Commenting Media, Gesellschaft

Die These des Gokh

Was haltet ihr von meiner These: Jemand der diese bestehenden Verhältnisse nicht auf radikaler Weise verändern möchte, trägt in meinen Augen viel mehr Schuld an dem Leid und die Ungerechtigkeiten in dieser Welt, also an 100.000 unnötiger Tote, als diejenigen, die auch durch die Anwendung von Gewalt bereit sind, diese Verhältnisse zu verändern? Oder anders ausgedrückt, in meinen Augen sind die Leute, die zaudern und abwarten die waren (sic!)“Schlächter“ unserer Zeit.

In der inzwischen mehrmals behandelten Diskussion zu Ravenbirds „Radikalisiert Euch“  hat Gokh diese These aufgestellt. Ich will hier nun aufschreiben, was ich davon halte.

Gokh stellt hier zwei Menschengruppen einander gegenüber:

Diejenigen, die die bestehenden Verhältnisse nicht in radikaler Weise verändern möchten und diejenigen, die auch durch Anwendung von Gewalt bereit sind, diese Verhältnisse zu verändern.

Zuerst kommen mir einige Rückfragen:

  • Was ist mit den Menschen, die die Verhältnisse durch Gewalt verändern wollen, aber eben nicht in radikaler Weise?
  • Was ist mit den Menschen, die die Verhältnisse vielleicht etwas mehr verändern wollen als die erstgenannten, aber eben keine Gewalt anwenden wollen?
  • Welche Verhältnisse sind überhaupt gemeint? Was genau soll verändert werden und wie?

Die Fragen beziehen sich freilich auf Spitzfindigkeiten. Ich habe sie trotzdem kurz aufgelistet (es könnten wohl einige mehr gefunden werden) um zu veranschaulichen, daß ich Gokhs These als ad hoc Formulierung ansehe, in der der Kern nicht präzis gefasst werden soll, sondern eher umschrieben wird.

Ich gehe in Diskussionen auch meist so vor, daß ich meine Gedanken im Zweifel irgendwie äußere, um dem Gegenüber zu ermöglichen, auf mich einzugehen, auch wo ich noch keine präzisen Formulierungen gefunden habe, weil es mir darum geht, die eigenen Ansichten weiterzuentwickeln und nicht, anderen meine Überzeugungen überzustülpen. Genau so verstehe ich Gokh hier.

Es scheint mir so zu sein, daß Gokh zwei Seiten aufmacht. Auf der einen Seite steht  die radikale Veränderung, im Zweifel durch Gewalt, auf der anderen Seite die Abwarter und Zauderer. Moderate Veränderer werden hier nicht genannt und auch wenn ich mir vielleicht denken kann, wo er sie einordnen würde, möchte ich diese Gruppe doch im Weiteren als eigene Gruppe ansehen (Du kannst ja auf meine Dreiteilung dann wieder eingehen, Gokh ;)).

Zaudern und abwarten

Die Rede vom „zaudern“ ist ja schon wertend. Und ja, es kann durchaus viel vorgebracht werden gegen das Zaudern. Ich erinnere mich an meine Zeit bei der Bundeswehr, wo es ein Sprichwort gab:

Probleme lösen sich, indem man sie ignoriert.

Gemeint wird damit, daß Probleme irgendwann einmal so groß werden, daß sie nicht mehr gelöst werden können, aber viele neue Probleme verursachen. Das erste Problem ist damit „sozusagen“ gelöst, und zwar auf die denkbar schlechteste Weise.

Allerdings hat Abwarten auch etwas für sich. Und zwar genau in den Situationen, in denen man tatsächlich noch nicht weiß, wie man sich entscheiden soll. Blinder Aktionismus führt in der Regel zu eben so wenig Erfolg wie Zaudern und hoffen, daß alles vorbei geht oder sich von alleine bessert (was es in der Regel nicht tut, siehe Bundeswehr-Sprichwort).

Meine Ansicht ist hier die, daß man in der Tat so lange abwarten sollte, bis man sich eine Meinung gebildet hat, wobei man sich die Zeit, die es braucht, um eine Meinung zu entwickeln, zugestehen muß.

