Gesellschaft

„Entartete Kunst“, Burka im Kopf und Männerdiskriminierung

Ich bin ausdrücklich gegen jede Diskriminierung, die an Kulturgütern ausgeübt wird. Hier gebe ich ganz bewusst die Stichwörter der „entarteten Kunst“ und der „Bücherverbrennung“ unter dem Naziregime in Deutschland zu bedenken.

Charly fährt in seinem Artikel zur #metoo Debatte und dem Umfeld schweres Geschütz auf. Ist schon was her, daß er den schrieb, aber ich bin erst jetzt wieder auf seinem Blog gewesen.

Ich kenne Charly als bedachten und reflektierten Gesprächspartner und war etwas über den Artikel erschrocken. Er streift einige Gedanken, die ich zur Thematik hatte, aber geht in eine Richtung, die mir dann doch nicht behagt. Deshalb hier ne Auseinandersetzung damit nebst eigenen Gedanken.

Fangen wir mit dem obigen Zitat an:

Charly vergleicht Bücherverbrennung und die Bezeichnung „entartete Kunst“ mit dem Abhängen und Überstreichen von Kunst heute.

Ich meine, das ist etwas schräg. Leitender Gedanke bei den Bücherverbrennungen der Nazis war die Vernichtung kritischen Denkens. Das kann ich heute nicht erkennen. Das genannte Gemälde wurde abgehängt, nicht verbrannt. Das Gedicht wurde überstrichen, nicht verboten.

Was wir erleben ist IMHO weniger eine Gesinnungsdiktatur (Charly verwendet das Wort nicht!), sondern eher ein culture-shift.

Das Nachdenken über die Gesellschaft und die ihr inhärenten Machtstrukturen hat in den letzten Jahrzehnten Konjunktur. Das zeigt sich auch am immer stärker werdenden Wunsch, Frauen und Minderheiten gleichberechtigt zu behandeln.

Witze, die zu meiner Kinderzeit noch von kaum jemandem beanstandet wurden, sind heute nicht mehr salonfähig. Zu Recht! Ebenso sieht es aus mit Verhaltensweisen, die für einen Rainer Brüderle noch normal waren.

Freilich darf man sich über eins nicht wegtäuschen: Es wird ein altes Machtgefüge überwunden, aber das geschieht mitnichten durch ein machtfreies System. So eins kann es gar nicht geben, wenn man mich fragt. Natürlich werden im Neuen auch neue Machtstrukturen etabliert.

Das zeigt sich unter anderem in der Rechtsunsicherheit rund um den Geschlechtsverkehr. Früher waren die Hürden für eine Verurteilung von übergriffigen Männern vergleichsweise hoch. Sie wurden niedriger, was mit mehr Sicherheit für die Frauen und weniger Sicherheit für die Männer einhergeht (das ist jetzt stark vereinfacht, denn freilich gibt es auch die Vergewaltigung von Männern und auch hier heißt nein nein).

Charly schreibt davon, daß auch viele Frauen ihre Sexualität als Machtmittel einsetzen. Ich glaube, hier liegt ein Mißverständnis vor, denn was ich bisher erlebe ist nicht die Kritik daran, daß Männer ihre Sexualität einsetzen, sondern andere Macht, sei es körperliche Gewalt, sei es Ausnutzung anders gelagerter Machtstellungen gegenüber der Frau/dem Opfer – etwa wenn einer Produzent ist und die andere Schauspielerin.

In diesem Zusammenhang fand ich die Reaktion der Schauspielerinnen, mit schwarzen, eher bedeckenderen Kleidern aufzutreten interessant.

Man kritisiert im Westen gerne „den Islam“ für die Denke, man müsse die Frauen verhüllen, um sie vor der männlichen Begierde zu schützen.

Ich meine, hinter der Reaktion der Schauspielerinnen eine ähnliche Denke zu erkennen, was mich überraschte.

Nach meinem Verständnis sollten sich Schauspielerinnen und Muslimas kleiden können, wie SIE wollen, Rücksicht zu nehmen haben die Anderen. Solange das nicht funktioniert, haben wir ein Problem.

Manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, wenn alle nach der katholischen Morallehre leben würden wär alles viel einfacher. Ist aber nicht so, denn die katholische Morallehre setzt Dinge voraus, die so nicht gegeben sind. Das fängt bei der Binarität der Geschlechter an und endet dabei, daß auch alles Bewehren mit Sündenstrafen nicht davor schützt, daß der Mensch nun mal sündig ist. Sprich: Wenn er heiraten muß, um Sex zu haben und sich nicht scheiden lassen kann, dann ist mit Fremdgehen zu rechnen…

Ich schweife ab.

