Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen 4: Eine Predigt und ihre Bedeutung für das Altonaer Bekenntnis

Das Altonaer Bekenntnis wird im Rahmen eines Sondergottesdienstes am Mittwoch, d. 11.1.1933, von Propst Sieveking verlesen. Im Anschluss daran predigt Pastor Georg Christiansen (Altona) über Lk. 3, 1-3; 7-16[1].

Diese Predigt habe ich bei eigenständiger Forschung im Bielefelder Archiv für Kirchen-kampf gefunden. Sie zeigt, dass die Verfasser von Anfang an den Wunsch haben, über Altona hinaus gehört zu werden[2] – dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Von Anfang an sind sich die Verfasser möglicher Kritik – Weltfremdheit, Machtgelüste der Kirche, unsensibler Eingriff in sich grade bildende Einheit – bewusst. Sie rechnen aber bei aller Kritik auch mit Menschen, die sich über dieses Bekenntnis freuen werden. Doch Kritiker wie Befürworter werden die Frage stellen: „Woher nehmt ihr den Mut und die Vollmacht dazu? Wie kommt ihr dazu?“[3]. Auf diese Fragen will Christiansen stellvertretend für alle Verfasser antworten. Sie verstehen ihr Handeln als Handeln in der Nachfolge Johannes des Täufers. Er predigte auf Befehl Gottes – sie wurden in die Situation hineingestellt und müssen das Bekenntnis ablegen, nicht aus eigenem Antrieb, sondern von Christus und der Aufgabe getrieben[4]. Sie stellen das Geschehen unter das Wort „Da geschah das Wort Gottes an uns“ und verneinen jede parteipolitische Motivation.

Um den Inhalt bzw. das Ziel des Bekenntnisses deutlich zu machen, werden dann die machtpolitischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu Zeiten Johannes äußerst negativ geschildert – und dann wird dieser Schilderung mit Worten geschlossen, die auch die gegenwärtige Situation beschreiben: „Aber auf der anderen Seite wissen wir auch, wieviel bestes Wollen in den Herzen vieler lebendig war. Die Treue gegen Land und Volk war nicht gestorben. Da wurde mit Leidenschaft gerungen um die Erhaltung der politischen, nationalen, sozialen und religiösen Eigenart“[5]. Und in den sich vermutlich einstellenden Gedanken: „Denen ging es ja wie uns!“ bricht die Darstellung der Gegenwart hinein, die – ganz Johannes folgend – in die Aufforderung zur Umkehr und Buße mündet. Die Folgen der Buße bei Johannes sind, dass er vom Volk, von Zöllnern und Kriegsleuten gefragt wird, was sie tun sollen. Johannes reißt daraufhin niemand aus seinem bisherigen Stand heraus, sondern verweist sie in die Grenzen dieses Standes. Auch die gegenwärtige Kirche wird vom Volk gefragt, was es tun soll. Die Altonaer Pastoren geben eine andere Antwort als „Welt, Gesellschaft, Presse“. Sie können nur Gottes Botschaft verkündigen und schließen die Predigt mit dem „größte[n] und schönste[n] Hinweis, den die Kirche zu geben hat: ‚Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, sondern hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!‘ (2. Kor. 5, 19-20)“[6]. Diese Predigt gibt biblisch begründet Aufschluss über die Motivation der Verfasser und ist damit ein wichtiger Faktor für die starke Wirksamkeit des Altonaer Bekenntnisses.

Der gottesdienstliche Rahmen eines Sondergottesdienstes ist auffällig. Da das Altonaer Bekenntnis doch gerade in die Ordnung Gottes zurückrufen will, ist es merkwürdig, dass sie statt eines regulären, ordnungsgemäßen einen Sondergottesdienst dazu wählen. Die Wahl des Wochentages wird möglicherweise vor dem Hintergrund der Predigt deutlich. In der Predigt stellen sich die Verfasser in die Tradition Johannes des Täufers, der nach biblischer Überlieferung Bußprediger war[7]. Daraus ergibt sich der Bezug vom Altonaer Bekenntnis zum Mittwoch: als einer der alten Stationstage wurde er schon in der Refor-mationszeit als Termin für einen Bußtag genutzt[8], es ist deshalb naheliegend, an ihm ein Bekenntnis zu verlesen, das zur Buße aufruft und dessen Verfasser sich in der Nachfolge von Johannes dem Täufer sehen[9].

Der Zeitpunkt der Verlesung ist für die Akzeptanz des Altonaer Bekenntnisses auch wichtig, weil er in einer Phase liegt, in der auch von theologischer Seite der Ruf nach einem Bekenntnis laut geworden ist. Deshalb wird das Vorlegen eines Bekenntnisses auch in Kreisen begrüßt, die nicht alle theologischen Aussagen teilen. Sie erkennen trotz theo-logischer Differenzen an, dass der Status confessionis gegeben ist und gestehen dem Altonaer Bekenntnis den Rang eines Bekenntnisses zu, auch wenn sie es nicht unterschreiben[10].

 

 



[1] „Nachstehend sei unseren Lesern auch die Predigt mitgeteilt, die von Pastor Georg Christiansen (Altona) in dem Gottesdienst vom 11. Januar nach Verlesung des vorstehenden Bekenntnisses gehalten wurde. Das Bekenntnis wird unseren Lesern durch diese Predigt noch wertvoller und klarer werden.“ (Vgl. Quellentext: Zeitungsausschnitt und Predigt)

[2] „So Gott will, soll dies Wort weit hinausschallen und in Kirche und Volk ein Echo finden. – Es will manchen falschen Wahn erschüttern, will schütteln und rütteln an verrosteten Pforten. – Es will ein Hinweis sein auf Hilfe und alleiniges Heil für Volk und Menschheit.“ Ebd.

[4] „Wir sind nicht auf die Idee gekommen, einmal etwas Besonderes zu veranstalten, sondern wir wurden seit dem Altonaer Blutsonntag in ein Müssen hineingeworfen und auf einen Weg gestellt, den wir bis zu Ende gehen mußten, und haben nun in monatelangem Mühen darum gerungen, Gottes Willen zu erkennen. Aber es endete damit, daß wir den Befehl Jesu hörten: ’Was ich euch im Geheimen sage, das sprecht öffentlich aus, und was ihr von mir in das Ohr geflüstert hört, das predigt auf den Dächern! – (Matth. 10,27.).“ Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Matth 3, 1-8: „1Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa 2und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. […] 8Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!“.

[8] Vgl. Dienst, Karl: Buß- und Bettage, RGG4, 1901.

[9] Ob sich diese These z.B. anhand von Tagebucheinträgen Asmussens stützen lässt, lies sich im Rahmen dieser Arbeit nicht prüfen, dies muß an anderer Stelle erfolgen.

