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It’s not a bug, it’s a feature

Als ich vor kurzem vom (Anti-) Luther Flyer des IBKA (Innen / Außen) las, dachte ich zuerst: Oh, nein, nicht schon wieder. Das nervt.

Denn es ist doch wohl hinlänglich bekannt, was Luther zu Juden, Hexen und Behinderten dachte und schrieb. In diesen Dingen war er weitestgehend ein Kind seiner Zeit, mit all den widerlichen Begleiterscheinungen. Trotzdem werden professionelle Atheisten nicht müde, Bekanntes als Neuigkeit zu bezeichnen und immer wieder zu wiederholen. Natürlich nur, um aufzuklären. Versteht sich.

Jetzt ist ja bald, am 31. Oktober 2017, 500-jähriges Reformationsjubiläum, und die EKD leistet sich für diese Feier sogar eine eigene Luther-Botschafterin: Margot Käßmann.

Der Vorwurf von atheistischer Seite, daß Luther – trotz besseren Wissens – in Sonntagsreden glorifiziert wird und der „echte Luther“ (damit sind alle seine negativen Eigenschaften gemeint) dem Volk vorenthalten wird, richtet sich damit auch und vielleicht auch besonders an eben jene Frau Käßmann.

Jetzt könnte man das Krakeelen ignorieren – und viele denken vielleicht, das wäre das Beste – oder man geht darauf ein. Immerhin haben wir in der Kirche jede Menge gute Kirchenhistoriker, die recht fix noch viel mehr negative Lutherzitate auftun könnten. Diese könnte Käßmann dann in ihren „Sonntagsreden“ ganz plakativ vortragen. Würde sie damit ihren Job verfehlen, oder erschweren?

Ich meine nicht! Denn wir feiern nicht Luther, sondern die Reformation! Luther war – fromm ausgedrückt – ein Werkzeug Gottes. Und wie es so ist, wählt Gott gerne mal fragwürdige, schwache Menschen als Werkzeug. Hängt die Reformation denn ab von der Person Luther und ihren Eigenschaften, oder ist Luther nur der historische Akteur, durch den die Reformation geschah?

Die Reformation war immerhin der Sieg des persönlichen Gewissens über alle Staatsmacht. Sozusagen der Ausgang aus der Unmündigkeit, um mit Kant zu sprechen: Ein kleiner Mönch stand vor Kaiser und Reich und sagte erstmals: Nein, ich seh das anders, und ich werde so lange nicht widerrufen, wie Ihr mich nicht überzeugt. Trotz drohender Todesstrafe!

Man kann diesen Fakt nun so erzählen, daß hier ein großer Held allen Mächtigen die Stirn bot. Und das geschah ja auch oft und geschieht auch noch, wenn auch zum Glück seltener. Nur taugt eben Luther nicht ganz zur Lichtgestalt, denn wie gesagt: Als Kind seiner Zeit hatte er teilweise furchtbare Ansichten.

Doch auch heute noch und wahrscheinlich auch für die nächsten 500 Jahre dürfte die Berufung auf das eigene Gewissen als positiv angesehen werden. Hier war Luther, dieser Antijudaist und Hexenhetzer wahrhaftig, ehrlich. Zumindest in der Zeit,als er sich der wirksamen Protektion durch seinen Landesfürsten nicht ganz sicher sein konnte. Diese Wahrhaftigkeit, auch falls sie bei Luther nur dies eine Mal in Erscheinung getreten sein sollte, löste die Reformation aus – und ist auch ein Stück weit selbst die Reformation. Denn alle reformatorische Theologie geht davon aus, daß der Mensch selbst vor Gott steht und sich nicht durch Priester und Bischöfe vertreten lassen kann. Daß er selbst verantwortlich ist, daß er mündig ist und sein soll. Und das feiern wir am Reformationstag, weil wir es fürdie Wahrheit halten. Und zwar ganz unabhängig davon, wer diesem Denken aus welchen Gründen zum Durchbruch verholfen hatte.

Dies könnte Käßmann (und auch andere Theologen) vielleicht klarer herausstellen, wenn sie sich erst von Luther distanzieren, dann aber die Sache um so stärker betonen. Gott, um darauf zurückzukommen, suchte sich als Propheten oft schwache Menschen aus. Sie erhielten ihre Kraft alleine durch die Kraft ihrer Botschaft. Die Botschaft ist gut, der Mensch nicht zwingend. Daher haben wir Protestanten auch keine Heiligenverehrung. Und daher brauchen wir auch nicht den St. Martin von Wittenberg. Der Begriff „Luther-Botschafterin“ ist da eigentlich auch schlecht gewählt. Aber wenn er inhaltlich gut gefüllt wird, ist auch das kein Problem.