Commenting Media, Theologie

Der mitleidende Gott

Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0
Quelle: http://jesusandmo.net

Ein Jesus & Mo Comic, für die Nichtenglischsprecher unter Euch, hiernochmal eine Übersetzung der Konversation:

Bild 1:
Jesus: Ich gebe zu, daß grauenhafte Ereignisse uns manchmal dazu bringen können, die Existenz Gottes anzuzweifeln, aber nach den Anschlägen in Paris habe ich gebetet.

Bild 2:
Jesus: Ich fragte Gott: „Wo bist Du in alledem?“ Und Gott sprach zu mir. Er sagte: …
Barmädchen: Warte!

Bild 3:

Barmädchen: Laß mich raten … sagte er etwas darüber, irgendwo „da“ zu sein in der Mitte von alledem und dann irgendwelche Platitüden darüber, unser Leid zu teilen?

Bild 4:
Jesus: Wie macht sie das?Mo: Gott ist unaussprechlich, aber vorhersehbar.

Es gibt viele von diesen Comics und sie wollen alle den Eindruck erwecken, besonders intelligent Religionskritik zu üben. Manchmal schaffen sie es auch, Mißstände aufs Korn zu nehmen, nur schießen sie dann oft zu weit übers Ziel hinaus und verlieren dadurch.

Wie dem auch sei, dieses Comic nimmt einen Punkt aufs Korn, der mich selbst oft ärgerte. Mir war als Jugendlicher nie eingeleuchtet, was ich davon haben sollte, daß Gott mit mir in irgend einem Leid ist, wenn er mir nicht helfen kann. Wozu jemanden, der mitleidet? Reicht es nicht, wenn es einem dreckig geht?

Ich habe über die Jahre (hört sich wahnsinnig lange an, so alt bin ich gar nicht) zwei ganz verschiedene Zugänge zu dieser Frage gefunden, bzw selbst erlebt.

Gott ist wirklich da

Im Leben bleibt es nicht aus, auch manchmal ziemlich nach unten zu kommen. Und manchmal steht man richtig am Abgrund, und weiß nicht mehr weiter, ist verzweifelt. Ich blieb davon auch nicht verschont und habe erlebt, daß es eine enorme Erleichterung sein kann, nicht auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, sondern jemanden zu haben, dem man sein Leid klagen kann und zwar so oft und so ausführlich, wie kein Mensch es ertragen könnte, zuzuhören. Schon alleine aus zeitlichen Gründen.

Ob und inwieweit Gott mitlitt kann ich nicht sagen, aber es war mir eine Hilfe, daß Er da war, bis ich mich irgendwann gefangen hatte und aus der Verzweiflung raus kam. Womöglich hat es eine Rolle gepielt, daß ich weiß, daß Gott das Leid nicht fremd ist, ging Er doch selbst ans Kreuz. Aber alleine daß ich wußte, es gibt einen Gott, alleine daß ich wußte, Er steht mir bei und läßt mich nicht verloren gehn, komme was wolle, half mir.

Gott leidet nicht nur passiv mit

Jeder Versuch, die Theodizee-Frage, die Frage wieso Gott Leid zuläßt, zu beantworten, wird unweigerlich zynisch. Es ist unsagbar zynisch, wenn man vebsucht, in den Geschehnissen einen tieferen Sinn zu finden. Die Menschen sind tot. Viele andere sind verletzt, physisch und psychisch. Solch schwer zu ertragendes Leid darf man nicht mit irgendwelchen Spekulationen über einen tieferen Sinn wegwischen. Das wäre unanständig und auch unehrlich: Keiner von uns kennt Gottes Plan.

Die Theodizee Frage ist ja auch falsch gestellt. Die Frage ist ja nicht, wieso Schlimme Dinge geschehen, sondern, wieso überhaupt gute Dinge geschehen. Was ist der Grundzustand der Welt? Gehen wir davon aus, daß eigentlich alles gut sein müßte? Oder kommtalles Gute, was uns widerfährt, von Gott? Ist letzteres der Fall,dann war Gott durchaus da bei den Anschlägen und hat konkret geholfen. Keiner der Attentäter kam ins Stadion, der Bataclan wurde relativ schnell gestürmt, die Ärzte waren durch eine kurz vorher abgehaltene Notfallübung ideal vorbereitet.

Sicher kann man jetzt sagen,das war nicht Gott, das war das vorausschauende Handeln der Menschen. Die Sicherheitsvorkehrungen haben geholfen, nicht Gott. So wie das Tischgebet Bart Simpsons:

Lieber Gott, wir danken dir für gar nichts, wir haben alles selbst bezahlt.

Nur ist es dann nicht billig, ausgerechnet das Negative Gott anzulasten? Wenn gute Sicherheitsvorkehrungen für den vergleichsweise glimpflichen Ausgang verantwortlich waren, sind dann nicht auch Menschen für die Anschläge, für das Leid verantwortlich? Schließlich waren es Menschen, die Bomben zündeten, die andere Menschen ermordeten.

Entweder man gesteht Gott zu geholfen zu haben, oder man braucht ihm auch das Negative nicht zuzurechnen.

Freilich, wenn man sich nun dafür entscheidet, Gott das Positive zuzurechnen, woher kommt dann das Negative? Entweder die Menschen haben eine hinreichende Freiheit, unabhängig von Gott Böses zu tun, oder aber es kommt doch von Gott her.

Viele apologetisch schreibende christliche Blogger, so ist mein Eindruck, ziehen als Erklärung die Freiheit des Menschen heran. Sie schreiben, der Mensch sei frei, Gutes und Böses zu tun, um Gott zu entschuldigen.

Ich halte das für nicht zutreffend. Mir ist ein Punkt sehr wichtig, und zwar daß Gott unbedingt über alles souverän ist. Wir sind Ihm letztendlich ausgeliefert, im Guten wie im Bösen.

Und diese Böse Seite müssen wir aushalten, wenn wir uns nicht in den schon erwähnten Sinnfindungen verlieren wollen. Wir können nicht alles Leid erklären, und das müssenwir auch nicht. Als Christen können wir trotz allem hoffen. Und wer kein Christ ist, wer nicht an Gott glaubt, der stellt auch nicht die Frage, ob Gott nun gut oder böse ist.