[10]„Es ist in unserer Zeit etwas Neues, dass eine öffentliche kirchliche Erklärung die Überschrift ‚Bekenntnis‘ trägt. Ebenso neu ist, dass die Erklärung nicht von einem Kirchentag oder einer Synode, sondern von wenigen, durch die Gemeinschaft der Arbeit verbundenen Pastoren ausgeht. Beides ist verheißungsvoll. Wir stehen heute nicht mehr so wie noch vor wenigen Jahren unter dem Eindruck großer Zahlen. Die Kirchentage und Konzilien haben von ihrem Glanz verloren. Wir lernen wieder, dass die Kraft der Kirche in den Gemeinden und ihren berufenen Führern liegt. Dass dann aber die ‚Erklärungen‘ den Bekenntnissen weichen müssen, ist selbstverständlich in einer Zeit, in der die Kirche, von zahllosen Gegnern bedrängt, in statu confessionis steht, und Theologie und Philosophie existenzielles Denken fordern“ (DD 1933, S. 106)

Allgemein, Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen – Predigt zum Altonaer Bekenntnis

Diese Predigt habe ich bei eigener Recherche im Bielefelder Archiv für Kirchenkampf gefunden. Ich fand es sehr spannend, zu sehen, wie dort das Handeln der Verfasser des Altonaer Bekenntnisses theologisch reflektiert wurde. Die fett markierten Abschnitte sind Belegstellen für Aussagen in diesem Artikel.

Aus: Das evangelische Mecklenburg, LkA EKvW, Bestandnr. 5.1/597/F1 7 ff

Die Not und Verwirrung unseres öffentlichen Lebens haben 21 Altonaer Pastoren veranlasst, von der Kirche aus ein Wort und Bekenntnis in aller Öffentlichkeit [zu sagen].

Am 11. Januar d. J. sah die große Hauptkirche in Altona eine nach tausenden zählende Gemeinde, die mit Spannung darauf wartete, was die evangelische Kirche zu den mannigfachen Wirrnissen und Nöten dieser Zeit vom Evangelium her zu sagen habe. (…)

Es ist nicht das erste Mal, daß von kirchlicher Seite zu den Fragen des öffentlichen Lebens in programmatischer Weise das Wort genommen wird. Die Kirchentage, als die Sprecher des deutschen Gesamtprotestantismus innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen, sind mehr als einmal in den Kampf- und Sturmjahren seit 1918 mit feierlichen Botschaften an die Oeffentlichkeit getreten. (…) Die dauernde Wandlung und die fortschreitende Ver-wirrung der inneren Lage unseres Volkes erfordern aber eine immer erneute Ueberprüf-ung der Stellungnahme, (…) Und es entspricht der evangelischen Haltung, daß dieser Dienst (…) auch von kleineren Kreisen und freien Gruppen von Geistlichen und Laien geleistet werden kann und geleistet werden muß. Denn unser Volk in seiner abgrundtiefen Not wartet auf ein Wort wirklicher Klärung und Wegweisung, erwartet es von der Kirche. Man kann nur wünschen, daß dem Ruf aus Altona Stimmen aus allen Teilen des evangelischen Volkes antworten möchten, um unserem Volk zu helfen, den Weg zu finden, der es aus dem Dunkel und der Knechtschaft führt.

*

(1)Nachstehend sei unseren Lesern auch die Predigt mitgeteilt, die von Pastor Georg Christiansen (Altona) in dem Gottesdienst vom 11. Januar nach Verlesung des vorstehenden Bekenntnisses gehalten wurde. Das Bekenntnis wird unseren Lesern durch diese Predigt noch wertvoller und klarer werden.

 

Der göttliche Anspruch

Lk 3, 1-3; 7-16

Paul Steinmüller erzählt in seinen „Rhapsodien vom Glück“ von einem Kreis von Menschen, unter denen ein feiner Ton und ein inniges gegenseitiges Verstehen herrschten. – Doch der wohltuende Zusammenklang wurde gestört, als der Mann in ihre Mitte trat, der immer und überall recht haben wollte. – Die eigenwilligen und selbstsüchtigen Menschen und Menschengruppen sind eine Plage und ein Verhängnis für die Menschheit. – es Geht ihnen nur um ihr eigenes Meinen. Sie haben immer Recht. – Aber durch diesen Wahn verraten sie ihr Volk, – verraten sie die Menschheit und jede Gemeinschaft, in der sie stehen. (…)

Und nun steht heute ein Kreis Altonaer Pastoren vor euch und im Angesicht der großen Oeffenltichkeit. Unser Propst hat das Wort verlesen, das wir zu der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens zu sagen haben. – (2)So Gott will, soll dies Wort weit hinausschallen und in Kirche und Volk ein Echo finden. – Es will manchen falschen Wahn erschüttern, will schütteln und rütteln an verrosteten Pforten. – Es will ein Hinweis sein auf Hilfe und alleiniges Heil für Volk und Menschheit. –

Da werden uns viele fragen: Das ist doch eine unglaubliche Kühnheit! Wie kommt ihr dazu? Wir hören im Geiste die verschiedensten Stimmen durcheinanderrufen: Da sieht man, wie weltfremd die Kirche ist! Oder: Hier taucht wieder mal, fromm verbrämt, dies alte unaus-stehliche Herrschaftsgelüste der Kirche auf (…) Nun will auch die evangelische Kirche sich vordrängen, und die Altonaer Pastoren bilden sich wohl ein, ein besonderer Stoßtrupp zu sein.“ – Oder: „Nun mühen sich die Besten um die Zukunft unseres Volkes und um seine Einheit, daß all die verschiedenen Geister doch wieder miteinander sprechen in Deutsch-land. – und in dieses zarte Gewebe hinein greift klotzig – die Kirche. (…) – Solche Stimmen werden wir hören.  – Aber nicht nur solche! (…)Wir glauben, daß in allen Ständen, Kreisen und politischen Parteien Menschen sind, die solches Reden der Kirche sich gefallen lassen. (…)– Aber auch sie werden fragen: (3)„Woher nehmt ihr den Mut und die Vollmacht dazu? Wie kommt ihr dazu?“ So wollen wir denn versuchen zu antworten und das Geschehen dieser Stunde zu deuten. Wir stellen es unter das Licht der verlesenen Geschichte. (…)

I) Irgendwo am Jordan steht plötzlich, scheinbar unvermittelt, Johannes der Täufer und beginnt seine Botschaft hineinzurufen in seine Zeit. Er spricht Worte von gewaltiger Wucht und seit Jahrhunderten nicht mehr gehörter Schärfe. Was trieb ihn zu reden? Man könnte ja meinen, daß auch er einer von denen war, die immer und überall recht haben wollen, und daß er nur seine eigene Weisheit an den Mann bringen wollte. (…) Solche Deutung des Geschehens ist unmöglich. So dürfen wir nicht zu erklären versuchen, was dort vor sich ging. – Nein, Johannes hatte eine Botschaft, weil er einen Auftrag von Gott hatte. Es heißt: „Da geschah der Befehl Gottes zu Johannes, des Zacharias Sohn in der Wüste.“ – Das ist ganz wörtlich und ganz ernst zu nehmen. Johannes mochte sich zunächst weigern zu reden, er mochte unter dem Auftrag leiden, er mochte Gründe über Gründe dagegen anführen – es ging nicht. – Er mußte gehorchen. Sein Leben wäre zerstört worden und er selbst innerlich zerbrochen, wenn er nicht gehorcht hätte. – Und so geht er an den Jordan und predigt – auf Befehl!

