tendieren, so Hadschi Halef Omar und Winnetou – und auch Schurken wie Old Wabble bekehren sich mitunter kurz vor dem Tod).

Kontakt mit Türken hatte ich wie gesagt kaum, erst in der Oberstufe hatte ich einen türkischen Stufenkameraden, mit dem ich weiter aber auch nichts zu tun hatte, nicht aus Ablehnung, sondern weil wir einfach in anderen Freundeskreisen unterwegs waren. Das einzige Mal, daß seine Religion durchschienwar, als unser Physiklehrer 60 wurde und wir Sekt in den Unterricht mitbrachten (um statt Unterricht zu machen zu feiern). Bei der Gelegenheit meinte der Lehrer zu dem Mitschüler: „Na, ob Allah es wohl sehen wird, wenn Du einen Schluck mittrinkst?“ Der Mitschüler ließ sich aber nicht provozieren und lehnte freundlich ab. Damit war die Sache gegessen.

In den Schulferien arbeitete ich in einem Werk von Daimler, dabei kam ich auch mit Muslimen in Kontakt – meist Studenten, die in den Semesterferien ihr Budget aufbesserten. Das waren allesamt moderne, aufgeschlossene Menschen. EIne Kollegin trug traditionelle, weite Kleidung und Kopftuch – und war trotzdem keine unterdrückte Frau, sondern hatte ihre klare Meinung und äußerte sie auch, studierte in einem fremden Land, arbeitete mit Männern im Lager  und war einfach nur ein fröhlicher Mensch.

Sonst beschränkten sich meine „Kenntnisse“ über den Islam meist auf das Fernsehen – bis ich nach Israel ins Kibbuz ging.

Dort gab es nicht nur jüdische Israelis, sondern auch arabische – mit muslimischer Religion. Und was soll ich sagen:Das waren alles freundliche Menschen. Nach dem Kibbuz machte ich noch ne Rucksackreise durch Ägypten, wo ich auch keine wirklich negativen Erfahrungen machte, während mich die Frömmigkeit der normalen Menschen etwas faszinierte. Ein durchaus modern wirkender Hoteleigentümer, der sich trotzdem an die Gebetszeiten hielt und sich eben kurz in ein Seitenzimmer verzog, um sein Gebet zu sprechen. Das Leben der Religion war dort normal, während man in Deutschland schon nicht mehr so sehr zur Norm gehört, wenn man mal eben auf die Idee kommt, ein Gebet zu sprechen, oder wenn man sagt, man geht sonntags in die Kirche.

Oder die Frauen in Ägypten, vor allem in Kairo. Ja, sie trugen Kopftuch. Besonders im Gedächtnis blieben mir die Taxifahrerinnen, die sich klar durchsetzenkonnten gegen die Männer – auch da konnte ich Unterdrückung der Frauen nicht erkennen. Sie trugen Kopftuch, ja, aber ansonsten kamen sie mir nicht weniger emanzipiert vor, als Frauen hierzulande.

Und kurz nachdem ich aus dem Nahen Osten nach Hause kam, waren die Anschläge, die Thomas dazu bewogen, das Wohlwollen auf Eis zu legen.

Ich kann nicht sagen, daß ich ein besonderes Wohlwollen gegenüber dem Islam hatte. Auch kein Schlechtwollen. Es war halt eine Religion, wie andere auch.

Ja, es waren meist gut ausgebildete Muslime, die dahinter standen und vielleicht stammten sie auch aus säkularen Familien (daran erinnere ich mich nicht mehr).Woran ich mich aber erinnere ist, daß nicht nur Frauen in Gaza, sondern auch Lehrer in Sachsen sich über die Anschläge freuten (ich erinnere mich an Radioberichte diesbezüglich und die Aussage „geschieht denen Recht“). Antiamerikanismus hat der Islam nicht erfunden und man muß kein Muslim sein, um ihm zu frönen.

Was die Herkunft der Terroristen angeht: Auch die RAF Terroristen kamen ja auch dem Establishment, oder wie viele waren Arbeiter von ihnen?

Ob und inwieweit der islamische Terrorismus jetzt mit dem Islam zu tun hat, kann man ja diskutieren. Aber niemand würde soweit gehen, die SPD zu verbieten, weil sie sich zumindest früher als Arbeiterpartei verstand – und die RAF die Arbeiter befreien wollte…

Oder anders: Die Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland, zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben: Haben die nichts mit dem Christentum zu tun? Und wenn man in andere Weltregionen geht: Da gibt es in Afrika regelrechte Hexenverfolgungen in christlichen (!) Pfingstkirchen.

Religion wird und wurde immer als Rechtfertigung für alles mögliche herangezogen. Auch für Sklavenhandel und die Kreuzzüge (die auch jeweils politische und wirtschaftliche Hintergründe hatten – ebenso der Kolonialismus).

Thomas schreibt:

Trotzdem ist das Christentum in seinen Hauptrichtungen offensichtlich domestiziert und mit modernen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaften verträglich.

Kommt darauf an, was man als Hauptrichtung ansieht. In Deutshcland sieht es wohl so aus, daß die Großkirchen in diese Richtung neigen. Vielleicht sogar in Europa. In den USA gibt es jedoch schon große christliche Gruppen, die sich sehr Ausklärungsresistent geben. Und wenn man sich AfD und Pegida ansieht, bzw deren Anhänger, dann findet man auch dort immer wieder Beziehungsnahmen zum Christentum, das ist auch hier auf dem Blog in den Kommentaren nachzuvollziehen.