Womit sich nun die Frage nach dem obigen Comic stellt. Wenn der Autor nicht gläubig ist, wieso gibt er sich überhaupt mit dem Thema ab. Ich weiß es nicht, aber vielleicht kennt ja jemand von Euch die Antwort.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde vom Freitag, 21. Dezember 2012

Also mit dem Weltuntergang wurde scheint’s mal wieder nix (die durchaus einleuchtende Erklärung habe ich bei Ameleo gefunden). Also habt Ihr sicherlich Zeit, Euch die heutigen Netzfunde anzusehen, vielleicht ist ja auch für Euch etwas Interessantes dabei.

Erinnert Ihr Euch noch an Terry Jones? Genau, das war der US-Pfarrer, der vor längerem mal nen Koran verbrennen wollte. Den gibt es wohl immer noch. Wie man ihm und seinen kruden Ansichten am Besten begegnet, schreibt Christian Piatt. Die Methode hilft nach dem Artikel auch gegen die Jünger von Fred „God hates fags“ Phelps und seinen Westboro Baptist Verein.

Ebenfalls von Piatt kommt ein Artikel über eine Äußerung von Richard Land. Dieser hatte wohl in einem Interview geäußert, daß das Nächstenliebegebot binhalte, seinen Nächsten im Zweifel mit Waffengewalt zu verteidigen (das Ganze steht inhaltlich wohl in Verbindung zum Amoklauf in Newtown). Nun kann ich Piatt durchaus verstehen, wenn er sagt, daß Gewalt prinzipiell falsch ist. Andererseits kann ich aber auch nicht leugnen, daß Land einen Punkt hat, wenn er sagt, daß man nicht einfach mit ansehen kann, wie sein Nächster ermordet wird und ich neige fast dahin, Land eher Recht zu geben als Piatt. Das Problem, so meine ich zu erkennen, kommt genau dann ins Spiel, wenn die Sache unreflektiert als Rechtfertigungshammer genutzt wird. So nach dem Motto: Ich habe nichts falsch gemacht, ich mußte den erschießen, aus Nächstenliebe zu meinen Nächsten. Als Bonhoeffer sich entschied, sich einer Verschwörung gegen Hitler anzuschließen, war ihm auch bewußt, daß er eigentlich Böses tut, daß jedoch die Alternative noch Übler gewesen wäre. Dieses Bewußtsein, selbst Böses zu tun, halte ich für wichtig, um ein Abrutschen in einen Mißbrauch des Nächstenliebegebots durch Gewalttäter auszuschließen. Freilich läßt sich das nicht von außen erkennen, inwieweit sich jemand schuldig fühlt. Der Mensch ist jedoch mündig und weiß es selbst gut genug, und Gott kann in die Herzen sehen.Mehr Leute müssen auch nicht wissen, was wirklich dahinter steht.

Was den Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule angeht hat Julian DeShazier bei Sojourners nen guten Artikel geschrieben, in dem er argumentiert, daß wir so geworden sind wie die Freunde Hiobs: Wir suchen nach Erklärungen und verlieren die Opfer aus dem Blick. Vielleicht ist das ein weiterer Ansatz zum Umgang mit der Theodizeefrage. Wohl gemerkt: Umgang! Nicht deren Lösung. Aber was hülfe uns deren Lösung, wenn die Opfer weiterhin mit ihrer Not alleine sind?

Ebenfalls bei Sojourners hat Jim Wallis höchst selbst nen Artikel zur aktuellen Finanzpolitik vor allem der US-Republikaner geschrieben. Wer hierzuland immer noch der Meinung ist, daß christlicher Glaube allgemein und speziell in den USA mit Steuervergünstigungen für die Reichen und ausbleibender Fürsorge für die Bedürftigen zusammengeht, sei die Lektüre empfohlen. Es gibt auch die anderen.

Nochmal zurück zu Bonhoeffer: Zu dem hat Thomas Jakob was. Der scheint in jüngeren Jahren auch etwas Fundi-mäßiger draufgewesen zu sein, als man heute wahrhaben will. Ich muß mich endlich mal näher mit seiner Theologie auseinandersetzen…

Derek Flood hat schon länger eine Serie zu Nonviolence gestartet. Absolut lesenswert!

Bei Eric Djebe gibt es Kulturkritik unter dem Titel „Postchristentum“. Es scheint hier auch eine Serie zu werden.

Der Landpfarrer hat was schönes geschrieben zum Unterschied zwischen erwarten und abwarten.

Beim Israel Palästina Blog des ARD Studios Tel Aviv geht es um 15 Kilometer und wie diese die Sicherheitspolitik Israels bzw. eines möglichen zukünftigen Staates Palästina tangieren.

Muriel schrieb über Humor, Herzogin Kate und das, was auszuhalten ist.

Bei Ergo Sumus geht es um die Bekenntnisschulen, speziell um die in NRW, und deren Rechtfertigung. Offensichtlich ist es so, daß es in einige Städten NRWs für Nichtchristen, teilweise auch für Nichtkatholiken unmöglich ist eine Grundschule zu besuchen, in der sie nicht mit fremden Glaubensinhalten konfrontiert werden, und zwar gezwungener Maßen.

Das kann so nicht sein, wobei sich mir zwei Fragen stellen:

  1. Was sind die Argumente der Kirchenvertreter pro Bekenntnisschule?
  2. Falls die Kirchen besondere Rechte auf diese Schulen haben (was ich annehme, sonst gäbe es sie wohl nicht mehr), wäre es nicht bedenkenswert, mehr freie Grundschulen einzurichten, statt die Bekenntnisschulen umwidmen zu wollen?

Beim Thema Kirche und Staat kochen in letzter Zeit die Wogen immer besonders schnell hoch, und ich habe oftmals den Eindruck, als würden wichtige Punkte ausgeblendet, weil sie vielleicht gar nicht verstanden werden. Deshalb möchte ich verstehen. Meine ermutung ist, daß die Schulen ursprünglich samt deren finanzieller Grundlage vom Staat den Kirchen entzogen wurde, da der Staat die Aufgaben selbst wahrnehmen wollte. Woöglich wurde dabei festgeschrieben, daß die Bekenntnisbindung erhalten bleibt. Dann könnten die Kirchen durchaus bestimmte Rechte innehaben, und es kann nicht genügen, die Schulen den Kirchen zu übertragen (ohne gleichzeitig die angenommene Finanzierungsgrundlage zurückzugeben) oder die Schulen einfach in konfessionsfreie Schulen umwandeln. Vor diesem Hintergrund würden mich dann auch die Details der Umwandlung in anderen Bundesländern interessieren. Wie gesagt, beim ersten Lesen habe ich durchaus Verständnis für die Ansichten des Autors, aber bei derartigen Themen bin ich in letzter Zeit sehr vorsichtig geworden, es fehtl oft die Hälfte der Geschichte…

Bei Geiernotizen stieß ich zum ersten Mal drauf und hab es seitdem schon öfter gelesen. Die Qumran Schriften werden online verfügbar gemacht, und zwar in richtig guter Qualität. Das ist doch mal ein Weihnachtsgeschenk!