Man wird nicht immer zu 100% sicher sein, was bedeutet, daß man auch ein Stück weit Vertrauen in die eigene Einschätzung haben muß. Hilfreich ist es dann, wenn einem nicht jeder Fehler ewig nachgetragen wird. Ich denke an Luther mit seinem „pecca fortiter“:

Sündige tapfer, doch tapferer glaube und freue dich in Christus, der Herr ist über Sünde, Tod und Teufel.

Luther ging es im Kontext auch ums Zaudern. Lieber gar nichts zu tun als eine Sünde, für die man dann von Gott Strafe zu erwarten hätte. Luthers Punkt war ja, jetzt etwas verkürzt gesagt, daß Gott die Menschen eben nicht strafen und richten will, sondern sie liebt und denjenigen, die sich zu Ihm halten (an Ihn glauben) vergibt. Übertragen auf unsere Situation: Wer im guten Glauben (nämlich daß sein wohl erwogenes Tun die Zustände verbessert) sich irrt und eher Schaden verursacht, sollte mit Vergebung begegnet werden. Wir alle machen Fehler, dem sollten auch Menschen zustimmen können, die nicht an die grundsätzliche Sündhaftigkeit des Menschen glauben.

Eine ganz andere Gruppe von Menschen, die noch nicht genannt wurden, möchte ich hier auch kurz ansprechen, weil der Effekt ihres Handelns wohl dem der Zauderer und Abwarter ähnelt:

Die Indifferenten

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:
Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest!
Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.

So steht es im 3. Kapitel der Johannesapokalypse. Die Extreme werden als annehmbar angesehen, aber das Unentschlossene ist es, das kritisiert wird.

Es gibt viele Situationen, in denen man unentschlossen oder indifferent sein kann. Entweder man ist noch nicht an dem Punkt, an dem man zu einer begründeten eigenen Meinung gekommen ist – siehe oben. Oder man ist sich eines Sachverhaltes nicht bewußt; so hatte Luther wahrscheinlich keinen Standpunkt zur PID und auch hier und heute wissen viele nicht von der Not, die andere Menschen aushalten müssen. Oder die Menschen sehen weg und wollen bestimmte Probleme gar nicht sehen. Manchmal sieht man sie vielleicht auch, ist aber dermaßen mit anderen Dingen beschäftigt, daß man keine Ressourcen mehr frei hat.

Wenn sich jemand für den Umweltschutz einsetzt, hat er vielleicht nicht mehr die Zeit oder auch nur das Wissen, sich zu jedem Detail der Netzpolitik zu äußern. Wer in der Flüchtlingshilfe engagiert ist kennt sich vielleicht nicht so sehr mit alternativen Wirtschaftssystemen aus.

Worauf ich hinaus will: Wir alle sind bei der einen oder der anderen Sache indifferent oder nachhaltig ohne eigene Meinung, weil wir einfach nicht dazu kommen, weil wir an anderen Problemen dran sind. Und das muß, denke ich, respektiert werden. Wir sind als Menschen halt nicht nur fehlbar, sondern auch endlich. Irgendwo ist das Ende meiner Leistungsfähigkeit erreicht.

Sicher bin ich der Meinung, daß jemand, der keine ernsten Probleme hat und nur die Augen vor dem echten Elend der Welt verschließt, kritisiert werden müßte. Doch liegt „echtes Elend“ im Auge des Betrachters. Es gehört halt auch ein gewisses Wertesystem dazu, bestimmte Dinge als echte Not und andere als weniger schlimm zu betrachten. Wir haben nicht alle das gleiche Wertesystem, und wir wollen sicherlich auch nicht dahin (hoffe ich), daß eine Institution allen Menschen ein Wertesystem vorschreibt. Denn wie gesagt: Wir sind alle fehlbar, so auch die Maßstäbe der Institutionen, die wir gründen. Neuere Entwürfe könnten wahrscheinlich nicht viel besser sein als die „Kirche im Mittelalter“ (ich nehm dies mal als Symbol, weil viele Leute sich unter „Kirche im Mittelalter“ in Verbindung mit „zwanghaftem Wertesystem“ in etwa das vorstellen können, was ich meine – daß es so einfach historisch nie war, lasse ich mal bis auf diese Erwähnung um des Themas willen unter den Tisch fallen).