Wenn die Kirche Jesu Christi ihr Wort sagen will, muß sie eine Sendung haben. – Und wenn Pastoren ein solches Wort wie das heute gesagte verkünden wollen, dann muß es ihnen befohlen sein. – Sonst ist das ganze nur Mache und ein religiöses Kunstprodukt. –

(4) Wir (…) wurden seit dem Altonaer Blutsonntag in ein Müssen hineingeworfen und auf einen Weg gestellt, den wir bis zu Ende gehen mußten, und haben nun in monatelangem Mühen darum gerungen, Gottes Willen zu erkennen. Aber es endete damit, daß wir den Befehl Jesu hörten: „Was ich euch im Geheimen sage, das sprecht öffentlich aus, und was ihr von mir in das Ohr geflüstert hört, das predigt auf den Dächern! – (Matth. 10, 27.) (…) Wir haben gelernt, daß man solches Werk und Geschehen nicht zwingen kann. Es wird einem hingelegt und es kommt der Befehl: nun stell dich hinein mit deiner ganzen Existenz!

(…) Wir stellen das Geschehen dieser Stunde bewußt unter den Satz: „Da geschah der Befehl Gottes an uns!“ Dann wird aber auch klar sein, daß wir hier nicht aus irgend einer politischen oder gar parteipolitischen Einstellung heraus gesprochen haben. Das wäre auch nicht möglich, denn da denken wir zu verschieden. Es wird auch weiter klar sein, daß wir nicht die Spitzen der Behörden eingeladen haben und uns über ihr Erscheinen freuen, weil wir einen Machtfaktor bilden wollen. Ebensowenig haben wir die Obrigkeit zu recht-fertigen, – wir erkennen Sie ja als von Gott gegeben an. Aber wir meinen, auch ihr das Wort sagen zu dürfen und zu sollen, das wir als Kirche zu sagen haben. (…) [Wir] reden dabei einzig und allein von dem Raume aus, wo ein Mensch in Verantwortung vor Gott steht, seinen Willen vernimmt und ihm gehorcht. –

II

Dabei schweben wir aber nicht in der Luft und leben nicht ins Blaue, sondern aus einer ge-gebenen und bestimmten Lage heraus. Gottes Befehle knüpfen an die jeweilige geschicht-liche Lage an, sie sind nicht zu lösen von dem Geschehen in der Zeit. Sie sind nicht blut-leere Theorie. Gott redet nicht in Allgemeinheiten.

Darum ist es mehr als eine historische Bemerkung, wenn es in unserem Texte heißt: „in dem 15. Jahr des Kaisertums Kaisers Tiberius“ … bis zu der Bemerkung: Da Hannas und Kaiphas Hohepriester waren: da geschah der Befehl Gottes.“ – Die bloße Nennung all dieser Namen legt die ganze Hoffnungslosigkeit der politischen, sittlichen und religiösen Lage jener Zeit dar. Welch ein Hin und her von Kräften und Mächten, wieviel Fallen-stellerei und Brunnenvergiftung, wieviel gegenseitige Verketzerung und Verspottung, wie-viel List, Sittenlosigkeit und Grausamkeit! Ja selbst bis ins Herz des Priesterstaates war die Auflösung gedrungen. – Es war ein anormaler Zustand, daß gleichzeitig zwei Hohe-priester ihren Einfluß ausübten: – der eine als Werkzeug des römischen Statthalters, der andere als der Vertrauensmann des Volkes!

(5)Aber auf der anderen Seite wissen wir auch, wieviel bestes Wollen in den Herzen vieler lebendig war. Die Treue gegen Land und Volk war nicht gestorben. Da wurde mit Leiden-schaft gerungen um die Erhaltung der politischen, nationalen, sozialen und religiösen Eigenart.

Und da geschah nun etwas an einer Stelle, an die kein Mensch dachte. Keine der treiben-den Kräfte hatte dies Geschehen in Rechnung gestellt. Aber nun schaltet sich auf Befehl Gottes Johannes der Täufer in den weitverzweigten und verzwickten Strom guter und böser Kräfte ein und ruft ein Wort von Gott her hinein in die Situation. – und was für ein Wort! Ein Wort, das die Menschen dort trifft, wo sie zu Hause sind. Ein Wort, das ihnen Ungeheures zumutet; das Wort vom Bußetun. – Ein solches Wort kann nur auf Befehl Gottes gesagt werden, sonst ist es eine unausstehliche Anmaßung. –

Wenn nun die Kirche durch das Wort ihrer Glieder sich einschaltet in den Strom des Kräfteaufwandes unserer Tage, so ist das ein Vorgang, den wohl auch heute manche nicht in Rechnung stellen. (…) Und doch kann nur sie das Wort sagen, das gesagt werden muß, und zwar allen ohne Unterscheid gesagt werden muß: Das Wort von dem Gott los sein unseres Geschlechts.

Johannes sagte es allen, er nahm jedem seine Selbstrechtfertigung. Er sagte ihnen, die ganze Nation, so wie sie war, stehe in einer großen allgemeinen Abweichung von Gott, denn sie habe ihre großen Güter und Heiligtümer sich zu Götzen gemacht. Sie hätten stolz und selbstherrlich auf ihren natürlichen Zusammenhang mit Abraham vertraut.

Aber alle Ichbegeisterung, alle Selbstherrlichkeit ist Sünde gegen Gott und steht unter seinem Gericht. Nur wenn wir uns bekehren und hineinstellen unter die Vergebung Gottes, können wir Heil gewinnen. – Nur hier liegt die Rettung. Wir leben in einer Zeit, die in einer Weise eisern und männlich ist. Sie ist kampfbereit und kampferprobt. Viele tragen mit einem Heldenmut, der höchste Achtung verdient, ihr Schicksal. In vielen lebt der trotzige Wille: „wir meistern dennoch das deutsche Geschick“.

Aber wir sehen auch das Gegenstück. Es ist wie ein Netz, in das wir alle irgendwie mithin-einverstrickt sind: die äußere und innere Ratlosigkeit und Unsicherheit. Wo haben wir denn wirkliche Sicherungen? Wir sind ratlos, weil alles unsicher ist in Wirtschaft und Politik und auf sittlichem Gebiet. Wir haben kennen festen unverrückbaren Maßstab für unsere Haltung. Und das ist so, weil wir gottlos sind. Darum zerbricht uns das Werk unserer Hände immer wieder. (…) Unser Vertrauen ist weithin Selbstvertrauen und Menschenver-götzung geworden und darum wackelt es an allen Enden. Wo Menschengröße und Men-schenleistung in Sport, Technik und Politik emporgehoben wird bis zu den Sternen des Himmels, da bleibt keine Bereitschaft und keine Fähigkeit zur Anbetung Gottes. Gott aber läßt seine Ehre keinem anderen. Das erleben auch wir in unserer Geschichte, in dem Ge-schehen unserer Tage, und wenn wir nicht hoffnungslos verblendet sind, müßten wir es erkennen. – Bis in die Einzelheiten hinein können wir es seit 1914 sehen, daß uns nichts wirklich gelingen will.