Und zu guter letzt noch ein Hinweis auf ein Forum, das ich eingerichtet hab. Es soll vor allem um religiöse und politische Themen gehen (vielleicht auch um die Bekenntnisschulen), und vor allem auch möglich sein ohne restriktive Forenregeln zu diskutieren. Hier auf dem Blog werden die Themen ja von Bonifatz und mir vorgegeben, und es wird ja durchaus auch kommentiert. Im Forum könnte nun jeder ien Thema anschneiden. Viele haben sich noch nicht angemeldet, aber wenn Ihr alle mitmacht, sind wir schon ein paar mehr.

Falls ich nicht mehr zum Bloggen kommen sollte, wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 27.03.2012 (Ps 148, 3.5)

Lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne! Denn er gebot, da wurden sie geschaffen.

Der heutige Losungstext ist eine Aufforderung zm Gotteslob. Gott soll von Sonne, Mond und Sternen gelobt werden und zwar aus einem bestimmten Grund: Er gebot, dann wurden sie geschaffen. Gott spricht, und was Er sagt, geschieht auch. Gestern hatten wir es davon, daß die Propheten ein Lied davon singen können.

Man kann sich ja heute kaum mehr viel unter „Gotteslob“ vorstellen. Viel mehr stellt sich die Frage: Hat der das denn nötig? Lob erscheint uns als etwas das wir geben, was eigentlich überflüssig ist. Der Gedanke vom Engel, der den lieben langen Tag auf der Wolke sitzt, mit der Harfe und der Hand und Gott Loblieder singt ist den meisten Zeitgenossen doch recht befremdlich. Wieso verdonnert Gott den armen Engel zum Harfendienst? Was muß das doch für ein Großkotz sein!

Lob. Das ist was für Kinder. Ein Kind hat ne Eins geschrieben, und man lobt es, das Selbstwertgefühl soll gestärkt werden, er soll motiviert werden, so weiter zu machen. Das gleiche macht ein Chef vielleicht auch mit einem Angestellten. Ziel: Ebenfalls Motivation. Fernziel: Mehr Profit, selbst etwas davon haben.

Aber ansonsten? Und vor allem: In beiden Fällen gibt es ein Gefälle, der Lobende steht oben, der Gelobte unten. Eine Hierarchie. Wie komisch wäre es, wenn der Chef von seinem Angestellten Lob erwarten würde? Solche Chefs sind doch mindestens unangenehm. Oder wenn Eltern von ihren Kindern Lob erwarten: Ja Mama, das Essen schmeckt… Moment! Das Essen schmeckt?

Würde das nicht bedeuten, die Mutter stünde hierarchisch unter dem Kind, das die Kochkünste lobt? Wäre es vielleicht sogar im Rahmen feministisch-emanzipatorischer Reflektion geboten, solches Lob zu unterbinden? (alternativ könnte man auch den Brauch, daß die Mütter Essen machen angreifen;))

Kind! Das tut man nicht! Deine Elten sind nicht Deine Angestellten! Was denkst Du Dir?

Ich denke es wird klar, daß Lob recht wenig mit Hierarchie zu tun hat. Man lobt auch Fußballer, wenn sie Tore schießen, oder auch wenn sie welche Verhindern (Torwarte), also wenn sie gut spielen. Und das tut man, weil man sich über den Sieg der eigenen Mannschaft freut, nicht weil die Fußballer bei einem angestellt wären und man sie zwecks Profitoptimierung motivieren will. Man lobt auch ganz andere Menschen, wenn man sich freut. Durchaus auch den Chef, manchmal sogar aus Hochachtung Spieler der gegnerischen Mannschaft oder andere Menschen, deren Motivation einem sonst erst einmal nicht am Herzen liegt.

Und Gott? Ändert das jetzt was in Bezug auf Ihn?

Das kommt darauf an. Freuen wir uns über Gott, oder haben wir wenigstens Hochachtung vor seinen Leistungen? Der Losungstext ist etwas verknappt, was die Herrnhter ja öters mal tun. Der Psalm ist voll von Lobaufrufen, aber er hat auch die Begründun in den Versen 5 und 6:

Die sollen loben den Namen des HERRN; denn er gebot, da wurden sie geschaffen. Er lässt sie bestehen für immer und ewig; er gab eine Ordnung, die dürfen sie nicht überschreiten.

Der Psalmist behauptet, Gott sei derjenige, der alles gemacht hat und bestehen läßt, der eine Ordnng gab, die „sie“ nicht überschreiten dürfen. Sieht man sich den im Losungstext ausgelassenen Vers 4 an, kriegt man einen Hinweis, an wen da wohl vor allem gedacht ist:

Lobet ihn, ihr Himmel aller Himmel und ihr Wasser über dem Himmel!

Man kann vielleicht etwas unfair sagen, früher waren die Menschen noch dankbarer. Als Urzustand betrachteten sie das todbringende Chaos, und sie freuten sich über alles, was ein wenig Ordnung brachte und Glück ermöglichen konnte. Daß es die Welt gab, daß es Menschen geben konnte, die sich an der Welt und ihrem Leben freuen konnten, die glücklich waren, war Anlaß großer Freude. Und damit auch ein Anlaß dafür, denjenigen zu loben, der das alles so gut hingekriegt hatte.

Heute sehen wir das anders. Wir sind verwöhnt vom Wohlstand, wir akzeptieren Gott höchstens noch als Knecht und nehmen als Urzustand die Perfektion an. Überall, wo die Dinge nicht laufen, wie sie sollten, suchen wir einen Sündenbock. Theodizeefrage sei Dank, steht uns dafür Gott immer zur Verfügung. Nur, der ist ja allmächtig, also braucht der ein Lob gar nicht zu erwarten, selbst wenn wir einmal annehmen sollten, Er hätte wirklich mal etwas zu Stande gebracht (und es gäbe keine „wissenschaftliche“ Erklärung – als ob das ein Widersprch wäre!).

Wie soll man den Allmächtigen für besondere Leistungen loben? Gar nicht! Es ist schlicht unmöglich! Der einzige Grund für ein Lob läge in der Freude.