Wir befinden uns seit ein paar Jahrzehnten in einem enormen Kulturumbruch. Ich sehe nicht, wo wir einen Punkt erreicht hätten, der die Verhältnisse schon gedreht hätte, so daß es zu komplementären Unterdrückungen käme.

Sicher ist alles viel komplizierter. Das fängt beim Flirten an und hört auf wo es darum geht, alte Kunst zu bewerten.

Was das Flirten angeht, muß man vielleicht etwas mehr aufpassen, den anderen nicht zu überfahren. Das wär sicher auch schon früher für den jeweils anderen angenehm gewesen. Wenn es dann weiter Richtung Geschlechtsverkehr geht, wird es wahrscheinlich darauf rauslaufen, daß es hilfreich ist, erst ein Vertrauensverhältnis zueinander zu haben, so daß keiner bei nem Mißverständnis gleich von Machtmißbrauch ausgeht. Hört sich alles sehr konservativ an, ähnlich wie bei den Schauspielerinnen, die sich stärker bedecken.

Vielleicht zeigt das auch an, daß konservative Ansichten an sich selten einfach nur „rückständig“ sind, sondern bestimmte Probleme lösen, wo sich nicht alle an die Regeln halten.

Doch Regeln, die durchgesetzt werden, werden irgendwann zur Kultur. So wie wir heute uns keine Gedanken mehr beim Mülltrennen machen, weil wir das in den 80ern und 90ern als Gesellschaft lernten, werden wir auch das Flirten im Zeitalter der Geschlechtergerechtigkeit lernen.

Was die Kunst angeht, so ist diese an sich ja sowieso ständigem Wandel unterlegen. Charly bringt das Stichwort „entartete Kunst“. Damals haben die Nazis versucht, Kunst, die ihren Idealen nicht entsprach, zu diskreditieren. Sie übten dabei nicht wenig Druck aus, aus ihrer politischen Machtposition heraus.

Ähnliches kann ich heute nicht erkennen – mal abgesehen von einigen Äußerungen bei der AfD, wo man eine bestimmte Kulturpolitik forcieren will. Beim Abhängen des Gemäldes und beim Überstreichen des Gedichts geht es um eine gesellschaftliche Entwicklung. Das gehört in eine Reihe mit der Umbenennung von Kasernen, Straßennamen und Hochschulen. Alte Ideal veralten, neue kommen auf.

Damals, als John William Waterhouse das Gemälde Hylas und die Nymphen malte, gab es auch mehr oder weniger klare Ansichten, was Kunst ist und was nicht. Hätte er den Geschlechtsakt gemalt, erregierte Glieder etc, dann wär das wohl damals schon gar nicht als Kunst anerkannt worden, sondern als Porno abgetan. Jetzt wandelt sich das Gesellschaftliche Verständnis davon, was geduldet wird und was nicht – und dementsprechend werden die Ausstellungen bestückt.

Das Gemälde bleibt in der Sammlung, soweit ich das verstehe, es wird weiterhin Gegenstand von fachlichem Diskurs etc sein können und als Quelle zur Verfüng stehen – ebenso wie die ganze Nazikunst, die es ja auch noch irgendwo gibt, die jedoch nicht die ästhetischen (und politischen) Vorstellungen der Mehrheitsgesellschft treffen.

Die mentale Burka, die Charly beschreibt, scheint mir nichts anderes zu sein als das, was man traditionell als die Grenzen des Anstandes verstund. Freilich verändern sich diese Grenzen im Moment stark, so daß es für uns Männer, die wir in der Vergangenheit zu Lasten der Frauen größere Freiheiten hatten, einer Einschränkung der Freiheit gleichkommt, was gerade passiert.

So wie die Monarchen in ihrer Freiheit beschränkt wurden, als die Gleichheit aller vor dem Gesetz eingeführt wurde. Man denke an die Windmühle neben Sanssoucis!

Es ist eine Sache, ob jemand beim „Umwerben der Geschlechter“ ungeschickt ist, eine andere ob er Grenzen überschreitet. Andererseits: Wer ungeschickt beim Autofahren ist, fährt vielleicht mal in ne Radarfalle – und zahlt.

Es ist gut möglich, daß die Grenze zwischen Ungeschicklichkeit und Grenzüberschreitung noch ne ganze Weile nachjustiert wird. Die Gesellschaft befindet sich wie gesagt im Umbruch.

Grundsätzlich aber ist die Richtung zu weniger Sexismus gut, und kann schwerlich mit guten Argumenten kritisiert werden.