Es kann also keiner ein für alle allgemein- und letztgültiges Wertesystem verordnen, ohne sich berechtigete Kritik zuzuziehen. (Es gibt allgemeine und letztgültige Wertesysteme in einigen Religionen oder Konfessionen, aber diese gelten immer lediglich für diejenigen, die sich dazu bekennen – man unterwirft sich dem also freiwillig. Zu staatlichen Gebilden gehört man aber durch Zwang. Ich unterliege in Deutschland den deutschen Gesetzen, und niemand hat mich je danach gefragt, ob ich das so in Ordnung finde).

Worauf ich hinaus will: Wir können sagen, daß wir bestimmte Haltungen ablehnen, aber wir können keine Objektivität beanspruchen, wenn wir jemandem sagen, sein Problem, passendes Gesinde für seinen Sommersitz in Monte Carlo zu finden, sei weniger groß oder wichtig als das Problem der Flüchtlinge, einigermaßen heil über das Mittelmeer zu kommen, oder allein die Flucht aus Syrien zu überleben. Es kommt auf das Wertesystem an und auch, wenn wir in diesen Fällen wahrscheinlich (hoffentlich!) zu einem sehr breiten Konsens kommen dürften ist das noch keine Objektivität.

Moderate Veränderer

Diese von Gokh nicht genannte Gruppe unterscheide ich von den radikalen Veränderern anhand der Bereitschaft zur Gewalt. Während die Radikalen (Waffen)-Gewalt als legitimes Mittel ansehen, tun die moderaten Veränderer dies nicht.

Der Unterschied zu den Zauderern ist der, daß sie tatsächlich einen Standpunkt haben (der IMHO durchaus radikal sein kann) und etwas tun, um ihr Ideal umzusetzen.

Es stellt sich ja durchaus die Frage, ob Gewalt überhaupt eine Situation verbessern kann. Wenn man etwa Hartz IV als Gewalt gegen Arbeitslose versteht kann man durchaus fragen, ob eine Gegengewalt die Situation zwingend verbessert.

Jedenfalls können die moderaten Veränderer anders als Zauderer und Indifferente von sich sagen,  daß sie tatsächlich etwas zu ändern gedanken. Sie sind somit nicht schuldig an all dem Leid, das durch sie verändert wurde. Insofern und falls ihre Methode länger braucht als andere, um Veränderungen zu bewerkstelligen, laden sie auch für das Leid in der entsprechenden längeren Zeit Schuld auf sich. Insofern sie aber nicht zur Gewalt greifen, laden sie durch diese keine Schuld auf sich.

Radikale, gewaltbereite Veränderer

Entsprechend dem gerade Gesagten muß natürlich gesagt werden, daß die gewaltbereiten Veränderer ihre Schuld in dem Maße vergrößern, in dem ihre Gewalt Leid verursacht. Und dabei muß man auch sehen, daß Gewalt nachwirkt: Wenn der Vater erschossen wird haben es die Kinder mit einem Elternteil in der Regel schwerer, ist auch ihre Armut größer, was siech wieder auf deren Kinder und deren Chancen auswirkt etc etc. Man braucht auch nicht im Materiellen zu verharren, auch immateriell fehlt ein der Gewalt zum Opfer gefallenes Elternteil (es kann auch die Mutter sein oder was, wenn ein Geschwisterchen zum „Kollateralschaden“ wurde?).

Dem kann natürlich eine möglicherweise schneller durchgesetzte Verbesserung gegenübergesetzt werden, falls diese Leid minimiert.

Ich bin bei aller Verehrung für Martin Luther King kein Pazifist. Ich habe meinen Wehrdienst geleistet und bin der Ansicht, daß Gewalt unter bestimmten Umständen geboten sein kann. Als Beispiel wird gerne Hitler genannt, den man mit frommen Wünschen wohl kaum hätte aufhalten können. Ich denke darüber hinaus am Paulus und Römer 13:

Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.
Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.
Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.