Gott motivieren läuft schon deshalb nicht, weil Er eben nicht unser Knecht ist. Und wenn jemand allmächtig ist, gibt es auch keine besonderen Leistungen mehr, denn das Besondere wird zum Standard.

Die Einzige Möglichkeit die wir haben, ist die Freude. Wo wir Gott nicht als Schöpfer verstehen, wo wir in Ihm nicht den Grund erblicken, wieso wir da sind und überhaupt in der Lage sind, uns zu freuen (trotz allem Leid, das uns widerfährt), wird es keinen Grund für ein Gotteslob geben, weil die dazu nötige Freude an Gott fehlt.

Statt dessen sind wir Gott sauer, weil nicht alles perfekt ist (nach unserer *perfekten* Ansicht), weil Gott das Leid zuläßt, das uns täglich begegnet, wegen Hungersnöten, Erdbeben und Liebeskummer. Selbst wenn wir annehmen, daß es einen Gott gibt, sind wir doch unversöhnt mit Ihm. Und der Punkt ist wichtig! Wir haben ein Problem mit Ihm, nicht umgekehrt!

Was kann man daran ändern? Wie können wir von den verzogenen Perfektionseinforderern zu Menschen werden, die sich am Schönen freuen können, ohne gleich alle möglichen Mängel zu reklamieren?

Dazu bedarf es der Versöhnung. Wir sind in der Passionszeit und gehen auf Karfreitag zu. An diesem Tag, so heißt es, geschah die Versöhnung der Menschen mit Gott. Sie geschah dadrch, daß Gott für uns am Kreuz starb.

Dieser Tod, so heißt es, versöhnt uns nun wieder mit Gott und ist Grund zur Freude (und damit zum Lob). Gott hat als Jesus die Knechtsrolle angenommen, was Er nicht gemußt hätte. Er kam zu uns und zeigte uns, wie wir in der mangelhaften Welt leben können. Er gab uns Hinweise, wie wir mit den größten Mängeln selbst fertigwerden können (Liebet Ere Feinde, tut wohl denen, die Euch hassen, liebet Eure Nächsten, sorgt für die Armen…).

Danach starb Er am Kreuz, weil die hohe Politik Ihn als Problem wahrnahm (die hohe Politik hat oft andere Pläne als der Rest der Menschen, wobei in der Demokratie wir Wähler die hohe Politik sind) und stand danach einfach wieder auf und zeigte damit, daß Er wirklich Gott ist nd die Macht über den Tod hat.

Damit wird aber auch anderes klar: Nicht wir sind diejenigen, die von Ihm eine perfekte Welt erwarten können. Er ist nicht UNSER Knecht. Vielmehr könnte ER von uns eine perfekte, oder zumindest eine perfektere Welt verlangen. Die Rollen haben sich getauscht.

In der Folge können wir dann froh sein, wenn überhaupt irgend etwas annähernd perfekt ist. Denn da müssen wir nicht ran, und etwas tun. Wo es keine Überschwemmungen gibt, müssen wir keine Deiche bauen. Wo es keine Erdbeben gibt, haben wir auch weniger zu tun. Wo es regnet, müssen wir nicht bewässern. Und wo ein Samenkorn, das man in die Erde steckt zu einer Pflanze wird, die Früchte trägt, brauchen wir uns keine Gedanken darm machen, wie wir sonst an etwas zu essen kommen.

Froh sein! Genau. So haben dann auch wir Grund zur Freude, und Grund zum Lob.

glaube, Religion

Rechtfertigung

Nach dem Erdbeben in Haiti und nach dem Seebeben, Tsnami und Reaktorunglück in Japan habe ich schon darüber geschrieben, heute also wieder das Thema: Theodizee. Die Rechtfertigung Gottes für Sein Tun und Lassen vor dem menschlichen Richterstuhl.

Drauf gekommen bin ich über nen Artikel beim Blasphemieblog 2, der seinerseits auf das Projekt einer Gymnasiumsklasse hinweist.

Warum ein neuer Artikel? Im Artikel zu Haiti habe ich mich vor allem damit auseinandergesetzt, wieso man in einigen Fällen eher die Theodizeefrage stellt und in anderen nicht, bzw habe ich dann auch auf die Möglichkeit der Menschen hingewiesen, Leid zu lindern.

Im Japanartikel ging es mir um die Sinnfrage. Das Aufkommen der Theodizee-Frage zeigt eine Sinnkrise an. Man versteht Gott nicht mehr. Man zweifelt.

Im Haiti-Artikel habe ich es so ausgedrückt:

Die Frage, die mich beschäftigt ist: Kann man das Gott in die Schuhe schieben? Und ich denke: Nicht unbedingt. Die Menschen wären gestorben, so oder so. Nimmt man, etwa als Christ, Gott als gegeben an, dann kann man damit rechnen, daß die Toten auferstehen werden, wie sie auch auferstanden wären, hätten sie länger gelebt. Nimmt man Gott nicht an, dann sind die Toten tot und hätten vielleicht noch ein langes, erfülltes Leben vor sich gehabt, vielleicht auch ein Leben in Armut und Not. Nur, wie immer es auch gewesen wäre: Wenn man Gott nicht annimmt, kann man auch nicht fragen, wie Er das zulassen konnte. Gläubig kann man darauf vertrauen, daß Gott sich um die Menschen kümmert, was auch immer passiert, ungläubig kann man nicht einmal Gott verantwortlich machen.

Im Japan-Artikel hielt ich fest an der These, daß die Frage an sich nicht zu beantworten ist, sondern einen Punkt markiert, in dem man seinem Leben einen neuen Sinn geben muß, damit die Frage wieder in den Hintergrund rückt. Dabei ist eine Möglichkeit sicherlich, was Max im Blasphemie-Artikel kommentiert hat (auch wenn bei ihm nicht die Theodizee der Auslöser war, jedenfalls schriebt er es nciht so):

Ich kann das Vertrauen an Gott, also an diese jüdisch-christliche Entität, nicht mehr aufbringen, da ich diese Figur endgültig als Märchenfigur in meiner Schublade verstaut habe. Es ist für mich eine literarische Figur geworden, keine Gestalt, die unbedingt „dort oben“ zu sein hat, um meine Moral und meine Ethik zu ordnen.
Dies habe ich beileibe nicht „über Nacht“ getan, und auch weit vor Dawkins Büchern, aber ich habe einfach genug ausserhalb der christlichen Religiösität erlebt, um diese Ideologie „abzuschalten“, ohne Nachteile zu erfahren. So, durch Kirchenbesuche – die ich immer noch im Zuge von Freunden und Bekannten ausübe – habe ich hingegen nur die „kultischen“ Aspekte des Glaubens vor Augen, etwa die Gemeinde, den Zusammenhalt und den gemeinsamen Glauben. Aber der ganz persönliche Glaube an Gott als „Vater“ und an Jesus als „Erlöser“, den habe ich einfach nicht mehr. Das mir gebotene hat sich für mich als „kirchliche Angebote“ entpuppt. Und auf der Suche nach Gott, da fand ich einfach zuviele unterschiedliche Angebote in der Welt der Ideologien.

