Gesellschaft, Religion

Der Islam

Thomas hat einen interessanten Artikel geschrieben über sein Wohlwollen gegenüber dem Islam, und wieso dieses seit etwa 15 Jahren auf Eis liegt.

Er spricht dabei wichtige Punkte an, bei anderen Punkten würde ich widersprechen oder eine andere Pespektive vorschlagen. Deshalb der Artikel.

Am Anfang beschreibt Thomas, was sein Islambild prägte und wie es sich änderte. Da ich etwas jünger bin und auf dem Dorf auswuchs, wo es keine/kaum Muslime gab (irgendwann gab es eine Familie, die nach ein paar Jahren untertauchte, weil sie abgeschoben werden sollten), sind meine Erfahrungen andere.

Hkbne
Karl May – Kein Islam-Experte
Den ersten Kontakt zum Islam hatte ich bei Karl May – und das beschreibt schon das Problem: Alles Fiktion. Trotzdem hat mich Karl May geprägt, was meinen eigenen Glauben und auch meine Einschätzung anderer Menschen angeht. Bei Karl May gibt es gute und böse Christen, gute und böse Muslime, gute und böse Indianer (wobei man ehrlicherweise dazu sagen muß, daß die wirklich Guten am Ende immer zum Christentum tendieren, so Hadschi Halef Omar und Winnetou – und auch Schurken wie Old Wabble bekehren sich mitunter kurz vor dem Tod).

Kontakt mit Türken hatte ich wie gesagt kaum, erst in der Oberstufe hatte ich einen türkischen Stufenkameraden, mit dem ich weiter aber auch nichts zu tun hatte, nicht aus Ablehnung, sondern weil wir einfach in anderen Freundeskreisen unterwegs waren. Das einzige Mal, daß seine Religion durchschienwar, als unser Physiklehrer 60 wurde und wir Sekt in den Unterricht mitbrachten (um statt Unterricht zu machen zu feiern). Bei der Gelegenheit meinte der Lehrer zu dem Mitschüler: „Na, ob Allah es wohl sehen wird, wenn Du einen Schluck mittrinkst?“ Der Mitschüler ließ sich aber nicht provozieren und lehnte freundlich ab. Damit war die Sache gegessen.

In den Schulferien arbeitete ich in einem Werk von Daimler, dabei kam ich auch mit Muslimen in Kontakt – meist Studenten, die in den Semesterferien ihr Budget aufbesserten. Das waren allesamt moderne, aufgeschlossene Menschen. EIne Kollegin trug traditionelle, weite Kleidung und Kopftuch – und war trotzdem keine unterdrückte Frau, sondern hatte ihre klare Meinung und äußerte sie auch, studierte in einem fremden Land, arbeitete mit Männern im Lager  und war einfach nur ein fröhlicher Mensch.

Sonst beschränkten sich meine „Kenntnisse“ über den Islam meist auf das Fernsehen – bis ich nach Israel ins Kibbuz ging.

Dort gab es nicht nur jüdische Israelis, sondern auch arabische – mit muslimischer Religion. Und was soll ich sagen:Das waren alles freundliche Menschen. Nach dem Kibbuz machte ich noch ne Rucksackreise durch Ägypten, wo ich auch keine wirklich negativen Erfahrungen machte, während mich die Frömmigkeit der normalen Menschen etwas faszinierte. Ein durchaus modern wirkender Hoteleigentümer, der sich trotzdem an die Gebetszeiten hielt und sich eben kurz in ein Seitenzimmer verzog, um sein Gebet zu sprechen. Das Leben der Religion war dort normal, während man in Deutschland schon nicht mehr so sehr zur Norm gehört, wenn man mal eben auf die Idee kommt, ein Gebet zu sprechen, oder wenn man sagt, man geht sonntags in die Kirche.

Oder die Frauen in Ägypten, vor allem in Kairo. Ja, sie trugen Kopftuch. Besonders im Gedächtnis blieben mir die Taxifahrerinnen, die sich klar durchsetzenkonnten gegen die Männer – auch da konnte ich Unterdrückung der Frauen nicht erkennen. Sie trugen Kopftuch, ja, aber ansonsten kamen sie mir nicht weniger emanzipiert vor, als Frauen hierzulande.

