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Ehe

Angesichts der verbissenen Kämpfe (vor allem in den USA, aber das kommt hier auch noch) um die Ehe zwischen religiösen Traditionalisten („between one man and one woman“) und liberalen Gruppen stellt sich mir immer mehr die Frage, wie geht man damit um. Dabei geht es mir hier vorerst nur um die Ehe vor dem Staat, die Zivilehe also. Wie die Religionsgemeinschaften dazu stehen und damit mgehen, ist eine andere Sache. Vielleicht werde ich mich zum Bereich der evangelischen Kirchen auch noch einmal dazu äußern, wer weiß.

Die Zivilehe jedenfalls scheint mir immer weniger Sinn zu ergeben, in Zeiten wo immer mehr Menschen keine lebenslange Partnerschaft eingehen wollen oder können, in der eine Partnerschaft nicht unbedingt bedeutet, Kinder haben zu wollen, in der moderne Formen der Aufgabenverteilung im Haushalt praktiziert werden und nicht zuletzt auch bisher marginalisierte Formen der Partnerbeziehung auf immer breitere Akzeptanz stoßen. Vor allem denke ich hier an homosexuelle Paare, aber auch etwa an polygam lebende Menschen, immerhin haben wir eine starke muslimische Minderheit in Deutschland, man hört aber auch von nichtreligiösen Menschen, die Polygamie praktizieren.

Angesichts dieser Breite an Partnerschaften in der Gesellschaft frage ich mich: Wozu Zivilehe? Wozu soll eine Form des Zusammenlebens (oder auch der Sexualität?) vom Staat bevorzugt werden?

Zwei Gründe fallen mir ein, beide recht altbacken:

  1. Zum Schutz der Kinder aus einer Partnerschaft bedarf es einer staatlich geschützten Form des Zusammenlebens der Eltern, durch Steuervorteile und andere finanzielle Rechtsansprüche bevorzugt.
  2. Zum Schutz der Frau, die zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert, soll der arbeitende Ehemann verpflichtet sein, ach nach einer Trennung für den Unterhalt zumindest mit aufzukommen.

Beide Gründe passen recht wenig in unsere Zeit. Die Kinder können durch andere Rechtsformen geschützt werden als durch die Zivilehe. Ehen werden geschieden und es kommt zu immer mehr Patchworkfamilien. Kinder werden aufgezogen von Alleinerziehenden oder auch dem Partner eines Elternteils. Es gibt unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Wozu eine herausheben und staatlich fördern? Auch die Frau, die zu Hause bleibt, während der Mann das Mammut jagt das Geld verdient ist eine aussterbende Art. Einerseits aufgrund der immer schlechteren Job- und Lohnsituation in Deutschland, andererseits auch aufgrund der Emanzipation. Frauen bleiben nicht zu Hause bei Herd und Kindern sondern machen erfolgreich in der Wirtschaft Karriere. Die Aufgaben im Haushalt sind nicht mehr verteilt nach Geschlechterrollen, sondern werden von den Partnern immer freier ausgehandelt.

Ich denke, angesichts all dieser Veränderungen zu „früher“, gibt es keinen Grund mehr, an der Zivilehe festzuhalten. All das, was durch die Ehe früher rechtlich geregelt war, kann in anderem Rahmen geregelt werden. Ein Zusammenleben von Paaren kann durch Verträge geregelt werden. Wenn einer zu Hause bleibt und der andere die Karriere macht, kann durch Vertrag geregelt werden, wie und unter welchen Umständen Unterhaltszahlungen fällig werden oder ähnliches. Ich vertraue da auf die Kreativität der Anwälte.

Nebenher wäre dann solch ein „Ehevertrag“ (der wohl durchaus auch zwischen Menschen gleichen Geschlechts geschlossen werden oder auf die Bedürfnisse von polygam lebenden Menschen zugeschnitten werden kann – ohne irgendwelche moralischen Beigeschmäcker) das Dokument, das die Partnerschaft besiegelt, man hätte also mit dem Gang zum Notar (oder wo unterschreibt man sowas, ich kenn mich da nicht aus?) auch sowas wie einen Zeitpunkt, den man privat dann auch durch Feiern ausgestalten kann. Nebenbei würde der Vertrag mehr und mehr zur Normalform, was auch der Sicherheit beider dient, wenn man vernünftig an die Sache ran geht. Heute gilt das Verlangen, einen Ehevertrag zu unterschreiben, doch eher als mindestens unromantisch, wenn nicht als Mißtrauensbeweis. Religiöse und andere Gruppen könnten Musterverträge anbieten, die ihrer Vorstellung von Partnerschaft entsprechen. So könnten ach Ordensleute und Priester durch ähnliche Verträge abgesichert werden und könnten auch sagen, sie sind mit Gott verheiratet wie andere mit ihrem Partner.

