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Umkehr am Baum – Eine Geschichte zu Lukas 19, 1-10

Über mir rauscht das Blätterdach. Ich habe einen guten Überblick. Meine Hände sind Geldstücke, nicht Baumrinde gewohnt und protestieren aufgeschürft gegen die ungewohnte Belastung. Auch meine Kleider waren der Kletterei nicht gewachsen, sie sind verdreckt und zerknittert. Da drückt ein Ast in meinen Rücken. Ganz vorsichtig jetzt. Glück gehabt, fast hätte ich den Halt verloren! Jetzt sitze ich wieder sicher, aber unbequemer als vorher. Die Menge unter mir wird unruhig. „Ich seh‘ ihn“ kräht eine Kinderstimme. Hat man mich etwa bemerkt? Ich spähe durch eine Lücke im gründen Blickschutz. Nein, niemand blickt hoch, alle recken die Hälse und versuchen, das Ende der Straße zu sehen. Dort erscheint Jesus. Ich strecke den Kopf durch die Blätter. Da unten achtet eh‘ keiner auf mich, so kann ich Jesus besser sehen. Seine Jünger bahnen ihm einen Weg durch die Menge, die mich mit Geschimpfe und Ellenbogen daran hindern wollte, ihn zu sehen. Nun sehe ich ihn doch und genieße trotz unbequemer Haltung meinen Triumph. Aber – was macht Jesus denn da? Er verlässt den Kreis seiner Jünger. Was hat er vor? Er wird doch nicht…? Er wird. Er kommt direkt auf meine Blätterfestung zu! Zeit zum Rückzug! Zu spät. Kaum bin ich wieder im Geäst verschwunden, höre ich schon seine Stimme. „Zachäus“ Woher kennt der meinen Namen – und warum ruft er mich vor allen Leuten? Geh doch weiter, es gucken bestimmt schon alle. Ich spüre die Blicke der Menge wie Pfeile Richtung Baumkrone fliegen und drücke mich dichter an den Stamm. Nun geh doch endlich! Er bleibt. „Komm schnell herunter“. Zu dieser Meute, die mich, wenn ich Glück habe, nur haßerfüllt anstarren wird? Zu dieser Meute, die nur darauf wartet, dass er mir die Meinung sagt – mit Sicherheit keine gute?Ohne mich. Irgendwann werden sie schon aufhören zu warten. Es ist warm, der Baum ist hoch, hier kriegt mich erstmal nur ein Wunder runter. „Denn in deinem Haus muss ich heute zu Gast sein“. Was? Keine Vorwürfe? Kein Ärger? Vorsichtig linse ich durch die Blätter. Jesus blickt hoch. Die anderen Gesichter fließen über vor Hass und Ablehnung. Er jedoch steht da und sieht mich freundlich an. Schnell steige ich hinunter, gerne nehme ich ihn bei mir auf!

Über mir rauscht das Blätterdach. Ich stehe eingezwängt in der Menschenmenge. Links der Schuster von nebenan, rechts der Schneider. Ich habe meinen Webrahmen kurz verlassen. Schließlich hat man nicht alle Tage Gelegenheit, Jesus zu sehen. Mein Sohn zupft an meinem Hosenbein. „Papa, siehst du ihn schon?“ fragt er mich bestimmt schon zum 10. Mal. „Nein, ich sehe ihn noch nicht“. Keine halbe Minute später zupft er wieder an meiner Hose. Ich schmuznele in mich hinein. Geduld ist auch nicht meine Stärke. Ich hebe ihn hoch und setze ihn auf meine Schultern. Er jauchst vor Freude. Der Kleine hat von meinen Schultern aus die bessere Sicht. Jetzt zupfe ich. „Siehst du ihn schon?“ „Nein, aber da raschelt was im Baum“. Sicher irgendein Vogel. Die Menge wird unruhig. “ Ich seh‘ ihn“ kräht jetzt mein Sohn von meinen Schultern. Die Leute recken die Hälse, um einen Blick auf Jesus zu werfen. Jetzt sehe ich ihn auch. Seine Jünger bahnen ihm einen Weg durch die Menge. Da beginnt Jesus, sich selbst durch die Menge hindurch einen Weg zu schaffen. Er kommt direkt auf uns zu! Da höre ich es wieder im Baum rascheln, blicke hoch  und sehe gerade noch einen Kopf zwischen den Blättern verschwinden. Wer das wohl war? Jesus kommt näher – und geht an uns vorbei auf den Baum zu. Etwas enttäuscht wende ich mich kurz ab. Für einen Moment hoffte ich, er käme zu mir. Als ich wieder zu Jesus gucke, blickt er zur Baumkrone empor. “ Zachäus“ ruft er. Die giftigen Blicke der anderen bohren sich mit meinem gemeinsam in die Blätter. Ausgerechnet Zachäus, dieser Betrüger sitzt also da oben. Da haben alle unsere Ellenboggen doch nichts gebracht. „Komm schnell herunter!“ Wenn er das macht, wird’s unangenehm. Als Verbündeter der Römer muss er zwar keine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben befürchten, doch die Blicke der anderen verheißen dennoch nichts Gutes. Es ist still unterm Baum, alle starren nach oben. “ Denn in deinem Haus muss ich heute zu Gast sein“. Jetzt richten sich alle Blicke auf Jesus. Oben raschelt es erneut, dann klettert Zachäus unter dem freundlichen Blick Jesu langsam vom Baum. Sie schicken sich an, gemeinsam weg zu gehen. Nun bricht empörtes Geraune los “ Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“ Da tritt Zachäus vor Jesus, anscheinend will er etwas sagen. Bestimmt will er sich über uns beklagen. Doch was erwartet er denn? Dass wir es kommentarlos hinnehmen, dass Jesus bei ihm, dem Betrüger und Handlanger der Römer, einkehrt? Auch die anderen merken, dass Zachäus Jesus etwas zu sagen hat. An ihren Ge-sichtern sehe ich, dass auch sie mit nichts Gutem rechnen. Was soll von Zachäus schon Gutes kommen? Doch merkwürdig – statt ihn niederzuschreien, verstummen alle. Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Alle hören, was Zachäus sagt: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Statt Freudentaumel stehen wir alle vom Donner gerührt. Die Feindseligkeit weicht allmählich, zurück bleibt nur leichte Skepsis. Ob er das auch einhält? Doch die Blicke, die sich auf Zachäus richten, sind nun schon wesentlich friedlicher. Dann erhebt Jesus die Stimme: “ Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.“ Nicht nur ihm ist Heil widerfahren. Wenn Zachäus seinen Worten Taten folgen lässt, wird es vielen Menschen besser gehen. Doch Jesus ist noch nicht fertig: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Schlagartig wird mir klar: Zachäus wurde nicht etwa ausgesucht, weil er so große Verdienste hatte, sondern grade wegen seiner Schuld suchte Jesus ihn auf, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Wir hatten Zachäus voller Zorn jahrelang verstoßen – er hat ihn angenommen. Und seine Annahme hat in wenigen Minuten mehr bewirkt als unser jahre-langer Zorn. Vielleicht wäre vieles leichter gewesen, wenn wir ihn nicht verstoßen hätten. Nachdenklich kehre ich mit meinem Sohn auf den Schultern zurück an meinen Webstuhl.

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