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Gedanken aus der Stille I

Nach zwei Wochen bin ich jetzt von einem Taizéaufenthalt zurück. Ich hatte dort wieder eine wundervolle Zeit und war endlich mal wieder eine Woche im Schweigen. Da man im Schweigen viel Zeit zum Nachdenken hat, sind dabei einige Texte rausgekommen, die ich nicht einfach in einer Schublade verschwinden lassen möchte. Der erste befasst sich mit der Passionsgeschichte bei Lukas (Lk 22-23), insbesondere mit den Worten Jesu am Kreuz (Lk 23, 33 ff)

Kreuzigung und Tod Jesu erhalten bei Lukas durch das Schweigen und die Worte Jesu am Kreuz ihren ganz eigenen Charakter. Dreimal spricht Jesus am Kreuz bei Lukas, jeder Ausspruch beleuchtet einen neuen Teil seines Leidens und Sterbens. Die ersten Worte Jesu am Kreuz, während er gekreuzigt wird, sind: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Auch in den Stunden seines Todes stellt Jesus seine Beziehung zu Gott nicht in Frage. Auch als ihm schon Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt werden, beginnt er sein Gebet mit „Vater“.
Die folgende Bitte um Vergebung zeigt: Gott nimmt das Leiden Jesu keineswegs ungerührt hin. Es ist nötig, dass Jesus um Vergebung für die bittet, die ihn kreuzigen. Die Soldaten, die Jesus kreuzigen, können sich nicht darauf berufen, ihre Pflicht getan zu haben. Sie werden schuldig – wie alle Menschen. Und weil sie schuldig werden wie alle Menschern reicht auch die Bitte Jesu um Vergebung weiter als nur bis an den Rand von Golgatha. Ich glaube, Jesus bittet am Kreuz nicht nur für die, die ihn gerade an Kreuz nageln. Er bittet für alle, die ihn ans Kreuz gebracht haben durch ihre Schuld – er bittet auch für uns. Der Christus, den Lukas hier schildert, ist der bittende Christus: Er bittet Gott um Vergebung für die Soldaten, für die Menschheit, für uns.
Als Jesus dann am Kreuz hängt, verspotten ihn die Obersten des Volkes,  die Soldaten und einer derer, die mit ihm hingerichtet wurden.
Den Anfang machen die Obersten: „Er hat anderen geholfen, er helfe sich selbst, ist er der Christus, der Auserwählte“. Die Versuchung, der Jesus am Beginn seines irdischen Wirkens ausgesetzt war, wiederholt sich am Ende. Hieß es in der Wüste: „Bist du Gottes Sohn, so sprich zu den Steinen, dass sie Brot werden“, d.h. helfe dir doch selbst, wende dein Hungerleiden ab (Lk 4, 3), so heißt es nun: helfe dir doch selbst, wende dein Todesleiden ab, wenn du der Messias bist. Jesus schweigt.
Die zweite Versuchung: In der Wüste bietet der Teufel Jesus weltliche Macht an, wenn er vor ihm niederfalle (Vgl. Lk 4, 5 ff). Bei den Soldaten heißt es: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber“ (Lk 23, 37). Los, erweise doch, dass du ein Herrscher bist. Zeige deine Macht. Jesus schweigt.
Die dritte Versuchung: Der Teufel führt Jesus auf die Tempelzinne in Jerusalem. Wirf dich hinab, dir kann doch nichts passieren (Lk 4, 9). Einer derer, die mit ihm gekreuzigt werden, spricht zu ihm: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns“. Los Jesus, erweise deine Macht über Leben und Tod. Wirf dich von der Zinne oder steige vom Kreuz – zeige doch, dass dein Leben unter Gottes Schutz steht. Jesus schweigt. Anders als in der Wüste gibt er auf keine der neuen Versuchungen eine Antwort. Es ist alles gesagt. Ein schweigsamer Jesus gegenüber den Anfechtungen.