Bleibt noch eine Sache zu bedenken: Artikel 6 GG schreibt den Schutz von Ehe und Familie fest. Doch laut Wikipedia handelt es sich hier vor allem um einen Reflex auf die Ehegesetze der Nazis, die in der Umsetzung ihres Rassenwahns sogenannte „Mischehen“ auflösten und verboten. Es geht also um den Schutz der Partnerschaft vor staatlichen Eingriffen. Das geht auch ziemlich deutlich aus dem Text des Art. 6 GG hervor. Ohne Zivilehe gäbe es jedoch auch weniger Möglichkeiten zumindest formaljuristischer Eingriffe. Absatz 5 würde gar gegenstandslos, da es ohne (Zivil-) Ehe auch keine „außerehelichen Kinder“ mehr gibt.

Ich habe sicher einige Punkte übersehen und manches nicht ganz zu Ende gedacht. Vieles muß sicher noch im Detail betrachtet werden. Aber der Gedanke, die Zivilehe als Relikt einer vergangenen Zeit abzuschaffen, scheint mir denkens- und veröffentlichungswert, deshalb freue ich mich auch über Kommentare dazu.

6 thoughts on “Ehe

  1. Klar, praktisch bräuchte man außer wegen den eventuellen Steuervorteilen nicht heiraten. Es gibt aber auch emotionale Gründe, und wenn es nur die Hochzeitsfeier ist.

  2. Die Steuervorteile kann man anders umsetzen, falls man ihnen weiterhin Wichtigkeit zuspricht (mir fällt außer der Unterstützung der Kindeserziehung nichts ein, aber Ehe hat nicht mehr so viel mit Kindern zu tun wie früher, also könnte man die Förderung auch an tatsächlich vorhandene Kinder koppeln).

    Sicher gibt es emotionale Gründe für eine Ehe. Das stelle ich gar nicht in Abrede. Mir geht es hier auch nur um die Zivilehe, nicht um die Lebensgemeinschaft von einander liebenden Menschen an sich.
    Wer zueinander gefunden hat kann immer noch feiern, in je eigens dafür ausgestalteten Ritualen. Ob das nun die Feier inklusive Gottesdienst ist, oder ob man sich einen Hochzeitsredner holt von den Freien Theologen oder humanistischen Verbänden, wie auch immer. Man kann es auch ganz alleine auf die Beine stellen, wieso denn nicht?
    Das einzige was wegfallen würde wäre der Gang zum Standesamt (wäre ersetzbar durch Gang zum Notar für Unterzeichnung eines Ehevertrages). Ich denke durch Abschaffung dieses Ganges wird nicht gleich die Emotionalität abgeschafft, sondern vielleicht auch freigesetzt für kreative eigene Umsetzungen.

  3. Mehrehen, die im Ausland geschlossen sind, werden meines Wissens akzeptiert. Anderes würde mich auch nicht stören.
    Homosexualität ist kein Problem.
    Zuerst zum Standesamt, dann kultische Zerremonie, war mal offiziell, erforderlich. Das ist aber nicht mehr. Feiern kann jeder wie lustig. Außereheliche Kinder sind ehelichen Kindern gleichgestellt.
    Würde man es begrifflich ändern, ändert sich im Klatschdort nichts damit. Zieht Mensch um, braucht es doch nicht jedem erzählt werden. Alternative Möglichkeiten, mit Anwalt und Notar existieren bereits. Beim Anwalt kann Mensch, wenn er unsicher ist, Vorberatung in Anspruch nehmen. Wenn Menschen wissen was sie wollen, sich andererweitig schlau machten, erspart sich das. Anläßlich Rechtssicherheit würde ich keinem empfehlen sonstige Mustervertäge zu nutzen. Mit Menschenrechten haben Kultvereine oft keinen Vertrag.

    Die Sichtweise zu Frauen kann ich nicht ganz teilen. Es ist erwiesen, dass Frauen trotz besserer Schulbildung prozentuell weniger Karriere machen. Akademischer Abschluss, anschließend Kinder ist der Abschlus, mit Wunsch ins Berufsleben einzutreten oft nichts mehr wert. Teilzeitstellen und neuer Beruf, oft unter dem Vorausgehenden sind eher Regel wie Ausnahme.

  4. @interplanetar, „Mehrehen, die im Ausland geschlossen sind, werden meines Wissens akzeptiert.“:

    Nein, werden sie nicht.

    Also akzeptiert natürlich schon, aber nicht als zivilrechtliche Ehegemeinschaft anerkannt.

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