In diesem Artikel möchte ich die Frage noch einmal etwas anders angehen, unter Auslassung der emotionalen Aspekte. Das Problem bei der Aseinandersetzung mit der Theodizee ist nämlich, vor allem wenn Katastrophen zum Anlaß für die Auseinandersetzung genommen werden, daß man nicht kühl analysieren kann, ohne extreme emotionale Reaktionen zu provozieren, die die Analyse mitunter als zynisch angesichts des gerade Geschehenen ansehen.

Ich möchte nun also einen verstärkten Blick auf die theoretische Seite der Frage werfen.

Wann verlangen wir Rechtfertigung?

An den Anfang möchte ich eine Selbstreflektion stellen: Wann verlangt der Mensch nach Rechtfertigung? Wann fordern wir von anderen, über ihr Tun Rechenschaft abzulegen? Wann ziehen wir sie vor den Richterstuhl?

Ich meine, wir tun das immer dann, wenn wir kein Vertrauen zu ihnen haben:

EIn Mensch wurde getötet, eine Leiche gefunden. Die Polizei sucht nach dem Mörder. Dabei wird versucht, die Menschen einzuschätzen und aus dieser Einschätzung abzuleiten, wem man vertrauen kann, und wer nicht vertraenswürdig ist, wer eventuell lügt, um sich oder ihm nahestehende Personen nicht zu belasten.

Vertrauen und Mißtrauen

Vertrauen bezieht sich hier in erster Linie nicht auf die als Mörder in Frage kommenden Menschen. Das Vertrauen bezieht sich vielmehr auf die kriminalistischen Methoden nd die Fähigkeit der Ermittler, als auf die als Täter in Frage kommenden Menschen.

Verläßt man nun den kriminalistischen Bereich und geht in den Alltagsbereich der Zwischenmenschlichkeit, so fallen die kriminalistischen Methoden fort und werden ersetzt durch die je individuellen Methoden, die jeder hat, um den anderen einzuschätzen.

Wenn man nun nachdenkt, wo es wirkliches Vertrauen gibt und wo das Vertrauen lediglich auf der eigenen Fähigkeit beruht, den Anderren richtig einschätzen zu können, so meine ich ist das Ergebnis, daß wirkliches, nur auf der Hoffnung, daß es nicht vergebens ist, gründendes Vertrauen recht selten ist, und man den Mitmenschen eher mißtraut, wo man sie nicht richtig einschätzen kann. (daß es darüber hinaus immer Fehleinschätzungen gibt und geben wird ist ein anderes Thema und in der Imperfektion des Menschen begründet)

Vertrauen gibt es höchstwahrscheinlich nur da, wo es Liebe gibt. Da ist der Mensch stark genug, allein auf die Hoffnung zu bauen und zu riskieren, das alles in einem ökonomischen Sinn umsonst war. Vertrauen ist übrigens eine mögliche Übersetzung für πιστεύω, das in der Bibel jedoch meist mit „glauben übersetzt wird. Man hat also hier die Trias: Glaube, Liebe Hoffnung vor sich, aber daraf will ich hier nicht weiter eingehen.

Gott vor dem menschlichen Richterstuhl

Wenn man nun die Theodizee-Frage stellt, so deutet dies darauf hin, daß das eigene Vertrauen zu Gott mindestens einen Knacks gekriegt hat. Bevor mich jemand mißversteht: Das ist nichts moralisch verwerfliches, sondern eine Feststellung der Tatsachen. Daß das Vertrauen zu Gott Schaden nimmt, ist etwas ganz natürliches und kommt immer wieder vor, wird auch in der Bibel des öfteren erwähnt. Viele Psalmen drücken das aus. Ein besonders prominenter Vertreter ist Hiob:

Nach einer Wette Gottes mit Satan verliert Hiob seinen Besitz und ach alle seine Kinder. Hiob ist sich keiner Schuld bewußt und versteht Gott nicht mehr. Ihm verlangt nach einer Erklärung, er will wissen, welche Schuld er auf sich geladen habe, die eine solche Strafe rechtfertigt. Er zieht Gott damit vor den Richterstuhl, verlangt Rechtfertigung. Damit hat er noch lange nicht mit Gott gebrochen, denn er erkennt immer noch an, daß Gott es ist, der Übertretngen des Rechts ahnden kann, soll und darf.

Aber nach langen Diskussionen mit den Freunden, die Hiob zu trösten versuchten, findet sich keine Antwort. Schließlich spricht Gott selbst, bleibt aber eine Rechtfertigung schuldig. Anstatt sich zu rechtfertigen, weist Gott Hiob in die Schranken. Er rechtfertigt sich nicht, Seine Argumentation, wenn man sie so nennen will, geht gar nicht auf die moralische Ebene. Er betont den Machtaspekt: Schöpfung und Erhaltung aller Geschöpfe und Macht über das Chaos in Form des Leviathan.

Man könnte daher auf die Idee kommen, es gehe Gott allein darum zu sagen: Ich Chef – Du nix, oder anders ausgedrückt: Wenn Du meine Moral in Zweifel ziehst, kriegst Du auf’s Maul. Hiob scheint die erste Rede Gottes ähnlich verstanden zu haben (Hi 40, 4):

Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten?

Nach der zweiten Rede Gottes kommen neue Aspekte dazu:

  1. Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. (Hi 42, 2)
    Hier drückt sich noch die Gott Chef – Hiob nix Variante des Verstehens aus. Es nützt nichts, gegen Gott zu wettern, denn Gott ist jedenfalls stärker.
  2. Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. (Hi 42, 3)
    Hier geht es nicht mehr um Macht, sondern um Wissen. Hiob sieht ein, daß er Gott Sein handeln nicht vorwerfen kann, weil es ihm an Wissen mangelt, die Taten zu verstehen, daß er nicht das Zeug dazu hat, den Ratschluß Gottes in Frage zu stellen und wohl auch nciht, in vollkommends zu verstehen.
  3. Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.
    Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche. (Hi 42, 5f)
    So ist Hiobs Antwort auf des Herrn Aufforderung: Lehre mich. Hiob bekennt, daß er Gott nicht belehren kann, nicht seinen Platz einnehmen kann. In der vorhergehenden Rede fragt Gott, ob Hiob die gleiche Kraft hat wie er selbst, ob er in gleicher Weise Hochmütige und Gottlose in ihre Schranken weisen könne.

