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Predigt zu „Der verlorene Sohn“ (Lk 15, 11-32)

Die folgende Predigt habe ich für einen Gottesdienst u.a. für Kommilitonen von mir geschrieben.

Der Vater sitzt an einem Tisch und schreibt einen Brief, er spricht mit, was er schreibt:

„Komm‘ doch wieder nach Hause! Wir werden ein Fest feiern, wenn du wieder da bist. Bleib doch bei mir und sei gesegnet“

Frage einer anderen Person: Wem schreibst du?

Antwort des Vaters: Meinen einen Sohn kennst du ja. Er gönnt sich nicht einmal hin und wieder einen Widder, um mit seinen Freunden zu feiern. Manchmal scheint es mir, als mache er sich selber hier zum Knecht – dabei gehört das alles doch auch ihm! Vielleicht sollte ich ihm das einmal deutlich sagen. Viel miteinander geredet haben wir ja nicht in den letzten Jahren. Doch ich hatte einst noch einen anderen, jüngeren Sohn. Ich glaube, die beiden waren viel zu verschieden, um es auf Dauer miteinander auszuhalten – oder gar nach meinem Tod gemeinsam den Hof zu führen. Doch eines Tages kam mein jüngerer Sohn zu mir. Er forderte von mir seinen Erbteil. Alle meine Versuche, die Familie doch zusammenzuhalten waren gescheitert, er wollte unabhängig von uns sein. Er hat wohl für sich keine Zukunft mehr bei uns gesehen. Das war ein harter Schlag für mich. Doch ich sah, dass weder Vorwürfe noch Bitten ihn von seiner Forderung abbringen würden und habe ihm schweren Herzens seinen Erbteil gegeben. Er ist dann kurz danach ausgewandert und hat uns ganz den Rücken gekehrt. Doch ich hoffe noch immer, dass er wiederkommt, ihm schreibe ich.

Frage einer anderen Person: Aber – wenn er euch doch den Rücken gekerht hat, warum schreibst du ihm dann? Warum willst du, dass er zurückkehrt? Er hat euch doch den Rücken gekehrt, warum verstößt du ihn nicht?

Antwort des Vaters: Wie könnte ich mein Kind verstoßen? Es kommt doch von mir – und da soll ich ihn verstoen? Was auch immer geschieht, mein Kind bleibt er doch. Er ist jetzt schon lange fort – und doch hoffe ich jeden einzelnen Tag auf seine Rückkehr. Was auch immer geschehen ist – wenn er doch nur wiederkäme, würde meine Freude und Vergebung keine Grenzen kennen. Alles würde ich dafür geben, wenn er nur wiederkäme!

Einspielen dieses Liedes.

Von der Kanzel/vom Rednerpult aus:

Der Wunsch des Vaters erfüllt sich, der Sohn kehrt tatsächlich zurück. Doch es ist ein hartes Ringen mit sich selbst, bevor er sich auf den Weg zu seinem Vater macht. Völlig am Ende sitzt er am Schweinepferch und kommt zu dem Schluss:

Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! (Lk 15, 17-19)

Er will zurückkehren – doch in eine der niedrigsten Stellungen, die denkbar war. Tag für Tag auf’s Neue angewiesen darauf, wieder angestellt zu werden. Dieses Los vor Augen macht er sich auf den Weg – doch die Rückkehr verläuft völlig anders, als von ihm geplant:

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.  Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. (Lk 15, 20-24)

Der Vater ließ ihn einst ohne Widerworte ziehen – doch nun legt er Widerspruch ein. Der Sohn hat kaum ausgesprochen: Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße – da sorgt der Vater bereits dafür, das das beste Gewand gebracht wird und er einen Ring an den Finger bekommt – er nimmt ihn voller Freude wieder voll und ganz in die Familie auf.