Paulus stellt hier die nützlichen Seiten der Gewalt heraus nämlich, daß es eine Ordnung gibt innerhalb derer mit relativem Frieden gelebt werden kann. Eine solche Ordnung ist natürlich wiederum fehlbar, sie ist nicht ideal, weil sie von Menschen gemacht ist und Menschen Fehler machen (außerdem müssen Ordnungen auch der jeweiligen Zeit angepasst werden, siehe PID). Aber eine solche Ordnung ist besser als eine Unordnung, in der zwei oder mehr etwa gleichgroße Gruppen einander bekämpfen (ob mit Waffen oder anderen Machtmitteln wie Gesetzen oder Verordnungen sei einmal dahin gestellt) und keiner weiß, was jetzt eigentlich gilt.

Aber jede Gewalt hat ihre Grenze in ihrer Notwendigkeit. Ziel der Gewalt ist es, den Frieden zu sichern. Sichert sie den nciht mehr, sondern dient der Begünstigung oder der Unterdrückung bestimmter Menschen, ist die Gewalt ein Problem.

Dann ist auch immer die Frage zu stellen, welche Gewaltmittel angewendet werden sollen. Man kann auf gesetzliche Veränderungen hinwirken, was länger duaert und im Zweifel nicht so erfolgreich ist, oder man versucht etwas mit Waffengewalt durchzusetzen.

Da stellt sich dann die Frage nach der Effektivität. Wenn cih eine Minderheitenmeinung vertrete werde ich immens viel Gewalt aufwenden müssen, um diese Ansichten durchzusetzen. Bedeutet mehr Leid, bedeutet mehr Schuld. Womöglich wäre das Leid (und die Schuld) geringer, wenn man erst einmal auf Überzeugungsarbeit setzt. Ohne eine gewisse Basis von Überzeugten bricht jede Ideologie zusammen. Die Weimarer Republik konnte ohne Demokraten nicht bestehen, ebensowenig waren die Versuche, in Afghanisten und im Irak demokratische Gesellschaften zu implementieren, nicht wirklich erfolgreich. Auch in anderen Ländern mag es relativ regelmäßige Wahlen geben, während aber trotzdem grundlegende Rechte mißachtet werden.

Wobei mich der Irak und Afghanistan zu einem anderen Punkt bringen: Wenn es tatsächlich zur Anwendung von Waffengewalt kommt, sollte ein klarer Plan bestehen, wie es danach weitergeht. Waffengewalt kann vielleicht ein Zeitfenster für Veränderung eröffnen. Diese Veränderungen müssen dann aber schnelll greifen und effektiv werden, so daß niemand mehr (oder kein hinreichend großer Bevölkerungsanteil) zum status quo ante zurückwill. Das war offenbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben (da gab es zwar vorher keine wirklichen Pläne, aber sie wurden nachher zeitnah entwickelt und umgesetzt, wohl auch wegen dem Druck der Blockkonfrontation). Andere Beispiele könnten genannt werden.

Fazit

Schuld laden, so war meine Intention, darzustellen, alle auf sich. Die, die gar nichts tun, für die Unterlassungen, die, die etwas tun, zumindest für die Abweichungen vom (unbekannten) idealen Weg. Insofern ist auch das Ausmaß unserer Schuld unbekannt. Auch die Uneinigkeit beim Wertesystem trägt dazu bei, daß das Ausmaß der Schuld kaum genau quantifiziert werden kann.

Wir Menschen tendieren dazu, so ist mein Eindruck, die eigene Schuld zu relativieren und vor allem in anderen ein Problem zu sehen. Ich war gerade im Schulpraktikum an der Grundschule. Die Schüler waren allesamt liebe Kinder, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, ich halte niemanden davon für irgendwie abgrundtief böse oder ähnliches. Trotzdem muß ich sagen: An diesen Grundschulkindern konnte man diese Grundtendenz ziemlich klar sehen: „Der hat angefangen“ – „Ich hab nur…“ – „Ich hab nichts getan und die hat“ – „Nein, das stimmt nicht, hab ich nicht…“

Für die Ausgangsfrage: Wer lädt mehr Schuld auf sich, muß ich sagen: Wer Probleme sieht und nichts tut muß vielleicht eher kritisiert werden als derjenige, der etwas tut, wobei man eben auch darauf achten muß, ob derjenige das, was gesehen werden soll, auch ebenso sieht. Mir kommt Marie Antoinette in den Kopf:

Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es eben Torte essen

Ja, ich bin auch der Meinung, daß das ignorant ist. Aber Ignoranz kann ja tatsächlich in Unwissenheit wurzeln. Wer von uns hat schon Verständnis für die Menschen, die seinen gewohnten Kreisen fremd sind: Welcher Punker hat Verständnis für Nazis? Welcher Nazi für Flüchtlinge oder Ausländer allgemein?