Die Entscheidung spielt sich also ach hier nicht auf der moralischen Ebene ab. Gott gibt keine Auskunft über Seine Moral. Er rechtfertigt sich nicht. Hiob erkennt an, daß er Gottes Job nicht übernehmen könnte, nicht wegen moralischer Inkompetenz, sondern wegen der schlichten Machtlosigkeit. In eine ähnliche Richtung scheint mir der Film Bruce allmächtig zu gehen. Bruce bekommt von Gott zwar Macht: Er kann die Umlaufbahn des Mondes ändern, auf Wasser gehen etc etc. Aber er schafft es trotzdem nicht, alles im Gleichgewicht zu halten, so wie Gott es in seinen Reden an Hiob beschreibt.

Wir sehen also, daß Gott sich nicht rechtfertigt und sich nicht nach menschlichem Ermessen rechtfertigen läßt. Gott vor dem menschlichen Richtersthl, vor dem die Taten oder Unterlassungen Gottes moralisch geprüft werden, muß im Schuldspruch enden, wie damals beim Prozess gegen Jesus, der ja auch recht still blieb. Man kann nun mutmaßen, warum dies so ist. Ich habe das oben getan, indem ich andeutete, daß neben einer guten Moral noch viel mehr nötig ist, um die Welt am Laufen zu halten. Doch all dies ändert nichts an der Tatsache, daß Gott vor dem menschlichen Richterstuhl nicht bestehen kann. Er muß schuldig gesprochen werden, womit die Rede vom „lieben“ Gott schwierig wenn nicht unmöglich wird.

Interessant wäre die Frage, inwieweit jeder einzelne Mensch vor dem gleichen Richterstuhl bestehen könnte. Was käme dabei raus, wenn man die Vorwürfe, die man gegen Gott wegen Seines Tuns oder Nichttns erhebt, an sich selbst anlegte? Aber die Anthropodizee ist hier nicht Thema, also belaß ich es bei dem Hinweis.

Wem vertrauen?

Wenn Gott als „Vertrauensperson“ wegfällt, bleibt nicht viel übrig. Vielleicht noch eineige sehr nahe Freunde oder Familienmitglieder, wenn man ein sehr glücklicher Mensch ist und eine so gute Beziehung zu ihnen hat. Letztendlich lebt man aus der Hoffnung. Man hofft darauf, daß man denjenigen, denen man vertraut, auch vertrauen kann. Ob das nun Gott einschließt oder nicht, spielt hier keine Rolle. Wenn es ach sonst niemanden einschließt, bleibt man am Ende nur selbst übrig. Man ist daruaf zurückgeworfen, seinen eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Man muß hoffen, daß sie ausreichen.

Mißtrauen ist gut und lebenserhaltend, schrieb Ezri. Das mag stimmen. Aber wo das Mißtrauen so weit geht, daß man allen gegenüber argwöhnisch wird, erhält man sich vielleicht eher das biologische Überleben, das Leben an sich, als Teilnahme an Lebensfreude, an Liebe, an allem, was das Leben lebenswert macht, bleibt dabei aber auf der Strecke. Je mehr man mißtraut, desto mehr. Es wäre also nicht verkehrt, sich die Frage zu stellen, inwieweit man leben will, und inwieweit man überleben will. Erst einmal unabhängig von Gott, aber wenn man an Gott glaubt, warum Ihn nicht einbeziehen?

Die Frage nach der Kontrolle

Gott läßt sich nicht kontrollieren. Er ist souverän. Weder Hiob noch sonst jemanden ließ er bisher in seine Karten sehen, um eine Antwort auf die Theodizee-Frage zu geben. Und das ist nicht verwunderlich, wenn man es genau bedenkt:

Wüßte man, wieso Gott was tut, so wäre Er berechenbar. Er könnte zum Werkzeug der Menschen verobjektiviert werden. Man wüßte: Wenn ich dies will, muß ich das tun. Dies würde allerlei Möglichkeiten eröffnen, m Gott für die eigenen Zwecke zu mißbrauchen. Es wäre im Grunde nichts anderes als die Beschwörngen, die es in anderen Religionen gibt, nd die christlicherseits so abgelehnt werden. Gott wäre, ließe Er isch in die Karten sehen, nicht mehr Gott, sondern Götze. Zur Verfügung der Menschen. Er würde nicht mehr länger sie kontrollieren, sondern sie Ihn, einfach nur über ihr Wissen.

Mißtraut man Gott soweit, daß man eine Antwort auf die Theodizee Frage fordert, dann ist es mit dem Glauben aus. Man vertraut nicht mehr Gott, sondern nur noch den eigenen Fähigkeiten. Man ist selbst der oberste Kontrolleur seines Lebens. Gibt man sich zufrieden damit, daß die Theodizee Frage nicht gelöst werden kann, daß es eine logische Unmöglichkeit ist die Frage zu lösen und gleichzeitig Gott zu vertrauen, dann ist es mit der absoluten Kontrolle aus. In mindestens diesem Bereich im Leben vertraut man blind. Das iwrd dann gerne lächerlich gemacht als „keine Verantwortung übernehmen wollen“ und dergleichen, wobei „Verantwortung übernehmen“ hier nicht bedeutet, daß man tatsächlich für seine Taten keine Verantwortung übernähme, sondern daß man sein Leben nicht komplett kontrollieren wolle. Der Vorwurf ist, daß man nicht sein eigener Gott sein will. Dieser Vorwurf ist, jedenfalls nach meiner Überzeugung, leicht auszuhalten. Was ist schon so erstrebenswert daran, mehr Verantwortung übernehmen zu müssen, als man fähig ist zu tragen? In solchen Situationen macht man oft mehr kaputt, als daß man verbessert.