Und kurz nachdem ich aus dem Nahen Osten nach Hause kam, waren die Anschläge, die Thomas dazu bewogen, das Wohlwollen auf Eis zu legen.

Ich kann nicht sagen, daß ich ein besonderes Wohlwollen gegenüber dem Islam hatte. Auch kein Schlechtwollen. Es war halt eine Religion, wie andere auch.

Ja, es waren meist gut ausgebildete Muslime, die dahinter standen und vielleicht stammten sie auch aus säkularen Familien (daran erinnere ich mich nicht mehr).Woran ich mich aber erinnere ist, daß nicht nur Frauen in Gaza, sondern auch Lehrer in Sachsen sich über die Anschläge freuten (ich erinnere mich an Radioberichte diesbezüglich und die Aussage „geschieht denen Recht“). Antiamerikanismus hat der Islam nicht erfunden und man muß kein Muslim sein, um ihm zu frönen.

Was die Herkunft der Terroristen angeht: Auch die RAF Terroristen kamen ja auch dem Establishment, oder wie viele waren Arbeiter von ihnen?

Ob und inwieweit der islamische Terrorismus jetzt mit dem Islam zu tun hat, kann man ja diskutieren. Aber niemand würde soweit gehen, die SPD zu verbieten, weil sie sich zumindest früher als Arbeiterpartei verstand – und die RAF die Arbeiter befreien wollte…

Oder anders: Die Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland, zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben: Haben die nichts mit dem Christentum zu tun? Und wenn man in andere Weltregionen geht: Da gibt es in Afrika regelrechte Hexenverfolgungen in christlichen (!) Pfingstkirchen.

Religion wird und wurde immer als Rechtfertigung für alles mögliche herangezogen. Auch für Sklavenhandel und die Kreuzzüge (die auch jeweils politische und wirtschaftliche Hintergründe hatten – ebenso der Kolonialismus).

Thomas schreibt:

Trotzdem ist das Christentum in seinen Hauptrichtungen offensichtlich domestiziert und mit modernen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaften verträglich.

Kommt darauf an, was man als Hauptrichtung ansieht. In Deutshcland sieht es wohl so aus, daß die Großkirchen in diese Richtung neigen. Vielleicht sogar in Europa. In den USA gibt es jedoch schon große christliche Gruppen, die sich sehr Ausklärungsresistent geben. Und wenn man sich AfD und Pegida ansieht, bzw deren Anhänger, dann findet man auch dort immer wieder Beziehungsnahmen zum Christentum, das ist auch hier auf dem Blog in den Kommentaren nachzuvollziehen.

Freilich würde ich sagen, daß da das Christentum genau so falsch ausgelegt wird wie damals, als man damit Sklaverei rechtferigen wollte. Aber das sagen ja auch diejenigen Muslime, die sich von den Terroristen abgrenzen wollen in Bezug auf islamistschen Terror.

Tun wir mal so, als seien diese „Ausreden“ im Christentum berechtigt und im Islam nicht.  Thomas weist darauf hin, daß Mohammed, anders als Jesus, ein politischer Führer war.

Aber war das Moses nicht auch? Würden wir dem Judentum eine Neigung zur Gewalt ebenso unterstellen wie dem Islam? Und ganz unpolitisch war Jesus ja auch nicht. Die Trennung in einen religiösen und einen weltlich-politischen Bereich halte ich im Christentum für verkehrt. Damit könnte man übrigens ganz leicht die Christen zum Schweigen bringen, die sich gegen die Ausgrenzung der Flüchtlinge aussprechen. Wer Christ ist kann IMHO nicht anders, als politisch sein. Nur läuft das zur Zeit bei uns etwas subversiver, über die Zivilgesellschaft. Die haben wir aber auch erst seit der Aufklärung (die übrigens ohne die Universitäten nicht denkbar wäre, welche sich der Einführung des Aristotelismus verdanken, welcher ohne den Islam kaum denkbar wäre).