In diese Situation hinein kommt dies Wort der Kirche: „Tut Buße, seht eure Verranntheit, erkennt die Grenzen menschlicher Vernunft und menschlichen Tuns. Seht das Gericht Gottes über uns Menschen !“. – Beugen wir uns unter den Zorn Gottes – Dann wird sich eine neue Haltung anbahnen, die Haltung, in der wir wieder aufblicken zu Gott und rufen: „Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig. Erfreue uns wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir solange Unglück leiden!“

III

Die Botschaft Johannes des Täufers hatte ihre Wirkung. – Sie wurde ungeheuer lebendig. Sie traf die Hörer in dem Zentrum ihrer Existenz. Das Volk fragte ihn und sprach: „Was sollen wir denn tun?“(…) Aus all den verschiedenen Lebensordnungen heraus (…) kam die Frage nach der neuen Haltung. – Und Johannes zerstörte ihnen nicht den Zusammenhang zwischen Beruf und neuer Gesinnung (…) – sondern weist jeden zurück in seinen Stand und Beruf. Aber es zeigt ihnen die ewigen Grenzen des Willens Gottes, die kein Einzelner und kein Volk ungestraft überschreitet. (…)

Wo Buße ist, da wird auch heute aus dem Leben heraus gefragt: Was haben wir zu tun? – Und diese Frage wird an die Kirche gerichtet. (…). Sie hat anderes zu sagen als was Welt, Gesellschaft, Presse vielleicht besser zu sagen weiß. (…) Sie verbreitet nicht Privatent-deckungen, sondern Gottes Wort an die Welt. – Sie steht dabei nicht über dem Lärm und Getriebe der Welt, – nein, sie ist mitten hineingestellt. (…) – Aber ihre Botschaft ist Bot-schaft von oben, ist Verkündigung des ewigen Gotteswillens über den Geschlechtern der Erde, – daß die Menschen mit Gott zu rechnen haben als der entscheidenden Instanz ihres Lebens. – Aber das Letzte und Größte hat die Kirche nicht in der Hand. Sie hat die Botschaft zu sagen. Sie hat Zeugnis abzulegen. Weiter nichts! (…)

Aber über aller Not und Verwirrung des Lebens und über dem Wort der Kirche dazu leuchtet das alte und ewig gültige Wort von der Vergebung: „Siehe da, – Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (6)Das ist der größte und schönste Hinweis, den die Kirche zu geben hat: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, sondern hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5, 19-20) Amen!

 

Allgemein

Josef der Träumer

Wie ich ja schon schrieb, war eine Tagung, die ich letztens besucht habe, teilweise etwas ermüdend. Hier ist ein weiterer Text, den ich während eines Vortrages geschrieben habe.

Die Kindheit Jesu wäre laut Matthäusevangelium anders verlaufen, wenn Josef nicht geträumt hätte. Josef wird in einem Traum darüber informiert, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger ist und aufgefordert, sie zur Frau zu nehmen. Ohne diesen Traum hätte Josef sich von Maria getrennt. Heimlich zwar, und ohne sie in Schande bringen zu wollen, doch Maria wäre vielleicht dennoch zu einer alleinerziehenden Mutter geworden, oder zumindest zu einer Mutter, die mehr als andere auf die Hilfe der Verwandschaft angewiesen gewesen wäre. Das wäre sicher kein leichter Start ins Leben geworden. Josef wird im Traum zur Flucht nach Ägypten aufgefordert. Der erzwungene Gang nach Ägypten rettet und hält die Verheißung am Leben. Schließlich kehrt Josef wiederum nach einem Traum aus Ägypten zurück.

Ein Josef, der träumt und durch dessen Träume die Verheißung Gottes am Laufen gehalten wird – schon im Buch Genesis begegnet dieses Motiv. Auch dort träumt ein Josef – und es sind seine Träume, die ihn erst nach Ägypten und später an den Hof des Pharaos führen. Er erhält nicht nur das ägyptische Volk, sondern auch das Volk Gottes am Leben, sodass die Verheißung Gottes weiter geht. Ich glaube, dass die Leser des Matthäusevangeliums die Geschichte des träumenden Josefs aus Genesis sehr genau vor Augen und Ohren gehabt haben. Mit der Ausgestaltung der Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu und den Träumen Josefs verbindet Matthäus einmal mehr das Evangelium Jesu Christi schon zu Beginn deutlich mit dem TaNaCh.

Glaube

Gedanken zu Matthäus 1, 19

Ich hatte letztens während eines für mich weniger interessanten Vortrages ein bisschen Zeit zu schreiben und habe mich kurz mit Matthäus 1, 19 beschäftigt: „Josef aber, ihr Mann, war gerecht und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen“. Zu diesem Zeitpunkt weiß Josef noch nicht, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger ist, er muss von Ehebruch ausgehen. Doch er will sie nicht in Schande bringen. Er wendet nicht die ganze Härte des Gesetzes an, sondern will einen Weg suchen, die Ehe ohne viel Aufsehen aufzulösen. Freiheit für beide. Freiheit für die Frau, die ihn, wie er glauben muss, betrogen hat. Freiheit statt ganze Härte des Gesetzes. Er stellt seinen Wunsch, Maria nicht in Schande zu bringen, über die kompromisslose Einhaltung des Ge-setzes, anders gesagt: er handelt barmherzig. Dieses barmherzige Handeln stellt Matthäus in Zusammenhang mit Gerechtigkeit bzw. gerecht sein. Die Verbindung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ist ein gängiges Motiv bei Matthäus. So ist Mt. 1, 19 ein zarter Anklang dessen, was später breit ausgeführt wird, ein leises, vorgezogenes Lob der Barmherzigkeit.

Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen 3: Geschichtlicher Hintergrund,Gliederung und Wirkungsgeschichte

Gedenktafel für das Altonaer Bekenntnis an der Osterkirche in Hamburg-Ottensen.

Foto: Ajepbah Lizenz: CC BY-SA 3.0

Am 17.7.1932 kommt es im Zuge eines Demonstrationszuges der Nationalsozialisten durch die Altonaer Altstadt zu Straßenkämpfen, denen 17 Menschen zum Opfer fallen. Infolge dieses sogenannten Altonaer Blutsonntags verfassen fünf Pastoren unter der Leitung von Hans Asmussen das Altonaer Bekenntnis[1]. Mit den Unterschriften von 21 Pastoren[2] wird es am Mittwoch, d.11.1.1933, im Rahmen eines Sondergottesdienstes verlesen.

Es umfasst eine Einleitung und fünf Artikel. In der Einleitung nennen die Verfasser die Motivation für das Bekenntnis. Angesichts der gesellschaftlichen Situation wendet sich die Kirche ans Volk. Bislang haben sich Volksgruppen mit der Bitte um materielle Hilfe oder politische Unterstützung an die Kirche gewandt. Auf diese Anfragen wollen die Verfasser hier nicht antworten. Ihr Ziel als Vertreter der Kirche ist es, Staat und Volk um des Volkes willen durch die Verkündigung des Wortes Gottes in Gottes Ordnung zurückzurufen. Von diesem Ziel her ist das Bekenntnis konsequent gegliedert:

Die Verfasser wollen als Kirche sprechen und definieren deshalb zunächst, was Kirche ist[3]. Ihre Absicht ist, den Staat, der aus einzelnen Menschen besteht, in die Ordnung Gottes zurückrufen, deshalb müssen sie zunächst vom einzelnen Menschen sprechen. Um Menschen in die Ordnung Gottes zurückzurufen, muss klar gemacht werden, dass sie in der gegenwärtigen Situation außerhalb davon stehen. Wo es ein innerhalb und außerhalb gibt, muss es Grenzen geben. Der 2. Artikel geht deshalb folgerichtig auf die Grenzen des Menschen ein. Aus den einzelnen Menschen besteht der Staat, den die Verfasser in Gottes Ordnung zurückrufen wollen und dessen Wesen und Aufgabe sie im 3. und 4. Artikel darlegen. Nach dem 4. Artikel ist die Lebenswirklichkeit des Menschen als Einzelnem und im sozialen Kontext dargestellt, jetzt kann im 5. Artikel auf die göttlichen Gebote eingegangen werden, die diese Lebenswirklichkeit schützen sollen.