Dazu kommt das Problem, daß sowohl Leid als auch Schuld an sich schwer quantifizierbar sind. In welcher Maßeinheit will man das messen? Ich hab keinen Job und kein Essen im Kühlschrank, also habe ich 2 Meter Leid? Ich hab meine Altersvorsorge in Aktien und sorge bei der Aktionärsversammlung nicht für menschenwürdige Produktionsbedingungen, also habe ich 5 Meter Schuld auf mich geladen?

Was soll so eine Quantifizierung überhaupt bringen? Will man sich besser fühlen als andere? Eine Art holier than thou mit säkularem Vorzeichen? Ich vermute, es ist zielgerichteter, nicht auf die Mitstreiter und deren Performanz bei Veränderungen zu schielen, sondern sich eher um die Veränderungen zu kümmern (wobei natürlich thematisiert werden muß, welche Methodik man anwendet).

Und was wir noch überhaupt nicht angesprochen haben: Veränderungen gehen in tausende Richtungen und in tausenden Details. Wenn zwei die bestehenden Zustände ändern wollen, dann wollen sie vielleicht in eine entgegengesetzte Richtung. Konkret: Ein Nazi, der Gewalt anwendet, um die bestehenden Umstände in eine Diktatur zu verwandeln, lädt nach meiner (mein Wertesystem ist ja nicht objektiv) Auffassung mehr Schuld auf sich als jemand, der mit gewaltfreien Mitteln die Gesellschaft offener machen will.

Freilich hat Gokh den Nazi nicht im Blick, sondern geht implizit – so verstehe ich ihn – von einem Konsens in der Marschrichtung bei der Veränderung aus. Aber vielleicht bezeichnet das ein grundsätzliches Problem in der Diskussion. Bevor wir uns darüber unterhalten, wie sehr wir uns radikalisieren oder nicht und wer jetzt mehr Schuld auf sich lädt, sollten wir wahrscheinlich doch erst mal darüber reden, in welche Richtung wir wollen. Sprich: Überzeugungsarbeit leisten. Unter uns, und nach außen. Wenn wir dann irgendwann einen Konsens auf relativ breiter gesellschaftlicher Basis haben, auf was wir hinaus wollen und vielleicht auch, wie wir das erreichen, können wir uns Gedanken machen über die Radikalisierung, denn wie gesagt: Die Zeit, sich eine Meinung zu bilden, sollte man sich zugestehen. Sonst gebirt blinder Aktionismus am Ende nur Leid, ohne wirklich eine Verbesserung zu erreichen. Damit ist keinem gedient.

 

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde vom Sonntag, den 20. Januar 2013

Fangen wir an mit ein wenig Politischer Korrektheit. Beim Herrn Alipius gibt es ein kleines Video dazu. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus der ZDF Serie „Unser Lehrer Dr. Specht“. Weitere Videos zur Herkunft der Politischen Korrektheit un der Rlle der Frankfurter Schule dabei gibt es beim Geier. Die Videos machen auf mich nen sehr einseitigen Eindruck, man will durch das ständige Widerholen des „Marxismus“ wohl dem amerikanischen Publikum klar machen, daß es sich hier um ne gan böse Strömung handelt, aber wenn man es schafft davon zu abstrahieren kann man aus den Videos vielleicht den Gewinn ziehen, den Zusammenhang zwischen political correctness, Studentenrevolution der 60er und marxistischen Strömungen zu sehen. Mein erster Eindruck ist, daß es um die Befreiung des Menschen geht. Die ist ein Stück weit sicherlich in die Hose gegangen, weil andere Unfreiheiten entstanden, aber das könnte man seinerseits ja wieder kritisieren, idealerweise ohne in alte Muster zurückzufallen (denn hätten die getaugt, wär der Marxismus welcher Prägung auch immer wohl nicht aufgekommen).