Freilich würde ich sagen, daß da das Christentum genau so falsch ausgelegt wird wie damals, als man damit Sklaverei rechtferigen wollte. Aber das sagen ja auch diejenigen Muslime, die sich von den Terroristen abgrenzen wollen in Bezug auf islamistschen Terror.

Tun wir mal so, als seien diese „Ausreden“ im Christentum berechtigt und im Islam nicht.  Thomas weist darauf hin, daß Mohammed, anders als Jesus, ein politischer Führer war.

Aber war das Moses nicht auch? Würden wir dem Judentum eine Neigung zur Gewalt ebenso unterstellen wie dem Islam? Und ganz unpolitisch war Jesus ja auch nicht. Die Trennung in einen religiösen und einen weltlich-politischen Bereich halte ich im Christentum für verkehrt. Damit könnte man übrigens ganz leicht die Christen zum Schweigen bringen, die sich gegen die Ausgrenzung der Flüchtlinge aussprechen. Wer Christ ist kann IMHO nicht anders, als politisch sein. Nur läuft das zur Zeit bei uns etwas subversiver, über die Zivilgesellschaft. Die haben wir aber auch erst seit der Aufklärung (die übrigens ohne die Universitäten nicht denkbar wäre, welche sich der Einführung des Aristotelismus verdanken, welcher ohne den Islam kaum denkbar wäre).

Mit der Aufklärung verbunden wird auch die historische Kritik, die wie Thomas bemerkt, im Islam noch in den Kinderschuhen steckt. Das mag stimmen, doch spielt das eine Rolle? Die historische Kritik hat durchaus ihre Vorteile und ich möchte nicht dahinter zurück (ginge auch nicht). Aber die historische Kritik bedingt keine Gleichberechtigung und ist auch sonst kein Allheilmittel. Ebensowenig wie die Aufklärung. Hitler kam trotz Aufklärung an die Macht (der Antisemitismus wurde halt materiell und nicht mehr religiös begründet) und die Deutschen Christen hielten trotz historischer Kritik zu Hitler. Die Gegner, wie etwa Paul Schneider, hatten oft auch fundamentalistischere Züge und teilweise sehr unmoderne Ansichten (das wäre jeoch ein Thema für sich).

Wenn es nun aber darum geht, ob und wie der Islam Teil einer multireligiösen Gesellschaft werden kann, ist es IMHO unerheblich, ob er politische Ansprüche hat. Die haben die rechtspopulistischen „Christen“ mit ihrem „Christentum“ nicht minder, die hab auch ich mit meinem Christentum. Die Frage ist, wie sich das äußert.Wenn der Islam lehrt, daß Frauen sich verschleiern sollen und bei den Kindern bleiben müssen, wieso sollte das ein größeres Problem darstellen als bei ähnlichen christlichen Freikirchen? Es ist ja nicht so, daß es keine Christen ohne Kopftuchzwang gäbe.

Probleme müssen freilich benannt werden. Wenn irgend eine islamische Richtung so viel Macht bekommt, daß sie das System zu ihren Gunsten ändern kann, wie es momentan offenbar in der Türkei versucht wird, dann ist das ein Problem. Wenn die weltanschauliche Neutralität des Staates auf dem Spiel steht. Aber sind wir doch einmal ehrlich: Das ist in absehbarer Zeit nicht der Fall. Die Muslime bilden einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung, viele davon haben kein Wahlrecht und diejenigen, die es haben, bilden keine radikalislamischen Parteien (die sowieso mit Verbot durch das BVerfG rechnen müßten).

Jeder kann sein eigenes Islambild haben, ob es das von einer Religion des Friedens oder das vom Untergang der Zivilisation ist, muß jeder selbst entscheiden. Unsere Gesellschaft und unser Staat muß darauf achten,daß die grundsätzlichen Freiheiten durchgesetzt werden, wie etwa das Selbstbestimmungsrecht. Aber das gilt für alle Einwohner und Bürger, nicht nur für die muslimischen. Ein Ehrenmord ist nicht schlimmer, weil er von Muslimen statt von Christen verübt wird.

Deshalb stimme ich Thomas zu: Wir müssen die Probleme beim Namen nennen. Wir müssen uns aber ebenso hüten, Vorurteilen über die Ursachen der Probleme Raum zu geben. Wie jemand seinen Glauben lebt, das ist im Christentum sehr verschieden. EIner geht jeden Sonntag in die Kirche, der nächste betet im stillen Kämmerlein und wieder andere konzentrieren sich auf zivilgesellschaftliches Engagement, etwa bei der Flüchtlingshilfe. Wieso sollte das im Islam anders sein? Es gibt christliche Terroristen, die sich für ihre Taten auf den Glauben berufen – etwa Anders Breivik.

Diskussionen darüber, wer den besseren Glauben hat, führen nirgendwo hin. Wer weiß, ob nicht in 30 Jahren „das Christentum“ viel gewalttätiger ist als „der Islam“ heute? Wir haben immer nur Momentaufnahmen und meinen, daraus etwas für die Zukunft ableiten zu können. Wer konnte 1988 absehen, daß die Mauer fällt? Wer konnte 2000 den „Krieg gegen den Terror“ vorausahnen?

Deshalb plädiere ich – noch einmal – daß wir uns an konkreten Taten orientieren, unabhängig davon, mit welcher Bibel- oder Koranauslegung man diese zu rechtfertigen sucht.