Das Altonaer Bekenntnis erweckt große Aufmerksamkeit. Dies zeigen nicht nur zeitgenössische Beurteilungen[4], sondern auch der 1948 erscheinende Bericht im Kirchlichen Jahrbuch 1933/34[5]. Bereits im Februar 1933 bitten die Leitung und 213 Pastoren der Mecklenburg-Schwerinischen Landeskirche besonders kirchliche Arbeitskreise, sich mit dem Altonaer Bekenntnis zu befassen und sich zu ihm zu bekennen[6]. In den nächsten Monaten folgen weitere von ihm beeinflusste Bekennt-nisse[7]. So ist im „Evangelischen Kirchenblatt für Schlesien“ deshalb am 2.6.1933 zu lesen: „Denn was das A.B. gebracht hat, ist ein Anfang vielleicht der wichtigsten Arbeit, die in der werdenden Kirche geleistet werden muss“[8]. Der Aufbruch der Kirche in eine neue Organisationsform ist spätestens erfolgt, als am 20.5.1933 im Loccumer Manifest Grundzüge der neuen Kirchenverfassung veröffentlicht werden. In dieser Aufbruchs-stimmung wird das Altonaer Bekenntnis nicht als ein Bekenntnis unter vielen gesehen, sondern ihm wird eine besondere Stellung eingeräumt. Diese Beurteilungen des Altonaer Bekenntnisses in seiner Zeit sind Argumente für die Einschätzung von Klaus Scholder: „[Das Altonaer Bekenntnis] war keineswegs nur ein ‚unklares Vorspiel‘[zur Barmer Theologischen Erklärung][9], sondern der erste kirchliche Schritt zur Klärung der Fronten“[10].


[1]P. Asmussen, P. Hasselmann, P. Knuth, Professor Tonessen und P. Thomsen, Schmidt I, S. 19.

[2] Sieveking, Schröder, Hoffmann, A. Reuter, Roos, Reuter, Thun, Ketels, Siegmann, Stalmann, W. Petersen, Tonnesen, Abraham, Christiansen, Andersen, Hildebrand, Hasselmann, Asmussen, Thomsen, Thedens, Knuth. Aus: Asmussen, Hans: Politik und Christentum, Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1933, S. 187.

[3] Artikel 1: Von der Kirche.

[4] Z. B.: „Theologen und Laien, Gebildete und schlichte Menschen des Volkes mit einem gesunden Sinn für das Notwendige, kirchentreue und kirchenentfremdete Leute beschäftigen sich mit ihm. Die Geister trennen sich in einem leidenschaftlichen Für und Wider“ (JK 1933, S. 83).

[5] „Von der Existenz dieser [jungreformatorischen] Kräfte erschien grade noch vor dem 30. Januar 1933 ein besonders bedeutsames Zeugnis, das wie ein Zeichen der Hoffnung für die Kirche im Dritten Reich am Anfang des schicksalsschweren Jahres 1933 anmutete. Es war dies[:] Das Wort und Bekenntnis Altonaer Pastoren in der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens“, KJ 1933/44, S. 7 f.

[6] „21 Pastoren der uns benachbarten evangelisch-lutherischen Kirche Schleswig-Holsteins haben am 11. Januar 1933 ein gemeinsames Wort und Bekenntnis gewagt. Wir begrüßen dieses Bekenntnis als einen ersten Schritt auf einem notwendigen Weg. Wir legen es hiermit den Gemeinden unserer Mecklenburg-Schwerinschen Landeskirche vor und bitten: Hört dies Wort, setzt euch mit ihm auseinander, bekennt euch zu ihm in Wort und Tat. Besonders wenden wir uns mit unserer Bitte an alle kirchlichen Arbeitskreise: Pastorenkreise, Lehrerkreise, Kirchge-meinderäte, Männerdienste, Frauengruppen, Jugendvereine, Gemeinschaften, Bibelkreise, Ge-meindevereine usw.“ aus: „Das Evangelische Mecklenburg. Monatsblatt für kirchliche und soziale Fragen der Gegenwart, Februar 1933, 8. Jahrgang.“, S. 13. LkA EKvW Best. 5.1/597/F.1/6.

[7]Aus Schmidt I: 1. Osnabrücker Bekenntnis  2. Kirche, Volk und Staat 3. Wort und Bekenntnis westfälischer Pastoren zur Stunde der Kirche und des Volkes 4. Bekenntnis eines Nationalsozialisten.

[8] JK 1933, S. 95.

[9] Vgl. Hartmut Ludwig: Altonaer Bekenntnis, in: RGG4 A-B, 381.

[10] Scholder, S. 237, hier werden auch weitere Veröffentlichungen genannt, die Scholders Ansicht stützen.


Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen 2: Vorgeschichte zum Altonaer Bekenntnis

Das Jahr 1931/32: Kirchenvertrag, Kirchenwahlen und die Folgen

Am 13.6.1931 wird „Der Vertrag der Evangelischen Landeskirchen mit dem Freistaat Preußen“ und der nötige Gesetzesentwurf im Preußischen Landtag mit 201:56 Stimmen und 105 Enthaltungen angenommen[1]. Er soll das Verhältnis von Staat und Kirche neu regeln. Der Abschluss dieses Vertrages führt dazu, dass sich der märkische Gauleiter Wilhelm Kube entschließt, die Altpreußische Union politisch zu übernehmen. Bei den anstehenden Neuwahlen ihrer Gemeindevertretung vom 12.-14.11.1932 will Kube „eigene nationalsozialistische Listen“ aufstellen, um so „die Kirche in unsere Hände [der Nationalsozialisten] zu bekommen“[2]. Im Dezember 1931 sind Bedenken seitens der NSDAP und andere Widerstände überwunden[3], wie ein Brief von NSDAP-Reichsor-ganisationsleiter Straßer an Kube zeigt[4]. Es beginnt der offizielle Gründungsprozess der Gruppe, die die kirchenpolitische Auseinandersetzung der nächsten Jahren unter dem Namen „Deutsche Christen“ mitbestimmt. Er findet am 6.6.1932 seinen Abschluss mit der Bekanntgabe der „Richtlinien der Glaubensbewegung ‚Deutsche Christen‘“ und ihrer damit offiziell erfolgten Gründung[5].

Im Rahmen dieser Arbeit kann angesichts des Umfanges der angekündigten Bekenntnisse nicht auf einzelne Bekenntnisse der Deutschen Christen eingegangen werden, deshalb werden nur kurz die Inhalte genannt, die die Auseinandersetzung der nächsten Jahre prägen. Ein wichtiges Ziel ist die Umformung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes zu einer Evangelischen Reichskirche[6], deren Zukunft sie im Nationalsozialismus sehen. Die Verbundenheit mit dem Nationalsozialismus zeigt sich besonders in ihrem pro-grammatischen Antisemitismus[7]. Auch ihre Ansichten zu Rasse, Volkstum und Nation[8] bestimmen die Auseinandersetzung der folgenden Jahre, sind jedoch nicht nur bei ihnen verbreitet.