Deshalb halte ich es auch nicht für verkehrt, beim Auftauchen der Theodizee Frage nicht in erster Linie nach einer Antwort zu suchen, sondern nach einem Weg, der aus dieser aufbrechenden Sinnkrise herausführt: Umgehen mit den gegebenen Dingen und nicht danach fragen, wieso sie so gekommen sind. Jedenfalls bis man alles emotionsloser analysieren kann.

glaube

Japan

Wie kann Gott das zulassen? Das ist die Theodizeefrage. Immer wieder wird sie gestellt, vor allem bei großen Katastrophen. So habe ich mich auch schon beim Erdbeben auf Haiti damit beschäftigt. Damals fragte ich mich vor allem: Wieso Gott, wo ist unser Anteil? Heute kam mir ein anderer Gedanke, den ich hier teilen will:

Es gibt auf die Theodizeefrage keine befriedigende Antwort. Wenn einer eine kennt, bin ich gespannt sie zu hören, bis ich sie jedoch höre, gehe ich davon aus, daß sie nicht existiert.

Ob nun in Japan, damals auf Haiti, 2004 im Indischen Ozean oder wann und wo auch immer: Die Frage wird gestellt, wo der Mensch keinen Sinn mehr sieht.

Ich ebe mein Leben und versuche ihm einen Sinn zu geben. Etwa, indem ich meinen Job gut mache, oder mich besonders um meine Mitmenschen kümmer. Oder indem ich größtmöglichen Lustgewinn für mich anstrebe, wie auch immer. Man gibt seinem eben einen Sinn, ohne Sinn, macht es keinen Sinn zu leben, selbst zu leben. Man könnte genausogut tot sein.

Wer nichts (mehr) von seinem Leben hat oder zu haben glaubt oder erwartet, ist oft nicht weit vom Suizid. Der Sinn ist es, der uns leben läßt. Nicht körperlich, sondern seelisch. Und dieser Sinn geht verloren, wo wir mit (übermäßigem) Leid konfrontiert werden.

Man lebt sein Leben, arbeitet vor sich hin, hat ein Ziel vor Augen und rechnet damit, daß alles seinen Gang geht nach gewissen Gesetzen. Etwa, daß gute Arbeit belohnt wird. Oder daß eine gewisse Tat das Wohlbefinden eines Menschen verbessert oder verschlechtert. Einfach die Regeln, nach denen wir versuchen, nach vorne zu kommen. Katastrophen brechen diese Regeln. Egal wie hart der Arbeiter an der Ostküste Japans arbeitete, um seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen, um seine Kinder an eine gute Uni schicken zu können. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami sind die Kinder tot, die Frau vermisst und das Haus zerstört. Er selbst vielleicht noch verstrahlt. Viele harte Arbeit, immer nach den Regeln gespielt, die dem Leben Sinn gaben, nämlich das gute Leben für die Kinder, und nun alles umsonst, das Ziel nicht erreich.

Auch wenn wir hier in Europa nicht direkt betroffen sind sehen wir das, und wir machen uns Sorgen. Etwa, daß es uns auch so ergehen könnte. Und theoretisch weiß auch jeder: Morgen könnte ich vom Auto überfahren werden, und alle Anstrengung war umsonst. Aber wir verdrängen das, denken nicht daran, versuchen vielleicht noch Risiken zu minimieren, indem wir nicht gerade nach Libyen in den Urlaub fahren, aber im großen und Ganzen spielen wir nach den Regeln, die den Normalfall beschreiben. Hier definieren wir unseren Lebenssinn. Wenn nun aber eine Katastrophe die Regeln in Frage stellt, stelt sich damit auch die Frage, wie das mit dem Lebenssinn ist: Hat es noch Sinn, zu arbeiten, um den Kindern eine gute Uni zu ermöglichen? Was, wenn sie morgen vom Bus überfahren werden? Was, wenn mir etwas zustößt? Was, wenn es trotzdem nicht klappt? Was, wenn irgend eine andere Katastrophe hereinbricht so wie jetzt über die Japaner? Hat es überhaupt noch einen Sinn, sein Leben angesichts dieser Unberechenbarkeit zu leben?

Christlich umformuliert wird dies dann zu: Wie kann Gott das zulassen? Er, der die Regeln für das Miteinander bestimmt (zumindest in der Theorie bei Gläubigen), sollte doch dafür Sorge tragen, daß wir Menschen unbeheligt bleiben von derlei Störungen des Betriebsablaufes. Die Frage ist: Warum tut Er das nicht? Hätten wir eine Antwort, könnten wir weitermachen, ohne in der Folge weitere derartige Katastrophen zu befürchten, wir würden uns einfach an die neuen, erweiterten Regeln halten, um kein darum zu produzieren. Daß das als Machtmittel mißbraucht werden kann sieht man durch die ganze Geschichte, und noch heute sehen Spinner aller Couleur in Katastrophen die Rache Gottes für alle möglichen Dinge, die ihnen persönlich nicht gefallen, von der sexuellen bis zur religiösen Orientierung bis zu sonstigen denkbaren und undenkbaren „Verfehlungen“.

Diese Antworten sind aber keine Antworten, sondern Machtmittel. Und als solche müssen sie denunziert werden, damit sie möglichst wenige Opfer nach sich ziehen (jedes einzelne ist eine Katastrophe für sich). Ich bleibe aber dabei, Antworten auf die Warum-Frage gibt es nicht. Jedenfalls nicht hier.

Es gibt jedoch immer wieder die Behauptung, Glaube helfe. Ich denke das auch. Jedoch nicht, indem er die brennende Frage nach dem Warum beantwortet. Er macht sie allerdings irrelevant.

Im Glauben an Gott kann man die Frage nach dem Warum Gott überlassen. Glaubt man an Gott so glaubt man auch, daß Er sich um die Opfer kümmert. Die Toten sind bei für den Gläubigen bei Ihm geborgen. Die Überlebenden und Hinterbliebenden sind uns überlassen, auf daß wir als Abbilder Gottes (Gen 1) uns um sie kümmern, ihnen beistehen und aufhelfen in der Not und Trauer.

Es beantwortet nicht die Frage nach dem Warum, aber es zeigt einen Weg aus der Katastrophe, die die Warum-Frage aufwirft heraus in eine Situation, in der wieder Hoffnung herrscht und die Warum-Frage wie vorher in den Hintergrund rückt, weil das Leben wieder neuen Sinn gefunden hat.

So haben dann auch die Hetzer von der Schnellantwortensorte ihre Machtmittel verloren, denn ihre Erklärungen werden nicht mehr benötigt und so können sie auch keine Angst mehr unter den Leichtgläubigen verbreiten.

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Wie kann Gott das zulassen?

