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Gottesdienst als Konsumprodukt?

Ich mochte ja Kirchenchöre im Gottesdienst noch nie so recht. Und das liegt nicht etwa daran, daß ich keinen Chorgesang mögen würde, oder daß mir deren Musik nicht gefiele, nein! Ich liebe Musik. Und ich liebe es, zu singen. Und da liegt das Problem: Wenn in der Kirche ganz normal Kirchenlieder gesungen werden, ob Neander, Luther, Klepper oder Siebald, dann sing ich mit Freude mit.

Nur wenn ein Chro singt, dann ist die gesellschaftliche Konvention halt so, daß ich da nicht mitmache, sondern zuhören muß. Was man da zu hören bekommt ist ja meist richtig gut. Viele Chöre singen schon seit Jahrzehnten zusammen und klingen auch dementsprechend gut. Trotzdem fehlt mir da immer was. Ich will halt trotz allem mitsingen, auch wenn ich bei weitem nicht so gut singe.

Ein Gottesdienst ist ein Geschehen, bei dem es gemeinschaftliche Handlungen gibt, wie das gemeinsame Singen, und bei dem es Handlungen Einzelner gibt, während alle anderen eine Konsumhaltung einnehmen ud zuhören oder zusehen. Ein Beispiel wäre etwa die Predigt.

Jetzt hab ich bei Soul Preaching Ministries von sogenannten „prayer warriors“ gelesen. Das sind Leute mit einer besonderen Begabung für das Gebet. Sie übernehmen quasi das Gebet der Gemeinde, weil sie es besonders gut können. Auch vom „praise team“ ist die Rede, das den Lobpreis macht. Der Artikel stellt schließlich fest, daß es eine Bewegung dahin gibt, daß die Gemeinde durch solche Entwicklungen immer mehr an den Rand gedrängt wird und im Gottesdienst immer weniger eine Rolle spielt. Sie hören quasi nur noch zu, während bestimmte Fachleute die „Show“ (wie sollte man es sonst nennen?) machen. Das ist die Situation in Amerika. In deutschen Landeskirchen hört man recht wenig von „Gebetskriegern“ und auch Lobpreisteams sind noch nicht der Standard.

Mir fiel die Parallele zum Gesang ein, die ich oben geschildert habe, und ich stelle mir weiterführend die Frage: Sind solche Gottesdienstteams, die Gottesdienste vorbereiten und deren Mitglieder auch Teile des Gottesdienstes selbst übernehmen, nicht deshalb ins Leben gerufen worden, um auch normale Gemeindeglieder mit einzubeziehen, damit der Pfarrer nicht herausgehoben vor allen dasteht?

Nachdem ich den Artikel bei Soul Preaching Ministries gelesen habe, kommen mir Zweifel, ob man die gewünschten Effekte mit solchen Gruppen erreicht. Womöglich erreicht man lediglich, daß die Gemeinde aus dem Gottesdienstgeschehen herausgedrängt wird: Der Pfarrer macht die Predigt, der Gebetskrieger die Gebete und der Chor übernimmt den Gesang. Wenn wir jetzt noch jemanden finden, der in besonders würdiger Weise am Abendmahl teilnimmt (die Kirche von Rom ist hier wie mir scheint schon einen halben Schritt weiter als die Protestanten), kann man sich Gottesdienstvorführungen auch auf DVD kaufen und zu gelegener Zeit ansehen. Einen wirklichen Unterschied zur Gottesdienstteilnahme vr Ort gäbe es dann nicht mehr.

Ich frage mich, ob die Einbeziehung der Gemeinde nicht viel eher darin liegen könnte, daß man diese Fachgruppen abschafft. Daß man bei einem Gottesdienstablauf bleibt, der vielleicht schon vor Jahrhunderten festgelegt wurde, daß alle singen, alle beten (wieso nicht eine Art Open Mic wenn die Fürbitten dran sind?), alle die Sakramente empfangen und… ja, bei der Predigt fällt mir in der Tat nicht ein, wie man hier für eine Egalisierung sorgen könnte. Mehr Prädikanten würde ja auch wieder mehr Fachleute bedeuten, also in die entgegengesetzte Richtung zeigen. Aber wenn nur noch die Predigt vom Pfarrer kommt und alles weitere vor allem aus der Gemeinde, dann wäre man doch schon einen Schritt weiter!

6 thoughts on “Gottesdienst als Konsumprodukt?

  1. Seit meinem zwölften Lebensjahr bin ich Mitglied der ‚Fachgruppe‘ Posaunenchor. Es gab lange Zeiten meines Lebens, wo ich bei fast jeder Predigt und jeder Standardliturgie das Gefühl hatte, ich bin im falschen Film. Irgendwas war immer dabei, bei dem meine Vernunft ein Veto eingelegt hat und dann war Schluss mit der Andacht. Worte sind mehrfach besetzt, unklar definiert, unscharf, missverständlich, bedeuten in verschiedenen Kontexten Verschiedenes. Die Theologie macht da für sich selbst gewaltige Dehnübungen zwischen antikem und modernem Weltbild sowie akademischem Denken und Volksfrömmigkeit. Da darf man manchmal von außen nicht mehr kritisch und konsequent fragen und eindeutige Definition und Verwendung von Begriffen einfordern, sonst platzt das alles auf.

    Mit der Musik hatte ich diese Probleme nie. Die Kirchenmusik hat mich über Jahrzehnte kirchlich bei der Stange gehalten. Inzwischen habe ich auch wieder einen Zugang zum Wort gefunden. Aber wenn man die ‚Fachgruppe‘ Posaunenchor vor dreißig Jahren abgeschafft hätte, wäre ich vermutlich nicht mehr in der Kirche.

  2. Theologie ist etwas anderes als Gottesdienst. In der Theologie darf und muß man fragen. In den Gottesdienst gehören die gefundenen Antworten, aber eben unter Berücksichtigung des „Volksglaubens“, man muß die Leute dort abholen, wo sie sind. Und es ist eben keine Vorlesung, weil da sitzen nicht nur Menschen mit Hochschulreife, und es geht auch nicht um Wissensvermittlung, sondern um Zuspruch des Wortes Gottes. Das hat auch eine emotionale, seelische Komponente und ist keine exakte Wissenschaft, ja nicht mal überhaupt eine Wisenschaft. Die Wissenschaft ist wie gesagt die Theologie…

    Aber danke für Deinen Hinweis auf die Bindekraft von Gruppen wie Posaunenchören oder Vocalchören. Das hatte ich in der Tat nicht bedacht. Vielleicht könnte man beide so in den Gottesdienst integrieren, daß andere trotzdem mitsingen können und nicht zu bloßen Konsumenten werden…?

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