[1] KJB 1931, S. 54.

[2] Scholder, S. 251.

[3] Zum Ablauf dieser Auseinandersetzungen vgl. Scholder S. 251 ff.

[4] „Ich bestätige den Erhalt Ihres Briefes vom 9. d. M. und bin mit Ihnen der Meinung, dass wir auf jeden Fall versuchen müssen, in die evangelischen Kirchenwahlen gemäß der Größe und Stärke der Partei einzugreifen“[4]. Scholder, S. 255.

[5] Zum genauen Ablauf vgl. Scholder, S. 255-262.

[6] „Wir kämpfen für einen Zusammenschluss der im „Deutschen Evangelischen Kirchenbund“ zusammengefassten 29 Kirchen zu einer Evangelischen Reichskirche“, Schmidt I, S. 135.

[7] „In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. Sie hat neben der Äußeren Mission keine Daseinsberechtigung. Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardierung besteht. Die Heilige Schrift weiß auch etwas zu sagen von heiligem Zorn und versagender Liebe. Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten.“ Ebd.

[8] „Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen uns Gottes Gesetz ist. Daher ist der Rassenvermischung entgegenzutreten.“ Ebd.

Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen I – Was hier erscheinen wird

Ich habe vor zwei Jahren in Kirchengeschichte eine Hausarbeit über das Thema Bekenntnisentwicklung vor Barmen geschrieben. Mit der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 wurde ein Zeichen gegen die Gleichschaltung von Kirche und Staat gesetzt und dem Nationalsozialismus und den „Deutschen Christen“ in einiger Hinsicht widersprochen, wer mehr Informationen dazu haben möchte, schaue hier. Doch schon vor 1934 gab es verschiedene Äußerungen gegen Nationalsozialismus und Deutsche Christen. Mit einigen dieser Äußerungen habe ich mich beschäftigt und war beeindruckt von ihnen. Nach der Barmer Theologischen Erklärung sind die meisten dieser Erklärungen in Vergessenheit geraten – sie wurden von der Barmer Theologischen Erklärung in den Schatten gestellt. Da ich im Laufe meiner Arbeit zu der Überzeugung gelangt bin, dass die Barmer Theologische Erklärung ohne die Vorarbeiten nicht möglich gewesen wäre, finde ich, es wird Zeit, den Schatten ein bisschen aufzuhellen, und dazu soll diese neue Reihe dienen.

Am Anfang steht, entsprechend der historischen Reihenfolge, das sogenannte Altonaer Bekenntnis.

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Stöckchentreffer

Benny hat mit dem Stöckchen erstaunlich gut gezielt, hab’s aufgefangen 😉

1. Oben sprach ich von ner Verfilmung der Höllenfahrt Christi mit Chuck Norris als Teufel. Wem würdest Du die Rolle von Jesus geben und wieso?

Hm… da ich gerne Bud Spencer Filme gucke: Carlo Pedersoli (allerdings nur, wenn vor ca. 20 Jahren gedreht worden wäre ;))

2. Das Evangelium, die frohe Botschaft. In drei (gerne längeren) Sätzen.

Hier erlaube ich mir eine Freiheit in der Antwort (Freiheit eines Christenmenschen und so ;)) und antworte in mehr als drei Sätzen, nämlich in einer Geschichte. Sie zeigt finde ich ganz gut, was Gottes Vergebung ausmacht:

Ein König plant ein großes Fest. Wochenlang vibriert die Stadt förmlich vor freudiger Erwartung auf den Festtag. Als es am Tag vor dem Fest wie aus Eimern schüttet, macht sich Sorge breit, das Fest könnte doch noch abgesagt werden. Doch am nächsten Tag strahlt die Sonne und die Menschen strömen in Scharen herbei. Ein buntes Treiben voller Musik, Tanz, Gelächter und gutem Essen beginnt. Der König nimmt sich Zeit für seine Gäste, er steht selbst an der Tür, um seine Gäste zu begrüßen. So entgeht es ihm auch nicht, als ein Gast ausrutscht und sein Gewand von oben bis unten mit Schlamm bedeckt ist. Der Gast wendet sich ab, so verdreckt will er doch nicht auf dem Fest des Königs erscheinen. Dem König jedoch ist an jedem Gast gelegen, er versucht alles, den Gast zum Bleiben zu bewegen. Er bietet ihm sogar ein neues Gewand an, damit er nicht im verschmutzten Gewand aufs Fest gehen muss. Doch die Sorge des Gastes über das Gerede der anderen ist größer als aller Mut, den der König machen kann. So viele sind Zeugen seines Falles geworden. Schließlich sieht der König nur noch einen Ausweg. Vor den Augen aller Gäste wirft er sich in den Schlamm, bis sein Gewand völlig schlammverdreckt ist. So schlammverdreckt tritt er neben seinen Gast und spricht: „Den möchte ich sehen, der dich jetzt noch verspottet. Lieber nehme ich Spott auf mich, als dass du meinem Fest fernbleibst“. So ermutigt betritt der Gast mit dem König den Festsaal.

3. Abwandlung der obigen Frage: Wenn Du Pfarrer wärst, was würdest Du tun?

Vorhin eine längere Antwort, nun eine kürzere: Mich jeden Tag freuen, den zweitschönsten Beruf (nach Diakon ;D) ausüben zu dürfen :D“

Hab noch ein neues Stöckchen gefunden:

Nachdem ich heute im ersten Adventsgottesdienst etwas zum Thema „Warten“ gehört habe, bin ich später noch U-Bahn gefahren. Es stellte sich heraus, dass die Fußballfans die Infrastruktur doch sehr negativ beeinflussen, sprich: Ich passte nicht mehr in die U-Bahn rein und musste eine Viertelstunde auf die nächste warten. War erst nicht so begeistert, habe mich dann aber entschieden, mir davon nicht meine gute Laune angesichts der begonnenen Adventszeit verderben zu lassen und (mehr oder minder still) Adventslieder vor mich hingesungen. Hat meiner Laune gutgetan 🙂

Wie geht ihr mit längeren, ungeplanten Wartezeiten um?

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VaB: Besuch im Hain von Mamre – warten und fragen, Predigt zu Gen 18, 1-15

Diese Predigt ist eine Weiterentwicklung dieses Textes, den ich während einer Schweigewoche im Kloster geschrieben habe.

Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.

Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feinstes Mehl, knete und backe Kuchen.
Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum und sie aßen.
Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt.
Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes.
Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise.
Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen, und mein Herr ist auch alt!
Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich doch alt bin?
Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.
Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht -, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht. (Gen 18, 1-15)
Gott erscheint Abraham im Hain von Mamre. Der Hain ist schon einmal Ort der Beziehung zwischen Gott und Abraham gewesen. Nach der Trennung von Abraham und Lot wird folgendes geschildert:
Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der HERR zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen. Darum mach dich auf und durchzieh das Land in die Länge und Breite, denn dir will ich’s geben. Und Abram zog weiter mit seinem Zelt und kam und wohnte im Hain Mamre, der bei Hebron ist, und baute dort dem HERRN einen Altar. (Gen 13, 14-18)
Abraham bleibt im Hain von Mamre und die Bindung an den Ort und dessen Besitzer wird enger. Als Lot entführt wird, überbringt man ihm die Nachricht und er wird bezeichnet als „der Hebräer, der im Hain Mamres wohnt“. Zur Befreiung Lots eilt er mit 318 eigenen Knechten sowie der Unterstützung durch Mamre und dessen Brüdern Aner und Eschkol, mit denen er einen Bund geschlossen hat. (Gen 14, 1-24). Auf Betreiben Sarahs hin zeugt Abraham mit Haggar seinen Sohn Ismael (Gen 16, 1-16) und hat nun auch einen Erben. Die Situation Abrahams im Hain Mamre wird also wie folgt dargestellt: Er ist vor Ort bestens integriert durch das Bündnis mit Mamre, Aner und Eschkol. Einen Altar für den HERRN gibt es auch, auch von religiöser Seite ist also kein Stress zu erwarten. Die vielen Knechte, mit denen er zur Befreiung Lots geeilt ist, lassen auf einigen Wohlstand schließen und einen Erben hat er auch. Ein wenig wirkt das wie in der Werbung: Mein Haus, mein Auto, meine Frau. Alles ist geregelt.
Doch sehen wir genauer hin, erkennen wir: Die Verheißung, die Gott ihm gegeben hat, ist noch nicht erfüllt. Vor seiner Ankunft im Hain von Mamre wurde ihm doch gesagt: Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen nachkommen geben für alle Zeit und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden“. Gut, Abraham hat einen Platz für sein Zelt gefunden. Doch das Land gehört noch immer Mamre, es ist nicht Abrahams Land. Er ist dort Gast, zwar gerne gesehen, doch immer noch Gast. Und davon, dass seine Nachkommen zahlreich wie der Staub sind, kann bei einem Sohn auch noch nicht die Rede sein.
Der Hain von Mamre ist eine Zwischenstation. Er ist nicht Ort der Erfüllung der Verheißung Gottes, sondern Ort des Wartens auf diese Erfüllung. Es ist kein tatenloses Warten, wie z.B. die Befreiung Lots zeigt. Doch Abraham ist noch nicht angekommen, sondern muss weiter warten, dass sich seine Zukunft erfüllt.
Es ist ein Leben zwischen jetzt schon und noch nicht. Jetzt schon an einem Ort, der Sicherheit bietet – noch nicht ganz am Ziel. Jetzt schon viele spannende Erfahrungen mit Gott gemacht – noch nicht alles von Gott erfahren. Ich glaube, die Erfahrung des Wartens, des jetzt schon – noch nicht, ist es, die uns mit Abraham verbindet. Auch wir warten – und sind dabei nicht untätig. Denn wir erwarten und hoffen, dass wir in unserem Leben immer wieder ein Stück vorankommen. Wir machen jetzt schon erste Erfahrungen mit Gott – oder hoffen doch zumindest darauf. In Gemeinden, im Gebet, während der eigenen Bibellektüre, in Gesprächen. Wir können aber noch nicht alles von Gott erfahren, dazu ist die Zeit noch nicht reif. Wir wohnen in unserem eigenen Hain von Mamre – voller Erwartungen und Hoffnungen.

Im Hain von Mamre erscheint Gott Abraham. Er tritt in Gestalt der drei Männer in die Situation des Wartens hinein. Nachdem Abraham die drei Männer unter den Baum eingeladen und Gastfreundschaft angeboten hat, wird es hektisch. Abraham eilt ins Zelt zu Sarah. Sie soll eilen und aus feinem Mehl Kuchen backen. Dann läuft er zu den Rindern, gibt einem Knecht ein zartes Kalb, der eilt, um es zuzubereiten. Kaum ist Gott in die Wartesituation eingetreten, wird es höchst lebhaft. Als Abraham äußerlich zur Ruhe gekommen ist und wieder bei seinen Gästen ist, werfen diese seine Zukunftspläne durcheinander und einer wiederholt bereits Verkündetes: Sara wird binnen einen Jahres einen Sohn gebären. Die Worte sind an Abraham gerichtet, doch Sara hört sie im Zelt – und denkt sich ihren Teil. Sie, die alte Frau, die schon in jüngeren jahren unfruchtbar war, soll mit ihrem noch älteren Mann einen Sohn zeugen und gebären? Nein, das geht nicht, das sprengt ihre Vorstellungskraft. Sie lacht – doch ich habe Zweifel daran, dass es sich um ein fröhliches Lachen handelt.

Für sie muss diese Aussage wie blanker Hohn klingen, der wieder einmal Salz in die Wunde streut, dass sie kein Kind hat. Und doch stellt sie die Frage: „Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich alt bin?“ Aus der griechischen Übersetzung geht hervor, dass es sich dabei um ein Selbstgespräch handelt, vielleicht eine an Gott gerichtete Frage. Gott wiederum antwortet über Umwege – er leitet Saras Frage an Abraham weiter (Gen 18, 13) – und fragt ihn gleich noch, warum Sara gelacht habe. Kein Wunder, dass Sara erschrickt und abstreitet, gelacht zu haben. Dabei befindet sie sich mit Fragen und Lachen in der Gesellschaft Abrahams wieder. Auch er hat über Gottes Ankündigung gelacht und gefragt, wie das denn möglich sein soll (Gen 17, 17). Wenn also jemand für Saras Lachen und Fragen vollstes Verständnis haben müsste, dann doch Abraham. Doch ihr Schreck rührte wohl eher von der Frage her, die Gott stellt: Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? In diesem Moment wird deutlich: Sara hat hier nicht Gott ein Frage gestellt. Gott Fragen stellen ist kein Problem, von Fragen an Gott berichtet die Abrahamsgeschichte mehrfach. Doch Sara hat hier – wie schon zuvor übrigens Abraham – die Macht Gottes, sein Wort und damit ihn selbst in Frage gestellt. Genau das wird ihr vermutlich bewusst, als sie die Frage hört: Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Da vergeht ihr das Lachen so gründlich, dass sie leugnet, überhaupt gelacht zu haben. Eine größere Distanzierung zur Tat, als zu leugnen, sie begangen zu haben, ist kaum denkbar. Nur noch die Bitte um Vergebung könnte eine größere Distanzierung von der Tat sein. Doch die Bitte um Vergebung bleibt aus. Die Tat bleibt im Raum stehen: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Gott kommt hier unerwartet in die Wartezeit von Abraham und Sarah hinein, es geraten Dinge in Bewegung, mit denen keiner gerechnet hat – und Sarah lacht, wie zuvor Abraham. Sie stellt eine Frage, sie stellt in Frage – wie zuvor Abraham. Doch trotz Lachens, trotz des in-Frage-Stellens hält Gott an seiner Verheißung, an seiner Zusage fest. Er bleibt treu.