Mit der Aufklärung verbunden wird auch die historische Kritik, die wie Thomas bemerkt, im Islam noch in den Kinderschuhen steckt. Das mag stimmen, doch spielt das eine Rolle? Die historische Kritik hat durchaus ihre Vorteile und ich möchte nicht dahinter zurück (ginge auch nicht). Aber die historische Kritik bedingt keine Gleichberechtigung und ist auch sonst kein Allheilmittel. Ebensowenig wie die Aufklärung. Hitler kam trotz Aufklärung an die Macht (der Antisemitismus wurde halt materiell und nicht mehr religiös begründet) und die Deutschen Christen hielten trotz historischer Kritik zu Hitler. Die Gegner, wie etwa Paul Schneider, hatten oft auch fundamentalistischere Züge und teilweise sehr unmoderne Ansichten (das wäre jeoch ein Thema für sich).

Wenn es nun aber darum geht, ob und wie der Islam Teil einer multireligiösen Gesellschaft werden kann, ist es IMHO unerheblich, ob er politische Ansprüche hat. Die haben die rechtspopulistischen „Christen“ mit ihrem „Christentum“ nicht minder, die hab auch ich mit meinem Christentum. Die Frage ist, wie sich das äußert.Wenn der Islam lehrt, daß Frauen sich verschleiern sollen und bei den Kindern bleiben müssen, wieso sollte das ein größeres Problem darstellen als bei ähnlichen christlichen Freikirchen? Es ist ja nicht so, daß es keine Christen ohne Kopftuchzwang gäbe.

Probleme müssen freilich benannt werden. Wenn irgend eine islamische Richtung so viel Macht bekommt, daß sie das System zu ihren Gunsten ändern kann, wie es momentan offenbar in der Türkei versucht wird, dann ist das ein Problem. Wenn die weltanschauliche Neutralität des Staates auf dem Spiel steht. Aber sind wir doch einmal ehrlich: Das ist in absehbarer Zeit nicht der Fall. Die Muslime bilden einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung, viele davon haben kein Wahlrecht und diejenigen, die es haben, bilden keine radikalislamischen Parteien (die sowieso mit Verbot durch das BVerfG rechnen müßten).

Jeder kann sein eigenes Islambild haben, ob es das von einer Religion des Friedens oder das vom Untergang der Zivilisation ist, muß jeder selbst entscheiden. Unsere Gesellschaft und unser Staat muß darauf achten,daß die grundsätzlichen Freiheiten durchgesetzt werden, wie etwa das Selbstbestimmungsrecht. Aber das gilt für alle Einwohner und Bürger, nicht nur für die muslimischen. Ein Ehrenmord ist nicht schlimmer, weil er von Muslimen statt von Christen verübt wird.

Deshalb stimme ich Thomas zu: Wir müssen die Probleme beim Namen nennen. Wir müssen uns aber ebenso hüten, Vorurteilen über die Ursachen der Probleme Raum zu geben. Wie jemand seinen Glauben lebt, das ist im Christentum sehr verschieden. EIner geht jeden Sonntag in die Kirche, der nächste betet im stillen Kämmerlein und wieder andere konzentrieren sich auf zivilgesellschaftliches Engagement, etwa bei der Flüchtlingshilfe. Wieso sollte das im Islam anders sein? Es gibt christliche Terroristen, die sich für ihre Taten auf den Glauben berufen – etwa Anders Breivik.

Diskussionen darüber, wer den besseren Glauben hat, führen nirgendwo hin. Wer weiß, ob nicht in 30 Jahren „das Christentum“ viel gewalttätiger ist als „der Islam“ heute? Wir haben immer nur Momentaufnahmen und meinen, daraus etwas für die Zukunft ableiten zu können. Wer konnte 1988 absehen, daß die Mauer fällt? Wer konnte 2000 den „Krieg gegen den Terror“ vorausahnen?

Deshalb plädiere ich – noch einmal – daß wir uns an konkreten Taten orientieren, unabhängig davon, mit welcher Bibel- oder Koranauslegung man diese zu rechtfertigen sucht.