Und dann gibt es noch einen Artikel von Antje Schrupp zur Benutzung des „N-Worts“ (es handelt sich um das Wort „Neger“)  in Kinderbüchern. Ich gehöre ja noch zu der Generation, die mit Liedern wie „10 kleine Negerlein“ aufgewachsen ist und bis ins Jugendalter (das war in den 90ern) das Wort Neger für einen neutralen Begriff für Menschen mit dunkler Hautfarbe hielt. Schon damals irritierte mich, wieso der Begriff auf einmal nicht mehr angebracht war und warum man heute möglichst umständlich von „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ (wenn das überhaupt politisch korret ist) reden muß. Trotzdem halte ich mich weitgehend an die Konvention, man will ja nicht negativ auffallen.

Nichts desto trotz empfand ich es als erfrischen unverkrampft, als ich zur Zeit meiner Wehrdienstes erlebte, wie in der Buneswehr Begriffe wie „Volk“, „Führer“ und dergleichen ohne böse Hintergedanken oder Konnotationen benutzt wurden. Man überlies diese Begriffe nicht den Nazis, sondern benutzte sie selbst in ihrer eigentlichen Bedeutung weiter, nämlich „Volk“ im Sinne von „Bevölkerung“ und „Führer“ im Sinne von „Anführer“.Ich empfinde das als ehrlicher und praktikabler als nur noch in Umschreibungen mit Gender-Gap zu sprechen und zu schreiben (ja, solche Blogs gibt es auch).

Und weil wir grad beim Herrn Alipius waren: Der geht in einem anderen Artikel auf den Unterschied zwischen Haß und Haß ein, oder so ähnlich. Und in einem noch anderen Artikel beschreibt er, wieso er trotz allem Kirchenhaß und aller Kirchenkritik trotzdem gerne sienen Job, nein, seinen Beruf (von Berufung ;)) ausübt und dankbar dafür ist, das zu tun.

Nick Baines, anglikanischer Bischof von Bradford, England, schreibt über den Sudan und Südsudan wie auch über Joachim Gauck und daß Christen „von einem anderen Liedblatt singen“.

Bei Weihrausch und Gnadenvergiftung gibt es einen Artikel zur Einheit der Christen, bzw dem Fehlen derselben.

Bei Theopop gibt es nun auch sowas wie Netzfunde, wöchentlich, und auf den Bereich Internet und Religion begrenzt.

Der Morgenländer hat ein längeres – und sehr poetisch verfasstes – Zitat von Simone Weil über diejenige außerweltliche Wirklichkeit, die Grundlage des Guten ist.

Fehlt nur noch ne Stellungnache der „NPD – türkische Abteilung“ … 😀

Zu etwas Schönerem, poetischerem: Hao hat eine Predigt zur Gerechtigkeit, oder bessr zur Ungerechtigkeit Gottes geschrieben. Wirklich wunderbar. Wobei mir der Gedanke kam, daß das, was er die Gerechtigkeit Iustitias nennt, hier Gleichheit genannt wird und das, was Hao Gottes Ungerechtigkeit nennt, die Gerechtigkeit des verlinkten Artikels ist.

Und zum Abschluß nochwas zu der Sache mit der Vergewaltigten von Köln. In Frankfurter Rundschau und Kölner Stadtanzeiger (via) wird zur Sprache gebracht, daß es wohl schon Vortäuschungen von Notlagen gab, um in katholischen Kliniken an die Pille danach zu kommen, woraufhin dann bei der Kirchenleitung Anzeige erstattet wurde, weil die Pille wirklich ausgegeben wurde. Trotzdem meine ich, wie schon geschrieben, entgegen der Berichterstattung, daß die fraglichen Kliniken gar nicht helfen konnten, weil sie keine anonyme Spurensicherung vornehmen konnten.

Weitere Rätsel gibt der in der Rundschau genannte Fall auf, wo eine Vergewaltgte in eine Klinik ohne Gynäkologie geacht wurde und dort nicht geholfen bekam (wie auch, ohne entsprechende Fachleute?), aber wie es aussieht nicht einmal an eine andere Klinik verwiesen wurde, wo man hätte helfen können…