Das ist für mich das Faszinierende an der Geschichte. Keine Fragen: Wo warst du? Warum kommst du erst jetzt? Schämst du dich nicht? Sondern pure Freude des Vaters über die Rückkehr seines Sohnes! Und das ist für mich auch das Faszinierende an Gott, wie Lukas ihn hier zeichnet. In dieser Erzählung ist klar, dass mit dem Vater Gott gemeint ist. Ein Bruder aus Taizé sagte einmal in einer Bibeleinführung: „Weil der Vater den SOhn schon von weitem sieht, habe ich immer den Eindruck, dass der Vater Tag für Tag vor dem Haus sitzt und nach seinem Sohn Ausschau hält, voller Hoffnung darauf, dass der Sohn einmal zurückkommt, und ja nicht den Moment verpassen will, wenn er zurückkommt“. Ich glaube, genau das ist ein wichtiger Punkt dessen, was Gottes Beziehung zu uns ausmacht: Sein Warten auf uns, seine Sehnsucht danach, dass wir doch zu ihm kommen mögen. Lukas ist es auch, der mehr als alle anderen Evangelisten deutlich macht, wie diese Rückkehr aussehen kann, selbst in ausweglosesten Situationen: Sehnsucht nach Christus und Vertrauen auf Christus. Das beste Beispiel dafür sehen wir in der Kreuzigungsszene bei Lukas: Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach:

Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!  Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23, 39-43)

Der Verbrecher konnte nichts anderes mehr tun, als seinem Verlangen danach, dass Christus an ihn denken möge, seiner Sehnsucht nach ihm, Ausdruck zu verleihen und auf ihn zu hoffen. Wie der Sohn zu seinem Vater, so kommt der Verbrecher zu Christus: Voller Sehnsucht, voller Schuld – und wird ohne Fragen danach, was er getan hat oder warum er denn jetzt ankommt angenommen. Und wie der Sohn zum Vater, wie der Verbrecher zu Christus, so können auch wir zu Gott kommen: Voller Sehnsucht, voller Schuld – doch mit der Zusage Christi, bei Gott angenommen zu sein.

2 thoughts on “Predigt zu „Der verlorene Sohn“ (Lk 15, 11-32)

  1. Hach, ich finde an dieser Kurzerzählung Jesu immer wieder interessant, dass sich so viele Christen mit dem „verlorenen“ Sohn identifizieren, obwohl sie in ihrer Lebenswirklichkeit eher der andere Sohn wären… und der ist bei weitem weniger liebevoll als Papi. 😉

  2. Danke für diesen Kommentar! Die Person des älteren Sohnes wäre auf jeden Fall eine eigene Auslegung wert, dazu fehlt mir grade die Zeit, deshalb erstmal nur in aller Kürze.
    Ich glaube, dass soviel Ehrlichkeit dazugehört, zu zeigen, dass es bei aller Vergebung Gottes eben auch Unverständnis für diese Vergebung gibt. Mit Sicherheit ist die Vergebung Gottes mitunter auch für Christen nur sehr schwer zu verstehen und Lieblosigkeit gegenüber anderen ist auch bei Christen anzutreffen. Genau das verharmlost diese Geschichte, wie ich finde, überhaupt nicht. Sie thematisiert es in Gestalt des älteren Sohnes – und zeigt zugleich, wie Gott damit umgeht: Obwohl der ältere Sohn zornig und verbittert ist, geht der Vater auf ihn zu. Er bittet den Sohn, mitzufeiern. Kein Tadel über den Zorn des Sohnes ist hier zu lesen, sondern die Bitte, sich doch mitzufreuen. Freude statt Zorn. Es wird nicht unter den Teppich gekehrt, dass es auch angesichts der Vergebung zu Zorn aufgrund von Enttäuschung kommen kann, auch unter Christen. Dass wir gut daran tun, uns daran zu erinnern: Wir können in unserem Unverständnis für die Vergebung Gottes auch der ältere Sohn sein. Und dass der Vater eben auch dem älteren Sohn nachgeht, ihn in die Gemeinschaft zurückholen will und für Verständnis für die Freude über den zurückgekehrten Sohn wirbt.

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