Dann spricht der andere Verbrecher. Er weist den ersten zurecht und stellt die Unschuld Jesu fest. Hier ist ein Blick in die Szene der Festnahme bei Lukas aufschlussreich. Jesus gebietet auch bei Matthäus und Johannes der Gewalt, die von seinen Jüngern ausgeht, Einhalt (Mt 26, 47 ff. Joh 18, 1-10)Er heilt jedoch nur bei Lukas das Ohr des verwundeten Knechtes. Er erweist sich als derjenige, der Gewalt so sehr ablehnt, dass er nicht einmal ihre Folgen am Körper eines Feindes duldet und erweist sich so als völlig unschuldig an jeder Gewalt. Grade vor diesem Hintergrund ist die Feststellung des Verbrechers bemerkenswert, denn auch sie wird nur von Lukas überliefert. Dann bittet der Verbrecher: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst“. Der Verbrecher ist angesichts der eigenen Schuld machtlos. Hände und Füße sind festgenagelt oder gebunden, der Leib von der Geißelung geschunden. Er kann rein gar nichts mehr tun – außer das Wort an Jesus zu richten und ihm zu vertrauen. Es ist keine Bitte darum, aus der gegenwärtigen Lage erläst zu werden, der Blick ist schon auf die Zukunft gerichtet. Es fehlen die Worte, noch auf die eigene Schuld zu sprechen zu kommen. Keine Versuche, sich noch zu rechtfertigen. Nicht einmal eine eindeutig formulierte Bitte um Vergebung kommt ihm über die Lippen. Da ist nur pure Sehnsucht danach und Hoffnung darauf, von Jesus nicht vergessen zu werden. Das Leben mag er verlieren, seine  Hoffnung und seine Sehnsucht sind auf Jesus gerichtet. Und jetzt, im Angesicht der auf ihn gerichteten Sehnsucht und Hoffnung bricht Jesus sein Schweigen: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“. Jesus löscht den glimmenden Docht der Sehnsucht und Hoffnung nicht aus, er nährt ihn. Er hört hinter den Worten eine nicht ausgesprochene Bitte um Vergebung – und gewährt sie. Die Vergebung bedeutet nicht, dass der Verbrecher auf Erden keine Verantwortung für seine Tat übernehmen muss, doch sie trennt ihn nicht von Gott.
Doch auch in der Lebenssituation gibt Jesus Hoffnung. Ein Grund für die Kreuzigung war, dass sich das Sterben tagelang hinziehen konnte. Es war ein langes, qualvolles Sterben unter Muskelkrämpfen und schließlich dem Tod durch Ersticken. Indem Jesus sagt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ stellt er in Aussicht: Dein Leiden ist zeitlich begrenzt. Du wirst nicht mehrere Tage sterben, sondern noch heute. Für jemanden, der mit einem tagelangem Todeskampf rechnen muss, ist das in Anbetracht seiner Lage eine durchaus hoffnungsvolle Perspektive.
Das Gebet „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst“ hat für den Verbrecher Hoffnung zur Folge – für die leidgefüllte Gegenwart und die Zukunft nach dem Tod. Im Angesicht unserer Schuld sind wir nicht mächtiger als der Verbrecher. Wir können zwar Hände und Füße bewegen. Doch wir können weder unsere Schuld wegstoßen noch vor ihr weglaufen. Doch wenn uns angesichts unserer Schuld alle Worte fehlen, können wir mit dem Verbrecher beten: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst“. Er hat dem Verbrecher am Kreuz vergeben, wir können darauf vertrauen, dass er auch uns vergibt. Der Christus am Kreuz bei Lukas ist der gnädige Christus.
Am Ende des Leidens stehen bei Lukas die Worte: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“. Wie der Anfang, so steht auch das Ende des Kreuzestodes im Lichte der Beziehung Jesu zu Gott. Wie er Gott am Beginn der Kreuzigung mit Vater ansprach, so tut er es auch im Augenblick seines Todes. Doch dieses Mal geht es allein um Jesus und Gott. Waren zu Beginn die, die ihn ans Kreuz schlugen und wir Inhalt seiner Worte, ist er es jetzt selbst. Er befiehlt seinen Geist in die Hände seines Vaters. Im Augenblick seines Todes ist er sich der Beziehung zu Gott gewiss. Kein Wort mehr an seine Feinde, allein Gott ist es, der jetzt zählt.Andere mögen ihn auf Befehl von Pilatus gekreuzigt haben, doch nun ist er es, der befiehlt: seinen Geist in die Hände des Vaters. Im Sterben zeigt er völlige Souveränität. Auch der sterbende und leidende Christus ist der souveräne Christus.
Das ist der Christus am Kreuz bei Lukas:
Er bittet um Vergebung.
Er schweigt gegenüber der Versuchung.
Er hört auf das Gebet des Verbrechers und vergibt.
Er ist souverän bis in den Tod.

Das ist der Christus, der uns durch sein Sterben und seine Auferstehung vom Tod erläst hat und denen, die an ihn glauben, sagt: „Amen, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

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