Auch in unsere Wartezeiten tritt Gott immer wieder unerwartet ein. Es können die Situationen sein, in denen wir einfach nur lachen müssen, weil etwas so völlig absurd ist. Es können aber auch die Situationen sein, in denen wir nur noch fassungslos fragen können: Gott, was soll das? Das kann doch garnicht sein! Doch durch alle Absurditäten und Fragen hindurch gilt in allen Wartezeiten: Gott bleibt treu. Die Fremden, Gott selbst, haben wieder Bewegung in das Leben von Sara und Abraham gebracht. Abraham begleitet die Männer am nächsten Tag – mit seiner Sesshaftigkeit ist es erstmal  vorbei. Ihm und Sara ist ein gemeinsamer Sohn verheißen. Wo Gott spricht, geraten Dinge in Bewegung, die festgefügt scheinen. Aus Wartezeiten heraus wird neu aufgebrochen – allen Fragen, allem spöttischem oder bitterem Gelächter zum Trotz. Alle sachlich durchaus begründeten Zweifel ändern nichts an der Dynamik des Wortes Gottes. Im Vertrauen auf das Wort Gottes, auf seine Treue, können auch wir jeden Tag, jede Woche neu einen Aufbruch wagen.

Glaube

VaB: Gedanken aus der Stille IV

 

In der Reihe „Gedanken aus der Stille“ habe ich Texte veröffentlicht, die während einer Woche Schweigen in Taizé entstanden sind.

Dieser Text bezieht sich auf Gen 18, 1-15

Bis zur Szene in Mamre ist ein langer Anlauf nötig. Am Ende des Anlaufs stellt sich die Szene in Mamre dann so dar: Abraham ist im Hain des Amoriters Mamre sesshaft geworden und mit ihm, Eschkol und Aner einen Bund eingegangen. Er ist schon so fest mit dem Hain Mamre verbunden, dass er als „Hebräer, der im Hain Mamres wohnt“ bezeichnet wird (Vgl. Gen 14, 13). Er verfügt schon über Wohlstand, wie aus Gen 14, 14 hervorgeht. Man darf wohl davon ausgehen, dass sich die Situation noch verbessert haben wird. Auch das Problem eines eigenen Erben ist gelöst – trotz Streitigkeiten zwischen Sara und Hagar wurde Abraham mit 86 Jahren Vater von Ismael. Doch in Gen 17, 15 ff dann die Ankündigung: Nicht Ismael soll der sein, mit dem Gott den Bund, den er mit Abraham schloss, fortführt. Sara, die schon in Kapitel 11 als unfruchtbar vorgestellt wird und von deren Unfruchtbarkeit jetzt schon aufgrund ihres Alters auszugehen ist, soll Mutter werden. Ismael soll es wohl ergehen, doch Bundespartner soll der leibliche Sohn Abrahams und Saras werden. Vor dieser Situation steht Abraham, als ihn in Gen 18 die drei Fremden begegnen.

Die Mittagszeit ist eine ungewöhnliche Zeit, um unterwegs zu sein. Damit auch ja nicht übersehen wird, wie ungewöhnlich das Auftauchen der Fremden ist, wird noch erwähnt, dass sie ausgerechnet zu der Zeit unterwegs sind, als es am heißesten ist. Abraham bietet den drei Fremden mehr als nur eine kurze Rast im Schatten an. Die Fußwaschung ist Zeichen dafür, dass er sie zu einem längeren Aufenthalt einlädt (vgl. Bedeutung der Fußwaschung). Die Vorbereitungen Abrahams für ein Essen überraschen daher nicht mehr. Dass es sich um drei Gäste handelt, mag seine Ursache in der Bedeutung der Zahl drei für Geschichten generell haben. Von dieser schon im Orient bekannten Zahlensym-bolik leben auch heutige Märchen, wenn z.B. nacheinander drei Söhne aufbrechen, um eine Aufgabe zu erfüllen und erst der dritte Erfolg hat. Führt man sich diese Bedeutung der Zahl drei vor Augen, ist klar, dass hier von Anfang an alles auf ein gutes Ende eingestellt wird: Abraham verhält sich freundlich und die Zahl der Gäste stimmt auch.

In das ruhige, geordnete Leben Abrahams und Saras treten also drei Männer – und mit der Ruhe ist es schlagartig vorbei. Nicht nur, dass in aller Eile ein Gastmahl vorbereitet wird und Abraham – meiner Meinung nach – ziemlich hektisch hin und her eilt. Kaum ist er äußerlich zur Ruhe gekommen und sitzt wieder bei seinen Gästen, werfen diese seine Zu-kunftspläne durcheinander und einer wiederholt bereits Verkündetes: Sara wird binnen einen Jahres einen Sohn gebären. Die Worte sind an Abraham gerichtet, doch Sara hört sie im Zelt – und denkt sich ihren Teil. Sie, die alte Frau, die schon in jüngeren jahren unfruchtbar war, soll mit ihrem noch älteren Mann einen Sohn zeugen und gebären? Nein, das geht nicht, das sprengt ihre Vorstellungskraft. Sie lacht – doch ich habe Zweifel daran, dass es sich um ein fröhliches Lachen handelt.

Für sie muss diese Aussage wie blanker Hohn klingen, der wieder einmal Salz in die Wunde streut, dass sie kein Kind hat. Und doch stellt sie die Frage: „Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich alt bin?“ Aus der griechischen Übersetzung geht hervor, dass es sich dabei um ein Selbstgespräch handelt, vielleicht eine an Gott gerichtete Frage. Gott wiederum antwortet über Umwege – er leitet Saras Frage an Abraham weiter (Gen 18, 13) – und fragt ihn gleich noch, warum Sara gelacht habe. Kein Wunder, dass Sara erschrickt und abstreitet, gelacht zu haben. Dabei befindet sie sich mit Fragen und Lachen in der Gesellschaft Abrahams wieder. Auch er hat über Gottes Ankündigung gelacht und gefragt, wie das denn möglich sein soll (Gen 17, 17). Wenn also jemand für Saras Lachen und Fragen vollstes Verständnis haben müsste, dann doch Abraham. Doch ihr Schreck rührte wohl eher von der Frage her, die Gott stellt: Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? In diesem Moment wird deutlich: Sara hat hier nicht Gott ein Frage gestellt. Gott Fragen stellen ist kein Problem, von Fragen an Gott berichtet die Abrahamsgeschichte mehrfach. Doch Sara hat hier – wie schon zuvor übrigens Abraham – die Macht Gottes, sein Wort und damit ihn selbst in Frage gestellt. Genau das wird ihr vermutlich bewusst, als sie die Frage hört: Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Da vergeht ihr das Lachen so gründlich, dass sie leugnet, überhaupt gelacht zu haben. Eine größere Distanzierung zur Tat, als zu leugnen, sie begangen zu haben, ist kaum denkbar. Nur noch die Bitte um Vergebung könnte eine größere Distanzierung von der Tat sein. Doch die Bitte um Vergebung bleibt aus. Die Tat bleibt im Raum stehen: Es ist nicht so, du hast gelacht. Doch trotz der Schuld hält Gott an dem Gesagten fest.

Die Fremden, Gott selbst, haben wieder Bewegung in das Leben von Sara und Abraham gebracht. Abraham begleitet die Männer am nächsten Tag – mit seiner Sesshaftigkeit ist es erstmal  vorbei. Ihm und Sara ist ein gemeinsamer Sohn verheißen. Wo Gott spricht, geraten Dinge in Bewegung, die festgefügt scheinen. Alle sachlich durchaus begründeten Zweifel ändern nichts an der Dynamik des Wortes Gottes.