Die Frage hört man in den letzten Tagen wieder öfter, nachdem Haiti von einem Erdbeben zerstört wurde und nun ein fast ebenso starkes Nachbeben, zehn- vielleicht hunderttausende Tote, unvorstellbares Elend.

Wieso läßt Gott das zu. Wieso tut Er nichts, wenn Leid die Menschen bedroht? Wie kann man da sagen, Gott sei gut?

Auf der einen Seite kann man erst einmal unterstellen, Gott würde ja schon was tun: Die enorme Spendenbereitschaft international, die Hilfe läuft an, und wenn auch vielen Menschen nicht geholfen werden kann, so überleben doch auch viele aufgrund der Hilfe. Was hat das mit Gott zu tun? Nun, man kann behaupten, die Menschen wären von Gott dazu bewegt worden zu helfen, ob bewußt oder unbewußt. Man kann das behaupten, man muß es aber nicht. Und so kann man auch genauso sagen: Gott tut gar nichts, der einzige, der was tut, ist der Mensch, und nicht der Mensch an sich, sondern der Mensch der hilft. Und gegen diese Sichtweise läßt sich nichts vorbringen. Es läßt sich nicht beweisen, daß Gott etwas getan hätte oder tun würde, um das Leid zu lindern.

Ist also Gott doch nicht gut, nicht der liebe Gott? Wenn Gott überhaupt existiert, ist er dann vielleicht sogar ein böser Gott, ein Kind mit einem Brennglas, wie Jim Carey als Bruce im Fim „Bruce Allmächtig“ sagt?

Was ist überhaupt gut, und was ist schlecht? Ist Leid gut oder schlecht? Ist Tod gut oder schlecht? Ist Hilfe gut oder schlecht? Wir haben ja eine ganz genaue Vorstellung davon, was wir als gut und was als schlecht bewerten: Wenn Kinder sterben ist das schlecht. Wenn alte Menschen sterben wird es manchmal als schlecht aufgefasst, weil Sterben per se als schlecht aufgefasst wird, manchmal aber auch wird der Tod als alter Menschen, wenn sie etwa lange krank und bettlägrig waren, als Erlösung empfunden oder wenigstens als nicht schlecht.

Was ist mit Leid? Eigentlich auch schlecht, doch wenn es in der Therapie einer Erkrankung vornimmt, dann doch wieder nicht schlecht. Manche nehmen auch die Schmerzen plastischer OPs in Kauf, um danach eben mehr ihrem ästhetischen Ideal zu entsprechen. Sind die hier auf sich genommenen Schmerzen auch schlecht? Sicher würde man sie gerne auch noch umgehen können, aber wenn man es freiwillig in Kauf nimmt ist es wohl nicht so schlimm wie Schmerzen, von denen man nichts hat.

Die Entscheidung aber, ob Tod oder Leid gut oder schlecht ist, steht nicht immer ganz so fest. Der Tod an sich ist sogar ei Schicksal, das uns allen blüht. Sollte es jemand schaffen, schmerzfrei durch’s Öeben zu kommen, dem Tod wird er nicht ausweichen können.

Ich weiß, wie zynisch das folgende klingen muß, aber trotzdem: Ich denke, das was die Menschen in Haiti gerade durchmachen unterscheidet sich nicht qualitativ von dem, was Menschen überall auf der Welt durchmachen: Überall sterben auch Kinder: An Autounfällen, Krankheiten, Natrukatastrophen. Überall kommt es auch zu schweren und schwersten Verletzungen. Der Unterschied liegt lediglich in der Menge des Leides, das auf einmal über die Menschen auf Haiti kam.

Wieso eigentlich stellt niemand die Frage, wie Gott das zulassen kann, wenn ein Kind bei einem Autounfall stirbt? Gott ist ja nicht gefahren… hier kommt er noch am ehesten davon. Bei Krankheiten schon weniger, wobei auch hier der Mensch etwas tun kann, beispielsweise bei Hygiene etc. Auch soll das Leben neben Atommeilern der Gesundheit abträglich sein…

Über Jahre haben sich äußerst wenige Menschen um das Leid, das täglich auf Haiti herrschte, gekümmert. Es war qualitativ nicht anders als heute: Menschen sind gestorben, verhungert, Kinder wurden in die Sklaverei verkauft, um Geld für den Rest der Familie zu haben, damit nicht alle verhungern müssen…

Das Leid gab es schon immer, vorher fragte niemand, wie Gott das zulassen konnte. Denn vorher hätte ja der Mensch selbst etwas tun können. Was haben unsere Bundesregierungen bisher denn an Hilfe geschickt im Vergleich zu heute? Bedarf wäre da gewesen. Was haben die Menschen gespendet? Ich bin froh über jede Hilfe, die die Menschen bekommen, und ich will keinem Spender ein schlechtes Gewissen einreden, weil er nicht schon vor nem Monat für Haiti gespendet hat. Quantitativ ist die Not ja gestiegen.

Die Frage, die mich beschäftigt ist: Kann man das Gott in die Schuhe schieben? Und ich denke: Nicht unbedingt. Die Menschen wären gestorben, so oder so. Nimmt man, etwa als Christ, Gott als gegeben an, dann kann man damit rechnen, daß die Toten auferstehen werden, wie sie auch auferstanden wären, hätten sie länger gelebt. Nimmt man Gott nicht an, dann sind die Toten tot und hätten vielleicht noch ein langes, erfülltes Leben vor sich gehabt, vielleicht auch ein Leben in Armut und Not. Nur, wie immer es auch gewesen wäre: Wenn man Gott nicht annimmt, kann man auch nicht fragen, wie Er das zulassen konnte. Gläubig kann man darauf vertrauen, daß Gott sich um die Menschen kümmert, was auch immer passiert, ungläubig kann man nicht einmal Gott verantwortlich machen.

Eins kann man aber tun, egal ob gläubig oder ungläubig, egal wer nun auch immer Schuld ist an Erdbeben, an Kriegen, an Hungersnöten und dergleichen: Man kann helfen: Durch Geldspenden, durch Sachspenden, durch Engagement… Nicht alle Not ist in Übersee. Wir haben genug Not auch hier in unserer Nachbarschaft. Niemand kann alle Not abstellen, und vielleicht können wir das nicht einmal, wenn wir alle zusammen helfen. Jede Hilfe lindert aber Not, ob man dem Nachbarn hilft, indem man ihn aus der Vereinsamung reißt und mal mit ihm redet, oder ob man hohe Beträge an Hilfsorganisationen spendet. Jeder hat seine Möglichkeit zu helfen und seine Neigungen. Setzen wir sie ein.